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        <title>Nationalökonomie</title>
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            <forname>Johannes</forname>
            <surname>Conrad</surname>
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        </author>
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        | EIGENTÜUÜN
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INSTITUTS
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1 UCOT
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        Grundriß zum Studium

der

politischen Oekonomie ı

Von

Prof. Dr. J. Conrad
Halle a. 5.

Erster Teil

Nationalökonomie

Achte ergänzte Auflage

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Jena
Verlag von Gustav Fischer
1915

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        Verlag von Gustav Fischer in Jena.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Deutschen Reiches.
Von Dr. Albert Hesse, Prof. der Staatswissenschaften, Mit 5 Zeichnungen
(VI, 56 8. gr. 8%) 1913. Preis: 1 Mark 60 Pf.
Inhalt: Einleitung, I. Die Grundlagen, 1, Die Entwicklung. Mittel
der Darstellung. Ergebnisse. 2. Die Entwicklungsbedingungen. Landwirtschaft.
 Gewerbe. Handel. 3. Die Folgen. Bevölkerungsprobleme,. Wohlstandsentwicklung.
 Ländliche Arbeiterfrage und Landflucht. Risiko der Weltwirtschaft.
Soziale Rückwirkungen, — II. Die Formen, 1. Die Betriebsformen. Wesen und
Arten. Entwicklung. (Landwirtschaft, Industrie und Handel.) Kapital und Technik.
(Die Ueberlegenheit des Großbetriebs. Die Erfassung des Kapitals. Bedeutung und
Fortschritte der kapitalistischen Technik.) Der Aufbau der Betriebe. (Die Gliederung
der Arbeitskräfte. Soziale Folgen.) 2. Die Unternehmung sformen, Private Unternehmungen.
 (Einzelunternehmung, Gesellschaftsunternehmung, Genossenschaftsunternehmung.)
 Oeffentliche Betriebe. Gemischte Unternehmungen. Schluß. — Literatur.
Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1913. Nr. 11:
„..- Die außerordentlich klare und folgerechte Gliederung des Stoffes erleichtert sehr das
Verständnis der Ausfuhrungen des Verf. .,. Die Schrift dürfte ihren Zweck, einen Ueberblick
über die großen Züge der wirtschaftlichen Entwicklung zu geben, in vollem Umfange erfüllen
und sei daher der Beachtung empfohlen. Max Mendelson. Aachen.

Güterverzehrung und Güterhervorbringung. von Dr.
Wilhelm Hasbach, ord. Prof. au der Univ. Kiel. 1906, Preis: 2 Mark 40 Pf.
Inhalt: Erster Teil. Güterverzehrung und Güterhervorbringung.
1. Kritik des Systems der Sozialwirtschaftslehre. 2. Folgerungen aus dem Wesen der
gesellschaftlichen Wirtschaft. 3. Nachfrage und Güterverzehrung. 4. Die Güterhervorbringung.
 Definition, Einteilung, ihre Probleme, 5. Der Einfluß der Nachfrage
und des Handels auf die Güterhervorbringung. 6. Das Mißverhältnis zwischen Güterverzehrung
 und Güterhervorbringung (Die Krisen). 7. Nachfrage und Betriebsgrößen.
Der Standort. 8. Bergbau, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Gewerbe. 9. Der Staat und
die Güterhervorbringung. — Zweiter Teil. Ergänzungen. 1. Wirtschaften und
Sozialwirtschaftslehre. 2. Gegen Stammlers „Wirtschaft und Recht“.

z) .. mit besonderer Berücksichtigung der Stellung
Das Volksvermögen des Grund und Bodens darin.
Von Dr. Fedor Weinschenk. 1898. Preis: 2 Mark 40 Pf.

Recht und Sitte auf den primitiveren wirtschaftlichen
x &amp;gt; Von Richard Hildebrand, Zweite, wesent-Kulturstufen.
 lich umgearbeitete Auflage. 1907, Preis: 5 Mark.
Inhalt: 1. Jäger und Fischer. 2. Hirten. 3. Primitivste Form des Ackerbaues.
 Die Germanen des Caesar und Taecitus. — IV. Grundeigentum.

Das Produzenteninteresse der Arbeiter und die Handelsfi
 ih it Ein Beitrag zur Theorie vom Arbeitsmarkt und vom Arbeitslohn.
FeEINEI. Von Heinrich Dietzel, Professor an der Universität Bonn,
(VIIL, 108 8, gr. 8°.) 1908, Preis: 3 Mark,
Inhalt: Einleitung. Die Stellung der Arbeiterführer zu der handelspolitischen
 Kontroverse. — Die Handelssysteme und der Arbeitsmarkt.
1. Das Argument der Auslandsereignisse, 2. Das Krisenargument. (Die Gefahr der
„Rückschläge fremder Krisen“.) Die Gefahr injändischer Krisen. — Die Handelssysteme
 und der Arbeitslohn. 1, Das Argument der „reichlicheren Arbeitsgelegenheit“.
 2. Das Argument der „Hungerlöhne“ in den Ausfuhrgewerben, 3, Das
Lohngesetz und der Freihandel. (Temporäre und partikuläre Lohnbewegung, Dauernde
und allgemeine Bewegung des Lohnniveaus.) — Schlußwort.

Die kapitalistische Anwendung der Maschinerie. von
Heinrich Mannstaedt, Dr. phil. et rer, nol. in Roun. Mit einer Kurve
im Text. 1905. Preis: 2 Mark.

„Handel und Gewerbe“, Nr. 1 vom 7. Okt. 1905:
Die vorliegende Arbeit ist aus der Absicht des Verfassers hervorgegangen, Marx’ Theorie
der industriellen Reservearmee zu widerlegen. Der Verfasser sucht die Frage zu beantworten,
ob den Nachteilen, die durch die Anwendung von Maschinen hervorgerufen werden, eine Kompensation
 gegenüberstehr.
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        Grundriß zum Studium

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politischen Oekonomie

Von

Prof. Dr. J. Conrad
Halle as

Erster Teil

Nationalökonomie

Achte ergänzte Auflage

Jena
Verlag von Gustav Fischer
1915
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        Alle Rechte vorbehalten.

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        Vorwort zur dritten Auflage.

Hiermit übergebe. ich den ersten Teil meines Grundrisses in
wesentlich erweiterter Form der Oeffentlichkeit. Ich konnte es mir
nicht verhehlen, daß die bisherige Ausgabe hauptsächlich nur eine
Ergänzung meiner Vorlesungen für meine eigenen Zuhörer bildete.
Ich habe nun versucht, den Grundriß auch einem weiteren Publikum
zugänglich zu machen. Wie ich meine Hauptlebensaufgabe stets nur
in der Lehrtätigkeit gesehen habe, so prätendiere ich auch hiermit
nicht, die Wissenschaft wesentlich zu fördern. Ich habe vielmehr nur
versucht, was. ich als Gemeingut der Wissenschaft ansehe, übersichtlich
 zusammenzufassen, wobei doch der Natur unserer Wissenschaft
 gemäß der individuelle Standpunkt zur Geltung kommt.
_. Wie es in den Vorlesungen die Aufgabe ist, in gedrängter Form
nur das Wesentlichste auszuwählen und den Hörer mit Nachäruck
darauf hinzuweisen, das Unwesentliche. aber möglichst zurücktreten
zu lassen, so ist es in gleicher Weise in einem Grundriß der Fall.
Wie dort.so handelt es sich auch hier nur darum, die hauptsächtichsten
 Lehren als Grundlage zu geben, in die Methode einzuführen,
das Interesse zu wecken und zum weiteren Forschen anzuregen. Der
Erfolg hängt deshalb dort wie hier davon ab, das Wesentliche vom
Unwesentlichen in der richtigen Weise zu scheiden und für die Darstellung
 die richtige Form zu finden. Von diesem Standpunkt aus
will die Schrift hauptsächlich beurteilt sein.
Ein Grundriß soll nicht ein Lehr- und Handbuch ersetzen, in
welchem das ganze Material niedergelegt sein muß, um daraufhin
selbständig fortarbeiten zu können. Deshalb ist dort großes Gewicht
auf eine umfassende Zusammenstellung der einschlagenden Literatur
zu legen. In einem Grundriß wie in einer Vorlesung wirkt es nur
verwirrend auf den Leser wie den Hörer, wenn ilm eine zu große
Auswahl von Schriften vorgelegt wird, weil er selbst die richtige
Wahl nicht zu treffen vermag. Ich habe deshalb diese möglichst beschränkt,
 wobei natürlich wiederum das individuelle Urteil des Verfassers
 einseitig zur Geltung kommt.
Mein Bestreben ist es vor allem gewesen, dem Leser das Material
zu liefern, sich ein eigenes Urteil über die vorliegenden Fragen bilden
zu können, erst in zweiter Linie und nachträglich habe ich meine
eigene Ansicht ausgesprochen. Beides ist für den nötig, der erst
in die Wissenschaft eingeführt sein will. Er bedarf eines Anhaltes
an der Auffassung des Autors, muß aber die Möglichkeit haben, auf
Grund des vorgelegten Wissensstoffes und durch die Vergleichung
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        IVY

mit der Meinung Anderer Kritik zu üben. Wer als Dozent oder
Schriftsteller rein dogmatisch vorgeht, wird im Moment einen größeren
Erfolg haben, aber sicher nicht nachhaltig günstig wirken. Gerade
bei einer Wissenschaft, die noch ganz im Flusse der Entwicklung
steht, deren Lehren im praktischen Leben die mannigfaltigste Anwendung
 auf den einzelnen Fall erfahren müssen, ist es vor allem
wichtig, das selbständige Denken anzuregen und die wissenschaftliche
Methode zu bieten. Beides habe ich mir hier zur Aufgabe gestellt.
Halle a. S., September 1900.
Der Verf.

Die vorliegende siebente Auflage hat Ergänzungen namentlich
in der Literatur, aber auch in der Gesetzgebung und Statistik erfahren.
 Bei der Korrektur hat mich der Regierungsassessor Dr. jur.
et phil. Herbert Conrad in dankenswerter Weise unterstützt.
August 1910.

Der Verf.

Die achte Auflage hat durch die eingehende Mitwirkung des
Herrn Prof. Dr. A. Hesse, der die Paragraphen 49—62 über das
Bankwesen ausführlich ergänzt hat, eine wesentliche Förderung
erfahren, wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen
Dank ausspreche. Die Herstellung des Registers hatte wieder der
Regierungsassessor Dr. jur. et phil. Herbert Conrad übernommen,
der mich ebenso wie Herr Dr. Joh. Müller in dankenswerter Weise
bei der Korrektur unterstützte.
Die wirtschaftlichen Einflüsse des Krieges von 1914 auf die
Volkswirtschaft waren noch nicht sicher genug festzustellen, so daß
sie nur ausnahmsweise Berücksichtigung finden konnten. Das wird
der Neubearbeitung der Volkswirtschaftspolitik vorbehalten bleiben.
Januar 1915.

Der Verf.
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        [nhaltsverzeichnis.

Seite

Einleitung.
as Wesen der Volkswirtschaft und der Volkswirtschaftslehre .
Volks- und Privatwirtschaft.
Wesen der heutigen Privatwirtschaft.
Wirtschaft.
Volkswirtschaftslehre.
Stellung der Nationalökonomie zu den verwandten Wissenschaften
Politische Oekonomie.
Volkswirtschaftspolitik,
Finanzwissenschaft.
Me Stellung der politischen Oekonomie zu den anderen Staatswissenschaften
 . . . . «4
Politik.
Polizeiwissenschaft.
Statistik,
Kameralwissenschaften.
Soziologie.
8&amp;amp; 4. Die allgemeine Literatur
$ 5. Grundbegrife . . .
a) Das Gut.
Out.
Freies Gut.
b) Der Wert ,
Wert.
Gebrauchs- und Tauschwert.
Objektiver und subjektiver Wert,
Volkswirtschaftlicher Wert.
Gemeiner Wert.
Faktoren der Wertbestimmung.
Wertverschiebung.
$ 7. Vergleichung der verschiedenen Begriffsdefinitionen des Wertes . .
Turgot.
Die N ürenrnutzentheode
Arbeit als alleiniger Wertfaktor.
Carey.
Bastiat.
Marx,
$ 8. Preis und Vermögen
Preis,
Vermögen.

‘a

Abschnitt I.
Die Lehre von der Produktion,
Kapitel I.
Die Grundlage der Produktion.
159 Das Bedürfnis als Ursache der volkswirtschaftlichen Tätigkeit
Bedürfnis als treibende Kraft.
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        seite

Veränderlichkeit der Bedürfnisse,
Bedürfnissteigerung.
$ 10. Das Privatinteresse als wirtschaftliches Agens
Egoismus.
Historische Schule.
Wiener Schule.
$ 11. Das Wesen der Produktion . .
Freie Wertbildung,
Produktion.
Gewerbe. ;
Physiokratische Anschauung.
Produktivität des Handels.
Das menschliche Urteil Wert erzeugend.
$ 12. Das Wesen der Konsumtion .
Ca Wertvernichtung.
Konsumtion,
Die Natur als Produktionsfaktor ... . ..
Einfluß von Klima und Bodenbeschaffenheit.
Einfluß des Menschen auf die Natur.
$ 14. Die menschliche Arbeitskraft . .
Physische Arbeitskraft.
Intellektuelle Eigenschaften.
Sittliche Eigenschaften.
$ 15. Das Kapital. .. ...
Definition des Kapitals.
Verschiedene Auffassung des Kapitals.
äeld und Kapital.
&amp;amp; 16. Die Arten des Kapitals . .. ..
Betriebskapital.
Stehendes und umlaufendes Kapital.
Kapitalsbildung.
Grenzen der Kapitalsbildung.
Bedeutung des Kapitals.
Die Vereinigung der Produktionsfaktoren in den Gewerben und UnternehmungeNn
 . 2
Die Entwicklung der einzelnen Gewerbe,
Das Unternehmen.
Verhältnis der Faktoren im Gewerbe.
Ueberwiegen des Kapitals auf höherer Kulturstufe.
8 18. Das Eigentum. .........
Befugnisse des Eigentümers.
Arten des Eigentums. .
Naturrechtliche Begründung des Eigentums.
Arbeitstheorie.
Legaltheorie,
$ 19. Die geschichtliche Entwicklung des Eigentumsrechtes
Aelteste Zeit.
Allmähliche Beschränkung des Rechtes,
Enteignung.
Deutsches Bürgerliches Gesetzbuch.
$ 20. Der Tausch 2... 0.0.0000. 40004
Ausdehnung des Tausches mit der Kultur.
Gemeinsames Interesse der Tauschenden.
8 21. Die Konkurrenz . .. 2. ...0... 0.
Interessengegensatz beim Tausch.
Zegulierende Kraft der Konkurrenz nach A, Smith.
Ainseitigkeit der Smithschen Lehre,
Jngleichheit der Macht der Konkurrenten.
Nachteile übermäßiger Konkurrenz.
$ 22, Die Arbeitsteilung ... . 0.0... 0...
Differenzierung in der Tierwelt.
Seschiehtliche Entwicklung der Arbeitsteilung.

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        VII

Seite

Arbeitsteilung im modernen Großbetriebe.
Arbeitsteilung in den einzelnen Betrieben.
Bildung der Stände und Berufsklassen.
&amp;amp; 23. Vorzüge und Nachteile der Arbeitsteilung
Vorteile der Arbeitsteilung.
Ausbildung der Leistungsfähigkeit.
Anpassung der Tätigkeit an die Fähigkeit.
Vermeidung des Wechsels der Beschäftigung. .
Arbeitsteilung im großen unter Benutzung von Maschinen.
Standardisierung.
Vachteile der Arbeitsteilung,
Beeinträchtigung der körperlichen Entwicklung.
Einseitige Schulung.
Gefahr zu großer Spezialisierung.
Die Arbeits- und Kapitalsvereinigung . . . .
Summierung der Kräfte.
Vereinigung verschiedenartiger Arbeiten.
Vereinigung verschiedener Unternehmungen.
Kapitalsvereinigung.
Beispiele moderner Kapitalsvereinigung.
Grenze des Nutzens der Kapitals- und Arbeitsvereinigung. |
Kapitel II.
Das Geld.

Die Entstehung des Geldes .
Allgemeines Tauschmittel.
Viehgeld.
Sonstige Waren als allgemeines Tauschmittel,
Erstes Metallgeld.
Stempelung des Geldes,
Prägung.
S 26. Das Wesen des Geldes. . . .
Volkswirtschaftliche Funktionen.
%esetzliches Zahlungsmittel.
Anforderungen an das Geld,
Zdelmetalle.
egensatz von Geld und Ware.
Edelmetalle und Geld.
$ 27. Die Ursachen der Wertschwankungen der edlen Metalle
Wertbestimmung des Edelmetalles,
industriebedarf,
Münzbedarf.
\ngebot.
3Zeschaffungskosten als untere Wertgrenze.
3 28. Wertschwankungan der Geldes.
Quantitätstheurie.
Wert des Edelmetalles als Grundlage des Geldwertes,
3roße Elastizität des Verkehrs in der Aufnahme von Umlaufsmitteln,
Feststellung des Geldwertes.
Produktionsbedingungen der Waren als Grundlage der Geldwertsbestimmung.

Einfluß der Lebensansprüche auf den Geldwert,
3 29. Die volkswirtschaftlichen Folgen der Wertschwankungen des Geldes .
Folgen der Geldentwertung.
Folgen einer Verteuerung des Geldes.
3 30. Die Geschichte der Wertschwankungen der Edelmetalle
Altertum.
Mittelalter.
Neue Zeit.
L9. Jahrhundert.
Die neuere Zeit.
Ursachen der neuesten Geldwertveränderung.,
8 31. Zur Statistik der Edelmetalle .
Produktion.

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        Seite

Münzbestand.
Verbrauch.
8 32. Das Verhältnis zwischen Gold und Silber
Geschichtlicher Ueberblick.
Neuere Zeit,
Ursachen der Entwertung des Silbers,
Zunahme der Silberproduktion.
$ 33. Die volkswirtschaftlichen Wirkungen der Silberentwertung
Verlust durch das Sinken des Silberwertes.
Wirkung auf alle Warenpreise,
3 34. Die Aufgaben des Staates in bezug auf das Geld
Münzregal.
Kurant- und Scheidemünze.
Schrot und Korn.
Schlagschatz.
S 35. Die Währung . 0.0... ..
Arten der Währung.
Historische Entwicklung.
Die theoretische Grundlage der Währungsfrage . . . 2.0.0...
Bedeutung einer einheitlichen Basis für den internationalen Verkehr.
Vorzüge der Goldwährung.
Doppelwährung.
Wirkung bei Durchführung in einem einzelnen Lande.
ET nach 1:16.
Wertverhältnis 1:34.
3üß’ Hypothese.
Möglichkeit des Bimetallismus in der Zukunft.
Schlußfolgerung.
Kapitel 311.
Der Kredit.

$ 37. Das Wesen des Kredits . . .
Grundlagen des Kredits.
Geschenk, Kauf, Darlehn.
Voraussetzungen der Kreditwirtschaft.
Die Arten des Kredits . .. ..
Konsumtionskredit.
Borgsystem,
Real- und Personalkredit.
$ 2° Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kredits
Kredit als Zahlungsmittel im lokalen Verkehr
Internationales Zahlungsmittel,
E£rsparung von Münze.
Kredit als produktive Macht.
Unterstützung des Besitzlosen.
Konzentrierung kleiner Summen.
Vorsorge für die Zukunft.
Gegenseitige Kontrolle.
Kredit Produktionsfaktor ?
J. St. Mill.
Gefahren des Kredits

7

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17

19

‚23

Kapitel IV.
Die Arten der Volkswirtschaft.

l 8 40. Verschiedene Einteilung der wirtschaftlichen Entwicklung
Fr. List.
Bücher.
Schmoller.
7. Philippovich.
Hildebrand.
$ 41. Die Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft. . .
Wirtschaftliche Eigenart der Naturalwirtschaft.

128

188
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        Seite

Politische Wirkung.
Geldwirtschaft.
Kreditwirtschaft.

Kapitel V.
Der Preis.

NIS GB

$ 42. Das allgemeine Preismaß
Arbeit als Wertmaß,
Getreide.
Edelmetalle.
$ 43. Die Preisregulierung bei freier Konkurrenz . .
Beschaffungskosten als Grundlage des Preises.
Angebot und Nachfrage.
Surrogate,
Verschiedene Herstellungskosten.
Getreidepreise,
8 44. Die Preisregulierung bei beschränkter Konkurrenz
Versteigerung.
Seltenheitspreise.
Engros- und Detailpreise.
Gerechte oder angemessene Preise,
$ 45. Der Preis des Grund und Bodens
Städtische Grundpreise.
Statistik.
3 46. Preise der landwirtschaftlichen Grundstücke.
Statistik.
Grundlagen des Preises.
Reinertrag.
rundbedingungen des Reinertrages.
Pachtpreise.
Kaufpreise.
$ 47. Der Preis der landwirtschaftlichen Produkte
Preisregulierung.
Durchschnittspreise.
Jahrespreise.
Kingsche Regel.
3tatistik.
Ausgleich.
Verhältnis der verschiedenen Getreidearten.
Fleisch und Butter,
Die Entwicklung der Preise der Industrieprodukte
Preise von Tloskau.
Hamburger Preise,
Preise des deutschen statistischen Reichsamtes.
Englische Indexnummern.

Pen
Kapitel VI.
Das Bankwesen,
Das Wesen der Banken und ihre Geschichte .
Wesen der Banken.
Altertum und Mittelalter.
Wechsler.
Bankgründungen.
Zahlungserleichterung.
Die Entwicklung der Banktätigkeit und das Girogeschäft
Entwicklung der verschiedenen Bankgeschäfte,
Giroverkehr.
Ss 51. Das Depositengeschäft. .... . .
Depots.
Gelddepositen.
Vorteile für den Deponenten.
Vorteile für die Bank.

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$ 52. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Depositenverkehrs
Mehrfache Funktion der Depositen.
Zwang zur Reservehaltung.
Voraussetzungen eines allgemeinen Depositenverkehrs
$ 53. Das Schecksystem . . .....
Wesen des Schecks,
Deutsches Scheckgesetz.
Bequemes Zahlungsmittel.
Clearinghouse.
Deutsches Postscheckgesetz.
$ 54. Das Lombardgeschäft . .
Warenlombard.
Warrant.
Effektenlombard.
$ 55. Die geschichtliche Entwicklung des Wechsels
Historische Entwicklung.
Zahlungsmittel im Mittelalter.
Wechselmessen.
Wechselrecht.
$ 56. Die Natur des Wechsels. . . .
Begriff und Arten des Wechsels.
Mit dem Wechsel verbundene Rechte und Pflichten.
Erfordernisse des Wechsels.
[ndossament.
Akzept.
Wechselprotest.
Wechselstrenge.
Volkswirtschaftliche Wirkung.
Wüucher,
Wechselreiterei.
8 57. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Wechsels
Internationales Zahlungsmittel.
Diskontogeschäft,
$ 58. Der Wechseldiskont . . .
Diskuntopolitik. ;
Grundlage der Diskonthöhe.
Diskont und Landeszinsfuß.
Statistik.
Die internationale Zahlungsbilanz und der Wechselkurs
Defizit im internationalen Handel.
Günstige und ungünstige Handelsbilanz.
Offizielle Statistik.
Zahlungsbilanz.
Ausgleichung einer Unterbilanz,
Wechselkurs.
Wert der Valuta.
Sicherheit des Wechsels.
x Grenzen der Kursschwankungen.
7 8 60. Die Zettelbanken ‘. . . ..
Note.
Volkswirtschaftlicher Nutzen der Note
Curreneyschool.
Gefahren der Notenemission.
$ 61. Das Papiergeld .. . . . .
Privatpapiergeld,
Staatspapiergeld in der Gegenwart.
Volkswirtschaftliche Wirkung.
Folgen der Zuvielausgabe,
Kursschwankungen.
Wirkung der Kursschwankungen.
Statistik.
S 62. Die Zettelbankpolitik . . . .
Freie Notenemission.

Seite
175

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209

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        Seite

Zentralisation.
Vorteile reiner Staatsbanken.
Nachteile der Zentralisation.
8 63. Die Normativbestimmungen für die Zettelbanken und die Einrichtungen
einzelner Landesbanken‘. . ; . „2.0. 218
Deckungsfrage,
Amerikanische Union,
Kontingentierung.
Verbot kleiner Noten.
Einlösungsverpflichtung.
Staatskontrolle.
Solidarhaft,
$ 64. Die Notenbanken einzelner Länder
Entwicklung in Deutschland.
Deutsche Baukgesetzgebung.
Jesterreich.
England,
Frankreich.

Kapitel VII.
Das Börsenwesen

7.5 65. Die Börse . . . . .
Arten der Börse.
Geschichte.
Rechtliche Stellung.
Einrichtungen an der Börse. ;
8 66. Die hauptsächlichsten Börsengeschäfte
Arten der Börsengeschäfte.
Termingeschäfte.
Reportgeschäfte,
Liquidationskasse.
Makler,
Kurszettel.
$ 67. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fondsbörse in der Gegenwart . 239
Erleichterung der Kapitalsanlage.
Die Erleichterung der Kapitalsaufnahme.
8 68. Die Bedeutung der Warenbörse .
Papierware.
Ausgleichende Wirkung des Terminhandels.
Risikoausgleichung durch den Terminhandel bei Effekten,
Verteilung des Risikos beim Warengeschäft.
Kaffeetermingeschäft.
Getreideterminhanudel.
8 69. Gefahren der Börse . .
Beteiligung Unberufener.
Jobbertum.
Gesetzliche Schutzmaßregeln.

49

Kapitel VIIL
Die Erwerbsgesellschaften.
AÄ{4 | FT { 70 Die verschiedenen Arten der Erwerbsgesellschaften .
Offene Handelsgesellschaft,
Kommanditgesellschaft.
Aktiengesellschaft.
Rechtliche Erfordernisse
Die Organe.
Die Aktie.
Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
Gewerkschaft,
Genossenschaften.
8 71. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften
Entstehung.

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3 | a

Aktiengesetzgebung.
Vorteile der Aktiengesellschaften für Kapitalisten.
Volkswirtschaftliche Vorteile.
Nachteile der Aktiengesellschaften.
Schwerfälligkeit und Kostspieligkeit der Verwaltung
Ersatz durch Staats- und Kommunalbetrieb.
Statistik.
$ 72. Die Credit-mobiliers oder Emissions- und Industriebanken
Unterschied zwischen Bank- und Börsengeschäften.
Historische Entwicklung.
Credits-mobiliers in Deutschland.
Diskontogesellschaft.
Die Deutsche Bank.
Kritik.
Vorbedingungen der Gründung von Aktiengesellschaften.
8 73. Der Staat und die Aktiengesellschaften
Deutsches Aktienrecht.
$ 7’ MKartelle .. 0.0.0.0... .
Ursachen der Kartellbestrebungen,
Beeinflussung der Preise,
Regelung der Produktion.
Veränderung der Produktionskosten.
Gewinnkartellierung,
Fusion und Trusts.
Die volkswirtschaftliche Wirkung.
Voraussetzungen der Kartelle.
Schwierigkeiten, welche ausgedehnteren Kartellen entgegenstehen.
Gefahren der Kartelle.
Ausbreitung der Kartelle.
Maßregeln gegen die Kartelle.
Ausbreitung des Stantsbetriebes, ı
Kapitel IX.
Die volkswirtschaftlichen Krisen.
Historische Uebersicht . . .. .
Der Begriff,
Tulpenmanie,
John Law.
Assignatenkrisis,
Das 19. Jahrhundert.
Agrarkrise der zwanziger Jahre.
1847,
1857.
1866.
1878.
Statistik.
1882,
1898.
VYolkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen
Verschiedene Arten der Krisen. *
Ursachen.
Ursachen der Preisschwankungen,
Ueberproduktion.
Sozialistische Erklärung der Krisen.
Maßregeln gegen Krisen.
Folgen der Krisen. |
Abschnitt 11.
Die Verteilung des Ertrages der Volkswirtschaft.
Das Einkommen und seine Verteilung
Ertrag.
Einkommen.
Verteilung des Einkommens.
Nachteile einer gleichen Verteilung.

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170

277

9281

4
3

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308
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        Z7II

Seite

Schädlichkeit der Konzentration des Besitzes.
Wirkungen des Luxus.
Eingriff der Staatsgewalt in die Einkommensverteilung.
8 78. Die neuere Entwicklung der Vermögensverteilung
Historischer Rückblick,
Vergleichung verschiedener Länder.
Auf Verteilung der großen Vermögen hinwirkende Momente.
Vier Teile des Einkommens.
$ 79. Die Grundrente . . . . . &amp;gt;
Pacht und Grundrente,
Grundrente infolge der Gunst der Lage.
Bauplätze.
Ricardos Theorie.
Verwischung der Grundrente durch die Kulturentwicklung.
Statistischer Nachweis der Grundrententheorie,
Meliorationen,
Gegner der Grundrentenlehre,
3 80. Die Kapitalrente und der Kapitalzins . . . . . . +
Wesen der Kapitairente.
Produktivität des Kapitals.
Kapitalzins.
Berechtigung des Zinses.
Zinsfuß,
Abweichung der Höhe des Zinsfußes von der der Rente.
Statistik.
Ausgleichung und nächste Zukunft des Zinsfußes,
8 81. Die Arbeitsrente und die Arten des Arbeitslohnes
Arbeitsrente und Lohn.
Naturallohn.
Akkordiohn.
Teilnehmerschaft am Reingewinn,
Recht des Arbeiters auf den Geschäftsgewinn.
Fabrik.
Landwirtschaft.
Handwerk.
8 82. Die Lohnhöhe. . . . --Lohn
 nach dem Opfer.
Lohn nach der Leistung.
Lohn nach dem Lebensbedürfnis.
Internationale Vergleichung.
8 83. Die Lohnregulierung . . -
Lohnregulierung.
Ricardo.
Ehernes Lohngesetz.
Reservearmee.
Lohnfondstheorie.
Neue Arbeitsgelegenheit. .
Erhöhung der Leistungen des Arbeiters. |
Lohnerhöhung auf Kosten der anderen Produktionsfaktoren,
8 84. Der Unternehmergewinn . ... . +
Unternehmen und Unternehmer.
Unternehmergewinn.
Unternehmergewinn als Kapitalsrente.
Unternehmergewinn als Arbeitsrente

313

HR

2

3920

AZ

©
de

34£

Abschnitt II
Die Geschichte der Nationalökonomie.

}

-

Abihleitung . ,
4 85. Yan Ee Altertum ,
olkswirtschaftliche Leistungen des klassischen Alterti .
l } € ums.
GT nSSE wissenschaftliches Interesse für wirtschaftliche Tätigkeit.

351
3592
        <pb n="17" />
        KL Y

x61be

Xenophon.
Aristoteles,
Rom.
$ 86. Das Mittelalter . . .. 0... 0.4.
Wirtschaftliche Zustände in Deutschland.
Kanonisten.
$ 87. Der Beginn der neueren Zeit. . ... .. WO
Nationalökonomische Schriftsteller Ende des Mittelalters.
LImther.,
Calvin.
$ 88, Die erste Periode des polizeilich-kameralistischen Zeitalters .
Das 16. und 19. Jahrhundert.
$ 89. Die merkantilistischen Anschauungen . .
Stellung des Staates.
Das Geld.
Handelsbilanz und ihre Konsequenzen,
Stellung zum Auslande.
$ 90. Die wissenschaftlichen Vertreter des Merkantilismus
Italiener.
Engländer.
Franzosen.
Deutsche.
&amp;amp;$ 91. Die merkantilistische Praxis . . .
Persönliche Willkür des Herrschers,
Feindschaft gegen das Ausland.
Sechutzzollpolitik.
Colbert.
Künstliche Förderung der Gewerbe.
Förderung der Volksvermehrung.
Der Umschwung der Anschauungen im freihändlerischen Sinne im
Laufe des 18. Jahrhunderts. . . 2.0.0000... 0.00.00. 0. 4 0 1 + 868
Schlimme Folgen des Merkantileystems für die Volkswirtschaft.
Opposition gegen den Polizeistaat.
$ 93. Das physiokratische System. . .
Boisguillebert.
Vauban.
Quesnay.
Gournay.
Turgot.
Die tatsächlichen Verhältnisse.
$ 94. Die Vorläufer des Adam Smith
Hume.
Humes Geldtheorie,
$ 95. Adam Smith. ....-Leben
 und Werke.
Ursachen des Volkswohlstandes.
Arbeitslohn,
Freiheitsprinzip.
Kritik, ;
Die wirtschaftlichen Verhältnisse am Ende des 18. und zu Beginn des
19. Jahrhunderts. .
England.
Die Erfindungen.
Frankreich,
Deutschland.
3 97. Die Pessimisten . .
a) Robert Malthus.
Das Malthussche Bevölkerungsgesetz.
Unzulänglichkeit der Zunahme der Nahrungsmittel,
Konsequenzen der Lehre.
Kritik.
b) David Ricardo. . . ..
Leben und Schriften.

8
        <pb n="18" />
        Seite

Wertlehre.
Grundrente,
Lehre vom abnehmenden Reinertrage.
Arbeitslohn,
Die Optimisten. . ..
a) Frederic Bastiat.
J. B. Say.
Bastiats Schriften,
Üarey . 0.0.0. 20.
Franklin und A. Hamilton.
Leben und Schriften Careys.
Volksreichtum und Wert bei Carey.
Besserung der Lage der Arbeiter.
Geldtheorie.
Bekämpfung der Grundrentenlehre.
Gegner des Malthus.
Kritik.
Schutzzoll.
Heinrich von Thünen . .... 2. . nr 8
Aeltere Vertreter der Smithschen Lehre in Deutschland.
J. H. von Thünen.
Der isolierte Staat.
Grundrente,
Kapitalzins.
Normierung des Arbeitslohnes.
Die individualistischen Gegner der Smithschen Schule
a) Jean Charles Leonard Simonde de Sismondi,
Leben und Werke.
Seine Lehre,
3 103. Die romantische Schule der Nationalökonomie
b) Adam Müller, K. L. von Haller.
A, Müller.
L. v. Haller.
Friedrich List. . . .
Stellung zu A. Smith.
Lebensbild.
Würdigung seiner Leistungen.
Seine Lehre.
3 105. Das Wesen des Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus. .
Sozialismus.
Kommunismus.
Vergesellschaftung des wirtschaftlichen Betriebes,
Sozialdemokratie.
Anarchismus.
$ 106. Die Staatsromane . . . . .
Platos Staat. .
Utopia des Th. Morus.
Kritik.
Sonnenstaat des Campanella.
Die Entwicklung des Sozialismus und Kommunismus in der neueren Zeit
bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts . . . .
Th. Münzer.
J. J. Rousseau.
Mably und Andere.
1789.
Babeuf.
3 108, Claude Henry de Saint-Simon und der Saint-Simonismus
Leben und Schriften.
Der Saint-Simonismus.
Bazard.
Enfantin.
8 109. Fourier. . ... .
Leben und Lehren.

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® 100. b)

$ 101,

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391

193

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1092

104

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113

416

LO

AZ
        <pb n="19" />
        XYVI

Seite

Praktische Vorschläge,
V. Considerant.
$ 110. Robert Owen . . ..
Leben und Schriften,
Grundanschauungen,
Praktische Versuche.
$ 111. Johann Gottlieb Fichte . . .
Sozialistische Anschauungen.
Geschlossener Handelsstaat.
$ 112, Louis Blanc und Lassalle . . . .
Bewegung in Frankreich bis 1848
Buchez.
L. Blanc,
F, Lassalle.
Ehernes Lohngesetz,
Produktivassoziationen,
Der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus
Rodbertus-Jagetzow.
Leben und Schriften.
Grundanschauungen,
Gesetz der fallenden Lohnquote.
Forderungen für die Zukunft.
3 114. Karl Marx. .. . ..
Leben und Schriften.
Kommunistisches Manifest.
Materialistische Geschichtsauffassung
Industrielle Reservearmee.
Wertbestimmung.
Profitrate.
Zunehmende. Verelendung.
Kritik,
$ 115. Die Revisionisten und die Bodenreformer
Die Revisionisten,
Anton Menger.
Die Bodenreformer.
$ 116. Der Anarchismus .
Proudhon.
Hauptlehren.
Anarchistische Anschauungen.
M. Stirner.
Bakunin.
Kropotkin.
Die neuere realistische Richtung . .
Die alte historische Schule.
Notwendigkeit wirtschaftshistorischer Forschung
Auffassung der wirtschaftlichen Naturgesetze.
Grenze der historischen Aufgabe.
Stellung zur Volkswirtschaftspolitik.
Wiener Schule.
Ben EUNE des ethischen Momentes.
Auffassung des Staates.
Register

423

425

1

RE

3

139

‚48

153
        <pb n="20" />
        Einleitung.

S

Das Wesen der Volkswirtschaft und der
Volkswirtschaftslehre.

Als erste Aufgabe liegt uns ob, über die Natur des Gegenstandes
zu orientieren, welcher uns hier beschäftigen soll. Das ist die Volkswirtschaft.
 Und doch wird es der eingehenden Erörterung der
ganzen Schrift bedürfen, um darüber eine nähere Aufklärung zu bieten.
Wir müssen deshalb hier im Eingange den Versuch machen, durch ein
Beispiel aus dem praktischen Leben kurz das Wesentliche zur Anschauung
 zu bringen.
Das Wesen der Volkswirtschaft gegenüber der Privatwirtschaft
vergegenwärtigt man sich am besten, wenn man festzustellen versucht,
 von wo eine Arbeiterfamilie unter unseren Verhältnissen ihren
Hausbedarf bezieht. Zur Kleidung lieferten die Vereinigten Staaten
Amerikas die Baumwolle, das Kap oder Australien die Wolle, Rußland
den Flachs, Brasilien das Sohlenleder. Alle Weltteile steuerten das
Rohmaterial für die Kleidung bei. Ebenso lieferten zur Yahrung Argentinien
 Weizen, Indien Reis und Gewürze, Java Kaffee, Norwegen
Heringe. Die Baumwolle wurde ev. in England versponnen, in der
Schweiz verwebt, in Eilenburg bedruckt, um noch durch die Hände
verschiedener Zwischenhändler zu gehen, bevor der fertige Stoff in den
Haushalt des Arbeiters gelangte. Jeder, durch dessen Hand derselbe
ging, heftete Arbeit daran, erhöhte den. Wert und erhielt von dem
Folgenden die Bezahlung. Die Verwertung fiel schließlich in unserem
Beispiel dem einfachen Arbeiter zu, der heutigen Tages mitten im
Weltgetriebe steht und in jedem Momente genießt, was Tausende in
den verschiedenen Himmelsgegenden für ihn geschafft haben,
Weit komplizierter wird das Bild, wenn wir in Betracht ziehen,
Was Sonst zur Kleidung gehört, Nadeln, Knöpfe, Haken und Oesen,
die aus vielen verschiedenen Fabrikationszweigen hervorgingen, und
was sonst jetzt in dem Haushalt des Arbeiters allgemein zu finden ist,
Möbel, Betten, Töpfe, Gläser, Messer, Gabeln, Löffel, Lampe, Feder,
Tinte, Uhr usw. Hunderte von Fabriken arbeiteten, um seine Häuslichkeit
 auszustatten, während der Neger, was er gewöhnlich braucht,
sich selbst beschafft, nur ausnahmsweise etwas von auswärts erhält.
Er steht daher nicht in der Volkswirtschaft, sondern in einer Einzel-‚Wirtschaft,
 wie dies auf unserem heimischen Boden noch vor zwei
Jahrtausenden bei den Germanen ebenso der Fall war.
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I, Teil. 8. Aufl.

Volks- und
Privatwirt
schaft.
        <pb n="21" />
        2

Vesen der heu
tigen Privatwirtschaft.


Daß unser Arbeiter aber die Produkte anderer Länder genießen
kann, ist nur durch viele Vorbedingungen möglich. Nur der rege
Schiffsverkehr und die Eisenbahnen verbilligen den Transport derart,
daß seine Kaufkraft zum Bezuge der Artikel ausreicht. Aber diese
wurden erst möglich durch bedeutsame Erfindungen als Ergebnisse
Jahrhunderte alter Kultur, von der jeder von uns in jedem Momente
Nutzen zieht, meist ohne es sich zu vergegenwärtigen. Mit Recht sagt
Frederic Bastiat einmal: Der Kulturmensch müßte Jahrhunderte arbeiten,
wenn er das sclbst herstellen wollte, was er an einem einzigen Tage genießt;
 und die Sozialdemokraten sind sehr im Irrtume, wenn sie behaupten,
 der Arbeiter habe nicht Anteil an den Segnungen der Kultur.
Wie der Kulturmensch so verwertet, was Andere für ihn geschafft
 haben, arbeitet er auch für Andere ev. in fernen Gegenden,
vielleicht noch für spätere Jahrhunderte. Der Maurer baut an einem
Hause, das er nicht bewohnen wird, der Schlosser in einer Fabrik an
einer Maschine, die vielleicht für Japan bestimmt ist, der Erdarbeiter
schafft an einem Tunnel, der noch nach Jahrhunderten den Verkehr
erleichtern soll, den er selbst aber nie durchfährt. Aber Jeder erhält
schon hier sofort den Lohn für seine Arbeit, die einem anderen Weltteil
 oder noch nach 100 Jahren seinen Nachkommen zugute kommt.
Ebenso bezahlt der Arbeiter mit seiner Karre Erde das Brot des
Bäckers, wie das Getreide, aus dem das Brot hergestellt war, und damit
eventuell den Landwirt in Australien oder Nordamerika, der es gebaut
hat; der Maurer mit seiner Arbeit trägt nicht nur die Schuld bei dem
Händler für das Kleid seiner Frau ab, sondern entschädigt den Schiffskapitän,
 der die Baumwolle von New-Orleans herüberbrachte, wie den
Farmer, der sie baute, und er bezahlt noch nachträglich den Auswanderer
 für die Kultivierung des Bodens vor mehr als 200 Jahren.
So wird auf diese Weise die Tätigkeit nicht nur von verschiedenen
Weltteilen, sondern auch von Generationen miteinander verbunden.
 Das Vorausgenießen von Leistungen, die erst später nutzbar
werden, und das Heimzahlen für Nutzungen an frühere Generationen
durch die Vermittlung des Kredites gehört zu den interessantesten
Kapiteln unserer Wissenschaft.
Es ergibt sich aus allem, daß heutigen Tages jede Privatwirtschaft
der Kulturländer mitten im Strome des großen Weltverkehrs steht.
Die heutige Privatwirtschaft ist zwar mit’ vieten-anderemn in Beziehung,
aber sie streckt ihre Fühler nur von einem Zentrum nach verschiedenen
Richtungen aus; erst durch jene innige Beziehung der Tausende miteinander
 entsteht die Volkswirtschaft. Die Einzelwirtschaft ist nach
Allem in dem volkswirtschaftlichen Getriebe unserer Zeit zu vergleichen
mit der Masche eines großen, weitverzweigten Netzes oder dem Zahn
eines Rades in einem komplizierten Mechanismus oder richtiger mit der
Zelle eines tierischen Organismus, welche durch Osmose und Endosmose
eine selbständige Lebenstätigkeit entfaltet, durch beständigen Austausch
mit den Nachbarzellen Nahrung aufnimmt und wieder abgibt, während
sie isoliert zugrunde geht, und nur im Zusammenhange mit anderen
als Teil eines lebenden Organismus Höheres zu leisten vermag.
Der oberflächliche Beschauer ahnt hier ebensowenig den inneren Zusammenhang
 der Tätigkeiten der Privatwirtschaften wie bei dem Hin- und
Herlaufen der einzelnen Tiere in einem Ameisenhaufen, und es bedarf
einer tiefgreifenden Untersuchung, um den Zusammenhang von Ursache
and Wirkung dabei zu erkennen. Gerade so, wie in der medizinischen
        <pb n="22" />
        Wissenschaft die Anatomie und Physiologie die Aufgabe haben, die
Beschaffenheit der menschlichen Körperteile, ihren Zusammenhang und
ihre Funktionen festzustellen, so hat in unserer Disziplin der menschliche
 Forschergeist es sich zur Aufgabe gemacht, Wie wirtschaftlichen
Vorgänge zu untersuchen und_ den. Zusammenhang von Ur und
Wirkung dätin-kterzulegen. Die Wissenschaft, welcher diese-Aufgabe
Zufällt, ist die Yölkewirtschaftslehre_ oder Nationalökonomie,
 mit der wir uns hier zu beschäftigen haben.
Das Agens, welches die wirtschaftliche Tätigkeit anregt und in
Bewegung“setzt, sind die Bedürfnisse des Menschen, die er mit auf
die Welt bringt, deren Befriedigung notwendig ist, damit er leben und
schaffen kann. Die Befriedigungsmittel werden ihm aber nicht von der
Natur unmittelbar” yeboten, sondern er muß die.Gaben derselben "erst
umformen.. und...sich. anpassen. „Hierzu ist fortdauernd Anstrengung,
Aufwendung geistiger und physischer Kraft erforderlich. Diese Tätigkeit,
 welche auf Bedürfnisbefriedigung.gerichtet ist, nennen wir eine
MA gsehafkliche er_inbegriff von Tätigkeiten, die planyvoll auf
€ Bedürmisbefriedigung eines Haushaltes, eines Unternehmens oder
einer Person gerichtet sind, wird Wirtschaft genannt. Die gesamte,
planmabige Tätigkeit eines Volkes Zi -Befiedigtig seiner Bedürfnisse
ist die Volkswirtschaft, und die Wissenschaft, welche Ursache
und Wirkung in den Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens eines
Volkes festzustellen, sie als Ganzes aufzufassen und im organischen
Zusammenhange zu begreifen sucht, soweit es sich um die Sorge für
die materjellen Bedürfnisse handelt, ist die Volkswirtschaftslehr€
 v0er Nationalökonomie, .
"Während wir nach dem Gesagten "eine jede Tätigkeit, die auf Bedürfnisbefriedigung
 gerichtet ist, als eine wirtschaftliche bezeichneten,
begrenzen wir das Gebiet unserer Wissenschaft auf die Verfolgung der
HALQriellen Bedürfnisbefriedigung, und zwar allein aus I Rücksichten
er Arbeitsteilung. Die Tätigkeit des Arztes, Advokaten, Lehrers,
Müsikers ist-unzweifelhaft wirtschaftlich. Die Wirkung auf die ganze
Volkswirtschaft ist eine analoge wie die eines Handwerkers, nur oft
weit bedeutsamer. Der Arzt, welcher dem Arbeiter seine Leistungsfähigkeit
 wieder verschafft, der Zeichenlehrer, der in der Fortbildungsschule
 den Lehrling ausbilden hilft, fördert, wenn auch indirekt, das
physische Schaffen in der Volkswirtschaft. Der Musiker, der die
Hörer in einem Konzert erfreut, befriedigt ein wesentliches Bedürfnis
und ist sicher wirtschaftlich ebenso wirksam, wie der Instrumentenbauer,
 der ihm das Klavier schuf, auf welchem er spielte. Aber
damit ist nicht gesagt, daß auch unsere Wissenschaft alle jene Tätigkeiten
 mit in ihr Bereich zu ziehen habe, sondern sie kann sehr wohl
eine Kategorie mit besonderen Eigentümlichkeiten beiseite lassen und
anderen Disziplinen überweisen. Die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse
 schließt besondere Eigentümlichkeiten in sich, greift so außerordentlich
 weit auf andere Gebiete hinüber, daß die Volkswirtschaftslehre
 sich ins Uferlose verlieren würde, wenn sie sich auch auf diese
erstrecken würde. Allerdings ist eine genaue Abgrenzung unmöglich,
aber auch nicht notwendige.

Wirtschaft.

Volkswirtschaftslehre.
        <pb n="23" />
        8

2.

Die Stellung der Nationalökonomie zu den verwandten
Wissenschaften.

Politische
Jekonomie.

Volkswirtschaftsnolitik.


Lexis, Systematisierung, Richtungen und Methoden der Volkswirtschaftslehre
(in „Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert“).
Leipzig 1908,
K. Diehl, Die Bedeutung der wissensch. Nationalökonomie. Jahrb. f. Nat.-Oek.
III. F. Bd. 837. 1909.
Die Nationalökonomie ist ein Teil der Gruppe von Disziplinen,
welche man unter dem Namen der politischen Oekonomie (englisch:
political economy, französisch: &amp;amp;conomie politique) zusammenfaßt und
zu den Staatswissenschaften rechnet. Während man in den anderen
Ländern bis zum heutigen Tage die politische Oekonomie als ein geschlossenes
 Ganzes behandelt, ist sie in Deutschland bereits seit den
dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in drei '"Peile zerlegt, besonders
 durch das Vorgehen unseres Altmeisters Rau_in Heidelberg
in seinen drei Handbüchern über die Nationalökonomie (zuerst
„Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“, Heidelberg 1826), die Volkswirtschaftspolitik
 (ursprünglich „Volkswirtschaftspflege“, 1828)
und die Finanzwissenschaft (1832). Infolgedessen ist auch in
Deutschland sowohl die Volkswirtschaftspolitik wie die Finanzwissenschaft
 weit früher tiefer durchgearbeitet, als in den anderen Ländern.
Namentlich die erstere ist bis zum heutigen Tage von dem Auslande
nur sehr unvollkommen berücksichtigt.
Alle drei Disziplinen behandeln die Volkswirtschaft, aber von
verschiedenem Standpunkt aus und in verschiedener Weise. Die
Nationalökonomie untersucht die volkswirtschaftlichen Vorgänge,
wie sie vor uns liegen, sucht die Tatsachen zu konstatieren und in
den Vorgängen den Zusammenhang von Ursache und Wirkung festzustellen.
 Sie sucht die Regelmäßigkeiten in der wirtschaftlichen
Tätigkeit aufzufinden. Mit Recht ist sie daher mit der Anatomie
und Physiologie in den medizinischen Wissenschaften verglichen,
welche die Aufgabe haben, die Struktur des menschlichen Körpers
und die Funktion der einzelnen Organe zu verfolgen und darzustellen.
Anders die Volkswirtschaftspolitik. Sie ist die Lehre
von den Aufgaben der öffentlichen Gewalt und der Gesellschaft in
bezug auf das wirtschaftliche Leben, sie stellt somit Ziele auf und
untersucht, auf welche Weise man am zweckmäßigsten die Volkswirtschaft
 fördern, vorhandene Schäden beseitigen und damit einen besseren
Zustand erreichen kand, Sie ist deshalb mit der Pathologie und
Therapie zu vergleichen, welche die Krankheiten des Körpers zu
üntersuchen und sie zu heilen bestrebt sind. Die Volkswirtschaftspolitik
 muß sich naturgemäß auf die Ergebnisse der Nationalökonomie
stützen, die Zustände, wie diese sie dargelegt hat, kennen, den Zusammenhang
 übersehen, um danach die einzuschlagenden Maßregeln
normieren zu können. Sie verfolgt praktische Zwecke und ist damit
der Nationalökonomie, welche theoretische Untersuchungen verfolgt,
gegenübergestellt. Man hat die erstere daher auch die Volkswirtschaftspflege,
 auch die spezielle oder praktische Nationalökonomie
 genannt, letztere die allgemeine oder theoretische
Volkswirtschaftslehre, wie Schmoller sie bezeichnet. Faktisch ist
        <pb n="24" />
        5

der Unterschied kein großer, da die Behandlung der Gesetzgebung in
der Hauptsache doch auch von ihm in den speziellen Teil verwiesen
ist. Daß heutigen Tages niemand mehr daran denkt, in der Nationalökonomie
 das wirtschaftliche Leben außerhalb des Staates und unabhängig
 von ihm darzustellen, bedarf kaum besonderer Betonung.
Ist es in der Nationalökonomie die Aufgabe, vor allem die Grundfaktoren
 der Produktion in ihrem Wesen zu studieren, ihr Zusammenwirken
 in den einzelnen Gewerben zu verfolgen, zu untersuchen, wie
durch die Organisation der Arbeit die Wirkung jedes Produktionsfaktors
 verstärkt werden kann, wie durch die Entwicklung des Tausches
die Arbeitsteilung ausgebildet wird usw., so ist in der Volkswirtschaftspolitik
 die Geschichte der Entwicklung der verschiedenen Gewerbe zu
geben, dann besonders die Gesetzgebung zur Förderung derselben und
eine kritische Untersuchung darüber anzustellen, welchen Einfluß die
einzelnen gesetzlichen Maßregeln in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen
 Zeiten auf die Volkswirtschaft ausgeübt haben. Uns hat dort
daher die Agrarverfassung, die Fabrikgesetzgebung, wie die Zunftverfassung
 zu beschäftigen. Das Wesen der sozialen Frage und die Maßregeln
 zur Milderung derselben spielen dort eine hervorragende Rolle. In
der Nationalökonomie ist dann weiter zu untersuchen, welche Hilfsmittel
 bei Arbeitsteilung und Tausch hinzugezogen werden. Das Wesen
des Geldes wie des Kredites sind eingehend zu erörtern, dann die
Natur jener Institutionen, durch welche Geld und Kredit zu höherer
wirtschaftlicher Funktion gebracht werden, wie die Banken, und diejenigen,
 welche Arbeit und Kapital in größerem Umfange zu einzelnen
Betrieben konzentrieren, um sie zu höheren Leistungen zu verwerten,
wie die Erwerbsgesellschaften. In die Volkswirtschaftspolitik gehört
dagegen die-Gesetzgebung” hr betreff des Münz- und Bankwesens wie
der Aktiengesellschaften u. dergl. Aus praktischen Rücksichten wird
diese indes hier schon in den ersten Teil hineingezogen, um Wiederholungen
 zu vermeiden und die theoretische wie praktische Untersuchung
 im Zusammenhang und damit kürzer durchführen zu können.
Dem zweiten Teile, der Volkswirtschaftspolitik, bleiben dagegen vorbehalten
 die Spezialeinrichtungen, wie die landwirtschaftlichen Kreditanstalten,
 dann das ganze Verkehrs- und Versicherungswesen. Zur
Nationalökonomie gehört..die Bevölkerungslehre, zur Volkswirtschaftspolitik
 dagegen die Bevölkerungspolitik,. Auch hier haben wır uns einer
Willkür schuldig gemacht, indem wir beides mit dem Armenwesen an
den Schluß des zweiten Teiles verwiesen haben, auch hier um der
Zusammenhang nicht zu zerreißen und uns kürzer fassen zu können
Die dritte Disziplin der Gruppe ist die Finanzwissenschaft.
Man findet sie gewöhnlich bezeichnet als.die Lehre vom Staatshaushalt.
Doch fassen wir sie auf der einen Seite enger, auf der anderen Seite
weiter, nämlich als die _Lehre von den zweckmäßigsten Mitteln, dem
Staate, den Gemeinden und anderen öffentlichen Körperschaften die zür
Erfüllung Ihrer Aufgaben nötigen Gelder zu verschaffen: Sie hat'es
daher nur mit einem Teil der Volkswirtschaft, aber mit den bedeutungsvollsten
 Einzelwirtschaften zu tun, die den größten Einfluß auf das
ganze wirtschaftliche Leben ausüben, deren Behandlung daher gleichfalls
auf der Basis der Nationalökonomie beruht und neben der Volkswirtschaftspolitik
 mit ihr im engsten Zusammenhange steht.

