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zu Leipzig“. Zürich 1863. „Herr Bastiat Schulze von Delitzsch, der
ökonomische Julian oder Kapital und Arbeit“. Berlin 1864. Eine
Gesamtausgabe seiner Schriften ist, von Eduard Bernstein
herausgegeben, in Berlin 1891 erschienen.

Lassalle war ohne Zweifel einer der begabtesten Männer seiner
Zeit und er konnte von sich sagen, daß er ausgerüstet sei mit der
ganzen Bildung seines Jahrhunderts“, Bewunderungswürdig war seine
schlagende Dialektik, wodurch er sich hervorragend zu einem Agitator
eignete. Zugleich war er von einem leidenschaftlichen Ehrgeiz beseelt,
der ihn zu einem jeden Mittel greifen ließ, um seine Zwecke zu er-
reichen, da er Gewissensskrupel nicht kannte. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß er Vieles gesprochen und gelehrt hat, woran er selbst
nicht glaubte. In wirtschaftlichen Fragen bewies er keine Originalität,
er stützte sich in seinen theoretischen Ausführungen auf Ricardo,
dann auf die noch zu besprechenden Männer Rodbertus und Marx,
in seinen praktischen Vorschlägen auf Louis Blanc. Wie dieser,
wollte er von dem modernen Staate ausgehen, und zwar trachtete er
sich auf den Hohenzollernstaat zu stützen. Wenn es nicht gelang,
die Herrscher zur Uebernahme der Leitung der Arbeiterbewegung
zu bewegen, so sollte es geschehen vermittels des allgemeinen direkten
Wahlrechts durch die Arbeiter selbst, die allmählich die Majorität
in der Volksvertretung erlangen müßten. Da sie, wie er wieder und
wieder den Arbeitern vorrechnete, 95%, der Bevölkerung ausmachten,
so könnte ihrem geschlossenen Willen nicht entgegengetreten werden;
es käme nur darauf an, die Bevölkerung über ihre Macht aufzuklären
und ihr die Wege zu weisen, die sie zu gehen habe, um sich eine
bessere Existenz zu schaffen.

Von jeher haben, nach Lassalle, einzelne Klassen geherrscht
und sich auf Kosten der übrigen bereichert: so der Adel in dem
Mittelalter; nach der französischen Revolution die Bourgeoisie, für
welche die Arbeiter nicht nur die Kapitalien zusammenbringen, sondern
dann auch in den indirekten Steuern die Staatslasten tragen mußten.
In dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sei nun nach „Ricardos
ehernem Lohngesetz“ für den Arbeiter keine Möglichkeit, sich in eine
bessere Lebenslage emporzuarbeiten. Hierzu gebe es nur den einen
Weg der allgemeinen Gründung von Produktivassoziationen, die der
Arbeiter aber nicht allein in Angriff nehmen könne, weil ihm die
Kapitalien und der Kredit fehlten. Der Staat habe mit seinen Mitteln
einzutreten und dem Arbeiter die Kapitalien vorzuschießen. Sei der
Arbeiter so erst in den Sattel gehoben, so werde er schon selbst reiten
können und, durch das eigene Interesse getrieben, so viel mehr leisten,
als die Privatunternehmungen, daß sie die Konkurrenz nicht ertragen
könnten und gleichfalls in Produktivassoziationen verwandelt werden
würden. Die Gefahr, daß Unternehmungen zugrunde gingen, wäre
gering, wenn alle Unternehmungen einer Branche miteinander in
Verbindung träten und gemeinsam operierten, so daß nicht mehr im
Konkurrenzkampf das stärkere Unternehmen das schwächere zugrunde
richtete. Wie ein Schiff auf zwei Wellen erhaben über die Schwan-
kungen der einzelnen sei, so werde durch. die Verbindung der ver-
schiedenen Unternehmungen auch das Risiko beseitigt. Die Kon-
kurrenz des Auslandes ignorierte er einfach.

Diese letztere Lehre haben nicht einmal seine Nachfolger akzep-
tiert, und das eherne Lohngesetz, welches lange Zeit ein Hauptagita-

Ehernes
ohnzesetz.

Produktiv-
SSsNZiationen