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eine glückliche Existenz, aber auch die Pflicht zur Arbeit, die nicht
der Willkür der Einzelnen überlassen bleiben darf, sondern durch
Gesetz geregelt werden muß. Die Zentralgewalt hat jeden Menschen
dem Beruf, dem Wirkungskreise zuzuweisen, dem er gewachsen ist,
und ihn zu verpflichten, die Frucht desselben in natura in ein ge-
meinsames Magazin abzuliefern. Ein Verteilungsamt ist einzurichten,
das über alle Individuen und Güter Buch führt, die Lebensmittel in
peinlichster Gleichheit verteilt und sie jedem Bürger in sein Haus
liefert. Die Kindererziehung soll gemeinsam, höchst einfach und gleich
ohne Rücksicht auf individuelle Begabung sein. Große Städte werden
nicht geduldet, das ganze Leben ist hauptsächlich auf Landwirtschaft
basiert. Kunst und Wissenschaft werden auf ein Minimum reduziert.
Babeufs Versuch, die Herrschaft in die Hand zu bekommen, miß-
lang bekanntlich, er starb durch die Guillotine, und seine Lehren
erlangten keine nachhaltige Bedeutung. Die Revolutionszeit und die
darauf folgende Herrschaft Napoleons unterdrückten die Weiterver-
folgung dieser Idee.

Nach der Restauration tauchten in Frankreich zwei Männer
auf, denen wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen müssen:
Saint-Simon und Fourier, die eine Schule gründeten. In der
gleichen Zeit, z. T. schon früher, vertrat in En gland Robert
Owen sozialistische Lehren, in Deutschland der Philosoph Fichte,
mit denen wir uns nun zu beschäftigen haben.

$ 108.

Claude Henry de Saint-Simon und der Saint-Simonismus.

Zowis Reybaud, Etudes sur les reformateurs contemporains ou les socialistes
modernes. St. Simon, Charles Fourier, Robert Owen. II. Bd. Paris 1841.

Lor. Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf
ansere Tage. III. Bd. Leipzig 1850.

Seb. Charlety, Histoire du Saint-Simonisme, 1825-—64. Paris 1896.

Oeuvres de Saint-Simon, publies par Olinde Rodrigeues. Paris 1841.
Der Graf Saint-Simon war in Paris 1760 als Sproß einer der
ältesten und reichsten Familien des Landes geboren. Er erhielt eine
vorzügliche Erziehung und zeigte früh außergewöhnliche Begabung
und großen Ehrgeiz. Angezogen von der freiheitlichen Bewegung der
Vereinigten Staaten, stellte er sich Washington zur Verfügung und
machte den amerikanischen Befreiungskrieg mit, unternahm dann große
Reisen und widmete sich eine Zeitlang großartigen praktischen Plänen,
wie durch einen Kanal Madrid mit dem Meere zu verbinden, ja sogar
die Landenge von Panama zu durchstechen, ohne indessen faktisch
etwas durchzuführen. Die französische Revolution vernichtete seinen
Rang und sein. Vermögen, so daß er eine Reihe von Jahren von
L790—1807 e1Ine untergeordnete Beamtenstellung annehmen mußte. Da
er einiges Vermögen zurückerhielt, widmete er sich längere Zeit dem
Studium der Politik und Naturwissenschaften und besuchte dabei
England und Deutschland. Auch hierin fand er indessen keine volle
Befriedigung und stürzte sich nun in den Strudel der Vergnügungen,
wobei er in kurzer Zeit das wieder erlangte Vermögen vergeudete
und im Beginne des 19. Jahrhunderts über 40 Jahre alt ein neues
Leben beginnen mußte. Er wandte sich schriftstellerischer Tätigkeit
zu. Dabei mußte er die tiefste Armut kennen lernen, erlangte während

I

‚eben und
Schriften.