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betont Ricardo dabei, daß bei zunehmendem Nahrungsbedarf die
mehr erforderliche Arbeit den Preis des Getreides erhöht und dadurch
die Grundrente gewonnen wird, nicht aber umgekehrt die Steigerung
des Getreidepreises die Folge der Grundrente ist.

Wir finden später noch Gelegenheit, die Angriffe auf diese Lehre
des näheren zu beleuchten, und bemerken nur, daß gerade in England
das Steigen der Grundrente zur Zeit Ricardos besonders scharf in
der Steigerung der Pacht, die in England ganz allgemein verbreitet
war, zutage trat und besonders in der Zeit des allgemeinen wirtschaft-
lichen Aufschwungs und künstlich hoch gehaltener Getreidepreise, WO Zu-
gleich durch die stark gewachsene Bevölkerung der Boden knapp und
teuer war, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Schließlich ist noch die Lehre vom Arbeitslohn hervorzuheben,
auf welche La ssalle sein sogenanntes „ehernes“ Lohngesetz basierte,
wonach der Arbeiter sich bei wirtschaftlicher Freiheit niemals zu
einer gedeihlichen Existenz emporarbeiten könne. Er erreicht dies
wiederum durch eine einseitige Verschiebung der Grundanschauungen
Ricardos ins Extrem, wodurch sie zu einem Zerrbilde werden. Da
es gerade hier auf den Wortlaut selbst genau ankommt, führen wir
den Text Ricardos wörtlich an:

„Die Arbeit sowie alle anderen Dinge, die gekauft oder verkauft
werden, und deren Quantität vermehrt oder vermindert werden kann,
hat einen natürlichen und einen Marktpreis. Der natürliche Preis
der Arbeit ist der, welcher die Arbeiter in den Stand setzt, zu leben
und ihr Geschlecht fortzupflanzen.

Daß der Arbeiter sich und seine Familie ernähren kann, hängt nicht
von der Quantität Geld ab, die er als Arbeitslohn empfängt, sondern
von der Quantität Lebensmittel und anderer Dinge, an die er sich
yewöhnt hat, und die er für seinen Arbeitslohn einkaufen kann. Der
natürliche Preis der Arbeit hängt also vom Preise der Lebensmittel
and sonstiger Bedürfnisse ab, die zum Unterhalt des Arbeiters und
seiner Familie erforderlich sind. Ein Steigen oder Fallen im Preise
dieser Gegenstände erhöht oder verringert den natürlichen Preis
der Arbeit.“

Mit der Entwicklung der Kultur, nimmt Ricardo an, steigen
im allgemeinen die Preise des Rohmaterials, insbesondere der Lebens-
mittel, wovon allerdings, wie er selbst hervorhebt, durch Verbesserungen
im Betriebe, Erweiterung des Marktes im internationalen Verkehr
Ausnahmen eintreten können, und dadurch wird auch der Preis der
Arbeit erhöht, ohne damit natürlich die Lage des Arbeiters zu ver-
bessern. Der Preis der Manufakte verringert sich dagegen insbe-
sondere durch die Erweiterung der Maschinenanwendung.

„Der Marktpreis der Arbeit ist das, was, nach dem Verhältnis
des Angebots zur Nachfrage nach derselben, wirklich für sie gezahlt
wird; denn die Arbeit ist teuer, wenn keine Hände zu finden sind,
und wohlfeil, wenn ein Ueberschuß derselben vorhanden ist. Wie
zroß auch die Abweichung des Marktpreises vom natürlichen Preis
der Arbeit sein mag, er pflegt auch hier, wie bei allen anderen
Dingen, sich‘immer wieder letzterem zu nähern.

Wenn der Marktpreis der Arbeit über den natürlichen Preis
derselben sich zu erheben beginnt, dann nur kann die Lage des
Arbeiters blühen und glücklich werden; er kann in größerer Quanti-
tät Annehmlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens sich verschaffen,

Arbeitslohn.