79

8 96.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse am Ende des 18. und
a Beginn des TI Jahrhunderts
Ad. Held, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands, Leipzig 1880,

Zwischen England und dem europäischen Kontinent ist in der
in Betracht zu Deu Zeit ein gewaltiger Unterschied. zu machen.
In dem ersteren Lande hat der Grundherr niemals die unbeschränkte
Macht über den Bauern gehabt, wie in Frankreich und Deutschland.
Der König hat dort stets unmittelbar seine schützende Hand über
den Bauern gehalten und damit die Bedrückung verhindert, wie sie
auf dem Kontinent stattfand. Ebenso haben die Städte und Zünfte
in England niemals die Unabhängigkeit gehabt, wie bei uns, sondern
die letzteren sind stets von der Konzession der Krone abhängig ge-
wesen und haben auch deshalb niemals zu dem Zunftzwange aus-
arten können, wie das in Deutschland der Fall gewesen ist. Wäh-
rend des 18. Jahrhunderts verloren allmählich die zünftlerischen
Schranken auch für das Handwerk ihre Bedeutung, während neben
dem Handwerk in der zweiten Hälfte des.Jahrhunderts Hausindustrie
und Fabrikbetrieb eine überwiegende Stellung erlangten. Die ÄAus-
führungen Adam Smiths selbst, z. B. über die Arbeitsteilung in der
Nadelfabrikation, zeigen, daß der maschinelle..Betrieb.: schon erheb-
lichen Umfang angenommen hatte, und dieser war frei von allen
Schranken. Aus Parlamentsberichten geht hervor, daß schon 1788
in der Leinwandindustrie sehr ausgedehnt Kinder und Weiber be-
schäftigt wurden, ebenso 1768 in der Seidenindustrie, wo die Arbeiter
in Coventry, die Meister in London lebten, und schon Anfang des
18. Jahrhunderts wurde die Seidenindustrie in geschlossenen Fabriken
betrieben. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gewann die Hausin-
dustrie sehr an Ausdehnung, während der Handwerksbetrieb an Be-
deutung einbüßte.

Seit Cromwells Navigationsakte hatte sich der internationale
Handel außerordentlich gehoben, Aber der Binnenverkehr war noch
wesentlich erschwert. Im Beginne des 18. Jahrhunderts wurden die
Warenversendungen zu Lande noch allgemein durch Packpferde be-
wirkt. Noch in der Mitte desselben Jahrhunderts brachte man auf diese
Weise die Waren aus Sheffield nach London; erst dann kamen die
Wagentransporte auf; aber im Winter waren in einiger Entfernung
von London die Straßen meist unfahrbar. 1765 begann dann durch
J. Metcalf der künstliche. Wegebau.und zur selben Zeit der Kanal;
bau, während die Schiffbarmachung der Flüsse schon seit 1699 größe-
"ren “Umfang angenommen hatte: Das wären die Grundlagen, durch
welche England in der Lage war, die Erfindungen in der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts sofort in größerer Ausdehnung zu verwer-
ten. In den sechziger Jahren begannen dann die großen Erfindungen.
1765 erfand der Spulmacher Highs die erste „Jenuy“, welche 6,
bald darauf 25 Spindeln“ Zügleich In Tätigkeit setzte. 1767 verbes-
serte Hargraves die Jenny erheblich, während derselbe Highs die
„Waterframe“ erfand, eine stärkere Maschine, die durch Wasser oder
Dampf betrieben wurde und haltbares Kettengarn aus Baumwolle
lieferte, während bisher nur Leinengarn als Kette gebraucht wurde.
Zugleich war damit die Produktion im großen in Fabriketablissements

England.

Die Erfin-
dunden. +