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Wirkungslosigkeit verdammt. Wie die Regierungsgewalt aufzubauen
sei, ist ihm selbst keineswegs klar. Von der Volkssouveränität will
er ebensowenig wissen, wie von der schrankenlosen Freiheit des
Einzelnen. Er bekämpft nicht das Privateigentum und strebt keines-
wegs absolute Gleichheit an, so daß man ihm von unserem Stand-
punkte aus kaum sozialistische Tendenzen zuschreiben kann, sondern
nur liberalreformatorische. Gleichwohl haben seine Schüler auf seinen
Lehren den Sozialismus aufgebaut.

Die nachhaltige Bedeutung Saint-Simons liegt in seiner Einwirkung
auf seine Schüler, die wenigstens zeitweise seiner Lehre eine große
Verbreitung verschafften. Wir erinnern daran, daß auch Alexander
Herzen, der Herausgeber der „Kollokol“ und langjährige Führer
des russischen Sozialismus, in seinen Memoiren ausdrücklich angibt,
daß den größten Einfluß auf ihn das neue Testament und Saint-
Simons „Nouveau christianisme“ ausgeübt haben, und daß er sich als
einen Schüler Saint-Simons ansieht. In Frankreich haben unmittelbar
nach dem Tode des Letzteren zwei seiner Schüler, Bazard und
Enfantin, in einer besonderen Zeitschrift „Le producteur“ seine
Lehre zu systematisieren und auszubauen getrachtet. Bazard hielt
von 1828 bis 1830 öffentliche Vorlesungen über die Lehre Saint-
Simons und faßte sie in einem zweibändigen Werke „Exposition de
la doctrine de Saint-Simon“, Paris 1830, zusammen. Die darin ent-
haltenen Anschauungen sind dann als Saint-Simonismus bekannt
geworden und verbreitet. Wir geben in dem Folgenden eine kurze
Uebersicht über dieselben.

Zwei Grundlagen des sozialen Lebens sind zu unterscheiden: die
Selbstsucht oder der Individnalismus, dem die Assoziation gegenüber-
steht. Je nachdem die eine oder die andere das menschliche Leben
beherrscht, entwickeln sich verschiedene Zeitepochen, die „kritische“
oder die „organische“. Die letztere erfüllt den griechischen Staat bis
zur sokratischen Zeit und die erste christliche Periode mit allgemeiner
Harmonie in dem einheitlichen idealen Streben nach einem bestimmten
gemeinsamen Ziele. Die kritische Periode war die Zeit des Verfalls
des klassischen Altertums, sie herrschte dann seit dem Beginne der
Reformation bis zur Gegenwart, wo jedes gemeinsame Band fehlt,
und die sich entfaltenden Gegensätze zu weit verbreitetem Elende
geführt haben. Eine neue organische Periode sollte nun wieder durch
den Saint-Simonismus angebahnt werden, und zwar auf dem Wege der
Assoziation, wodurch die materiellen wie die geistigen Gegensätze ge-
mildert werden, und sich ein gemeinsames höheres Streben entwickelt.
Zwar ist fortdauernd im Laufe der Zeit eine Besserung zu beobachten,
aber niemals war die Harmonie eine allseitige. Auf primitiver Stufe
werden die Besiegten getötet. Es ist schon ein Fortschritt, wenn die
Besiegten zu Sklaven gemacht werden, um ihre Kräfte zu verwerten.
Die Hörigkeit ist wiederum eine mildere Form der Abhängigkeit;
auch sie ist im Laufe der Zeit, beseitigt und durch das Lohnverhältnis
äer Arbeiter in der Gegenwart abgelöst. Aber auch in dieser Form
wird ein überwiegender Prozentsatz der Bevölkerung durch eine kleine
Zahl der Herrschenden ausgebeutet, und dieses ist ermöglicht und
beruht auf dem Privilegium des Eigentums, das gebrochen werden
muß. Deshalb ist das Erbrecht zu beseitigen. Nur die Gesamtheit
soll Erbe sein, nicht aber der Einzelne. Die Produktion und die Ver-
wertung des selbst Verdienten soll rein vrivatwirtschaftlich bleiben.

Der Saint-
Simonismus.

Bazard.