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\nffassung des
Stnatas

ethische Moment dabei zu kurz gekommen ist und eine richtige
Beurteilung wirtschaftlicher Fragen nur möglich ist, wenn der Mensch
als gesittetes Kulturwesen aufgefaßt wird, dessen Handlungen ebenso
von ethischen Rücksichten geleitet werden, wie von denen der mate-
riellen Bedürfnisbefriedigung. Diesen Anschauungen schloß sich auf
das entschiedenste Bruno Hildebrand an. Sie sind in der ganzen
neueren deutschen Schule grundlegend gewesen. Hiermit steht
im engsten Zusammenhange die Auffassung des Staates und seiner
Aufgaben und die Anerkennung, daß ohne den Staat eine Volks-
wirtschaft nicht gedacht, geschweige denn richtig aufgyefaßt werden
kann.

Wie bereits Sismondi im Gegensatz zum Smithianismus dem
Staate höhere Kulturaufgaben stellte, die Harmonie zwischen Privat-
und Gesamtinteresse leugnete und das Eingreifen der Staatsgewalt
zum Schutze des Schwächeren in dem allgemeinen Konkurrenzkampf
für unumgänglich notwendig erachtete, so standen auf diesem Boden
voll und ganz die alte historische Schule und dann die neuere deutsche
Richtung. Sie tritt aber damit in einen entschiedenen Gegensatz
zum Sozialismus, daß sie sich auf den Boden des Individualismus
stellt, die individuelle Freiheit und Selbständigkeit im allgemeinen als
etwas Selbstverständliches voraussetzt, und nur als Ausnahmen durch
Gesetzgebung und Verwaltungsmaßregeln Schranken eintreten lassen
will. Die Erkenntnis hat sich immer allgemeiner durchgerungen, daß
die höheren Kulturzwecke nur durch den Staat erreicht werden können,
dem damit wieder eine höhere Stellung mit idealeren Aufgaben ge-
geben ist, als sie die alte Schule anerkannte. Auf der anderen Seite
wird dem Menschen nicht das Aufgeben seiner Individualität und
Menschenwürde und ein völliges Aufgehen im Staate zugemutet, wie
es der Sozialismus verlangt. Die neuere sozialpolitische oder realistische
Schule perhorresziert deshalb mit besonderer Schärfe das schranken-
lose Sich-Selbst-Ueberlassen des Einzelnen, wie es der Anarchismus
erstrebt, und akzeptiert den modernen Staat, um das Zurückfallen
in das Chaos nnd die Versumpfung in den kulturlosen Zustand zu
vermeiden. Sie erkennt als das zu lösende Problem an: die Indirvi-
dualitätderEinzelnenzurvollen Entwicklung zu bringen
und in möglichster Freiheit das Gefühl der Selbstver-
antwortlichkeit in jedem Mitgliede der Gesellschaft
zu pflegen, aber doch die gesamte Kulturin erster Linie
zu fördern, das Interesse des Einzelnen stets dem Ge-
samtinteresse unterzuerdnen.