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Neue Arbeitsgelegenheit ist auf zweierlei Weise zu gewinnen;
einmal durch die Steigerung der Lebensansprüche der eige-
nen Bevölkerung, und hier ist eine Grenze überhaupt nicht abzu-
sehen. Schon eine geringe Verbesserung in der Kleidung, z. B. des
Schuhzeuges der unteren Klassen, in der Ausstattung der Wohnung
durch Polstermöbel, Gardinen, Uhren usw., verlangt erheblichen Auf-
wand an Arbeit, In zweiter Linie steht die Arbeit für den Ex-
port, um vom Auslande eine höhere Bezahlung für die Waren zu
erhalten, als sie im Inlande zu erwarten steht. Auch hier ist eine
außerordentliche Ausdehnung möglich, wie vor allen Dingen Eng-
land zeigt, dem Deutschland in der neueren Zeit mit Erfolg nacheifert.

Die Hebung der Lebensansprüche allein wird aber noch nicht
imstande sein, die entsprechende Erweiterung der Beschäftigung her-
beizuführen, sondern es muß damit Hand in Hand auch eine Steige-
rung der Kaufkraft der Bevölkerung gehen. Diese wird zur Voraus-
setzung eine Hebung der Leistungsfähigkeit der Arbeiterbevölkerung
im weiteren Sinne des Worts haben und damit eine F örderung der
Werterzeugung. Die Erhöhung der Produktionskraft des Volkes bei
gleicher Volkszahl kann wiederum herbeigeführt werden durch die
Heranziehung von mehr Kapital und durch Entwicklung der Intelli-
genz, wie durch Erfindung neuer Maschinen, durch welche die Ar-
beitskraft des Einzelnen gehoben wird. Fehlt es so nicht an Nach-
frage nach Arbeitsprodukten, und werden auf der anderen Seite im
Vergleich zur Bevölkerung mehr Güter geschaffen, so ist es auch
möglich, größeren Ansprüchen Genüge zu tun und die Arbeitsleistung
besser zu bezahlen. Gerade dieses Moment der Erweiterung von Ar-
beitsgelegenheit, welches in der Neuzeit gewaltig in den Vordergrund
getreten ist, ignorierten Ricardo wie Lassalle durchaus. Da-
durch wird aber das eherne Lohngesetz völlig aus den
Fugen gehoben.

Hiermit ist nun zunächst nur die Möglichkeit geboten, durch
Steigerung des Ertrages der Nationalarbeit den Lohn zu erhöhen,
aber noch nicht gesagt, daß sich eine solche Erhöhung auch wirklich
vollziehen muß. Die Tatsache ist nicht zu bestreiten, daß noch in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Löhne nicht höher, wahr-
scheinlich niedriger gewesen sind, wenigstens unter Berücksichtigung
ihrer Kaufkraft, als vor dem dreißigjährigen Kriege, und daß sie
100 Jahre hindurch, fast völlig stationär geblieben waren. In der

ersten Hälfte .des 19. Jahrhunderts haben in Deutschland sicher die
Unternehmer einen überwiegenden Anteil an dem Nationalertrage ge-
wonnen, wie in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
und in den ersten Dezennien des letzten, ohne dem Arbeiter einen
entsprechenden Anteil zu gewähren. Von dem gewaltigen Aufschwunge,
den die Landwirtschaft von den dreißiger bis in die siebziger Jahre
des letzten Jahrhunderts genommen hat, bezog der Arbeiter nur ver-
hältnismäßig geringen Vorteil. Das nachzuholen, war den letzten
50 Jahren vorbehalten, und sie haben es nachdrücklichst getan. .

Da der Ertrag der nationalen Arbeit in Grundrente, Kapitalrente, Te hung
Arbeitsrente, von der wiederum der Arbeitslohn auszuscheiden ist, anderen Pro-
und Unternehmergewinn zerlegt wird, so kann der Arbeitslohn auf Gaktions-
Kosten jener erhöht werden, und wir führten bereits aus, daß nament-
lich auf Kosten der Kapitalsrente und vor allem des Kapitalzinses,
hier und da auch auf Kosten der landwirtschaftlichen Grundrente,

Noue Arbeita
gelerenheit.

Erhöhung der
Leistungen des
Arbeiters.