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Erntezeit sind die Löhne auf dem Lande höher als im Winter. Sie
steigen infolge eines Aufschwunges der Industrie, sie haben jedenfalls
die Neigung zum Sinken zur Zeit einer wirtschaftlichen Depression.
Aber schon das oben angeführte Beispiel (S. 344) der Lohnentwicklung
während der siebziger Jahre zeigt, daß durchgreifende und bedeutsame
Abweichungen hiervon vorkommen. Der Arbeitgeber ist nicht in der
Lage, rücksichtslos seine Macht zu verwerten und bei dem Vor-
handensein einer großen Zahl Arbeitsloser den Lohn entsprechend
herabzudrücken. Er unterläßt dieses oft aus Menschlichkeit, noch
öfter, weil er sich sagt, daß er die Achtung seiner Nebenmenschen
durch rücksichtslose Ausbeutung seiner Macht einbüßen und endlich,
daß er in Zeiten der Arbeiternot nicht die entsprechende Zahl von
Arbeitern finden würde, weil diese Sorge haben, früher oder später
seiner Rücksichtslosigkeit zu verfallen. Daher auch die fast all-
gemeine Erscheinung, daß selbst bei Entlassung einer großen Zahl
von Arbeitern aus einer Fabrik die noch weiter Beschäftigten den
alten Lohn erhalten und kein Versuch gemacht wird, denselben
herabzudrücken. Der Usus spielt hier eine außerordentlich große
Rolle. Sowohl zwischen einzelnen Ländern wie zwischen den ver-
schiedenen Geschäftsbranchen herrscht hier eine große Ungleichheit.
Eine rücksichtslose Entlassung der im Momente nicht gebrauchten
Arbeiter, wie eine Herabsetzung der Löhne in Zeiten ungünstiger
Konjunkturen ist, wie erwähnt, in England und den Ver. Staaten
Nordamerikas sehr viel allgemeiner als in Deutschland. Die
Löhne schwanken weit mehr in der Hausindustrie als in dem Fabrik-
betriebe, auf dem Lande mehr im Sommer als im Winter. . Einen
wesentlichen Einfluß hierauf übt naturgemäß die Organisation der
Arbeiter aus und die Ausbreitung der Arbeiterbewegung unter der
Beteiligung der öffentlichen Meinung, einmal, weil dadurch das Ver-
hältnis von Angebot und Nachfrage in hohem Maße beeinflußt werden
kann, dann aber durch die größere Wirkung des moralischen Drucks.
In England und Amerika, wo die Löhne überhaupt weit höher
sind, daher auch eine Lohnermäßigung noch nicht zur Not der Arbeiter
führt, ist trotz der besseren und verbreiteteren Organisation der Ar-
beiter immer noch eine Lohnherabsetzung leichter durchzuführen als
in Deutschland, wo immer allgemeiner von der öffentlichen Meinung
eine Besserung der Lohnverhältnisse als wünschenswert, ja notwendig
anerkannt wird. In jenen Ländern ist dafür das Ehrgefühl und der
Klassengeist mehr entwickelt und tritt schärfer als Hemmnis einer
Lohnminderung hervor. So schreibt B. Webb (Theorie und Praxis
der engl. Gewerkvereine Bd. II 8. 291): „Man könnte einen englischen
Maschinenbauer nicht leicht überreden, für wöchentlich 13 Sh. in seinem
Gewerbe Arbeit zu übernehmen, wenn das Angebot von Maschinen-
bauern auch noch so groß wäre. Ehe er seiner Selbstachtung so Ge-

walt antäte, würde er lieber als Tagelöhner arbeiten.“ Diese Im-
ponderabilien bei der Lohnregulierung hat die alte Schule gänzlich

unberücksichtigt gelassen. Sie haben allerdings auch erst in der

zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine höhere Bedeutung ge-

wonnen und werden hoffentlich in diesem Jahrhundert noch wesent-
lich an Einfluß gewinnen.

Karl Marx stellte die Behauptung auf, daß in dem Zustande

wirtschaftlicher Freiheit eine Besserung der Lage der arbeitenden
Klassen nicht zu erwarten sei, sondern vielmehr eine wachsende Ver-

Reservearmee,