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Sozial-
lemokratie.

\Nnarchismunes.

Durchführung bildet natürlich nur ein sekundäres Moment. Die
ältere Richtung verlangte Verstaatlichung des Betriebes, die neuere
strebt dagegen nach Vergesellschaftung desselben,

Das Ziel all dieser Maßregeln ist, weitgehende Gleichheit des
Lebensgenusses allen Gliedern der Bevölkerung zuteil werden zu
lassen. Ueberall tritt in sozialistischen Schriften der Gedanke hervor,
daß die gegenwärtige Güterverteilung eine ungerechte sei, daß die
große Masse der Bevölkerung nur ein verkümmertes Dasein führe,
und daß die veränderte Verteilung aus Gerechtigkeitsgründen ge-
fordert werden müsse. Ueberall überwiegt die wirtschaftliche und
soziale Seite der Frage, sie bildet den Kernpunkt. Die politische
wird nur sekundär als Mittel hinzugezogen.

Auch die Unterscheidung zwischen Sozialismus und Sozialdemo-
kratie ist nicht überall eine klare, und häufig ist ein Zusammen-
werfen der Begriffe zu beobachten. Die sozialdemokratische Richtung
will, wie es der Name besagt, die Volksherrschaft erlangen, um da-
durch den sozialistischen Staat herstellen zu können. Sie wird durch
eine politische Partei vertreten. KEin Sozialist wie Rodbertus
war kein Sozialdemokrat, er setzte voraus, daß sich in der Monarchie
and durch dieselbe der Sozialismus allmählich Bahn brechen würde;
Doch ist diese Anschauung allerdings nur eine Ausnahme.

Am wenigsten Klarheit ist bisher über den Begriff des Anarchis-
mus erzielt. Die schärfste Definition ist von Eltzbacher aufgestellt,
dem wir in der Hauptsache folgen. Er findet bei den hauptsäch-
lichsten Anarchisten als das allein Gemeinsame die Verneinung des
Staates für die Zukunft. Nach der Art aber, wie sie den Staat er-
setzt sehen wollen, findet er große Unterschiede, und ebenso, wie sie
sich die Entwicklung zu ihrem Ziele denken. Mehrere der Haupt-
vertreter des Anarchismus verzichten für die Zukunft auf jedes Recht
und jedes Eigentum. Diejenigen, welche noch Reste davon auch für
lie Zukunft annehmen, wollen dasselbe jedoch auf ein Minimum redu-
zieren. Auf diese Weise liegt ein bestimmter Gegensatz zum Sozialismus
wie zum Individualismus unzweifelhaft vor, der erst in den letzten
Jahren genügend erkannt ist.

Wir haben geglaubt, unsere Auffassung hier ausführlicher aus-
einandersetzen zu müssen, als es sonst der Üekonomie der Schrift ent-
3pricht, um damit die Grenzen für unsere Literaturbesprechung zu
ziehen und die Einteilung zu rechtfertigen.

Es ergeben sich naturgemäß mehrere ganz verschiedene Gruppen
in der in Betracht kommenden Literatur. Eine besondere Stellung
aehmen darin die sogenannten „Staatsromane“ ein, Phantasiebilder
nervorragender Männer, in denen sie ihr Staatsideal aufstellen und
damit zugleich Kritik an den eigenen Zeitverhältnissen üben, die
somit. nach zwei Richtungen das Interesse in Anspruch nehmen.

Erst dann treten wir unserer eigentlichen Aufgabe näher, indem
wir die ältere sozialistische Literatur in dem 18. Jahrhundert und
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erörtern, woran dann die Be-
sprechung der Literatur des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus
zu schließen ist. Schließlich ist noch ein Blick auf die hauptsächlichsten
anarchistischen Schriften zu werfen.