.Finanzwissenschaft.
        <pb n="25" />
        3

8 3.

Die Stellung der politischen Oekonomie zuden anderen
Staatswissenschaften.

Rudolf Stammler, Wirtschaft und Recht. Leipzig 1896, 3. Aufl. 1914.
K. Diehl, Privat-, Volks-, Weltwirtschaftslehre, in Jahrb. f. Nat.Oek. IL F.
Bd. 46. 1913. S. 433.

Politik.
ss

Polizeivissenschaft.


Gleichfalls zu den Staatswisenschaften gehörig und der politischen
Oekonomie nahe verwandt ist die Politik oder auch allgemeine
Staatslehre genannt, welche zum Teil dasselbe Gebiet behandelt.
Sie ist die Lehre yon den besten Mitteln der höchsten Gewalt zur.
Erreichung der Staatszwecke, Man teilt sie gewöhnlich ein in 1. die
Verfassungspolitik oder Staatslehre, auch Politik im engeren
Sinne. Dieselbe steht dem allgemeinen Staatsrecht gegenüber, welches
denselben Gegenstand, nur in einer anderen Weise behandelt. Das
Staatsrecht hat die Aufgabe, die Verfassungsgesetzgebung eines
Landes oder verschiedener Staaten darzustellen und zu interpretieren.
Die Verfassungspolitik übernimmt dagegen die Vergleichung und Kritik
derselben. Die erstere spricht „de lege lata“, die zweite „de lege
ferenda“. 2. die Verwaltungspolitik, welche die Kulturpolitik
(Fürsorge für Kirchen- und Unterrichtswesen), die Volkswirtschaftspflege
 und die Polizeiwissenschaft in sich schließt, also einen Teil der
politischen Oekonomie umfaßt. Dieselbe steht wiederum dem Verwaltungsrecht
 gegenüber, welches die Gesetzgebung in betreff
 der ganzen Verwaltung, also auch der Fürsorge für das
wirtschaftliche Leben behandelt, wiederum hauptsächlich interpretierend.
Das Verwaltungsrecht setzt dem Verwaltungsbeamten auseinander,
wie die einzelnen Gesetzesparagraphen aufzufassen sind, welche Maßregeln
 sich ihm daraus ergeben, während die politische Disziplin auch
hier auf Grund internationaler Vergleichung kritisch vorzugehen und
zu untersuchen hat, wie die Gesetzgebung unter gegebenen Verhälthissen
 zu gestalten ist, um die Zwecke zu erreichen.
Die Polizeiwissenschaff ist die Lehre yon den Maßregeln
der Staatsgewalt, die Störungen der äußeren Ordnung des gesellschaftlichen
 Zusammenlebens _unmittelbar.zıu_ verhindern, und_ist deshalb
auch mit der Chirurgie verglichen worden. ;
In den früheren Zeiten, z. B. im Allgemeinen Landrecht, aber
noch in den fünfziger Jahren, z. B. in dem großen Werke „Die Polizeiwissenschaft“
 3. Aufl. 1866 von Robert von Mohl, wurde sie wesentlich
 weiter gefaßt. Man teilte ihr den größeren Teil der Volkswirtschaftspolitik
 zu, vor allem die Bevölkerungspolitik. Gegenwärtig ist
diese Auffassung als veraltet zu bezeichnen, und man beschränkt sie
allgemein auf die Sicherheits-, Sitten-, Medizinalpolizei, d. h. man weist
ihrer Behandlung die Maßregeln zur Aufrechterhaltung der öffentlichen
Ruhe, Sicherheit und Ordnung zu, die Fürsorge zur Aufrechterhaltung
der guten Sitte, es fällt hier hinein das Prostitutionswesen, schließlich
die sanitären Aufgaben, welche in der neueren Zeit eine wachsende
Bedeutung gewonnen haben. Vielfach hat man ihr auch das Armenwesen
 zugeteilt, was durch das damit zusammenhängende Vagabundenwesen
 auch volle Berechtigung hat, während die übrigen Fragen
desselben allerdings naturgemäß der Volkwirtschaftspolitik zufallen.
        <pb n="26" />
        £ „yerkahs
X
in PM
a
Zu den Staatswissenschaften zählt man ferner die St4% is tik,/64Statiticz
aufgefaßt sowohl als Staaten- oder Zustandskunde, w A die »”
Aufgabe hat, die Verhältäisse des Volkslebens-yuäntitativ zu Lesen, ww
und zur Darstellung zu bringen, was gegenwärtig gewöhnlich der 1
graphie überlassen wird, sowie als vergleichende Statistik, welche...
durch zahlenmäßige, systematische Massenbeobachfung die sozialen.
und wirtschaftlichen Erscheinungen nicht nur zu konstatieren, sondern
dürch bestimmte Gruppierung und Vergleichung auch in ihren Ursachen
 und Konsequenzen zu ergründen Strebi.. Sie geht mit der
Nationalökonomie Hand in Hand in der Untersuchung der vorliegenden
Erscheinungen des Wirtschaftslebeus, führt dieselbe aber allein zahlenmäßig
 durch und geht wesentlich darüber hinaus, sowohl in der Bevölkerungs-
 wie in der Moralstatistik, die es mit dem geistigen Leben
zu tun hat. Die Nationalökonomie hat der Statistik viel Material zu
verdanken, das sie sich selbst nicht verschaffen kann. Die Statistik hat
außerdem die Aufgabe, die Aufstellungen der Nationalökonomie zu kritisieren,
 indem die ziffernmäßigen Ergebnisse rein objektiven Charakter
bewahren, dem subjektiven Ermessen des Forschers einen weit geringeren,
 vielfach gar keinen Einfluß gestatten. Sie ist daher durch
die Erweiterung und korrektere Herstellung ihres Zahlenmaterials in
der neueren Zeit ein unentbehrliches Hilfsmittel für die nationalökonomische
 Forschung geworden. Wir haben. es dabei. sowohl mit einer
Forschungsmethode zu tun, die in den verschiedensten Disziplinen zur
Anwendung kommt, wie mit einer besonderen Wissenschaft mit eigenem
Forschungsgebiet, auf dem die Methode zur Anwendung kommt.
Noch heutigen Tages wird vielfach die politische Oekonomie als
Teil der Kameralwissenschaften oder sogar mit diesen identisch
aufgefaßt. Der Name indessen ist durchaus veraltet, und die Anwendung
desselben kann nur zur Verbreitung schiefer Auffassungen Anlaß geben.
Man faßte insbesondere im 18. Jahrhundert unter dem Namen Kameralwissenschaften
 alle die Disziplinen zusammen, deren Kenntnis man außer
der Jurisprudenz von den Finanzbeamten der landesherrlichen Kriegsund
 Domänenkammer verlangte und daher stammt der Name.
Dazu gehörten aber außer der politischen Oekonomie die Polizeiwissenschaft
 und die technischen Disziplinen oder Gewerbswissenschaften,
 wie die Land- und Forstwirtschaftslehre, welche für die
Domänenbeamten wünschenswert waren, außerdem die Technologie,
Bergwerks- und Handelswissenschaften. Die Gewerbswissenschaften
beschäftigen sich aber ausschließlich mit den technischen Vorgängen
des Gewerbes, also der Betriebsweise, dem Ackerbau, der Viehzucht,
der Forstkultur usw. Die politische Oekonomie dagegen läßt diese
außer acht, berücksichtigt vielmehr nur die volkswirtschaftlichen
Wirkungen des Betriebes und untersucht mithin die Stellung der
Gewerbe innerhalb der Volkswirtschaft und im Zusammenhang mit
derselben. Es sind deshalb die Gewerbswissenschaften völlig von der
politischen Oekonomie zu trennen, und die zusammenfassende Bezeichnung
 der Kameralwissenschaften sollte fallen gelassen werden.
„In der neueren Zeit hat man der Volkswirtschaft die Welkwirtschaft
(Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft 1912), der Volkswirtschafts-Jehre
 eine Weltwirtschaftslehregegenüberstellen wollen; unserer
Ansicht nach mit Unrecht. Ein internationaler wirtschaftlicher Verkehr
 ist vorhanden gewesen, sobald sich eine Volkswirtschaft entwickelt
 hatte; und hat er sich auch in neuerer Zeit gewaltig ver-.

 Kameralvissenschaften.
        <pb n="27" />
        Soziolozie.

größert, so hat er sich doch kaum prinzipiell verändert. Besonders
aber ist eine Abgrenzung des Weltverkehrs von der Volkswirtschaft
antunlich; er bleibt stets ein Teil des letzteren und kann nicht
isoliert erörtert werden, daher auch nicht zu einer selbständigen Behandlung
 in einer besonderen Wissenschaft führen.
Ferner ist als Gegenstück zur Weltwirtschaftslehre die Ausbildung
einer Privafwirtschaftslehre. gefordert (Weyermann-Schönitz,
Wissenschaftliche Privatwirtschaftslehre, Karlsruhe 1912), und zwar als
Teildisziplin der Nationalökonomie, Es sollen darin die wirtschaftlichen
Vorgänge vom Standpunkt des Wirtschaftenden und seines Interesses
untersucht werden. Eine Geschichte privatwirtschaftlicher Tätigkeit,
wie sie übrigens auch schon vielfach, wenn auch nur vereinzelt und
nicht systematisch zusammengefaßt geboten ist, wird unzweifelhaft
der Volkswirtschaftslehre ein sehr wesentliches, ergänzendes Material
liefern können und ist in hohem Maße beachtenswert. Auch eine
rein theoretische Behandlung kann ersprießlich sein und ist in der
{andwirtschaftlichen Betriebslehre, in der Handelslehre bereits in Angriff
 genommen. Ob sie aber zu einer abgegrenzten, systematischen
Disziplin auszugestalten ist, dürfte zweifelhaft sein. Jedenfalls war
ss ein Fortschritt, als Rau die politische Oekonomie sowohl von
der technischen wie von der privatwirtschaftlichen, die von den alten
Kameralisten zusammengefaßt waren, trennte und sie isoliert behandelte.
Die Bestrebungen schließlich, neben der Nationalökonomie eine
yjgesondere Wissenschaft der Gesellschaftslehre,Sozialwissenschaft
 oder Soziologie?) auszubilden, sind bisher ohne Erfolg gelieben,
 Der Versuch ist hauptsächlich auf Aug. Comte und Herbert
Spencer zurückzuführen, um eine Wissenschaft vom Menschen. in.der
Gesellschaft, resp. von dem Verhältnis zwischen Individuum und Ge-SENSChaft
 zu Schaffen. Schäffle stellte auf Grund einer Analogie
mit den Naturwissenschaften eine Lehre vom „sozialen Körper“ auf.
Die Vergleichung des menschlichen Gesellschaftslebens mit ähnlichen
Vorgängen in der Natur hat nur sehr bedingten Wert und artet leicht
zur Spielerei aus. Fördernd und bedeutsam ist sicher die Verfolgung
der Entwicklung des Menschen, seines gesellschaftlichen Zusammenlebens
 und seiner wirtschaftlichen Tätigkeit vom primitiven Zustande
bis zu unserer Kulturstufe. Hier die Regelmäßigkeiten zu verfolgen
and die Ursachen der Erscheinungen festzustellen, wie es sich die
Völkerpsychologie zur Aufgabe macht, ist auch für die politische
Oekonomie eine wünschenswerte, ja notwendige Ergänzung. Ebenso
wird die naturwissenschaftliche und psychologische Untersuchung der
menschlichen Natur auch unsere Wissenschaft wesentlich zu befruchten
vermögen. Je mehr anerkannt und berücksichtigt wird, daß in dem
wirtschaftlichen Leben die ethischen Motive eine große Rolle spielen,
Wirtschaft nicht von Staat und Gesellschaft zu trennen ist, und z. B.
die soziale Frage in der politischen Oekonomie stets eine eingehende
Behandlung findet, um so weniger liegt ein Grund vor, noch neben
derselben eine besondere Gesellschaftslehre zu konstruieren.

1) Paul Barth;-Die Philosophie der Geschichte als Soziologie, I. T. Leipzig
1897, L.F.-Ward; Soziologie von heute. Innsbruck 1904, ®F. Tönnies, Entwicklung
 der Soziologie in Deutschland im 19, Jahrhundert (in „Die Entwicklung
der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19, Jahrh.“, Bd. I). Leipzig 1908. Simmel,
a Leipzig 1908, Gustav F. Steffen, Die Grundlage der Sociologie,
Jena 1912. a. )
        <pb n="28" />
        Volkswirtschaft ist nur in einem Staate mit fester Rechtsordnung‘
denkbar. _ Zu ihrem richtigen Verständnis ist daher auch die Kenntnis
der Rechtsordnung erforderlich. Die Nationalökonomie fußt daher auf der
Jurisprudenz. Die nun seit zwei Jahrtausenden fortgesetzte Durcharbeitung
 der Rechtswissenschaft mit den präcise ausgebildeten Begriffen
yewährt für die ganze Schwesterdisziplin zugleich die beste Vorschule.

Die allgemeine Literatur.

1. Handbuch der politischen Oekonomie, herausgegeben von Gustav Schönberg.
 4: Aufl. Tübingen: 1896—97; 2, Adolph Wagner, Theoretische Sozialökomomik
 oder Allgemeine und theoretische Volkswirtschaftslehre. 1. H. Grundlegung.
Leipzig 1907 u. 1909. 8. W. Roscher, System der Volkswirtschaft. Die Grundlagen
jer Nationalökonomik. 20;-Auft Stuttgart 1894. 4. Gustan Schmoller, Grundriß
der allgemeinen Volkswirtschaftslehre. I. T. 7.—10. Aufl. Leipzig 1908. T. II,
Leipzig 1904. 5. &amp;amp;. Cohn, Grundlegung der Nationalökonomie. Stuttgart 1885.
3, Lexis, Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Leipzig 1910. 7. Kmnies, Die politische
)&amp;amp;EXönomie vom geschichtlichen Standpunkt. 2. Aufl. Braunschweig 1888, 8. A. E.
F. Schäffle, Das gesellschaftliche System der menschlichen Wirtschaft. 3. Aufl.
Tübingen 1878. 9. Adam Smith, Untersuchungen über die Natur und die Ursachen
Jes Nationalreichtums, übers. 7, Garve, Breslau 1795, v. Ascher, Hamburg 1861.
LO. John Stuart Mill, Grundsätze der politischen Oekonomie. Übers. Hamburg
1852 and-- Leipzig 1869. 11. E. Sax, Grundlegung der theoretischen Staatswirtschaft.
 Wien 1887. 12. Carey. Handbuch der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaft.
 München 1866. 13. v. Philippovich, Grundriß der politischen Oekonomie.
Bd. I. 7. Aufl. Freiburg 1908. 14. A. Marshall, Principles of economics. Vol. I,
1891, Vebersetzung 1905. Stuttgart bei Cotta. 15. Leroy-Beaulieu, Traite th6ofique
 et pratique d’Economie politique, I. u. II. Paris 1896. 16. Ch. Gide, Grundzüge
 der Nationalökonomie, übers. Wien 1905. 17. Henry R. Seager, Principles of
Economics. New-York 1913. 18. Fetter, Principles of Economy. 1912. Grundriß
der Sozialökonomik. Abt. I u. II, Tübingen 1914. Knut Wicksell, Vorlesungen
über Nationalökonomie, Jena 1913. LexisAllgemeine Volkswirtschaftslehre, 2. Aufl.
Leipzig 1913. Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Na-;jonalökonomie,
 Leipzig 1908. 19. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaftg
zerausgegeben von Bücher u. a. Tübingen. 20, Jahrbücher für Nationalökonomie
and Statistik, herausgegeben von Conrad, Loening und Waentig. Jena. Gustav
Fischer. 21. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung‘ und Volkswirtschaft im
Deutschen Reiche, herausgegeben: von Gustay. v..Schmoller; Leipzig. 22. Handwörterbuch
 der Staatswissenschaften. 3. Aufl. Jena, Gustav Fischer, 1909. 23. Kister,
Wörterbuch der Volkswirtschaft. 3. Aufl. Jena 1911.

35,

Grundbegriffe.

Fr. J. Neumann, Beiträge zur Revision der Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre.
 Tüb. Zeitschr. d. Staatsw., Jahrg. 1869 u. 1872,
Ders,, Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. 1. Abt. Tübingen 1889.
H. v. Mangoldt, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. Stuttgart 1871.
»”. Hermann, Staatswirtschaftliche Untersuchungen, 2. Aufl. München 1874,
Schumpeter, Theorie der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Leipzig 1912.
Ammon, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie, 1910.
H. Oswalt, Vorträge über wirtschaftliche Grundbegriffe. Jena 1914.

a) Das Gut.

Der Mensch tritt mit seinen Bedürfnissen der großen Masse von
Gegenständen gegenüber, welche die äußere Natur ihm bietet. Er
        <pb n="29" />
        19

Int.

antersucht dieselben, wie weit er sie zur Befriedigung seiner Bedürfnisse
 verwenden kann, und entdeckt er Eigenschaften in denselben, die
sie hierfür geeignet machen, so bezeichnet er sie als brauchbar: die
als brauchbar erkannten Gegenstände, die der Mensch für seine Zwecke
zur Benutzung auswählt;- nennen, wir Güter... Aber der Begriff des
Intes-ist"Im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung wesentlich erweitert.
 Drei Arten von Gütern sind zu unterscheiden. 1. Vor allem
kommt die £TöBE Zahl der Sach güterin Betracht, welche fortdauernd
im wirtschaftlichen Leben Verwendung Anden. Es sind die Gegenstände
zur Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses: Getreide, Fleisch usw;
zum Schutze gegen die Witterungseinflüsse, wie Kleidungsstücke; zur
Wohnungseinrichtung; dann Maschinen zur Unterstützung unserer
Tätigkeit; zur Befriedigung der geistigen Bedürfnisse, wie Bücher,
Bilder, Musikinstrumente usw. Ja, es gehören auch. Gegenstände eines
aingebildeten- Wertes dazu, Amulette, Zaubermittel u. dgl. Daß all die
zenännten Dinge „Güter“ sind, bedarf keiner weiteren Ausführung. 2. Die
zweite Kategorie umfaßt die persönlichen Dienste, welche wirtschaftlich
 als Gut anerkannt, geschätzt und v. Jezahlt werden. Das
ist der Fall bei den Diensten eines Arztes, um unsere Gesundheit herzustellen,
 dem Unterricht eines Lehrers zur Ausbildung der geistigen
Kräfte, Bereicherung der Kenntnisse, Erhöhung der Leistungsfähigkeit
eines Schülers, Es gehört dazu die Bemühung eines Advokaten, jemanden
in seinem Rechte zu schützen, sagen wir einem Müller den Zufluß und
die Benutzung des Wassers zu sichern, welches er zu seinem Betriebe
yebraucht. Es ist vom wirtschaftlichen Standpunkte als ein Gut auch
der Dienst aufzufassen und zu behandeln, den ein Dienstbote leistet
Jurch das Reinigen der Kleider, die Bereitung des Mittagessens UuSW., um
dem Herrn selbst die Arbeit zu ersparen, so daß er seine Tätigkeit
ganz auf seine Berufsarbeit konzentrieren kann. Es ist die gleiche
Leistung, wie wenn er den Arbeitgeber in seiner Berufstätigkeit unmiftelbar
 unterstützt, z.B. wenn er als Gehilfe dem Maler die Farben
zusammenträgt und zur Mischung bereit hält. Da diese erwähnten
Leistungen ihre wirtschaftliche Bedeutung, vorliegende Bedürfnisse zu
„befriedigen, haben, werden sıe ebenso geschätzt und bezahlt wıe Sachgüter,
 und stehen deshalb prinzipiell auf dem gleichen Boden. 3. Verhältnisse-können
 gleichfalls den Charakter eines Gutes annehmen,
was allerdings von Böhm-Bawerk und anderen bestritten wird. Aber
\ein rechtliches Verhältnis, welches eine ökonomische Nutzung gewährt,
gegen eine erhebliche Summe verkauft werden kann, also Kapitalswert,
erlangt, muß doch wohl gleichfalls als ein Gut anerkannt werden, denn
die Brauchbarkeit ist ebenso unverkennbar, wie die tatsächliche wirtschaftliche
 Verwertung. Wie weit dadurch die ganze Volkswirtschaft
vefördert wird, ist eine Sache für sich. Wenn einem Ingenieur die
Erfindung einer neuen Maschine patentiert wird, oder einem Chemiker
eine neue Methode, ein Färbemittel herzustellen, so wird ihnen damit
die ökonomische Verwertung ihrer Erfindung garantiert, sie sind in
der Lage, wenn die Brauchbarkeit allgemein anerkannt ist, ihr Patent
zu verkaufen. Das Recht der alleinigen Verwertung gewährt einen
desonderen ökonomischen Nutzen, wird hoch geschätzt und mit einem
Kapitale bezahlt. Dies Rechtsverhältnis stellt sich als ein wirtschaftliches
 Gut dar, wie ebenso der Ruf’ einer Firma, eines Kaufladens, die
Praxis eines Advokaten, eines Arztes: Das befestigte Verhältnis zu

EN: PP
        <pb n="30" />
        L*

xinem Kundenkreis erweist sich als ein wirtschaftliches Gut, welches
Kapitalswert erlangt hatır ; 8
Die Güter sind aber in zwei Kategorien zu scheiden; a) die freien, Freies Gut.
b) die wirtschaftlichen Güter, Allgemein als brauchbaranerkännte
and verwendete Gegenstände, die im Ueberflusse vorhanden und einem
Jeden obne Mühe zugänglich sind, beanspruchen keine besondere menschliche
 Fürsorge und werden damit nicht Gegenstand wirtschaftlicher
Aufmerksamkeit. Sie haben daher nicht den Charakter wirtschaftlicher
Güter, und man nennt sie deshalb freie Güter. Solch ein freies Gut
ist die uns umgebende Atmosphäre, die im höchsten Maße brauchbar,
ja für uns unentbehrlich ist, die uns aber beständig umgibt und keine
wirtschaftliche Fürsorge in Anspruch nimmt. Das Wasser einer Quelle,
die mehr spendet, als die Umwohner gebrauchen, wird als freies Gut
zu bezeichnen sein, wenn Jeder beliebig davon Gebrauch machen kann.
Wenn aber die Quelle von dem Grundbesitzer unter Verschluß gelegt,
in Röhren gefaßt und nach der Stadt geleitet wird, so wird
das Wasser zu einem wirtschaftlichen Gute. Die Benutzung ist
nicht Jedem gestattet, es ist Arbpit darauf verwendet. Die Quelle hat
damit eine andere wirtschaftliche edeutung erlangt. Solange der Grund
and Boden in einem Lande nicht völlig okkupiert ist, sondern noch
ausgedehnte, fruchtbare Flächen unbenutzt daliegen, sind dieselben
Freies Gut. Sobald die Bevölkerung zugenommen hat, der Staat oder
Private die Hand darauf gelegt und sie der beliebigen Okkupation entzogen
 haben, erhalten sie den Charakter eines wirtschaftlichen Gutes.
Solange Steine in Ueberfülle auf dem Lande zu finden sind, und Jeder
sie sich zum Bau, zur Pflasterung usw. unbehindert auflesen kann, sind
sie freie Güter. Sobald dagegen die Grundbesitzer sie allein für sich
in Anspruch nehmen, oder wenn sie bereits auf Haufen zusammen getragen
 oder gar in die Nähe der Städte gefahren sind, sind sie wirtschaftliche
 Güter, Und je mehr die Kultur fortschreitet, je enger sich
die Bevölkerung zusammendrängt, um SO “mehr Güter werden aus
„freien“ „wirtschaftliche“. Dabei sind, wie ausgeführt, jene drei Momente
 bestimmend:-die Beschrän thai den orale, die Äusschlicbun®
der_freien Verfügung über das in, wie sie mit unseren Besitzverhälfnissen
 verbunden zu sein pflegt, schließlich die Aufwendung von Arbeit
 darauf, ı

8 6.
b) Der Wert.
Karl Marx, Das Kapital. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. 2. Aufl,
Hamburg 1872.
Lindwurm, Der Wert, Hildebranäs Jahrbücher IV. 1865,
vv. Böhm-Bawerk, Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwerts.
Bd. VIII, N. F. der Jahrb. f. Nationalökonomie, 1886.
Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871.
W. vo. Hermann, Staatswirtschaftl. Untersuchungen. 2. Aufl, München 1874,
v. Wieser, Der natürliche Wert. Wien 1889.
Fe Die Bedeutung der Lehre vom Grenznutzen, Jahrb. f. Nat. 1891,
Lexis, Art. Grenznutzen im Supplementband I d. H.-W.-B.
Brentano, Die Entwicklung der Wertlehre. München 1907. ,
Kaulla, Die historische Entwicklung der modernen Werttheorien, Tübingen 1906.
Die Bedeutung eines Gutes für menschliche Zwecke ist sein
W ert""der aber nur Qürch Vergleichung“ mit_anderen Gütern zum __

Wert.
        <pb n="31" />
        A

Ausdruck gelangen kann. Wenn der Mensch sich nicht nur damit
begnügt, die Nützlichkeit des betreffenden Gegenstandes für Seine
Zwecke anzuerkennen, sondern dazu übergeht, zu untersuchen, wie gr0ß
der Nutzen ist, den er davon haben kann, also den Grad der Brauch:
arkeit festzustellen, so unternimmt er es, das Gut nach seinem Werte
zu schätzen... Das Ergebnis der Schätzung kann aber erst zum Ausädruck
 gebracht werden, wenn zugleich eine _Vergleichung mit anderen
Gegenständen durchgeführt wird, die als Maßstab dienen. Wenn.der
Mensch bei einer Getreideart entdeckt, daß sie zur Nahrung yerwendbar
 ist, So "erkennt. er. .sie. als.Qauf„an; baut er das Getreide an, so ist
das Gewonnene ‚ein. wirkschaftliches.Ga. geht. er dazu. über, zu untersuchen,
 welche Quantität des Getreides genügt, den Tages-.oder Jahresbedarf
 zu decken, so wird er.zur Erkenntnis der Bedeutung des Gutes
für seine. wirtschaftlichen. Verhältnisse gelangen, das ist, ihm.--Weest
beilegen. .. Zum Ausdruck aber kann er das Ergebnis seiner Schätzung
nur bringen, wenn er feststellt, wie viel andere Nahrungsmittel ein
bestimmtes Quantum Getreide zu ersetzen vermag, also durch die Vergleichung
 der wirtschaftlichen Bedeutung mit jenen. So wird der Wert
eines Zentners Weizen gleich ev. fünf Viertel Zentner Roggen, anderthalb
 Zentner Hafer oder 10 M. in Gold festgestellt. In der gleichen
Weise vermag man wohl zu sagen, es ist in dem Zimmer heiß oder
kalt; wie groß die Wärme ist, vermag man nur festzustellen nach der
Einwirkung auf die Quecksilbersäule. Man kann ein Haus, einen Berg
wohl hoch oder niedrig nennen, die Höhe selbst ist nur durch Vergleichung
 mit einem Meterstabe oder dem menschlichen Fuß u. dgl. zu
bestimmen. Man wird die Migentümlichkeit der Wertschätzung. daher
nur richtig erkennen,. wenn. man. sich. stets vergegenwärtigt. daß die
nee St.
Der Wert ist mithin keine absolute Eigenschaft der Dinge, sondern
wird denselben‘ erst durch. die Schätzung beigelegt; gerade so wie die
grüne Farbe nicht eine der Tapete inhärente Eigenschaft ist, sondern
nur den Eindruck bezeichnet, den die Oberfläche des Gegenstandes
unter dem Hinzutritt des Lichtes auf die Netzhaut hervorbringt; und
dieser Kindruck ist bekanntlich auf die verschiedenen Menschen sehr
ungleich. Es ist nur nötig, an die Farbenblindheit zu erinnern. Erst
ädurch die Schätzung des Menschen wird dem Gegenstande der Wert
beigelegt, und je nach der individuellen Eigentümlichkeit des Menschen,
je nach den Verhältnissen, in denen er sich befindet, wird sein Urteil
über den Wert desselben Gegenstandes ein außerordentlich ungleiches
sein. Wir haben daher die Motive näher zu untersuchen, welche das
Urteil des Menschen bei der Wertschätzung beeinflussen. Zuvor indessen
 wollen wir näher betrachten, welche Arten des Wertes aufgestellt
 werden können, resp. aufgestellt sind, da die Eigentümlichkeit
des Wertbegriffes dadurch stärker hervortreten wird.
‚Gebrauchs tnd Schon Aristoteles, dann Adam Smith haben den Wert in
nichwer‘. Gebrauchs- und Tauschwert.(value in use, value in exchange)
eingeteilt, Als. Gebrauchswert ist die Tauglichkeit eines Gegenstandes
zur Verwendung für den menschlichen Gebrauch bezeichnet, oder auch:
„in der eigenen Wirtschaft ihres Besitzers verwendet zu werden“
(Böhm-Bawerk), während der Tauschwert die Bedeutung eines
Gegenstandes-im Verkehre zum Austausch. änderer Gegenstände zum
Ausdruck bringen..soll, _ Indessen schafft wohl die Bestimmung oder
die Art der Verwendung eines Gegenstandes nicht eine eigene Wert-
        <pb n="32" />
        kategorie. Sonst könnte man ebenso unterscheiden zwischen einem
besonderen Nahrungswert, Kleidungswert usw. Rau unterschied noch
zwischen einem abstrakten und konkreten Gebrauchswert. Unter
dem ersteren verstand er die Tauglichkeit eines Gegenstandes, menschlichen
 Zwecken überhaupt dienen zu können, wie also die Brennkraft
der Kohle, durch welche Wärme erzielt werden kann; des Eisens, sich
in verschiedene Formen umarbeiten zu lassen. Dieser abstrakte
Gebrauchswert ist dann aber nichts anderes als die Brauchbarkeit auf
Grund der natürlichen Eigenschaften des Gegenstandes, Die Brauchbarkeit
 allein. aber verleiht_dem Gegenstande. noch..keinen ‚Wert, €
müß der schätzende Mensch hinzutreten, und er muß auch in der Lage
sein; von den Kigenschaften des Dinges Nutzen zu ziehen; - Die.freien
Güter haben Brauchbarkeit, aber keinen Wert. Die Kohle, welche
an einem unzügänglichen "Orte ruht; hat ebensowenig Wert, wie das
Holz in einem Urwalde, welches später einmal, wenn die Pioniere
der Kultur in jenen Distrikt eindringen, Wert erlangen kann. Man
gebraucht bereits den Ausdruck Wert, wo nur die eine Grundlage für
denselben vorliegt, und hat Verwirrung herbeigeführt, indem man die
Worte Nutzbarkeit und Wert identifizierte. Als konkreten Gebrauchswert
 bezeichnete Rau demgegenüber die Tauglichkeit eines
Gegenstandes, unmittelbar vorliegenden menschlichen Bedürfnissen
zu dienen, und hier ist man wohl in der Lage, den Ausdruck Wert
bereits anzuwenden. Nun ist aber doch unter Umständen die Tauglichkeit
 eines Gegenstandes für ein vorliegendes Bedürfnis gerade in der
Möglichkeit gelegen, ja er ist vielleicht allein dazu zu verwerten, andere
Gegenstände damit einzutauschen, z. B. ein Hundertmarkschein. Hier
fallen also Tausch- und Gebrauchswert völlig zusammen. Auf der anderen
 Seite wird ein Vorrat Getreide, welchen ein Landwirt aufgespeichert
 hat, nicht nur danach geschätzt, welchen Nutzen dieser davon
in der eigenen Wirtschaft zu ziehen vermag, sondern auch, was er dafür
 eintauschen oder durch Verkauf damit erlangen kann. Der Tauschwert
 beeinflußt somit den Gebrauchswert, sie lassen sich gar nicht
trennen, sobald man den Gegenstand in der Volkswirtschaft beobachtet,
and mit ihr haben wir es hier zu tun. Es ist ferner klar, daß, um
weiter diese Ausdrücke anzuwenden, Tauschwert nur vorhanden ist, wo
ein Gebrauchswert vorliegt, der letztere bestimmt den ersteren. Auch
hier erscheint eine Trennung beider vollständig untunlich. Der Ausdruck
 Wert wird hier nur uneigentlich gebraucht, wo es sich allein
am einen Faktor der Wertbestimmung handelt.
_ Eine zweite, gegenwärtig sehr allgemein akzeptierte Einteilung ist
die nach Neumann und von Böhm-Bawerk in objektiven und
subjektiven Wert. Der erstere ist „die anerkannte Tüchtigkeit eines
Gutes zur Herbeiführung irgend eines.einzelnen. äußeren Erfolge8" der
Jetztere „die praktische Bedeutung, die ein Guf für den Interessenkreis
eines bestimmten Subjektes-dadurch erlangt, daß_dieses-sein. Wohl.
befinden in’ irgend einem Stücke vom Besitze-des Gutes-abhängig weiß“.
Nach dieser Definition fällt der Objektive Wert mit dem abstrakten
Gebrauchswert zusammen, wie er im allgemeinen im Nahrungswert des
Getreides, Heizwert der Kohle usw. liegt, was, wie wir sahen, die Nützlichkeit
 eines Gutes bedeutet und nur eine Grundbedingung des Wertes
ist, nicht aber der Wert selbst. Böhm-Bawerk führt deshalb weiter
aus, daß für die wirtschaftliche Betrachtung der objektive Tauschwert
 der Güter die größte Wichtigkeit habe, „das ist die auf. den

Objektiver und
subjektiver
Wart
        <pb n="33" />
        Volkswirtschaftlicher

Wert

demeiner Wert

Faktoren. der
Wertbestimmung.


gegebenen tatsächlichen Verhältnissen beruhende Befähigung derselben,
im Tauschverkehr eine bestimmte Menge anderer Güter als Gegengabe
zu.erwerben“. Das ist also wiederum nichts anderes, als der Tauschwert
 des Adam Smith, der eben objektiven Charakter hat. Der
subjektive Wert, der durch das Urteil des einzelnen Wirtschaftenden
bedingt wird, ist nichts anderes, als der privatwirtschaftliche
Wert, der sich natürlich in unendlicher Mannigfaitigkeit der Tausende
und aber Tausende von einzelnen Wirtschaften herausstellt und für
die Nationalökonomie nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Der
volkswirtschaftliche Wert ergibt sich erst aus dem Zusammenwirken
 jener Privatwirtschaften in dem großen Durchschnitte des
Marktverkehrs. Uns will deshalb scheinen, daß die Unterscheidung
zwischen priyatwirischaftliehem. und volkswirtschaftlichem
 Werte bedeutsamer ist und den Kernpunkt in höherem Maße
trifft, als die Unterscheidung zwischen objektivem und subjektivem
Wert, und wir haben in dem Folgenden, wo es nicht anders angegeben
ist, den volkswirtschaftlichen Wert im Auge.
Auf die Unterscheidung des Gebrauchswertes wiederum in Kon-3umtions-
 und Produktionswert, der sich also nach der Art der Verwendung
 des Gutes richtet, ist nach dem Gesagten kein Gewicht zu
legen. In der Jurisprudenz spielt noch der gemeine Wert eine
erhebliche Rolle. Es ist derjenige, der nach der Schätzung im öffentlichen,
 freien Verkehre einem Gute beigelegt wird. Demselben steht,
z. B. bei ländlichen Grundstücken, der Ertragswert gegenüber, der
sich durch den aus dem Öbjekte zu erlangenden Reinertrag ergibt,
Man spricht auch von Kostenwert, der durch die Unkosten bestimmt
wird, welche die Herstellung oder die Beschaffung verursacht. Schließlich
 ist noch der, Affektionswert zu berücksichtigen, der durch
die besondere individuelle Beurteilung auf Grund eines bestimmten
Verhältnisses sich von dem durchschnittlichen Urteile unterscheidet.
Das ist z. B. der Fall bei einer Bibliothek, die ein Gelehrter sich für
seine Studien zusammengekauft hat, die für seine persönlichen Zwecke
eine weit höhere Bedeutung hat, als auf dem allgemeinen Markte.
Ein mäßiges Porträtgemälde wird für denjenigen einen sehr hohen
Wert haben können, welcher der Person sehr nahe gestanden hat.
die das Bild darstellt.
Alle diese Unterscheidungen haben aber nur eine untergeordnete
Bedeutung, und wir können bei der folgenden Untersuchung vollständig
 davon absehen.
Bei der Wertschätzung in der Volkswirtschaft, wo das subjektive
Moment völlig in den. Hintergrund tritt, kommen nun sehr v&amp;amp;rschiedene
Faktoren in Betracht, welche das menschliche Urteil beeinflussen:
4 Die natürliche „Nutzbarkeif des Gutes, die Eigenschaften,
urch welche es zur Pedürfnisbefriedigung des Menschen fähig werden
kann, werden überall die Grundlage der Schätzung bilden. Es ist die
Nährkraft des Getreides, durch welche dasselbe von den Menschen
geschätzt wird, wie die Bildsamkeit und der Glanz der Edelmetalle,
weshalb sie von den Menschen überall gesucht und bevorzugt werden.
Der Wert der verschiedenen Weinsorten beruht auf der Schätzung
ihres Geschmacks, der eines Rennpferdes auf seiner Leistungsfähigkeit.
Wo der Mensch sich nicht wenigstens einbildet, daß das Gut ihm
Nutzen bringen kann, wird er ihm eineh Wert nicht beilegen. Das
bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber die Brauchbarkeit ist keines-
        <pb n="34" />
        „U

wegs das allein bestimmende Moment des Wertes. Wir sahen bereits,
daß sehr brauchbare, ja zum Leben durchaus notwendige Gegenstände
freie Güter sein können, die gar keinen Wert haben, wie Luft, Wasser,
unter Umständen Holz, Grund und Boden, Steine usw. Ein Gut erlangt
 daher erst Wert, wenn ein anderes Moment hinzutritt, d.i. 2, die
Seltenheit. Was in nachhaltigem Ueberfiusse uns ohne Mühe in
jedem Momente zugänglich ist, wird von uns wirtschaftlich nicht als
wertvoll respektiert. Nur das wirtschaftliche Gut hat einen Wert,
und die Selfenheit des Gutes ist ımstande, den Wert desselben in sehr
bedeutendem Maße zu steigern und wesentlich über andere Gegenstände
 zu erheben, die für das ganze wirtschaftliche Leben weit unentbehrlicher
 sind. Daher die eigentümliche Erscheinung, daß ein Brot,
ein Stück Eisen nur einen geringeren Wert repräsentieren als das
seltenere Silber und Gold, Edelsteine usw., die für unser Leben weit
weniger notwendig sind. Hierin ist auch der Grund zu suchen, warum
z. B. in einer belagerten Stadt, je mehr die Vorräte aufgezehrt werden,
der übrig bleibende kleinere Rest, wie der der sibyllinischen Bücher,
einen wachsenden Wert erlangen kann. Die Nährkraft des Getreidevorrates
 hat abgenommen, die Bedeutung für das Leben der Bevölkerung
 ist gestiegen. Bei diesem Beispiele kommt aber zugleich ein
anderer Punkt in Frage, der früher bereits berührt wurde. Der
Wert eines Gegenstandes kann nur durch Vergleichung zum Ausdruck
gebracht werden. Die Wertsteigerung kann daher auch dadurch herbeigeführt
 sein, daß der zur Wertmessung herangezogene Gegenstand
an Bedeutung verloren hat. Das ist unzweifelhaft in einer belagerten
Stadt der Fall. Das Geld, Geschmeide, kostbare Kleider, alle sonstigen
Luxusgegenstände haben in der bedrängten Lage, in der sich die Be-Jagerten
 befinden, an Bedeutung wesentlich eingebüßt, Das Interesse
konzentriert sich mehr und mehr auf die Nahrungsmittel. Kin reicher
Mann zahlte deshalb willig kurz vor der Uebergabe, von Paris 1871
für ein Huhn 100 Fr., für ein Pfund Butter 20 Fr.4 um etwas Abwechslung
 in die Nahrung zu bringen. KEs hat eine Wertvrerschiebung
 stattgefunden, nicht aber eine Vermehrung der Befriedigungsmittel
 überhaupt.
Die Wirkung der Seltenheit hat aber ihre bestimmte Grenze, die
ihr gezogen wird 3._durch die Dringlichkeit.des B edürfnisses
des schätzenden Menschen, Das geht schon aus dem eben betrachteten
Beispiel hervor, Derselbe Gegenstand wird privatwirtschaftlich wie
volkswirtschaftlich sehr verschieden beurteilt, je nach den wirtschaftlichen
 Verhältnissen. Ohne daß ein Bedürfnis zur Verwendung des
Gegenstandes vorliegt, wird derselbe trotz seiner guten Eigenschaften,
durch welche er Nutzen gewähren könnte, Wert nicht zu erlangen vermögen.
 In den Tropen, wo es an Wäldern nicht fehlt, wird niemand
nach der Steinkohle Nachfrage halten, solange nicht eine entwickelte
Kultur den Dampfbetrieb zur Anwendung bringt. Die sonst so geschätzte
 Steinkohle erweist sich dort als wertlos. Der verschmachtende
Wanderer in der Wüste, die Mannschaft auf einem Schiffswrack, deren
Leben von dem Wasservorrat abhängt, werden denselben höher
schätzen, als was sie sonst besitzen, während unter gewöhnlichen
Verhältnissen das Wasser wertlos ist. Das Zusammenwirken beider
Momente, der Seltenheit und der Dringlichkeit des Bedürfnisses bringt
die unendlichen Nuancierungen hervor, welche in dem wirtschaftlichen
Leben in der Werthöhe und der Werthestimmung zutage treten.

Wertverschiebung


een
        <pb n="35" />
        16 —

4. Aber es ist noch ein vierter Faktor zu berücksichtigen, das ist
das Opfer. der Reschaffung,des Gutes, Die Arbeit, den Gegenstand
 herzustellen, -die-Mühe;-ihn-aus-einem entfernten Orte herbeizuschaffen
 oder ihn überhaupt ausfindig zu machen, mit anderen Worten,
die Herstellungs- oder Beschaffungs- (auch Reproduktions-)kosten besinflussen
 unser Urteil in hohem Maße. Handelt es sich um Gegenstände,
lie in beliebiger Menge leicht neu hergestellt werden können und tatsächlich
 in der Volkswirtschaft stets ausreichend geliefert werden, so kann es
keinem Zweifel unterliegen, daß der Wert bestimmt wird durch die Herstellungskosten
 im weiteren Sinne des Wortes. Die Lieferung hört eben
auf, wenn nicht soviel als Aequivalent dafür erlangt werden kann, als
zur Entschädigung für die aufgewendete Arbeit notwendig ist. Für die
übrigen Gegenstände, die nicht immer in ausreichendem Maße zu beschaffen
 sind, werden die Herstellungskosten dagegen nur die unterste
arenze bilden, unter welche dauernd die Wertschätzung nicht sinken
kann, während darüber hinaus ein weiter Spielraum bleibt, wie wir
bei Untersuchung der Preisregulierungs päter ausführlicher darzulegen
haben werden.

S 7.

Vergleichung der verschiedenen Begriffsdefinitionen
des Wertes.

K. Diehl, Die Entwicklung der Wert- und Preistheorie im 19, Jahrh. (in
Entw. der deutsch. Wirtschaftslehre). Leipzig 1908.
Rost, Die Wert- und Preistheorien mit Berücksichtigung ihrer dogmengeschichtlichen
 Entwicklung. Leipzig 1908,

Curgot.

Die Verschiedenheit der Wertdefinitionen, welche noch gegenwärtig
in unserer Wissenschaft vorhanden ist, scheint uns hauptsächlich darauf
zurückzuführen zu sein, daß bald der eine, bald der andere der bisher betrachteten
 Wertfaktoren überwiegend oder auch ausschließlich als maßzebend
 für die allgemeine Wertbestimmung angenommen wird, während
stets sämtliche zusammen wirken, nur daß in dem einen Falle der eine,
in dem anderen Falle ein anderer in höherem Maße ausschlaggebend ist,
Von Turgot wurde der Tauglichkeit des Gegenstandes der entscheidende
 Einfluß beigelegt, und wir sahen, daß dieses in vielen
Fällen auch durchaus zutreffend ist. Inama-Sternegg hat nachzuweisen
 gesucht, daß im Mittelalter unter normalen Verhältnissen die
Wertschätzung durch die Nutzbarkeit der Gegenstände bestimmt wurde,
also wie sie einem vorliegenden Bedürfnis unmittelbar als Nahrungsmittel,
 Schmuck, Waffe usw. zu dienen vermochten. Das ist unzweifelhaft
 in großer Ausdehnung noch jetzt bei den primitiven Völkerschaften
der Fall, wo z. B. in den Tropen bei den Negerstämmen viel überschüssige
 Arbeitskraft vorhanden ist, die aufgewendete Arbeit nicht
hoch veranschlagt wird und daher kein bedeutsames Moment bei der
Wertschätzung ausmacht. Je mehr auf höherer Stufe der Kultur die
gebrauchten Gegenstände allgemein viel Arbeit erfordern, und die
meisten Menschen von ihrer Arbeit leben, muß dieser Faktor mehr in
äen Vordergrund treten. Solange noch freie Güter in großer Menge
vorhanden sind, aus denen der größte Teil des Bedarfs gedeckt werden
kann, wird die Laune des Nachfragenden mehr in Betracht kommen,
als in einer Zeit, wo die Welt fortgegeben ist und ein übergroßer
        <pb n="36" />
        17

Teil des Lebensbedarfs durch Arbeit und Tausch aus dem Besitze
Anderer genommen werden muß,
Das Bedürfnis und die Seltenheit sind neuerdings von Karl Menger
and seiner Wiener Schule, Wieser, Böhm-Bawerk, dann von
Patten, Gide und Anderen nach dem Vorgange von Gossen,
Jevons und Heinrich von Thünen, als entscheidend angenommen
in „der. Ausbildung der N OT theorie: Sie
beruht auf der Voraussetzung, daß auf unserer Kulturstufe” die Dringlichkeit
 des Bedürfnisses in der Privatwirtschaft wie .in_ der Volks-.
wirtschaft für die Werthöhe bestimmend sei, Die Bedürfnisse stufen
Sich nach dieser Auffassung in Ihrer Dringlichkeit.ab. Je.mehr. der.
Vorrat ausreicht, auch die weniger dringlichen zu befriedigen, um. so_
geringer werden die Befriedigungsmittel ım Werte geSCHätZL.n nun
Roh Bawerk wählt das Beispiel der Einzelwirtschaft eines
Farmers, der seinen Erntevorrat außerordentlich hoch schätzt, wenn
derselbe nur ausreicht, um die nötigsten Nahrungsbedürfnisse der Familie
zu befriedigen. Alles Andere wird bei ihm im Vergleich zum Getreide
bedeutungslos dastehen. Wenn dagegen in einem anderen Jahre die
Ernte ausreicht, um nicht nur die Menschen zu ernähren, sondern auch
in angemessener Weise den Viehstand zu erhalten, so wird das Getreide
 schon nicht in dem gleichen Werte stehen. Wenn er aber
genügend geerntet hat, um außerdem Papageien zu füttern, die er zu
seinem Vergnügen hält und zieht, so wird der ganze Vorrat nur nach
dem Maßstabe dieses letzten Aufwandes geschätzt werden, d. h. außerardentlich
 gering, Dies trifft in isolierter Wirtschaft allerdings Zu.
Es wird auch auf manche Verhältnisse in der Volkswirtschaft zu übertragen
 sein, vielleicht auf die Schätzung der Ernte eines ganzen Landes,
und es ist unzweifelhaft ein Verdienst jener Schule, wieder die Aufmerksamkeit
 auf das bedeutsame Moment der Dringlichkeit des Bedürfnisses
 gelenkt zu haben. Wir können uns aber nicht davon überzeugen,
 daß diese Art des Urteilens überall in der Volkswirtschaft
vorliegt, und daß die Dringlichkeit das allein bestimmende Motiv ist.
Unter unseren tatsächlichen volkswirtschaftlichen Verhältnissen greift
vielfach unzweifelhaft die Berücksichtigung der Herstellungskosten bestimmend
 ein. Die Fabrikanten, welche beobachten, daß mehr Ware
produziert ist, als untergebracht werden kann, halten darum noch nicht
den ganzen Vorrat für entwertet, sie bringen nur so viel auf den
Markt, als zu einem angemessenen Preise Absatz finden kann, und
vernichten nur den kleinen Rest, der allein entwertet ist, während
nach der Grenznutzentheorie bei eingetretenem Ueberfluß der ganze
Vorrat wertlos sein soll. Wiederholt ist es dagewesen, daß in überreichen
 Ernten ein Teil des Getreides dem Mäusefraß und sonst dem
Verderben verfiel, noch niemals hat die Geschichte aber von einem
Beispiel berichtet, daß in einer Volkswirtschaft das Getreide keinen
Preis hatte. Sehr häufig werden größere Auflagen von Büchern geiruckt,
 als Absatz finden können, dadurch ist aber noch niemals die
ganze Auflage wertlos geworden. In der Volkswirtschaft vollziehen
sich die Verhältnisse nicht so einfach wie in der isolierten Wirtschaft,
Die Reibungen im praktischen Leben bringen durchgreifende Verschiebungen
 hervor. Man hat ferner nur bei wenigen Gegenständen
gleiche Qualität, _ Wo diese aber “ungleich ist, vermindert sich die
Wirkung der Quantität, Ebenso führen auftauchende Surrogate wesentliche
 Wertverschicbungen herbei,
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. 1. Teil. 8. Aufl.

