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zesetz der
fallenden
Lohnannate.

Leben gebrauchen, also einen fortdauernden Ueberschuß bei ihrer
Tätigkeit erzielen. Es tritt 2. der rechtliche Grund hinzu: das
Privateigentum an Grund und Boden und Kapital, so daß die Be-
sitzer der Produktionsmittel sich von denen, welche sie benutzen
wollen, eine Rente auszahlen lassen können, ohne daß sie selbst
arbeiten. Der Arbeiter erhält nach der Ausbildung der Arbeits-
teilung wie der Stände nicht den ganzen Ertrag seiner Arbeit,
sondern muß an Grundbesitzer und Kapitalisten einen erheblichen
Teil abgeben. Ja, Rodbertus sucht nachzuweisen, daß „ein Ge-
setz der fallenden Lohnquote“ existiert, nach welchem bei steigender
Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit dem Arbeiter nur ein
ziemlich gleichbleibendes Quantum zufällt, und damit ein immer ge-
ringerer Prozentsatz des Gesamtertrages, während Grundbesitzer und
Kapitalisten einen wachsenden Teil erhalten, was nach ihm ebenso
angerecht, wie kulturfeindlich ist. Ueberall zeige es sich in der Ge-
schichte, im Altertum wie in der neueren Zeit, daß ein immer
kleinerer Prozentsatz der Bevölkerung einen immer größeren Teil des
Nationalertrages für sich in Anspruch nimmt, und dieses ergibt sich
mit zwingender Gewalt aus dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit,
der nicht als natürlich, sondern als unnatürlich zu bezeichnen ist.
Nur in der Natur tragen die Dinge und Verhältnisse ihr vernünftiges
Gesetz in sich, „in der Gesellschaft verlangen sie es vom Menschen
zu erhalten“. „Der Begriff natürlicher und gesellschaftlicher Gesetze
ist ein Widerspruch, ihre Herrschaft eine Unvernunft, die deshalb
auch nicht, wie Bastiat meint, harmonische Erfolge in den Sphären
Jes Rechtes und der Volkswirtschaft hervorbringen kann, sondern
dieselben umgekehrt dergestalt verwirren kann, daß die meisten und
wichtigsten in der Gesellschaft geleisteten Dienste zu gar keiner ge-
rechten Vergeltung mehr gelangen und also die Grundsätze des
Eigentums und der wirtschaftlichen Wohlfahrt fortwährend und auf
das gröblichste verletzt werden.“

Die hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten unserer Zeit, die sich
neuerdings in schärfster Weise gezeigt haben, liegen als Folge „der
fallenden Lohnquote“ im Pauperismus und in den Handelskrisen.
Während der Nationalreichtum fortdauernd steigt, verarmen die
arbeitenden Klassen, also diejenigen, die durch die mechanische Arbeit
allein den Wohlstand erzeugen, indem sie ausschließlich ihren Unter-
halt beziehen. So kommt Rodbertus auf Grund seines Gesetzes
der „fallenden Lohnquote“ zu demselben Ergebnis, wie Lassalle auf
Grund seines „ehernen Lohngesetzes“. Der Pauperismus der großen
Masse der Bevölkerung ist nun wiederum die Ursache der Handels-
xrisen, welche in periodischer Wiederkehr die entsetzlichste Not in der
Arbeiterbevölkerung herbeiführen. Es zeigt sich der Widersinn der
gesellschaftlichen Organisation in der Gegenwart, daß Elend herbei-
geführt wird durch Ueberfluß. Die gesteigerte Produktionskraft liefert
mehr Güter, als von der Arbeiterklasse, die fünf Sechstel der (Je-
samtheit ausmacht, gekauft werden können. Das Bedürfnis nach den
Gegenständen ist vorhanden, die Bevölkerung leidet unter dem Mangel
an Befriedigungsmitteln, während die Unternehmer an dem Mangel
an Absatz leiden. Stiege die Kaufkraft der Arbeiter in dem gleichen
Maße, wie ihre Produktivität, so wäre beiden geholfen. Weil aber der
Arbeiter einen zu geringen Anteil an dem von ihm produzierten
Werte erhält, bleibt seine Kaufkraft zu gering, während das