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wachsende Einkommen der Unternehmer und Kapitalisten ihre Pro-
duktivkraft im Uebermaße steigen läßt.

Eine völlige Besserung und Gesundung der Verhältnisse er-
wartet Rodbertus erst durch die Beseitigung des Privateigentums
an Grund und Boden und Kapital, welches die eigentliche Ursache
aller Mißstände sei. Aber er erkennt an, daß dieses in absehbarer
Zeit nicht zu erreichen ist, vielleicht erst nach einem halben Jahr-
tausend. Deshalb muß in der Gegenwart versucht werden, Reformen
herbeizuführen, und diese erwartet er allein von dem Staat und er-
hofft sie auch von der modernen Monarchie. Alle seine Vorschläge
zielen darauf hin, die Lage der arbeitenden Klassen zu heben, ihnen
einen höheren Anteil an dem Nationalertrage und dem Fortschritt
der Zeit zu gewähren. Aehnlich wie Thünen sucht er den Anteil
des Arbeiters an der Produktion und damit den ihm gebührenden
Prozentsatz an dem Werte der erzielten Waren zu berechnen und
stellt deshalb einen „Normalarbeitstag“ auf, der als allgemeiner
Maßstab für die Bestimmung der Leistungen eingeführt werden
könne. Je nach der Art des Betriebes soll für jedes Gewerbe ein
normaler Zeitarbeitstag von 6, 8 oder 12 Stunden festgesetzt werden
und außerdem das „normale Arbeitswerk“, welches in dieser Zeit
durchschnittlich hergestellt werden kann und hergestellt werden
muß, Von dem Staate soll dann der Lohnsatz für den normalen
Werkarbeitstag festgesetzt und dies periodisch wiederholt werden.
Der Architekt Peters hat daraufhin „Hilfstafeln zu Preisberech-
nungen für Zimmerarbeiten, auf Grundlage der durchschnittlichen
Leistungen der Arbeiter“ aufgestellt, um die Durchführung zu er-
leichtern. Tatsächlich aber hat der Versuch praktische Bedeutung
nicht erlangt.

Rodbertus unterschied sich wesentlich von seinen Vorgängern.
Er hatte gründliche, gelehrte Forschungen angestellt und war ein
Ldealist im besten Sinne des Wortes. Sein Ziel war nicht Verallge-
meinerung des materiellen Genusses, um den es sich in der Haupt-
sache bei den älteren Sozialisten handelt, sondern die Hebung der
Kultur. Er war nicht beseelt, wie sein unmittelbarer Nachfolger
Marx, in erster Linie von unversöhnlichem Hasse gegen die herr-
schende Klasse, sondern von tiefem Mitleid mit der Arbeiterwelt.
Er verlor über seinem schließlichen Ideal die Wirklichkeit nicht
aus dem Auge und vergaß über Zukunftsplänen nicht die Gegen-
wart. Er zeigte ein Verständnis für den modernen Staat und seine
Aufgaben. Auf seine Einseitigkeiten werden wir noch zurückzu-
kommen haben.

Forderungen
‘är die Zukunft

8 114.
Karl Marx.
&. Adler, Die Grundlagen qq iti d «

wirtschaft. Tübingen 1887. g er Karl Marxschen Kritik der bestehenden Volks
erner Sombart, Zur Kritik des 85 i Karl Marx, A

-- Ges, B 4. VI. ı Zar es ökonomischen Systems von Karl Marx. Arch,

Karl Diehl, Ueber das Verhältnis is im ökonomischen Syst
von Karl Mein ’ Jena, 1808. 1s von Wert und Preis im ökonomis ystem

Ders., Ueber Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus. Jena 1906.

v. Böhm-Bawerk, Zum ÄAbschlusse des Marxschen Systems. In der Festgabe
‘. K. Knies, 1896.

Conrad, Grundriß der polit. Oskonomie. I. Teil. 8. Aufl.