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schaft der wirtschaftlichen Kultur, der Wohlstand auf eine außer-
ordentlich tiefe Stufe herabgedrückt. Immerhin blieb in Italien
genug davon zurück, um von dort aus nach dem Norden mit dem
Christentum Kultureinflüsse nach allen Richtungen zu übertragen,
die aber natürlich erst sehr allmählich zur Wirkung kommen konnten.

In Mitteleuropa finden wir eine außerordentlich dünne, verstreut  e
wohnende Bevölkerung auf. hauptsächlich bewaldetem "Territorium in Deutschland.
mit ausgedehntem Sumpflande, wodurch‘ der Verkehr in besonderem
Maße erschwert wurde; im großen Ganzen einfache Naturalwirtschaft,
bei äußerst geringen Pedirlhisselt and untergeordnetem Tauschver-
kehr. Die Herrscher waren fast ausschließlich mit der Wahrung der
Selbständigkeit des Landes durch Verteidigung gegen die umliegenden
Feinde und deren Angriffskriege beschäftigt, während ihnen die
Aufgaben der inneren Wohlfahrt noch ferne lagen. Die Staats- und
Hofhaltung, die noch nicht zu trennen waren, wurden durch unmittel-
baren Verbrauch der Erzeugnisse des ausgedehnten Domanialbesitzes.
unterhalten; die Organisation des_Verwaltungsapparates beruhte auf
dem Lehns- und Vasallenwesen.. Krst ın dem 10. Jahrhundert trat
mit Entwicklung der Städte eine neue Macht auf, die neben der
Kirche eine wachsende Bedeutung zu erlangen vermochte.

Der wichtigste.Produktionsfaktor jener Zeit war der Grund und.
Boden,..die Basis des fast „alleinigen Gewerbes der Landwirtschaft.
Ein übergroßer Teil des Grund und Bodens konzentrierte sich in der
toten Hand oder blieb als Gemeindeeigentum zur gemeinsamen Ver-
wertung der Mark- und Dorfgenossenschaften. .

Der eigentliche Träger und Förderer der Kultur war die Kirche,
die denn auch mit ihren Rechtssatzungen, dem kanonischen Rechte.
die Anschauungen der Zeit beherrschte, sie am besten zusammen-
faßte und wiedergab.

Die Grundlage der Anschauungen der Kanonisten ist eine eigen-
tümliche Mischung aus der aristotelischen und der einseitigen Auf-
fassung der christlichen Lehre. Beiden entspricht die Bekämpfung:
des Kigennutzes und der Gewinnsucht. Der letzteren entwuchs die
Auffassung, daß Gütergemeinschaft der ursprüngliche und natürliche
Zustand sel, der allerdings nicht für alle Zeiten aufrecht erhalten
werden könne; indessen sei es das Wünschenswerte, daß Niemand
mehr persönliches Eigentum besäße, als zu seinem Unterhalte not-
wendig sei. Das Uebrige sei als Gemeingut anzusehen und von der
öffentlichen Gewalt als solches zu erklären, wo es das Gemeinwohl
verlangt. Auch hier trifft man auf die Auffassung, daß. nur.der.
Ackerbau das allgemein wünschenswerte Gewerbe sei, die stoffver-
sdelnde Tätigkeit sei wohl zu tolerieren, der Handel dagegen, d. h.
das Kaufen, um des Gewinnes wegen wieder Zu verkaufen, unbedingt
VEXWEILlich=Das Geld wurde allein als Münze aufgefaßt, die keinen
anderen Zweck habe, äls zur Zahlung zu dienen und nichts Anderes
leisten könne; da Münze nicht wiederum Münze zu erzeugen Vver-
möge, und man den Wert der Zeit noch nicht zu schätzen vermochte,
so war die notwendige Konsequenz das Verbot. jedesZinsnehmens,
das als Wucher angesehen wurde. In einer Zeit, wo das Kapital
nur in ganz geringen Quantitäten vorhanden war und als Pro-
duktionsfaktor eine völlig untergeordnete Rolle spielte, konnte der
Produktionskredit keine Bedeutung erlangen, man borgte im allge-
meinen nur im Falle der Not zur weiteren Bestreitung der laufenden

99%

Kanonisten.