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J. H. von
Thünen.

Der isolierte
Staat

hauptsächlich im badischen Ministerium tätig, ist mit Fr. List als
intellektueller Urheber des deutschen Zollvereins zu nennen; er hat
sich durch sein Werk: „Der öffentliche Kredit“ 1820 ein dauerndes
Verdienst erworben.

Ein Schüler des Ad. Smith, der aber durchaus originell in
seiner Methode wie in einer Anzahl von ihm aufgestellter Lehr-
sätze ist, der unzweifelhaft als ein Klassiker unserer Wissenschaft
und als der bedeutendste Nationalökonom Deutschlands bezeichnet
werden muß, ist Johann Heinrich von Thünen, geb. 1783 auf
einem Gute bei Jever, zu nennen. Er lernte zunächst die praktische
Landwirtschaft, studierte dann in Celle bei Thaer theoretisch die
Landwirtschaft und zwei Semester in Göttingen Jurisprudenz. 1806
pachtete er zuerst ein Gut in Pommern und kaufte 1810 den durch
ihn klassisch gewordenen Boden von Tellow in Mecklenburg. Dort
schrieb er sein Hauptwerk: „Der isolierte Staat in Beziehung auf
Landwirtschaft und Nationalökonomie oder Untersuchungen über den
Einfluß, den die Getreidepreise, der Reichtum des Bodens und die
Abgaben auf den Ackerbau ausüben.“ Rostock 1826. Verbreiteter
ist die zweite Auflage, die 1842 erschien und zwei Bände umfaßt,
die gewöhnlich benutzt und zitiert wird. 1850 starb er auf seinem
Gute. Thünen nennt selbst Ad. Smith und Albrecht Thaer
seine Lehrer, auf die er sich stützt. Aber die Methode, die er an-
wendet, hat in unserer Wissenschaft durch ihn zuerst eine Bedeutung
yewonnen, und einzelne seiner Lehrsätze sind als entschiedener Fort-
schritt und als endgültige Errungenschaft anerkannt

Er geht von einer Abstraktion aus, um dadurch die Wirkung
einzelner wirtschaftlicher Faktoren zu isolieren und den Zusammen-
hang von Ursache und Wirkung erforschen zu können. Bei dieser
Untersuchung bedient er sich der mathematischen Methode, zu welcher
er das rechnerische Material tatsächlichen Verhältnissen, haupt-
sächlich den Rechnungsbüchern seiner Wirtschaft auf Tellow, entnimmt.
Wo ihm solche Unterlagen fehlen, setzt er Buchstaben an Stelle der
Zahlen und führt damit seine Berechnungen durch.

Wie es der Titel besagt, stellt er sich in seinem größeren Werke
die Aufgabe, den Einfluß zunächst der Getreidepreise auf den land-
wirtschaftlichen Betrieb festzustellen. Hierzu stellt er sich einen
durch eine Wüste von der Welt abgeschlossenen isolierten Staat vor,
in dem alle natürlichen und volkswirtschaftlichen Verhältnisse als
völlig gleich angenommen werden, und nun die Wirkung eines
einzigen Momentes unter verschiedenen Modifikationen mathematisch
berechnet werden kann. So verfolgt er hier den Einfluß der Ver-
schiedenheit der Preise, welche der Landwirt in verschiedenen
Entfernungen von der im Zentrum gelegenen Stadt erhält, auf die
Wirtschaftssysteme. Dabei legt er die Produktions- wie die Transport-
kosten in Tellow und in der Umgegend zugrunde, Er kommt zu dem
Ergebnisse, daß der Landwirt gezwungen ist, will er den höchsten
Reinertrag erlangen, je nach der Entfernung ein ganz verschiedenes
Wirtschaftssystem zur Anwendung zu bringen. Je entlegener der
Grund und Boden ist, um so extensiver muß gewirtschaftet werden;
in der nächsten Umgebung erzielt man dagegen durch den inten-
sivsten Betrieb den höchsten Reinertrag. So bilden sich um die Stadt
die verschiedensten sog. Thünenschen Kreise, die wir im zweiten Teile
des Grundrisses ausführlicher zu behandeln haben. Ebenso stellt er