Die Grenz-1ıutzentheorie.
        <pb n="37" />
        Arbeit als
alleiniger
Wertfaktor.

Jarev.

Bastiat.

L

$

Adam Smith bestimmte den Wert eines Gegenstandes nach der
Arbeit, dıe man damit einkaufen kann, aber auch nach der Arbeit,
Jie zur Herstellung erforderlich war. Dies führte sein Schüler David
Ricardo eingehender aus, der überall dort die Herstellungskosten
für den Wert bestimmend ansah, wo der Gegenstand in ausreichender
Fülle vorhanden ist und der gesteigerte Bedarf leicht gedeckt werden
kann, während bei beschränktem Vorrat und erschwerter Ergänzung
der Einfluß des Seltenheitsmomentes als über die Kosten hinaus wertsteigernd
 durchaus von ihm anerkannt wurde. Da er aber annahm, daß
in bei weitem überwiegender Weise in der Volkswirtschaft der erstere
Fall, der zweite nur ausnahmsweise vorkomme, so berücksichtigte er bei
den allgemeinen Betrachtungen nur den ersten, nicht den zweiten.
Hierauf stützten sich besonders Karl Marx und seine Schule, welche
das Seltenheitsmoment ganz beiseite Schoben und nur die durchschnittlich
 (nicht in dem einzelnen Falle, sondern die gesellschaftlich) zur
Herstellung notwendige Arbeit als den Wert bestimmend ansahen, wie
sie zugleich die menschliche..Arbeitskraft als alleinigen. Werterzeuger
hinstellten. Hiernach kennt die sozialistische Schule nur den Kostenwert
 und versteht unter Kosten nicht Geld, sondern Arbeit.
“” Schon der Amerikaner Carey trat den Ausführungen Ricardos
entgegen, indem er sagte: Nicht die zur Produktion, sondern zur Reproduktion
 nötige Arbeit bestimmt den Wert. Wieviel Arbeit aufgewendet
 ist, um den Gegenstand anzufertigen, bleibt gleichgültig;
wenn man durch einen Fortschritt, z. B. eine Erfindung, in den Stand
gesetzt wird, sich den Gegenstand mit viel weniger Arbeit neu herzustellen,
 so wird man für ihn nicht mehr geben, als die Neuherstellung
erfordert. _Jeder industrielle Fortschritt führt daher unter sonst
gleichen Verhältnissen _zu einer Verminderung des Wertes der betreffenden
 Gegenstände. „Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Auffassung
 richtig ist, doch wird sie nur für solche Verhältnisse eine
wesentliche Bedeutung haben, wo der Fortschritt und die Ermäßigung
der Herstellungskosten schnell vor sich gehen, während das Ergebnis
in den meisten Fällen mit der Ricardoschen Definition zusammenfallen
 wird.
Der Careyschen Auffassung sehr nahe liegt die von Frederic
Bastiat, der den Wert bemißt nach dem durch das Gut ersparten
Dienste. Hat ein Fuhrmann, sagt er, in einem Fasse Trinkwasser
nach der Stadt gefahren, so wird das Wasser nicht nach den Kosten
bewertet, welche dem Fuhrmann daraus entsprangen, sondern der Wert
des Wassers wird in der Stadt so hoch geschätzt werden, und der
Fuhrmann wird den Preis des Wassers so weit über seine eigenen
Kosten zu steigern vermögen, als die Städter ihre Mühe veranschlagen,
um sich das Wasser selbst zu holen, was im allgemeinen höher sein
wird als die Mühe des Fuhrmanns. Auch diese Art der Schätzung
kommt in der Volkswirtschaft gewiß häufig vor, und die Darlegung
trägt zur Erläuterung des volkswirtschaftlichen Vorganges wesentlich
bei, unrichtig ist es aber sicher, überall diese eine Form der Schätzung
als maßgebend anzunehmen. Auch hier kommt die Seltenheit des
Gutes nicht zur Geltung, so wenig wie bei Marx, Nicht nur bei Edelsteinen,
 Kunstwerken usw. ist sie als entscheidend anzusehen, sondern
vor allem bei dem Grund und Boden, besonders in den Städten, wo
ein Bauplatz, auf den noch gar keine Arbeit verwendet ist, doch tatsächlich
 bei starker Bevölkerung einen hohen Wert haben kann. Da
        <pb n="38" />
        wir es hier aber zunächst allein mit der Klärung der volkswirtschaftlichen
 Tatsachen zu tun haben, so ist die Ricardo-Marxsche Auffassung
 schon auf Grund dieser Tatsachen als falsch zu bezeichnen.
Wenn in der Landwirtschaft zwei Pferde mit denselben Kosten aufgezogen
 sind, so können sie doch. bei verschiedener Körperbeschaffenheit
 .ganz ‚verschiedenen Wert haben. Ein Wechsel der Mode bringt
Wertveränderungen hervor, ohne daß die Produktionskosten sich verändert
 zu haben brauchen. In der Volkswirtschaft ist auf der anderen
Seite nur bei verhältnismäßig wenig Gütern die Neubeschaffung in
jedem Augenblicke leicht durchführbar. Vielmehr haben wir es ganz
allgemein mit Seltenheitsmomenten zu tun. Kohle, Kupfer, Eisen, Getreide
 schwanken im Preise von einem Jahre zum anderen, auch wenn
die Herstellungskosten dieselben geblieben waren. Jeder Produzent, der
sich einen besonderen Ruf in einem weiten Kundenkreise erworben
hat, — sei es durch die absolute Zuverlässigkeit in seinen Lieferungen,
z. B. ein Handelsgärtner, weil er nur keimfähigen Samen liefert,
oder indem sich das Fabrikat durch besondere Güte auszeichnet, z. B.
Nähmaschinen, Fahrräder in bestimmten Maschinenbauanstalten, — ist
in der Lage, höhere Preise für seine Ware zu nehmen, als seine Konkurrenten,
 höhere, als seinen Produktionskosten entspricht. Seine Waren
erlangen einen Seltenheitswert. Auch der Kaufmann, der ein besonderes
Vertrauen bei seinen Kunden besitzt, kann aus dem gleichen Grunde
einen höheren Aufschlag machen, als die benachbarten Geschäfte. Die
Wertschätzung seiner Ware erweist sich bei den Kunden höher als
derjenigen seiner Konkurrenten.
Bei der hohen Bedeutung, welche man eine lange Zeit der Marxschen
 Werttheorie,beilegte, müssen wir auf diese noch besonders eingehen.

Karl Marx (a davon aus, daß, wenn im volkswirtschaftlichen
Tauschverkehre zwei Gegenstände dem Werte nach gleich geschätzt
werden, notwendig eine gemeinsame Grundlage vorhanden sein müsse.
Die Nutzbarkeit des Gegenstandes erweise sich nun nicht als gleichartig,
da das subjektive Ermessen der Schätzenden außerordentlich verschieden
sei. Auch wir haben diese Ungleichartigkeit ausdrücklich anerkannt und.
darzulegen gesucht. „An nimmt als die überall gemeinsame Grundlage,
 sich an Ricardo anlehnend, das Quantum gesellschaftlich nat,
wendiger Arbeitszeit an, welches die Herstellung Te Wen unter den
Vörkandenen, gesellschaftlich normalen Produktionsbedingungen und bei
dem durchschnittlichen Grade von Geschick und Intensität der Arbeit
erfordert. Er meint; dorf einen objektiven, festen Maßstab gewonnen
Zu haben. Das ist indessen durchaus nicht zuzugeben. Er selbst erkennt
 an, daß zwischen Arbeit und Arbeit ein sehr bedeutender Unterschied
 ist, er hilft sich aber über die Schwierigkeit dadurch hinfort, daß
er qualifizierte Arbeit eines Künstlers auf einfache Arbeit reduzieren
will, wodurch er dem subjektiven Ermessen des Schätzenden wiederum
verfallen ist. In jeder höhere Arbeit, die nicht mechanische Nachbildung
ist, liegt schöpferische-Selbsttätigkeit, die sich prinzipiell von einfacher
physischer Arbeit unterscheidet. und’ daher‘ nicht durch‘ sie” gemessen
werden kann. Um die zur Herstellung einer Statue, eines Romans, eines
wissenschaftlichen Werkes notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit festzustellen,
 fehlt ein jeder Anhalt, ebenso wie zur Herstellung einer
neuerfundenen Maschine, eines neuen Färbemittels usw. Nur wenn man
die Bedeutung der Leistung des Unternehmers, eines Ingenieurs ignoriert,

Marx.
        <pb n="39" />
        20 —

ML Ark

A Am, 14
A AR

Preis.

wie es von Marx geschieht, oder sie ausdrücklich als unproduktiy bezeichnet,
 wie Rodbertus es tut, kann man die einfache physische
Arbeit als Maßstab akzeptieren. Die ganze Grundlage der Marxschen
Ausführung, daß notwendig zur Vergleichung ein objektiv gleicher Maßstab
 zur Wertschätzung vorhanden sein müsse, ist keineswegs anzUerkennen,
 sondern es liegt in der Eigentümlichkeit der Wertschätzung,
daß das subjektive Moment eine ebenso große Rolle spielt, wie das objektive,
 in den Eigenschaften des geschätzten Gegenstandes begründete.
Wie das Urteil über die Schönheit nicht nach einfachem Maßstab zu bestimmen
 ist, so auch nicht der wirtschaftliche Wert. Da Marx anerkennen
 muß, daß seine Werttheorie die tatsächlichen Vorgänge der Wertschätzung
 nicht zu erklären vermag, sondern mit ihnen überall in Widerspruch
 gerät, so hilft er sich mit der Konstruierung eines Gegensatzes
zwischen Preis und Wert und behauptet, daß in jenen Fällen, wo das
Seltenheitsmomenteine Rolle spielt und dadurchtatsächlich die Schätzung
eine weit höhere ist, als der aufgewendeten Arbeit entspricht, nur der
Preis gesteigert sei, nicht aber der Wert. Mit anderen Worten, er stellt
a priori einen wirtschaftlichen Begriff des Wertes auf und sucht die
tatsächlichen Vorgänge mit Gewalt diesem Begriffe anzupassen. Kr
deutet sie willkürlich seiner vorgefaßten Meinung zuliebe, während es
die Aufgabe der Wissenschaft ist, allein die Tatsaclıen zu erklären
und auf Grund derselben die Begriffsdefinitionen aufzustellen.

88.
Preis und Vermögen.
Zuckerkandl, Theorie des Preises. Leipzig 1889.
Leo von Buch, Intensität der Arbeit, Wert und Preis der Waren. Leipzig 1896.
F. Weinschenk, Das Volksvermögen. Jena 18%6,
_Preis ist_das Aequiyalent für ein Tauschobjekt, und zwar im allyemeinen,
 wo nicht eine besondere Ausnahme gemacht wird, in Geld.
Der Preis eines Pferdes ist ev. 1000 M. Es ist die Summe, welche
tatsächlich bei dem Kauf für den Gegeustand gezahlt wird, oder die
Summe, welche dafür gefordert, der Wert, welcher von beiden oder
auch nur von einem Teile zum Ausdruck gebracht wird,
In. welchem Verhältnis stehen, hiernach Wert und Preis?
Sobald beide volkswirtschaftlich aufgefaßt werden, fallen.sie offenbar
 zusammen. Das Ergebnis der allgemeinen Schätzung tritt allein zutage
 in dem Durchschnitte der geforderten und gezahlten Preise im
großen Verkehre. Eine Abweichung voneinander ist hier garnicht
denkbar. Auch privatwirtschaftlich ist der erzielte Preis im einzelnen
Falle der Ausdruck des Ergebnisses der gegenseitigen Abwägung des
Wertes zwischen Käufer und Verkäufer. Für den einen Teil oder auch
für beide Teile kann aber die Wertschätzung wesentlich anders ausfallen,
 als der tatsächlich erzielte Preis ist. Der Verkäufer kann das
Pferd vielleicht nur auf 800 M. geschätzt haben, weil er gewisse Fehler
kannte, die der Käufer nicht bemerkte, er nahm aber den höheren
Preis von 1000 M., den ihm der andere Teil bewilligte, weil dieser in
seinem Urteil soweit hinauf oder auch vielleicht noch darüber hinaus
ging. Wenn der Käufer sich so ausdrückt, er habe das Pferd über
den Wert bezahlt, so will er damit sagen, daß er entweder nachträglich
erkannt habe, daß er bei dem Kaufe den Wert überschätzt hatte, oder,
daß er sich in der Zwangslage befunden habe, die ihn nötigte, im
        <pb n="40" />
        2,

Momente dem Pferde einen höheren Wert für seine individuellen Verhältnisse
 zuzuerkennen, als der gemeine oder volkswirtschaftliche Wert
sei. Der gezahlte Preis wird dann aber doch der subjektiven Wertschätzung
 des Käufers entsprochen haben. Wenn Marx nun selbst
auf der einen Seite erklärt, Bd. III, 2. Abt,, S. 188: „Der Preis ist
normaliter nichts als der in Geld ausgedrückte Wert“, dann aber anerkennt,
 daß Grund und Boden, auf den noch keine Arbeit verwendet
ist, einen hohen Preis haben kann, auch ohne daß derselbe bereits bearbeitet
 war, und dann sich darüber hinforthilft, indem, er Bd. IIL,
S. 162 sagt: „Da die Erde nicht das Produkt der Arbeit ist, also auch
keinen Wert hat“, mithin einen strikten Gegensatz zwischen Preis und
Wert macht, so sind das unlösbare Widersprüche. In gleicher Weise
entzieht er sich den Konsequenzen seiner Begriffsdefinition, wenn er
Bd. IM, S. 292 sagt: „Von eigentlichen künstlerischen Gegenständen
nicht zu reden, deren Betrachtung der Natur der Sache nach von
unserem Thema ausgeschlossen ist.“ Da nun das Seltenheitsmoment
und auf der anderen Seite die qualifizierte Arbeit überall in unserer
Volkswirtschaft eine hervorragende Rolle spielen, so schließt Marx *)
selbst die Anwendbarkeit seiner Begriffsdefinitionen auf unsere volkswirtschaftlichen
 Verhältnisse aus. Sie wird zur Erklärung der Tatsachen
 unbrauchbar und hat allerdings wesentlich zur Verwirrung der
Anschauungen beigetrageBanmesu.Gunun ;
Die Summe aller wirtschaftlichen Güter, welche im Eigentum einer
_ physischen oder Juristischen Person oder A An Ta aften stehen,
nennen wir Vermögen. Dazu gehören nach dem Irüher Gesagten
THicht-nur Sachgüter, sondern auch Rechte, so Pacht-, Patent-, Verlagsrechte.
 Denselben stehen gegenüber Schulden, die von dem Vermögen
in Abzug gebracht werden müssen, um den Wohlstand einer Person
in Geld festzustellen.
Man spricht auch von Volksvermögen, doch ist der Begriff
des Vermögens durchaus privatwirtschaftlich aufzufassen und setzt die
Schätzung in Geld voraus. Der Staat kann deshalb personifiziert als
Fiskus Vermögen besitzen, so gut wie Schulden haben. KEin Volk disponiert
 aber über eine Menge Güter, die nicht im Verkehre geschätzt
werden können und doch von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind,
wie natürliche Wasserstraßen, Häfen usw. Außerdem treten, wie
später noch näher darzulegen sein wird, innerhalb eines Landes Werterhöhungen
 ein, welche anscheinend das Volksvermögen steigern, tatsächlich
 aber nur eine Wertverschiebung in sich schließen und daher
den Wohlstand der Gesamtheit unberührt lassen, wie bei Kurssteigerung
von Papieren, Erhöhung der Preise des Grund und Bodens und der
Häuser in den Städten usw. Man wird daher den Ausdruck Volksvermögen
 nur mit großer Vorsicht anwenden dürfen.
‚ 3) K. Marx, Das Kapital, Bd. III, 2, Abt.,+S. 173: „Es ist endlich festzuhalten,
daß der Preis von Dingen, die an und für sich keinen Wert haben, d. h. nicht das
Produkt der Arbeit sind, wie der Boden, oder die wenigstens nicht durch Arbeit
reproduziert werden können, wie Altertümer, Kunstwerke bestimmter Meister usw.,
durch sehr zufällige Kombinationen bestimmt werden kann. Um ein Ding zu verkaufen,
 dazu gehört nichts, als daß es monoupolisierbar und veräußerlich ist.“
S. 188 ebenda: „Der Wasserfall, wie die Erde überhaupt, wie alle Naturkraft,
hat keinen Wert, weil er keine in ihm vergegenständlichte Arbeit darstellt, und
daher auch keinen Preis, der normaliter nichts ist, als der in Geld ausgedrückte
Wert. Wo kein Wert ist, kann eo ipso auch nichts in Geld dargestellt werden.“
. .S. auch Karl Diehl, Ueber das Verhältnis von Wert und Preis im ökonomischen
 System von Karl Marx. Jena 1898.

Vermögen.
        <pb n="41" />
        Abschnitt

Die Lehre von der Produktion.

Kapitel I.
Die Grundlaze der Produktion.

8 9.
Das Bedürfnis als Ursache der volkswirtschaftlichen
Tätigkeit.
B. Gurewitsch, Die Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse und die soziale
iederung der Gesellschaft. Leipzig 1901.
Brentano, Versuch einer Theorie der Bedürfnisse. München 1908,
Bedürfnis als Das Bedürfnis ist, wie wir sahen, die treibende Kraft in der Volkseft°
 wirtschaft, auch die Tiere haben ihre Bedürfnisse, doch kann man bei
ihnen nicht von Volkswirtschaft sprechen. Der Hamster ist allerdings
vorsorglich und sammelt einen Wintervorrat ein; ja, er ist vielleicht
vorsorglicher als der Neger. Der Biber richtet sich eine Wohnung
künstlich her. Wir finden bei Bienen und Ameisen Arbeitsteilung und
Organisation der gesamten Tätigkeit. Man kann deshalb wohl von
Wirtschaft bei ihnen sprechen, doch bleibt es isolierte Wirtschaft, wenn
auch mitunter in großem Maßstabe, aber das Tier kann niemals darüber
hinausgelangen. Der Mensch unterscheidet sich prinzipiell von dem
Tiere dadurch, daß HT Or N Wesen seine
eigenen Anlage und Triebe Zu erkennen und Zu beurteilen vermag
and zugleich die TO SENAT AL reibens- a bWgeN 200.
messen. Kann, Vorausberechnend kann er seine Eigenschaften modizieren,
 seinen Trieben Schranken auferlegen und dadurch auf sein
Dasein einen erheblichen Einfluß ausüben. Das Tier gibt sich rückhaltlos
 seinen Trieben hin; es besitzt nur ein geringes Anpassungsvermögen
 an die Verhältnisse. Es nimmt die Gaben der Natur, wie
sie sind, und geht zugrunde, wenn es sie nicht zu assimilieren vermag.
Der Mensch ist imstande, nicht nur, was die Natur gewährt, umzugestalten,
 um es sich nutzbar zu machen, sondern, und das ist für
ans hier von besonderer Wichtigkeit, auch seine Bedürfnisse zu modifizieren
 und den Verhältnissen anzupassen. Jenes allgemeine Agens,
die menschlichen Bedürfnisse, ist nichts unabänderlich Feststehendes,
sondern fortdauernden Modifikationen unterworfen, Die menschlichen
Bedürfnisse stehen im Flusse der Geschichte. Die GeSchichte der Beürfnisse
 gibt uns zugleich die Geschichte der Volkswirtschaft, denn
        <pb n="42" />
        23

die veränderten Bedürfnisse stellen der Menschheit neue Aufgaben
der Arbeit.
Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, welche Veränderungen
unsere Nahrungs- und Kleidungsbedürfnisse im Laufe der Kulturentwicklung
 erfahren haben, um sich dieses klar zu machen. Noch
bei Homer kennen die Griechen keine Abwechslung in den Speisen.
Brot, Fleisch und Wein treten überall in der gleichen Weise bei allen
Mahlzeiten auf, während heutigen Tages die Speisen in der mannigfachsten
 Weise hergestellt werden. Für die feinen Diners liefern die
verschiedensten Weltteile ihre Beiträge, und Tausende arbeiten an
der Herbeischaffung mit. Man vergleiche die einfache Art, mit der
die primitiven Völkerschaften ihre Blößen bedecken, und die enorme
Arbeit, die erforderlich ist, um heutigen Tages die Balltoilette einer
Dame herzustellen. Das Wesentlichste aber ist, daß der Mensch sich
ebenso erfinderisch erweist, sich seine Arbeit zu erleichtern und mit
weniger Mühe seine Befriedigungsmittel zu beschaffen, wie er nach erleichterter
 Arbeit wiederum beständig tätig ist, in sich neue Bedürfnisse
 zu erwecken, um sich damit neue Arbeit zu schaffen. Sobald
die Nähmaschine erfunden war, wurden die Toiletten komplizierter, so
daß sie trotz Unterstützung der Maschine noch mehr Arbeit erforderten,
als vorher ohne dieselbe. Seit die Stickmaschine erfunden ist, werden
Stickereien überall bei der gewöhnlichen Kleidung angebracht, wie bei
Dekorationsgegenständen usw., wo man sie bis dahin nicht kannte;
und auch die mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung fangen
an, mehr und mehr davon Gebrauch zu machen. Die Verbesserung
der Geschosse führte zur Ausbildung der Panzer. Je dicker und härter
die Panzerplatten, um so größer werden die Kanonen und Geschosse
gemacht. Die Verbesserung der Beleuchtung zunächst vereinzelter
Läden, öffentlicher Lokale regt in der Bevölkerung die Verbesserung
der Beleuchtung in den Wohnungen an, die Erhellung jedes Winkels
in den Zimmern nötigt zu einer besseren Ausstattung der Räume; eine
Vervollkommnung bedingt die andere. Was zunächst exzeptioneller
Luxus war, wird bald zum allgemeinen täglichen Gebrauch. Das Beispiel
 der bevorzugten Klassen regt allmählich die mitleren und unteren
Klassen zur Nachfolge an. Justus von Liebig sagt gelegentlich
in seiner „Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie“,
es sei eine triviale, selbstverständliche Wahrheit, daß, wenn der Mensch
sein Nahrungsbedürfnis ohne Arbeit aus Luft befriedigen könnte,
jede wirtschaftliche Tätigkeit, wie jeder wirtschaftliche und soziale
Unterschied der Klassen, der Gegensatz von Arm und Reich, von
Herren und Dienern mit einem Schlage aus der Welt geschafft sein
würde. Das ist ein großer und sehr bezeichnender Irrtum. Denn,
brauchte der Kulturmensch nicht mehr für die Nahrung zu sorgen, so
würde er sofort seine sonstigen materiellen Bedürfnisse, ganz besonders
aber die geistigen steigern, sich damit immer neue Aufgaben stellen,
der Ungleichheit in der Schaffenskraft einen gleichen Spielraum gewähren
 und damit der wirtschaftlichen Tätigkeit ebenso große, wenn
auch veränderte Entfaltung gestatten, damit aber zugleich zur Ausbildung
 der Klassengegensätze die gleiche Grundlage gewähren.
Diese Erkenntnis ist aber für die ganze Auffassung des wirtschaftlichen
 Lebens hochbedeutsam und geradezu entscheidend. Die Adam
Smith sche Schule kam vielfach zu falschen Auffassungen, weil sie
dieses Moment nicht genügend berücksichtigte, die menschlichen Be-Veränder-


 der
Bedürfnisse.
        <pb n="43" />
        24

Bedürfnissteigerung.


dürfnisse als für große Perioden feststehend annahm, wie wir später
wiederholt zu zeigen haben werden. Die Beurteilung unserer modernen
wirtschaftlichen Entwicklung wird durch die Berücksichtigung des Dargelegten
 eine optimistischere sein. Auch einer stark zunehmenden Bevölkerung
 wird durch die Entwicklung der Bedürfnisse noch die nötige
Arbeitsgelegenheit geboten werden können. Jede Hebung der Lebensbedingungen
 der unteren Klassen stellt an die Arbeitskraft des Landes
die gewaltigste Anforderung, und eine Grenze für diese Entwicklung
ist kaum abzusehen.
Auf niederer Kulturstufe ist die Weckung der Bedürfnisse das
erste Erfordernis zur Hebung des Fleißes. Das Unbehagen durch die
Nichtbefriedigung derselben muß größer sein als das Behagen, sich der
Trägheit hinzugeben. Der Neger beginnt erst zu arbeiten, wenn in ihm
das Streben wachgerufen ist, sich bunte Zeuge, Schmucksachen, alkoholische
 Getränke zu verschaffen, und dieses Streben so stark ist, daß
er lieber die Anstrengungen der Arbeit auf sich nimmt, um sich das
Nötige zu verdienen, als träge hin zu vegetieren. Solange der russische
/ Bauer sich bei seinen geringen Bedürfnissen völlig wohl fühlt, ist er für
einen Kulturfortschritt nicht reif. Erst wenn er danach strebt, sich
mehr Mittel zu verdienen, wird er auch geneigt sein, etwas zu lernen,
um seine Leistungsfähigkeit zu erhöhen, es ist die erste Anregung, um
sich auch geistig höher zu bilden. Die Trägheit ist aber überall in
der Menschheit verbreitet, und es bedarf eines Anstoßes, um sie zu
überwinden. Der Reiz, sich mehr Genüsse zu verschaffen, ist am
meisten geeignet, die natürliche Trägheit zu überwinden.
Die Steigerung der Bedürfnisse ist aber nicht unter allen Umständen
 förderlich. Sie kann auch über das richtige Maß hinausgehen.
Das wird der Fall sein, wenn die Entwicklung der Leistungsfähigkeit
nicht mit der der Bedürfnisse Hand in Hand gegangen ist, und dadurch
 die Gefahr erwächst, daß die angeregten Bedürfnisse keine
Befriedigung finden, wodurch Unzufriedenheit entstehen muß, und die
soziale Frage tatsächlich entstanden ist.

8 10.

Das Privyatinteresse als wirtschaftliches Agens.

Schmoller, Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Art. Volkswirtschaftsljehre
 und -methode,
Menger, Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften. Wien 1883,
Dietzel, Beiträge zur Methodik der Wirtschaftswissenschaft. Jahrb. f. Nationalökonomie.
 N. F., IX, 1881.
A. Wagner, Grundlegung, 1. Buch. Leinzig 1894.

Egoismus.

Der Mensch ist aber nicht nur in bezug auf seine Bedürfnisse
großen Wandlungen unterworfen, sondern auch in seinen Begriffen von
Recht und Sitte, wodurch auch die Tätigkeit zur Befriedigung der
Bedürfnisse, also die ganze Volkswirtschaft große Modifikationen erfahren
 muß. Die Adam Smithsche Schule ging davon aus, daß das
Privatinteresse, der Egoismus die wirtschaftliche Tätigkeit hervorrufe
und leite, und gewiß ist dieses richtig. Sie ging aber noch einen
Schritt weiter und sah dieses Privatinteresse als bei allen Menschen
gleich an, so daß dadurch die wirtschaftliche Tätigkeit überall in der
gleichen Weise beeinflußt würde. Sie glaubte daher allgemein wirt-
        <pb n="44" />
        20

schaftliche Naturgesetze aufstellen zu können und sah in der Auffindung
derselben die Aufgabe der Wissenschaft. Das ist indes nicht richtig.
Der Egoismus, wie er hier in Betracht kommt, ist offenbar aufzufassen
als das Streben, in sich das Gefühl der Zufriedenheit herzustellen.
Bei dem Eintreten des Gefühls des Hungers wird der Mensch allgemein
 danach streben, durch Verschaffung von Nahrungsmitteln und
Genuß derselben sich Befriedigung zu verschaffen. Aber die Art,
wie er seinen Zweck zu erreichen sucht, wird je nach der Stufe der
Kultur eine sehr verschiedene sein. Dieselben Triebe, der Selbsterhaltungs-
 und der Geschlechtstrieb, die bei allen Menschen vorhanden
 sind, wirken bei den verschiedenen Individuen sehr ungleich.
Der Neger, der Indianer geben sich denselben schrankenlos hin. Sie
kennen keine andere Rücksicht, und werden ev. vor einem Morde
nicht zurückschrecken, wenn sie sich dadurch das Gewünschte verschaffen
 können. Der Kulturmensch ist dazu im allgemeinen nicht
fähig. Die Rücksicht auf den Nebenmenschen aus religiösem Grundsatze,
 aus Ehrgefühl, die zum Altruismus wird, wenn das Streben
so weit geht, dem Andern Vorteile zuzuwenden, hindert ihn daran. Er
würde durch eine solche Handlung sein Gewissen beschweren und trotz
der Stillung des Hungers nicht zum Gefühl der Befriedigung gelangen.
Je höher die Stufe ist, auf der er steht, um so mehr ist er gewöhnt,
seine Triebe zu beherrschen, und wird bei demselben Anlaß zu ganz
anderen Handlungen getrieben wie der Naturmensch. Mit anderen
Worten: Die Art des Selbstinteresses ist eine durchaus andere geworden.
Es wirken eine Menge anderer Motive auch bei rein wirtschaftlicher
Tätigkeit mit. Dieselben Triebe veranlassen sehr ungleiche Handlungen.
Die letzteren beruhen daher nicht auf einfachen Naturgesetzen, wie es
die alte Schule annahm, die sie überall als gleich annahm; sondern
jedes Volk, jede Zeit, jede Kulturstufe weist andere Handlungen der
Menschen auf, die durch dieselben wirtschaftlichen Ursachen hervorgerufen
 sind. Daher können einzelne wirtschaftliche Erscheinungen
nur auf Grund der genauen Kenntnis der vorliegenden Zustände beurteilt
 werden. Was für Wirkungen einzelne wirtschaftliche Veränderungen
 herbeiführen werden, läßt sich nur in wenigen einfachen
Fällen aprioristisch vorherbestimmen, und nur unter Berücksichtigung
der gegebenen Verhältnisse. Aus dem Gesagten geht hervor, daß auch
die Lehren unserer Wissenschaft nur für eine bestimmte Kulturstufe
maßgebend sein können. Wir untersuchen die Verhältnisse, die vor uns
liegen, und gewinnen auf Grund der Erfahrung gewisse Auffassungen,
stellen den Zusammenhang von Ursache und Wirkung fest, wie er sich
aus unserer Beobachtung ergibt. Unser Urteil über wirtschaftliche Vorgänge
 komplizierterer Art wird daher stets das Ergebnis. unserer Zeit
sein und für andere Zeiten nichtmehr. die.volle Gültigkeit--haben. Die
Gegenwart für unsere Zwecke richtig zu beurteilen, hilft uns vor
allem die Statistik, dann das Staats- und Verwaltungsrecht. Zu übersehen,
 wie die Verhältnisse geworden sind, lehrt uns die Geschichte.
Diese Wissenszweige sind die Grundlage unserer Wissenschaft. Es
hat die Philosophie, vor allem die Psychologie hinzuzutreten, um uns
die Eigentümlichkeiten des Menschen klar zu legen und Schlüsse auf
seine Handlungsweise zu ermöglichen.
Wenn aber die Berliner sog. „historische Schule“ glaubt, allein auf
dem historischen Wege eine neue nationalökonomische Wissenschaft
Schaffen zu können, so erscheint uns das zu weit gegangen. Unsere

Historische
Schnle.
        <pb n="45" />
        26

Wiener Schule.

Kenntnisse der früheren wirtschaftlichen Verhältnisse sind dazu viel zu
unvollkommen. Prinzipiell steht aber dem entgegen, daß jede Kulturstufe
 viel zu große Verschiedenheiten aufzuweisen hat, als daß man aus
den Vorgängen anderer Zeiten ohne weiteres unsere beurteilen lernen
könnte. Wir werden z. B. aus der Wirkung einzelner Steuermaßregeln
im 16., 17. Jahrhundert nur sehr beschränkt ein Urteil über den Einfluß
gewinnen, den dieselbe Maßregel in unserer Zeit ausüben wird. Wir
werden deshalb stets von der Gegenwart auszugehen haben und den
Schwerpunkt auf die Untersuchung der uns vorliegenden Verhältnisse
legen müssen. Die historische Untersuchung hat sekundär hinzuzutreten,
um zu zeigen, wie und wodurch die Gegenwart so geworden ist, wie sie
ist, sie kann aber niemals auf die primäre Stellung in der politischen
Oekonomie Anspruch erheben. Sie hat hauptsächlichste Bedeutung für
die Volkswirtschaftspolitik, weniger für die Nationalökonomie,
Demgegenüber glaubt die Wiener Schule, die sich die „exakte“
nennt, hauptsächlich im Sinne der Smithschen Richtung die Wissenschaft
 durch aprioristische Konstruktionen fördern zu können, mehr
deduktiv als induktiv vorgehen zu sollen. Unzweifelhaft ist nach dieser
Richtung noch außerordentlich viel zu tun. Unsere Begriffsdefinitionen
sind noch keineswegs genügend durchgearbeitet und endgültig festgestellt,
 und so lange, bis dies geschehen, bleibt eine Wissenschaft in
den Kinderschuhen, was die historische Schule zu wenig berücksichtigt.
Auf dem Wege der Abstraktion, durch Isolierung einzelner Vorgänge
und klare Aussonderung der Wirkung bestimmter Ursachen kann
nach dem Vorbilde Thünens und der mathematischen Richtung noch
viel Licht auf die wirtschaftlichen Erscheinungen geworfen werden.
Aber auch diese Methode wird allein unmöglich zum Ziele führen.
Sie fördert hauptsächlich die Nationalökonomie, weniger die Volkswirtschaftspolitik.
 Die Hauptsache bleibt die Beobachtung in dem
praktischen Leben selbst, unter Hinzuziehung der Hilfsmittel, welche
uns die beiden erwähnten Richtungen geboten haben. Unsere Wissenschaft
 bedarf offenbar beider Methoden, sowohl der deduktiven, wie
der induktiven, um vorwärts zu kommen. Der praktische induktive
Weg wird die Grundlage zu bilden haben. Aber auch die Naturwissenschaften
 haben gerade in der neuesten Zeit die wirksamste Anregung
lurch deduktives Vorgehen erhalten, wie bekanntlich durch Darwins
Hypothese, Das sollte den Anhalt zur Feststellung der Aufgabe unserer
Wissenschaft bilden.
Wenn wir nach dem Gesagten zu dem Ergebnis gelangen, daß es
die Aufgabe der Nationalökonomie nicht sein kann, Naturgesetze aufzusuchen,
 sondern nur Regeln für bestimmte Zeiten, so ist ihr damit
der Charakter einer Wissenschaft gewiß nicht genommen, der mehr
durch die Forschungsmethode als durch das zu erreichende Ziel
bestimmt wird. Was die alte Schule als Naturgesetze auffaßte, ist
bereits zum großen Teile als für die Gegenwart nicht mehr zutreffend
erkannt. Gleichwohl waren ihre Leistungen als wissenschaftliche anzuerkennen,
 die für ihre Zeit Bedeutung hatten, aus denen wir hohen
Nutzen zogen und auf denen wir fortbauen. Sind wir genötigt, unsere
Ansprüche etwas bescheidener zu gestalten, als es in früheren Zeiten
geschah, so sind die Aufgaben unserer Wissenschaft darum doch riesig
groß und wohl des Schweißes der Besten wert.
        <pb n="46" />
        27

8 11.
Das Wesen der Produktion.
Die Aufgabe wirtschaftlicher Tätigkeit ist, wie wir sahen, darauf
yerichtet, für die menschlichen Bedürfnisse die Befriedigungsmittel zu
schaffen. Sie geht dahin, die von der Natur gebotenen Gegenstände
für die menschliche Benutzung brauchbarer zu machen, so daß sie
eine höhere Bedeutung gewinnen, m. a. W. die wirtschaftliche Tätigkeit
 ist auf Wertvermehrung gerichtet, und wo durch menschliche
 Arbeit Ueberschüsse an Werten erzielt werden, spricht man
von Produktion. Aber nicht jede Werterhöhung schließt auch
eine Steigerung des Volkswohlstandes ein, weil sie, wie oben gezeigt,
auch allein auf einer Wertverschiebung beruhen kann. Eine Wertvermehrung
 kann ferner auch durch die Natur allein geschehen und
dadurch eine Vermehrung des Volkswohlstandes eintreten. Das ist
der Fall, wenn z. B. in der Nähe einer Stadt an unbenutzten Bergabhängen
 ohne menschliches Zutun ein Wald aufwächst, der mit der
Zeit einen hohen Wert gewinnen kann. In dem Walde konzentriert
sich vielleicht ein Wildstand, dessen Fleisch in der Stadt einen weit
höheren Wert hat, als zur Deckung der Unkosten der Jagd erforderlich
 ist. Ein ausgestochenes Torfmoor liefert, sich selbst überlassen,
nach 30 Jahren wiederum einen reichen. Vorrat an Brennmaterial,
ohne daß menschliche Arbeit darauf verwendet wurde. Ueberall allerdings
 muß schließlich menschliche Arbeit hinzutreten, um nutzbar zu
machen, was die Natur geschaffen hat; aber diese Tätigkeit ist darum
nicht überall bestimmend für den Wert des Gegenstandes, worauf es
hier allein ankommt.
Bei weitem der größte Teil der Werte wird aber unzweifelhaft
durch schliche Tätigkeit in Verbindung mit der Natur.unter Hinzuziehung
 von HIESmitteln erzielt. Dies kann geschehen durch Herstellung
neuer Gegenstände, wie der Halme und Körner des Getreides, oder durch
Umformung vorhandener Güter, um ihnen dadurch einen höheren Wert
beizulegen, z. B. durch das Zermahlen der Körner zu Mehl, Niemals
kann selbstverständlich von einer Neuschaffung von Stoffen die Rede
sein, sondern überall handelt es sich nur um Umwandlung vorhandener,
 die durch Verbindung mit anderen zu neuen Gegenständen
werden oder durch Umbildung neue Gestalt annehmen. Fast immer
werden noch neue Hilfsmittel hinzugezogen, um die Natur besser bewältigen
 zu können.
Der Streit, ob es nur einen Produktionsfaktor gibt oder drei,
scheint uns sehr müßig und mehr auf eine verschiedene Auffassung des
Wortes hinauszulaufen als auf eine prinzipiell verschiedene Beurteilung
der Produktion. Für die Annahme nur des einen Faktors Arbeit sind
besonders Rodbertus-Jagetzow und Karl Marx_eingetreten,
und sie haben viele Anhänger gefunden. Es dürfte indessen dadurch
nur Verwirrung, aber nicht klares Verständnis für die wirtschaftlichen
Dre ht sein, weshalb wir an der alten Une rsche dns Ser
rel Froduktionsfaktoren: Natur, Kapital und_mensc iche Arbeitskraft
 festhalten. A a
Marshall will”noch die Organisation hinzufügen, ähnlich Julius
Wolf. Dieselbe ist aber das Ergebnis geistiger Arbeitsleistung. Man
A dann auch die Bildung, Erfindung usw. als Produktionsfaktoren
aufführen.

Freie Wertbildung.


Produlzstion.
        <pb n="47" />
        DE

Gewerhe.

Physiokratische

\nschauung.

Daß jene drei Faktoren zusammen wirken müssen, um Werte zu
erzeugen, daß der Mensch isoliert nichts zu schaffen vermag, sondern
nur, wenn ihm Gaben der Natur zur Verfügung stehen, und er sie mit
Geräten oder Maschinen verwerten kann, leugnet natürlich auch Rodbertusnicht.
 Aber diese werden von ihm nur als Hilfsmittel zur Unterstützung
 der menschlichen Hand angesehen, die sie verschieden benutzt,
und das den Wert Schaffende ist nach ihm nur die menschliche Arbeit.
Um dem entgegenzutreten, betonten wir oben ausdrücklich, daß in vereinzelten
 Fällen die Natur selbständig, ohne Zutun des Menschen, Werte
hervorzubringen vermag, wenn auch zur Benutzung derselben ‘Menschen
natürlich hinzutreten müssen. Aber auch aus anderen Vorgängen ist
diese selbständige Schaffenskraft der Natur wie des Kapitals leicht
ersichtlich. Niemand leugnet, daß derselbe Arbeitsaufwand auf verschiedenen
 Bodenarten in der Landwirtschaft sehr verschiedenen Ernteertrag
 zu erzielen vermag. Wir schreiben den Mehrertrag des guten
Bodens diesem zu, Rodbertus dagegen allein der Arbeit, die nur durch
humosen Lehm fruchtbringender geworden sei. Der Schneider, der mit
Hilfe einer Nähmaschine das Doppelte an Näharbeit fertig bringt als
bisher ohne diese, schreibt vielleicht das Verdienst sich selbst zu, wie
Rodbertus es ihm allein vindiziert, während es wohl richtiger ist, anzuerkennen,
 daß die Mehrleistung der Maschine zu verdanken ist, wenn
auch die Tätigkeit des Schneiders eine andere geworden ist. Man
wird dadurch den Einfluß des Kapitals in der Volkswirtschaft richtiger
zur Darstellung bringen und sich von extremer einseitiger Ueberschätzung
 der Arbeit ferne halten, der die beiden erwähnten Autoren
verfallen sind. Daß aber der Arbeitsaufwand allein nicht, wie jene
behaupten, den Wert in unserer Volkswirtschaft bestimmt, suchten
wir oben in $ 6 nachzuweisen. Daß ferner das Kapital mehr Werte
erzeugt, als es bei der Produktion einbüßt, wird später bei Erörterung
des Kapitalzinses nachzuweisen sein.
Die Produktion tritt bekanntlich in drei Gewerbskategorien auf:
L. den Gewerben der Rohproduktion (Land-, Forstwirtschaft und Bergbau);
 2. den stoffyeredelnden Gewerben (Handwerk und Fabrikbetrieb,
d, 1. industrieller Tätigkeit); 3. den Gewerben des Handels und Ver-_kehrs,
 _ Alle drei stehen auf dem gleichen Boden und haben dieselbe
Aufgabe der Werterzeugung. Es besteht zwischen ihnen wirtschaftlich
kein prinzipieller Unterschied, wie er in früheren Zeiten angenommen
wurde, Auch der Handel übernimmt einen Teil der Produktion, er ist
ihr nicht gegenüberzustellen, wie man das früher getan hat, sondern er
ist als die Fortsetzung der produktiven Tätigkeit der Landwirtschaft
und der Industrie anzusehen.
Die Physiokraten in der Mitte des 18. Jahrhunderts nahmen an,
laß nur die Landwirtschaft den Volkswohlstand zu erhöhen vermöge.
Sie erkannten wohl, daß auch das Handwerk Werte erzeuge, aber sie
meinten, daß es nur soviel Werterhöhung bewirke, als bei der Arbeit
an Rohmaterial, menschlicher Nahrung usw. verbraucht werde, während
in der Landwirtschaft die Natur in besonderer Weise Werte schaffe
und einen Ueberschuß über die bei der Produktion verbrauchten Werte
liefere. Ein solcher Unterschied existiert tatsächlich nicht. Auch in
der Industrie sind überall die Naturkräfte mit tätig, gleichviel ob der
Schmied mit Hilfe des Kohlenfeuers das Eisen weich und bearbeitungsfähig
 macht, oder in der chemischen Industrie aus der Steinkohle
Anilinfarben hergestellt werden. und in den eroßen Fabriken die
        <pb n="48" />
        20

Dampfkraft alles in Bewegung setzt. Auch der Landwirt wandelt nur
die vorhandenen Stoffe um, die er in der Erde findet oder ihr durch
Dünger einverleibt, wenn er durch die Saat eine Krnte erzielt oder
das Futter durch die Kuh in Milch und Fleisch umwandelt usw., wie
der Industrielle, der aus dem Steinkohlenteer die einzelnen Stoffe
extrahiert und sie für die Zwecke der Färberei und Parfümerie durch
chemische Umwandlung brauchbar macht. Bei jedem Produktionsprozesse
 aber ist die Voraussetzung, daß ein UVeberschuß aus den verbrauchten
 Werten erzielt wird, und überall kann dieser Ueberschuß
über den Aufwand hinausgehen und damit zur Erhöhung des Volkswohlstandes
 dienen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß dieses in der
Industrie im allgemeinen in höherem Maße geschieht als in der Landwirtschaft.

In der gleichen Weise erhöht der Handel den Wert der Gegenstände,
 wenn er sie auch unverändert läßt. Das Gewerbe des Verkehrs
bringt die erzeugten Gegenstände, z. B. die Kohlen, das Getreide von
dem Produktionsorte, wo sie im Ueberflusse vorhanden sind und dadurch
 im Werte niedrig stehen, in die Gegenden höheren Bedarfs und
erhöht deshalb den Wert derselben. Dasselbe Quantum Kohle oder
Getreide hat durch eine angemessene Verteilung im Lande eine erhebliche
 Werterhöhung erfahren, derselbe Vorrat hat im Lande weit
größere wirtschaftliche Bedeutung gewonnen, der Volkswohlstand ist
dadurch wesentlich erhöht. Der Handel wirkt in der gleichen Weise
auch ohne Transport, indem er die Gegenstände in die Hände überführt,
 welche einen besseren wirtschaftlichen Gebrauch davon machen
können. Wenn zwei Gutsnachbarn die aufgezogenen Tiere ihrem Bedarf
 entsprechend austauschen, indem der eine zu viel Kühe, der andere
zu viel Pferde hat, und jeder von dem anderen bezieht, was ihm zur
Komplettierung seines Inventars fehlt, so haben durch den Tausch
jene Tiere sowohl für die Privatwirtschaften, welche sie empfingen, wie
für die ganze Volkswirtschaft einen höheren Wert erhalten. Durch
den Tausch fand eine Wertproduktion statt. Der Handel ist in dieser
Weise ebenso produktiv wie die Industrie. Er bildet ein Mittelglied
oder den Schluß des Produktionsprozesses und ist als ein Teil desselben
 aufzufassen, der erst beendigt ist, wenn der Gegenstand in der
Hand des Konsumenten seine Bestimmung der Bedürfnisbefriedigung
erreicht hat. Ein Unterschied zwischen dem Außen., d. h. internationalen
 Handel, und dem Innenhandel ist hierbei nicht anzuerkennen.
Die Verkennung der Bedeutung des Handels und die vielfach ihm
entgegengebrachte Mißachtung ist auf die Beobachtung zurückzuführen,
daß der Handel auch unproduktiv auftritt. Das kann der Fall sein,
wo eine künstliche Preissteigerung durch Spekulation oder durch
Monopolisierung herbeigeführt wird, ohne zugleich eine Wertsteigerung
zu erzielen. Es handelt sich dann allein um eine Wertverschiebung,
und der Kaufmann bereichert sich auf Kosten des Produzenten oder
Konsumenten, ohne der Volkswirtschaft zu nützen, Aber, weil eine
Spekulation unproduktiv und einseitig auf die Ausbeutung des Publikums
 gerichtet sein kann, ist, wie später zu zeigen sein wird, nicht
jede Spekulation unproduktiv. Weil eine Anzahl Kolonialwarenhändler,
 Zigarrenläden usw. überflüssig sind, sind nicht alle entbehrlich.
Weil in einer kleinen Stadt durch Ringbildung die Kaffeepreise zu
hoch geschraubt sind, ist nicht die Preiserhöhung durch den Detailhandel
 überhaupt ungerechtfertigt und der Zwischenhandel entbehrlich

°roduktivität
des Handels.
        <pb n="49" />
        In

Jas mensch-‘iehe
 Urteil
Wert erzeugend.


und unproduktiv, Unberechtigte Preissteigerung wird ebenso mitunter
mit Recht dem Fleischer, wie dem Fabrikanten vorgeworfen. Es gibt
ebenso wie an Kaufleuten zeitweise einen Ueberfluß an Bäckern,
Schuhmachern, wie Bierbrauereien, Papierfabriken usw., deren Tätigkeit
 in Zeiten der Ueberproduktion als unproduktiv bezeichnet werden
muß. Bei übermäßiger Bodenzersplitterung in reinen Agrargegenden,
wo die Arbeitskraft der Bevölkerung nicht genügende Verwendung
findet, ist ebenso ein Ueberfluß an Landwirten zu beklagen, wie bei
dem obigen Beispiel an Kolonialwarenhändlern. Wenn der Landwirt
eine verfehlte Melioration durchführt, wenn er eine falsche Fruchtfolge
einführt, eine den Verhältnissen nicht entsprechende Tierrasse hält und
8v. noch unrationell ernährt, so ist auch seine Tätigkeit eine unpro-Juktive,
 welche den Volkswohlstand nicht hebt, sondern schädigt. Wie
aber deshalb nicht die ganze Landwirtschaft unproduktiv ist, so auch
nicht der ganze Handel.
Eine Werterhöhung kann aber, abgesehen von dem Handel, noch
lurch eine andere Aenderung des Verhältnisses zwischen dem urteilenden
Menschen und dem beurteilten Objekte stattfinden, das ist der Fall
lurch Erfindung und Entdeckung; ferner durch die Mode, z. B. Pelze in
len letzten Jahren. Allein durch die Kenntnis von neuen Eigenschaften
in den Gegenständen, durch welche sie für den Menschen eine besondere
 Brauchbarkeit erhalten, gewinnen sie an Wert. Durch Erfindungen
sind Schlacken von früheren Erzschmelzen wertvolle Rückstände geworden,
 deren Silber- und Kupfergehalt jetzt z. B. in Griechenland
ausgebeutet wird. Als. man in dem Harz der Gummibäume die eigentümliche
 Elastizität entdeckte, die es jetzt in der Industrie so hoch
bedeutsam macht, erlangten jene Bäume plötzlich eine bisher nicht
geahnte wirtschaftliche Bedeutung. Durch die Feststellung der Düngekraft
 der Phosphorite wurden Steinarten wertvoll, die man bis dahin
nicht beachtet hatte. In der Aenderung des menschlichen Urteils liegt
also gleichfalls eine prodüktive Kraft des Menschen,

8 12.
Das Wesen der Konsumtion.

Lewis, in Schönbergs Handbuch, 4. Aufl., Bd. I, 1, 8. 789,
Patten, The consumption of wealth. Philadelphia 1889.
Hasbach, Güterverzehrung und Güterhervorbringung. Jena 1906.

Wertversichtung.


