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W_ Lassalle.

Revolution von 1848 in Frankreich einen ganz anderen Charakter als
die von 1789 und 1830. Am 25. Februar 1848 wurde von der pro-
visorischen Regierung das Recht auf Arbeit anerkannt und versucht,
dasselbe durch Einrichtung von Nationalwerkstätten, die allerdings
nur ein sehr kurzes Leben hatten, zur Verwirklichung zu bringen.
Die Wiedererrichtung des Kaiserreiches brachte eine erhebliche Stockung
in die Bewegung, aber in der Literatur läßt sich dieselbe weiter ver-
folgen. Hier sind hauptsächlich zwei Namen zu nennen, Buchez
(1796—1865) und Louis Blanc (1813—82), die Beide vor allem den
Assoziationsgedanken der älteren Schule weiter auszuspinnen und zu
verwirklichen trachteten. Buchez-:sah in der Bildung von Produktiv-
assoziationen das Mittel, allmählich den sozialistischen Staat durch-
zuführen. Er suchte die Arbeiter zu bewegen, durch eifriges Sparen die
Summen zusammenzubringen, um damit selbständige Unternehmungen
zu gründen. Es ist das Prinzip der Selbsthilfe, für welches 1849
in Deutschland Schulze-Delitzsch eintrat, ohne darum sozialistische
Tendenzen zu verfolgen. Größere Bedeutung als Buchez hat Louis
Blanc gewonnen, sowohl durch seine praktische Tätigkeit als Mit-
glied der provisorischen Regierung im Jahre 1848 und als Vorsitzender
der Kommission für die Organisation der Arbeit, wie durch seine
Schriften, insbesondere die „Organisation du travail“, dann „Histoire
de la Revolution francaise“. Von ihm rührt der Gedanke der „Ateliers
sociaux“ her, deren Realisation auch in Paris versucht wurde. Er ver-
tritt das Prinzip der Staatshilfe. Der Staat soll allmählich einen
Produktionszweig nach dem anderen in die Hand nehmen, Bergwerke,
Eisenbahnen, Banken durch Ankauf alter und Gründung neuer verstaat-
lichen. Der daraus erzielte Gewinn soll dazu verwendet werden, gleich-
falls Produktivassoziationen zu gründen, aber unter staatlicher Auf-
sicht und Leitung, und bei Konzentrierung von Produktionszweigen
zu Zentralbetriebsstätten, über denen wiederum ein oberster Rat zu
fungieren habe. Preise und Löhne werden staatlich bestimmt. So
sucht er auf Grund und mit Hilfe des modernen Staates doch sozialis-
tische Ziele zu erreichen. Zunächst bleibt Jedem freie Verfügung über
seinen verdienten Lohn, doch setzt er voraus, daß die Assoziierung
sich allmählich freiwillig auch auf die Bedürfnisbefriedigung erstrecken
wird. Die nächste Aufgabe ist ihm Beseitigung der freien Konkurrenz
und die allmähliche Verstaatlichung der Betriebsmittel.

Ganz ähnliche Bestrebungen finden wir in Deutschland bei
Ferdinand Lassalle (1825 — 64). Bis Anfang der sechziger Jahre
war hier von einer Arbeiterbewegung keine Rede, und auch die Ver-
suche, im Jahre 1848 eine sozialistische Bewegung hervorzurufen,
blieben ohne Erfolg. Das „kommunistische Manifest“, welches 1847
von Marx und Engels aufgestellt wurde, auf welches wir noch
zurückzukommen haben werden, wurde zwar viel gelesen, vermochte
aber keinen nachhaltigen Einfluß auszuüben. Wirkliches Leben
brachte in die Arbeitermassen erst Lassalle durch die Gründung
des „allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ in’Leipzig 1863. Wir
müssen ihm deshalb hier unsere Aufmerksamkeit schenken. Seine
Schriften sind. „System der erworbenen Rechte; eine Versöhnung des
positiven Rechts und der Rechtsphilosophie“. Leipzig 1861 und 1880,
das einzige hergehörige Werk von ihm, das auf Wissenschaftlichkeit
Anspruch erheben kann. „Offenes Antwortschreiben an das Zentral-
komitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins