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Zwanges auftrat. Man schlug vor, mit den alten Schranken tabula
Tasa- zumachen und einmal zu versuchen, ob sich nicht die Verhält-
nisse sehr viel besser zu entwickeln Vvermöchten, wenn man sie
völlig sich selbst überließe und jede Staatseinmischung vermiede.
Man ging damit wieder wesentlich über das Ziel” Aus it der Mei:
nung, daß eine Verschlimmerung der Zustände unmöglich, und die
erste Aufgabe sei, mit dem unerträglichen Wust polizeilicher Bevor-
mundung gänzlich aufzuräumen, um auf Grund der Freiheit ein
neues Gebäude zu errichten. Diese Lehre ist als die physio-
kratische bekannt. ;
8 93.
Das physiokratische System.

&. Kellner, Zur Geschichte des Physiokratismus. Göttingen 1877

Eug. Daire, Economistes financiers du XVII Siöcle, Paris 1813.

A. Oncken, Oeurres Sconomiques et philusoph. de F. Quesnay. Frankfurt a. M.
und Paris 1888,

Ders. in der Zeitschrift für Literatur und Geschichte der Staatswissenschaften
v. Frankenstein. Ludwig XVI. und das physiokrat, System, 1893. Entstehen und
Werden der physiokrat. Theorie, 1896,

St. Bauer, Zur Entstehung der Physiokratie, Jahrb. £. Nat.-Oek., N. F,,
Bd. 21, 1890.

Wenlersse, Le mouvement physiocratique en France de 1758 & 1770. Paris 1910.

Lohmann, Vauban, seine Stellung in der Geschichte der Nat.-Oek. (Schmollers
Forschungen) 1895.

Boisguillebert

Vauban.

Üucsnay.

Schon im 17. Jahrhundert regte sich die Opposition gegen die
merkantilistischen Grundanschauungen. Ein Hauptvertreter war
Pierre Boisgnillebert, besonders in seinen Schriften Detail de
Ta France sous le regne present, 1697, und Dissertation sur la nature
des richesses, de largent et des tributs. Er wendete sich energisch
gegen die Ueberschätzung von Handel und Industrie gegenüber der
Landwirtschaft und stellte dem Colbertismus das ältere System
Sullys gegenüber. Der Reichtum eines Volkes, meinte er, bestünde
‚nicht im Gelde, sondern in den Gebrauchsgegenständen, die haupt-
sächlich durch die Gewerbe der Rohproduktion geliefert werden.
Diese könnten aber nur bei wirtschaftlicher Freiheit gedeihen, welche
die natürlichen Gesetze WIFtSChäftKlchen LEDEHS Zur Geltung kommen
lasse. Er weist bereits darauf hin, daß eine ganze Klasse der Be-
völkerung, besonders der Adel, nichts für die Hebung des Wohl-
standes tue, während die produktivste, der Bauernstand, die ge-
drückteste sei und unter den traurigsten Verhältnissen lebe.

Ihm schloß sich der Marschall Yazban-(1633—1707) in seinem
„Projet d’une dime royale“ 1707 an, der für die. Hehyng..der. unteren
Klassen und besonders des Bauernstandes eintrat, vor allem die
Jrückenden und ungerechteM indirekten StEHETn zu beseitigen trachtete
and sie durch eine einzige Steuer, einen Zehnten von den landwirt-
schaftlichen Produkten, wie von dem. Ertrage von Handel und In-
dustrie ersetzen Wolfe des Phwstokrat

Der_Hauptvertreter des Physiokratismus war aber F rancois

Duesnay A 6041772), der Leibarzt Ludwigs X Vi“ der-besondet®
durch sein „Tableau 6conomique“ (Versailles 1757) ein eigenes wissen-
schaftliches System aufstellte und methodisch begründete, welches
dem merkantilistischen diametral entgegengesetzt war und trotz
seiner Paradoxien dadurch einen größeren Einfluß zu gewinnen ver-