Der Wertentstehung steht die Wertvernichtung gegenüber, bei
welcher die gleichen Fälle vorkommen können, nur in umgekehrter
Weise. Die Natur selbst zerstört fortdauernd Werte durch den Tod,
z. B. der Pferde eines Fuhrmanns oder Landwirts, wie schon durch
Krankheit derselben. Ueberall sind Fäulniserreger vorhanden, um die
Zersetzung organischer Substanzen herbeizuführen, wodurch beständig
der Volkswirtschaft enorme Verluste bereitet werden. Auch die mineralischen
 Substanzen sind der Zersetzung unterworfen. Selbst der
härteste Baustein verfällt dem Verwitterungsprozeß, und der Zahn der
Zeit vermindert fortdauernd den Wert der Bauwerke aller Art.
Die Veränderung des menschlichen Urteils spielt gleichfalls bei
der Wertvernichtung eine erhebliche Rolle. Die Veränderung der
Mode entwertet alljährlich bei jedem Wechsel der Saison Massen von
Kleidungsgegenständen aller Art, welche ihre sonstigen Eigenschaften
        <pb n="50" />
        31 mm

nicht verloren haben. Nur allein weil das Muster, die Farbenzusammenstellung,
 die Form dem momentanen Geschmack nicht mehr entsprechen.
müssen die Gegenstände zu Schleuderpreisen abgegeben werden, wo:
durch oft nicht mehr die HMerstellungskosten gedeckt werden.
Der Produktion steht die Konsumtion gegenüber. Das ist Wertvernichtung
 durch den menschlichen Gebrauch, wofür die deutsche
Sprache den überaus bezeichnenden Ausdruck der Verwertung anwendet.
 Auch hier ist natürlich Stoffvernichtung ausgeschlossen, und
nur Wertverminderung durch Aenderung der Form, der Zusammensetzung
 usw. vorhanden. Wie bei der Produktion gewöhnlich Wertvernichtung
 stattfindet, so bei der Konsumtion sehr ausgedehnt Werterzeugung.
 In dem ersteren Falle aber wird ein Ueberschuß an Werten
erzielt, in dem zweiten Falle liegt ein Defizit vor. Der Landwirt opfert
das Saatgut, um eine Ernte, das Futter, um tierische Nahrungsmittel
zu erzielen. Auch das Luxuspferd liefert Dünger. Bei dem Verbrauche
der Kleidungsstücke bleiben Lumpen für die Papierfabrikation zurück.
Die Knochen als Rückstände der Speisen werden sorgsam gesammelt,
um in verschiedenen Fabrikationszweigen Verwendung zu finden. Die
Korke der ausgetrunkenen Flaschen werden zu Linoleum verarbeitet usw.
Es ist ein wesentlicher Fortschritt unserer Zeit, daß man mit besonderer
Sorgfalt die Abfälle aller Art zu sammeln trachtet und sie in der
Volkswirtschaft nutzbar macht.
Nach dem Vorgange von Lexis hat man mit Recht in der neueren
Zeit die Unterscheidung zwischen der technischen Verwendung
im Produktionsprozesse, — Marshall spricht da von produktiver Konzumtion
 —, und dem Verbrauch im Haushalt zur unmittelbaren Befriedigung
 der Lebensbedürfnisse gemacht und nur den letzteren als
Konsumtion im engeren Sinne oder persönlichen Konsum aufgefäaßt,
dem der Objektive gegenüberzustellen wäre. Der letztere würde auch
als der volkswirtschaftliche zu bezeichnen sein, während der privatwirtschaftliche
 sowohl den Verbrauch bei der Produktion wie den
persönlichen, hauswirtschaftlichen umfaßt.
Auf der primitiven Stufe der Kultur findet in jedem Haushalte
zugleich Produktion und Konsumtion statt, bei mehr ausgebildeter
Kultur, also in unserer Zeit, geht die Haushaltung wohl auch auf Erhaltung
 der Verbrauchsgüter, aber hauptsächlich auf den Konsum hin,
d. h. auf die Verwertung der produzierten Güter zur privatwirtschaftlichen
 Befriedigung der Bedürfnisse.
Der persönliche Konsum ist nun als das Endziel jeder wirtschaftlichen
 Tätigkeit zu bezeichnen. Hier berühren sich Bedürfnis und
Konsumtion. Die Aufgabe ist, beide in möglichste Harmonie zu bringen.
Wir sahen nun bereits, wie veränderlich die Bedürfnisse sind die
damit der Produktion immer neue Aufgaben stellen. Auf der anderen
Seite wird der Konsum einmal beschränkt, dann wieder erweitert durch
Veränderung des Einkommens, worauf später näher einzugehen
sein wird.
_ Wie es bei der Produktion die Aufgabe ist, mit Aufwendung von
nöglichst wenig Arbeitskraft und geringer Wertvernichtung möglichst
viel Werte zu erzeugen, so ist es die Aufgabe der Konsumtion, mit
möglichst geringen Werten einen tunlichst hohen Nutzeffekt in der
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu erreichen.

Konsumtion.
        <pb n="51" />
        Az

8 13.
Die Natur als Produktionsfaktor.
Knies, a. a. 0, 8. 44.
v. Bär, Ueber den Einfluß der äußeren Natur auf die sozialen Verhältnisse der
ainzelnen Völker usw. i. s. Reden, Bıl. Il. Petersburg 1876,
Ratzel, Anthropogeographie. 2 Bde., 1892 u. 1898.
Ders., Politische Geographie, 1897.
W. Götz, Wirtschaftsgeographie. 1891.
Unter den Gaben der Natur hat man zu unterscheiden zwischen
den Gütern, auf deren Vermehrung und Veränderung der Mensch wenig
oder gar keinen Einfluß üben kann, denen er sich nicht zu entziehen,
die er nur zu verwerten vermag, wie sie eben gegeben sind (Klima,
orographische Beschaffenheit des Landes, Verbreitung des Wassers im
Lande, Ebbe und Flut u. dg].), und solchen, die er vermehren, verbessern,
umformen, mit einem Worte, durch Arbeit seinen Zwecken dienstbar
machen kann, z. B. die Bodenfruchtbarkeit.
Einfluß von Von der ersten Kategorie ist besonders das Klima von einschnei-Suman.
 Boder- dendem Einfluß auf das ganze wirtschaftliche Leben. Der Mensch
selbst wird bekanntlich dadurch in seiner physischen, noch mehr aber
in seiner geistigen Leistungsfähigkeit bestimmt. Sowohl die Kälte des
Nordens wie die Hitze des Südens benachteiligen sie. Außerdem
absorbiert die übermäßige und langandauernde Kälte zuviel Kräfte.
Der Kampf gegen die Unbilden des Klimas allein zur Erhaltung des
Lebens läßt wenig Zeit und Kräfte zur Kulturentwicklung übrig,
während die Sonnenglut des Südens die Energie erschlafft, und die Gewährung
 einer Fülle zum Leben ausreichender Früchte eine Anstrengung
der Kräfte nicht notwendig erscheinen läßt. Buckbhke behauptet, daß
die kurze Zeit, wo der Mensch im Norden wie im Süden das Leben
nur zu genießen vermag, besonders die Genußsucht ausbildet. Das
gemäßigte Klima gestattet am meisten die Entwicklung und Verwertung
der geistigen Gaben, übt einen Druck aus, sich durch Arbeit das zum
Leben Nötige zu verschaffen, läßt aber noch weiten Spielraum für
andere Kulturarbeit.
Die Beschaffenheit des Landes bestimmt naturgemäß die wirtschaftliche
 Tätigkeit des Menschen in hohem Maße. Die landschaftlichen
Schönheiten der Schweiz und der dadurch herangezogene Fremdenverkehr
 geben der Volkswirtschaft des Landes wenigstens zum großen
Teile eine bestimmte Richtung. Die Umgebung des Meeres und die
Jas Land durchziehenden natürlichen Wasserstraßen haben England zur
Handelsmacht prädestiniert. Der Reichtum an Kohlen und Eisen bot
lie natürliche Grundlage für eine mächtige Industrie. Der Umstand,
laß die großen Seeschiffe zum "Teil bis unmittelbar an die Fabrik gelangen
 können, um ihre Ladungen ev. von Rohmaterial am Bestimmungsorte
 zu löschen, und unmittelbar wieder die ferti ge Ware für
jen Weltverkehr einzunehmen, verbilligt die Produktion enorm. Vielfach
 kann zugleich in nächster Nähe die Kohle für den Betrieb der
Fabrik gewonnen werden. All dies gibt dem Lande eine Ueberlegenheit
allen Konkurrenten gegenüber, die nur ausnahmsweise ausgeglichen
werden kann. Der enorme wirtschaftliche Aufschwung der Vereinigten
Staaten von Amerika war nur auf Grund der großen Flächen fruchtbaren
 Landes, des Reichtums an allen Arten von Mineralien zu erreichen.
 Ebenso verdanken in Deutschland das Königreich Sachsen und
        <pb n="52" />
        — BB —

Westfalen ihre Industrie dem Reichtum an unterirdischen Schätzen.
Eine blühende Landwirtschaft wird in der Lüneburger Heide schwer
zu erzielen sein. Ein Boden, wie die russische Schwarzerde, die ohne
Düngung Jahrzehnte die reichsten Ernten gewährt, wird hierin stets eine
Ueberlegenheit über minder fruchtbare Gegenden bedingen. Wenn man
in Finnland in einem Dezennium nur auf drei günstige Ernten rechnet,
weil die Nachtfröste zu häufig die Saaten zerstören, während man in
der Umgegend von Neapel in einem Jahre dem Boden mit ziemlicher
Sicherheit drei Ernten abgewinnen kann, so ist dadurch der gewaltige
Unterschied gekennzeichnet, den die natürlichen Bedingungen der Landwirtschaft
 als Grundlage gewähren. Die Vegetationszeit wird im Norden
von Europa auf drei, im Süden aber auf neun Monate angenommen.
Doch darf man die Bedeutung der angegebenen Momente für
höhere Kulturstufen auch nicht überschätzen.
Wenn Justus von Liebig einmal sagt: „Immer und zu allen
Zeiten ist es der Boden mit seiner Fruchtbarkeit gewesen, der über
das Wohl und Wehe seiner Völker entschieden hat“, so ist das für
die neuere Zeit jedenfalls nicht mehr zuzugeben. Der Boden in Babylonien,
 Aegypten, Griechenland und Spanien ist heute noch ebenso
fruchtbar, wie vor zweitausend Jahren — obwohl Liebig dieses bestreitet
 —, und doch ist die Blüte jener Länder dahingeschwunden;
und sie können heutigen Tages mit von der Natur weit stiefmütterlicher
 behandelten Ländern nicht konkurrieren. Mexiko, Rumänien, die
Türkei, Polen haben weit fruchtbareren Boden und zum Teil weit
günstigeres Klima als „des heiligen römischen Reiches Sandbüchse“,
hinter dem sie in wirtschaftlicher Kultur gleichwohl sehr bedeutend
zurückstehen. Die Mittel unserer Kulturstufe sind so. gewaltige, daß
sie dem tatkräftigen Menschen die Möglichkeit gewähren, die Ungunst
der Natur in hohem Maße auszugleichen. Die fruchtbaren Gegenden
des Oderbruchs und der Weichsel, die holländischen Polder nördlich
ron Groningen und in dem alten Haarlemer Meere sind erst durch
menschliche Kunst und Arbeit dem Wasser abgewonnen. Die Mooryegenden
 bei Groningen sind in derselben Weise in fruchtbares Ackerland
 verwandelt; und wohlhabende Dörfer stehen da, wo früher eine
Oede war, wie sie diesseits der preußischen Grenze unter gleichen Bedingungen
 zum großen Teil noch heute daliegt. Reine Sandschollen
sind in der Umgegend von Berlin und Danzig durch Berieselung in
äußerst fruchtbare Felder verwandelt, wie auch in Flandern reine
Sandstrecken durch intensive Kultur zur Tragung reicher Ernten gebracht
 sind. Schon vor zwei Jahrhunderten hat Frankreich in großer
Ausdehnung den Mangel an natürlichen Wasserstraßen durch Kanäle
zu ersetzen gewußt, und heutigen Tages ist man durch die Eisenbahnen
imstande, sie noch erheblich zu überlügeln. Reiche Industrie hat sich
in Sandgegenden angesiedelt, wie in Berlin, Luckenwalde und im Gebirgslande,
 wie im sächsischen Erzgebirge, dem Schwarzwalde, im Jura,
und jedes Jahrzehnt eröffnet uns neue Wege, um durch menschliche
Tatkraft zu schaffen, was die Natur freiwillig nicht gewährt hat.
Die Leistungen Englands und der amerikanischen Union sind doch
auch in der Hauptsache dem Unternehmungsgeist, dem energischen
Fleiß und der Intelligenz der Bevölkerung zu verdanken.
_. Wir kommen zu dem Ergebnis, daß zwar die natürlichen Verhältnisse
 einen großen Einfluß auf die Gestaltung der Volkswirtschaft
ausüben und der wirtschaftlichen Entwicklung gewisse Grenzen ziehen,
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl

Einfluß des
Menschen auf
die Natur.
        <pb n="53" />
        34

daß aber, je höher die Kulturstufe ist, um so weiter sich auch der
Spielraum gestaltet und der Mensch sich um so unabhängiger von
ihnen sein Leben und seine Tätigkeit zu schaffen vermag.

$ 14.

Die menschliche Arbeitskraft.

Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände, 1842,
Th. Kozak, Rodbertus-Jagetzows sozialökon. Ansichten, Jena 1882, S. 28 usw.
Engel, Der Wert des Menschen. Berlin 1883.
Kohl, Die Völker Europas, 1867 u. 1878.
Löher, Land und Leute in der alten und der neuen Welt, 3 Bde., 1866.

Zur Benutzung dessen, was die Natur bietet, ist stets menschliche
Tätigkeit, d. h. Arbeit nötig. Je höher die Kultur steigt, um so mehr
Aufwand von Arbeit ist erforderlich, um die Gaben der Natur den
menschlichen Bedürfnissen anzupassen. Die Arten der menschlichen
Produktivkräfte sind: a) physische, b) intellektuelle, c) sittliche.
Physische Die physische Arbeitskraft. wird in einem Volke hestimmt” durch
Arbeitskraft. die Bevölkerungszahl, ganz besonders durch die Dichtigkeit des ZusamnremWöHNenNS,
 wie durch den Prozentsatz, welchen“tder“in produktivem
 Alter stehende...Teil ‚derselben ausmacht.
“ "Die Altersstufen verteilen sich, wie folgt:
bis 15 15—60 über 60 Jahre
Deutschland 35,0 Proz, RR Proz, 7,7 Proz.
Frankreich“ 270 601” 9
Großbritannien 363 56,2 WA
Oesterreich 32,2 594 br
Italien 323 594 83
V, St. v. N.-Amerika 371.9 563 5,8

Die physische Leistungsfähigkeit ist bei den verschiedenen Völkern
schon hiernach ungleich. Frankreich wird bei gleicher Bevölkerungszahl
 eine größere Arbeitskraft repräsentieren, als die anderen Länder,
sowohl für die Industrie, wie für das Heer, da im Alter von 15—60
Jahren in Frankreich 61,1 °%, in Deutschland nur 57,3 °% stehen.
Man wird, abgesehen von diesem Unterschied, wohl sagen dürfen,
daß die germanische Rasse an physischer Kraft der romanischen überlegen
 ist,”vielleicht auch der slavischen. Unzweifelhaft ist das wenigstens
innerhalb des preußischen Staates der Fall.
Die physische Leistungsfähigkeit ist nun wesentlich bedingt durch
die körperliche Pfiege, Ausbildung und Ernährung. Gerade in dieser
Beziehung steht Deutschland hinter anderen Ländern nicht unbedeutend
zurück. Dies ergibt sich einmal aus der großen Kindersterblichkeit,
Jie für unsere Kulturstufe, trotz der in der neueren Zeit eingetretenen
Besserung, immer noch beklagenswert ist, wie auch aus der verhältnismäßig
 geringen Zahl von Personen, die ein hohes Alter erreichen.
Jene ist zurückzuführen auf die Abneigung oder das Unvermögen der
Frauen, die Kinder selbst zu nähren, auf die große Unvernunft bei der
Behandlung der Kinder und die äußerst unrationelle Ernährung, die
noch allgemein verbreitet ist, auch wo die Wohlstandsverhältnisse und
die Volksbildung weit Besseres erwarten lassen sollten. Hat sich die
Fleischnahrung auch bei uns in den letzten Dezennien nicht unbejeutend
 gehoben, so steht sie doch sehr erheblich hinter England und
Amerika zurück, und Leguminosen werden nicht genügend zur HEr--


Maul
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        — 35

gänzung benutzt. Auch in der gebildeten Klasse ist die Körperpflege
eine völlig unzureichende. In den Schulen geschieht noch heutigen
Tages die Ausbildung des Geistes ohne genügende Rücksicht auf das
körperliche Wohl, während man in England und noch besser in der
Schweiz das Vorbild hat, wie sich Beides vereinigen läßt, den Körper
und den Geist methodisch zu bilden, ohne geringere Anforderungen an
geistige Leistungen zu machen als hier. Dies betrifft ebenso das weibliche
 wie das männliche Geschlecht, Wird bei dem letzteren durch
die militärische Dienstzeit manches ausgeglichen, so doch gerade nicht
bei denen, die es am meisten gebrauchen, bei den schwächlichen
Naturen. Jeder Gynäkologe weiß ferner, daß der Keim zu einer Menge
der verhängnisvollsten Frauenkrankheiten bei uns in den Mädchenschulen
durch die übermäßig sitzende Lebensweise bei geistiger Anstrengung
gelegt wird. Man ist in den Vereinigten Staaten einig darüber, daß
sich der Gesundheitszustand der Frauen durch die methodische Anwendung
 des Sports gebessert hat.
Der verhängnisvollste Feind jeder Leistungsfähigkeit, der auch
unter unseren Verhältnissen eine große Gefahr der Degenerierung in
sich schließt, ist der Alkoholismus. Ein übergroßer Teil der Bevölkerung
 der Gefängnisse, der Irrenanstalten und der Armenhäuser
ist durch Alkoholismus in diese Stätten gekommen. Die verheerendste
Wirkung übt der regelmäßige Konsum des Alkohols als tägliches
Nahrungsmittel aus, der, wie die medizinische Wissenschaft in der
neueren Zeit klargelegt hat, allmählich das Nervensystem zerstört und
die traurigsten Folgen mit sich bringt. In Deutschland hat zwar im
Laufe des letzten Jahrhunderts die Trunksucht im Sinne des Sichbetrinkens
 abgenommen, der regelmäßige Konsum dagegen bedenklich
 zugenommen und bedroht die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung
 in hohem Maße. Erst in neuester Zeit ist hierin eine
Besserung eingetreten, aber mehr in dem Mittelstande, als in der
Arbeiterbevölkerung. Das Nürnberger Arbeitersekretariat stellte vor
wenig Jahren die Ausgabe für Alkohol bei 44 Arbeiterfamilien durchschnittlich
 auf 9,53 °% des Einkommens fest; Fuchs bei 14 Fabrikarbeiterfamilien
 in der Umgegend von Karlsruhe auf 12,6 %,.
Ungleich wichtiger für die Volkswirtschaft als die physische Arbeitskraft
 ist auf unserer Kulturstufe die intellektuelle Leistungsfähigkeit.
 Sie wird bedingt durch: 1. das Gedächtnis, 2. die
Fassungsgabe, 3. die Formgewandtheit, 4. die Konzentrations- und
Kombinationsgabe.
Das Gedächtnis ist die Grundlage für die Ansammlung von Erfahrung
 und Wissen. Ein gutes Gedächtnis wird deshalb die größte
Erleichterung für jede geistige Ausbildung gewähren. Hierin erscheinen
nach unserer Beobachtung die Slaven und Romanen den Germanen im
Durchschnitte erheblich überlegen. Wir finden ein gutes Gedächtnis,
Wenn auch vielleicht nur auf enge Gebiete begrenzt, selbst bei den
Negern und anderen primitiven Völkerschaften; bei Frauen mehr als
bei Männern. Ein gates Gedächtnis ist aber nur ein vorzügliches
Hilfsmittel und bedingt an und für sich die Leistungsfähigkeit keineswegs.
 Es erleichtert das Vorwärtskommen in der Schule, besonders
bei der Erlernung der Sprachen. Daher die häufige Beobachtung, daß
tüchtige Schüler im späteren Leben doch nicht viel leisten, und umgekehrt
 infolge ihres schlechten Gedächtnisses nur langsam fortkommende
 Schüler im späteren Leben sich unerwartet gut bewähren.
0%

Intellektuelle
Eigenschaften.
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        36

Kant und Helmholtz haben wiederholt über ihr schlechtes Gedächtnis
Klage geführt, während man bei Negern und sogar bei halben Idioten
mitunter ein sehr gutes Gedächtnis findet.
Die schnelle Fassungsgabe ist gleichfalls mehr bei Slaven und
Romanen als bei den langsamer denkenden Germanen zu finden. Dem
Italiener wird nachgerühmt, daß er mit besonderer Schnelligkeit das
aufgenommene Bild durch den Intellekt verwerte. Daher ist er ein
vorzüglicher Fechter und Chauffeur. Die Frau zeigt in der Schnelligkeit
der Auffassung eine entschiedene Ueberlegenheit über den Mann, der
mehr Zeit braucht, um sich alles zurechtzulegen und es zu beherrschen;
das ist ein Vorzug, der aber mehr im gesellschaftlichen Leben, als bei
der wirtschaftlichen Tätigkeit zur Geltung kommt; mehr bei kaufmännischen
 als industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmungen.
Dasselbe ist von der natürlichen Formgewandtheit zu sagen, in
welcher die Germanen gleichfalls den anderen Nationen in noch erheblicherem
 Maße nachstehen, als in den vorerwähnten Eigenschaften,
und auch hierin ist die Frau dem Manne bedeutend überlegen. Der
Engländer und Amerikaner weiß seinen Mangel durch rücksichtslosere
Handhabung der Ellenbogen zu ersetzen. Der rücksichtsvollere Deutsche
zieht aber dadurch gegenüber den anderen Nationen im Konkurrenzkampf
 des Weltverkehrs zu leicht den kürzeren. Der Slave und
Romane haben, was sie wissen, in jedem Momente präsent und verstehen
es in gefälliger Form zu verwerten. Sie erscheinen daher bei dem
ersten Eindrucke leicht mehr als sie sind. Bei dem Germanen pflegt
das Gegenteil der Fall zu sein, weil er Zeit braucht, um seinen Gehalt
zur Geltung zu bringen, und dieses meist in unvollkommener und
ungefälliger Form zuwege bringt. Es ist deshalb der. größte Fehler,
wenn gerade in deutschen. Familien Zu wenig. auf die Form gegeben
Far denn nurhei Beherrschung derselben. Sann die Sicherheit im
Xuftreten_ gewonnen werden, welche die Grundlage” für den Erfolg vor,
allem ım Sozialen Heben” bildet. Die preußischen Junker verdanken
Ihre Rolle im Staatsdienst in erster Linie der Beherrschung der Form,
die sie durch ihre häusliche Erziehung erlangen, und der ihnen dadurch
 ermöglichten Sicherheit ihres Auftretens, die den bürgerlichen
Kreisen zu sehr fehlt. Der Gegensatz der Klassen ist bei uns größer
als bei anderen Völkern, weil die Formen verschieden sind, und sich
die untere Klasse den Gebildeten gegenüber unsicher und befangen
fühlt. In den romanischen Völkern besitzt auch der gemeine Mann
einen natürlichen Chique.
Von hoher wirtschaftlicher Bedeutung ist auch das gesellige Talent,
wie es z. B. der Franzose besitzt, der ohne äußere Hilfsmittel und
daher ohne Aufwand das s’amuser versteht, der Arbeiter bei einem
Piceknik im Freien, der Gebildete auf einem offenen Abend nach dem
Essen. Der Deutsche bedarf viel mehr des Alkohols oder einer wohlbesetzten
 "Tafel, um in eine animierte Stimmung zu kommen, Die Geselligkeit
 wird daher hier meist zu kostspielig. Der Franzose geht, wie
P. Heyse einmal sagt, in die Gesellschaft, um zu amüsieren, der Deutsche,
um amüsiert zu werden, wobei leicht keiner seine Rechnung findet.
Hier ist auch die Rednergabe zu erwähnen, die Fähigkeit, Empfindungen
 und Meiniäigen unmittelbar in wWohlgesetzten Worten zum
Ausdruck zu bringen, die gleichfalls dem Deutschen im großen und
ganzen, im Vergleiche zu den benachbarten Nationen, versagt ist, und
in der sich die Frauen sicher allgemein den Männern überlegen zeigen.
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        7

Der Wiener Chirurg Billrot erzählt in einer Schrift über das Studium
der Medizin, daß er einmal bei Palermo gehört habe, wie ein Bauer
einem Arzte eine so vorzügliche Krankengeschichte seines Sohnes gegeben
 habe, wie die Wiener Assistenten sie nur selten zu geben vermöchten.
 Auch hier ist es nicht genug zu beklagen, daß gerade in
Deutschland sowohl auf der Schule wie auf der Universität für die Ausbildung
 der Beredsamkeit geradezu unverantwortlich wenig geschieht,
zumal in einer Zeit, wo es mehr denn je darauf ankommt, nicht nur
Kenntnisse zu besitzen, sondern sie auch zu verwerten, nicht nur eine
eigene Ansicht zu haben, sondern sie auch vertreten zu können. Daß
aber durch Schulung auch der Deutsche sich die Beredsamkeit aneignen
 kann, zeigt die Erfahrung und schon die Beobachtung in den
parlamentarischen Körperschaften. Bei verhältnismäßigem Mangel an
Gedächtnis, bei langsamem Denken und Mangel an natürlicher Formyewandtheit
 bedarf der Deutsche mehr als Angehörige anderer Natioaalitäten
 einer gründlichen Schulung des Geistes, um das zu ersetzen,
was jenen in die Wiege gelegt ist. Für ihn. iet_die Gymnastik des
Geistes durch Erlernung und Uebunz der alten Sprachen ungleich
iehtiger, als für F ranzosen, Italiener und Russen. “Jede Verminderung
der Schulung nach dieser Richtung schließt eine Minderung der Leistungsfähigkeit
 der Bevölkerung ein, zumal erfahrungsgemäß auch ein mittelmäßiger
 Lehrerstand bei unserer Ausbildung des grammatikalischen
Unterrichts bei der Masse der Durchschnittsschüler dadurch mehr zu
erreichen vermag als durch andere Lehrfächer, z. B. die Naturwissenschaften.
 Der Unterschied der Intelligenz zwischen Gebildeten und
Ungebildeten ist daher in keinem Lande so groß wie in Deutschland.
Wie Deutschland bei dürftigerem Boden und Klima nur durch
größere Arbeit wirtschaftlich dasselbe zu erreichen vermag als
die mehr begünstigten Nachbarländer, so kann es auch nur durch
scharfe Arbeit seine geistige Leistungsfähigkeit auf der gleichen
Stufe erhalten; unser Schulwesen ist daher mit Recht als die eigentliche
 Grundlage unserer nationalen Existenz hingestellt, und dasselbe
 in seiner Schaffenskraft schwächen, hieße ein Verbrechen gegen
die Nation begehen. Vielleicht kann man sagen, die Deutschen sind
das bildungsfähigste-Volk, sicher aber das bildungsbedürftigste. Die
Erfahrung hat nun genugsam bewiesen, daß Deutschland frotz der
erwähnten Mängel ebensoviel und mehr zu leisten vermag, als die
anderen Länder, vermöge der besseren Schulung. und der noch zu
erwähnenden Eigenschaften: Der geschulte deutsche Arbeiter z. B.
findet sich leichter und schneller in neue Aufgaben und Verhältnisse,
als der meist einseitiger gebildete englische Ärbeiter und leistet da
mehr, wo Intelligenz verlangt wird.
‚ Die Konzentrations- und. Kombinationsgabe und damit
die Fähigkeit, sich nachhaltig und tiefer in eine Aufgabe hineinzuarbeiten,
 ist wohl der germanischen Rasse in höherem Maße eigen als
Slaven und Romanen, wie ebenso den Männern mehr als den Frauen,
Diese Gabe kommt besonders zur Geltung bei der philosophischen
Spekulation; sie ist die Grundbedingung für Erfindungen und deren
angemessene Verwertung. Sie bildet daher auf höherer Kulturstufe die
Hauptgrundlage für wirtschaftliches Schaffen. Darauf ist es unzweifelhaft
 zurückzuführen, daß gerade auf dem Gebiete der Philosophie
 die erheblichsten Fortschritte den Germanen zu danken sind, und
daß sie ebenso die meisten und die bedeutsamsten Erfindungen gemacht

LP

iA
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        3Q

Sittliche
Oigenschaften.

haben. Nach beiden Richtungen werden sicher die Frauen auch trotz
aller Gymnasialbildung, die man ihnen neuerdings oktroyieren will, niemals
 eine hohe Produktivität erlangen, weil ihnen dazu die natürliche
Anlage und Grundlage fehlt.
Der Engländer hat ein besonderes organisatorisches Talent, mehr als
der Deutsche. Er weiß besser Hilfskräfte anzustellen und zu verwerten.
Romanen und Slaven fassen vielfach die Sachen persönlicher und
sind geneigt, Alles vom persönlichen Standpunkt zu behandeln. Der
Germane besitzt mehr Objektivität. Sein Streben ist mehr auf das
Allgemeine gerichtet. Er abstrahiert mehr von der Person und der
Gegenwart und ist daher auch mehr geneigt, sich utopischen Plänen
hinzugeben.
Die Südländer entwickeln sich schneller als die Nordländer, die
Kinder von jenen erscheinen daher meist geweckter und den letzeren
geistig überlegen. Auch die Negerkinder machen durchaus den Eindruck
 verhältnismäßiger Intelligenz. Aber die Kinder des Südens
bleiben früher in der Entwicklung stehen, während die des Nordens
noch als Erwachsene weiter fortschreiten und dann zu weit höherer
Leistungsfähigkeit gelangen. In demselben Grunde liegt die Ueberlegenheit
 des Mannes über die Frau.
Doch auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit genügt nicht zu
höherem wirtschaftlichen Schaffen. Es müssen noch sittliche Eigenschaften
 hinzutreten, wie Fleiß, Ausdauer, Pflicht- und Ehrgefühl,
 Ordnungs- und Sparsinn, Ehrlichkeit, Hochachtung
 vor Arbeitsamkeit und Freude an der Arbeit. Ein
deutscher Handwerker in Neapel sagte uns: „Ein italienischer Lehrling
 lernt in 6 Wochen, was ein deutscher sich erst in einem Vierteljahre
 erwirbt, aber doch habe ich noch keinen Neapolitaner soweit
gebracht wie im Durchschnitt den deutschen Lehrling, weil ich in ihm
niemals den nötigen Fleiß und die Ausdauer vorfand.“ Im Durchschnitt
sind es nicht die Hochbegabten, die im Leben am meisten leisten,
sondern die energisch Fleißigen, auch wenn sie nur mit mäßiger Begabung
 ausgerüstet sind. Die intellektuellen Eigenschaften werden
am meisten unterstützt durch die Lebensauffassung, daß der Mensch
zur Arbeit auf der Welt ist und nur durch Arbeit und Pflichterfüllung
dauernde Befriedigung erlangen kann. Darin, daß diese Lebensauffassung
 in Deutschland im großen und ganzen vorherrscht und derjenige
 der Mißachtung verfällt, der seine Arbeitskraft nicht angemessen
verwertet, sehen wir die Grundlage der höheren Leistungen Deutschlands
 gegenüber z. B. Spanien, wo der Arbeit nicht die Achtung entgegengebracht
 wird, die man ihr bei uns gewährt. Die wirtschaftliche
Ueberlegenheit des Nordamerikaners über den Deutschen ist hauptsächlich
 darauf zurückzuführen, daß bei ihm diese Lebensauffassung
noch weit schärfer ausgebildet ist, als bei uns. Die Hauptgefahr der
Verbreitung sozialdemokratischer Anschauungen liegt darin, daß durch
sie die Freudigkeit an der Arbeit durch Weckung der Mißgunst gegen
den Besitz untergraben wird, wie durch die Lehre, daß auch ohne
intensive Arbeit Wohlstand und Glück zu erlangen sei. Auf der
anderen Seite ist es als Anachronismus zu bezeichnen, wenn für die
Frau aus der gebildeten Klasse eine Erwerbstätigkeit in Deutschland
immer noch als anstößig angesehen wird und dem tatkräftigen Mädchen,
das sich einen eigenen Wirkungskreis im Geschäftsleben schaffen will,
durch weitgehende Vorurteile Schwierigkeiten in den Weg gelegt
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        werden. In dem Verständnis für dies Streben der Frau sind die Ver.
Staaten Amerikas und die Schweiz Deutschland bedeutend voraus.
Sparsinn und Erwerbssinn sind wohl am meisten bei den
Schweizern und Holländern ausgebildet, dann bei den Franzosen. Die
Letzteren, z. B. Handwerker und Kaufleute, zeichnen sich sehr durch
Zuverlässigkeit und Akkuratesse aus. Ebenso ist dort wie in England
die Ehrlichkeit im Geschäftsleben sehr allgemein verbreitet. Nach
beiden Richtungen steht der deutsche Gewerbestand nicht besonders
zünstig da, wohl aber der höhere Beamtenstand... Dies.ist-der-humas
nistischen. Erziehung, namentlich auch der Tradition zu verdanken, die
wiederum den Erwerbssinn übermäßig zurückdrängt, der in unseren gebildeten
 Kreisen bei der Erziehung meistens methodisch bekämpft wird,
um den idealen Sinn zu entwickeln. In Nordamerika ist man dagegen
allgemein bestrebt, schon früh den Sinn für Erwerb und Selbständigkeit
 zu wecken. Der Knabe erhält kein Taschengeld, sondern Gelegenheit,
 sich etwas zu verdienen. Er erhält z. B. ein paar Apfelbäume,
deren Ertrag er für sich pekuniär verwerten kann; bei Gelegenheit
werden ihm Waren, billige Schmucksachen überwiesen, um sie öffentlich
 zu verkaufen. Ja, man sieht Knaben aus wohlhabenden Häusern
Bücher, Zeitungen kolportieren, wodurch sie an die Erwerbstätigkeit
yewöhnt werden sollen. Dafür ein Beispiel: Der Sohn eines Präsidenten
einer Universität wollte eine kleine Reise machen. Der Vater verweigert
ihm das Geld. Da postiert er sich (nach Münsterberg) vor der Universität
 als Schuhputzer und hat bald das nötige Geld zusammen.
Der Vater freute sich darüber und genehmigte nun gern die Reise.
[st das auch unserer Lebensauffassung durchaus zuwider, so erklärt
ss die hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den entwickelten
Geschäftssinn des amerikanischen Volkes, während auf die entgegengesetzte
 Erziehung in Deutschland der übermäßige Zudrang zu allen
Beamtenstellen zurückzuführen ist. In Deutschland wird der junge
Mann während seiner Studien und vielfach bis in ein verhältnismäßig
hohes Lebensalter von den Kıltern unterstützt und bleibt von ihnen
abhängig. In Amerika ist es selbstverständlich, daß der junge Mann,
der die Schule verlassen hat, sich selbst unterhält. Er wird aus pädagyogischen
 Rücksichten dazu angehalten, auch wo die Mittel reichlich vorhanden
 sind, nur um seine Selbständigkeit zu entwickeln. Die Tochter
arhält in der Regel keine Mitgift. Es ist selbstverständlich, daß der
Mann erst heiratet, wenn er die Frau ernähren kann oder sie sich selbst
das Nötige verdient, was dort allerdings leichter ist als hier. Die
veschämenden Geldheiraten fallen aber damit fort, und der Unabhängigkeitssinn
 wird vorzüglich ausgebildet. Die frühe Selbständigkeit
 und die Freiheit des Amerikaners, die geringe Bevormundung
der Kinder und die fehlende Hilfe im Hause (weit verbreitet schon
aus Mangel an Dienstboten) bilden das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit,
 das Selbstbewußtsein und die Tatkraft aus, die ihn auszeichnen.
Die Religion bestimmt in hohem Maße die wirtschaftliche Schaffenskraft.
 Durch die Auffassung der Prädestination der Mohammedaner ist der
Erwerbstrieb bei ihnen erschlafft. Wenn das Geschäft nicht gedeiht, so
ist das nach ihrer Auffassung Bestimmung, nicht die Schuld des Leiters,
Der Protestant setzt den Satz über seine Tür: Hilf dir selbst, so wird
Gott dir helfen. Der Katholik geht davon aus, daß Armut Gott wohlgefällig
 ist, und die große Zahl der Feiertage fördert die Träsgheit.

An

j u Wr
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        3

8 15.
Das Kapital

Definition des
Kapitals,

Carl Kmnies, Das Geld, Kap. 1. Berlin 1873.
C. Menger, Zur Theorie des Kapitals. Jahrb. f. Nat., 1888, N. F., Bd. XV.
v. Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins. Innsbruck 1884 u. 1889, Bd. I u. II.
3. Aufl. 1900 u. 1909.
Umpfenbach, Das Kapital in seiner Kulturbedeutung. Würzburg 1879.
J. B. Clark, Capital and its earning. Amer. econ. Assoc. 1888,
Patten, The fundamental idea of capital. Quat. Journal of Economics 1889,
Ach. Loria, Analisi della proprietä capitalistica. Torino 1889.
Unter Kapital verstehen wir den Teil des Vermögens, welcher,
selbst Produkt menschlicher Arbeit, wieder zur Produktion bestimmt
ist. Nach dem Sprachgebrauche liegt sowohl der Begriff des Vorrats
für” künftige Nutzung, wie der des Erwerbsmittels darin, und je nachdem
 die eine oder andere Seite von dem Autor als in höherem Maße
bedeutungsvoll angesehen wurde, sind die Definitionen sehr verschieden
ausgefallen. Uns erscheint es vor allen Dingen notwendig, das Kapital
den anderen Produktionsfaktoren gegenüberzustellen und außerdem
den Begriff scharf in sich abzugrenzen. Deshalb legen wir Gewicht
darauf, das Kapital in bestimmten Gegensatz zur Natur zu stellen
and nicht mit dem Vermögen zusammenfallen zu lassen, sondern es
ausdrücklich als einen Teil des Vermögens vom Vermögen selbst zu
anterscheiden. Eben deshalb sind nur Güter darunter zu begreifen,
welche der Mensch selbst für seine Zwecke hergestellt hat. Das ist
der Fall ebenso bei dem Kieselmesser aus der Steinzeit, wie bei einer
großen Schneidemaschine, welche Eisenplatten zerschneidet. Das ist
der Fall bei dem primitiven Geräte aus der Wiege der Menschheit, wo
ein abgerundeter und geschärfter Stein in einen Baumzweig gezwängt
ist, um die Hubkraft des menschlichen Armes zu erhöhen, wie bei dem
Dampfhammer, der Hunderte von Zentnern auf einmal auf das untergelegte
 Eisen herabschlägt. Als Kapital ist aufzufassen das Fabrikgebäude,
 ebenso die land wirtschaftliche Fläche, wo die Ackerkrume durch
sorgfältige Behandlung und Düngung in ihrer physikalischen und
chemischen Beschaffenheit umgewandelt und zu größerer Tragfähigkeit
gebracht ist. Der noch unberührte Boden dagegen wird in der Nähe
der Stadt einen wertvollen Teil des Vermögens bilden, ohne darum
Kapital zu sein. Der Nachdruck ist vielmehr darauf zu legen, daß
durch menschliche Arbeit unter Hinzuziehung besonderer Hilfsmittel der
Gegenstand eine höhere Brauchbarkeit erlangt hat. Das ist bei dem
aus Eisen hergestellten Gerät oder der Maschine der Fall, wie bei der
von Steinen, Wurzeln und Unkraut befreiten Ackerkrume, die vielleicht
 noch durch Drainage von überschüssigem Wasser befreit ist.
Was dagegen nicht einen Teil des Vermögens bilden kann, alle
inneren Eigenschaften, wie besondere Intelligenz, Kenntnisse, Talente,
eine gute Singstimme oder äußere Einrichtungen, wie z. B. der Staat,
können trotz ihrer Nutzbarkeit als Kapital nicht angesehen werden,
weil sie so wenig wie die freien Güter dem Werte nach geschätzt und
sübsumiert werden. können, Auch der Sprachgebrauch ist jener Auffassung,
 die z. B. Adolf Wagner vertritt, entschieden entgegen und
benutzt den Ausdruck in dieser Weise höchstens im uneigentlichen Sinne,
Schließlich ist die Art der Verwendung maßgebend. Wir
scheiden daher aus dem Kapital die Konsumtionseüter aus. Nur so

2.u
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        —_ 4A —

ist das Kapital als Produktionsfaktor aufzufassen und der Natur an
die Seite zu setzen. Begreift man auch die Konsumtionsgüter darunter,
so fällt in der Hauptsache der Begriff des Kapitals mit dem des Vermögens
 zusammen, und der letztere reicht allein vollständig aus. Hiernach
 ist das Wohngebäude für den Eigentümer, wenn er es allein benutzt,
 wohl Teil des Vermögens, aber nicht des Kapitals. Wenn dagegen
der Fabrikant Gebäude an seine Arbeiter überläßt, so sind diese für
ihn, und somit auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkte Kapital.
Es gehören ferner dazu die große Masse der Werkzeuge und
Maschinen, welche die menschliche Arbeitskraft zu unterstützen bestimmt
 sind, wie die Zange die Greifkraft der Hand erhöht, sei es
das kleine Instrument des Zahnarztes oder die gewaltige, mit Kette
and Dampfmaschinen gehandhabte Zange, welche die glühenden Panzerplatten
 durch die Walzen hindurch zu zerren hat, um sie zusammenzuschweißen:
 so das Mikroskop und Fernrohr, die Sehkraft des Menschen
 zu unterstützen, das Jagdgewehr oder die Kanone, um das Wurfgeschoß
 auf die gewaltigste Entfernung mit größter Treffsicherheit zu
schleudern. Sie gehören unter dieselbe Kategorie der durch den
Menschen hergestellten Produktionsmittel, die seine wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit in der neueren Zeit so enorm gefördert haben.
Es zählt dazu aber auch die Kohle zur Dampferzeugung, das Getreide
als Saatgut und Viehfutter, wie als Nahrungsmittel für die Arbeiter,
aber nur vom volkswirtschaftlichen Standpunkte, während es von dem
des Arbeiters aus Konsumtionsmittel ist. Kapital ist auch der Viehstand
 des Landwirts, sowohl die Zugtiere wie das Milch- und Mastvieh,
 während die Luxustiere daraus ausscheiden.
Nachdem wir unseren Standpunkt in dieser Weise klar zu legen
gesucht haben, wollen wir eine Anzahl Definitionen hervorragender
Autoritäten dem gegenüberstellen. Turgot und Mac Culloch legen
den ganzen Schwerpunkt auf das Vielhaben. Sie verstehen darunter
einen großen Vorrat zur Nutzung. Adam Smith, Schäffle, Macleod
 nehmen die Art der Verwendung zur Grundlage und zum Ausgangspunkt.
 Roscher nennt Kapital jedes Produkt, das zu fernerer
Produktion aufbewahrt wird, während uns nicht das Aufbewahren das
Charakteristische zu sein scheint, sondern die Bestimmung des Gegenstandes.
 Adolf Wagner versteht darunter Erwerbsmittel vom Standpunkt
 des Besitzers, wonach also auch die Naturkräfte und inneren
Eigenschaften als Kapital erscheinen. Nach Knies ist Kapital der
für eine Wirtschaft vorhandene Bestand von Gütern, welcher zur Befriedigung
 des Bedarfs in der Zukunft verwendbar ist. Hiernach umfaßt
 das Kapital nicht nur Produktionsmittel, sondern auch mit Wagner
Erwerbsmittel, und noch darüber hinaus Konsumtionsmittel, also alle
Bestandteile des Vermögens. Hermann nennt Kapital die Grundlage
einer Nutzung, die Tauschwert hat. Diese Richtung hat Karl Menger
weiter verfolgt und in origineller Weise eine eigene Definition aufgestellt,
 die unzweifelhaft sich dem Sprachgebrauch am meisten nähert,
(Schmoller schließt sich ihm in der Hauptsache an.) Er versteht
darunter Geldbeträge, welche der Einkommensbildung gewidmet sind,
Nach seiner Auffassung ist nicht der Ursprung das Maßgebende, sondern
die Nutzung. Er sieht von der wirtschaftlichen Form ab und berücksichtigt
 allein den Wert. Es fällt nach .ihm das Kapital mit dem
Begriff des Stammvermögens einer Erwerbswirtschaft zusammen, und
nur der Teil des Vermögens ist von ihm nicht als Kapital angesehen,

Verschiedene
nffassung des
Kanitals.
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        12

Geld und
Kapital.

der unmittelbar zum Verbrauche bestimmt ist. Der Vorteil, der darin
liegt, daß die Definition sich dem Sprachgebrauche anschließt, ist unverkennbar.
 Als Kapitalist wird derjenige bezeichnet, der aus einem
größeren Vermögen ohne eigene Arbeit genügendes Einkommen bezieht,
um davon zu leben, und sein werbend angelegtes Vermögen, in Geld
ausgedrückt, ist sein Kapital. Das ist die privatwirtschaftliche Auffassung.
 Es scheint uns aber eine große Gefahr mit dieser Definition
verbunden zu sein, eine Vermengung von Geld und Kapital herbeizuführen,
 während gerade diese Scheidung dem Anfänger besondere
Schwierigkeit macht, und die Verwirrung im Publikum allgemein eine
bedenkliche Rolle spielt. Außerdem fällt hiernach der Begriff des
Kapitals mit dem des Stammvermögens, wie erwähnt, völlig zusammen.
Wir müssen uns aber noch den Unterschied zwischen Geld und
Kapital vergegenwärtigen.
Im gewöhnlichen Leben spricht man von dem Vermögen oder der
Erbschaft einer Person nur, indem man den Wert in Geld ausdrückt,
also etwa 100000 M. Die Summe ist indessen natürlich nicht in
klingenden Münzen in der Hand des Betreffenden, sondern ev. in Form
eines Hauses für 50000 M., für 10000 M. Eisenbahnaktien, für 10000 M.
Aktien einer Spinnerei, für weitere 10000 M. eines Bergwerks, außerdem
eine Hypothek und Staatsobligationen. So ist das Kapital des Betreffenden
 in der mannigfaltigsten Weise wirtschaftlich angelegt, volkswirtschaftlich
 wirksam und für ihn selbst nutzbar... Das Geld, in dem
der Gesamtwert ausgedrückt ist, kommt selbst dabei gar nicht in Betracht,
sondern nur das dahinter stehende Kapital in mannigfaltiester Form.

$ 16.
Die Arten des Kapitals.

Betriebskapital.


