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vermag die Natur nicht zu bewältigen, er ist von ihr abhängig und
gerät leicht in Not; erst wenn eine größere Zahl von Menschen bei-
sammenwohnt, können sie sich durch Assoziation unterstützen, Kom-
munikationsmittel schaffen und geistigen Austausch bewirken; erst
bei stärkerer Bevölkerung wird höhere Kultur möglich. Größerer
Wohlstand, behagliches Leben sind im Osten der Vereinigten Staaten
zu finden, Armut und Not im dünnbevölkerten Westen. Große
Strecken Landes sind in den verschiedensten Weltteilen disponibel
für die nur erwünschte Volkszunahme. Er stellt außerdem die
durchaus unerwiesene Behauptung auf, daß die Entwicklung und An-
spannung der geistigen Kräfte die Reproduktionskraft vermindere, und
Jadurch auf höherer Kulturstufe die Volksvermehrung von selbst ab-
aehme. Der Malthussche Pessimismus ist seiner Ansicht nach
gegenstandslos.

Wer wollte leugnen, daß diese Ausführungen den tatsächlichen
Verhältnissen entnommen wurden und in hohem Maße beachtenswert
sind. Sie beweisen unzweifelhaft, daß der Ricardo-Malthussche
Pessimismus nicht allgemeine Berechtigung hat. Aber ebenso klar
ist es, daß auch Carey in der Generalisierung seiner Beobachtungen
zu weit geht, daß auch sie nur für bestimmte Verhältnisse in der
Entwicklung eines neuen Landes zutreffend sind, während in den
alten Kulturländern mit mehr geschraubten Verhältnissen die Malthus-
Ricardosche Auffassung recht behält.

Es ergibt sich, daß wir es überall in dem bisher Erörterten
nicht mit allgemeinen Naturgesetzen zu tun haben, sondern nur mit
Regeln, die unter ganz bestimmten Verhältnissen Platz greifen,
Wir haben es nicht mit allgemein gültigen Wahrheiten zu tun, sondern
aur mit Erfahrungen auf beschränktem Gebiete, die darum aber doch
als Beiträge zur Erkenntnis des ursächlichen Zusammenhanges zu
verwerten sind. ;

Gerade für den Europäer sind die Erfahrungen auf amerikanischem
Boden von besonderer Bedeutung, um ihn vor Einseitigkeit und zu-
weitgehender Generalisierung zu schützen.

Während alles bisher über Careys Lehre Gesagte dazu führen
mußte, Handelsfreiheit zu verlangen und gemäß dem ausgesprochenen
Optimismus in betreff der Entwicklung der Kultur alles sich selbst
zu überlassen, eine staatliche Einmischung für überflüssig und daher
schädlich zu halten, gelangt Carey schließlich doch, wie erwähnt,
zur Befürwortung eines Schutzzollsystems, und zwar, indem er sich
auf die Justus von Liebigsche Lehre von der Bodenerschöpfung
stützt. Die Natur leiht dem Menschen nach ihm nur ihre Gaben
und verlangt sie zurück, wenn sie nicht verarmen soll, Der Land-
wirt, der seine Produkte in entfernte Gegenden abgibt, führt in den
mineralischen Pflanzennährstoffen sein Kapital aus, was zur Er-
schöpfung seines Bodens führen muß. Deshalb ist es notwendig, in
Agrargegenden Industrie großzuziehen, dadurch die Bevölkerung zu
vermehren und in unmittelbarster Nähe die Produkte des Bodens
verzehren zu lassen. Dadurch werden zugleich Transportkosten er-
spart. Um dieses nun zu erreichen, ist ein Schutz für die auf-
strebende Industrie gegen das Ausland notwendig, wo bereits blühende,
erstarkte und damit überlegene Geschäftszweige entwickelt sind.
Er weist ausdrücklich darauf hin, wie England sich nur durch ein
anergisches Schutzsystem von der Uebermacht des holländischen Welt-