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Der zweite Weg, auf dem Marx die Unnatur der gegenwärtigen
Verhältnisse nachzuweisen sucht, ist die Untersuchung über die Wert-
bestimmung und Lohnregulierung. Wie Rodbertus, so geht auch
er davon aus, daß der Wert aller Güter durch die zu ihrer Her-
stellung erforderliche Quantität an gesellschaftlich notwendiger Arbeits-
zeit bestimmt werde. 10 Ellen Tuch, die 10 Stunden gesellschaftlich
notwendiger Arbeit zur Herstellung erforderten, d. h. für welche so-
viel Zeit bei der durchschnittlichen Arbeitsmethode von mittel-
mäßigen Arbeitern gebraucht wurde, sind ‚ebensoviel wert, wie : viel-
leicht 15 Zentner Roggen, welche einen ebensolchen Arbeitsaufwand
durchschnittlich verursachen; mit anderen Worten, der Aufwand von
menschlicher Arbeitskraft, um die Dinge herzustellen, ist das gemein-
same Dritte, mit welchem alle Güter auf ihren Wert verglichen
werden können. Er geht aber noch weiter. und sagt: Ein Gut er-
langt überhaupt erst dadurch einen Wert, daß menschliche Arbeit in
ihm vergegenständlicht ist. Er unterscheidet sich aber hier von
Rodbertus dadurch, daß er die geistige Arbeit für ebenso wert-
erzeugend ansieht, wie die rein physische. Auch die Tätigkeit des
Unternehmers kommt nach ihm hier in Betracht; sie ist bei der Be-
rechnung der Produktionskosten in Anrechnung zu bringen, aber
allerdings nur in der gleichen Weise wie die geistige Arbeit irgend-
eines der Beamten und Gehilfen. Wenn so der Arbeiter in der
Hauptsache den ganzen Wert der Waren erzeugt, so ist die Konse-
quenz unvermeidlich, daß er auch den Anspruch auf die von ihm
erzeugte Ware oder auf den ganzen Wert derselben hat. Hierin
liegt nun nach Marx das Unrecht in der Volkswirtschaft, daß der
Arbeiter im Gegenteil faktisch stets nur einen kleinen Teil des von
ihm ‚erzeugten Wertes erhält, vielmehr nur den nach dem Verhältnis
von Angebot und Nachfrage bestimmten Lohn, der nur dem Tausch-
wert der Arbeit entspricht, nicht dem durch sie geschaffenen Ge-
brauchswert. Ohne Kapital vermag er seine Arbeitskraft nicht zu
verwerten, er muß sie deshalb an den Unternehmer verkaufen, der
jas Kapital besitzt. Dieser ist nun bei dem übermäßigen Angebot
von Arbeitskräften in der Lage, ihm dafür nur so viel zu bieten,
daß er gerade sein und seiner Familie Leben zu fristen vermag.
Dazu sind vielleicht 5 oder 6 Stunden ausreichend, während der
Arbeiter gezwungen wird, 10 oder 12 Stunden zu arbeiten, und das
Produkt der weiteren 5- oder 6stündigen Arbeitszeit in die Taschen
des Unternehmers fließt. Das ist der Mehrwert, den der Arbeiter
über den Lohn erzeugt, und daraus ergibt sich die Profitrate, welche
der Unternehmer von dem Arbeiter erhält. Der Unternehmer hat
natürlich kein anderes Interesse, als diesen ihm zufallenden Mehrwert
zu vergrößern, und dies geschieht einmal durch Herabdrücken des
Lohnes, dann durch eine wachsende Verwendung von Kapital. Bei
üem Kapital unterscheidet Marx zwischen „konstantem“ und „vari-
ablem“ Kapital. Das erstere besteht in den Produktionsmitteln,
welche bei dem Produktionsprozesse unverändert in dem Werte der
Ware wieder erscheinen. Das variable Kapital ist dagegen dasjenige,
welches zur Bezahlung der verwendeten Arbeitskräfte gebraucht
wird. Dieses letztere ist es, durch welches nach Marx allein Mehr-
wert erzeugt wird, und welches der Unternehmer deshalb ebenso wie
die Zahl der Arbeiter zu vermehren bestrebt sein wird. Eben des-
halb liegt immer allgemeiner das Streben vor, die Unternehmungen

Wert-
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