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Systeme auf französischem und englischem Boden erwachsen sind, ist
der Ursprung dieser letzteren auf deutschem Boden zu suchen.

Einer der ersten und bedeutsamsten Kritiker des Smithianismus
war Simonde de Sismondi; 1773 in Genf als Sohn eines prote-
stantischen Geistlichen geboren, gestorben 1842, Obgleich zum Kauf-
mannsstande bestimmt, gewährte man ihm eine gründliche klassische
Schulbildung und ließ ihn auch die Universität besuchen. Er lebte
längere Zeit in Frankreich, dann, von dort durch die Revolution ver-
trieben, in England und Toskana und reiste als Begleiter der Frau
7on Staegl durch Deutschland und Italien. Er trat auch vorüber-
gehend als Handelskammersekretär in seiner Vaterstadt in den prak-
tischen Dienst und hatte so Gelegenheit, in dem Leben selbst unter
den verschiedensten Verhältnissen gründliche Studien zu machen, und
er benutzte diese Gelegenheit in reichlichem Maße. Eine ihm an der
Sorbonne angetragene Professur schlug er aus, um seine schriftstelle-
rische Tätigkeit nicht zu unterbrechen. Sein hauptsächlichstes Werk
erschien in Paris 1819 unter dem Titel: „Nouveaux principes d’6cono-
mie politique ou de la richesse dans ses rapports avec la population.“
2 Bde. Die zweite Auflage erschien 1827.

Ursprünglich völlig eingenommen von dem Adam Smithschen
Werk wurde er durch die Beobachtungen der Zeitverhältnisse gegen
die Wahrheit der Lehre mißtrauisch. Wie er selbst ausspricht, war
es die Beobachtung der großen Krisis in England nach den Napo-
leonischen Kriegen 1814, die ihn bedenklich gegen das Freihandels-
system machte, unter welchem in so extremer Weise eine Über-
produktion, damit Bankerotte und Not und Elend der Arbeiterklasse
armöglicht waren. In der Gebundenheit der alten Produktionsver-
hältnisse war allerdings nicht der Aufschwung möglich, wie er sich
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England zeigte, aber
auch nicht der grausame Rückschlag, wie er 1815 und dann wieder
1825 zu beobachten war. Es wird ihm zweifelhaft, ob die Förderung
der Produktion in dieser völligen Ungebundenheit die schlimmen
Folgen aufzuwiegen vermag. Er wirft Adam Smith vor, allein
die Entwicklung der Produktion im Auge gehabt zu haben, ohne zu
untersuchen, welche Wirkung dieselbe auf die Bevölkerung habe, ob
sie auch eine entsprechende Förderung des Wohlseins in sich schließe.
Er bezeichnet die von Adam Smith aufgestellte Wissenschaft als
eine Wucherlehre (Chrematistik), während sie eine ethische Wissen-
schaft sein solle, welche die menschliche Wohlfahrt im edleren Sinne
zu fördern sucht. Gerade dieser Auffassung wegen ist Sismondi
nicht mit Unrecht als der Vater des späteren Kathedersozialismus
bezeichnet, der denselben Grundsatz auf seine Fahne schrieb. Unter
dem Prinzip des „laissez faire, laissez passer“ gehe eben die Wohl-
fahrt der großen Masse der Bevölkerung verloren. Die schranken-
lose Konkurrenz führe zu einem extremen Kampf, bei dem der
Schwächere unterliege, der nicht immer der Schlechtere sei. Vor
allem sei der Arbeiter dem Arbeitgeber wie dem Kapitalisten gegen-
über der Schwächere und werde deshalb rücksichtslos ausgebeutet.
Während unter dem Feudalsystem der Grundbesitzer und bei dem
alten Zunftwesen der Handwerksmeister oder sonstige Unternehmer
nicht nur in dem Momente der Ausnutzung der Arbeitskraft den
Arbeiter unterhalten mußten, sondern auch darüber hinaus, wenn er
leistungsunfähig oder sonst verdienstlos wurde, finde ihn jetzt der

Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 26

Leben und
Werke.

Seine Lehre.