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rechnung bringen, aber auf Gewinn verzichten. Die Preise werden
Jurch Taxatoren der Bank kontrolliert. Es war Proudhons Hoffnung,
daß die Volksbank allmählich immer mehr Mitglieder gewinnen werde,
so daß schließlich alle Produzenten und Konsumenten ihr angehören
würden; dann sollte das Geld überflüssig sein; alle Umsätze würden
lann vermittels jener Bons vorgenommen werden. Durch die Volksbank
wollte er aber außerdem die Unentgeltlichkeit des Kredites erreichen.

Soweit steht Proudhon auf sozialistischem Boden. Er greift
intensiv den Smithianismus an, aber ebenso den Kommunismus, welcher
die Ausbeutung des Starken durch den Schwachen in sich schließe,
wie bei dem jetzigen Kapitalismus der Schwache durch den Starken
ausgebeutet werde. Anarchistisch wird er durch Verwerfung fast aller
staatlicher Rechtsnormen, die durch das eine höchste „Gesetz der Ge-
rechtigkeit“ ersetzt werden sollen. An Stelle der bisherigen staat-
lichen Zwangsbestimmungen sollen freie Verträge zwischen einzelnen
Personen, Korporationen usw. treten. Nur der eine Zwang soll gelten,
daß alle Verträge erfüllt werden müssen; auch das Eigentum erkennt
er nur soweit an, als es auf Verträgen beruht. Als allgemeiner Grund-
satz wird aber anerkannt, daß Jedem der Ertrag seiner Arbeit ver-
bleiben solle. Den modernen Staat will er durch eine „Föderation“
ersetzen, das ist eine Organisation der Bevölkerung in kleinen poli-
tischen Gruppen mit weitgehender Dezentralisation, die durch freie
Verträge ihre Verhältnisse ordnen, und wo die Zentralgewalt nur
die Innehaltung der Verträge zu überwachen hat. In dem Menschen
bestehen natürliche Triebe zur Ordnung und Gerechtigkeit, die zu
einer naturgemäßen Harmonie führen, wie in dem Bienen- und
Ameisenstaat, wenn nicht eine willkürlich hergestellte Staatsgewalt
hier schädlich und störend eingreift, Die natürliche, harmonische
Ordnung des freien Verkehrs soll nach ihm die erwähnte Tauschbank
herbeiführen, und dadurch die Staatsgewalt das Recht auf Existenz
verlieren. So will er nicht durch Gewaltmaßregeln die bisherige
Gewalt stürzen, sondern hofft durch eine friedliche Revolution zum
Ziele zu kommen.

Auf einem wesentlich anderen Standpunkt steht der extremste
Anarchist; Johann Kaspar Schmidt, der unter dem Pseudonym
Max Stirner (Der Einzige und sein Kigentum. Leipzig 1845)
schrieb. Er wurde 1806 zu Bayreuth geboren, studierte in Erlangen
und Berlin Philologie und Theologie, war bis 1844 Lehrer, dann
Literat. War Proudhon zunächst Sozialist, so Stirner Indivi-
Jualist, ja sein Anarchismus ist nichts als der auf die äußerste Spitze
zetriebene Individualismus. Er erkennt keine Pflichten, keine religiösen
Wahrheiten und keine beschränkenden Rechte an. Für einen Jeden
ist, nach Stirner, das höchste Gesetz sein eigenes Wohl. Jeder soll
nur seinem unbedingten Kgoismus folgen. Niemand hat ein Recht,
einem Anderen Vorschriften zu machen und ihn in seinen Handlungen
zu beschränken. Daher ist jede Art von Herrschaft zu verwerfen und
somit auch der Staat. Wohl ist der Mensch auf ein geselliges Zu-
sammenleben angewiesen, aber in der Form eines Vereins von Ego-
isten. Man tritt dem Vereine bei, nicht wie bei dem Kommunismus,
am sich ihm unterzuordnen, sondern allein, um ihn für die eigenen
Zwecke zu gebrauchen, und Jeder schließt sich ihm nur so weit und
so lange an, als er ihn gebraucht. Das Eigentum verwirft Stirner
völlig: es eignet sich jeder Mensch an. was er zu erlangen die Kraft

Anarchistische
Anschauungen

M. Stirner