Man unterscheidet selbstverwendetes und Leihkapital. Das
letztere wurde ursprünglich allein Kapital genannt und Kapitalist, wer
ohne Arbeit sich aus seinem Vermögen durch Zinsgenuß Einkommen
verschaffen kann. Das Kapital zerfällt auch in bewegliches und
unbewegliches Kapital. das letztere umfaßt kultivierten Boden,
Gebäude usw.
In der Landwirtschaft spricht man von Grund- oder auch Ankaufskapital,
 gegenüber dem Betriebskapital Das erstere
begreift den Grund und Boden, die Gebäude, das sog. eiserne Inventarium
 in sich, welches die unentbehrlichen, zum Betriebe gehörigen
Geräte und den Viehstand umfaßt; das letztere ist der Betrag, der
zur Instandhaltung der Wirtschaft notwendig ist, wie zur Durchführung
des laufenden Betriebes, zur Lohnzahlung und Beschaffung des Unterhaltes
 für Menschen und Vieh,
Die österreichische Schule unterscheidet zwischen Kapitalien erster
Ordnung, wozu sie Nutzgüter, wie Häuser, Kleider, sowie Genußgüter,
 wie Nahrungsmittel, Brennmaterial usw. rechnet, die nur einmal
gebraucht werden können, und Kapitalien zweiter und weiterer Ordnung,
unter welchen Produktivgüter, wie Maschinen, Geräte u. del. verstanden
 werden.
Van der Borght (Jahrb. f. Nat.-Oek., 3. F, 24, 1903) hat neuerdings
 die Scheidung von Produktionsanlagen und Werkzeugen vorgeschlagen,
 denen das Geldkapital gegenüber zu stellen sei. Roh- und
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        43

Hilfsstoffe weist er der Natur zu. Da diese letzteren aber erst durch
Arbeit uns zugänglich oder brauchbar geworden sind, so stehen sie
wirtschaftlich auf demselben Boden wie die Werkzeuge. Es liegt nur
ein quantitativer, nicht qualitativer Unterschied vor.
Die bedeutsamste Unterscheidung für unsere Wissenschaft ist die,
in uNTALIENdEF und stehendes Kapital. Die Kigentümlichkeit
ä&amp;amp;S ersteren liegt darin, daß es er Se in dem Produktionsprozesse
zur Anwendung gelangt, in seiner bisherigen Gestalt dabei umgewandelt
wird, und daß der Wert voll und ganz in den des neuen Produktes
übergeht. Das ist der Fall, wenn das Getreide ausgesät oder verfüttert
 wird. Es wird als solches vernichtet und geht in dem landwirtschaftlichen
 Prozesse dem Werte nach in Stroh und Körner der
neuen Ernte oder in Fleisch und Milch der gefütterten Tiere über;
wie ebenso in der Mühle das Getreide in Mehl, das Mehl in der
Bäckerei in Brot verwandelt wird, das als umlaufendes Kapital nur
einmal in dem Produktionsprozesse zu dienen vermag. Das ist ebenso
der Fall bei der Kohle, die zur Erzeugung des Dampfes dient, bei der
Wolle, die zu Garn versponnen wird, während das Garn wiederum
zu Zeug yverwebt wird.
Das stehende Kapital wirkt dagegen nachhaltig in dem Produktionsprozeß,
 überdauert den einzelnen Prozeß, wird wiederholt gebraucht,
 nutzt sich erst allmählich ab, so daß der Wert nur langsam
vernichtet und in den Wert der Produkte übergeführt wird. Dazu
gehören vor allem Geräte, Maschinen, das Fabrikgebäude usw. Auch
diese nutzen sich im Laufe der Zeit ab, und es ist die Voraussetzung,
daß die dadurch erzielten Gegenstände in ihrem Werte einen Krsatz
für die Abnutzung gewähren. Es gehören dazu das tote und lebende
[nyentarium in der Landwirtschaft, die Zugtiere, wie das Milch- und
Mastvieh. In der Hand des Fleischers dagegen wird das Mastvieh
umlaufendes Kapital; wenn es geschlachtet und verteilt wird. Einen
bedeutsamen Teil des stehenden Kapitals in einem Lande bilden
Chausseen, Eisenbahnen, Kanäle, Häfen usw., dann die Münze, welche
zwar fortdauernd von Hand zu Hand geht und tatsächlich in der
Volkswirtschaft umläuft, gleichwohl aber stehendes Kapital ist, weil
sie Jahre hindurch den Tausch vermittelt und wirtschaftlich nutzbar ist.
Beide Arten des Kapitals müssen sich gegenseitig ergänzen und
deshalb in entsprechendem Verhältnisse vorrätig sein, damit sie angemessen
 verwertet werden können. Fehlt es an Kohle und Kisen,
sind diese aus Mangel im Preise zu sehr in die Höhe getrieben, so
können die Maschinenbauanstalten ihre Tätigkeit nicht gleichmäßig
fortsetzen; sind zu viel Fabriken angelegt, so behindern sie sich gegenseitig
 durch übermäßige Konkurrenz, und wirtschaftliche Krisen
sind die Folge. Fehlt es dagegen an Fabriken, um das vorhandene
Rohmaterial zu verarbeiten, ist somit umlaufendes Kapital im Uebernn
 vorhanden, so wird auch dieses volkswirtschaftlich ein Nacheil
 sein.
Für die Entwicklung der ganzen Volkswirtschaft ist es aber notwendig,
 fortdauernd umlaufendes Kapital in stehendes zu verwandeln
und letzteres mehr und mehr anzuhäufen und zu verallgemeinern. In
der Landwirtschaft müssen sowohl privatwirtschaftlich wie volkswirtschaftlich
 die Ueberschüsse der Ernten in Geld umgesetzt und möglichst
 dazu benutzt werden, den Boden durch Meliorationen zu verbessern.
 Gebäude und Inventarium zu ergänzen. um den Boden er-Stehendes

 und
umlanfendes
Kapital.
        <pb n="63" />
        4

Xapitalsbildune,


tragsfähiger, die ganze Wirtschaft leistungsfähiger zu machen. Unter
sonst günstigen Verhältnissen wird die Ausdehnung der Fabriken, Anlegung
 neuer Bergwerke zur nachhaltigen Erhöhung des Volkswohlstandes
 beitragen, wie es die Aufgabe ist, durch Verbesserung der Kommunikationsmittel
 die Grundlage für die Erweiterung der Produktion
zu schaffen und damit dem Lande einen Aufschwung zu gewähren.
Auf primitiverer Stufe der Kultur steht das umlaufende Kapital
durchaus im Vordergrund; bei höherer Entwicklung des wirtschaftlichen
Lebens, besonders seit Verbesserung der Kommunikationsmittel und
Ausbildung des Maschinenwesens, überwiegt immer mehr die Bedeutung
des stehenden Kapitals.
Ist so die Vermehrung des stehenden Kapitals die Vorbedingung
wie die Folge jedes wirtschaftlichen Aufschwunges und der Zunahme
des Volkswohlstandes, so ist die Verminderung desselben ein Zeichen
des Verfalls oder, wenn sie gewaltsam herbeigeführt wird, wie durch
einen Krieg, eine dauernde Schädigung des Landes, die erst im Laufe
der Zeit ausgeglichen werden kann. Kben deshalb wird ein Bürgerkrieg
 das Land am meisten schädigen, ein Krieg, der im Auslande
zeführt wird, am wenigsten. Darum konnten die Folgen des dreißigjährigen
 Krieges in Deutschland erst in zwei Jahrhunderten ausgyeglichen
 werden, weil in demselben Felder, Gehöfte, Städte zerstört,
der Viehstand vernichtet wurde, und damit die Grundlagen der Produktion
 dem Lande genommen waren. So brauchte Frankreich nach
lem Kriege von 1870/71 eine Reihe von Jahren, um die verbrannten
Gebäude, die gesprengten Brücken wieder herzustellen, den Viehstand,
die Maschinen zu ergänzen, um die wirtschaftliche Tätigkeit allseitig
wieder durchführen zu können, wie sie vorher bestanden hatte, während
in Deutschland nach Beendigung des Krieges und der Rückkehr der
Mannschaften sofort der Produktionsprozeß nach allen Richtungen in
erhöhtem Maßstabe aufgenommen werden konnte, weil das stehende
Kapital im großen Ganzen intakt geblieben war, und hauptsächlich
amlaufendes in der Heeresausrüstung (Munition) und den Unterhaltsmitteln
 verbraucht und neu zu ergänzen war.
Wie geht nun die Kapitalsbildung vor sich? Adam Smith
führt sie allein auf das Sparen zurück, doch ist das zu sehr privatwirtschaftlich
 gedacht. Der Landwirt bildet allerdings, wie ebenso der
Industrielle und Kaufmann Kapital, indem er den Reinertrag seines
Geschäftes, den Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben nicht
yanz für persönliche Zwecke verbraucht, sondern einen Teil davon
wiederum wirtschaftlich anlegt, sei es in dem eigenen Geschäft, sei es
durch Gewährung von Darlehen. Dieses spielt natürlich auch in der
Volkswirtschaft eine Rolle. Ein ganzes Volk wird gleichfalls an Wohlstand
 zunehmen, wenn es mehr produziert, als konsumiert. Aber es
erklärt dieses nicht den ganzen Vorgang. Die hauptsächlichste Kapitalsbildung
 geht in unserer Zeit dadurch vor sich; daß-ein bedeutender Teil
der Arbeit selbsttätiger Persönen, wie überhaupt der industriellen Arbeit
darauf gerichtet ist; nicht unmittelbar Nutzgüter herzustellen, sondern
Produktionsmittel zu schaffen, also die Grundlage, um durch unmittelbare
 Kapitalsbildung die weitere Produktion zu steigern, Die Maschinenbauanstalten
 z. B., wie die großen Schiffswerften, das gesamte Bauhandwerk
 verwenden ihre Arbeit allein auf Kapitalsbildung, und mit
der Entwicklung der Kultur wird ein immer größerer Prozentsatz
der Menschen zur Kapitalsbildung verwendet, ein immer kleinerer zur
        <pb n="64" />
        45

Schaffung von Konsumtibilien. Die Neger sind fortdauernd nur tätig,
am den zum täglichen Leben unumgänglich notwendigen Unterhalt zu
yewinnen. Darüber hinaus arbeiten sie im allgemeinen nicht. Nur ausnahmsweise
 vereinigen sie sich zur Herstellung ihrer primitiven Hütten,
nebenbei fertigen sie ihre Kleider, ihre Waffen usw. an. Die Kapitalsbildung
 tritt nur ausnahmsweise auf. Anders in unserer Zeit, wo umgekehrt
 der größte Teil der Menschen mit der Herstellung von Hilfsmitteln
 für die Produktion tätig ist, weil jetzt fast alles mit sozusagen
bewaffneter Hand ausgeführt wird, und fast jeder Konsumtionsartikel
eine umfassende Umarbeitung erfordert, bis er zum Gebrauche fertig
ist. Die Richtung der Produktion hat einen anderen Charakter angenommen
 und setzt allgemein die Kapitalsschaffung voraus. Das Sparen
tritt mehr privatwirtschaftlich als volkswirtschaftlich hervor.
re Kulturförtschritt setzt eine Kapıtalsvermehrung voraus und
begünstigt auf der anderen Seite dieselbe in besonderem Maße. Es
muß ein erheblicher Vorrat von Unterhaltsmitteln vorhanden sein, bevor
 ein Teil der Menschen sich allein darauf legen kann, Geräte anzufertigen
 oder gar für geistige Bedürfnisse tätig zu sein. Solange
Jer Mensch der Hilfsmittel entbehrte, die seine Arbeitskraft erhöhten
und es ihm erleichterten, die Natur zu beherrschen, solange brauchte
ar seine ganze Kraft fast allein zur Herstellung von Nahrung, Kleidung,
Wohnung usw. Erst als seine Schaffenskraft durch Erfindungen aller
Art bedeutend gesteigert war, reichte die Arbeit eines kleinen Prozentzsatzes
 der Bevölkerung dazu aus, der Gesamtheit die nötige Nahrung
asw. zu liefern, während die übrige nun ihre Tätigkeit auf Schaffung
weiterer Hilfsmittel, dann der Gegenstände von Kunst und Wissenschaft
konzentrieren konnte. Erst durch diese letztere, durch die Erfindungen
aller Art, war der wirtschaftliche Aufschwung möglich, welchen die
Neuzeit uns gebracht hat. So bedingen sie sich beide gegenseitig.
Die..Kapitalsvermehrung fördert die Kulturentwicklung, die letztere
trägt wiederum wesentlich zur Steigerung der Kapitalsbildung bei.
Die Neuschaffung des Kapitals in einem Lande wird nun durch
verschiedene Momente beeinflußt. Die Grundlage dafür ist ein geordnetes
 Staatswesen, welches Ruhe und Sicherheit garantiert, einen Jeden
in seiner Rechtssphäre schützt. Die Intelligenz, der Fleiß und der
Sparsinn des Volkes, der Unternehmungsgeist sind maßgebend für den
wirtschaftlichen Fortschritt. Sie werden natürlich zur Kapitalsbildung
angeregt durch die Produktivität der Arbeit, welche wiederum durch
die natürlichen Bedingungen wesentlich bestimmt wird. Je höher der
Ertrag der eigenen Nutzung oder der Zins bei Gewährung von Darjehen,
 um so größer wird der Anreiz zur Kapitalsbildung sein. Diese
verringert sich und hört schließlich auf, wenn der Ertrag in keinem
richtigen Verhältnis mehr zur Mühe und Entbehrung steht, welche sie
erfordert.
Je mehr das Kapital in wenig Händen konzentriert ist, um 50
schneller wird es sich vermehren, da es im Großen bessere Verwertung
findet, und ein geringerer Prozentsatz der Rente zum Unterhalt wieder
ausgegeben werden muß. Dadurch kann sehr wohl die Grenze der
angemessenen Kapitalsbildung überschritten werden und die Verausgabung
 eines größeren Teiles des Nationalertrages sich als wünschenswert
 erweisen, um durch einen stärkeren Konsum die Produktion anzuregen
 und vorteilhafter zu machen, den Umsatz, den wirtschaftlichen
Betrieb zu heben oder zu beschleunigen.

renzen der
Kapitalsbildung.
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        1

A Aa Das Kapital unterscheidet sich von den anderen Produktions-”"*"-
  faktor&amp;amp;n wesentlich dadurch, daß es in weit stärkerem, ja fast unbegrenztem
 Maße an einem gegebenen Orte vermehrt, angehäuft und
verwertet werden kann. Die Naturkräfte sind gegebene, der Mensch
muß mit ihnen haushälten, wie er sie vorfindet, die menschlichen
Arbeitskräfte sind nur in beschränktem Maße an einem Orte zu konzentrieren
 und zu summieren. Dagegen kann die Aufhäufung des
Kapitals in einem Lande fast unbegrenzte Dimensionen annehmen;
wie in England und Holland, oder in einer Stadt als Fabrikanlagen,
der in der Lombardstreet in der City von London in großen Bankgeschäften,
 um von da aus für alle Weltteile zu arbeiten und sich das
in reichem Maße bezahlen zu lassen. Das Kapital ist somit das bedeutsamste
 Mittel, den Wohlstand zu erhöhen, und ohne dasselbe ist er in
engen Grenzen gehalten. Das Kapital ersetzt die menschliche Arbeitskraft
 und nimmt den Menschen das rein Mechanische der Tätigkeit
mehr und mehr ab. Daß das Weberschiffchen sich von selbst bewegt,
was Aristoteles für die Voraussetzung der Beseitigung der Sklaverei
ansah, ist in der neueren Zeit fast erreicht, und damit allerdings der
Mensch gewaltig entlastet. Erst durch das Kapital ist der Mensch
imstande, die Natur erfolgreich zu beherrschen und, was als Zeichen
höherer Kultur anzusehen ist, erfolgreich Vorsorge für die Zukunft zu
treffen. Helfferich stellt in seiner Schrift „Deutschlands Volkswohlstand“
 den jährlichen Zuwachs an neuen Börsenwerten in den letzten
Jahren in Deutschland auf 3 Milliarden fest, wobei allerdings es sich
nicht überall um Neuschaffung von Kapital handelt. Der durchschnittliche
 Jahreszuwachs der Guthaben bei den deutschen Kreditbanken
betrug von 1895—1912 etwa 460 Mill. Mk., während die Einlagen in
den deutschen Sparkassen 690 Mill. ausmachten und das Vermögen
der Arbeiterversicherung jährlich um 500 Mill. stieg. Das wären zusammen
 41, Milliarden.

8 17.
Die Vereinigung der Produktionsfaktoren in den Gewerben
 und Unternehmungen.

Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. I: Die Genesis des Kapita-.ismus.
 Bd. II: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Leipzig 1902,
Brentano, Der Unternehmer. Berlin 1907.
Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft, Leipzig 1909,
L. Pohle, Der Unternehmer.
Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum. Leipzig 1911,
&amp;amp;. Schmoller, Die geschichtliche Entwicklung der Unternehmung; Jahrbuch
für Gesetzgeb. u. Verw. Bd. 14.

Die Entwickung
 der einzelnen
 Gewerbe.


Die drei Produktionsfaktoren können vereinzelt nur wenig leisten.
Nur in ihrer Vereinigung sind sie in der Volkswirtschaft von Bedeutung.
 Die Vereinigung von Produktionsfaktoren findet nun in
den verschiedenen Gewerbszweigen statt. Die gesamte gewerbliche
Tätigkeit wird durchgeführt in einer großen Zahl von Betrieben, die
wiederum verschiedene Formen haben. Der hauswirtschaftlichen
Tätigkeit, welche nur für ‚die Befriedigung des eigenen Bedarfs
arbeitet, steht die gewerbliche gegenüber, welche die Arbeit für
Andere ausführt gegen Gewährung eines Aequivalents d. h. gegen
Bezahlung. Dies geschah in früheren Zeiten allgemein handwerksmäßig,
 zunächst durch Ausführung der Arbeit im Hause des Auftrag-
        <pb n="66" />
        _ 47 -

yebers, der das Material zur Verarbeitung lieferte (Bücher nennt dies
Lohnwerk). Oder indem der Handwerker die Arbeit in der eigenen
Werkstatt hauptsächlich mit selbstbeschafften Stoffen und eigenen
Geräten ausführte, zunächst in der Regel auf Grund bestimmter Bestellung
 von Kunden, dann auf Vorrat zum Verkauf auf dem Markt.
Eigentümlich ist dem Handwerksbetrieb das Ueberwiegen der eigenen
Facharbeit durch den Leiter mit nur wenigen Gehilfen und ohne großes
Kapital, mit mehr lokalisiertem Absatz der Erzeugnisse, weshalb auch
das Geschäftsrisiko nur ein geringes ist. Auch das kaufmännische
Geschäft wurde früher sehr allgemein handwerksmäßig durchgeführt,
wie noch jetzt in dem gewöhnlichen Detailgeschäft. Die Ausübung des
ärztlichen wie des Berufs als Advokat hat die gleiche Form. Die moderne
Entwicklung der Volkswirtschaft führte dagegen Zur Ausbildung des
„Unternehmens“ und der „Unternehmerklasse“ neben dem Handwerk
 und dem Handwerker. Das Charakteristische liegt in folgenden
Momenten:
In dem Unternehmen sind von dem Leiter viele Hilfskräfte (Beamte,
 Arbeiter) zur gemeinsamen Tätigkeit herangezogen, welche durch
größere Kapitalskräfte unterstützt werden. Für den Unternehmer ist
infolge des bedeutenden Umsatzes ein erhebliches Risiko mit dem
Unternehmen verbunden, welches durch die Absatzkonjunkturen bedingt
 wird, die weit größeren Schwankungen als bei dem Handwerk
anterworfen sind, weil das Unternehmen seine Tätigkeit nicht in
solchem Maße lokal begrenzt. Die Aufgaben des Unternehmers gehen
dahin, den Bedürfnissen des Publikums gemäß die Produktion zu gestalten,
 sowie die Entwicklung derselben durch neue Erfindungen anzuregen
 (neue Muster), durch Kostenersparung den Bezug zu erleichtern
“billigere Herstellung durch bessere Methoden, Anwendung von
Maschinen), durch Aufsuchen der Kauflustigen und Berücksichtigung
ihrer Ansprüche den Absatz zu erweitern. Hierzu gehören technische
Kenntnisse, Uebersicht über wirtschaftliche Verhältnisse, daher kaufmännische
 Ausbildung und spekulativer Sinn, um die Konjunkturen zu
benützen.  Es-gehört ferner dazü organisatorische Begabung, um Kapital
 und Arbeitskräfte an die rechte” Stelle zu setzen und zu entsprechender
 Verwertung zu bringen. Bei größeren Unternehmungen
veht es über die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Menschen hinaus,
allen diesen Aufgaben gwachsen zu sein. Daher werden leitende
Kräfte in Form von Geschäftsteilhabern, Direktoren und sonstigen
Beamten verschiedenster Art zur Ergänzung und Vertretung hinzugezogen.
 So unterliegt es keinem Zweifel, daß in einer Aktiengesellschaft
 die Aktionäre die Unternehmer sind, weil sie das Geschäftsrisiko
 tragen und dementsprechend den Geschäftsgewinn beziehen, womit
 verbunden ist die Wahl der ausführenden und stellvertretenden
Geschäftsleiter (Direktoren), von deren Tüchtigkeit das Gedeihen des
Unternehmens abhängt.
Eine so große Rolle hierbei auch das Kapital spielt, so ist es
doch durchaus nicht das allein entscheidende Moment, vielmehr kann
es durch eine große Zahl von Arbeitern ersetzt werden, wie bei einem
Dienstmannsinstitut, Stellenvermittlungs-, Maler-, Friseurgeschäft mit
zroßer Gehilfenzahl. Es ist deshalb einseitig, das Unternehmertum als
sigentliches Produkt des Kapitalismus hinzustellen und es mit ihm zu
identifizieren. Während wiederum auch bei einer geringen Zahl der
angestellten Personen ein gvewaltiges Kapital beschäftigt sein kann, wie

Das Unter:
nehmen.
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        48

Verhältnis der
Faktoren im
Gewerbe.

Jeberwiegen
les BP
auf höherer
Kulturstufe.

bei einem Börsenspekulations-, Bank-, Versicherungsgeschäft. Beides
vereinigt liegt im gewöhnlichen Fabrikunternehmen wie im kaufmännischen
 Geschäft vor.
Je nach der Kulturstufe und den bestimmten wirtschaftlichen Verhältnissen
 finden wir aber die Zusammensetzung der Produktionsfaktoren
in sehr verschiedener Weise gestaltet. Bald ist der eine, bald.der
andere Faktor im Uebermaß oder in unzüreichender Weise vertreten,
Irden Ver. Staaten Amerikas, in Mexiko, auch in dem Innern Rußlands
finden sich Landstrecken, unterirdische Erzlager, die aus Mangel an
Arbeitskräften nicht verwertet werden können. Noch mehr ist das in
den erwähnten Ländern, dann in der Türkei, Persien, Rumänien aus
Mangel an Kapital der Fall; während dagegen in den Hauptländern
des europäischen Kontinents überschüssige Arbeitskräfte vorhanden sind,
die sich in das Ausland wenden, um dort eine bessere Verwertung
zu suchen; wie namentlich die jüngeren Söhne der Bauern, deren Erbteil
 nicht ausreicht, hier sich anzukaufen, nach Amerika hinüber wandern,
um dort eine eigene Scholle zu gewinnen und ihre Selbständigkeit zu
bewahren. Besonders aus England, Holland, dann auch aus Frankreich
und Deutschland werden fortdauernd Kapitalien in die mehr zurückgebliebenen
 Länder gesendet, um dort eine lukrativere Anlage zu finden,
indem sie die disponiblen Naturkräfte zur Verwertung heranziehen.
So liegt überall das Streben vor, eine Ausgleichung zwischen den verschiedenen
 Ländern herbeizuführen, um die drei Faktoren in einem
angemessenen Verhältnis auftreten zu lassen. Sie wirken dann vereinigt
 in einzelnen Produktionsgruppen, und diese nach Art der produktiven
 Tätigkeit gesonderten Gruppen, in welchen einzelne Menschen
oder Sozietäten sich zur Verbindung der einzelnen Kraftteile vereinigen,
 heißen Gewerbe, VUeberall, wo von einer Volkswirtschaft
die Rede ist, sind die Gewerbe vorhanden, und in diesen zusammenwirkend
 die drei Faktoren, Mit der Entwicklung der Kultur treten
aber Verschiebungen in der Wirksamkeit der einzelnen Faktoren
hervor. Auf der ersten Entwicklungsstufe überwiegt die äußere Natur.
Die menschliche Tätigkeit beschränkt sich auf Okkupation. Mit zunehmender
 Volksdichtigkeit wird allmählich mehr Arbeit auf jedes
Objekt aufgewendet, aber noch im Beginne der neueren Zeit spielte
jas Kapital nur eine unbedeutende Rolle, welches hauptsächlich im
Laufe des 19. und des gegenwärtigen Jahrhunderts mehr und mehr
las Uebergewicht gewonnen hat. Dies ist auch in den einzelnen Gewerben
 zu verfolgen.
Die Landwirtschaft ist im Anfang der Kultur eine ganz extensive.
In der rohsten Weise wird die Erdoberfläche aufgeritzt, das Getreide
hineingesät und das Weitere der Natur überlassen, bis die Ernte reif ist.
Allmählich wird der Acker sorgfältiger behandelt und besonders tiefer
and öfter gepflügt, zum ganzen landwirtschaftlichen Betriebe werden
Maschinen zu Hilfe gezogen, den aufkeimenden Pflanzen wird eine gewisse
 Pflege zugewendet, das Wachstum durch reichlichen Dünger
unterstützt, ein kostbarer Viehstand in wertvollen Gebäuden gehalten
und somit immer mehr Arbeit und ein erhebliches Kapital mit der
Wirtschaft verbunden. . .
In der gleichen Weise vollzieht sich der VUebergang vom Handwerk
 zum Fabrikbetriebe durch erweiterte Anwendung von Kapital.
Was bei dem ersteren die menschliche Hand allein vermittels eines
Werkzeuges vollzieht, wird in der Fabrik durch Maschinen, die wieder
        <pb n="68" />
        49

durch Motorkraft in Gang gesetzt werden, vielfach weit besser und vor
allem billiger erreicht. Gerade das Eingreifen des Kapitals in das
Gewerbe hat die Umgestaltung der Technik und die wirtschaftliche
und soziale Revolution herbeigeführt, in der wir uns noch gegenwärtig
befinden. Man braucht nur an den Uebergang von der Spindel zum
Spinnrad, von diesem zur Spinn-Jenny, von dem Handdruck zur
König- und Bauerschen Schnellpresse und schließlich zur Walterschen
Walzendruckmaschine zu denken, um sich diese Entwicklung zu
vergegenwärtigen.
Auch der Handel zeigt dieselbe Erscheinung, indem ursprünglich
der Kaufmann seine Ware selbst überall hin begleitet, um sie abzusetzen,
 wie noch jetzt im Innern von Afrika, während in der neueren
Zeit. vermittels Dampfschiff und Eisenbahn, ergänzt durch Post und
Telegraphen, der Umsatz im größten Maßstabe durch verhältnismäßig
wenig Menschen geschieht, und die Waren von einzelnen Brennpunkten
aus in alle Himmelsgegenden hin dirigiert werden.

8 18.
Das Eigentum.

Thiers, La propriete, Paris 1848.
Laveleye, De la propriete et de ses formes primitives. Paris 1874. In Uebersetzung
 von Bücher, Das Ureigentum.
Staatswörterbuch von Biuntschli u. Brater. Art. Eigentum von Bluntschli.
Zeitschrift für die ges. Staatsw., 1877, Artikel von Weisz.
Ad. Wagner, Allgem. Grundlegung der polit. Oekonomie, Leipzig 1894. 2. T.,
2. Buch.
Samter, Das Eigentum in seiner sozialen Bedeutung. Leipzig 1879.
Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. Art. Eigentum von Stammler.
R. Hildebrand, Recht und Sitte auf den primitiven wirtschaftlichen Kulturstufen.
 2. Aufl. Jena 1907.
Samuel Revay, Grundbedingungen der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Leipzig 1902
„Das Eigentum ist die rechtliche Herrschaft einer Person über
wirtschaffliche Güter, Es schließt das Recht ein: 1. das Gut zu gebrauchen,
 oder -auch-es nicht zu benutzen, ev. es zu zerstören,
2, es zu verschenken und durch freie Verträge über dasselbe zu verfügen,
 resp. es zu vererben. Dieses Recht ist aber niemals ein abso-{utes
 gewesen, sondern stets mehr oder weniger beschränkt durch Sitte
ınd Gesetzgebung ans der als notwendig erkannten Rücksicht auf
Andere. So sagt das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich
8 903: „Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz
 oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache
nach Belieben verfahren und Andere von jeder Einwirkung ausschließen.“
Hiernach wird ein Eigentum nur an einer körperlichen Sache ‚angea0mmen,
 während ein solches Recht auch darüber hinaus besteht und
in dem wirtschaftlichen Leben eine große Bedeutung hat. Das ist der
Fall bei dem Bergwerksrecht, wo es sich um ein Recht der Aneignung
anterirdischer Schätze handelt, bei Nutznießungsrechten, dann bei dem
Urheberrecht, wie es in Patenten, Autorrechten, dann in dem Musterand
 Markenschutz vorliegt.
‚Die Form des Eigentums kann eine verschiedene sein. Vor allem
ist zu unterscheiden zwischen Gesamteigentum, wie es in der germanischen
 Allmende zutage tritt, wo die Gesamtheit der Gemeindebürger
Rechte an der Ausnutzung des Weidelandes, der Forsten usw. besitzt,
Conrad. Grundriß der nolit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl.

Befugnisse dea
Eirentümers.

Arten des
Rigyentums.
        <pb n="69" />
        BO

ınd dem Privateigentum, das von einer physischen oder juristischen
Persönlichkeit ausgeübt wird.
Die Begründung des Eigentums ist in verschiedener Weise geschehen.
 A naturrechtliche Lehre, wie sie namentlich durch
Ahrendz vertreten ist, sucht das Eigentum aus der Natur des Menschen
heraus zu begründen und als mit seiner Persönlichkeit unbedingt ver“
bunden hinzustellen. Der Mensch müsse über äußere Gegenstände verfügen
 können, um seine Persönlichkeit zu betätigen, und individuelle
Selbständigkeit sei ohne die Herrschaft über äußere Güter nicht zu
denken. So finden wir auch überall, wo Beginn der Kultur nachzuweisen
 ist, den Begriff eines Kigentumsrechtes ausgebildet. Zunächst
ist es allein Besitz auf Grund der Gewalt, indem der Mensch Güter
in seine Herrschaft bringt und von deren Benutzung Andere ausschließt,
allmählich aber findet diese Herrschaft über gewisse Gegenstände unter
bestimmten Verhältnissen die allgemeinere Anerkennung innerhalb eines
Stammes und zwischen benachbarten Stämmen. Es bildet sich die
Sitte der Sanktionierung des Besitzes und damit das Eigentum aus.
Somlo weist nach, daß auf primitivster Stufe der Kultur Individualsigentum
 ausgebildet ist und auch fast allgemein eine bestimmte Erbfolge
 vorhanden ist. (Der Güterverkehr in der Urgesellschaft. Leipzig
1904.) Ein Tausch ist wohl denkbar allein auf Grund des faktischen
Besitzes, auch wenn der Gegenstand, der im Tausch hingegeben werden
soll, aus einem Diebstahl herrührt. Ein allgemeinerer Tauschverkehr
dagegen ist nur denkbar auf Grund allgemeiner Anerkennung eines
Eigentumsrechtes, und da der Tausch.die Grundlage der Volkswirtschaft,
so ist überhaupt Völkswirtschaft nicht denkbar ohne die Ausbildung:
les Eigentums. Und da dieser Begriff, söweit historische Ueberlieferung
zurückreicht, vorhanden gewesen ist und in der Gegenwart bei fast allen
primitiven Völkerschaften gefunden wird, vielleicht mit Ausnahme der
Weddas auf Ceylon, so wird man auf Grund der Erfahrung sagen
können, daß allerdings die Natur des Menschen und jede Ausbildung
des Verkehrs die Anwendung eines Eigentumsrechtes verlangt und in
sich schließt. ..
Man hat dagegen angeführt, daß zu allen Zeiten und in allen
Ländern ein großer Teil der Menschen ohne Eigentum gewesen sei,
und daraus allein ergebe sich, daß sogar der Kulturmensch ohne dasselbe
 zu existieren vermöge und die Unterstützung seiner Persönlichkeit
durch Eigentum und zwar besonders an Produktionsmitteln, entbehre.
Indessen ist dieses wesentlich zu weit gegangen. Nicht nur das Eigentum
 an Konsumtionsmitteln hat überall bestanden. Bei etwas vorgeschrittener
 Kultur, vor allem in unserer Zeit bei der ganzen Arbeiterklasse,
 ist das Kigentum an Kleidung, Wohnungseinrichtung, außerdem
auch an Arbeitsgerät mannigfaltiger Art, ganz allgemein; und aus der
Verbreitung des Eigentumsrechtes, auf dem unsere ganze Produktion
beruht, zieht Jeder Vorteile. Wir können deshalb nur anerkennen,
daß allerdings in der Natur des Menschen das Streben nach Eigentum
allgemein ist, und jede Entwicklung wirtschaftlichen Verkehrs die Ausbildung
 eines Eigentumsrechtes verlangt. Dagegen ist zuzugeben, daß
die naturrechtliche Erklärung nicht ausreicht, um jedes bestehende
Eigentum zu rechtfertigen und die vorhandenen Rechtsanschauungen
allseitig zu begründen.
Man muß deshalb in der Untersuchung weiter gehen, und dieses
Arbeitstheorie geschieht: 2. „durch die Okkupations- und Arbeitstheorie,
        <pb n="70" />
        . 51 -

wie sie durch die alte Rechtsschule (Hugo Grotius, dann durch
Locke, Frederic Bastiat und Andere) vertreten ist. Bei der
ersten Ansiedelung bildete sich das Eigentum dadurch aus, daß
Jemand ein Grundstück für sich ausschließlich in Anspruch nahm,
welches bisher Niemandem vorbehalten war und von ihm zuerst okkupiert
 wurde. Das Eigentum wird hier durch Okkupation erworben.
Noch jetzt werden in den Vereinigten Staaten neue Territorien von
der Union an diejenigen gegen ein geringes Kaufgeld abgegeben, die
oei Eröffnung der Ausgabe zuerst auf demselben erscheinen und dasselbe
für sich verlangen. In den alten Kulturstaaten kann natürlich diese
Okkupation eine Bedeutung nicht mehr haben; sie bedarf daher einer
Ergänzung, die darin gesehen wird, daß die Werte, welche Jemand
allein durch seine eigene Arbeit erzeugt, auch ihm allein gehören
‘Arbeitstheorie). Das, was er erarbeitet hat, kann von Niemand sonst
beansprucht werden. Daß auf dem Wege eigener Arbeit vielfach
Eigentum begründet wird, unterliegt keinem Zweifel. Das selbstgezogene
Vieh, das auf freien Jagdgründen erlegte Wild wurde stets als Eigentum
dem Züchter und Jäger zuerkannt. Wer ev. aus einem freien Gute,
sagen wir aus einem granitenen Feldstein, ein kleines Kunstwerk schafft,
kann dasselbe auch jetzt als sein alleiniges Eigentum in Anspruch
nehmen. Die Gewährung eines Patentes, die Garantie eines Autorrechtes
 basiert auf der Arbeitstheorie. Dagegen ist ihr Gebiet durch
die neuere Entwicklung des Wirtschaftslebens mehr und mehr einyeschränkt,
 und sie genügt nicht, überall das vorhandene Eigentum zu
begründen, und unser Produktionsprozeß ist so außerordentlich kompliziert,
 an jeder Ware ist eine so große Zahl von Händen tätig
zewesen, daß die Scheidung, wieviel von dem Werte auf den einzelnen
Mitarbeiter fällt, außerordentlich schwer zu treffen ist, und die Anschauungen
 darüber sehr wesentlich auseinandergehen.
Den eben genannten Theorien mit aprioristischer Begründung,
ee Legaltheorie gegenüber. (Hobbes, Montesquieu,
Jer. Fentham, Ad. Wagner.) Nach derselben.ist.das Kigentumsrecht
 allein aus Zweckmäßigkeitsgründen durch die Staatsgewalf geschaffen.
 Hiergegen ist zu bemerken, daß die Anerkennung eines
Eigentumsrechtes durch die Sitte sich schon lange ausgebildet hatte,
bevor die Staatsgewalt überhaupt eine derartige gesetzgeberische Tätigkeit
 übernahm. Noch in der Gegenwart ist zu beobachten, daß der
Usus gewisse Verhaltungsnormen einbürgert, die sich als zweckmäßig erwiesen
 haben, und die auf Grund eines Gewohnheitsrechtes allgemeine
Anerkennung gewonnen haben, während erst später die gesetzgeberische
Sanktion hinzutrat. Dies trifft auch in hohem Maße bei der Ausbildung
 des Eigentumsrechtes zu. Anzuerkennen ist dagegen, daß viele
unserer gegenwärtigen Bestimmungen des Eigentumsrechtes nur aus
der Legaltheorie zu erklären sind, und deshalb auch die Anschauungen
der maßgebenden Kreise vielfach dabei einseitig zum Ausdruck gelangten.
 Damit ist zugleich anerkannt, daß unser Eigentumsrecht,.. wie
SS EBEN WEHG besteht, nicht ‚als unabänderlich angesehen werden kann,
göndern, wie es bisher mit der gesamten Kulturentwicklung. Sich. allyrählich
 Historisch entwickelt und erhebliche Veränderungen..erfahren
hät, so auch in. Zukunft mit den. Umgestaltungen „unseres,.Wirtschaftslebens_
 Modifikationen erfahren .mnß,. will es nicht in einen
Widerspruch mit den Anforderungen der Zeit treten. Das Dauernde
in der Menschheitsgeschichte bleibt. daß die allgemeine Anerkennung

Leyaltheorie.
        <pb n="71" />
        592

eines Kigentumsrechtes als die Grundlage jeder Kulturentwicklung vorhanden
 gewesen ist und vorhanden sein muß, wo eine größere Zahl
von Menschen miteinander im Verkehr stehen. Welche Kategorie des
Eigentums in dem Vordergrunde steht, das hängt von der Kulturstufe
ab, auf welcher sich das Volk befindet,
Unsere gegenwärtige Volkswirtschaft beruht in der Hauptsache
auf dem Sondereigentum, und dies muß nach aller bisherigen
Erfahrung auch für absehbare Zukunft trotz aller sozialistischen Bestrebungen
 so bleiben, wenn nicht die Kultur dem verhängnisvollsten
Rückschritt verfallen soll.
Werfen wir einen Blick auf die historische Entwicklung des Eigentumsrechts,
 wobei wir ausdrücklich darauf verzichten, auf die gegenwärtig
 schwebenden Streitfragen detaillierter einzugehen, die uns zu
weit führen würden.

$ 19.
Die geschichtliche Entwicklung des Eigentumsrechtes.

\elteste Zeit. Zur Zeit des Tacitus hat bei den Deutschen das Gesamteigentum
an dem Acker-, Weide- und Waldland bestanden und scheint auf
primitiver Kulturstufe nach Ausbildung der Seßhaftigkeit das Natürliche
und auch das allgemein Verbreitete gewesen zu sein. Bei dem Mangel
aller Hilfsmittel ist die Summierung der menschlichen Arbeitskraft die
Voraussetzung, die Natur zu bewältigen. Daher bei der ersten Ansiedlung
 die Urbarmachung und Bewirtschaftung des Landes gemeinsam
 stattfand, welches der Dorfgemeinschaft als Eigentum zugesprochen
wurde, während erst die Ernte dem Einzelnen als Sondereigentum zu-Gel.
 Das von den einzelnen Familien ausschließlich benutzte Gehöft
wurde früh gleichfalls als solches angesehen und behandelt. Das Eigensum
 an Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen ist auf tiefster
Kulturstufe zu finden und sogarein Individualeigentum für die Geschlechter
getrennt. Je verschiedener die Leistungsfähigkeit des Einzelnen sich
m Laufe der Kulturentwicklung gestaltet, um so schärfer tritt das
Streben der sich über die Mittelmäßigkeit Erhebenden, die ihre Stücke
besser bewirtschafteten als die übrigen, hervor, diese eben auch in
lauerndem Eigentum zu behalten, die Frucht ihrer Leistungen auch
allein für sich und die Angehörigen zu verwerten, und daher auch
das Erbrecht daran zu gewinnen. So mußte auch mit der Entwicklung
ler Kultur sich das Sondereigentum an Grund und Boden mehr und
mehr ausbilden, und konnte Gesamteigentum nur zum Schaden der Entwicklung
 wie in Rußland noch in der Gegenwart aufrecht erhalten
werden, so daß man im Begriffe steht, den Mir aufzuheben. Auch
wo die Gemeinde als solche Grundbesitz in der Hand behalten hat
‘Allmende), ist doch die Form der Gesamtnutzung, mehr. und. mehr
zurückgedrängt und die private Verwertung allgemeiner ausgebildet,
indem die Gemeinde wie der Staat als Einzelwille auftreten, die
Grundstücke verpachten, die Forsten geschlossen bewirtschaften
lassen, während der Ertrag in die Gemeindekasse oder Staatskasse
fließt, und erst aus dieser der Gewinn eine Verwendung findet, die
der Gesamtheit zugute kommt. Je mehr auf der anderen Seite die
Kapitalsbildung fortschritt, um so mehr Güter waren vorhanden, die
als Produkt der Arbeit des Einzelnen auch in das Sondereigentum
übergingen. Und mit der wachsenden Bedeutung des Kapitals mußte
        <pb n="72" />
        53

jeshalb das Sondereigentum mehr und mehr zur Ausbildung gelangen.
{n der Zeit des Merkantilsystems im 17. und 18. Jahrhundert
suchte die Staatsgewalt ihren Besitz und Betrieb möglichst zu erweitern,
 es war die Zeit der Monopolisierung der mannigfaltigsten
Betriebe, während auf der anderen Seite allerdings leichtsinnige
Herrscher Domanialbesitz verschleuderten. Die Lehren der physiokratischen
 und der Adam Smithschen Schule brachten hierin eine
Umwälzung der Anschauungen hervor. Davon ausgehend, daß unter
der Wirkung des Privatinteresses jeder wirtschaftliche Betrieb von
Privaten zweckmäßiger ausgeführt, jeder Besitz besser verwertet werde,
als von Korporationen, insbesondere von dem Staate, suchte man denselben
 immer allgemeiner in der Hand der Bürger zu verteilen. Man
ist in dieser Beziehung vor allem in England wie in Amerika durchaus
 radikal vorgegangen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
ist auch hierin eine Reaktion eingetreten. Man erkannte vor allem
die Aufteilung des Gemeindeeigentums als einen großen Fehler, wodurch
 die Leistungsfähigkeit der Kommunen erheblich beeinträchtigt
war. Die Erfahrung zeigte, daß der Staat sehr wohl in der Lage
war, nach verschiedensten Richtungen hin Besitz und Betrieb angemessen
 finanziell zu verwerten und außerdem durch denselben der Gezamtheit
 besondere Vorteile zu verschaffen. So ist in der neueren
Zeit vor allen Dingen der Besitz des Staates an Forsten und Kisenbahnen
 erheblich ausgedehnt, und für die Zukunft ist in dieser Beziehung
 wohl noch ein weiteres Vorschreiten zu erwarten.
Auch die Auffassung des Eigentumsrechtes hat im Laufe der Zeit
nicht unbedeutende Modifikationen erfahren. Einmal ist das Gebiet,
auf welches dasselbe erstreckt wurde, erweitert. Es ist nur nötig, an
das.geistige Eigentumsrecht zu erinnern, welches schon besprochen
wurde. Auf der anderen Seite ist die Beschränkung in den verschiedenen
 Zeiten eine ungleiche gewesen. Das römische Recht suchte das,
Eigentumsrecht_als ein möglichst absolutes durchzuführen. Die ganze,
Freihandelsrichtung trat in der gleichen ‚Weise auf. Säh Sie in der
individuellen‘ Freiheit und Selbständigkeit jedes Einzelnen unter Ausbildung
 der wirtschaftlichen Freiheit die höchste Aufgabe für Staat
und Gesellschaft zur Förderung der Kultur, so mußte sie danach
streben, die Selbständigkeit jedes Menschen durch ein möglichst unoeschränktes
 Verfügungsrecht des Einzelnen über sein Eigentum zu
schützen und zu fördern. Auch hierin ist in der zweiten Hälfte des letzten
Jahrhunderts ein Umschwung in den Anschauungen eingetreten. Die
Erfahrung lehrte, daß nicht, wie die alte Schule annahm, zwischen
dem Privatinteresse und dem Gesamtinteresse eine allgemeine Harmonie
vorhanden ist, sondern daß vielmehr auf höherer Stufe wirtschaftlicher
Kultur sich zwischen den Einzelnen, die mit verschiedener Macht auf
Grund von Intelligenz und Kapitalkraft sich gegenüber treten, ein immer
stärkerer Kampf um das Dasein entwickelt, und die Konflikte zwischen
den Kulturaufgaben der Gesamtheit und den Privatbestrebungen der
Einzelnen immer tiefgreifendere und verhängnisvollere werden, je mehr
das wirtschaftliche Getriebe uneingeschränkt sich selbst überlassen
bleibt. Es hat sich dadurch die Auffassung entwickelt, daß das Eingreifen
 der Staatsgewalt zum Schutze des Schwächeren ünerläßlich
ist, daß "ihre Macht und ihr Einfluß auch auf das wirtschaftliche
Löben viel höher bewertet werden muß, als es die Freihandelsrichtung
zugestehen wollte. Wo aber das Gesamtinteresse in Frage kommt.

Almähliche
Zeschränkung
des Rechtes.
        <pb n="73" />
        änteienuneg.

hat das Einzelinteresse sich ihm unterzuordnen. Daher kann auch
dem Einzelnen nicht ein unbedingtes Verfügungsrecht über sein
Eigentum unter alleiniger Maßgabe seines eigenen Interesses zuerkannt
werden, sondern er muß sich soweit Beschränkungen unterwerfen, als
es das Gesamtinteresse verlangt.
Sie waren in früheren Zeiten oft viel weitergehend; so war Konfiskation
 von Grundstücken, sowie Einziehung nicht wiederbebauter
Hausstellen im Mittelalter verbreiteter als jetzt. Schon 1287 wurde
in Salzburg bestimmt, daß, wer eine Hofstatt kauft, binnen Jahresfrist
 bauen muß. Sehr verbreitet sind Bauverbote gewesen (s. auch
Paul Voigt, Grundrente und Wohnungsfrage in Berlin und seinen
Vororten, 1901). In dieser Richtung haben sich im Laufe des letzten
Jahrhunderts erhebliche Aenderungen des Eigentumsrechtes vollzogen.
Durch die Ausbildung des Enteignungsrechtes ist am schärfsten zum
Ausdruck gebracht, daß überall, wo es die Förderung der Gesamtheit
verlangt, der Privateigentümer zu weichen hat. Wird zum Bau einer
Kisenbahn, zur Durchlegung einer Straße in der Stadt Grund und
Boden gebraucht, so muß der Grundeigentümer denselben räumen und
sich mit einer Entschädigung begnügen. In der von der Gemeinde
aufgestellten Bauordnung werden dem Grundeigentümer Beschränkungen
 in der Benutzung seines Bauplatzes und in der Ausführung
des von ihm projektierten Gebäudes auferlegt. Das badische Ges. v.
6. Juli 1896 schreibt vor: Daß auf Antrag des Gemeinderates auch
gegen den Willen der Eigentümer behufs Gewinnung zweckmäßiger
Bauplätze eine Neueinteilung der Grundstücke durch Aenderung der
Grenzen oder Umlegung im öffentlichen Interesse vorgenommen werden
kann. Im Großherzogtum Hessen ist schon 1791 die Enteignung zur
Gewinnung von Bauplätzen vorgesehen. In Preußen lehnte noch
neuerdings das Herrenhaus die Enteignung von Baustellen ab. Auch
in Oesterreich wurde 1897 im niederösterreichischen Landtage die
yenereille Anerkennung der Anwendung der Expropriation für Assanierungs-
 und Verkehrszwecke abgelehnt, während das sächsische
Ges. v. 1. Juli 1900 die Niederlegzung von Gebäuden im Wege der Exdropriation
 für zulässig erklärt (Th. v. Inama-Sternegg, Städtische
Bodenpolitik in alter und neuer Zeit, Wien 1905, S. 19). Für jeden
besonderen Fall ein Gesetz zu eruieren, ist aber zu schwerfällig.
Als weitere Beschränkungen sind zu erwähnen: Der Eigentümer
von Wald, Bergwerken, Eisenbahnen und Fabriken wird durch polizeiliche
 Vorschriften in der Verfügung über seinen Besitz wesentlich
beschränkt, wie z. B. sanitäre Rücksichten für die Arbeiterklasse
der Schutz vor Gefährdung und Belästigung der Umwohner verlangt
werden. Das Erbrecht ist schon seit längerer Zeit durch die Fixierung
aines Pflichtteils für die Kinder beschränkt. Die Strömung geht immer
mehr dahin, nicht unbedingt das Recht der Blutsverwandtschaft zur
Beerbung anzuerkennen, sondern im Verwandtschaftsgrade eine Grenze
zu ziehen. Nach dem neuen schweizerischen Zivilgesetzbuch hört die
Erbberechtigung schon mit dem Stamme der Großeltern auf. Die
Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch in Deutschland hatte mit
zroßer Majorität beschlossen, das Erbrecht nicht über die Nachkommen
der Urgroßeltern im Intestaterbfalle gelten, sondern statt der entfernteren
 Verwandten den Staat als den natürlicheren Erben eintreten
zu lassen, wie das in Dänemark bereits gesetzlich bestimmt ist. Der
Reichstag hat allerdings diese Bestimmung nicht akzeptiert. Dagegen
        <pb n="74" />
        55

ist indem 8 904 eine sehr bedeutsame prinzipielle Aenderung der bisherigen
 Auffassung des Eigentumsrechts zu konstatieren. Es heißt
darin: „Der Eigentümer einer Sache ist nicht berechtigt, die Einwirkung
eines Anderen auf die Sache zu verbieten, wenn die Einwirkung zur
Abwendung einer gegenwärtigen Gefahr notwendig, und der drohende
Schaden gegenüber dem aus der Einwirkung dem Eigentümer entstehenden
 Schaden unverhältnismäßig groß ist. Der Eigentümer kann
Ersatz des ihm entstehenden Schadens verlangen.“ Der Eigentümer
eines Hauses muß sich hiernach gefallen lassen, daß sein Haus niedergerissen
 wird, wenn dieses nötig ist, um ein bedenkliches Weitergreifen
aines Brandes zu verhüten. Der Besitzer eines Kahnes darf es nicht
verhindern, daß Jemand denselben benutzt, um damit einem Menschen
das Leben zu retten, auch wenn die Gefahr vorliegt, daß das Boot
dabei zugrunde geht. Hiermit korrespondieren die 88 226 und 826,
welche dem Eigentümer verbieten, das Eigentumsrecht zur Schikane
seiner Mitmenschen auszuüben, also die Anderen zu schädigen ohne einen
eigentlichen Nutzen dabei zu haben, oder unter Verletzung der guten
Sitte. Auch die privatrechtlichen Beschränkungen des Nachbarrechtes
8 906 und die weiteren Paragraphen verfolgen den gleichen Zweck.
Es ergibt sich aus dem Angeführten, daß man das Eigentum
immer mehr als ein soziales und nicht rein individualistisches auffaßt,
trotz der Anerkennung des Privateigentums; daß die Gesellschaft auch
ein Recht an dem Eigentum des Einzelnen besitzt und Jedem aus
seinem KEigventumsrecht Pflichten der Gesamtheit gegenüber auferlegt.

Deutsches
vürgerliches
Jesetzbuch,

$ 20. .
Der Tausch.

Erst bei Entwicklung des Tausches kann. überhaupt, von Volks- Ausdehnung
wirtschaft die Rede sein. Die Möglichkeit des Tausches ist die Grund- EEE ER
(Age der Arbeitsteilung, und beide gehen in ihrer Entwicklung Hand
ın Hand. Auf primitiver Stufe der Kultur findet der Tausch vielfach
in der Form der Schenkung unter Erwartung eines Gegengeschenks,
dann als „stiller Handel“ statt, indem die angebotene Ware an einen
bestimmten Ort und später die Gegengabe an denselben gelegt wird.
Der Tausch ist schon ganz früh sehr ausgedehnt. Gegenstände
des Gebrauchs stammen nachweislich bei primitiven Völkern oft aus
yanz entlegenen Gegenden (Somlo a. a. 0.); es sind im allgemeinen
Gegenstand des Tausches nicht Befriedigungsmittel des laufenden Bedarfes,
 sondern Luxusgegenstände, so jetzt noch bei den Negerstämmen
Perlen, bunte Zeuge, di&amp;amp; zum Schmuck dienen, aber nicht zur Läglichen
 Kleidung, Dann erfolgt der Austausch von Waffen und sonstigen
Ausrüstungsgegenständen. Erst im Laufe der Zeit ergreift der Tausch
auch die wirtschaftlichen Grundlagen, den täglichen Bedarf, ferner Rohstoffe
 und Halbfabrikate, nicht nur die fertigen Waren, Mit dem Fortschreiten
 der Kultur, der Ausbildung der Volkswirtschaft, der Steigerung
 der Lebensansprüche muß jeder Gegenstand eine immer größere
Umformung erfahren, bis er für den Konsum reif ist. Er wandert
deshalb durch eine große Zahl von Händen, bevor er zu den Konsumenten
 gelangt. Der Tausch tritt damit nicht nur als Schluß der
Kette wirtschaftlicher Tätigkeiten auf, sondern auch als Mittelglied des
Produktionsprozesses: und je mehr die Arbeitsteilung durchgeführt ist,
        <pb n="75" />
        jereinsames
Interesse der
T’auschenden.

um so öfter fungiert er als Mittelglied. Das Getreide wandert zum
Müller, als Mehl zum Bäcker, als Brot ev. noch zum Händler, von da
erst zum Konsumenten. Ist das Erz gewonnen, so wird es in der
Hütte ausgeschmolzen und ausgewalzt, in der Schlosserei einer Fabrik
zu einem Teile einer Maschine verarbeitet, um dann erst wieder in
einer anderen mit den verschiedensten Ergänzungsstücken zu einem
Ganzen zusammengefügt zu werden.
Wie schon oben (S. 29) bei der Erörterung des Handels auseinandergesetzt
 wurde, müssen bei einem regulären Tausche..beide. Teile
zewinnen oder mindeStens zu gewinven glauben, sonst käme. er nicht
zustande. Infolgedessen besteht eine Gemeinsamkeit der Interessen
zwischen den sich gegenüberstehenden Parteien als Grundlage des
Tausches. Die vielfach verbreitete Ansicht, daß der Vorteil des einen
Teiles nur auf der Schädigung des anderen beruhe, ist völlig irrtümlich.
Selbst bei einem Tausch oder Verkauf, wo der eine Teil offenbar
wucherisch ausgebeutet wird, muß derselbe noch einen Vorteil bei
lem Geschäfte voraussetzen; er würde sich sonst nicht darauf einlassen.
 Ein Landwirt besitzt vielleicht ein kostbares Pferd und sieht
sich gezwungen, dasselbe zu verkaufen, um einen verfallenen Wechsel
einzulösen. Er findet im Moment keinen Käufer und bietet es schließlich
 für einen Spottpreis an, nur um dadurch dem Wechselprozesse zu
entgehen, der ihm noch viel größeren Schaden zufügen würde. Unter
normalen Verhältnissen, wie bei jenem oben (S. 28) angeführten Beispiele
des Austausches von Kühen und Pferden zwischen zwei benachbarten
Landwirten, werden beide Teile in gleicher Weise ihre Rechnung finden,
weil keiner in einer Zwangslage ist, aber jeder die Tiere los wird, die
ihm eine Last sind, und diejenigen erhält, die er zur Komplettierung
seiner Wirtschaft gebraucht. Derselbe Vorgang wird auf dem Gemüsemarkte,
 wie im allgemeinen an der Börse vorliegen, wo die Ware in
Fülle vorhanden ist, und es ebenso nicht an Käufern fehlt. So wird
lurch einen regen Tauschverkehr in einem Lande der Wert der vorhandenen
 Gegenstände gefördert und jeder Produktionszweig dadurch
in seiner Tätigkeit erleichtert, wie der Konsument dadurch seinen Belarf
 befriedigt. Dasselbe ist aber auch in dem internationalen Handel
zu beobachten. Wenn zwei Länder nachhaltig miteinander im Austauschverkehr
 stehen, so müssen beide dabei einen Gewinn haben,
sonst. wäre er nicht aufrecht zu erhalten. Jedes Land gibt die Ware
ab, die es billiger produzieren kann, als ein anderes, und Wovon es
über Bedarf an Vorrat hat. Es empfängt dafür, was unter anderen
klimatischen und Bodenverhältnissen leichter und in größerem Maßstabe
zyewonnen und gleichfalls im Ueberflusse erzeugt wird, es erhält dafür,
wie z. B. Indien für seine Gewürze, Reis usw. aus Europa Baumwollenstoffe,
 Eisenwaren, die hier billiger und besser durch die Großindustrie
erzeugt werden können als dort. Die merkantilistische Anschauung,
daß ein Land sich nur auf Kosten des Nachbarlandes zu bereichern
vermöchte, mit dem es in Handelsbeziehungen steht, ist daher falsch,
ıbgleich die Anschauung bis in unsere Zeit hinein (Thiers) gefunden
wird. Im Gegensatze dazu ist man in der neueren Zeit bestrebt, die
gemeinsamen Interessen der!Länder zur Grundlage von Han delsverträgen
zu machen und durch gegenseitige Gewährung von Konzessionen
beiden Ländern möglichst viele Vorteile zugänglich zu machen, um
keines unnötigerweise zu schädigen. Es entspricht das offenbar der
yesunden Vernunft.
        <pb n="76" />
        57

Ss 921.

