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bessern, besonders ihn in höherem Maße an den Fortschritten der
wirtschaftlichen Kultur teilnehmen zu lassen, er sucht deshalb den
Anteil festzustellen, den die Arbeitskraft neben Grund und Boden
und Kapital an der Werterzeugung der verschiedenen Güter hat.
Er will damit den naturgemäßen Lohn finden, der dem Arbeiter nach
seiner Leistung mit Recht zukommt, ihm in der Gegenwart aber, wo
das Verhältnis von Angebot und Nachfrage entscheidet, zugunsten
des Kapitalisten entzogen wird. Bezeichnet man das gemeinsame
Produkt von Kapital und Arbeit mit „P“, den zum Unterhalt des
Arbeiters nötigen Betrag mit „A“, so berechnet Thünen den natur-
gemäßen Lohn gleich VAP. Hiernach steigt dann allerdings der An-
teil des Arbeiters mit jeder Zunahme des Ertrages in einer be-
stimmten Proportion, und darauf kam es Thünen an. Er war so
durchdrungen von der Bedeutung seiner Formel, daß er sie auf seinen
Grabstein gesetzt zu haben wünschte. Gerade sie hat aber keine
Anhänger gefunden; vor allem, weil der Verschiedenheit der Arbeit
und deshalb ihrer Leistung für den Ertrag gar nicht Rechnung ge-
iragen wurde. In unserer Entwicklungsperiode aber differenziert sich
die Arbeit immer mehr und damit auch der Anteil, welcher der
Arbeitsleistung an dem Gesamtwerte der Produkte zuzusprechen ist.
Unmöglich kann hier dieselbe Formel überall zur Anwendung gelangen.

Thünens Bedeutung liegt nach allem nicht hier, sondern in der
Aufstellung seiner Methode und dem Bilde des isolierten Staates,
welches zur Untersuchung verschiedenartigster wirtschaftlicher Pro-
bleme Anwendung finden kann.

$ 102,
Die individualistischen Gegner der Smithschen Schule.
a) Jean Charles Leonard, Simonde de Sismondi.

L. Elster, Simonde de Sismondi, Jahrb. f. Nat.‘Oek., N. F., Bd. XIV, 1887.

Schon bald nach dem Erscheinen des großen Adam Smithschen
Werkes, welches eine fast allgemeine Begeisterung erweckt hatte,
vegten sich doch auch Bedenken nicht nur gegen einzelne Aus-
führungen, sondern auch gegen die Grundlage des ganzen Freihandels-
systems; und wir haben im folgenden diesen prinzipiellen Gegensatz
in seiner Entwicklung während des 19. Jahrhunderts zu verfolgen.
Hierbei sind zwei Richtungen zu unterscheiden. Die eine akzeptiert
die Grundlagen des modernen Staates, unserer sozialen Ordnung und
infolgedessen auch unserer Volkswirtschaft als unantastbar, der Natur
des Menschen konform und hält, von dieser Basis ausgehend, nur
Modifikationen zur Besserung der Verhältnisse für notwendig. Die
zweite Richtung dagegen erkennt bereits die Basis nicht für be-
rechtigt an, sondern bekämpft sie als unnatürlich, nur durch die
herrschende Klasse zu ihrem eigenen Vorteil künstlich so gestaltet
und daher von unten auf zu revolutionieren. Diese letztere ist be-
kanntlich die kommunistische, die ältere sozialistische und schließlich
die anarchistische Richtung. Wir haben dann schließlich die dritte
oder vermittelnde Richtung zu betrachten, die man auch die modern-
realistische genannt hat, welche zwischen den Extremen zu ver-
mitteln sucht; und während die früheren nationalökonomischen