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Konsequenzen
der Lehre.

zunehmend, dem Boden abgewonnen werden können, weshalb früher
oder später sich die Unmöglichkeit einer solchen Fortentwicklung
herausstellen muß und das Mißverhältnis nur durch jene erwähnten
Hemmungen vermieden werden kann. Gerade dieser Satz ist sehr
allgemein zum Ausgangspunkt der Angriffe gegen Malthus ge-
nommen, und man glaubte, ihn widerlegt zu haben, wenn man nach-
wies, daß diese angeführten Zahlen der Wirklichkeit nicht ent-
sprachen. Das ist indessen völlig unrichtig, denn aus dem ganzen
Werke geht klar hervor, daß es ihm völlig fern gelegen hat, diese
Ziifern als der Tatsächlichkeit entsprechend anzusehen, daß sie viel-
mehr nur die Tendenz in einem Beispiele zum scharfen Ausdruck
bringen sollten.

Die Konsequenzen, welche er aus den grundlegenden Sätzen zog,
waren natürlich hochbedeutsam. Jede künstliche Förderung der
Volksvermehrung mußte ihm unsinnig und im höchsten Maße schäd-
lich erscheinen; denn sobald die Verhältnisse irgend dazu angetan sind,
nimmt die Menschenzahl nach ihm von selbst rapide zu. Ist die Be-
völkerung sich selbst überlassen, so ist im Gegenteil stets zu befürchten,
daß gerade durch schnelle Steigerung ihrer Zahl die untere Bevöl-
kerung durch unzureichenden Verdienst und Mangel an Nahrungs-
mitteln. in Not gerät, weil es der großen Masse der Bevölkerung
an der nötigen Vorsicht und Enthaltsamkeit fehlt. Tatsächlich tue
aber die Staatsgewalt durch die öffentliche Armenunterstützung alles,
die notwendige Vorsicht zu untergraben, das Gefühl der Selbstver-
antwortlichkeit abzustumpfen und eine unheilvolle Volkszunahme zu
fördern. So greift er die Armengesetzgebung energisch an, welche
die Kirchspiele verpflichtet, einem Jeden, der arbeitsfähig ist, Be-
schäftigung und überhaupt jedem Angehörigen angemessenen Unter-
halt zu schaffen, und die Armenvorsteher ermächtigt, die nötigen
Mittel hierfür durch Gemeindesteuern zu beschaffen. Durch einige
schroffe Aeußerungen, namentlich in den ersten Autlagen seines
Werkes, hat er sich besonders viele Gegner groß gezogen, wie: „Es
habe niemand ein Recht auf Existenz, für den kein Platz an der
Tafel gedeckt sei“ und: Es sei ein Verbrechen, Kinder zu zeugen,
die man nicht auch ernähren könne. Der richtige Kern des Grund-
gedankens hat aber bis zur Gegenwart hin günstig gewirkt, und die
Warnung vor einer laxen und übertrieben humanen Armenunter-
stützung war von höchster Bedeutung.

Er gab aber einer zu pessimistischen Auffassung Nahrung, indem
er eine Besserung der Lage der Arbeiterklasse und eine Milderung
des Elends für ausgeschlossen hielt, solange die große Masse der Be-
völkerung sich in dem Zustande der bisherigen ÜUnreife befände und
auf eine baldige Hebung der Kultur nicht zu rechnen sei. Deshalb
versprach er sich von einer Hebung der Löhne keinen nachhaltigen
Erfolg, weil sie nur die Volkszunahme zu beschleunigen angetan sei.
Für den englischen Staat sah er eine große Gefahr in dem Ueber-
handnehmen der Industrie über die Landwirtschaft, wodurch der Er-
nährung der Bevölkerung immer größere Schwierigkeiten erwachsen
müßten, wobei er natürlich betonte, daß das meerumspülte britische
Reich sich noch in einer günstigeren Lage befände, wie andere Länder.
Er tritt deshalb für Getreidezölle ein, um die Landwirtschaft zu be-
günstigen, und trägt kein Bedenken, der Industrie dadurch einen
Hemmschuh anzulegen und der Arbeiterklasse damit eine Last auf-