Die Konkurrenz.

Vierteljahrsschrift für Volkswirtschaft und Kulturgeschichte 1877, :Art. von
Hertzka u. Wolf.
Wagner, Grundlegung der polit. Oekonomie. Bd. I: Das moderne System der
reien Konkurrenz.

Ist bei dem Tauschverkehr auch ein gemeinsames Interesse die
Grundlage desselben, so tritt doch ein Gegensatz der Parteien insofern
hervor, als Jeder bestrebt ist, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen,
 der dann zum Teil auf Kosten der Anderen erreicht wird.
Dies trat bei dem Beispiel der Bewucherung des Pferdeverkäufers, der
notwendig Geld brauchte, zutage. Sein Gewinn war auf ein Minimum
reduziert, der Käufer war in der Lage, sich einen übermäßigen Gewinn
 anzueignen. Die Gefahr einer solchen Ungleichheit des erzielten Regulierende
Vorteils wird deshalb nahe liegen. Die Adam Smithsche Schule BU aatnS noch
ving nun davon aus, daß nach einem allgemeinen wirtschaftlichen *- Smith
Naturgesetze in dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sich überall,
wo man von Volkswirtschaft sprechen kann, ein freies Mitwerben bei
Produzenten einerseits, Konsumenten andererseits, zwischen Käufern
ınd Verkäufern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern herausstelle, welches
eine jede Uebervorteilung des einen Teiles im großen Durchschnitte
ınmöglich mache. Mit anderen Worten, die freie. Konkurrenz, führe,
in dem wirtschaftlichen Treiben eine allgemeine Harmonie der Inter:
36sen herbei, und zwar naturgesetzlich, indem Jeder durch sein eigenes
Interesse aus Rücksicht auf seine Konkurrenten gezwungen sei, sich
nur mit einem mäßigen Verdienste zu begnügen, während ebenso in-(olge
 der vielseitigen Nachfrage gleicher Interessenten die Kauflustigen
yezwungen würden, einen angemessenen Preis für die Ware wie für
Dienstleistungen zu zahlen. Gerade diese Auffassung, die von der}
Adam Smithschen Schule, so von David Ricardo, Frederid
Bastiat und der deutschen Freihandelspartei vertreten wurde, führte‘
zu der Forderung, daß der Staat sich jeder Einmischung in das wirt-‘
schaftliche Leben ‚enthalten müsse, daß €S eine Soziale Frage nicht
geben könne, weil jeder Arbeitgeber durch ein Naturgesetz gezwungen
sel, die Löhne zu zahlen, die den Verhältnissen angemessen seien, und
mehr auf keinen Fall zahlen könne, wiederum unter dem Druck der
Konkurrenz. Ebenso führe internationale Handelsfreiheit zur besten
Entwicklung der Kultur aller Länder, weil dann jedes das produziere,
WOZU es am besten befähigt Sei.
Einen weiteren Vorteil sahen sie darin, daß jeder unter dem
Druck der Konkurrenz und dadurch in der Furcht, von seinem Nebenduhler
 verdrängt zu werden, sich veranlaßt sieht, alle Kräfte anzustrengen,
 um womöglich Vollkommneres und Besseres zu leisten als
die Konkurrenten. Der Kaufmann muß suchen, gute Ware zu einem
möglichst billigen Preise den Kunden zu liefern, um diese an sich zu
ziehen; der Fabrikant, der Handwerker und Arbeiter wird sich veranlaßt
 sehen, die Aufträge so schnell und gut auszuführen, als es ihm möglich
 ist, um weiter solche Beschäftigung zu erhalten. Die natürliche Trägheit
 im Menschen wird dadurch überwunden, eine Erschlaffung, die ohne
jenen Druck erfahrungsgemäß fast allgemein eintritt,. wird vermieden.
        <pb n="77" />
        58

Einseitigkeit d. Dieser letztere Vorteil ist im großen Ganzen unzweifelhaft vor-Me
 ehre ten ogend, wenn er auch seine Grenze hat; die erstere Auffassung ist
aber auf Grund der Erfahrung als falsch zu bezeichnen, wie gegenwärtig
 allgemein anerkannt wird, Sie wäre richtig, wenn in dem wirtschaftlichen
 Leben sich überall die Parteien mit gleicher Macht gegernüberständen,
 wo danı "allerdings ein normaler Tausch mit gleichem
Gewinne für beide Parteien das Ergebnis wäre. Diese Gleichheit der
Macht ist aber weder im Verkehre im Inlande, noch in dem internationalen
 Handel zu finden. Ein auf hoher Stufe stehendes Industrieland
 wird denselben Artikel billiger liefern können, als ein Nachbarvolk
 mit geringem Kapital, wenig ausgebildeter Arbeitskraft und
schlechten Kommunikationsmitteln. Es wird deshalb nicht nur auf
dem Weltmarkte, sondern auch im Inneren des letzteren Landes mit
seiner billigeren Ware die heimische Industrie aus dem Felde schlagen
und unterdrücken können; und beherrscht es den Markt hiernach, so
wird es sich übermäßige Preise zahlen lassen können. So hat in der
Tat England eine lange Zeit durch seine industrielle Ueberlegenheit
die anderen Länder auszubeuten vermocht, welche auf seine Produkte
Ungleichheit angewiesen waren. In der gleichen Weise sehen wir gegenwärtig
der Macht der;n der deutschen Textilindustrie den Handweber durch den Fabrikanten
unterdrückt, den kleinen Schneider durch den größeren Unternehmer.
Der Fabrikant, der 300 Arbeiter beschäftigt, kommt nicht in Verlegenheit,
 wenn auch mehrere Arbeiter ihm den Dienst kündigen,
weil ihnen der Lohn zu niedrig erscheint, oder Leute, die Arbeit bei
ihm suchen, auf seine Bedingungen nicht eingehen wollen. Er kann
ruhig warten, bis sich Ersatz findet. Der einzelne Arbeiter dagegen
wird nicht lange imstande sein, ohne Arbeit und Verdienst seine
Familie zu ernähren. Er sieht sich nach kurzer Zeit genötigt, sich
den ungünstigen Bedingungen zu fügen, die er bisher verworfen hat,
wenn nicht eine ähnliche Fabrik in der Nähe ist, die Arbeiter gebraucht;
 und wie häufig entlassen alle Fabriken derselben Branche
massenhaft Arbeiter, wenn die Konjunkturen ungünstig sind. Sie sind
in diesem Falle der stärkere Teil, ihnen haben sich die vereinzelten Arbeiter
 zu unterwerfen. Man weiß, wie auf solche Weise Ende des 18.
und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England die Löhne herabgedrückt
 wurden, so daß sich vielfach die Behörden veranlaßt sahen,
den Arbeitern aus der Armenkasse Zuschüsse zu ihren Löhnen zu gewähren,
 weil sie notorisch zu ihrem angemessenen Unterhalt nicht ausreichten.
 Die Heimarbeiter müssen sich meist mit den niedrigsten
Löhnen begnügen, da sie isoliert dem Arbeitgeber gegenüber zu treten
pflegen. So finden sich tatsächlich überall Ungleichheiten in der
Macht der sich gegenüberstehenden Parteien, wie sie durch die Verschiedenheit
 der Intelligenz, die Ungleichheit des Besitzes usw. bedingt
 sind, und statt der von der alten Schule geträumten Harmonie
sehen wir vielmehr einen allgemeinen wirtschaftlichen Kampf um das
Dasein vor uns, der mit sehr verschiedenen Waffen geführt wird, und
bei dem keineswegs immer der siegende Teil als derjenige anzusehen
 ist, der der Volkswirtschaft am meisten nützt, die Kultur am
meisten fördert, und der unterliegende die Verdrängung selbst verschuldet
 hat. Eben deshalb können auch die von der Freihandelsschule
 gezogenen Konsequenzen nicht als richtig anerkannt werden.
Man bedarf vielmehr in der .Staatsgewalt einer höheren Autorität,
die über den Parteien steht, den Schwächeren schützt und die in
        <pb n="78" />
        AU

dem Konkurrenzkampf zutage tretenden Härten und Ungerechtigkeiten
 mildert.
Außerdem ist zu beachten, daß, wenn allerdings auch unter normalen
 Verhältnissen eine mäßige Konkurrenz im hohen Maße wünschenswert
 ist, um einen Druck zur Ueberwindung der Trägheit auszuüben,
Jeden zu zwingen, sich möglichst anzustrengen und Vollkommneres zu
leisten, diese günstige Wirkung ihre Grenze hat. Treten zu viele Konkurrenten
 in derselben Branche auf, so ist in der Fabrikation die Ueberroduktion
 das Ergebnis, infolgedessen eine zu starke Herabdrückung
I Preise, ev. unter die Produktionskosten, so daß sämtliche Fabrikanten
 darunter leiden. Das Zugrundegehen der Schwächeren ist _unvermeidlich,
 was zum Teil Fölkswirtschaftlich günstig sein kann, indem
die weniger tüchtigen, sowie diemit unzulänglichen Mitteln ausgestatteten
Elemente ausgeschieden werden und dafür die Tüchtigeren an ihre
Stelle treten... Aber bis das erreicht ist, haben auch diese erheblich
gelitten, und viele der solidesten Firmen sind gleichfalls zugrunde
gegangen. Es sind aber noch andere Folgen mit zu starker Konkurrenz
verbunden, die von der alten Schule nicht beachtet wurden. In der
Zeit des Aufschwungs, z. B. Anfang der siebziger Jahre, wurden in
Deutschland massenhaft Arbeiter vom Lande in die Städte gezogen,
indem die neu auftauchenden Fabriken übermäßige Löhne boten, um
den alten Geschäften tüchtige Kräfte zu entziehen und überhaupt die
nötigen Arbeiter zu beschaffen. Nach dem Rückgang der Preise infolge
der übermäßigen Konkurrenz gingen viele Fabriken zugrunde, und eine
große Zahl von Arbeitern war plötzlich auf die Straße geworfen und
in die größte Not versetzt, so daß viele unschuldige Elemente unter dem
Uebermaß der Konkurrenz zu leiden hatten. Eine andere Folge war,
daß sich die bedrohten Geschäfte vielfach veranlaßt sahen, zu unjauteren
 Maßregeln, wie Verschlechterung der Ware, Verschleierung
der Preise usw. die Zuflucht zu nehmen, um sich überhaupt noch zu
halten. Dieses Vorgehen schädigte das ganze Gewerbe, indem es den
Kredit desselben im In- und Auslande untergrub. Die Schwankungen
der Konjunkturen, wie sie durch übermäßige Konkurrenz herbeigeführt
werden, sind als eine Hauptschattenseite unserer Zeit anzuerkennen.
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß nach langem, heftigem Konkurrenzkampf,
 z. B. zwischen den Materialwarenhändlern einer kleineren Stadt,
wie zwischen den Fabrikanten derselben Branche und konkurrierenden
Eisenbahnen, die Versuche natürlich sind, denselben durch eine Vereinigung
 zu beseitigen und dann durch die Bildung, von. Ringen,
Kartellen, Trusts ein Monopol zu erlangen und das Publikum doppelt
wuszubeuten; um sich für die vorhergegangenen Verluste schadlos zu
halten. Das Publikum pflegt deshalb auch aus einer zu scharfen
Konkurrenz keinen nachhaltigen Vorteil zu haben, sondern hat im
Gegenteil darunter zu leiden. Man hat sich in der neueren Zeit
vielfach genötigt gesehen, zur Kartellierung der Unternehmungen
die Zuflucht zu nehmen, um unhaltbar niedrige Preise zu verhindern;
and ebenso hat das gegenseitige Unterbieten der Heimarbeiter vielfach
 zu so ungenügenden Löhnen geführt, daß der Ruf nach behördlicher
 Feststellung von Minimallöhnen immer öfter erhoben wird.
Die wirtschaftliche Freiheit führt somit nicht notwendig zu einer
angemessenen Konkurrenz, sondern leicht zu dem Gegenteil.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß wir es hier nicht mit einer
naturgesetzlichen Wirkung der Konkurrenz zu tun haben, die stets

Vachteile über
mäßiger Kon-Irurrenz.
        <pb n="79" />
        af

für die Volkswirtschaft günstig ausfällt, sondern daß die Wirkung
derselben unter verschiedenen Verhältnissen eine sehr ungleiche ist.
Sie wird schon je nach der Kulturstufe, auf der sich das Volk befindet,
 ungleiche Folgen nach sich ziehen. Ueberall aber gibt es eine
Grenze, worüber hinaus die Verschärfung der Konkurrenz nicht mehr
günstig, sondern vielmehr ungünstig wirkt, worauf wir in der Volkswirtschaftsnolitik
 zurückzukommen haben werden.

Bücher, Entstehung der
Schmoller, Jahrbuch für
Preußische Jahrbücher.

Die Arbeitsteilung.
Volkswirtschaft, 6. Aufl. Tübingen 1909.
Volkswirtschaft. Bd. 13, S. 1005; Bd. 14, S. 45.
Bd, 69, S. 464.

8 22,

Unter Arbeitsteilung versteht man die Zerlegung wirtschaftlicher
Tätigkeiten einer Gesamtwirtschaft In eine größere Zahl von Einzelfatigkeiten,
 die “von-verschiedenen Personen ausgeführt werden. Diesetbe
 Fand danach” Under verschiedensten‘ Weise ausgebildet werden,
sowohl in der ganzen Volkswirtschaft, wie das in der Entwicklung
der einzelnen Berufs- und Gewerbszweige der Fall ist, wie in demselben
 Beruf und Gewerbszweige in verschiedene Spezialzweige, und
drittens in demselben Unternehmen, etwa einer Fabrik durch Uebernahme
 der einzelnen Arbeiten durch verschiedene Personen. -
se Differen- Auch in der Tierwelt sind die primitivsten Entwicklungsstadien
Tierwelt. nur durch wenige Arten gekennzeichnet. Mit der größeren Vervollkommnung
 zerlegen sie sich in eine immer größere Zahl von Unterarten,
 die sich durch die abweichende Ausbildung einzelner Eigentümlichkeiten
 ergeben. Die tieferstehenden organischen Wesen verwerten
 dieselben Organe für die verschiedensten Funktionen. Zunächst
sind sie kaum etwas anderes als ein großer Magensack, während auf
höherer Stufe sich neben dem Magen Leber, Niere, Milz usw. an der
Assimilierung der Stoffe beteiligen, und sich für die verschiedensten
Funktionen eine größere Zahl von Sinnesorganen schließlich feinster
Art herausbildet.
Auf primitiver Stufe der Kultur fertigt die Familie selbst an,
was sie gebraucht; eine Arbeitsteilung findet nur zwischen den Geschlechtern
 statt, indem der Mann in der Regel die Arbeiten übernimmt,
 welche besondere Körperkraft und Schnelligkeit verlangen,
wie Jagd und Fischerei, Bändigen der Haustiere usw., während die
Fräu die Bereitung der Nahrung, Herstellung der Kleidung, Wartung
der Kinder und sonstige häusliche Tätigkeit, häufig auch den ersten
Ackerbau zu übernehmen hat. Freilich gibt es davon Ausnahmen,
indem der Frau auch schwere Arbeit überwiesen wird, während der
Mann sich auf die Bärenhaut legt. Umgekehrt wird gegen das Prinzip
der Arbeitsteilung verstoßen in der Frauenemanzipation, wenn die
Frau Beschäftigungen an sich zu reißen strebt, für welche sie weniger
geeignet ist als der Mann.
Abgesehen von der Arbeitsteilung innerhalb der Familie bildet sich
im Laufe der Entwicklung der Kultur eine Teilung der Tätigkeit der
Bevölkerung in verschiedene Berufs- und Gewerbszweige aus, indem
einzelne Glieder sich auf die Herstellung bestimmter Gegenstände konzentrieren
 und die übrigen anderen überlassen. Schon bei primitiven
        <pb n="80" />
        BL --Völkerschaften

 findet es sich, daß ganze Stämme bestimmte Gegen-;tände
 anfertigen. Auch nach der festen Niederlassung ist der Betrieb
jer Landwirtschaft nicht als ein besonderer Beruf anzusehen, sondern
Als ein Teil der Gesamttätigkeit, welche zum Unterhalt des Haushaltes
allgemein notwendig ist. Es ist eine sehr viel höhere Stufe-der Kultur.
hereits, wenn sich ein besonderer Stahd der Handwerker herausbildet,
gie dar alleine bereits zur Perikleischen Zeit In Griechenland.der
all war und im alten Rom. In dem Mittelalter entwickelte sich das
Händwerk zunächst im den Klöstern, den geistlichen und weltlichen
Herrenhöfen, auf denen einzelne Hörige zu bestimmter Tätigkeit angelernt
 und zur Ausübung derselben angehalten wurden. Unter Heranziehung
 des Kapitals, unter Ausbildung des Großbetriebes ist dann die
Differenzierung in den Gewerben bekanntlich eine immer größere
geworden. Im 13. und 14. Jahrhundert finden sich auch in den größeren
Städten nicht mehr als 25 verschiedene Innungen, die allerdings damals
Mehrere Gewerbe zu umfassen pflegten. Bücher zählte in Urkunden von
Frankfurt a. M. i. J. 1387: 148, 1440: 191, Anfang des 16. Jahrhunderts
300 verschiedene Gewerbearten. Bratring stellte 1801 in den brandenburgischen
 Städten 461 verschiedene Berufsarten fest. Schon die Handwerkerstatistik
 Friedrichs des Großen zählte aber über 1400 Rubriken.
Die Berufs- und Gewerbestatistik von 1882 führt 4782 verschiedene Industrielle
 und 1674 Berufsarten in Handel, Verkehr und Beherbergung,
die von 1895 zusammen etwa 11000 auf. Diese Entwicklung hat zwei
verschiedene Ursachen; einmal liegen sie, wie schon an anderer Stelle
(S. 22) ausgeführt, in der Entwicklung der Bedürfnisse, welche immer
verschiedenartigere Arbeit verlangen, dann in der Ausbildung der
Arbeitsteilung, indem Arbeiten, welche bisher der Haushaltung selbst
vorbehalten waren, sich als einzelne Gewerbe ausbildeten. Odysseus
zimmert sich noch sein Haus- und Wirtschaftsgerät selbst, während
Penelope den Tag über webt. Die Herstellung nicht nur der Nahrung,
sondern auch der Kleidung war noch im Beginne des 19. Jahrhunderts
auch in den bürgerlichen Kreisen den Frauen im Hause vorbehalten,
während sie heutigen Tages den Bäckern, Fleischern, den Spinn- und
Webefabriken, Strick- und Wirkfabriken, dann den Schneidern usW.
immer ausschließlicher übertragen wird. Auch da, wo andere Gewerbe
Platz gegriffen hatten, sträubte man sich vielfach, den Gegenstand
durch Verkauf in andere Hände übergehen zu lassen. Der Bauer
brachte sein selbstgebautes Getreide in die Mühle, ließ es dort gegen
Gebühr vermahlen und nahm das daraus gewonnene Mehl wieder zum
eigenen Gebrauch ‚zurück, solange die kleinen Mühlen im Lande verbreitet
 und ihm nahe waren. Erst bei zunehmender Konzentrierung
des Gewerbes im Großbetriebe sah er sich genötigt, das Getreide zu
verkaufen und Mehl zu kaufen. Wie ebenso der Gutsbesitzer noch
längere Zeit einen Fleischer zum Schlachten zu Hilfe zog, bis er mehr
und mehr daza überging, sein Mastvieh zu verkaufen und das Fleisch
für den eigenen Bedarf vom Schlächter zu. beziehen, ebenso das Selbstbacken
 allmählich aufgab und das Brot vom Bäcker bezog. Dies sind
Beispiele, bei denen die Arbeitsteilung früher eintritt, als der Tausch,
während im allgemeinen der Tausch früher Platz zu greifen pflegt,
als die Arbeitsteilung. Bei primitiven Völkerschaften sind die ausgetauschten
 Gegenstände zunächst nicht ausdrücklich zu diesem
Zweck angefertigt, sondern als Reserve für den eigenen Gebrauch.
Bietet sich aber eine Gelegenheit, so wird eben auch jene Reserve
        <pb n="81" />
        52

ırbeitsteilung
im modernen
Oroßbetriehe

Arbeitsteilung
in den einzelnen
 RBetrichen.

als Tauschobjekt benutzt, um z. B. extraordinäre Schmuckgegenstände
 dafür zu gewinnen. Die Bauersfrauen auf dem Lande haben
noch im Beginn der neueren Zeit bei uns, abgesehen von Gemüsen,
Eiern usw., Garn und gewebte Stoffe zum Verkauf auf den Markt
gebracht, wenn sie mehr erarbeitet hatten, als sie für ihre Wirtschaft
 gebrauchten, ohne daß dieses das Resultat einer Arbeitsteilung
 war, die sich auf dem Lande erst herausstellt, wenn Arbeiten
übernommen werden, die mit der Deckung des eigenen Bedarfs nichts
zu tun haben, wie, wenn der russische Bauer in den Winterabenden
aus Holz Spielzeug, Küchengeräte schnitzt und dies an städtische
Händler absetzt, oder die Frauen der ländlichen Arbeiter um London
herum Wäsche nähen, Stroh flechten usw., anstatt mit auf dem Felde
tätig zu sein.
Ganz ähnlich sehen wir mit Hinzuziehung des Kapitals, der Anwendung
 von Maschinen und der Entwicklung des Großbetriebes innerhalb
 der einzelnen Gewerbsarten sich eine immer größere Differenzierung
 der Gewerbe herausbilden, als natürlichen Entwicklungsgang
‘nfolge der größeren Vervollkommnung des Betriebes selbst.
Während noch vor 50 Jahren eine Maschinenbauanstalt N in
Deutschland die verschiedenartigsten Maschinen anfertigte, je nach
Bedarf Dampfmaschinen, landwirtschaftliche Maschinen und solche
fürs Haus, selbst Nähmaschinen, gibt es jetzt großartige Fabriken,
die sich nur mit der Herstellung von Dampfmaschinen beschäftigen,
andere, die nur land wirtschaftliche Maschinen herstellen, endlich solche,
die sich hauptsächlich auf die Herstellung von Pflügen oder Mähmaschinen,
 Drillmaschinen beschränken. In England und den Vereinigten
 Staaten von Amerika ist die Arbeitsteilung noch weiter
durchgeführt, indem gewisse Fabriken sich nur mit der Herstellung
einzelner Maschinenteile für Nähmaschinen, Uhren, z. B. Uhrgehäuse,
begnügen. Die Spezialisierung in anderer Weise läßt sich bei den
Juwelierarbeiten, z. B. in Pforzheim, Offenbach verfolgen, wo besondere
Fabriken zu finden sind, die nur Ringe herstellen, andere, die sich
auf Broschen und Armspangen konzentrieren, wieder andere, die goldene
Ketten anfertigen. Silberarbeiter haben sich mitunter völlig von Goldarbeitern
 geschieden. Es gibt besondere Fabriken, um gewöhnliches
Silbergerät, wie Löffel, Messer und Gabeln anzufertigen, wiederum
andere, in denen Kannen, Töpfe usw. gefertigt werden. Die ursprünglichen
 Glasfabriken, in denen alle Arten der Gläser hergestellt wurden,
zerfallen jetzt in eine große Zahl gesonderter Fabriken, die sich in
England sogar in verschiedenen Städten besonders gruppiert haben.
In St. Hellens überwiegen die Flaschenfabriken, in Glasgow werden
hauptsächlich die großen Spiegel- und sonstigen großen Glasscheiben
hergestellt und geschliffen, in Birmingham in einer großen Anzahl von
Fabriken Glasgeräte für die Tafel, in anderen fertigt man nur Glasgehänge
 für Kronleuchter usw. an. Die feine Glasschleiferei hat wiederam
 in bestimmten Fabriken eine besondere Ausbildung erfahren.
Innerhalb der einzelnen gewerblichen Betriebe tritt die Arbeitsteilung
 nun in einer ganz anderen Form auf, indem sich teils besondere
 Abteilungen herausbilden, in denen einzelne Teile des zu

1) Schichau begann 1837 in Elbing mit dem Bau von Dampfmaschinen. Zugleich
zeigte er an. daß er auch eiserne Wasserräder, Pferdegöpel, hydraulische Pressen,
Walzwerke, Vacuumapparate, Einrichtungen von Oel- und Sägemühlen, Zuckerfabriken
 usw. übernähme. Dabei arbeitete er damals mit nur acht Mann. (Zitzlaff)
        <pb n="82" />
        63

5 Vin

produzierenden Gegenstandes angefertigt werden, oder dieselben verschiedene
 Stadien der Bearbeitung durchmachen, indem die Arbeit
selbst in verschiedene Tätigkeiten zerlegt ist, die sich gegenseitig
ergänzen. Bücher nennt dies Arbeitszerlegung. Philippovich stellt
der. technischen Arbeitsteilung die Betriebsspezialisierung und die
yesellschaftliche Arbeitsteilung, die zur Ausbildung von Ständen und
Klassen führt, gegenüber, In einer Maschinenbauanstalt besteht eine
besondere Abteilung für die Modelltischlerei, eine besondere für die
Schlosserwerkstatt, getrennt von der Schmiede, in einer eigenen Abteilung
 findet das Formen und Gießen, in einer anderen die Montierung
statt, ev. ist eine Abteilung für Klempnerei, Lackier- und Polsterarbeit
vorhanden, während sich ganz davon entfernt die Zeichenräume der Ingenieure
 befinden. Damit Hand in Hand geht die Standardisierung
(s. S. 67), d. h. das Prinzip in der Produktion, Gleichartiges, Ersetzbares
zu schaffen. Ebenso zerlegen sich die einzelnen Arbeiten, welche auf
denselben Gegenstand verwendet werden müssen, wie bei der Stahlfederfabrikation,
 der Nadelfabrikation usw. Und auch hier wiederum
pflegt eine Arbeitergruppe eine bestimmte einseitige Arbeit auSZuführen,
 und in dieser wiederum jeder Arbeiter eine besondere Funktion
auszuüben, z. B. bei dem Bedienen der Maschinen. In der Hausindustrie
 ist Arbeitsteilung z. B. in der Uhrenfabrikation im Jura
außerordentlich ausgebildet gewesen, wo dieselbe in 53 verschiedene
Fabrikationszweige und in über 300 Tätigkeiten zerfiel, die jede von
besonderen Familien, mitunter von besonderen Dörfern ausschließlich
übernommen. waren. Aehnliches ist in der Spielwarenindustrie in
Thüringen zu beobachten.
Die Differenzierung hat sich nun nicht nur in der Industrie,
sondern auch in den Wissenschaften vollzogen. Nach Gründung der
Universität Halle war längere Zeit hindurch die ganze medizinische
Fakultät durch nur zwei Ördinarien vertreten, die noch zugleich die
Naturwissenschaften zu lehren hatten, wie Zoologie, Mineralogie und
Botanik und, soweit sie vorhanden war, auch Chemie. Noch im Beginn
 des 19. Jahrhunderts hatte der Vertreter der Chirurgie auch
die Gynäkologie, die Augenheilkunde, die Zahnheilkunde und die Behandlung
 der Ohren zu übernehmen, welche jetzt sämtlich ihre besonderen
 Vertreter haben. Die Fakultät wird gegenwärtig durch
13 ordentliche Professoren vertreten, zu denen noch eine Anzahl
Extraordinarien hinzukommt, welche noch besondere Teile der Heilkunde
 als Spezialisten für Magen-, Brust, Haut- und Kinderkrankheiten
übernommen haben, die bei den Ordinarien vereinigt sind. So ist
überall derselbe Vorgang zu beobachten.
‚ Ein jeder Fortschritt führt eine Differenzierung mit sich, die ‚Bildung der.
wiederum eine Vervollkommnung und damit einen weiteren Fortschritt rufsklassen,
anbahnt. Dies führt weiter zur Ausbildung nicht nur der verschiedenen
Berufsklassen, sondern auch zur Scheidung der Gesellschaftsklassen,
wie sie sich im Altertume und im Orient in krassester Weise in den
Kastenabteilungen, im Mittelalter in den Ständen, die sich schroff
gegenüberstanden, wie noch in der neueren Zeit in Hoch und Niedrig,
Arm und Reich, Gebildeten und Ungebildeten finden. Auf den Streit
zwischen Schmoller und Bücher, welches Moment das primäre,
welches das sekundäre, ob Begabung und Besitz als Ursache der
Arbeitsteilung anzusehen ist, oder ob umgekehrt durch die Arbeitsteilung
 sich jene Verschiedenheit in Begabung und Besitz durch Ver-
        <pb n="83" />
        64

erbung und Tradition herausgestellt hat, können wir hier nicht näher
eingehen. Uns scheint, daß sich beides gegenseitig bedingt und fördert,
wie sich das im Wirtschaftsleben so häufig beobachten läßt. Die
höhere Intelligenz war es unzweifelhaft, welche zunächst den Einzelnen
 in die Stellung des Häuptlings brachte, und diese verschaffte
ihm den doppelten Anteil an der Beute. Die besondere Anstelligkeit
und Geschicklichkeit war es, die die Klosterherren veranlaßte, einzelne
Hörige nur nach einer bestimmten Richtung zu beschäftigen und damit
zu Handwerkern auszubilden. Viel häufiger ist wohl der Fall eingetreten,
 daß sich aus Handwerkern durch besondere Tüchtigkeit Fabrikanten
 herausbildeten, als daß große Handelsieute mit erheblichem Besitze
 Fabrikanten geworden sind, wenn auch dieses natürlich vorkam.
Die großen Grundbesitzer haben nur selten große Betriebsamkeit bewiesen;
 trotz ihres Besitzes ist nur ausnahmsweise, z. B. in England,
ein Stand der großen Fabrikanten aus ihnen hervorgegangen. In
Deutschland jedenfalls hat er sich mehr aus persönlicher Tüchtigkeit
als durch Besitz emporgeschwungen, wie das noch heutigen Tages zu
beobachten ist. Auf der anderen Seite wird nicht zu bestreiten sein,
wie schon ausführlich dargelegt, daß das Kapital die Grundlage einer
ausgedehnten Arbeitsteilung ist und daher auch die Klassenbildung
tiefgreifend beeinflußt.
Die internationale Arbeitsteilung hat in neuerer Zeit enorm zugenommen.
 Laves hat berechnet, daß Deutschland Knde der achtziger
 Jahre */,—*'/, seines Einkommens für ausländische Waren ausgab.
Schmoller schätzte für 1899 das Volkseinkommen auf 20—25 Milliarden,
 während die Einfuhr 5,6 Milliarden betrug. Helfferich nimmt
es für 1912 auf 40 Milliarden an, der Import bezifferte sich in diesem
Jahre auf 10,7, der Export auf 8,9 Milliarden, zusammen 19,6 Milliarden,
 so daß ein Viertel des Einkommens an das Ausland für von
dort bezoyene Waren verausgabt wurde.

$ 23.
Vorzüge und Nachteile der Arbeitsteilung,

An Die Adam Smithsche Schule sah in der Arbeitsteilung nur
Vorteile für die Gesamtheit und meinte, ein wirtschaftliches N aturgesetz
gefunden zu haben, nach welchem, mit der Ausbildung der Arbeitsteilung
 und Erweiterung derselben, die wirtschaftliche Leistungsfähigzeit
 des Einzelnen immer mehr gesteigert werde. Hauptsächlich sah
sie die Vorteile in dreierlei Hinsicht:
\usbildung der 1. Durch dieselbe kann die höchste Ausbildung der Arbeitskraft
Ahekeit jedes Einzelnen erzielt werden. Schon Adam Smith führt das
Beispiel an, daß ein Grobschmied nur wenige Nägel am Tage werde
anfertigen können, ein Nagelschmied aber, der nichts anderes tut als
Nägel schmieden, darin eine so außerordentliche Geschicklichkeit zu
erlangen pflege, daß er mehr als das Zehnfache liefern könne. Nur
durch die Konzentrierung seiner Tätigkeit nach einer bestimmten Richtung
 erlangt der Feilenhauer die Fertigkeit, mit völlig gleich starken
Schlägen die Riefen in gleicher Entfernung voneinander in das Eisenstück
 zu schlagen, wovon die Güte der Feile abhängt. Die Modellarbeiterinnen
 in den Pariser Ateliers, die sich nur damit beschäftigen,
neue Muster von Hüten, Schleifen usw. herzustellen, bilden ihren Ge-
        <pb n="84" />
        —- 6 —

schmack und ihre Kunstfertigkeit zur außerordentlichsten Leistung aus,
in der es ihnen Niemand gleich zu tun vermag, der solche Versuche
nur mitunter vornehmen kann. Der Augenarzt wird als Spezialist eine
große Zahl auch seltener Fälle zu untersuchen und zu behandeln bekommen,
 welche in der ländlichen Praxis vielleicht in mehreren Jahren
nur einmal vorkommen; er macht täglich schwierige Operationen, zu
denen der gewöhnliche Hausarzt, wo es an Spezialisten fehlt, vielleicht
nur einmal im Jahre gelangt. Der Spezialist muß deshalb eine ganz
andere Sicherheit in der Diagnose, wie bei der Operation erlangen, als
as einem Arzte mit allgemeiner Hauspraxis möglich ist. Und wo
diese Spezialisierung in einem Volke auf höherer Kulturstufe allgemeiner
 ausgebildet ist, muß auch nicht nur die Leistungsfähigkeit des
Einzelnen, sondern auch die der Gesamtheit in der außerordentlichsten
Weise gesteigert sein. Dies wird noch durch den zweiten Punkt
unterstützt.
2, Die allgemeine Ausbildung der Arbeitsteilung in einer Volks- Anpassung de
wirtschaft ermöglicht es, Jedem je nach der Art seiner Intelligenz eK ehtelon
und seiner ausgebildeten Fähigkeiten bei der unendlichen Mannigfaltigkeit
 der Beschäftigungen einen Platz anzuweisen, für den er gerade
besonders paßt, und wo seine Kräfte am besten ausgenutzt werden
können. Schon in einer größeren Fabrik wird ein akademisch gebildeter
Ingenieur nur dazu verwendet, Entwürfe anzufertigen, Verbesserungen
ausfindig zu machen usw., während eine größere Zahl von Handwerkern
mit der Ausführung der Detailarbeiten beschäftigt wird, so daß am
Schmelzofen wie bei dem Dampfhammer vor allem Männer mit starker
Körperkraft, jugendliche Arbeiter dagegen mit dem Zutragen leichterer
 Teile, dem Feststampfen des Formersandes usw. tätig sind. In
äem ganzen volkswirtschaftlichen Betriebe scheiden sich die Kopfarbeiter
 von den Handarbeitern ab, und die große Masse, welche dazwischen
 liegt, verteilt sich in unendlicher Abstufung in den verschiedensten
 Berufsarten, um ihre Ausbildung in spezialisierter Weise
zu verwerten. Die vorhandenen Arbeitskräfte werden dadurch am
besten ausgenutzt, die Gesamtheit zu höchster Leistung gebracht.
Selbst Personen mit geringster Begabung finden wohl noch zur Bedienung
 einer Maschine in einer Werkstatt oder in der Hausindustrie
einen Platz, wo sie etwas zu schaffen vermögen, wie früher in ausyedehntem
 Maße die Kinder in dem zartesten Alter zur Mitarbeit herangezogen
 wurden, bis es gesetzlich untersagt wurde, und hoffentlich
noch weitergehend namentlich in der Hausindustrie untersagt werden
wird. Durch erweiterte Anwendung der Maschine und Arbeitsteilung
ist man in Amerika imstande, billigere, ungelernte Arbeiter anzustellen,
wo man bei uns gelernte. selbst höher gebildete anwendet, die weit
jeuerer sind,
_ 8. Da ein Wechsel in der Arbeit meist mit Zeitverlust verbunden
ist, wird durch Konzentrierung der Tätigkeit Zeit und Mühe erspart.
Der einfache Handarbeiter findet bei dem Uebergang zu anderer Tätigkeit
 Gelegenheit sich auszuruhen, der geistige Arbeiter braucht bei
dem Uebergange zu einer anderen Aufgabe Zeit, um sich in das Neue
hineinzufinden und sich genügend zu konzentrieren. Wenn dagegen die
Arbeit so organisiert ist, daß verschiedene Arbeiter sich in ihrer Tätigkeit
ergänzen, die ineinander eingreift, so wird die Leistung jedes Einzelnen
außerordentlich erhöht. Dies kann man in der Spielwarenbranche
oder bei der Fabrikation künstlicher Blumen, in der Stahlfederfabri-Conrad.
 Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl.

Vermeidung
des Wechsel
der Beschättigung.
        <pb n="85" />
        66 —

{rbeitsteilung
im großen
unter Beıntzung
 von
Maschinen.

Standardisierung.


kation usw. beobachten, wo von einer Anzahl Arbeitern, Arbeiterinnen
und Kindern jede Person einen Teil der Arbeit auf sich nimmt, die eine
z. B. das Holz in kleine, gleichmäßige Stücke zersägt, die von einer
anderen sofort an der Drechselbank in Kegel, Puppen usw. verwandelt
werden, während eine Anzahl Kinder, von denen jedes ein oder zwei
Farbentöpfe vor sich hat, derart beschäftigt wird, daß das eine mit
ein paar Strichen mit seiner Farbe den Rock der Puppe bemalt, sie
dem Nachbar zuschiebt, der mit anderer Farbe die Beinkleider, ein
dritter Hut, Stiefel, Knöpfe darauf trägt, bis die ganze Bemalung
fertig ist. So fällt durch die Vermeidung jedes unnützen Wechsels
auf jeden Arbeiter in der Stunde eine außerordentlich große Zahl von
fertiggestellten Stücken.
Durch Ausbildung des Betriebes im großen und besonders durch
die Heranziehung der Maschine, wird gerade dieses Moment der Arbeitsteilung
 in hervorragender Weise zur Ausnützung gelangen. Ein solches
Beispiel bietet der Großbetrieb in der Schlächterei. Während der kleine
Handwerker das Ausschlachten eines Tieres von Anfang bis zu Ende
selbst vollzieht und deshalb an einem Tage nur wenig Stücke zu bewältigen
 vermag, ist die Arbeitsleistung z. B. in der großen Schlächterei
von Armour in Chicago durch Arbeitsteilung in der gewaltigsten Weise
gesteigert. Ein Mann tut daselbst nichts, als dem in einen kleinen
Raum zu ihm getriebenen Schwein eine Kette um einen Hinterfuß zu
schlingen, wozu er kaum mehr als eine Minute gebraucht. Die an
einem großen Rade befindliche Kette wird mit dem Schwein von einer
Maschine in die Höhe gezogen, führt dasselbe auf ein kleines Rad, auf
welchem es von selbst auf einer Schiene langsam weiter fährt, einen
zweiten Mann passiert, der nichts tut als dem vorbeifahrenden Schweine
mit einem Stich am Halse die Schlagader zu öffnen. Während das
Tier auf der Schiene weiter fährt, verliert es das Blut, welches in
einer Rinne aufgefangen wird. Am Ende der Schiene fällt es von
selbst in einen großen Kessel mit heißem Wasser, wird darin umgewälzt
and in einen Zylinder geschoben, in dem eine Maschine die Borsten
abschabt. Sobald es aus dem Zylinder unten herausfällt, werden die
Reste der Borsten von ein paar Arbeitern ergänzend beseitigt und das
Tier wieder mittels Ketten auf eine neue Schiene hinaufgezogen, auf
der es weiter in den Arbeitsraum rollt, um zerteilt zu werden. Der
erste der in einer Reihe stehenden Arbeiter schlitzt den Leib auf, der
zweite nimmt einen Teil der Eingeweide heraus, der dritte und vierte
die übrigen, um sie in bestimmte Fässer zu verteilen; die Folgenden
zerlegen das Tier in wenig Minuten in verschiedene Teile, die dann als
Schinken, Speckseiten usw. zur weiteren Behandlung in die einzelnen
Abteilungen des großen Etablissements gelangen. In kaum anderthalb
Stunden ist der Schlachtprozeß beendigt und es können Hunderte von
Tieren pro Arbeiter auf diese Weise an einem Tage mit Hinzuziehung
der Maschinen geschlachtet werden, obgleich die Hauptleistung der
menschlichen Hand vorbehalten bleibt, die aber durch die Organisation
zu so ungleich höherer Leistung gebracht werden konnte. In einer
Stunde können dort 800 Schweine und 300 Ochsen geschlachtet werden.
Von besonderer Bedeutung hat sich die sogenannte Standardisierung
 erwiesen, die besonders in Amerika ausgebildet ist. Man versteht
 darunter die Herstellung bestimmter Typen, die sich bewährt haben,
völlig gleichartig, daher ersetzbar sind, in Massen und ev. in Vorrat. Das
ist in der Landwirtschaft wie in der Industrie von höchster Bedeutung.
        <pb n="86" />
        571 —

[In Amerika bauen ganze Gegenden dieselbe Getreideart, die sich bewährt
aat. Es werden nur wenige Öbstarten kultiviert, und. zwar solche, die dort
erfahrungsgemäß gut gedeihen und in Massen zu verwerten sind. Ebenso
Ändet man nur wenige Viehrassen vertreten, während in Deutschland
las Entgegengesetzte verbreitet ist. Jeder Gutsbesitzer und Bauer hat
seine besondere Saat und behandelt sie anders als sein Nachbar, daher
sind die Silos (große Getreidespeicher) hier nicht allgemein anwendbar,
weil die eingelieferte Ware zu ungleichartig ist und nicht zusammen
in derselben Weise behandelt werden kann. Aus dem gleichen Grunde
ist das Obst nicht in Massen zu verarbeiten, so daß bei reicher Ernte
ein großer Teil unverwertbar verdirbt, während es in Amerika im
zroßen gedörrt oder sonst verarbeitet in alle Himmelsgegenden versendet
wird. Der Händler kann hier nur mit Mühe einige hundert gleichartiger
Hühner auftreiben, während er in Belgien, Lothringen leicht tausende
derselben Rasse aufkaufen, zur Massenlieferung verwenden und daher
besser verkaufen kann,
Der Amerikaner fabriziert Standardmodelle und -größen von
Maschinen und Maschinenteilen auf Bestellung, aber auch auf Vorrat,
so daß, wenn ein Stück zerbrochen ist, es auch auf große Entfernung
auf telegraphische Bestellung der Nummer in kurzer Zeit ersetzt
werden kann, während bei uns viel zu häufig Veränderungen vorzenommen
 werden und Spezialbestellungen ausgeführt werden müssen,
wodurch jedesmal Reparatureinsendung der ganzen Maschine oder
Sonderanfertigung des verletzten Teiles notwendig wird. Dies erschwert
zugleich das Arbeiten auf Vorrat und damit die gleichmäßige Beschäftigung
 der Arbeiter (E. Schalk, Der Wettkampf der Völker, Jena
1905. 8.114 u. w.). Infolge der großen Arbeitsteilung, Spezialisierung
and Standardisierung kann Amerika trotz weit höherer Löhne Vieles
illiger produzieren als England und namentlich Deutschland, das in
Jieser Hinsicht sehr zurückgeblieben ist.
Nach allem wird durch die Arbeitsteilung eine gewaltige Erhöhung
der Leistungsfähigkeit des Einzelnen wie die größte Ausnutzung der
vorhandenen Kräfte in der Volkswirtschaft erzielt. Sie bildet einen
Teil und einen Hauptfaktor der kolossalen wirtschaftlichen Entwicklung
der neueren Zeit, ist aber in solcher Weise nur durch Zuhilfenahme
von Maschinen möglich.
Diesen unzweifelhaften Vorteilen stehen nun aber erhebliche
Nachteile gegenüber, die eine lange Zeit unterschätzt und ignoriert
wurden. Meinte die Adam Smithsche Schule, daß nach einem allgemeinen
 wirtschaftlichen Naturgesetze durch Ausdehnung der Arbeitsteilung
 die wirtschaftlichen Leistungen immer mehr gesteigert würden,
30 hat die Erfahrung bewiesen, daß durchaus eine Grenze vorliegt,
wo eine Weiterführung der Arbeitsteilung nicht nur keinen erhöhten
Nutzen, sondern im Gegenteil eine Verringerung der Leistungen und
sonstige Nachteile in sich schließt, und ferner, daß unter verschiedenen
 Verhältnissen die Wirkung einer weitgehenden Arbeitsteilung
eine außerordentlich verschiedene ist. Bei der fortgesetzten Ausführung
 einer einseitigen Arbeit erlahmt schließlich auch die höchst
ausgebildete Muskelkraft, und die Leistungsfähigkeit wird gehoben,
wenn zur Abwechslung eine andere Tätigkeit übernommen wird, die
andere Muskeln anspannt und den zuerst angestrengten Ruhe verschafft.
 Der Nagelschmied kann nicht den ganzen Tag in der gleichen
Weise hämmern, er muß mit einem Gehilfen abwechseln, dazwischen
Sa

Nachteile der
\rbeitsteilung.
        <pb n="87" />
        68 —

BEN
gung der
körperlichen
Entwicklung.

Kinseitige
Schulune.

den Blasebalg in Bewegung setzen, das Feuer unterhalten und schüren.
Das einseitige Bedienen der Maschinen, das gleichmäßige Befeilen
bestimmter Kisenstücke ermüdet nicht nur, sondern stumpft in hohem
Maße ab, der Mensch wird durch die Maschine selbst zur Maschine,
so daß für den Kulturmenschen eine Abkürzung der Arbeitszeit, sowie
eine ergänzende körperliche Tätigkeit und geistige Anregung notwendig
 wird. Das Interesse an dem hergestellten Gegenstande geht
anderenfalls verloren. Schon ein Wechsel in der Fabrikstätigkeit
pflegt die Arbeitsfreudigkeit zu heben. Daher ist es für den Fabrikarbeiter
 wünschenswert, daß er ein Stück Garten oder Ackerland
zur Verfügung hat, um sich in den Freistunden in frischer Luft mit
der ganz andersartigen landwirtschaftlichen Arbeit zu beschäftigen.
Die‘ Eintönigkeit der Beschäftigung ist vielfach allein der Anlaß für
den Wechsel der Arbeitsstelle, des Wohnortes, des Berufs; noch
häufiger des Alkoholismus, der vielen Arbeiterfeste usw. (Herkner;
Die Bedeutung der Arbeitsfreude, Dresden 1905.)
Leidet schon der erwachsene Körper leicht durch eine permanente
einseitige Anstrengung, so ist dies in noch viel höherem Maße bei
dem jugendlichen Arbeiter der Fall. Durch die einseitige Ausbildung
bestimmter Muskeln verkümmern die mit ihnen korrespondierenden.
Bestimmte Organe werden gedrückt und degenerieren; die Entwicklung
des Körpers ist nicht eine harmonische, und die Leistungsfähigkeit
des Erwachsenen eine unvollkommene, wenn der Körper nicht überhaupt
 frühzeitig zugrunde geht. Noch mehr ist dies zu sagen‘ von
der geistigen Entwicklung, die unter einer rein mechanischen Tätigkeit
 notwendig leiden muß. In einer zu großen Ausbildung der Arbeitsteilung,
 wie sie unser Großbetrieb mit sich bringt, liegt deshalb unzweifelhaft
 eine Gefahr der Degeneration des Nachwuchses vor, und
die Gesetzgebung hat sich infolgedessen auch veranlaßt gesehen, zum
Schutze der jugendlichen Arbeiter energisch einzugreifen.
Aber auch in anderer Hinsicht zeigt die Arbeitsteilung ihre bedenklichen
 Folgen für die allgemeine Ausbildung des Lehrlings und
jugendlichen Arbeiters. In den Fabriken, wie in der Hausindustrie
wird der eingestellte Lehrling und jugendliche Arbeiter meist mit einer
untergeordneten Tätigkeit betraut, die er sehr bald gut auszuführen vermag,
 damit er seine Stelle ausfüllt und dem Lehrherrn den Unterhalt
zurückzahlt. So wird z. B. vielfach mißbräuchlich der Schuhmacher-Jlehrling
 ausschließlich mit der Anfertigung eines Absatzes und der Verbindung
 des Absatzes mit der Sohle, der Schneiderlehrling mit dem Annähen
 von Knöpfen oder der Anfertigung von Säumen beauftragt, womit
er in größeren Unternehmungen den ganzen Tag Beschäftigung zu finden
vermag. Wird diese Arbeitsteilung weiter fortgesetzt, So fehlt es naturgemäß
 an jeder allseitigen Ausbildung, und, während bei dem einfachen
Handwerker jeder Schuhmacherlehrling einen Schuh oder Stiefel, jeder
Schneiderlehrling einen Anzug von Anfang bis zu Ende fertig zu stellen
lernt, bleibt der jugendliche Arbeiterin der Hausindustrie wiein der Fabrik
meist auf einzelne wenige Arbeiten beschränkt und wird daher ganz
unvollkommen und einseitig ausgebildet. Wird er aus seiner bisherigen
Stelle entlassen, So ist es für ihn besonders schwer einen neuen Posten
zu finden, wo man gerade für die von ihm speziell erlernte Arbeit einen
Vertreter gebraucht. Die Strickerin, welche gewohnt war, einen bestimmten
 Besatz für einen Umhang oder dergleichen zu stricken, kommt
in arge Verlegenheit, ‚wenn die Mode sich ändert und gerade diese

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        Art Besatz nicht mehr verlangt wird. Der Hausindustrielle, der sein
halbes Leben ein bestimmtes Spielzeug mit großer Vollendung angefertigt
 hat, ist auf einen minimalen Verdienst oder gar Arbeitslosigkeit
angewiesen, wenn der Absatz dieser etwa für das Ausland bestimmten
Ware durch eine Erhöhung des Zolles plötzlich abgeschnitten ist. Er vermag
 es nicht, sich noch wieder in eine andere Tätigkeit hineinzuarbeiten,
sein Denken, wie seine Fingerfertigkeit sind zu sehr nach einer Richtung
konzentriert gewesen, oder er vermag wenigstens nur noch eine untergeordnete
 Arbeit zu erlernen und zu übernehmen, die ihm den Verdienst
 eines jugendlichen Arbeiters einbringt. Mit anderen Worten,
eine sehr ausgedehnte Arbeitsteilung bringt die Menschen in übermäßige
Abhängigkeit von den Verhältnissen und vermindert ihre Widerstandsfähigkeit
 gegen den Wechsel der Konjunkturen.
Schließlich ist zu erwähnen, daß die mit der Arbeitsteilung verbundene
 Spezialisierung, wenn sie in das Extrem ausgebildet wird, das
Endergebnis erheblich ungünstig zu beeinflussen vermag, indem die
Umsieht und die Berücksichtigung anderer ergänzender Momente zu
sehr beeinträchtigt wird. Das tritt im kaufmännischen Verkehre, im
Fabrikbetriebe, wie bei wissenschaftlicher Arbeit hervor. Durch die
Konzentrierung auf gewisse Gegenstände läßt der Kaufmann, wie der
Fabrikant es leicht unbeachtet, daß andere Waren oder Maschinen im
Laufe der Zeit eine höhere Bedeutung gewonnen haben, und der Uebergang
 zu anderen Aufgaben ist für ihn übermäßig erschwert. Die Spezialisierung
 in der ärztlichen Praxis hat schon oft die nachteilige Folge
gehabt, daß der Spezialist die Nebenerscheinungen und Nebenwirkungen
der Krankheit in der Behandlung nicht zu verfolgen vermochte, und
die Lokalbehandlung daher den Gesamtkörper benachteiligte. Der
historische Forscher, der sein Studium auf ein bestimmtes Land in einer
kurzen Zeitperiode beschränkt, wird darin Neues und Vorzügliches zu
leisten vermögen, aber aus Mangel an Zusammenhang mit den übrigen
Erscheinungen leicht zu Fehlschlüssen geführt werden.
Der Nutzen der Arbeitsteilung hat daher seine Grenzen, und je
nach der Kulturstufe des Volkes und dem Entwicklungsstadium des
Gewerbszweiges wird die Ausbildung der Arbeitsteilung früher oder
später an der Grenze des Ersprießlichen angelangt sein.

