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Tanfantin.

‚eben und
Lehren.

damit Jeder den Lohn seiner Leistung erhält, wie Enfantin sich
ausdrückt: „Jedem Arbeit nach seinen Gaben und Belohnung nach
seinen Werken.“ Nach seinem Tode aber soll das Vermögen der
Gesellschaft zufallen, wodurch dann jeder Einzelne nicht nur für sich
selbst, sondern auch für die Gesamtheit schafft, Hierdurch erhofften
sie wieder allgemeine Harmonie herzustellen und ein goldenes Zeit-
alter anbrechen zu sehen. Aller Genuß würde nur auf Arbeit basiert,
jede Ausbeutung durch Bezug von Zinsen, Renten, Mieten usw. würde
beseitigt sein.

Enfantin glaubte nun noch einen bedeutenden Schritt weiter
gehen zu müssen und die Frau dem Manne in allen Rechten gleich
stellen und ihre Selbständigkeit wahren zu sollen, um auch hier jede
Unterdrückung der Frau durch den Mann unmöglich zu machen. Als
er aber dabei zur Proklamierung der freien Liebe schritt, sprengte
er die Partei; Bazard und seine Anhänger verließen ihn. Enfantin
versuchte im kleinen die Realisierung seiner Pläne. Als aber die
Polizei mit rauher Hand dagegen einschritt, löste sich die Schule
völlig auf, Gleichwohl sind die Grundgedanken derselben weiter wirk-
sam geblieben; der Grundzug des Sozialismus ist durch sie erst klar
yelegt und hat begonnen, ein festes Fundament zu bilden. War durch
Rousseau der Besitz an Grund und Boden als ein Unrecht hin-
gestellt, so wurde im Saint-Simonismus die Wirkung desselben für
die Arbeiterklasse klargelegt und auf die Fahne geschrieben: „Die
Emanzipation der Arbeit vom Besitze.“ Die Idee, die Arbeitsmittel
dem Arbeiter vollständig zugänglich zu machen, um ihm damit seine
Selbständigkeit zu wahren, die Zuerkennung eines Rechtes auf die
Produktionsmittel und die Assoziation zur gemeinsamen Verwertung
derselben, was als die Grundlage des Sozialismus anzusehen ist, ist
erst durch den Saint-Simonismus begründet. Diese Ideen setzten sich
in den Massen fest, ohne in einer bestimmten Schule konzentriert
zu sein.
$ 109.
Fourier.

Charles Pellarin, Fourier, sa vie et sa theorie. Paris 1843.

Wie sehr die sozialistischen Anschauungen im Beginne des vorigen
Jahrhunderts in der Luft lagen, tritt dadurch zutage, daß zur selben
Zeit wie Saint-Simon, völlig unabhängig von ihm, ein Mann,
ler unter gerade entgegengesetzten Verhältnissen aufgewachsen ist,
mit ganz ähnlichen Ideen auftrat. Das ist Charles Fourier (1772
bis 1837). Er war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes in Be-
zancon und wurde selbst dort Kaufmann, verlor während der Revo-
lution sein Vermögen und blieb sein Leben lang in engen Verhält-
nissen. . Als Kommis eines Handlungshauses spann sich sein Leben
äußerst einförmig hin, so daß seine Bildung eine beschränkte, seine
Lebenserfahrung eine ungenügende bleiben mußte. Schon früh empört
ihn die Habsucht und Betrügerei, die er in den kaufmännischen
Kreisen beobachtet, und er sinnt auf eine Aenderung der Zustände.
Er steht zunächst völlig auf dem Boden des Individualismus und
geht von der einzelnen Persönlichkeit aus, der er zu ihrem Rechte
verhelfen will. Der Mensch ist, nach ihm, nur ein Teil der Natur,
und diese steht in engstem Zusammenhange mit Gott. Alles ist den-