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Bauernbewegung in der Reformationszeit hatte jedoch unzweifelhaft:
keinen sozialistischen oder kommunistischen Charakter, wie aus den
berühmten zwölf Artikeln leicht zu ersehen ist, in denen die Forde-
rungen der Bauern zusammengestellt sind, die nur auf Beseitigung
der himmelschreienden Uebelstände und Schutz vor einem unerhörten
Druck gerichtet sind. Dagegen gehört hierher die Bewegung der
sog. Wiedertäufer, des Zwickauer Tuchmachers Niklas Storch und
des Thomas Münzer. Der Letztere versuchte ein Reich brüder-
iicher Gleichheit, Freiheit und Lauterkeit und der Rückkehr zum
Urzustande der ersten Christengemeinde durchzuführen, was aber
gänzlich mißlang, weil die Anhänger nicht in Schranken zu halten
waren und das Land zu brandschatzen anfıngen.

Hier wie bei den meisten anderen Kritikern der Zeit und poli-
tischen Reformatoren trugen die Anschauungen, wie wir sahen,
speziell kommunistischen Charakter, engherzigster, man kann sagen,
kindlichster Art. Eine mehr philosophische Grundlage ist der Rich-
bung erst im 18. Jahrhundert, und zwar in Frankreich, gegeben.

Obwohl die Ansicht in der neueren Zeit auf das entschiedenste
vekämpft ist, können wir nicht umhin, den eigentlichen Ausgangs-
punkt, wie bisher, in Jean Jacques Rousseau zu sehen. Wenn
es auch Liepmann gelungen ist, den Nachweis zu führen, daß
Rousseau selbst niemals sozialistischen Anschauungen gehuldigt 7: 7 Rousseau
hat, und es längst bekannt ist, daß er nie die Konsequenzen seiner
Jugendlehre gezogen hat, sondern ihnen selbst verschiedentlich ent-
yegengetreten ist, so wird damit doch nicht die Tatsache aus der
Welt geschafft, daß gerade seine erste Schrift und die darin ent-
haltenen geistvollen, in wenig kurzen prägnanten Sätzen zusammen-
yefaßten Angriffe gegen das Privateigentum den tiefsten Eindruck
machten und die allgemeinste Verbreitung fanden. Sie regten zur
Fortsetzung der Angriffe und der kritischen Beurteilung der Zeit-
verhältnisse in dieser Richtung mit größtem Erfolge‘ an, und man
kann in der nachfolgenden sozialistischen Literatur ihre Spuren
immer wieder entdecken. Im Jahre 1753 erschien seine berühmte
Preisschrift der Akademie von Dijon „Traite sur Vorigine de Vin-
ögalite parmi les hommes“. Hiernach ist die Ungleichheit der Lebens-
lage, des Besitzes, wie der geistigen und sittlichen Eigenschaften
nur ein künstliches Produkt der Kultur, und daher ebenso die Not
der großen Masse der Bevölkerung. Ursprünglich sind nach ihm
alle Menschen gut und gleich; erst die Erziehung und die Bildung
haben die Verschiedenheiten herbeigeführt, die wir gegenwärtig be-
obachten. Das Privateigentum sei nichts Natürliches, sondern schaffe
nur willkürliche Privilegien, worauf die berühmte Stelle folgt: „Der
Erste, der ein Stück Land umzäunte und erklärte: Dies gehört mir,
and Leute fand, die einfältig genug waren, ihm das zu glauben, war
jer wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviel Ver-
heerungen, Kriege, wieviel Mord und Elend wären der Menschheit
erspart geblieben, wenn Jemand die Umzäunung umgerissen, die
Gräben verschüttet und den Anderen zugerufen hätte: Hütet euch,
diesem Betrüger zu glauben. Ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt,
daß die Früchte des Bodens Allen gehören und dieser selbst Nie-
mand gehört.“ Durch das Privateigentum sind nach ihm überhaupt
die modernen Begriffe von Recht und Unrecht entwickelt, die Selbst-
sucht geweckt, und die Arbeitsteilung hat neue Uebel gezeitigt.

Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 27

Th. Münzer.