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Neugestaltung folgen.“ Den Moment des Zusammenbruchs aller
gegenwärtigen Verhältnisse sieht er als nahe bevorstehend an, da
er die Zustände für unhaltbar, die Bevölkerung für die neue Gesell-
schaft reif hält.

$& 117.
Die neuere realistische Richtung.
v%. Philippovich, Das Eindringen der sozialpolitischen Ideen in die Literatur,
(Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert.) Leipzig 1908.
Gehrig, Die Begründung des Prinzips der Sozialreform. Jena 1914

Die alte
ıistorische
Schule.

Votwendigkeilt
wirtschafts-
‘3istorischer

Forschunn.

Schon in den vierziger Jahren entwickelte sich auf deutschem
Boden eine Richtung, welche sich ebensosehr der alten klassischen
Schule des Smithianismus wie der des Sozialismus entgegenstellte
ind in der Beurteilung der gegenwärtigen Entwicklungsphase im
Staatsleben trotz mannigfaltiger Gegensätze bis zum heutigen Tage
maßgebend geblieben ist. Ihre Hauptvertreter sind Bruno Hilde-
brand, Karl Knies und Wilhelm Roscher, deren Schriften
wir im Laufe unserer Untersuchungen oft begegnet sind. Wir halten
es nicht für unsere Aufgabe, in dieser historischen Uebersicht auf
diese Männer, in deren Fußtapfen wir unmittelbar getreten sind,
besonders einzugehen. In der wissenschaftlichen Methode ist die
Schule als die „historische“ bekannt und hat als solche eine ex-
tremere Fortbildung zur „neueren historischen“ Schule, wie sie durch
Schmoller begründet ist, erfahren. Sie wird bekämpft von der
durch Carl Menger begründeten Wiener Schule. Die Gegen-
sätze beider Schulen haben sich aber allmählich mehr und mehr aus-
yeglichen,

Es war eine natürliche und notwendige Reaktion gegen den
Smithianismus, daß man auf die Notwendigkeit einer gründlichen Unter-
3uchung der historischen Entwicklung des Wirtschaftslebens aufmerksam
machte. Auch Adam Smith und Malthus hatten nicht umhin ge-
konnt, Belege für ihre Ansichten aus der Geschichte heranzuziehen.
Vieles von den Aufstellungen der alten Schule erwies sich als unrichtig
oder schief, Man erkannte, daß es unmöglich war, die Arbeiterverhält-
nisse richtig zu beurteilen, ohne eine Vergleichung mit den früheren
Zuständen und eine Ergründung der Ursachen der Veränderungen
durchzuführen. Sozialistische Schriftsteller, wie Saint-Simon, ein
Realpolitiker wie Friedrich List stellten Gesetze für die histori-
schen Vorgänge im Wirtschaftsleben auf, wobei ihnen die nötige
Uebersicht fehlte und sie zu unhaltbaren Ergebnissen kamen. Es
ergab sich daraus die Notwendigkeit, größere Sorgfalt auf das
historische Studium zu verwenden. Es hatte daher diese historische
Richtung ihre unbedingte Berechtigung. Dasselbe ergab sich aus
der Kritik des Sozialismus, Unzweifelhaft hat die sozialistische
Schule ihre Verdienste, wie schon früher hervorgehoben, sowohl für
lie praktische Sozialpolitik, wie für die Wissenschaft. Schärfer als
von irgend einer anderen Seite ist von den sozialistischen Schrift-
stellern die Einseitigkeit des Smithianismus nachgewiesen, und sind
die Bedenken gegen das Prinzip „Laissez faire, laissez passer“ her-
vorgehoben. Aber ihre ganze Bedeutung lag eben in der Kritik,
Die sozialistische Schule setzte sich völlig über den historischen
Entwicklungsgang hinfort und wollte das ganze Wirtschafts- und