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Staatsleben auf eine völlig neue Basis stellen, ohne an die bisherigen
Zustände anzuknüpfen. Sie zeigte. sich daher noch mehr unhistorisch
als die Smithsche Schule. Auch dem gegenüber war es nötig, auf
die Geschichte hinzuweisen, deren Studium allein zunächst eine Ge-
sundung in den Anschauungen herbeiführen konnte.

Die alte Schule glaubte allgemein gültige wirtschaftliche Natur-
gesetze gefunden zu haben. Die Beobachtung ergab, daß jene sog.
Gesetze nur Regeln waren mit Geltung für eine bestimmte Zeit
und einen bestimmten Boden, Der ältere Sozialismus trug wesent-
lich dazu bei, jene Auffassung zu erschüttern, und setzte klar aus-
einander, daß viele der als gesetzlich angenommenen Vorgänge nur
einer bestimmten Klassenherrschaft entsprängen und daher wohl be-
seitigt werden könnten. Er ging darin aber wiederum zu weit, als
willkürlich anzusehen und die Beseitigung zu verlangen, wo es sich
um Institutionen handelte, die einmal der menschlichen Natur analog
sind und dann, wie sich aus der Geschichte erweisen läßt, als Grund-
lage unserer gesamten Kultur akzeptiert werden müssen, wie das
Privateigentum und die individuelle Freiheit. Infolgedessen erwies
9s sich als notwendig, die Natur des Menschen selbst näher zu stu-
dieren, die psychologischen Momente genauer zu berücksichtigen. Das
ist nun in der neueren Zeit sowohl von der Wiener wie von der Berliner
Schule anerkannt, und die Arbeiten speziell von Schmoller zeigen,
welch gründliches Studium er gerade der Philosophie zugewendet hat.
Sein bedeutendstes Werk, der „Grundriß“, behandelt in dem ersten
Teil die Grundlagen der Volkswirtschaft und wird durch die Ver-
tefung der Untersuchung und gerade die philosophisch-historische
Durchführung, sowie die besonders von Bücher erfolgreich be-
zonnene Heranziehung ethnologischer und anthropologischer KFor-
schungen, als ein bedeutsamer Fortschritt unserer Wissenschaft zu
bezeichnen sein. Schmoller tritt hauptsächlich in die Fußtapfen
von Knies, geht aber weit über ihn hinaus. Wir sehen seinen
Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, namentlich den
zweiten Teil, für das reichhaltigste, unsere Wissenschaft am meisten
fördernde Werk an, welches auf nationalökonomischem Gebiete seit
Dezennien erschienen ist, und sind ihm großen Dank schuldig, Wir
haben uns aber nicht überzeugen können, daß es sich um einen
Neubau unserer Wissenschaft auf neuem Fundament handelt, wie
Schmoller ihn früher als notwendig hinstellte. Das reiche histo-
rische Material hat vielfach das Verständnis für einzelne Fragen zu
klären vermocht, die Entwicklung der Vorgänge wird besser über-
sehen, die Grundanschauungen sind aber nirgends geändert. Die
Modifikationen im Aufbau der ganzen Darstellung sind vielfach als
sine Besserung anzuerkennen, doch sind sie ohne prinzipielle
Bedeutung. Dabei vermissen wir aber die entsprechende Vertiefung
in der Behandlung der Begriffsdefinitionen, wie sie für den
aotwendig. ist, der einen „Grundriß“ benutzt. Hier ist eine Ergänzung
von. anderer Seite sicher wünschenswert.

Durch die neuere vermittelnde Richtung ist zu allgemeiner An-
erkennung gebracht, daß es die Aufgabe unserer Wissenschaft nicht
ist, allgemeine Naturgesetze in dem Wirtschaftsleben zu ermitteln.
Denn dasselbe ist viel zu kompliziert, überall wirken eine so große
Zahl von Faktoren zusammen, daß die Isolierung nur ganz vereinzelt
möglich ist. Auf der anderen Seite ist die Grundlage desselben, der

Jonrad, Grundriß der polit. Oekonamie. I. Teil. 8. Aufl. a

Auffassung deı
wirtschaft-
lichen Natur-
gesetze.