343 —

8 83.
Lohnregulierung.

Bi Fr J. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen. Jahrb. f. Nat.--Oek. 1892.
Straßburger, Kritik der Lehre vom Arbeitslohn. Jahrb. f. Nat.-Oek. Bd. 12,
Wenden wir uns nun der Untersuchung zu, wodurch überhaupt

die Höhe des Lohnes bestimmt wird, und auf welche Weise und

wie weit eine Lohnsteigerung erzielt werden kann,

Die Minimalgrenze des Lohnes der einfachen Arbeiter bildet
naturgemäß der gemeingewöhnliche Lebensunterhalt, wie er nach
der Kulturstufe und den Gewohnheiten der Unterhaltung der Familie
in den unteren Klassen gebraucht wird. Es handelt sich hierbei
nicht nur um das zur Existenz Notwendige, sondern auch um weiter-
yehende Bedürfnisse, wie sie sich als der Kulturstufe des Landes
entsprechend allmählich tatsächlich und gemeingewöhrlich einge-
bürgert haben. Es braucht also nicht eine Verringerung dieses
Lohnes sofort eine Hungersnot herbeizuführen, und doch hält der
Arbeiter an diesem Minimum mit der außerordentlichsten Zähigkeit
fest. Er wechselt den Beruf, verläßt die engere Heimat und selbst
unter unseren Verhältnissen das Vaterland, ehe er den Lohn unter
jenes Minimum herabdrücken läßt; und die öffentliche Meinung steht
ihm zur Seite, um ihn darin zu unterstützen. Diese durchschnitt-
liche Lebenshaltung (standard of life) kann deshalb mit den Pro-
Juktionskosten der Waren verglichen werden. Der Lohn unter-
scheidet sich aber wesentlich von dem Preise der Ware dadurch,
daß, während bei der letzteren fortdauernd mit der Kulturentwick-
lung eine Senkung der Produktionskosten erstrebt und erreicht wird,
bei dem Arbeitslohn bei aufblühenden Völkern eine fortdauernde
Steigerung sich durchringt, auch wenn die rein wirtschaftlichen Ver-
nältnisse eine besondere Veranlassung dazu nicht geben.

Die alte Schule, insbesondere Ricardo, lehrten nun, daß die
Lohnregulierung ebenso wie die Preisregulierung nach dem Gesetz
von Angebot und Nachfrage vor sich gehe. Sie übersahen, daß der
Träger der Arbeitskraft, für welche der Lohn gezahlt wird, der
Mensch ist, der auf höherer Kulturstufe als solcher eine besondere
Berücksichtigung erfährt. Ist eine gewisse Lebenshaltung in dem
Volksbewußtsein als notwendig anerkannt, so tritt die öffentliche
Meinung, wie angedeutet, für die Erhaltung derselben nachdrücklich
ein, und ist sie infolge einer längeren Lohnerhöhung erreicht, so
pflegt sie auch als dauernde Errungenschaft erhalten zu bleiben.
Aber freilich ist die Wirkung einer Lohnerhöhung auf jeder Kultur-
stufe eine andere,

Auf primitiver Stufe wirkt, wie Malthus und Ricardo an-
nahmen, eine jede Erhöhung des Verdienstes (wie bei den Tieren reich-
lichere Nahrung) auf eine schnellere Vermehrung der Gattung hin,
verallgemeinert vorzeitige Ehen und fördert die Großziehung einer be-
Jeutenden Kinderzahl, wodurch bei begrenzten Verhältnissen sich ein
übermäßiges Angebot von Arbeitern herausstellt. Dadurch wird der
Lohn wieder herabgedrückt, bis er unter den normalen Unterhalt
yefallen ist, wo verspätete Eheschließung und erhöhte Sterblichkeit
die Zahl der Arbeiter vermindern und das Verhältnis des Angebotes zur
Nachfrage für sie wieder günstig gestalten. Die erwähnten englischen

Lohn-
regulieruneg.

Rieardo.