Gefahr zu
großer Spezialisierung,


8 924.

Die Arbeits- und Kapitalvereinigung.

Emanuel Hermann, Leitfaden der Wirtschaftslehre, 1870,
Nordamerikanische Fragen. Heft II der Veröffentlichungen der Handelshochschule
 in München herausgegeben v. M. J. Bonn. Leipzig 1914.

_ Was tausend Menschen einzeln nicht heben können, vermögen zuweilen
 vier bis fünf mit vereinigter Anstrengung zu bewältigen, Z. B.
einen Stein aus der Erde, ein Faß auf einen Wagen zu heben. Die
einfache Summierung gleicher Kräfte hat deshalb in der Volkswirtschaft
 ihre Bedeutung zur Erzielung gewisser Wirkungen, hatte sie
aber sehr viel mehr in alten Zeiten als in der Gegenwart, der Motorand
 Maschinenkraft als Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Nur durch
die Summierung einzelner Arbeitskräfte von Tausenden von Menschen
konnte es im alten Griechenland möglich sein, die Cyklopenmauern
aufzuführen, die gewaltigen Steinauadern zu den ägyptischen Pyramiden

Summierung
Jer Kräfte.
        <pb n="89" />
        70

Vereinigung
verschiedenartiger
 Arbeiten.


Vereinigung
erschiedenet
Unternehmungen.


übereinander zu türmen, aus einem entlegenen Gebirge die großen
Steinblöcke zum Fundament des salomonischen Tempels in Jerusalem
herbeizuschaffen zu einer Zeit, wo es noch völlig an großen maschinellen
Hilfsmitteln fehlte.
Ungleich mannigfaltiger tritt aber in der modernen Volkswirtschaft
die im Zusammenhange mit der Arbeitsteilung stehende Verbindung
verschiedenartiger gleichzeitiger und ungleichzeitiger Tätigkeiten verschiedener
 Menschen auf. Diese mit der Arbeitsteilung verbundene
Arbeitsvereinigung, wie sie in dem sich in die Hand Arbeiten verschiedener
 Personen und in den Organisationen der Arbeit jetzt in
jedem Großbetriebe vorliegt, ist aber auch schon in jeder Werkstatt
mit einigen Gehilfen zu beobachten. Wenn der Schneidermeister dem
Kunden das Maß nimmt und zuschneidet, die Gesellen die Stücke zusammennähen,
 so ist dieses Arbeitsteilung wie Arbeitsvereinigung.
Genau so liegt das bei der Anfertigung von Pappschachteln vor, wo
das eine Mädchen vermittels einer Maschine Pappe zuschneidet, ein
zweites die Einritzung zum Umbiegen der einzelnen Seiten bewirkt,
das dritte das Zusammenbiegen und Bekleben der Seiten vornimmt usw.
Denselben Vorgang kann man fortdauernd bei Entwicklung der
Großbetriebe verfolgen, indem zu einem Unternehmen ergänzende hinzugezogen
 werden, um dasselbe zu unterstützen und vollkommenere
Leistungen zu ermöglichen. Das ist der Fall, wenn Krupp in Essen
sich veranlaßt sah, nicht nur Kohlengruben zu erwerben, sondern auch
Eisenbergwerke in Spanien, um sich dort die Eisenarten herzustellen
und zu sichern, die er für seinen Guß fortdauernd gebrauchte; wie
er dazu überging, noch die Grusonwerke zu erwerben, wo durch Hartguß
 die Panzerplatten hergestellt werden, die zum Schutze gegen
seine eigenen Kanonen dienen sollen, so daß die Werke nun auf denselben
Schießplätzen Versuche machen, was die Kanonen gegen Panzerplatten
auszurichten vermögen, und andererseits wie der Schutz einzurichten
ist, um wirksam zu sein. Es ist die gleiche Richtung, wenn er schließlich
 eine Schiffswerft übernahm, auf der die Schiffe gebaut werden, während
 in den übrigen Werkstätten sämtliche größeren Hauptausrüstungsgegenstände
 geliefert werden, und die Firma daher ganz unabhängig
von anderen Unternehmungen die ganzen Schiffe ausrüstet. Krupp
hat außerdem Elektrizitätswerke und eine Fluß- und Hochseeflotte. Die
Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg liefert Dampfmaschinen, Gasmaschinen,
 Dampf- und Wasserturbinen, Eismaschinen, Theatermaschinen,
 Feuerungsanlagen, Eisenbahnwagen, Dampfkessel, eiserne
Brücken usw. Die große Schlächterei von Armour in Chicago hat
zur Verwertung ihrer Abfälle, welche lange Zeit nur unzureichend
war, eine Seifen- und Leimfabrik, dann eine Haarwäscherei eingerichtet
 und sammelt die sonst ganz unverwertbaren Hufe, insbesondere
der Schafe im großen, um sie nach China und Japan zu verkaufen,
wo sie zur Herstellung von Hornplättchen und zu Hornschnitzereien
verwendet werden.
Außerdem bewirkt die Vereinigung verschiedener ungleichzeitiger
 Tätigkeiten in hervorragendem Maße die bessere Ausnutzung
 der Arbeits- und Kapitalskraft. Ein gutes Beispiel bietet
in Berlin ein Putzmachergeschäft, welches zur Verwertung der Arbeitskraft
 der Putzmacherinnen in der toten Saison, die im Jahre viermal
eintritt und sich mitunter auf Wochen ausdehnt, die Bekleidung von
Puppen. übernommen hat, wobei es den großen Vorteil genießt, nicht
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        „= Tl —

nur die neuesten Modejournale, sondern auch die Abfälle der Zeuge
verwerten zu können, welche zur Ausstattung der Damen gedient
hatten. Hierdurch konnte das Geschäft in der eleganten und modernen
Ausstattung der Puppen ungleich Höheres und sehr viel Billigeres
leisten als alle anderen Geschäfte und sich namentlich für den Export
 einen besonderen Ruf verschaffen. In ganz anderer Weise ist
dasselbe Moment zu Kkonstatieren, wenn z. B. in der Schweiz die
Lehrer (in Amerika die Studenten) ihre langen Ferien mitunter benutzen,
 um in Hotels, soweit sie Elementarlehrer sind, als Kellner,
soweit sie höher gebildet sind, als Buchhalter usw. gut bezahlte Aus:
hilfestellen zu übernehmen, wo in der kurzen Sommersaison die Ansprüche
 des Fremdenstromes nur schwer zu bewältigen und solche
Hilfskräfte daher außerordentlich erwünscht sind. Ferner, wenn z. B.
in einer Drahtzieherei zugleich die Fabrikation von Drahtstiften, in
einer Maschinenbauanstalt für die Anlage von Zuckerfabriken die
Herstellung von Petroleum- oder Gasmotoren übernommen wird, um
nach Befriedigung des ersteren Bedarfs nicht müßig sein zu brauchen.
Eine Glühlampenfabrik hat mit Ausbruch des Krieges die Herstellung
von Granaten übernommen.
Hatte vor 1000 Jahren der deutsche Bauer neben der Landwirtschaft
 noch die mannigfaltigste Handwerkstätigkeit auszuführen, wie es
der amerikanische Farmer noch jetzt im Nordwesten der Vereinigten
Staaten und der russische Bauer tut, so hat sich dies mit der Kulturentwicklung,
 wie wir sahen, sehr verändert. Aber falsch wäre es,
zu meinen, daß dies sich in jeder Hinsicht so vollzieht. Vielmehr
zeigt uns die Statistik nicht nur, wie ausgedehnt die Verbindung
verschiedener gewerblicher Tätigkeiten ist, sondern auch, daß sie in
manchen Zweigen sogar noch zunimmt. Die Berufszählung von 1895
weist 3,2 Millionen Erwerbstätige mit einem Nebenberufe nach, darunter
 über eine Million Landwirte. Von den Müllern hatten 87%,
von den Schmieden 70°%,, von den Maurern und Zimmerleuten 61 °/,
einen Nebenberuf. Namentlich der kleine Landwirt greift zu solcher
Hilfe, z. B. als Fuhrmann, Schankwirt usw., während auf dem Lande
und in den kleineren Städten Handwerker, Gastwirte und Arbeiter die
Landwirtschaft zur besseren Ausnutzung ihrer Arbeitskraft und um
sich ein höheres Einkommen zu verschaffen als Nebengewerbe übernehmen.

Eine wirksame Organisation der Arbeitskräfte ist im allgemeinen
ohne erhebliches Kapital undurchführbar, und je mehr Kapital vorhanden
 ist, um so leichter und erfolgreicher kann sie im allgemeinen bewirkt
 werden. In einer Blumenfabrik wird allen Anforderungen am
besten genügt werden können, wenn das Unternehmen großartig angelegt
 ist, alle Arten von Blumen angefertigt werden können; sowohl
die Ausnutzung des Materials wird dabei am vollkommensten sein,
wie auch die Ausbildung der Arbeitskräfte. Kin größeres Kapital
wird eine bessere Beherrschung der Verhältnisse ermöglichen, Vorhandene
 Schwierigkeiten leichter überwinden können, günstige Konjunkturen
 im Momente auszunutzen vermögen und gegen Mißerfolge
eine größere Widerstandskraft besitzen. Ganz besonders fällt ins
Gewicht, daß durch Anwendung der Maschinen die Naturkräfte in
höherem Maße ausgenutzt werden und überhaupt menschliche Arbeitskraft
 ersetzt und in ihrer Leistung wesentlich gehoben werden kann.
Je größer die Anlage, je mehr sich gegenseitig ergänzende Maschinen

&amp;lt;apitalsverpiNnigune.
        <pb n="91" />
        72

Beispiele
moderner
&amp;lt;apitalver
einigung.

in Tätigkeit sind, um so vollkommener wird der Ersatz der menschlichen
 Arbeit, um so billiger die Gesamtleistung sein. Eine große
Dampfmaschine, die beständig im Gange ist, arbeitet pro Pferdekraft
weit billiger als eine kleine, die in einem unbedeutenden Betriebe
nicht beständig im Gange erhalten werden kann. Eine Spinnerei mit
150000 Spindeln produziert billiger als eine mit nur 20000 Spindeln.
Ein großes Segel- oder Dampfschiff, das die doppelte oder gar fünffache
 Ladung eines kleinen Fahrzeuges aufnehmen kann, bedarf im
Verhältnis eine geringere Manaschaft, braucht verhältnismäßig weniger
Kohlen, befördert die Ladung weit billiger als dieses. In den Fabriken
und sonstigen Großunternehmungen tritt hinzu der billige Einkauf
durch Bezug im großen und durch größere Barzahlung, wie ebenso
die Absatzerleichterung durch bessere Verwertung der vorhandenen
Verkehrsmittel.
Der Handwerker kann nicht in so ausgedehnter Weise Maschinen
anwenden wie der Fabrikant, auch wenn er die nötigen Mittel dazu
hat, sie anzuschaffen, weil er sie nicht beständig ausnutzen kann,
sondern nur dann, wenn gerade entsprechende Aufträge vorliegen.
Die Maschine aber erspart Arbeitskräfte und arbeitet billiger, wo es
sich um Massenherstellung gleichartiger Artikel handelt oder um stets
gleichmäßige Wiederholung derselben Tätigkeit. Die Maschine kann
auch der ungelernte Arbeiter, ev. eine Frau, ein Kind bedienen, wo
im Handwerksbetrieb ein erwachsener Mann erforderlich ist, und bei
nicht automatisch arbeitender Maschine ein gelernter Techniker angestellt
 und hoch bezahlt werden muß. Er muß Vorräte halten (wie
ebenso der kleine Kaufmann), nach denen nur selten Nachfrage ist;
die Ausnutzung seines Anlagekapitals ist daher unvollständig; und
verzichtet er auf die Zuhilfenahme der modernsten Maschinen, so
bleibt seine Leistung unvollkommen und wird zu teuer. Um dem
Publikum gerecht zu werden, muß der kleine Buchbinder sich eine
Menge Preßmuster und‘ Cliches halten, um auch selten geforderte
Einbände auf Verlangen liefern zu können, eine Schneidemaschine
steht bei ihm einen großen Teil des Tages müßig, eine Heftmaschine
oder gar Umbiegemaschine für den Buchrücken macht sich nicht bezahlt,
noch viel weniger tun es die anderen Maschinen, die in einem fabrikmäßigen
 Betriebe allgemein zur Anwendung kommen. Dem kleinen
Mann fehlen die Verbindungen, meistens auch die allgemeine kaufmännische
 Umsicht, sowohl für die Auffindung der richtigen Bezugsquellen,
 wie für die Heranziehung einer ausgedehnten Kundschaft,
welche die Fabrik durch Detailreisende zu bewirken vermag.
Die Kapitalsvereinigung zeigt sich besonders wirksam im Handel.
Der Zug im Detailgeschäft geht in unserer Zeit weit weniger nach
Spezialisierung als nach Ausdehnung des Geschäftskreises und Heranzehung
 neuer Branchen. (J. Wernicke, Kapitalismus und Mittelstandsgolitik.
 Jena 1907. S, 551). Pelzwarengeschäfte nehmen auch Damenınd
 Herrenkonfektion, Herrenkonfektionsgeschäfte auch Damenkonfektion,
 Sportartikel usw. auf. Am bedeutsamsten tritt dies zutage
bei der Ausbildung der großen Warenhäuser, Großmagazine sowohl
für den Engros- wie für den Detailverkauf, welche der Kundschaft
möglichst allseitig ihre Bedarfsartikel zu bieten trachten und zwar
in größter Auswahl, um jedem Geschmack, jeder Zahlungsfähigkeit
entgegenzukommen und Zeitverlust beim Einkauf zu ersparen. Der
Bezug im großen, die Durchführung der Barzahlung ermöglichen große
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        Bm

Ersparnisse beim Einkauf und Ermäßigung der Preise beim Verkauf.
 Sie erstreben möglichst großen Umsatz bei kleinem Nutzen.
Sie erweitern und verbreiten damit den Massenkonsum und können
dabei günstig auf die Hebung der Lebenshaltung der unteren Masse
einwirken.
Durch all die angeführten Momente, die hier nur kurz angedeutet
werden konnten, ergibt sich die Ueberlegenheit des Großbetriebes
über den Kleinbetrieb, welche die Ursache der modernen Entwicklung
des Fabrikwesens und der großen Unternehmungen ist.
So bedeutsam nach dem Gesagten die Vorteile sind, welche die
Konzentrierung von Kapital und Arbeitskräften zu bieten vermag, So
ergibt sich auch hier eine Grenze, über welche hinaus die Vereinigung
 immer größere Gefahren für den Betrieb selbst, wie allgemeine
volkswirtschaftliche Bedenken hervorruft. Die Grenze wird da vorliegen,
 wo die leitenden Persönlichkeiten nicht mehr imstande sind,
das ganze Unternehmen zu übersehen und in der richtigen Weise zu
leiten, um namentlich in kritischen Zeiten das Schiff durch alle Stürme
and Klippen hindurchzuführen. Daher die Beobachtung, daß häufig
oyroßartige Unternehmen, die in vollster Blüte standen, nach dem Tode
des genialen Leiters, der dasselbe auf die Höhe gebracht hat, zurückyehen
 und schließlich verfallen, weil die Nachfolger der Aufgabe nicht
gewachsen sind. Auf der anderen Seite wachsen die Chancen, daß
durch die gewaltige Ausdehnung eines Unternehmens dasselbe ein
Monopol erhält, das zu einer bedenklichen Ausbeutung des Publikums
zugunsten einiger Weniger ausarten kann. Sollte es dem amerikanischen
Petroleumtrust gelingen, sich mit den Hauptinhabern der russischen
and rumänischen Petroleumquellen zu vereinigen, so würde es ihnen
allerdings möglich sein, fast in der ganzen zivilisierten Welt sich die
Petroleum gebrauchenden Häuslichkeiten, also Hunderte von Millionen
Menschen tributpflichtig zu machen. Die erwähnte Gefahr tritt überhaupt
 in den modernen Kartellen und Trusts sehr nachdrücklich zutage,
 und wir haben darauf zurückzukommen. Sie zeigt sich in der
Verdrängung auch guter Handwerker durch große Fabriken, vieler
kleiner Läden, die dem Publikum den Einkauf erleichterten, damit
in der Verminderung des selbständigen Mittelstandes.

Grenze des
Nutzens der
Kapital und
Arbeitsvereinigzung.


Kapitel LI.
Das Geld.

8 25.
Die Entstehung des Geldes.

J. G. Hoffmann, Die Lehre vom Gelde. Berlin 1838.
Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Wien 1871. Kap. VII.
Ders., Handwörterbuch der Staatsw., Art. Geld.
Chevalier, La monnaie. Paris 1850. .
Fr. Ilwof, Tauschhandel und Geldsurrogate in alter und neuerer Zeit. Graz 1882,
H. Schwrtz, Grundriß einer Entstehung des Geldes. 1898.
Karl Helfferich, Das Geld. 2. Aufl. Leipzig 1910. nn
4d. Wagner, Sozialök. Theorie des Geldes und Geldwesens. Leipzig 1909.
Je reger der Tauschverkehr wird, um so schwieriger muß es für
denjenigen, welcher eine Ware einhandeln will, werden, Jemanden zu
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        ANgemeines
Tauschmittel.

Viehbgeld.

Sonst. Waren
als allgemeine:
Tanschmittel.

finden, der nicht nur diese Ware abzugeben geneigt ist, sondern auch
die ihm dafür gebotene gerade verwerten kann. Ein Landwirt in
dem Innern Afrikas, der Ueberschüsse an Getreide oder gezogenem
Vieh hat und dafür Rohmaterial oder Gerätschaften für seine Wirtschaft
 eintauschen will, die er nur von anderen Farmern oder Eingeborenen
 bekommen kann, wird längere Zeit gebrauchen, bis er
Jemanden entdeckt, der beiden Bedingungen nachzukommen vermag.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß unsere ganze Volkswirtschaft
 zum sofortigen Stillstand verdammt wäre, wenn plötzlich mit
Zauberschlag alles Geld aus der Welt geschafft wäre, jeder Fabrikant
sich genötigt sähe, seine Arbeiter mit den Nahrungsmitteln, Kleidungsstücken
 usw. unmittelbar zu entlohnen, und jeder Austausch allein
auf gewöhnliche Waren angewiesen wäre. Mit zwingender Notwendigkeit
 sehen sich deshalb die Menschen veranlaßt, bei Entwicklung eines
Tauschverkehrs nach einem Gegenstande zu suchen, den man zur
Vermittlung des Tausches gebrauchen kann, d. h. man wählt dazu
einen Gegenstand, der tatsächlich überall gebraucht wird, den deshalb
Jeder gerne annimmt, und der dadurch die größte Absatzfähigkeit
besitzt. Dieser Gegenstand wird dann nicht nur eingetauscht werden,
am ihn unmittelbar in der eigenen Wirtschaft zu gebrauchen, sondern
auch zu dem besonderen Zwecke, ihr für den Moment aufzubewahren,
wo man ihn zu einem Tauschgeschäft verwenden kann, also als Tauschmittel.
 Tatsächlich finden wir nun in den verschiedenen Gegenden
auf primitiver Kulturstufe sehr verschiedenartige Gegenstände als
Tauschmittel in Anwendung, je nach den Produktionsbedingungen
und den Bedürfnissen des betreffenden Volkes.
Zur Zeit Homers, wie im Beginne des Mittelalters auf deutschem
Boden ist es das Vieh, welches als solches Tauschmittel eine Rolle
spielt, in dem der Wert einer Sklavin, die Höhe einer Strafe usw.
bestimmt wird, wofür sogar ein Tarif zur Wertberechnung aufgestellt
war, z. B. sechs Schweine gleich einem Rind, Das lateinische Wort
pecunila deutet unzweifelhaft auf den Ursprung des Geldes, nämlich
das Vieh als erstes Tauschmittel hin. Bei Jägervölkern waren es
Tierfelle, gegen welche Schießbedarf, z. B. von den Indianern, einyetauscht
 wurde. Ebenso wurden Hausgeräte, Materialwaren, wie
zleichfalls Waffen von den ostasiatischen Stämmen, die noch im Beyinne
 des 19. Jahrhunderts auf dem Wege des Tauschhandels ihre
Einkäufe in Kiachta und Nischnynowgorod machten, gegen Felle
aingehandelt. Salztafeln und Kattun dienten früher vielfach in
Afrika als Umsatzmittel, wie Leinwand im Mittelalter bei den
slavischen, Wollenzeuge bei den skandinavischen Völkerschaften an
der Ostsee. Elfenbein und Messingstäbe sind noch heutigen Tages
bei den Achantis die gangbare Münze; bei den benachbarten Dahomehs
sind es die Kaurimuscheln, von denen 40 auf eine Schnur gereiht die
Einheit, den String bilden, 50 Strings haben etwa den Wert unserer
Mark. Im alten Mexiko wurden kleine Säcke mit Kakaobohnen
als Tauschmittel für minderwertige Waren angewendet, Federspulen
mit Goldstaub, kleine Goldklumpen dagegen für wertvollere. Ueberall
 ist Geld ein Gegenstand, der bei den Beteiligten eine hervorragende
 Rolle spielt und daher von einem Jeden gern genommen
wird. Hagenbeck fand in Kobdo, unterhalb der nördlichen Abhänge
des Altai-Gebirges als gangbare Münze große flache Silberbarren zu
11 Pfd., die in Hamburg hergestellt werden. Zur Zahlung kleinerer
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        DD —

Summen wurden gepreßte Teetafeln verwendet, und als Kleingeld
Jienten blaue und rote gewebte Wollenbänder, einen Meter lang und
3 Centimeter breit, außerdem kleine seidene Tücher.
Mit der Entwicklung der wirtschaftlichen Kultur greift man zu
einem immer kostbareren Gegenstand als Tauschmittel, wobei besonders
 die Metalle zur Anwendung kommen. Bei den alten Griechen
ist unzweifelhaft das Eisen ursprünglich das allgemeine Umsatzmittel
gewesen. Lykurg griff mit der Einführung des Eisengeldes in Sparta
nur auf alte Reminiscenzen zurück. Die Chinesen..und Malayen haben.
das Zinn zur Ausmünzung benutzt. Viel allgemeiner war die Anwendung
 des Kupfers, welches in den skandinavischen Reichen noch
im 17. Jahrhundert, in Rußland noch im Beginne des 18. Jahrhunderts
das hauptsächlichste Münzmaterial bildete, um dann dem Silber Platz
zu machen, welches in der neuesten Zeit wieder durch das Gold verdrängt
 wird.
Anfangs wurde das zum Tausch verwendete Metall einfach zuyewogen,
 wenn auch vielfach schon in verarbeitetem Zustande.
Bei den Nibelungen werden Spangen, Gold- und Silbergerät zur
Zahlung benutzt, und für größere Leistungen wird ein bestimmtes
Gewicht au Edelmetall beansprucht, wie auch bei dem Loskaufverzuch
 der Römer von dem Gallier Brennus. Schon 2000 Jahre v. Chr.
wurden in Babylonien neben großen Stücken Edelmetalls von bestimmtem
 Gewicht auch abgewogene Teilstückchen und Ringe als
Vorläufer der Münze in Umlauf gesetzt. Bei den Juden wurde unmittelbar
 vor der babylonischen Gefangenschaft das Silber in viersckigen,
 von der Metallplatte abgetrennten Stücken zugewogen. Der
Sekel, welcher als Geldeinheit galt, war keine geprägte Münze,
sondern ein bestimmtes Gewicht Silber. Jeremia bedient sich 529
bei Entrichtung des Kaufschillings einer Wage (Br. Hildebrand, Die
Entwicklung der Geldwirtschaft. Jahrb. f. Nat.-Oek. 1876 Bd. 26).
Noch jetzt wird im Innern von China und Indien auf dem Markte
das Süber zum Kaufe zugewogen, welches auf einem Ambos mit
Messer und Hammer von Silberstangen abgeschlagen wird. Auf der
Messe in der Stadt Jrbit jenseits des Kaukasus zahlten die aus der
Mongolei kommenden Kaufleute noch in den achtziger Jahren des
letzten Jahrhunderts mit sog. Jamben, d. s. Silberstücke in Form
von Wannen, Schuhen, Schiffchen. In der Mongolei wird noch jetzt
Hacksilber durch Zuwiegen der Stücke benutzt. Das Wort „Rubel“
kommt von „Abhacken“ her. Worte wie „Pfund Sterling“ weisen
Jeutlich darauf hin, daß die Einheit für Zahlungen in alter Zeit ein
bestimmtes Gewicht An. Edelmetall gewesen ist, wie ebenso die altdeutsche
 „Märk Silber“. In der neuesten Zeit bildet sich wiederum
das Zuwiegei des Geldes als höchste Verfeinerung der Zahlung. aus,
wenn z. B. bei den englischen Zahlungsbanken in der City von London
selbst kleine Summen nicht aufgezählt, sondern zugewogen werden;
wie die Milliardenzahlung, soweit sie bar stattfand, von Frankreich
1871 auch nicht durch Zuzählung, sondern durch Zuwiegen geschah.
Um das häufige Wiegen zu vermeiden, ließ man das Metall in
Stücken von bestimmtem Gewicht und allmählich auch von bestimmter
Zusammensetzung und Form zirkulieren, Die Kupferasse zur Zeit der
römischen Könige waren Kupferbarren von bestimmtem Gewicht,
welches durch Stempel darauf verzeichnet war. Auf der Stockholmer
Jubiläumsausstellung von 1897 war schwedisches Kupfergeld ausgestellt

Erstes Metal)
geld.

Stempelu:
des RACE
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        75

DOräeung

mit dem Stempel des Jahres 1644, von dem die größte Münze, ein
Zehntalerstück, 2 Fuß lang, 1 Fuß breit, einen Finger stark war
und 19,7 Kilo wog.. Die 8-, 6-, 4-, 2-Talerstücke waren entsprechend
kleiner, aber auch viereckig und nur gestempelt. Das Stralsunder
Museum besitzt handgroße, achteckige Kupfergeldstücke aus der schwedischen
 Zeit, Noch in der Gegenwart bilden die gestempelten Silberund
 Goldbarren bei den Banken einen großen Teil des Geldvorrates
und werden zu Zahlungen untereinander verwendet.
Um die Verminderung des Gehaltes durch Abschaben und Abschneiden
 schon äußerlich kenntlich zu machen und damit davor zu
schützen, gab man dann jenen Metallstücken ein künstlerisches Gepräge.
 Kin wesentlicher Schritt vorwärts war es, als der Staat sich
die Herstellung dieser metallenen Tauschmittel vermöge seines Hoheitsrechtes
 in dem Münzregal vorbehielt, dafür aber auch die Garantie
für den richtigen Gehalt, der darauf verzeichnet war, übernahm.
Wann die erste Münze geprägt ist, konnte bis jetzt nicht festgestellt
 werden. Die Einen meinen, daß in Assyrien schon im Homerischen
 Zeitalter die Münzprägung stattgefunden hat. Andere Forscher
halten die Lyder für die Erfinder der Geldprägung, weil sich lydische
und griechische Münzen aus einer Zeit finden, wo Assyrien, resp. Babylonien
 noch als Reiche bestanden, während uns assyrische Münzen aus
jener Zeit nicht überkommen sind. In Griechenland ist sie zur Zeit
Solons nachweisbar, ebenso in Rom zur Zeit der Könige. Noch im
Jahre 269 v. Chr. wurde in Rom nur Silber geprägt, im Jahre 207
dagegen auch Gold. Abraham zahlte in Silber, schenkte Gold.
Erst durch die geprägte Münze wurde ein Tauschmittel hergestellt,
das den Anforderungen eines entwickelten Verkehrs genügte und sich
Tahrtausende hindurch in fast unveränderter Weise erhalten hat.

$ 26.
Das Wesen des Geldes.

Volkswirtschaftliche

Funktionen.

Darl Knies, Geld und Kredit. 2. Aufl., Abt. 1, Berlin
Hartmann, Ueber den rechtlichen Begriff des Geldes.
Ders., Internationale Geldschulden. Tübingen 1882,
Walras, Theorie de la monnaie, Paris 1886.
J. Meyer, Das Geld. Wien 1871.
%. Hildebrand, Die Theorie des Geldes. Jena 1883,
*, Simmel, Philosophie des Geldes. Leipzig 1900.
-. Fr. Knapp, Die staatliche Theorie des Geldes, Leipzig 1905.
K. Diehl, Eine neue Theorie des Geldes. Bank-Archiv, Jahrg. V Nr. 21.
Altmann, Zur deutschen Geldlehre des 19. Jahrh. (Entw. d. V.-W.-L. im
19. Jahrh.). Leipzig 1908.
Das Gut, welches als allgemeines Tauschmittel akzeptiert ist,
dient auch zugleich als allgemeines Wertmaäß; indei es zur Ver.
zleichung mit anderen Gegenständen herängeZößeN, und damit der Wert
lerselben zum Ausdruck gebracht wird. Hierdurch hat es eine neue
vedeutsame Funktion im wirtschaftlichen Leben übernommen und wird
aoch unentbehrlicher als das Längen- und Gewichtsmaß. Außerdem
dient es als Sparmittel, indem die überschüssigen Vorräte in dasselbe
 umgewandelt und als Reserve aufbewahrt werden. Erst durch
ein gutes Sparmittel kann auf primitiver Stufe der Kultur die Kapitalsbildung
 vor sich gehen und wird die Bevölkerung daran gewöhnt, nicht
jeden reichlichen Vorrat zu vergeuden, sondern den Wert in das all-
        <pb n="96" />
        — 17

gemeine Tauschmittel umzusetzen und damit Vorsorge für die Zukunft
zu treffen. Schließlich dient der Gegenstand noch als Leihmittel
indem dem Schuldner damit die Möglichkeit gegeben ist, Rich” die:
jenigen Gegenstände zu verschaffen, deren er bedarf, auch wenn der
Darleiher ihm diese selbst nicht verabfolgen kann.
Ein Gut, welches diese vier Funktionen tatsächlich übernimmt, ist
volkswirtschaftlich als Geld anzusehen,“ Und wir sahen, daß, Schon
bevor der Staat derärtig entwickelt ist, daß er in das wirtschaftliche
Leben intensiv eingreift, sich in der erwähnten Weise das Geld ausbildete.
 Wo indes ein Staat im modernen Sinne vorhanden ist, wird
Geld nur durch einen Gesetzesakt geschaffen, indem das allgemeine
Tauschmittel zum setzlichen Zahlungsmittel erklärt wird.
Jeder muß sich die Milsung einer Schuld mit d: sem Gegenstande gefallen
 lassen und kann mit demselben seine Schulden tilgen; vor allem
können damit alle Zahlungen an den Staat, wie Steuern usw., an alle
seine Kassen geleistet werden. Sie sind zur Annahme verpflichtet.
Erst durch die gesetzgeberische Sanktion erhält der Gegenstand die
Eigenschaft, die ihn für die erwähnten Funktionen völlig geeignet
macht. Die Staatsgewalt ist erfahrungsgemäß dadurch auch in der
Lage, Gegenstände in Geld zu verwandeln, welche durch ihre sonstigen
Eigenschaften sich in keiner Weise dazu eignen, weil ihnen der Kigenwert
 fehlt. Es hat Ledergeld gegeben, noch gegenwärtig gibt es
Papiergeld. Die staatliche Verfügung kann unter Umständen dem
Zettel die Eigenschaft verleihen, die ihn zum allgemeinen Tauschmittel
 geeignet macht. Er wird willig von Jedem genommen, er hat
die allgemeine Absatzfähigkeit erlangt, welche, wie wir sahen, die
Voraussetzung für ein allgemeines Tauschmittel bildet. Doch zeigt
die Erfahrung, daß die Macht des Staates in dieser Beziehung eine
beschränkte ist, und er nicht beliebig schalten kann. Wenn Knapp
in seinem oben angeführten in vieler Hinsicht sehr lehrreichen Buche
den Begriff des Geldes allein darauf basieren will, ob der Gegenstand
 von Staatskassen als Zahlung angenommen wird oder nicht,
so will uns das willkürlich und der wirtschaftlichen Eigentümlichkeit
nicht entsprechend erscheinen. Knapp macht damit die Noten einer
Privatbank vielfach zu Geld, was sie weder dem Sprachgebrauche
nach noch ihrer Bedeutung im Wirtschaftsleben entsprechend gegenüber
 dem gesetzlichen Zahlungsmittel sind, vielmehr nur Geldsurrogat,
indem sie den Schecks näher stehen als dem Metallgelde. Er stellt
die Unterscheidung auf in „valutarisches“ Geld, welches dem Publikum
 bei Zahlungen des Staates aufgedrängt wird, und „akzessorisches“,
wo dieses nicht geschieht, obwohl es ev. gesetzliches Zahlungsmittel
ist, wie unser alter Taler, den wir allerdings für ebensolches Geld
halten, da er gesetzliches Zahlungsmittel war, wie die Krone. Knapp
macht die Praxis der Zahlungsleistung des Staates zur Grundlage des
Begriffs und nimmt ihm damit jede Festigkeit und klare Bestimmbarkeit.
 Wir vermögen daher einen Fortschritt in seiner Definition
nicht zu sehen.
Um höheren Ansprüchen zu genügen, muß das Geld dienende Anforderungen
Gut Folgende Eigenschaften haben: : 1. allgemein N NEIEATERN Wert Te. 5 de 000
sitzen, denn nür ein Gut; gas überall Seschätzt wird, kann nach dem
vorher Gesagten überhaupt als Tauschmittel dienen. 2. in einem
kleinen Volumen, infolge. großer Seltenheit einen hohen. Wert repräsentieren,
 um auch für entfernte Gegehäden” als Zahlungsmittel dienen zu
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        — 8 —

können. Eben deshalb sieht man sich genötigt, mit Entwicklung der
Volkswirtschaft wie der Wohlhabenheit, welche fortdauernd . höhere
Zahlungen beanspruchen, zu einem immer wertvolleren Metalle als
Münzmetall überzugehen, um dieser Anforderung in besserer Weise
zu genügen. 3. muß der Gegenstand teilbar sein, ohne dadurch seinen
Wert einzubüßen, dämit er sowohl in 270Beren“ Wie -in.kleineren
Stücken als Tauschmittel dienen kann und damit den mannigfaltigen
Anforderungen zur Zahlung für größere und kleinere Werte zu geıügen
 vermag. 4. muß er sich, um als vollkommenes Sparmittel
gebraucht werden ZU Können, leicht aufbewahren 1asgen, "ohne dabei
au Wertzeinzubilßähr rn hu mtr
Es gibt erfahrungsgemäß keinen Gegenstand, der diesen Ansprüchen
 in einem höheren Maße zu genügen vermag, als die Edelmetalle,
 welche daher auch allgemein zur Herstellung der Münze, also
als das hauptsächlichste Geld benutzt werden. Auch in den entlegensten
 Gegenden wird das Edelmetall seines Glanzes wegen gerne
gesehen und, weil es sich bearbeiten läßt, überall zur Anfertigung
von Schmuckgegenständen benutzt, so daß dasselbe nicht nur im
grauen Altertum, sondern in der Gegenwart auch bei den primitivsten
Völkerschaften geschätzt und gern genommen wird und, wo es bis
dahin nicht bekannt war, sich schnell einbürgert. Man kann also
sicher sein, überall damit Gegenstände eintauschen zu können. ‚Gerade
 das Gold besitzt einen sehr hohen Wert und wird deshalb in
der neuesten Zeit immer allgemeiner zur Herstellung der Hauptmünze
benutzt. Es büßt nichts an seinem Werte ein, auch wenn es in Atome
zu Staub zerteilt oder als Goldschaum in die dünnsten Plättchen
ausgehämmert wird. Es läßt sich selbst unter den ungünstigsten
Verhältnissen Jahrtausende lang aufbewahren, ohne darunter erheblich
 zu leiden und ohne von Luft und Feuchtigkeit angegriffen zu
werden, wie Münzen, die noch aus dem alten Rom stammen, beweisen,
da sie noch ihr künstlerisches Gepräge vorzüglich bewahrt haben.
Auch Gold- und Silbergeräte, die Jahrtausende in der Erde vergraben
gelegen haben, vermögen, wie der Hildesheimer Silberfund beweist,
mit Leichtigkeit ihren früheren Glanz und ihre Schönheit wieder zu
erlangen; sie verloren nicht ihren Wert. Nur-eine Eigenschaft geht
auch ihnen ab, nämlich, überall als brauchbares Wertmaß zu dienen,
welches erhaben über Raum-und Zeit zur Wertvergleichung in verschiedenen.
 ‚Zeiten und Ländern in genauer Weise-zu gebrauchen ist.
worauf wir noch zurückzukommen haben werden.
Wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, ist es die Hauptaufgabe
der Münze, den Tausch zu vermitteln und damit den Verkehr zu erleichtern.
 Wir haben es mit einem Tauschwerkzeug zu tun,
welches an volkswirtschaftlicher Bedeutung den Maschinen an die
Seite zu stellen ist, welche die industrielle Tätigkeit unterstützen,
sowie den Schiffen und Lokomotiven, einfachen Wagen usWw., welche
dem Verkehre dienen, also Produktionsmittel und zwar stehendes
Kapital bilden.
Wie ist aber das Geld den anderen wirtschaftlichen Gütern gegenüber
 aufzufassen? |
Gegensatz von Die Merkantilisten im 16. und 17. Jahrhundert legten dem Gelde
; Feine fast unbedingte Kaufkraft bei. Sie faßten es vom privatwirtschaftlichen
 Standpunkte auf und meinten, daß durch Ansammlung
 des Geldes ebenso ein Land wie ein Privatmann sich bereichern

Edelmetalle.
        <pb n="98" />
        79

könne, und daß es daher die Aufgabe sei, in das Land künstlich Gold
und Silber hineinzuziehen und als Münze in Umlauf zu setzen. Sie
übersahen den Warencharakter, der auch dem Edelmetalle. innewohnt,
und die Preisrevölutionen in dem 16. Jahrhundert in Spanien, im 17.
im übrigen Europa, lieferten den Beweis, daß das aus Amerika herübergezogene
 Gold und Silber sich mehr und mehr entwertete, und
damit die Kaufkraft des Geldes abnahm. David Hume faßte es
andererseits zu ausschließlich als Wertmaß auf, dessen Anhäufung
den Wohlstand ebensowenig über ein gewisses Maß hinaus im Lande
fördern könne, wie eine starke Vermehrung der Längenmaße und
Gewichte. Er verglich das Geld auch mit dem Maschinenöl; wie
durch dieses die Maschine einen leichteren Gang erhält, so der volkswirtschaftliche
 Verkehr durch das Geld als Tauschvermittler. Adam
Smith legte dem Gelde zu unbedingt den Warencharakter bei; ohne
Zer Eigentümlichkeit desselben genügend Rechnung zu tragen. Kin
Unterschied liegt unbedingt darin, und das Geld steht allen Waren
in der Hinsicht gegenüber, daß diese zum Gebrauch und nach Bedarf
eingekauft werden, während man das Geld im allgemeinen nur bei
Verkauf oder für Dienstleistungen erhält, also nicht seiner selbst
wegen. In früheren Zeiten freilich wurde es mit der ausdrücklichen
Absicht bezogen, es als Sparmittel zu verwenden, was heutigen Tages
mehr in den Hintergrund gedrängt ist. Auch gegenwärtig müssen
Arbeitgeber es sich zu bestimmten Zeiten verschaffen, um damit
Zahlung leisten zu können, wie die Banken es bereit halten müssen,
um es nach Bedarf ihren Kunden abtreten zu können. Doch sind
dies Ausnahmen.
Eine Eigentümlichkeit liegt bei dem Geld darin, daß demselben
unter Umständen vom Staate ein besonderer Wert beigelegt werden
kann und beigelegt wird, was uns aber erst später zu beschäftiger
haben wird.
Viel Verwirrung ist dadurch entstanden, daß sehr häufig Geld
mit Münze und Münze mit Edelmetall identifiziert wird, während diese
Begriffe sorgfältig auseinandergehalten werden müssen, ihre eignen
Bedingungen der Wertbestimmung und unter Umständen verschiedene
Funktionen zu übernehmen haben. Durch die Prägung als Münze
erhält das betreffende Stück Metall eine völlig andere Aufgabe als
bisher, und erst wenn es wieder eingeschmolzen wird, tritt es in die
frühere Stellung zurück. Als Münze ist es Geld, aber es ist nicht
das einzige Geld, sondern durch die gesetzliche Bestimmung kann
auch ein anderer Gegenstand zu Geld gemacht werden, wie neben
dem Kupfer das Nickel oder das Papier. Durch die staatliche Bestimmung,
 daß der betreffende Schein für 10 Taler, Gulden, Rubel in
Zahlung genommen werden soll, wird der betreffende Gegenstand
unter entsprechenden Umständen bei ausreichender Autorität der
Staatsgewalt als allgemeines Zahlungsmittel zu fungieren vermögen.
In der Zuversicht, daß man damit nicht nur an den Staat, Sondern
auch an das Publikum überall entsprechende Zahlung leisten kann,
wird man den Gegenstand selbst gerne im vollen Werte akzeptieren.
Die allgemeine Absatzfähigkeit als Grundlage eines allgemeinen
Tauschmittels ist dadurch gegeben. Während die Metallmünze auf
Grund des Metallgehaltes und dessen Wertes in Verbindung mit
der Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel die Umlaufsfähigkeit
besitzt, ist es hier allein das gesetzliche Gebot und das Vertrauen

Edelmetall und
Geld.
        <pb n="99" />
        80 —

des Publikums zum Staate, welche dem Schein die Zirkulationsfähigkeit
 verschaffen, ohne daß er einen eigenen Wertgehalt aufzuweisen
hat. Dies Verhältnis tritt auch in anderen Fällen zur Erscheinung,
wie z. B. die preußischen Taler in den letzten Dezennien zu drei
Mark allgemein von Hand zu Hand gingen, obgleich ihr Silbergehalt
auf noch nicht 1%, Mark zu veranschlagen war. Das Vertrauen
darauf, daß der Staat stets selbst den Taler zu drei Mark in Zahlung
nehmen würde, genügte, um ihm dauernd die Absatzfähigkeit zu verschaffen.
 Aber natürlich ist dieses Vertrauen kein unbedingtes,
sondern hängt mit dem Kredite des Staates, den allgemeinen Konjunkturen
 usw. zusammen. Die volkswirtschaftlichen Verhältnisse
zeigen sich durchweg stärker als der Einfluß der Staatsgewalt, wie
sich bei der Erörterung der Papiergeldverhältnisse ergeben wird.

8 27.

Die Ursachen der Wertschwankungen deredlien Metalle.

Jakob, Ueber die Produktion und Konsumtion der edlen Metalle. 18538.
Soetbeer, Zur Statistik der Edelmetalle i. d, J. 1876—80, Jahrb. für Nationalökonomie.
 1881, N. F., Ba. 2 u. 3.
L. Cohnstädt, Zur Silberfrage. Frankfurt 1896.
Soetbeer, Materialien zur Erläuterung der Kdelmetallverhältnisse. Berlin 1886.
Paasche, Studien über die Natur der Geldentwertung. Jena 1878.
Wertbestim- Der Wert der Edelmetalle wird wie der einer im freien Verkehr
uung des Edel- +ohenden, in großer Masse vorhandenen, aber nicht beliebig vermehrbaren
 Ware bedingt durch das Verhältnis des Angebots zur Nachfrage.
Die Edelmetalle bilden eine Ware wie Eisen, Kupfer usw., und ihr
Wert wird..bestimmt wie dieser nach der Menge, welche disponibel ist
vegenüber dem..auftretenden Bedarf. Dieses ist durch die Erfahrung
bestätigt, indem nach der Entdeckung Amerikas durch die außerordentlichen
 Mengen von Gold und Silber, welche nach Europa gebracht
wurden, wie bereits erwähnt, das Metallgeld entwertet und dadurch
die Preise aller Produkte gesteigert wurden. Der Warencharakter der
Edelmetalle ist in neuester Zeit in der Verschiebung des Wert-Verhältnisses
 zwischen Gold und Silber klar zutage getreten, was uns
noch zu beschäftigen haben wird. Aber die Edelmetalle haben dadurch
eine besondere Eıgentümlichkeit erhalten, daß sich von ihnen im Laufe
der Jahrtausende ein außerordentlich großer Vorrat aufgespeichert hat,
da seit langer Zeit alljährlich neue Quantitäten an das Tageslicht
gefördert wurden, die bei der Widerstandsfähigkeit derselben sich bis
auf die Gegenwart erhalten haben; abgesehen von den verhältnismäßig
geringen Quantitäten, die zur Zeit der Völkerwanderung, dann bei
Zerstörungen von Städten, bei Untergang von Schiffen usw. verloren
gegangen sind, oder die bei dem Gebrauche abgeschliffen sind. Diesem
gewaltigen Vorrat gegenüber kann sowohl die Produktion einzelner
Jahre, wie die Veränderung der Nachfrage innerhalb kürzerer Perioden
einen nur unwesentlichen Einfluß haben. Dies wird ganz besonders
bei dem Golde der Fall sein, wo alle erwähnten Momente in noch
höherem Maße zur Geltung kommen, als bei dem Silber.
Die Nachfrage nach Edelmetall wird bedingt einmal durch die
Ausdehnung des Gebrauchs jener Metalle zu Geräten, Schmucksachen
und für sonstige Industriezwecke; auf der anderen Seite durch den
Bedarf an Münzmaterial. Bei der allgemeinen Beliebtheit der Metalle

Industriehadarf
        <pb n="100" />
        — 81 —

wird der Bedarf für Industriezwecke abhängen einmal von der Ausdehnung
 des Weltverkehrs und der Ausbreitung der Kultur. Je mehr
Länder in den allgemeinen Verkehr hineingezogen werden, um SO ausgyedehnter
 wird das Territorium sein, welches Ansprüche an Edelmetall
erhebt. Je mehr dann in demselben die Bevölkerung steigt, um so
mehr wächst die Zahl derjenigen, welche das Metall in der einen oder
der anderen Form begehren. Sehr bedeutsam ist dann die Wohlhabenheit
 der Bevölkerung, weil mit derselben die Zahl der Nachfragenden
und mit der Kaufkraft derselben auch die Ausdehnung des Bezuges
steigt. Es ist bekannt, wie in den letzten Dezennien die unteren
Klassen nach Erhöhung der Löhne immer mehr Schmucksachen, Uhren
usw. verwenden, wie in den bürgerlichen Kreisen weit mehr Silbergerät
aller Art gebraucht wird als früher; und je mehr die nach vielen
Millionen zählenden Personen der unteren Kreise sich an dem Gebrauche
 beteiligen, um so gewaltiger ist natürlich der Einfluß.
Der Münzbedarf wird gleichfalls wesentlich durch dieselben Momente
 bestimmt, wie der Industriebedarf. Je stärker die Bevölkerung
ist, um so mehr kaufende Persönlichkeiten sind vorhanden. Je wohlhabender
 ein Land ist, um so mehr wird im Durchschnitt von Jedem
gekauft, um so größer ist daher der Umsatz an allen Produkten, und
um so mehr Münze ist unter sonst gleichen Verhältnissen erforderlich,
um die Umsätze zu vermitteln. Vermindernd auf den Münzbedarf
wirkt dagegen verhältnismäßig die Schnelligkeit des Umsatzes, weil dadurch
 dieselbe Quantität Münze, die schneller von Hand zu Hand geht,
zu mehr Käufen zu dienen vermag; gerade so wie zur Herüberschaffung
von Getreide aus London nach Hamburg viel weniger Dampfschitfe
notwendig sind, die in wenigen Tagen die Hin- und Rückfahrt bewerkstelligen
 können, als Segelschiffe, die dazu Wochen gebrauchen. Daher
ist der Bedarf an Münze im Verhältnis zu dem Umsatz auf dem Lande
sehr viel größer als in der Stadt, weil die Landbevölkerung viel allgemeiner
 das Geld in der Kasse aufzubewahren pflegt als die städtische.
Ebenso bedarf Rußland verhältnismäßig mehr Münze als Deutschland,
Deutschland mehr als England. Von ungleich größerem Einfluß aber
ist das dritte Moment der Heranziehung von Geläsurrogaten oder
Ausgabe von Papiergeld, wodurch enorme Quantitäten von Münzen
erspart werden können. Außer dem Papiergeld und Banknotenverkehr
kommt die Zahlung durch Wechsel und Schecks in Betracht, wie der
Giroverkehr der großen Zentralbanken. ‚Je mehr in einem Lande die
Tätigkeit der Banken um sich greift, wie z. B. in England, um so
weniger Münze kommt in Umlauf und ist für den Umsatz erforderlich.
Daher die "Tatsache, daß trotz der gewaltigen Steigerung des Warenumsatzes
 in den Kulturländern die Zunahme des Münzbedarfs verhältnismäßig
 gering gewesen ist; die Ausbildung der Kreditwirtschaft
hat hier entsprechenden Ersatz geboten.
Fortdauernd ist natürlich für etwaige Verluste, dann für die Abnutzung
 sowohl der Geräte wie der Münzen Ersatz zu schaffen, der
gleichfalls den Verhältnissen entsprechend verschiedene Größe hat.
Doch ist er von keiner hervorragenden Bedeutung, seit die Gewinnung
von Edelmetall größere Dimensionen angenommen hat.
Alle diese Verhältnisse beeinflussen naturgemäß nicht den Wert
der Edelmetalle in einem einzelnen Lande, sondern sie kommen nur
für die Gesamtheit der Kulturländer und den ganzen Weltverkehr in
Betracht, welcher hier als ein gegebenes Ganzes in das Auge zu fassen
Monrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. ß

Münzbedarf.
        <pb n="101" />
        RD —

Angebot.

