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seitigung der Monopole die Freiheit für die Entwicklung neuer
Industriezweige schon seit Elisabeth ausgesprochen, und da der
Bauer dort stets direkt unter dem Schutze der Krone und unab-
hängig von dem Adel stand, so konnte sich auch die Landwirtschaft
seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts zu außerordentlicher Blüte
emporarbeiten, während die Knechtung und Ausbeutung des Bauern
in Frankreich und Deutschland die Landwirtschaft auf tiefster Stufe
und Armut zurückhielt. Während in England das Zunftwesen schon
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts jede tatsächliche Bedeutung
verloren hatte, und es in Frankreich durch Colbert bereits auf das
eigentliche Handwerk beschräukt war, blieb es in Deutschland
nicht nur in alter Kraft bestehen, sondern bildete sich zu Imm@eP”
schlimmerem.Zunitzwange, aus. Während das Eingreifen eines Colbert
zur Förderung der Industrie höchst segensreich wirkte, verkümmerten
die Monopulisierungen in dem zersplitterten Deutschland durch die
Unzahl kleiner Herrscher das gesamte Gewerbewesen in wachsendem
Maße. Die_schlimmsten.Folgen ergaben sich aber in Spanien,.Wo
all die merkantilistischen Eingriffe in extremstem Maße zur Durch-
führung gelangten. Die künstliche Anhäufung der Edelmetalle im
Lande entwertete dieselben in der außerordentlichsten Weise, so daß
in den Cortes schon 1594 geklagt wurde, daß der Wert des Geldes
auf den fünften Teil gesunken sei. Infolgedessen reichten die bis-
herigen Beamtengehälter zum Leben absolut nicht aus, und die Folge
war eine grenzenlose Korruption der Beamten. Die extremen Vor-
schriften zur Knebelung von Handel und Gewerbe waren nicht durch-
zuführen und wurden daher infolge Bestechung offenkundig umgangen.
Obgleich bei Todesstrafe das Einlaufen fremder Schiffe in den drei
spanischen Häfen, die für den Verkehr mit den Kolonien reserviert
waren, verboten war, wurden auf einmal 160 fremde Schiffe in einem
Hafen mit Beschlag belegt, die unter falscher Flagge segelten. Die
unglaubliche Verschwendung des Hofes brachte das Land in Schulden
and nötigte zu den schärfsten und selbst unvernünftigsten Steuer-
maßregeln, so daß man in den Cortes klagte: wie solle man Handel
treiben, wenn man von 1000 Dukaten Kapital 300 Dukaten Abgaben
zahlen müsse. Die Härte der Eintreibung war eine um so schlimmere,
als ein großer Teil der Steuern verpachtet war. Gleiches war auch
in Frankreich und in Deutschland zu finden.

fs war begreiflich, daß sich gegen diese Staatspraxis, wie gegen
die Theorie, welche diese unterstützte, eine wachsende Opposition
regte, die gerade in der Beobachtung der besseren Verhältnisse in
England eine besondere Stütze erhielt, wo man sich von jenen
Schranken mehr und mehr emanzipiert hatte, und Frankreich war
der Boden, auf dem diese Opposition erst in der Theorie, dann in
der Praxis eine wirksame Bedeutung erlangte.

_ Wie Jean Jacques Rousseau das Gekünstelte in der Bildung
seiner Zeit geißelte und in der Umkehr zum natürlichen Zu-
stande der Menschheit das Heil suchte, um sich von der Vor-
liegenden Unnatur der Erziehung und des Gesellschaftslebens zu be-
freien; wie Voltaire und Diderot sich gegen den übermäßigen
Zwang der Kirche auflehnten; wie Mirabeau und Montes-
quieu gegen den Absolutismus der Monarchie Front machten,
so entwickelte sich in„Krankreich ein neues nationalökonomisches
System,... welches gegen die Unnatur des—wirtschafttichen

Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. ei a A

Opposition
gegen den
Polizeistant