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der einzige Bindeschlüssel, welcher sie aneinander heftet, auch von-
einander leben macht.“ Obwohl er den wahren Charakter des Geldes
nicht völlig verkennt, äußert er sich: „Man solle alle Zeit sehen, daß
man das Geld im Lande behalte und von fremden Orten noch mehreres
dazu bringe, dieweil das Geld gleichsam der Nerv und die Seele eines
Landes ist.“

Wilhelm Freiherr von Schröder, Fürstliche Schatz- und Rent-
kammer, 1686, (8, Auflage) erweist sich als der extremste. Vertreter
des Merkantilismus, wie die folgenden Sätze ergeben: „Das Volk wird
so viel reicher, als entweder aus der Erde oder anders woher Geld
oder Gold. ins Land gebracht wird, und so viel ärmer, als Geld hinaus-
läuft.“ Es wäre aber falsch, ihn deshalb des Midasglaubens zu be-
schuldigen, vielmehr geht aus seinen ganzen Ausführungen hervor, daß
er die Befruchtung des Landes durch Geld allein von dem Umlauf
und damit der Erleichterung des Umsatzes erwartet. Mit der größten
Geringschätzung äußert er sich über den Binnenhandel, um den aus-
wärtigen um so mehr zu preisen. „Das fruchtbarste Land ohne
Kommerzien ist nicht im geringsten zu estimieren, höchstens insofern,
als es zum Handel übergehend vor minder fruchtbaren einen Vor-
sprung gewinnen kann.“
8 91.
Die’merkantilistische Praxis.
A EHE
Biedermann, Deutschlands Zustände im 18, Jahrhundert. Leipzig 1854.
Stadelmann, Friedrich der Große in seiner Tätigkeit für den Landbau Preußens.
Berlin 1876.
Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und
Wirtschaftsgeschichte bes. des preußischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert.
Leinzig 1898.
Wesentlich schärfer noch als in der Literatur treten die merkan-
tilistischen Anschauungen in der Staatspraxis jener Zeit zutage. Das
despotische. „Regiment, welches sich allgemein ausgebildet hatte,
wurde auch auf wirtschaftlichem Gebiete in der rücksichtslosesten
Weise zur Anwendung gebracht. Die Auffassung des „l’6tat c’est moi“
findet sich überall, das Volk wird hauptsächlich als Mittel zur Be-
reicherung des Hofes angesehen und in der willkürlichsten Weise
ausgebeutet. Die Person des Einzelnen war dem Herrscher gegen-
über recht- und wehrlos. Das zeigt sich auch bei den Hohenzollern-
herrschern, die sonst eine hervorragende Ausnahme bildeten and sich
als die „ersten Diener“: des Staates ansahen. Friedrich Wilhelm I.
ließ, um einem Wunsche Peters des Großen entgegenzukommen,
Stahlarbeiter, als sie sich nicht freiwillig zur Uebersiedlung nach Rußland
bereit finden ließen, aufgreifen und dort hinbringen. Um die Schaf-
zucht in Ostpreußen zu fördern, schickte er nicht nur spanische
Schafe dorthin, sondern ließ Schäfer aus der Provinz Sachsen mit
Gewalt dorthin versetzen, und als einer von ihnen aus Sehnsucht
nach seiner Familie die Flucht ergriff und zurückkehren wollte, ver-
urteilte ihn der König eigenhändig. zur „Spandauer Karre“, von der
ihn eıst Friedrich der Große befreite. Man braucht ferner nur an
das willkürliche Werbewesen zu denken, um sich zu vergegenwärtigen,
in welcher Weise der Kinzelne .der Willkür der Regierung über-
antwortet war. Die rücksichtsiose Ausbeutung der Bevölkerung zu-
gunsten der Regierung ergibt sich aus folgenden Beispielen. Karl

„Persönliche,
Willkür des
Herraschörs