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haben. An der Spitze jeder Familie steht der Aelteste als Leiter.
Je 30 Familien wählen jährlich einen Syphogranten als Oberhaupt.
10 derselben wählen wiederum einen Vorsteher, den Traniboren, und
diese den Fürsten, der lebenslänglich das Amt erhält. Die Trani-
boren sind wieder wählbar nach Ablauf ihres Amtsjahres, die Sypho-
granten nicht unmittelbar, Die der Landwirtschaft obliegende Be-
völkerung wird in Familien zu 20 männlichen und 20 weiblichen
Personen und zwei Sklaven geteilt, die unter einem Hausvater und
einer Hausmutter stehen. Die gemeinsamen Angelegenheiten ‘der
ganzen Insel werden von einem Senate geleitet, zu dem jede Stadt
drei Abgeordnete aus den weisesten Männern schickt. Privat-
eigentum existiert nicht. Produktion und Konsumtion sind im großen
ganzen gemeinsam gedacht, wenn auch Ausnahmen nicht ausge-
schlossen sind. ‚Jeder ist verpflichtet, die Landwirtschaft zu betreiben
und außerdem irgendein Handwerk zu erlernen. Zum Betriebe der
Landwirtschaft werden die nötigen Personen auf zwei Jahre kom-
mandiert, worauf sie in die Stadt zurückkehren und durch andere
ersetzt werden. Jeder ist zur Arbeit verpflichtet, mit Ausnahme der
Beamten und derjenigen, welche auf Empfehlung der Priester vom
Volke dispensiert werden, um sich der Kunst und Wissenschaft zu
widmen. Die Arbeitszeit ist auf sechs Stunden beschiänkt. Das
müsse hinreichen, wenn jeder Luxus verbannt, der Arbeit die mög-
lichste Annehmlichkeit beigelegt wird, und Müßiggänger nicht vor-
handen sind. Niedere Arbeiten sollen, wie erwähnt, Sklaven vorbe-
halten sein; das sind Sträflinge und Kriegsgefangene, zu denen
gyentuell auswärtige Lohnarbeiter hinzugezogen werden. ı

Die Produktion wird assoziationsweise durchgeführt, das Ergebnis
ist an Staatsmagazine abzuliefern, aus denen den Haushaltungen das
Nötige, und natürlich völlig gleichmäßig zugeteilt wird. Die Regelung
der Gütererzeugung und Güterverteilung im ganzen Lande hat der
Senat zu leiten und zu beaufsichtigen. Auch die einzelnen Städte
haben sich gegenseitig zu ergänzen und zu unterstützen. Der Handel
mit dem Auslande wird auf ein Minimum reduziert. Reisen im Aus-
lande sind verboten, dagegen ist Auswanderung überschüssiger Be-
völkerung als notwendig anerkannt,

Außerdem ist zu bemerken, daß unbedingte religiöse Toleranz
ausgesprochen ist. Doch kann nur Beamter werden, wer an eine
Seele und an eine Fortdauer nach dem Tode glaubt. Die Priester
werden wie die anderen Beamten gewählt.

Mit Recht sagt Robert von Mohl, daß für die damalige Zeit
der Gedanke der Priesterwahl, Beseitigung der Stände einen größeren
Gegensatz zu den allgemeinen Anschauungen ausmachte, als die
Forderung des modernen Sozialismus auf Beseitigung des Privat-
elgentums. Wesentlich ist ferner die Unterdrückung des Erwerbs-
betriebes, der ersetzt werden soll durch Arbeitszwang, was sich in jedem
sozialistischen Staate als notwendig herausstellen muß, worüber aber die
modernen sozialistischen Schriftsteller gerne stillschweigend hinfort-
gehen. Das Endergebnis ist wohl eine angemessene Fütterung der ganzen
Bevölkerung, aber auch die größte Oede und Gleichförmigkeit, da es
an jeder Abwechslung fehlt. „So wie jemand eine aus den Städten
wohl gesehen und anerkannt hat, der kennet die anderen alle, also
seien sie einander durchaus gleich.“ Morus hofft darüber durch

Kritik.