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auf einer gesunden Basis gepflogen wurden und gerade für jene Zeit
eine segensreiche Richtung nahmen.

Man hat Adam Smith einseitigen Materialismus vorge-
worfen, da er das ganze wirtschaftliche Leben auf den Egoismus zu-
rückführe und sein rücksichtsloses Walten als natürlich und notwen-
dig anerkenne. Der Vorwurf ist ungerechtfertigt und nur möglich,
wenn man sein zweites großes Werk isoliert betrachtet, während es
als eine Fortsetzung des ersteren und somit im Zusammenhange mit
jenem aufzufassen ist. Dort hatte er in idealster Lebensauffassung
die ethischen Aufgaben der Menschen auseinandergesetzt, die in der
Debung der Gerechtigkeit und Tugend zu sehen seien. Er geht auch
Javon aus, daß man die natürlichen Triebe des Menschen walten lassen
sollte, denn den Menschen beseele eine natürliche „Sympathie“, der ent-
sprechend der Mensch den christlichen Grundsatz als den allein rich-
ägen Maßstab ansieht, den Fremden zu behandeln, wie man selbst
dehandelt zu sein wünscht.

Wenn er in der Behandlung des wirtschaftlichen Lebens das
Privatinteresse als die natürliche Triebfeder überall voraussetzt, so
versteht es sich von selbst, daß dieses nur innerhalb der von ihm
selbst aufgestellten Schranken der Gerechtigkeit vorausgesetzt wird,
ınd daß der Egoismns überall als durch die Sympathie gemäßigt an-
genommen wird.

Dagegen ist ihm mit Recht der Vorwurf zu machen, daß er viele
Ausführungen zu unbestimmt gelassen hat, dadurch zu Mißyerständ-
nissen und schiefen Auffassungen Anlaß gab, um so mehr, als ihm
mancherlei Widersprüche nachzuweisen sind. Wenn man aber er-
wägt, daß es sich um einen ersten Anlauf auf noch völlig ungeeb-
neten Wegen handelt, so wird man das begreiflich finden. Er hat
ferner unzweifelhaft den Staat in seiner Bedeutung und seinen wirt-
schaftlichen Aufgaben unterschätzt. In einer Zeit, wo es galt, den
Uebergriffen der Staatsgewalt entgegenzutreten, meinte er, diesem
Jurch Ueberspannung des Bogens nach der entgegengesetzten Seite
antgegenwirken zu müssen. Er wirkte allerdings auf eine Atomi-
sierung der Gesellschaft hin, indem er den Einzelnen mit seinen
Lebensansprüchen in den Vordergrund stellte und Jeden sich selbst
überlassen wollte. Aber auch dieses mußte in jener Zeit die erste
Forderung sein, um normale Verhältnisse herbeizuführen. Er selbst
zeigte durch die von ihm aufgestellten Ausnahmen, daß er stets ge-
seigt war, den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen, und
auf dem Boden der Gewerbefreiheit würde er sicher auch dem Staate
andere Aufgaben gestellt haben. Der ihm gemachte Vorwurf der
Einseitigkeit trifft hauptsächlich seine Schüler, die nach allen Rieh-
tungen hin über den Meister hinausgingen.

Um aber die Wirkung des Smithschen Werkes richtig zu ver-
stehen, haben wir vor allem einen Blick auf die wirtschaftlichen Ver-
hältnisse nach dem Erscheinen seines Werkes zu werfen.