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Franzosen. Owen knüpft unmittelbar an die Beobachtungen des
praktischen Lebens in seiner Umgebung an und sucht zunächst da zu
bessern; und als dieses mit Erfolg geschieht, denkt er darüber nach,
wie dem Elend der unteren Klassen überhaupt zu steuern sei, stellt
eine Theorie des Wirtschafslebens auf und sucht derselben ent-
sprechend Neuorganisationen im kleinen zu schaffen, von denen er
hofft, daß sie allmählich sich verallgemeinern lassen werden. 1771
in Nord-Wales als Sohn eines kleinen Geschäftsmannes geboren, trat
er selbst früh in ein kaufmännisches Detailgeschäft. Aus dieser unter-
geordneten Stellung arbeitete er sich noch in jungen Jahren zum
Direktor einer großen Feingarnspinnerei in Manchester empor. Im
Jahre 1800 kaufte er eine solche in New Lanark in Schottland. Hier
fand er eine äußerst verwahrloste Bevölkerung vor, die er durch
Schulen geistig zu heben suchte, durch Einführung eines Cottage-
systems mit guten Wohnungen, Garten usw. versah, für die er Konsum-
vereine, Speisehäuser usw. gründete. Namentlich machte er es sich
zur Aufgabe, in der Zeit wirtschaftlicher Krisen den Arbeitslosen den
Lohn weiter zu zahlen, um sie vor Verarmung zu schützen und sie
zu verhindern, durch ihr unbedingtes Streben nach Beschäftigung eine
Lohnerniedrigung herbeizuführen. Er erkannte schon damals die
große Gefahr, die darin liegt, daß eine große Zahl Arbeitsloser (als
Reservearmeg) nachhaltig auch die Löhne der Beschäftigten durch
ihr Angebot herabdrückt. Die Einrichtungen in New Lanark erhielten
bald einen großen Ruf, und von allen Seiten kamen Reisende herbei,
um sie zu prüfen und dem Beispiel eventuell zu folgen. In zwei
Schriften hat er besonders seine Anschauungen niedergelegt, welche
einen weitgehenden Einfluß ausgeübt haben. 1812 erschien „A new
view of society; or essays on the principle of the formation of the
human character and the application of the principle to practic“, und
1820 „Book of the New Moral World“, Die englische Fabrikgesetz-
gebung ist durch R. Owen in erheblicher Weise gefördert.
>. Owen hält zwar nicht wie Rousseau die Menschen für von
; “Geburt gleichgeartet, sondern erkennt an, daß sie auf unserer Kultur-
stufe mit verschiedenen Anlagen und Neigungen auf die Welt kommen;
gleichwohl gelangt er zu demselben Ergebnis wie Rousseau Er
sieht daher den Menschen in dem höheren Alter ganz als Produkt der
Umgebung an, in der er aufwächst. Jeder Mensch kann durch die
Verhältnisse gut oder schlecht werden. Owen spricht ihm den freien
Willen ab und kommt daher zu dem Ergebnis, daß der einzelne
Mensch für seine Schlechtigkeit nicht verantwortlich gemacht werden
kann, die Gesellschaft vielmehr dafür verantwortlich zu machen ist.
Ein böser Charakter sei wie eine Krankheit zu behandeln: durch an-
gemessene Erziehung sei er zu bessern, deshalb sei vor allen Dingen
auf die Erziehung der Jugend das größte Gewicht zu legen, die der
Staat selbst in die Hand nehmen müsse. Dabei ist zu betonen, daß
er die Strafe nicht verwirft, sondern sie als Erziehungsmittel für un-
entbehrlich hält, denn die Begriffe von gut und schlecht könnten nur
dadurch anerzogen werden. Allen Menschen soll eine möglichst gleiche
Erziehung geboten werden. Sie sollen gleiche Rechte haben, um ihre
eigene Individualität frei zu entfalten. Jeder muß arbeiten und die
gemeinsame Arbeit gibt gleiches Recht. Die verschiedene Leistung
aber bedingt die Stellung in der Gesellschaft. Ein Hauptgrundsatz
bei ihm ist, Niemand soll von dem Anderen Arbeit verlangen, die er