360

samten Anschauungen wiedergibt und sie sämtlich vertritt, so hat
man in der neueren Zeit überhaupt die Existenz eines solchen Systems
leugnen wollen, doch mit Unrecht, Diese Ansichten schwebten, wie
man sich wohl ausdrücken kann, damals in der Luft. Es waren die
Grundanschauungen, die hier mehr, dort weniger, sowohl in der Lite-
ratur wie in .der.Staatsverwaltung zutage traten und deshalb sehr
Wohl als Zeichen der Zeit zusammengefaßt werden können. Die
Hauptsätze waren die folgenden:

1. Vor allem, daß das wirtschaftliche Leben yon der Staatsgewalt
nach allen Richtungen beeinflußt und großgezogen werden könne, und
daß es die Aufgabe derselben sei, überall einzugreifen, um nicht nur
die Anregung und die Richtung für die wirtschaftliche Tätigkeit an-
zugeben, sondern auch dieselbe möglichst selbst in die Hand zu
nehmen und den Staatsbetrieb zur Entwicklung zu bringen. In einer
Zeit, wo die größe Masse der Bevölkerung noch auf einer außerordent-
lich tiefen Stufe der Kultur stand, und von ihr die nötige Uebersicht
über die zeitgemäßen Bedürfnisse sowie die Intelligenz, in der rich-
tigen Weise vorzugehen, nicht erwartet werden konnten, während in
der Hand der Staatsleitung sowohl die hervorragendsten geistigen
Kräfte sowie die nötigen Mittel vereinigt und vielfach allein vorhanden
waren, lag diese Auffassung nahe, und die bedeutsamen Resultate,
welche erleuchtete Staatsmänner, wie Colbert, Friedrich Wilhelm I,
Cromwell, zu erreichen und der Umstand, daß sie die von ihnen ge-
leiteten Gebiete in kurzer Zeit zu einer exzeptionellen Blüte zu bringen
vermochten, bewies den richtigen Kern der Anschauungen für jene
Zeit. Es schloß zugleich die Beurteilung und Behandlung. der. Volks-
wirtschaft vom privatwirteche“*Hicheg Standpunkte ein, was natürlich
aur so lange als berechtigt anerkannt werden konnte, als es sich um
kleinere Territorien und streng abgegrenzte Gebiete handelte.

Das Geld... 2, Dieser privatwirtschaftliche Standpunkt zeigt sich in der Art,
wie man meinte, den Volkswohlstand heben zu können. Wie. .der
‚Priyatmann. reicher wird, wenn er mehr Geld besitzt, so meinte man
auch, ein. Land..am.. schnellsten reich‘ machen zu können dürch die
Vermehrung des Geldes, welches man mit dem Edelmetall identifi-
zierte. Da nun noch in dem 16. Jahrhundert in Mittel&uropa der Vor-
rat”an Edelmetall nicht ausreichte, um die Quantitäten von Münzen
in Umlauf zu setzen, die zur allgemeinen Durchführung der Geld-
wirtschaft notwendig waren, so mußte zunächst allerdings jede Zufuhr
an Edelmetall sich für die Volkswirtschaft als höchst ersprießlich
erweisen, und sehr begreiflicher Weise sah man zunächst nicht die Grenze,
wo die Aufhäufung des Edelmetalls aufhört, segensreich zu wirken.

3. Da nun in den meisten europäischen Staaten das Edelmetall,

LE besonders das Gold, nicht in der Ausdehnung bergmännisch gewonnen
auenzen. wurde, als Bedarf vorlag, untersuchte man, auf welche Weise der
Staat dasselbe am zw öigsten gewinnen könnte. Als das beste

Mittel sah man den Handel mit günstiger Bilanz an, d.h. den inter-.
nationalen..Handel, eher an Ausland Waret in höherem Werte

verkauft, als_er von demselben käutt, So daß das Inland die Differenz

in klingender Münze ausgezahlt erhält. Deshalb weht aäs Streben in

jener Zeit allgemein dahin, den internationalen Handel zu heben und

ihn so zu gestalten, daß die Bilanz eine möglichst günstige sei. Da

ror zwei Jahrhunderten noch nicht wie jetzt der internationale Ver-