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Zhernes Lohn-
vesetz

Autoren glaubten, hierin ein volkswirtschaftliches Gesetz gefunden zu
haben, welches allgemein so wirke, und wenn auch von beiden anerkannt
wurde, daß der Arbeiter bei höherer sittlicher Reife und KEnthaltsamkeit
wohl ein anderes Ergebnis herbeizuführen vermöge, so hatten sie doch
wenig Hoffnung auf einen solchen Zustand und zogen ihn nicht in
Rechnung. Der tatsächlich gezahlte oder der Marktlohn oszilliere
um den natürlichen Lohn, der nach Ricardo der zum Leben zu-
längliche und notwendige Lohn ist.

Ferdinand Lassalle knüpfte an diese Lehre an und ver-
kündete in seinem „Offenen Antwortschreiben an den Deutschen Ar-
beiterverein“ in Leipzig das sogenannte „eherne Lohngesetz“ Ricardos,
wonach der Arbeiter in dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sich
aus den oben angegebenen Gründen niemals zu einem Lohn empor-
arbeiten könne, der über das Maß hinausgehe, das nötig ist, um die
dürftige Fristung des Lebens zu ermöglichen. Kine lange Zeit bildete
dieses eherne Lohngesetz in der deutschen Sozialdemokratie ein Haupt-
agitationsmittel, bis in den letzten Jahren die Führer selbst die Un-
haltbarkeit erkannten und es über Bord warfen. Sie hatten oft genug
wahrgenommen, daß in der Gegenwart eine Lohnerhöhung keineswegs
nur zur Volksvermehrung führt, sondern bei nachhaltiger Wirkung
zur Erhöhung der gesamten Lebenshaltung beiträgt. Wenn die ge-
waltige Lohnsteigerung von 1871—73 zunächst vielfach Trägheit,
Leichtsinn und Genußsucht förderte, öfters ein, zwei Wochentage gefeiert
wurde, weil der Verdienst von vier Tagen zum Leben ausreichte, so
olieb das doch Ausnahme. Die große Masse gewöhnte sich daran,
sich besser zu kleiden, die Wohnung behaglicher einzurichten, und
hat von dieser Gewohnheit nicht mehr abgelassen. Als daher Ende
Jer siebziger Jahre das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich
vedeutend zuungunsten der Arbeiter yerschob, hat nur bei den
angelernten Arbeitern eine erheblichere Reduktion des Lohnes statt-
gefunden und auch da nicht auf das frühere Niveau herunter. Jede
folgende günstige Konjunktur brachte aber einen weiteren Fortschritt
in den Lohnverhältnissen, wovon der größte Teil sich als nachhaltig
erwies. So hat sich die Lage der arbeitenden Klassen in den letzten
ärei Dezennien mehr gebessert als vorher im Laufe von zwei Jahr-
hunderten.

Eine obere Grenze des Lohnes ist auf der anderen Seite in der
Leistung des Arbeiters zu sehen. H. von Thünen und die Wiener
Schule halten nun überhaupt die Produktivität des letzten Arbeiters,
der noch zur Tätigkeit herangezogen wird, für entscheidend für die
Lohnhöhe. Ein Fabrikant wird allerdings so lange noch weitere
Arbeiter anstellen, als dieselben über ihren Lohn hinaus Werte zu
produzieren vermögen. Er wird einen höheren Lohn nicht zahlen,
als diese zuletzt herangezogenen Arbeiter an Werten schaffen. Man
weiß aber, daß der Fabrikant vielfach in der Lage ist, auch bei sehr
hohem Verdienst den Lohn nicht zu erhöhen. Man wird daher in
der Leistung des Arbeiters nur nach einer Seite hin eine Grenze zu
sehen haben. .

Die zweite Voraussetzung der Ricardo-Lassalleschen Lehre
ist die naturgesetzliche Wirkung einer jeden Verschiebung des Ver-
hältnisses von Angebot und Nachfrage auf den Lohn, wie sie bei den
Warenpreisen eben erörtert ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
auch der Lohn dadurch in weitgehendem Maße beeinflußt wird. Zur