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zubürden. Er hält es für nötig, Maßregeln dagegen zu ergreifen, daß
lie Industrie nicht die Landwirtschaft überwuchert.

Ueberall tritt der Fehler bei Malthus zutage, daß er zu aus-
schließlich die gewöhnlichen Nahrungsmittel als die maßgehende Grund-
lage der. Volkswirtschaft annimmt, die im Lande selbst erzeugt werden
müßten, wenn das Land bestehen solle. Er konnte nicht ermessen,
wie dieser Teil des Volksbedarfs im Laufe der Entwicklung der
Kultur an Bedeutung einbüßen, und die Besserung der Kommuni-
kationsmittel den internationalen Austausch erleichtern würde. Er
anterschätzte die Möglichkeit der Produktionssteigerung, die auch
einer rapide wachsenden Bevölkerung Beschäftigung und sogar reich-
lichen Unterhalt gewähren kann. Die Grundlagen seiner Lehre sind
aber als unbedingt wahr anzuerkennen, sie sind eine dauernde Errungen-
schaft der Wissenschaft und auch von nachhaltiger praktischer Wirkung
yewesen. Das Problem der Bevölkerung und die Malthussche Lehre
selbst haben uns im 2. Teil des Grundrisses noch besonders zu be-
schäftigen.

Kritik,

$ 98.
b) David Ricardo.
K. Diehl, Dav. Ricardo. 1905.
Sammlung sozialwissenschafılicher Meister, herausg. von Prof. H. Waentig.
"Jena, G. Fischer) Ba. IY. T. 1. D. Ricardos Kleinere Schriften.
Der scharfsinnigste Schüler des Adam Smith, der auf seinem
Boden stand, seine Lehre nach vielen Richtungen hin weiter aus-
gebaut und damit den größten und nachhaltigsten Einfluß gehabt
hat, ist David Ricardo (1772-—1823). Mit geringer Vorbildung
wurde er“ Kaufmann, erst privater Makler an der Londoner Börse,
dann Bankier und wußte mit außerordentlich praktischem Scharfsinn
Spekulationen so günstig durchzuführen, daß er mit nichts beginnend
schon als junger Mann von 25 Jahren ein großes Vermögen erworben
hatte. Erst dann suchte er seine mangelhafte Bildung zu vervoll-
ständigen und wurde durch das Adam Smithsche Werk zu national-
ökonomischen Studien getrieben. Seine schriftstellerische Tätigkeit
knüpfte an Tagesfragen an. Auch sein größtes Werk ist nicht, wie
as der Titel voraussetzen läßt, ein abgerundetes Lehrbuch, sondern
eine Sammlung selbständiger Untersuchungen über verschiedene wirt-
schaftliche Probleme. Durch die außerordentliche Klarheit der Dar-
stellung, die an die mathematische Methode erinnerte, gewann er
ein außerordentliches Ansehen in wirtschafispolitischen Fragen, so
daß ihm bald ein Platz im Parlament eingeräumt wurde. Obgleich
aus der Praxis hervorgegangen und ausgerüstet mit ausgedehnter
Erfahrung. im wirtschaftlichen Leben, liebte er es, von abstrakten
Voraussetzungen auszugehen und in scharfer logischer Folgerung die
Konsequenzen seiner Voraussetzungen zu ziehen. In viel höherem
Maße als Adam Smith und Malthus hat er die deduktive Me-
thode in unserer Wissenschaft zur Anwendung gebracht, was aller-
dings in einer Zeit besonders angebracht sein mußte, wo es an sta-
tistischem und Wwirtschaftshistorischem Material fehlte. Bekundet
Adam Smith trotz des von ihm aufgestellten sog. Industriesystems
stets eine besondere Vorliebe und Bevorzugung der Landwirtschaft,
and tritt diese auch entschieden bei Malthus hervor, so steht

fonrad. Grundriß der Dpolit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 25

Leben und
Schritten.