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Lage der Arbeiterklasse sich fortdauernd verbessert habe. Im Alter-
um, wie bei den primitiven Völkerschaften herrschte Sklaverei, im
Mittelalter Hörigkeit, weil der Inhaber der Arbeitskraft ohne Anteil
am Besitz seine Selbständigkeit nicht zu wahren vermochte. Je mehr
Kapital geschaffen wird, um so mehr Bedeutung erlangt die persön-
liche Arbeitskraft, ohne welche das Kapital nicht zu verwerten ist.
Je stärker sich das Kapital anhäuft, um so mehr macht es sich
selbst Konkurrenz, drückt damit den Zins und den Kapitalgewinn,
während der Arbeitslohn gesteigert wird. Damit erlangt der Arbeiter
nicht nur seine Freiheit und Selbständigkeit, sondern eine wachsende
Macht im Staat und in der Volkswirtschaft. Ihm fällt auf Kosten
der Kapitalisten und Grundbesitzer ein immer größerer Teil des
Nationalertrages zu. Carey belegt diese Behauptung auch für die
neuere Zeit durch den Nachweis der Lohnsteigerung in seiner Heimat,

Einen eigentümlichen Rückschlag auf den Merkantilismus zeigt
Carey in seiner Beurteilung der volkswirtschaftlichen Wirkung des
Geldes und der dabei zutage tretenden Ueberschätzung desselben.
Er faßt es als Zirkulationsinstrument auf, wogegen nichts zu sagen
ist; mißt ihm aber einen sehr viel größeren Einfluß als allen ähn-
lichen Zirkulationsmitteln bei und hält daher die Vermehrung des
Geldes für den besten Weg, gewissermaßen als Selbstzweck, um den
Volkswohlstand zu heben. Auch dieses entspricht der Beobachtung
seiner Umgebung, wo es überall an Geldmitteln fehlte, um die über-
schüssige Naturkraft zu verwerten, aber er läßt sich dadurch ver-
leiten, dieses allgemein vorauszusetzen. Das Verhängnisvolle der
Generalisierung der lokalen Beobachtung für die Wissenschaft tritt
hier schlagend hervor.

Fast noch mehr ist dieses aber bei seiner Bekämpfung der
Ricardoschen und Malthusschen Lehre zu beobachten. Gegen
die Ricardosche Grundrentenlehre wendet er ein, daß nach seinen
Beobachtungen in Amerika die Ansiedelung und der landwirtschaft-
liche Betrieb sich ganz anders entwickeln, als Ricardo es annimmt,
der in England eine höhere Kulturstufe zum Ausgangspunkt seiner
Betrachtungen wählt. Die Pioniere, welche sich in unkultivierten
Gegenden vereinzelt niederlassen, wenden sich den höher gelegenen
Grundstücken mit leichterem Boden zu, den sie allein zu bewältigen
vermögen. Erst wenn die Zahl der Ansiedler wächst, die sich zu
yemeinsamer Tätigkeit vereinigen können, sind sie imstande, fruchtbarere
Niederungsgegenden in Angriff zu nehmen, um Entwässerungen, Ein-
dämmungen der Flüsse und Bäche durchzuführen, und erst, wenn
ihnen bessere Maschinen und Hilfskräfte zur Verfügung stehen, ver-
mögen sie die großen Baumriesen zu bewältigen, die auf dem besten
Boden stehen und diesen erfolgreich gegen die ersten Ansiedler ver-
keidigen. Dieser bessere Niederungsboden belohnt dann aber jeden
Aufwand von Arbeit reichlicher, als der ursprünglich okkupierte.
Die ersten Ansiedler leben unter den schwierigsten Verhältnissen.
Mit der größten Anstrengung können sie nur dürftig ihr Leben
fristen; erst allmählich wird auf dem erwähnten Wege ihre Arbeit
reichlicher belohnt. Die Erträge wachsen. nehmen aber nicht ab,
wie Ricardo voraussetzt.

Mit der gleichen Argumentation wendet er sich gegen Malthus;
die Zunahme der Bevölkerung erschwert dem Einzelnen nicht die
Existenz, sondern erleichtert sie ihm. Der isoliert lebende Mensch

Bean der
Lage der
Arbeiter.

Geldtheorie.

Bekämpfu:
der Grund”
rantenlehre.

+egner des
Malthus.