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Anschauungen. Es ist dann noch die kleine Broschüre über den
„Normalarbeitstag“, die zuerst in der Berliner Revue, dann in Berlin
1871 erschienen ist, zu erwähnen.

Rodbertus war ein außerordentlich kenntnisreicher und überaus
scharfer Kopf mit selbständigen Ideen, aber kein systematisch
arbeitender Gelehrter. Sein ganzes Material war, wie sich in seinem
Nachlaß zeigte, aus kleinen abgerissenen Stücken, gelegentlichen Ex-
zerpten und Notizen zusammengesetzt, die er selbst kaum genügend
zu ordnen vermochte. So ist auch seine Schreibweise eine apho-
ristische, die des nötigen Zusammenhangs und der gründlichen Aus-
führung entbehrt. Es ist deshalb ein Verdienst Teophil Kozaks,
lange Zeit Professor in Basel, mit großer Mühe und Sorgfalt seine An-
schauungen aus den verschiedenen Schriften herausgezogen und syste-
matisch zusammengestellt zu haben. Erst dadurch sind weitere
Kreise mit ihm bekannt geworden, denen bisher die schwer assi-
milierbare, trockene Kost des Originals ungenießbar war. Die
hauptsächlichsten sozialistischen Agitatoren seiner Zeit, wie Lassalle
und Marx, haben unzweifelhaft einen Teil ihrer Weisheit aus ihm
yeschöpft.

Rodbertus geht von der Adam Smith-Ricardoschen Grund-
lehre aus, und das Fundament seines „neuen nationalökonomischen
Systems“ ist der Satz: „daß alle Güter wirtschaftlich nur als Produkt
der Arbeit anzusehen seien und nichts als Arbeit kosten“, da man
es mit wirtschaftlichen, nicht mit freien oder natürlichen Gütern in
der Wissenschaft zu tun hat. Die wirtschaftlichen Güter sind aber
nicht nur das Produkt unmittelbar darauf verwendeter Arbeit,
sondern auch der Arbeit, mit welcher erst das Werkzeug hergestellt
ist, womit die Güter produziert wurden. Wenn aber der Wert der
Güter allein durch die darauf verwendete Arbeit bedingt ist, so ist
die Zeit dieser Arbeit der beste Maßstab des Wertes. Nicht eine
jede Aufwendung kommt aber hierbei in Betracht, sondern nur die-
jenige, welche wirkliche Kosten verursacht; das heißt, es muß von
einer Persönlichkeit ein Aufwand gemacht sein, welcher für sie un-
wiederbringlich verloren ist, so daß sie dafür eine Entschädigung
beanspruchen kann und muß. Dieses trifft aber nur bei der mate-
riellen Arbeit, der eigentlichen Handarbeit zu, die nur in be-
Schränktem Umfange gegeben werden kann, die für den Leistenden
ein Opfer in sich schließt und für ihn gänzlich verloren ist. Was
die Natur bietet, ist unzerstörbar, kann deshalb nicht verbraucht
werden, sondern wirkt unendlich weiter (freilich in sehr verschiedener
Form); ebenso sind die Ideen unzerstörbar, wirken fort und gelangen
zu immer weiterer Verwendung. In beiden Fällen kann von Kosten
und Aufwendung nicht die Rede sein. Rodbertus kommt deshalb
zu dem Ergebnis, daß nur physische Arbeit Werte erzeuge, und auch
er geht von der Annahme aus, daß Eigentum nur auf Arbeit gestützt,
nur durch dieselbe erworben werden kann.

Rodbertus erkennt nun wohl, daß unter den gegenwärtigen Ver-
hältnissen alle diese Voraussetzungen nicht zutreffen. Er gibt des-
halb nicht eine Erklärung unserer wirtschaftlichen Zustände in dem
Gesagten, sondern er stellt darin eine Forderung auf. Daß nun
gegenwärtig der Wert der Dinge nicht nach der aufgewendeten
physischen Arbeit gemessen wird, dafür findet er zwei Ursachen:
1. die wirtschaftliche, daß die Arbeiter mehr produzieren, als sie zum

Grund-
ınschauungen.