446 —

<rovotkin.

der neuen Welt zur Grundlage dienen; ohne sie ist keine Freiheit,
kein Gedeihen, kein Friede“. „Der Kollektivismus der künftigen Ge-
sellschaft erfordert keineswegs die Errichtung irgendwelcher höchsten
Gewalt. Im Namen der Freiheit, auf die allein sich eine wirtschaft-
liche wie eine politische Organisation gründen kann, werden wir
immer gegen alles Einspruch erheben, was auch nur von ferne dem
Kommunismus oder Staatssozialismus ähnlich sieht.“ „Ich will die
Organisation der Gesellschaft und des Kollektiv- oder Gesellschafts-
eigentums von unten nach oben durch die Stimme der freien Vereini-
gung, nicht von oben nach unten vermittels irgendwelcher Autorität.“

Der Uebergang in die neueste Entwicklungsphase wird nach
Bakunin durch eine soziale Revolution erfolgen, die zwar durch
die Macht der Dinge ohnehin herbeigeführt werden wird, aber sehr
wohl beschleunigt und erleichtert werden kann. „Die Revolution
wird nicht gegen Menschen, sondern gegen Verhältnisse und Dinge
wüten.“ „Blutige Revolutionen sind dank der menschlichen Dumm-
heit manchmal notwendig, doch sind sie immer ein Uebel, ein unge-
heures Uebel und ein Unglück, größtes Unglück, nicht nur in An-
betracht der Opfer, sondern auch um der Reinheit und Vollkommen-
heit des Zieles willen, in dessen Namen sie stattfinden.“

Im Gegensatz zu Stirner ist hier ein idealer Grundzug nicht
zu verkennen. Es wird nur der Menschheit zugemutet, was sie nie
und nimmer zu leisten vermag, geschweige denn, daß sie schon jetzt,
wie Bakunin meint, dafür reif wäre. Noch mehr ist das‘ von
Kropotkin zu sagen, unzweifelhaft der hervorragendsten Persön-
lichkeit der ganzen Richtung, die aber noch ganz der Gegenwart
angehört. Ueber seinen Entwicklungsgang hat er in seinen Memoiren
ausführlichen und höchst interessanten Aufschluß gegeben. Seine
Anschauungen hat er besonders in den folgenden Schriften nieder-
gelegt: Paroles d’un revolte, 1885 und La conquete du pain, 1892.
Sie sind ausführlich und klar von Eltzbacher a. a. 0. $S. 125 u. w.
zusammengefaßt, Wie in der ganzen Natur, so ist auch in der
menschlichen Gesellschaft nach seiner Auffassung eine fortdauernde
Bewegung und Entwicklung vorhanden, die zu einer immer größeren
und allgemeineren Glückseligkeit der Menschheit führt. Der gegen-
wärtige Zustand ist noch ein sehr unvollkommener, der aber durch
Evolution und Revolution schon in nächster Zeit und allgemein in
den vollkommeneren des Anarchismus übergeführt werden wird.
Zwar erfolgt dies mit zwingender Gewalt von selbst, aber der Mensch
kann den Uebergang vorbereiten und beschleunigen, was ohne Ge-
waltmaßregeln allerdings nicht möglich ist.

Aus dem christlichen Grundsatz: „Tu den Andern so, wie Du
willst, daß Dir in gleichem Falle geschähe“, den er zum Ausgangs-
punkt seiner Lehre nimmt, folgert er die Notwendigkeit unbedingter
Gleichheit, Billigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit. Den jetzigen
Staat, die vorhandene Gesetzesordnung sieht er als ein Hemmnis der
Entwicklung zu einem vollkommneren, glücklicheren Dasein der
Menschen an, da sie nur einem kleinen Teil derselben zugute kämen
and nur bestimmt seien, die Privilegien Weniger zu schützen. An
die Stelle der herrschenden Rechtsinstitutionen soll ein Gewohnheits-
recht treten, dessen Grundlage der Satz zu bilden hat, daß „Verträge
erfüllt werden müssen“ und daß Jeder „ein Recht hat, behaglich zu
leben“, „Durch das Bedürfnis eines Jeden nach Mitarbeit. Hilfe und