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Yolksreichtum
and Wert bei
Carev.

in seiner Vaterstadt. Die Zahl seiner Schriften ist außerordentlich
zroß. Hauptsächlich kommt in Betracht sein zusammenfassendes Werk
späterer Zeit „principles of social science“. 3 Bd. 1858—59. Da er
im Laufe der Zeit seine Anschauungen nicht unbedeutend geändert
hat, so kann man ihm nur gerecht werden, wenn man die späteren
Schriften zum Ausgangspunkt nimmt. Auch in deutscher Ueber-
setzung sind eine Anzahl Schriften erschienen. Am bekanntesten
ist. die Uebersetzung von Adler, Handbuch der Sozialwissenschaft.
München 1866. Für die Verbreitung seiner Lehre in Deutschland
hat besonders Dühring gewirkt, der mit sehr einseitiger Ueber-
schätzung für ihn in verschiedenen Schriften eingetreten ist.

Der Ausgangspunkt der Careyschen Lehre ist, daß der National-
reichtum nicht nach dem Tauschwerte der Güter, sondern allein nach
den Nutzbarkeiten des Lebens gemessen werden könne, die der Be-
völkerung zur Verfügung stehen. Zwischen Gebrauchs- und Tausch-
wert liegt ein bestimmter Gegensatz vor, den die Adam Smith-
sche Schule nicht erkannt hat. Mit jedem Fortschritt der Kultur
werden mehr Gebrauchsgegenstände geschaffen und wird damit der
Volkswohlstand gehoben, während diese Nutzbarkeiten einen immer
geringeren Tauschwert haben und dadurch der Gesamtheit leichter
zugänglich sind. Werden durch neue Maschinen die Herstellungs-
kosten der gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände verbilligt, so ermäßigt
sich der Preis derselben, die Gesamtheit aber hat davon einen er-
heblichen Nutzen, die Bevölkerung steht sich besser dadurch. Auf
Jiese Verschiebung des Gebrauchs- und Tauschwertes durch jeden
Fortschritt der Kultur begründet er seine optimistische Auffassung,
daß auch die Lage der großen Masse der Bevölkerung einer fort-
dauernden Verbesserung entgegengehe, aber nicht einer Verschlechte-
rung, womit er den Pessimisten wie ebenso den Sozialisten in der
yleichen Weise wie Bastiat entgegentritt. Er begründet diese Be-
hauptung noch durch eine besondere Auffassung des Wertbegriffes
and des Wertgesetzes. Der Wert wird nach ihm bestimmt durch
den Widerstand, der zu überwinden ist, um die Gegenstände des Be-
Jarfs zu erlangen. Je mehr die menschliche Kraft die Natur zu
äberwinden zunimmt, um so geringer wird der Wert der Güter.
Derselbe richtet sich nicht, wie Ricardo annahm, nach den Pro-
duktionskosten, sondern nach den Reproduktionskosten. Man schätzt
den Wert einer Sache nicht nach dem, was bisher zur Beschaffung
aufgewendet werden mußte, sondern nach dem, was zur Neubeschaf-
fung erforderlich ist. Wenn durch eine Erfindung irgendein Gegen-
stand, sagen wir Bessemerstahl, mit der Hälfte der Unkosten her-
gestellt werden kann, so wird Niemand für einen Stahlvorrat den
bisherigen Preis bieten, sondern nur noch die Summe, mit welcher
nach der neuen Erfindung der Stahl hergestellt werden kann. Es
ist dies unzweifelhaft richtig, aber Carey überschätzt die Bedeutung
Jieses Umstandes, die nur dann groß sein kann, wenn gerade beson-
ders große Fortschritte gemacht werden, wie sie allerdings zu seiner
Zeit in Amerika vorlagen. Er beleuchtet die Fortschritte der neueren
Zeit auch durch den Hinweis auf die Preisermäßigung aller Bedürf-
nisse infolge der Erfindungen, die der Gesamtheit, besonders auch
der Arbeiterklasse, zugute kommen.

Das dritte Argument für seinen Optimismus sieht Carey in der
historischen Entwicklung, die klar ergebe, daß im Laufe der Zeit die