399

die Bestimmung der Getreidepreise durch die Beschaffungskosten aus
den entlegensten Gegenden fest, die noch zur Lieferung des Bedarfs
der Stadt herangezogen werden, da deren Produktions- und Transport-
kosten gedeckt werden müssen.

Weit klarer und einfacher wie bei Ricardo tritt in Thünens
isoliertem Staate ferner die Entstehung der Grundrente zutage, indem
die näher gelegenen Ländereien, die die gleichen Preise in der Stadt
erhalten wie die entfernten, bei den geringeren Transportkosten einen
Ueberschuß über die gesamten Unkosten erlangen, welcher die Grund-
rente bildet. Die Wirkung einer Grundsteuer, welche das ganze
Land oder nur einen Teil desselben trifft, Jäßt sich in dem isolierten
Staate ebenso nachweisen wie die eines gesteigerten Arbeitslohnes.
Die Wirkung der Verbesserung der Kommunikationsmittel, welche die
Thünenschen Kreise vollständig verschiebt, ist durch nichts so
klar zu erkennen, als durch den Thünenschen Weg; ebenso die Be-
deutung einer Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte, durch
welche sie eine größere Transportfähigkeit gewinnen.

Weitgehenden Einfluß hat seine Lehre von der Bestimmung der
Höhe des Kapitalzinses und des Arbeitslohnes gewonnen. Der erstere
wird nach ihm bestimmt durch die Nutzung des zuletzt angelegten
Kapitalteiles, der letztere durch das Mehrerzeugnis, welches der zur
Erweiterung des Betriebes zuletzt angestellte Arbeiter liefert. Denn
30 lange wird, nach ihm, die Ausdehnung des Betriebes fortgesetzt
werden, als ein Ueberschuß über den Zins, der für das verwendete
Kapital gezahlt werden muß, erzielt wird. Und ebenso wird so lange
mit der Austellung neuer Arbeiter vorgegangen, bis der zuletzt heran-
gezogene einen Ueberschuß nicht liefert, und dieser letzte Ertrag
bildet auch die Grenze für den zu zahlenden Arbeitslohn mit rück-
wirkender Kraft auf die Gesamtheit der Arbeiter. Unzweifelhaft
finden wir in dieser ganzen Lehre den Ausgangspunkt für die neu-
ausgebaute Grenznutzentheorie der Wiener Schule. Sie ist aber von
Anfang an auf nicht unerhebliche Opposition gestoßen.

Das Formalistische in dem ganzen Vorgehen Thünens, das Ein-
seitige der mathematischen Methode in ihrer Anwendung auf das so
unendlich vielgestaltige wirtschaftliche Leben mußte sich bei der
weiteren Verwertung zur Lösung verwickelter Probleme immer mehr
fühlbar machen und als unzulänglich erweisen. Am wenigsten ist
sein Weg geeignet, auf dem Gebiete der Volkswirtschaftspolitik Klar-
heit über die Aufgaben von Staat und Gesellschaft zu schaffen oder
gar ihr dabei bestimmte Grenzen zu ziehen; es zeigt sich vielmehr
untunlich, das Wirtschaftsleben in die mathematische Schablone zu
zwängen. Das trat zutage, als Thünen es unternahm, eine Formel
aufzustellen, nach welcher der Lohn normiert werden sollte, um die
Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern. Schon vor seinem großen
Werk hat er in einer Abhandlung „Ein Traum ernsten Inhalts“ 1826
ausgesprochen, daß der Arbeiter einen zu geringen Teil des National-
ertrages erhalte, der Kapitalist einen zu großen. Er geht hier von
dem Malthus-Ricardoschen Standpunkt aus, daß der Arbeiter
einstweilen auf zu tiefer Stufe stehe, als daß man von einer Lohn-
erhöhung etwas Anderes zu erwarten habe als die Vermehrung der
Volkszahl. Eine weitgehende energische Schulbildung der unteren
Klassen kann nach ihm hier allein eine Abhilfe schaffen. Er strebt
aber nach einem Wege, schon jetzt die Lage des Arbeiters zu ver-

Grundrente.

Kapitalzins.

Normierung
des Arbeits-
lohnes.