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seines Lebens nur geringen Anhang und starb 1815 in den traurigsten
Verhältnissen. .
Es war ihm selbst nicht gelungen, sein System hinreichend ab-
zurunden und der großen Masse zugänglich zu machen. Das war erst
seinen Schülern vorbehalten, so daß seine Lehre erst nach seinem
Tode eine gewisse Bedeutung und Verbreitung zu erlangen vermochte.
Er schrieb mit Geist und Phantasie, ließ aber wissenschaftliche
Schulung und daher Klarheit und Konsequenz vermissen, Es war in
ihm eine wunderbare Mischung eines religiösen Schwärmers und idealen
Politikers, der niemals genügend den realen Boden zu gewinnen ver-
mochte. Seine Hauptwerke sind „Reorganisation de la societe euro-
peenne“ 1814, „Catechisme des industrielles“ und das letzte Werk
„Nouveau christianisme“, Paris 1825. Durch das Studium der Ge-
schichte auf die Bedeutung der Industrie aufmerksam geworden, er-
kennt er, daß ihr im Staate nicht die Bedeutung zukommt, die sie
verdient, wobei er den Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter
nicht in Betracht zieht; wie er überhaupt mehr die Mittelklasse als
die unterste berücksichtigt und die erstere zur Herrschaft zu bringen
strebt. So. stellt er die berühmt gewordene Frage auf, ob Frankreich
mehr verlieren würde, wenn die 3000 höchstgestellten Personen, die
yanze königliche Familie, der. Hofstaat, Klerus und oberste Beamte
plötzlich von der Bildfläche verschwänden, oder 3000 der größten
Gelehrten und Industriellen. Er beantwortet sie dahin, daß der Ver-
lust der letzteren weit mehr zu beklagen sein würde. Er wurde des-
halb verklagt, aber von den Geschworenen unter großer Teilnahme
des Publikums freigesprochen. Konsequenterweise hält er es für nötig,
daß sich das Königtum auf die produktiven Kräfte stützt. Die Ge-
scheutesten der Ackerbauer, Kaufleute and Fabrikanten sollten die
Staatsverwaltung in die Hände bekommen. Er untersucht historisch,
warum sich dieses natürliche Verhältnis bisher nicht entwickelt hat.
In alter Zeit hat der grundbesitzende Adel die Gewalt in die Hand
zu bekommen vermocht, unter Ludwig XI, bildet sich mehr die ab-
solute Monarchie aus, unter Ludwig XIV. entwickelt sich die Industrie;
damit steigt der internationale Verkehr; das Geld gewinnt an Be-
deutung, und der Besitzer des Geldes erhält an Stelle des alten Adels
die politische Macht, die dieser früher gehabt hat. Neben diesem
treten aber die Legistes, das sind die Advokaten, Schriftsteller usw.
auf, die mit jenen die Mittelklasse bilden und die Vertreter des
reinsten Egoismus sind. Sie sagen zu den Industriellen: „Ote-toi, que
je m’y mette“ und reißen tatsächlich die Gewalt an sich, während die
„Industriellen“ wieder die Herrschaft in die Hand bekommen müssen.
In seinem letzten Werke entwickelt er seinen religiösen Stand-
punkt. Das einzige und wahrhaft göttliche Prinzip im Christentum
liegt nach ihm in dem Satze: Die Menschen sollen sich wie Brüder
lieben. Die katholische Kirche habe diesen Satz viel zu sehr ignoriert,
zum Teil in das Gegenteil umgekehrt. Der Protestantismus habe
gesucht, ihn. wieder zu Ehren zu bringen, sei aber auf halbem Wege
stehen geblieben und habe keinen Einfluß auf die Massen. Der Haupt-
fehler des Christentums sei die Erklärung „sein Reich sei nicht von
dieser Welt“. Saint-Simon hält sich für berufen, eine neue Religion
zu stiften, welche auf die christliche Brüderlichkeit basiert ist und
sowohl den geistigen, wie leiblichen Bedürfnissen Rechnung trägt. Die
[ynorierung der letzteren durch das Christentum habe dasselbe zur