Beschaffungskosten
 als
ıantere WertgTeNZE.


ist. Ein einzelnes Land vermag sich heutigen Tages hierbei nicht abzuschließen
 und seinen selbständigen Entwicklungsgang zu nehmen.
Bei der großen Transportfähigkeit der Edelmetalle wird eine jede Verschiebung
 des Wertes zwischen den verschiedenen Ländern sofort
Jurch die Spekulation ausgeglichen, und das Bestimmende ist Angebot
und Nachfrage auf dem Weltmarkte.
In bezug auf das Angebot ist also die Gesamtproduktion aller Erdteile
 maßgebend gegenüber dem seit Jahrtausenden aufgespeicherten
Vorrat. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß nicht unbe-Jeutende
 Quantitäten dem Verkehre entzogen sind, vor allen Dingen
in den Tempeln und Klöstern des Orients, wie ebenso bei einer großen
Zahl der Fürsten in China, Indien usw. Aber auch bei uns sind
große Vorräte an Geräten und Schmuck in den Händen von Privatpersonen,
 welche garnicht oder nur ganz ausnahmsweise in geringen
Teilen zum Umsatze gelangen, so daß dadurch bei steigender Nachfrage
 auch die zeitweilige Produktion einen Einfluß auf den Wert
auszuüben vermag, wie das in der neuesten Zeit bei dem Silber zutage
 getreten ist.
Der Wert der Edelmetalle wird aber auch, obgleich nur in beschränktem
 Maße, durch die Produktionskosten beeinflußt, indem sie
die Grenze angeben, unter welche der Wert nicht sinken kann, weil
sonst die Produktion aufhören würde. Auf der anderen Seite bietet
eine Ermäßigung der Produktionskosten die Möglichkeit eines Sinkens
des Wertes, wie dafür gleichfalls in der neuesten Zeit das Silber ein
Beispiel geboten hat.
Für diejenigen Länder, welche Gold und Silber nicht selbst
produzieren, sondern ganz oder zum Teil von Anderen einhandeln
müssen, treten noch als wichtige Momente der Wertbestimmung die
Herstellungs- und die Transportkosten für die Waren hinzu, welche
nach den Minenländern zum Austausch edler Metalle abgegeben
werden. In Ländern auf tiefer Stufe der Kultur, die nur schwer
transportable und auf dem Weltmarkt billige Rohstoffe auszuführen
haben, ist daher der Wert des Metalls höher als in Ländern mit
entwickeltem Handel und größerer Industrie, deren Erzeugnisse wertvoller
 sind, billiger exportiert werden können und in den Minenländern
 mit Vorliebe genommen werden. Aus diesen und anderen
Gründen finden wir trotz des regen Handelsverkehrs zwischen den
verschiedenen Ländern große Ungleichheiten in dem Werte der Edelmetalle,
 In Gegenden mit ergiebigen Goldminen ist das Gold außerordentlich
 billig. Es besitzt nur eine geringe Kaufkraft, die Preise
aller Waren sind außerordentlich hoch, z. B. in Kalifornien, in
Johannisburg, in den betreffenden Gegenden Australiens, Je weiter
man sich von diesen Punkten entfernt, schon im Osten der Vereinigten
Staaten, am Kap, hat das Metall einen höheren Wert. Die Preise,
wenigstens für eine große Zahl von Gütern, sind niedriger. In Europa
hat das Gold in Deutschland eine größere Kaufkraft wie in England,
in dem Innern von Rußland eine größere als in Deutschland, was in
der Hauptsache auf die erwähnten Momente zurückzuführen ist. Das
Steigen des Geldwertes ist aber natürlich identisch mit dem Sinken
des Preisniveaus, das Sinken des Geldwertes mit dem durchschnittlichen
 Steigen der Preise, durch welches jenes zum Ausdruck kommt.
        <pb n="102" />
        33

8 28,
Wertschwankungen des Geldes.
Lindsay, Die Preisbewegung der Edelmetalle seit 1850, Jena 1893,
Die Auffassung des Geldes als einfacher Ware schloß die Annahme
 in sich, daß der Wert des Geldes allein bestimmt werde durch
die Quantität, welche sich in Umlauf befände. So sind vor allem
David Hume, John Stuart Mill Vertreter der sog. Quantitätstheorie,
 Dieselben fassen die ganze Geldwertbestimmung wie folgt
auf: Dem Gelde gegenüber steht die Gesamtheit der Güter, welche in
der Volkswirtschaft gebraucht und daher mit Geld gekauft werden.
Der Wert beider muß als gleich angenommen werden, um mit der Gesamtheit
 des Geldyvorrates die Gesamtheit des Warenvorrates kaufen
zu können. Wird nun der Geldvorrat erhöht, während der Warenvorrat
 der gleiche bleibt, so behält der erstere in der Gesamtheit
den gleichen Wert, während jeder Teil nach der Vermehrung einen
geringeren Wert besitzt. Derselben Quantität Waren steht eben
mehr Geld gegenüber, welches dafür hingegeben werden muß; mit
anderen Worten: der Wert des Geldes ist entsprechend vermindert.
Wenn umgekehrt eine teilweise Einziehung des Geldes stattfindet,
somit ein geringeres Quantum dem bisherigen Warenvorrat gegenübersteht
 und sumit dieses geringere Geldquantum noch denselben
Gesamtwert hat, wie vorher das größere, so ergibt sich, daß jetzt
jeder Teil, sagen wir 10 M., eine entsprechend höhere Kaufkraft
besitzt. Ist der Geldumlauf z. B. um 10%, eingeschränkt, so wird
unter sonst gleichgebliebenen Verhältnissen für 10 M. nun um 10%
Ware mehr gekauft werden können.
So einfach sind nun in dem wirklichen Leben die Verhältnisse
nicht, wie man sie sich nach der Quantitätstheorie vorstellte. John
Stuart Mill sucht seine Auffassung in der folgenden Weise zu erläutern:
 Wenn, sagt er, plötzlich durch Zauberschlag der gesamte
Geldvorrat verdoppelt würde, so daß jeder in seiner Kasse die doppelte
Summe wie bisher hätte, so würde die Folge davon einfach sein, daß
alle Preise und Löhne auf die doppelte Höhe steigen würden, die
Volkswirtschaft würde im übrigen dadurch nicht wesentlich verändert
werden. Diese Auffassung ist durchaus nicht als richtig anzuerkennen.
Wenn sich jener Vorgang auf ein einzelnes Land beschränkt, so wird
die Einwirkung eine ganz verschiedene sein, je nachdem es sich um
vollgültige klingende Münze in Edelmetall oder um Kreditgeld handelt,
dessen Zirkulation auf das Inland beschränkt ist. In dem ersteren
Falle würde die Entwertung der Münze gegenüber dem Edelmetallgehalt
 und infolgedessen auch gegenüber dem Auslande zutage treten.
Die Geschäftswelt würde sofort eingreifen, um jeden Ueberschuß über
den Bedarf an das Ausland abzusetzen resp. einzuschmelzen. Dadurch
würde sehr bald der alte Zustand wiederhergestellt sein, es bliebe
aur die allgemeine Bereicherung übrig, welche die Volkswirtschaft
durch den Verkauf des Edelmetalls erfahren hat. Es ergibt sich
daraus, daß sich unter unseren Verhältnissen bei dem regen Verkehr
mit dem Auslande und der leichten Transportabilität der Edelmetalle
der Geldwert niemals wesentlich von dem des Edelmetalles, aus Wert des Edel
welchem die Kurantmünze besteht, entfernen kann; namentlich sich qm tales als
nicht unter demselben zu erhalten vermag. Heliweltes
Ist dagegen das betreffende Geld auf den Verkehr des Inlandes
BR
        <pb n="103" />
        RA

Große Elastizität
 des Verkehrs
 in der
Aufnahme von
Umlaufsmitteln.


allein angewiesen, z. B. bei der Papierwährung, so wird nun allerdings
eine Entwertung desselben unausbleiblich sein. Jeder sucht es möglichst
 los zu werden und sträubt sich gegen seine Aufnahme. Aber
auch hier ist nicht. ein allgemeiner gleicher Einfluß auf die Preise
der Waren anzunehmen; die Veränderung vollzieht sich auch nicht
glatt und einfach, sondern die allgemeine Ausgleichung kann sich
erst nach großen Umwälzungen und sehr verschiedenartiger Beeinflussung
 der einzelnen Betriebszweige usw. vollziehen, worauf wir im
folgenden Paragraphen zurückzukommen haben werden.
In unserer Zeit der Kreditwirtschaft ist aber noch ein anderes
Moment zu beachten. Der Verkehr verträgt eine bedeutende Anhäufung
 von Umlaufsmitteln, ohne daß dieselben bereits eine Entwertung
 zu erfahren brauchen, weil sehr erhebliche Quantitäten sich
in den Kassen der Privaten anhäufen können, ohne besondere Beschwerde
 hervorzurufen. Wenn deshalb der Kredit des Staates ein
absolut gesicherter ist, so wird auch eine zu starke Ausgabe von Papiergeld
 nicht sofort eine erhebliche Entwertung desselben verursachen,
Das trat in Deutschland während der Kriege 1866, 1870/71 und 1914
klar zutage. Noch viel größer ist aber die Elastizität des Verkehrs in
bezug auf einen Mangel an Umlaufsmitteln, bei dem in großer Ausjehnung
 die Vermittlung durch Kredit eintreten kann, und damit
Stockungen und tiefere Wirkungen des Mangels vermieden werden
können. Es wird dann in ausgedehnterem Maße durch Wechsel,
Schecks und andere Anweisungen gezahlt, im kleinen Verkehr wird
das Entnommene bei dem Kaufmann angeschrieben und auf Rechnung
gestellt. Der Käufer unterläßt schwerlich einen notwendigen Kauf,
wenn nach seinem Einkommen seine Zahlungsfähigkeit feststeht und
ihm nur das Zahlungsmittel zur baren Begleichung nicht zur Hand
ist. Der gesamte Verkehr hilft sich hier eben durch das moderne
Hilfsmittel des Kredites. Es wird außerdem nie das ganze Quantum
der vorhandenen Waren auf einmal mit dem ganzen vorhandenen
Gelde gekauft, sondern stets nur einzelne Teile mit kleinen Summen,
die kurz darauf wieder zum Kauf anderer Teile verwendet werden.
Außerdem werden mit dem Gelde doch auch Güter vom Auslande gekauft,
 und zwar jetzt in sehr bedeutendem Maße. Aus Allem geht
hervor,..daß überhaupt nicht, keineswegs jedenfalls in der modernen
Volks- und Kreditwirtschaft bei normalen Verhältnissen.die Quantifätstheorie
 eine Berechtigung hat. Den Bedarfsmitteln steht nicht
nur das Geld gegenüber, sondern mähn Kauft auch durch, und auf
Kredit. Eine Vermehrung oder Verminderung der Umlaufsmittel ist
für den Geldwert irrelevant, solange ein internationaler Austausch
von Zahlungsmitteln stattfindet. Wenn man daher die Preissteigerung
in Deutschland Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
auf die Vermehrung der Umlaufsmittel infolge der Milliardenzahlung
zurückführen wollte, so beruhte das auf einem prinzipiellen Irrtum.
Vermehrung der Umlaufsmittel erhöht nicht den Wohlstand und
damit auch nicht die Kaufkraft eines Volkes, die von dem Ertrage
der Nationalarbeit und infolgedessen von dem Nationaleinkommen
abhängt. Meine nachhaltige Kaufkraft bleibt dieselbe, ob ich mein
Gehalt in einer Anweisung auf die Bank oder in kleiner Münze ausgezahlt
 erhalte.
Eine zu starke Vermehrung des Vorrates der Umlaufsmittel im
Weltrerkehre wird natürlich zur Folge haben, daß Münze in
        <pb n="104" />
        — 85 —

großer Ausdehnung eingeschmolzen wird, genau so wie bei einer zu
starken Ausgabe von Papiergeld die Münze aus dem Verkehr verschwindet.
 Solange aber noch Münze im Umlauf ist, wird sie die
Basis des Geldverkehres bleiben und damit das Edelmetall den Wert
des Geldes bestimmen; nur daß gegenüber dem Edelmetall als Wertträger
 das Papier entwertet ist, oder, wie man sich ausdrückt, das
Metall ein Agio, d. h. einen Aufschlag erlangt, als Ausdruck seines
höheren Wertes. Eine völlige Verdrängung des KEdelmetalles und
Janach eine allgemeine Entwertung des Geldes im Weltverkehre ist
anter den vorliegenden Verhältnissen nicht gut denkbar, kann deshalb
 auch hier außer Betracht bleiben. +
Nach dem Gesagten werden Schwankungen im Geldwerte auf
dem Weltmarkte nur durch Veränderungen des Wertes des Eidelmetalles
 herbeigeführt, und unter den jetzigen Verhältnissen ausschließlich
 des Goldes, welches die Grundlage des internationalen
Verkehres und deshalb der Wertträger des Geldes selbst ist. Daß
solche großen Veränderungen in dem Werte des Edelmetalles eintreten
 können, ist, wie wir sahen, durch die Geschichte erwiesen.
Wie groß aber diese Schwankungen gewesen sind, ist man nicht in
der Lage festzustellen; bei geringeren Schwankungen des Preisniveaus
der Waren vermag man nicht einmal mit Bestimmtheit zu behaupten,
ob sie auf Grund von Veränderungen des Wertes der Edelmetalle
stattgefunden haben oder nicht.
Die Veränderungen in dem Geldwerte sind nur zum Ausdruck „Feststellung
zu bringen durch eine Feststellung der Preisverhältnisse im Beginne
and am Ende der zu untersuchenden Periode. Man kann die Kaufkraft
 des Geldes nur ermitteln, indem man feststellt, wieviel der
Waren aller Art früher, wieviel jetzt mit derselben Summe zu kaufen
waren, und zwar der verschiedensten Waren, die unter den mannigfaltigsten
 Bedingungen hergestellt, den verschiedenartigsten Konjunkturen
 unterworfen sind und eine ganz ungleiche wirtschaftliche Bestimmung
 haben. Diese Untersuchung muß, um zu befriedigen, die
zrößte Ausdehnung erfahren, was sich bisher als unausführbar erwiesen
 hat. Die zum Konsum fertigen Waren verändern sich in ihrer
Qualität beständig in weitgehendstem Maße; die Preisveränderungen
derselben sind zum größen Teil hierauf zurückzuführen, nicht aber
auf Veränderungen der Edelmetall- und Münzverhältnisse. Sind die
Zeuge, aus welchen unsere Kleidung hergestellt wird, gröber oder
feiner geworden, so muß sich auch bei sonst gleich gebliebenen Verhältnissen
 der Preis verändern, weil die Produktionskosten andere
waren. Ist das Brot aus feinerem Mehle hergestellt als sonst, so
kann es gleichfalls nicht zum selben Preise geliefert werden wie
früher, und es gibt erfahrungsgemäß nur außerordentlich wenige
Aegenstände, die nicht in der neueren Zeit irgendwelche Veränderungen
arfahren haben. Wir haben deshalb in dem privatwirtschaftlichen
Haushalte nur sehr wenige Bedarfsobjekte, bei denen Gleichartiges
gegenüberzustellen ist. Man ist bei dieser Untersuchung in der
Hauptsache auf Rohmaterialien angewiesen, also auf eine besondere
Kategorie von Waren, welche eine Sonderstellung in der Volkswirtschaft
 einnimmt. Für dieselben stehen uns in der allgemeinen Statistik
 fast nur die Engrospreise, nicht aber die Detailpreise zur Verfügung.
 Auch dieses ist eine beachtenswerte Unvollkommenheit in
der Grundlage der Untersuchung. Es ist ferner einleuchtend, daß

ya
        <pb n="105" />
        86

Produktionsjedingungen
 d.
Waren als
Grundlage der
Geldwertsbestimmung.


man nicht das arithmetische Mittel der Preise der verschiedensten
Waren nehmen kann, ohne zu Fehlschlüssen zu gelangen. Summieren
wir den Preis des Weizens pro Zentner mit dem von Gewürzen, den
Preis der rohen Wolle mit dem von Spitzen, so wird der Einfluß der
ersteren völlig zurückgedrängt, während teure Gegenstände, welche
in der Volkswirtschaft eine ganz untergeordnete Rolle spielen, den
Durchschnitt in hohem Maße beeinflussen. Auch privatwirtschaftlich
wird das Bild verschoben, weil in einer Häuslichkeit im Jahre nur
eine ganz geringe Summe für Gewürze ausgegeben wird, eine ganz
erhebliche dagegen für Weizen. Es ist deshalb unumgänglich notwendig,
 auch die Quantitäten zu berücksichtigen, welche in dem
Lande zur Verwendung gelangen, also die ungefähr im Jahre verbrauchte
 Quantität Weizen und ebenso die an Gewürzen. Der Einfluß
 einer Veränderung des Geldwertes wird aber bei den verschiedenen
Gesellschaftsklassen je nach ihrem Einkommen und ihrer Lebensweise
ein außerordentlich verschiedener sein. Man wird die Preise anderer
Gegenstände heranziehen müssen, wenn man die Einwirkung auf die
Arbeiterklasse konstatieren will, als wenn man die Mittel- oder die
wohlhabende Klasse dabei im Auge hat. Derartige Untersuchungen
sind natürlich außerordentlich schwierig und bisher noch nicht in
ausreichender Weise durchgeführt. Wir können deshalb tatsächlich
die Schwankungen des Geldwertes nicht mit irgendwelcher Genauigkeit
 statistisch messen und daher überhaupt nicht übersehen.
Die*Entwertung des Geldes braucht aber auch nicht von dem
Kdelmetalle ausgegangen zu sein, sondern die Ursache kann in den
Veränderungen der Produktion der Waren liegen oder in
sonstigen Einflüssen, welche die Preise von wesentlichen Gütern bestimmen.
 Alle Momente, welche. die Produktion verbilligen, werden die
Kaufkraft des Geldes erhöhen, alle diejenigen, welche die Produktion
;der die Ausgaben für..das Leben verteuern, werden in der gleichen
Weise auf, eine Entwertung des Geldes hinwirken. In einem Lande,
in dem die Löhne besonders hoch sind, wo außerdem durch eine dichte
Bevölkerung, namentlich in den Städten, der Wert des Grund und
Bodens sehr in die Höhe getrieben ist, daher hohe Mieten zu zahlen
sind, wo hohe Schutzzölle die Preise der Waren künstlich erhöhen,
wird das Leben teuer sein. Das Geld hat dort eine geringere Kaufkraft,
als in einem anderen Lande, wo dergleichen Verhältnisse nicht vorhanden
 sind ; und innerhalb desselben Landes wird in den großen Städten
infolge der hohen Mieten und daher wiederum der hohen Löhne z. B. ein
Arbeiter, ein Beamter nicht mit der gleichen Summe auskommen, die in
jer kleinen Stadt oder auf dem Lande gerade ausreichte. Die allgemeine
Steigerung der Löhne infolge der Arbeiterbewegung in den letzten
Dezennien bildete ein wesentliches Moment der Geldentwertung,
während dagegen die große Zahl der Erfindungen von Maschinen
oder neuen Methoden, welche die Herstellungskosten vermindern, Entdeckungen
 und sonstige Fortschritte eine Menge Gegenstände in
den letzten Dezennien erheblich verbilligten. Man braucht nur an
Petroleum, Zucker, die gewöhnlichen Textilwaren, viele Chemikalien,
Brillen usw. zu denken, um sich dieses zu vergegenwärtigen. Die
Verminderung der Transportkosten im Inlande durch die Bahnen, im
iberseeischen Verkehre durch die Durchstechung der Landenge von
Suez, die Ausbildung des Dampfschiffsverkehres und der Bau großer
Stahlschiffe hatten nicht nur den Preis der meisten Materialwaren
        <pb n="106" />
        ermäßigt, sondern auch vor allem den des Getreides, so daß die sehr
allgemeine Herabdrückung des Preisniveaus der großen Masse der
Waren in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts sehr wohl
allein durch den wirtschaftlichen Fortschritt ausreichend zu erklären
ist, so daß man nicht nötig hat, die Ursache bei den Edelmetallen
zu suchen. Worauf die Preissteigerung der letzten Jahre zurückzuführen
 ist, kann hier nicht untersucht werden.
Es gibt aber noch eine dritte Art der Veränderung des Geld- Zinfuß der
wertes, und diese ist es, die bei der gewöhnlichen Betrachtung der sprüche auf den
Verhältnisse ins Auge fällt und der Grund ist, weshalb man von © dwert.
der großen Geldentwertung im Laufe des letzten Jahrhunderts
spricht, nämlich die Veränderung der menschlichen Bedürfnisse,
 der Ansprüche an das Leben. Man sagt, daß seit dem Beginne
 des 19, Jahrhunderts der Geldwert gewaltig gesunken sei, und
versteht...darunter /} daß heutigen Tages eine _Familie_in derselben
söZzialen Stellung nicht von der gleichen Summe zu leben vermag wie
damals. Das ist aber nicht deshalb der Fall, weil die Preise aller
Gegenstände heutigen Tages viel höher sind als damals, und infolgedessen
 die absolute Kaufkraft des Geldes jetzt eine geringere ist als
früher, sondern allein oder hauptsächlich, weil unsere Eltern und
Großeltern sehr viel einfacher lebten, nicht so hohe Anforderungen
an Komfort usw. machten, weniger für Reisen usw. ausgaben und
daher mit einer geringeren Summe auszukommen vermochten. Es
handelt sich um eine relative Verminderung der Kaufkraft derselben;
Summe. Diese Veränderung ist in der neueren Zeit besonders groß‘
in der unteren und mittleren Klasse der Bevölkerung gewesen.

8-29.
Die volkswirtschaftlichen Folgen der Wertschwankungen
des Geldes,
TR ch Die Ursachen der Geldentwertung und ihre bisherige Auffassung.
E. Nasse, Die Demonetisierung des Silbers. Holtzendorffs Jahrb., I, S. 115.
Ders., Die Währungsfrage in Deutschland, Preuß. Jahrb., LV, S. 295. .
Lexis, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 1910, Kap. VII, VLil. X.
Eine plötzliche Geldentwertung beeinträchtigt alle Klassen, deren
Einkommen mehr oder weniger fest in Geld normiert ist. Das ist
der Fall bei den Rentiers, die ihre festen Zinsen beziehen und
natürlich darunter leiden, wenn dieselbe Summe nicht mehr die gleiche
Kaufkraft hat, so daß sie nicht mehr so gut davon leben können
&amp;amp;8. bisher. Ebenso stehen die Verpächter eines Gutes, die Vermieter
eines Hauses da, wenn die Miete für längere Frist fest bestimmt ist.
[n der gleichen Lage befinden sich auch die Beamten, deren Gehalt
noch eine lange Zeit dieselbe Höhe zu behalten pflegt, auch wenn die
Kaufkraft desselben wesentlich gesunken ist. Dasselbe ist von den
Arbeitern zu sagen..“,.Man weiß, welche schweren Kämpfe es den Arbeiter
 kostet, eine Lohnerhöhung durchzusetzen, und es ist eine Tatsache,
 daß bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts die Löhne ein
halbes, ja ein ganzes Jahrhundert und darüber in vielen Branchen
und Gegenden so gut wie unverändert geblieben sind, obgleich die
Preise aller Lebensbedingungen inzwischen nicht unbedeutend gestiegen
 waren. so daß der Arbeiter bei demselben Lohne erheblich

Jena

Folgen der
Geldentwertung.

1 AA “
        <pb n="107" />
        28

Folgen einer
Verteuerung
des Geldes.

Schlechter stand als früher. Durch die allgemeine ‚Preissteigerung
gewinnt dagegen vor allen Dingen der Landwirt, /der noch lang®
Zeit hindurch dieselben Löhne und die gleichen Zinsen zahlt, während
seine Einnahmen erheblich steigen. Muß er auch seine eigenen Bedürfnisse
 höher bezahlen, so fällt dieses doch yiel weniger. ins Gewicht
 als die Steigerung der Preise. seiner Produkte. Er verkauft
Vie) mehr als er kauft, Aus der Differenz hat er die Löhne zu zahlen,
die Verzinsung des angelegten Kapitals zu bestreiten. Eben darauf
beruhte das gewaltige Aufblühen der Landwirtschaft in den 50 Jahren
von 1825—1875 und in diesem Jahrhundert, Auch die Industriellen und
Kaufleute stehen sich in solchen Zeiten gut, bis die Löhne gestiegen
sind, und die zunächst niedrig gebliebenen Herstellungskosten allmählich
 mit den gesteigerten Warenpreisen in Harmonie gesetzt sind.
Durch die Erwartung einer weiteren Steigerung der Preise ist die
Spekulation animiert, man arbeitet nicht nur für den unmittelbaren
Bedarf, sondern darüber hinaus, und die Kaufmannschaft ist geneigt,
Einkäufe auf Vorrat, Bestellungen für die Zukunft zu machen und
zute Preise zu bieten. In solchen Zeiten ist das ganze wirtschaftliche
Leben besonders angeregt und die produktive Klasse in günstiger Lage.
Die Steigerung der Warenpreise, allmählich auch der Löhne regt
zu erhöhter Tätigkeit an, der gesteigerte Erwerb hebt die ganzen
Lebensansprüche und fördert die Kultur. Die erweiterte Nachfrage
nach Waren erstreckt sich nicht gleichmäßig auf alle Güter. Einige
werden vernachlässigt, andere in einem höheren Maße begehrt, und
dieses bewirkt erhebliche Verschiebungen in der Industrie und auch
in den Einkommensverhältnissen, die sich erst allmählich wieder ausgleichen
 können. Steigen die Löhne der unteren Klassen und damit
die Kaufkraft derselben, so erhöht sich nicht die Nachfrage nach
Kartoffeln oder Getreide, sondern in höherem Maße nach Fleisch,
vielleicht nach alkoholischen Getränken; jedenfalls nach Produkten
der Textilindustrie, aber auch wohl weniger nach den gewöhnlichen
Baumwollstoffen, als nach schönerer, feinerer Qualität von Leinenoder
 Wollenzeugen. Doch kann der Aufschwung gewisser Gewerbskategorien
 auch zur Verbesserung der Lage der Arbeiter durch die
erweiterte Nachfrage nach Arbeitskräften verhelfen, die namentlich
in der neueren Zeit leicht zu einer Lohnerhöhung führt, und dies beeinflußt
 wieder die Nachfrage derselben nach ihren Bedarfsartikeln.
Die Erhöhung der Preise, d. h. die Erniedrigung des Geldwertes wirkt
daher sehr ungleich und in schwer zu berechnender Weise, Ist die
Entwicklung dann zum Stillstand gelangt, so gleichen sich im Laufe
ler Zeit die Verhältnisse wieder aus, und die Wirtschaftsverhältnisse
zehen in ruhigem Geleise weiter.
Kine Verteuerung des Geldes oder, was dasselbe ist, eine allmeine
 Preisreduktion hat naturgemäß die entgegengesetzte Wirkung.
Es leidet darunter der selbst wirtschaftende Landwirt, der Pächter
wie der Grundbesitzer, Sie haben die gleiche Pacht zu zahlen, resp.
die gleiche Verzinsung der Hypotheken zu bewirken, dieselben Löhne
zu zahlen, während sie für ihre Produkte geringere Einnahmen haben.
Es ist die Zeit der wirtschaftlichen Depression, die den Landwirt
am härtesten trifft, wie das seit Mitte der siebziger Jahre in ganz
Europa zu beobachten war. Eine große Zahl der Landwirte ist nicht
imstande, ihren Verpflichtungen nachzukommen, sie verfallen der
Subhastation, der Grundwert geht zurück, worunter auch die Hypo-
        <pb n="108" />
        89 —

thekengläubiger leiden können. Auch in Handel und Industrie erachlafft
 der Unternehmungsgeist, denn Niemand wagt aus Furcht
vor dem weiteren Sinken der Preise Ware auf Vorrat zu kaufen
and auf Vorrat zu arbeiten. Jeder muß sich dabei mit einem geringeren
 Verdienst begnügen, alle Geschäfte haben einen schleppenden
Gang. Die ganze Volkswirtschaft befindet sich in gedrückter Lage.
Dagegen hat der Rentier und der Beamte einen Vorteil davon, die
feststehenden Einnahmen ermöglichen ihm ein besseres Leben.
Auch der Arbeiterstand kann zunächst dabei gewinnen. Doch liegt
lie Gefahr vor, daß bei dem Rückgang der Geschäfte, bei ausgebrochenen
 Bankerotten viele Arbeiter beschäftigungslos werden und
ladurch in Not geraten. Eine Erhöhung des Geldwertes wird deshalb
 im allgemeinen der Entwicklung der wirtschaftlichen Kultur
nicht günstig sein.
Nachdrücklich ist aber zu. betonen, daß.nur die Veränderungen
im Geldwerte. die. erwähnte. Wirkung haben, während ein. Stillstand
1es Geldwertes ‚allmählich, eine Ausgleichung zur Folge hat und es
Jah Sanz gleichgültig ist, .ob die Preise. hoch oder..niedrig sind;
38”ist das nur ein rein rechnerischer Unterschied, aber kein wirtschaftlicher.
 Haben sich die Löhne den veränderten Preisen erst
angepaßt, hat Jeder eine klare Uebersicht über die zu erwartenden
Einnahmen, so wird das ganze wirtschaftliche Leben sich danach
aingerichtet haben. Und ob jetzt mit Talern bezahlt wird, was früher
nur Mark kostete, ist dabei für den innern Verkehr ganz gleichgültig
und bringt. nur für den Handel mit dem Auslande Veränderungen
hervor, wenn dort die Wertverschiebung nicht in gleicher Weise vor
sich gegangen ist. Davon ging, wie wir sahen, auch John Stuart
Mill aus, als er sagte, eine Verdoppelung des Geldvorrates würde
keine andere Wirkung haben als eine Verdoppelung aller Preise und
Löhne, er übersah nur, daß dies sich erst durch eine wirtschaftliche
Revolution vollziehen kann, weil, wie oben angeführt, die Nachfrage
nach den verschiedenen Gegenständen sich sehr ungleich gestalten
würde, mit allen sich daraus ergebenden Folgen.

8 30.
DieGeschichteder Wertschwankungen der Edelmetalle.
Helferich, Ueber die periodischen Schwankungen der Werte der edlen Metalle
Nürnberg 1848.
Ders., Die Geldentwertung im 16. u. 17. Jahrh. Z. f. Staatsw., Bd. XIV.
Die historische Entwicklung des Geldwertes läßt sich nicht mit
Genauigkeit verfolgen, wie oben festgestellt wurde. Die Schwankungen
 sind indessen in den verschiedenen großen Perioden der Weltgeschichte
 So bedeutend gewesen, daß doch gewisse Phasen derselben
Berücksichtigung verdienen. Vor allen Dingen ist darauf aufmerk-3am
 zu machen, daß der Vorrat an Edelmetall schon im klassischen
Altertume ein sehr erheblicher war, der infolge der Konzentrierung
auf ein kleines Territorium und eine geringe Bevölkerung, welche
den damaligen Weltverkehr umfaßte, sehr erheblich ins Gewicht fiel.
Dazu kommt, daß die Verteilung jenes Vorrats eine weit geringere
war als in der neueren Zeit, vielmehr die Konzentration in einzelnen
Händen alles übersteigt, was in dieser Beziehung gegenwärtig auch
aur annähernd vorkommt. Der Schatz des Ptolomäus Phila-Altertum.
        <pb n="109" />
        Q0

Mittelalter

Neue Zeit.

lelphus wurde nach Böckh auf 740000 Talente geschätzt, nach
anserem Gelde etwa drei Milliarden Mark, eine Summe, die ungefähr
den Barvorrat der deutschen Reichsbank fast dreimal übersteigt, der
yegenwärtig die Grundlage eines großen Unternehmens bildet, welches
hauptsächlich im öffentlichen Interesse arbeitet, nicht den Besitz eines
Herrschers ausmacht. Cyrus hinterließ 500000 Talente oder zwei
Milliarden Mark, und derartige Nachweise der Anhäufung eines Barschatzes
 in einzelnen Händen ließen sich leicht erheblich vermehren.
Leider aber fehlt es an Arbeiten, welche auf Grund der neuerdings
zutage geförderten Inschriften und sonstigen Dokumente den damaligen
 Geldwert nach Preisüberlieferungen festzustellen versuchen,
so wünschenswert dieses auch wäre und so viel wertvolles Material
hierzu allmählich aufgefunden ist. Man wird indes annehmen können,
daß der Geldwert zur Zeit der Blüte Griechenlands und Roms nicht
wesentlich von dem in der Zeit von 1750—1850 entfernt gewesen sel,
Zur Zeit der Völkerwanderung ging ein großer Teil der bis
dahin angesammelten Schätze verloren, und die Edelmetallproduktion
schlief Jahrhunderte hindurch fast völlig ein, so daß eine sehr starke
Steigerung des Geldwertes stattgefunden haben muß. Man hat angenommen,
 daß er bis zum Jahre 800 auf das Vierfache gestiegen
ist, indem man berücksichtigte, daß der Preis einer Kuh nach unserem
zegenwärtigen Gelde etwa 3 M. war, der eines Zentners Weizen im
großen Durchschnitt 1 M. wenig überstieg, eines Zentners Roggen 1 M.
nicht erreichte. Seit jener Zeit begann die Produktion namentlich
an Silber in verschiedenen Teilen Kuropas, besonders in Böhmen,
Sachsen, im Harz eine beachtenswerte Ausdehnung zu gewinnen, so
daß der Geldwert bis zum Jahre 1300 sank, um dann etwa zwei
Jahrhunderte zum Stillstand zu gelangen.
Schmoller führt in seinem Grundriß II S. 164 nach d’Avenel,
histoire &amp;amp;conomique de la propriete 1898, die folgende kleine Tabelle an,
welche die Kaufkraft des Geldes in den verschiedenen Jahrhunderten
im Vergleich zu der im Jahre 1890 == 1 angenommen darstellt:

1201 —1225
226—1300
1301—1350
1351—1375
1376 — 1400
1401—1429 26
L430—1450 ‘5
L450—1500 5
L501—1525 5
1526 1550 4
1530 —1575 3

1576 —1600
1601—1625
1626—1650
1651—1675
1676—1700
1701—1725
1726—1750
1751—1775
1775—1790
19890

2,5
3
250
2,38
2,75
3
2,38
2

Daß die Preise eines Jahres zum Ausgangspunkt genommen sind,
wird man beklagen müssen, doch haben die Zahlen bis auf die vorjetzte
 viel Wahrscheinlichkeit für sich.
Die Entdeckung Amerikas bewirkte dann ein rapides Sinken des
Wertes der Edelmetalle; in Spanien schon Ende des 15. Jahrhunderts;
in Frankreich und Deutschland insbesondere von 1500—1600. Die
Zoldbeute der Spanier in Peru wird auf 20 Mill. M. veranschlagt. Die
yesamte Ausbeute an Gold in den amerikanischen Kolonien wird von
Lexis für die Zeit von 1500—1521 auf 100 Mill. M. geschätzt; von
1534—1600 von Soetbeer auf 130 Mill. M. an Gold. Bei der geringen
 Ausdehnung der Kulturwelt, der niedrigen Bevölkerungszahl
        <pb n="110" />
        der damaligen Zeit und dem unbedeutenden Geldverkehr, namentlich
bei der Landbevölkerung mußte dieses Quantum einen erheblichen
Druck auf den Goldwert ausüben. Die Gesamtproduktion an Silber
schätzt Soetbeer für die Zeit von 1501—1534 auf 460 Mill. M. in
Amerika und Europa zusammen, in den 15 Jahren von 1545—1560
allein auf 740 Mill, von 1561—1580 auf 920 Mill, 1581—1600 auf
1220 Mill. Bis in die Mitte des folgenden Jahrhunderts blieb sich
dann die Produktion ungefähr gleich. Es ist aber aus den Angaben
ersichtlich, wie außerordentlich schnell in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
 die Produktion an Silber zugenommen hat und mit der des
Goldes gemeinsam einen erheblichen Druck auf den Wert des Edelmetalles
 ausgeübt haben muß, so daß dieser in dem 17. Jahrhundert
gegenüber der Zeit yon 1300—1500 mindestens auf die Hälfte gesunken
ist und gegenüber der Zeit von 1750—1850 etwa wie 1.5 zu 1 angenommen
 werden kann.
Infolge der Entdeckung der Goldlager in Kalifornien nahm nun
zeit 1848 die Goldproduktion der Welt in außerordentlicher Weise zu.
War die jährliche Produktion in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts
 etwa 23700 Kilo Gold gewesen, so veranschlagt man sie
in der Zeit von 1851—1880 auf 187000 Kilo, sie hat sich also verachtfacht;
 in den letzten Jahren betrug sie dagegen etwa 700000
Kilo. Zu gleicher Zeit nahm auch die Produktion an Silber erheblich
 zu, die aber doch bis 1880 nur ungefähr eine Verdoppelung
erfuhr, bis 1910/13 dann eine Vervierfachung. Dies hätte unzweifelhaft
 eine gewaltige Entwertung der Edelmetalle herbeiführen müssen,
zumal zu gleicher Zeit der Umsatz auf Grund des Kredites und
die Anwendung der Geldsurrogate vermittels der Banken eine große
Ausbreitung gewannen, wenn nicht in jener Zeit der Weltverkehr
eine wesentliche Erweiterung erfahren hätte, und die rapide Zunahme
der Bevölkerung und noch in höherem Maße des ganzen Wohlstandes
dem entgegengewirkt hätte. Besonders erheblich war der Abfluß an
Silber nach dem Orient, indem die von dort bezogenen Waren, aus
China Tee und Seide, aus Indien Gewürze, Reiz, Indigo usw. in der
Hauptsache mit klingender Münze bezahlt werden mußten, die dort in
ausgedehntem Maße zur Thesaurierung in den Tempeln, dann in den
Händen der Fürsten benutzt wurde und dadurch aus dem Verkehre
verschwand, weil vor allen Dingen China sich gegen die Einfuhr
europäischer Waren verschloß, die bei der geringen Kaufkraft der
Bevölkerung in Indien von selbst unterblieb. Während bis dahin fast
nur Silber nach dem Orient floß, wurde in neuerer Zeit allmählich
dort auch Gold aufgenommen. So blieb die bedeutende Vermehrung
des Vorrates an Gold in Europa ohne nachweisbaren Einfluß auf den
Wert des Goldes wie des Geldes. Von größerer Bedeutung war es
natürlich, daß der stärkere Zufluß an Gold auch Veranlassung wurde
zu erweiterter Anwendung desselben zu Münzzwecken, dann insbesondere
 in der Industrie. In der letzteren Beziehung ist die Nachfrage
naturgemäß außerordentlich dehnbar, weil das Streben nach dem Besitz
 jenes blinkenden Edelmetalls ein allgemeines ist. Jede Hebung
jes Wohlstandes schließt deshalb auch eine entsprechende Erweiterung
lieser Verwendung ein, und man kann in unserer Zeit verfolgen, wie auch
die unteren Klassen von Jahr zu Jahr mehr Gebrauch davon machen, Die
Gesamtverwendung an Gold für gewerbliche Zwecke belief sich nach
Soetbeer in der zivilisierten Welt 1831—1850 auf 19000 Kilo, 1897

19. Jahrhundert.
        <pb n="111" />
        02 —

Die neuere
Zeit.

Ursachen der
jeuesten Geldwertverände-



(nach Haupt) auf 98000, 1905 (nach dem Bericht des amerik, Director
of the Mint) auf 128000 Kilo, sie ist also auf mehr als das Sechsfache in
70Jahren gestiegen und hat sich seit den sechziger Jahren fast vervierfacht.
Infolge der oben erwähnten Tatsachen war die Wirkung des
starken Goldzuflusses derartig abgeschwächt, daß eine Herabdrückung
des Goldwertes dadurch nicht nachweisbar ist, und es ist dieses
zugleich als ein Beweis dafür hervorzuheben, daß gegenüber dem
yewaltigen Vorrat an Gold die Neuproduktion nur einen unbedeutenden
Einfiuß auszuüben vermag.
Von 1875—1904 war nun allgemein das Preisniveau im Engrosverkehre
 mehr und mehr herabgedrückt, mit anderen Worten, der
Geldwert war gestiegen, und zwar in einem erheblichen Maße, so daß
die Einwirkung auf die ganze Volkswirtschaft eine bedeutende war.
Die Untersuchung für 45 Waren in England ergab das Preisverhältnis
des Durchschnittes von 1867—77 gegenüber 1888-—-97 wie 100: 67,
1899 bis 1908: 100 zu 72 von 1909—18: 100 :81; nach den Hamburger
Preisen von 1847—80 zu 1891—1900 wie 100 zu 845; zu 1901—05
wie 100: 76,05, zu 1906—10 100 : 83,08.
Worauf war diese Veränderung des Geldwertes zurückzuführen?
Zunächst war man der Ansicht, daß es sich in der Zeit von 1875—90
um eine Verteuerung des Goldes handle. Und diese Auffassung hatte
nach der Statistik zunächst außerordentlich Vieles für sich, denn es eryab
 sich, daß gerade in jener Zeit die Jährliche Produktion an Gold nicht
wie bisher zu-, sondern abgenommen hatte. Von 1851—80 wurde dieselbe
auf 187000 Kilo pro Jahr veranschlagt, von 1881—90 auf nur 156000,
während in derselben Zeit der Verbrauch für Münzprägung und für
industrielle Zwecke fortdauernd gestiegen war. Da zu gleicher Zeit
sich in den Banken Europas, namentlich in England und Deutschland,
ein Goldmangel herausstellte, der in häufigem Steigen des Diskonts
zum Ausdruck kam, durch den die Banken ihren Geldvorrat zu verteidigen
 suchten, so lag die Schlußfolgerung nahe, daß eine allgemeine
Goldknappheit infolge der geringeren Produktion vorläge, die zu
einer Verteuerung des Goldes geführt habe. MFreilich konnte dem
gegenüber sofort eingewendet werden, daß die erwähnte Preisstatistik
sich fast nur auf Rohmaterial und Engrospreise bezog, während die
Detailpreise nicht in dem gleichen Maße zurückgegangen waren, ja
die Löhne sogar in der gleichen Zeit einen nicht unerheblichen Aufschwung
 genommen hatten.
Die ganze Annahme ist aber durch die Erscheinung der späteren
Jahre nachdrücklichst widerlegt, weil seit jener Zeit die Goldproduktion
einen enormen Aufschwung genommen hat. Schon 1891—95 war die
Produktion auf ca. 230000 Kilo gestiegen und erreichte bis 1898 eine
Höhe von 430000, 1904 von 522000 Kilo. Sie hatte sich also seit
den achtziger Jahren mehr als verdreifacht. Gleichwohl ist bis 1904
eine Steigerung des Preisniveaus in kaum merkbarer Weise zutage
getreten. Wenn aber ein Anwachsen der Produktion in wenig Jahren
um 300000 Kilo Gold in solcher Weise spurlos an dem Geldwerte
vorüberging, während in dieser kurzen Zeit erhebliche Veränderungen
in der Nachfrage nach Gold nicht eingetreten sein können, so liegt
der Beweis vor, daß man überhaupt den Einfluß der Edelmetallproduktion
 auf den Geldwert überschätzt hat, und ganz unmöglich der
unbedeutende Rückgang der Produktion um 30000 Kilo in den 80 er
Jahren einen so tiefgreifenden Einfluß auf die Preisverhältnisse ge-
        <pb n="112" />
        habt haben kann. Von 1905—14 hat ferner eine Steigerung des Preisniveaus
 stattgefunden, ohne daß die Edelmetallproduktion abgenommen
hat. Die Ursache ist alsö nicht bei dem Gelde, sondern bei den Waren
zu suchen, deren Produktionsverhältnisse seit Mitte der 70er Jahre
durchgreifende Veränderungen erfahren haben, worauf wir in dem
Kapitel V und den Paragraphen 47 und 48 ausführlicher zurückkommen.

8 31.
Zur Statistik der Edelmetalle.

Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Art“ Gold, Silber.
_ En zur Währungsstatistik, verf. vom k. k. Finanzministerium. Wien
Ed. Sueß, Die Zukunft des Goldes, 2. Aufl. Wien 1892.
Ders., Die Zukunft des Silbers. Wien 1893.
S. M. Lindsay, Die Preisbewegung der Edelmetalle. Jena 1893.
Th. Taussig, The Silver Situation in the United States. Baltimore 1894.
Verhandlungen der Kommission zur Hebung des Silberwertes. Bd. I nnd II.
Berlin 1894.
Annual Report of the director of the mint upon production of the precious
metals in the U. St. Washington.
Jahrb. f. Nat., 1896. 3. F. Bd. XI. Lexis, Die Edelmetallgewinnung und
Verwendung in den letzten Dezennien.
Helfferich, Das Geld. Leipzig 1903.
Ingineering and Mining Journal of New-York.
Die jährliche Produktion belief sich auf:

Gold
Kilo
23.697
186 880
155 020
L57 080
186 600
208 700
226 400
258 400
285 000
305 000
355 000
432 483
461 300
387 400
394 955
445 215
193 083
522 250
567 462
605 632
320 723
664 958
674 336
684 176
694 466
701 793
684 848

Silber
Kilo
654 476
L 450 133
2 607 000
3463 800
4267 000
1765 100
5 138 000
3 183 000
3.236 000
4 886 300
4 990 000
5388 000
5.201 000
5 399 000
5 381 260
5193 978
5 216 800
5112479
5.218 006
5 133 887
5.729 210
6 319 947
6 545 987
6 896 000
6 957 000
6 976 000
6.596 000

Gold
Mill. M.
66
521
432
RB
520
581
631
19
845
850
991
1203
1287
1081
1102
1242
1367
1458
L504
L691
1733
1856
1881
1911
1938
1959
1910

Silber
Mill. M.
118
261
495
523
569
560
542
4139
ApC

1800—1850
1851—1880
1881—1885
„886—1890
1891
1892
1893
1894
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
1905
9061)
‚907
908
‚909
‚910
911
‚912
1913

A0
M
59
21
65
136
372
280
400
430
469
511
456
460
505
501
535
498

Produktion.

In den verschiedenen Staaten entwickelte sich die Goldproduktion
in der folgenden Weise:

1) Statist. Jahrb. des Deutschen Reichs, 1914 S. 35* für 1906 und die folgenden
Jahre. Von 1910—1913 nur vorläufige Berechnung.
        <pb n="113" />
        94

Verein. Staaten
Kilo
19 000
59 000
70 MON

Australien
Kilo
49 800
70.007
"MV

Südafrikan. Rep, Rußland
Kilo Kilo
18.925
60 000
78.000
37.080
‚«frika
79 244
21017
77182
3.048
58 716
‚02 314
129 272
70622
190 101
228 685
250 558
257 280
263 602
988 201

‚890
‚894
895
896

897
898
899
900
‚902
903
904
1905
19062
907
1908
1909
1910
1911

wrr;£“

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RE JAC
24 99:
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29291
21 335
13 870
110333
106 843
98511
90 557

RO ARE
42.285
36.075
‚42 281
149 975
144 853
145 787

Hieraus ergibt sich, daß die Gesamtproduktion an Gold sich innerhalb
 von 10 Jahren mehr als verdoppelt hat, und zwar an allen Orten,
in welchen überhaupt die Goldproduktion eine Bedeutung hatte; ganz
besonders in den Südafrikanischen Republiken, wo noch im Jahre 1885
nur 500 Kilo Gold gewonnen wurden, 1887 erst 1700. Der Krieg mit
Transvaal hat im Jahre 1899 allerdings eine Unterbrechung herbeigeführt,
 die aber schnell ausgeglichen wurde. Die Produktion an
Gold wurde im Jahre 1898/99 in Britisch-Indien auf 12700, 1911
auf 16633 Kilo, in Mexiko auf 12800, 1911 auf 37436 Kilo, in Canada
auf 20800, 1911 auf 14689 Kilo berechnet. Im Jahre 1913 scheint
zum ersten Male die Gesamt-Edelmetall-Produktion einen kleinen
Rückschlag erfahren zu haben, der aber nur in Australien von nachhaltiger
 Bedeutung sein dürfte.
Diese Zunahme der Goldproduktion ist vor allem auch in dem
Goldvorrat der großen Banken zu spüren gewesen, der sich in der
folgenden Weise vergrößert hat:
(Siehe die Tabelle auf nächster Seite.)
Die Silberproduktion war nach den Berichten des amerikanischen
Münzdirektors:
Verein, Staaten Mexiko Australien
Kilo Kilo Kilo

Deutschland
Kilo
aus inländ. aus inländ.
Erzen u. ausl. Erzen u.
Abfällen usw.
428 400
448 100
480 600
467 600
415 700
430 610
396 253
389 8927

1896
1897
1898
899
900
902
‚903
‚904
‚905
‚906
1907
1908
1909
1910
1911
1912

830 347
675 582
693 563
703 720
793.395
726 603
589 270
794 509
ı 745318
| 757 044
757 844
631 129
. 702 068
. 777229
1878675

; 422315 389 746
676 925 369 523
. 765116 373 944
. 730 089 394 682
‚786 887 115 015
1872 091 249 690
2193 349 301 233
L 891 764 152 926
2023 418 167 666
717738 132 640
L 901 934 558 292
2.291 260 534 218
2.299 920 508 842
2219975 670165
2 458 241 515 658

183 252
171 074
163 944
194 190
68 340
178 032
180 374
180 736
180 978
177 133
158 261
154 636
165 876
184 092
155.045
190 098

1) Statist. Jahrb. des Deutschen Reichs, 1914 S, 35* für 1906 und die folgenden
Jahre. Von 1910—1913 nur vorläufige Berechnung.
        <pb n="114" />
        . 95 —

Sichtbare Goldbestände.?)
In Millionen Mark.

Gegen Ende des Jahres
1913 | 1912 | 1911 | 1910 | 1905 | 1901 | 1900 ! 1890

Deutschland:
Reichsbank
Reichskriegsschatz
Privatnotenbanken

Großbritannien:
Bank von England?)
Bauk von Schottland ®)
Bank von Irland?)
Länder der Frankenwährung:

Bank von Frankreich *)
Belgische Nationalbank *)
Schweizerische Emissionsbanken

Bank von Italien ®)
Bank von Neapel)
Bank von Sizilien ®)
Griechische Nationalbank?)
Bank von Spanien 9

Niederländische Bank ®)
Jesterreich.-ungar. Bank’)
Russische Staatsbank und
Reichsrentei *)
Bank von Finnland ®)
Skandinavische
Münzunion:
Dänische Nationalbank 3)
Schwedische Nationalb. 5)
Norwegische Bank ®)

Bank von Portugal ®)
Serbische Nationalbank ®)
Rumänische Nationalb. ®)
Bulgarische 2 8)
National-FRE
 | banken)
) Staatsschatz®)
Bank von Japan ,
Argentinien, Caja de cont.
in Buenos Aires

170,0
195.0 /
65'0

392,1
91
867

2851,9
9017

137,7
397,2
176,6
39.7
186
3889

256,0
| 054’8

3278,3
992

124,9
160,9
83:3

34,0.
47,8
22,9 |
44.6

611,7
5 424,0
4681

10218

776,6| 727,8
120,0| 1200
6101 590:

623,1
115,0
761

646,4
110,2
794

2 587,6
173.7

2 584,1
1529

140,2
3278
175,0
397
11,3
3540
275,0
1028'3

130,1
816.4
1717
38/9
. 81
338,6
237,2
| 0981

2867,2
284

2714,9
984

91,5
113,4
693,5

85,1
96,4
75.4
30,0
25,9
1281
324

31,6
45.0
1270
413

632,8
52728
518.7

625,0
1 9685
486,7
7940

936.1

661,0
120,0
60.0!

624,3
105,8
81.8

2 656,3
1018

5126,0
789.9
165,2
46.2
1:6
332,7
210,9
11225

2661,0
178

83,4
91.5
68,6

27,5
194
975
951

620,9
1 683,3
499,7
781,2

596,3 632,2
1200 120.0
56.0) 700;

566,5
115,8
624

661,8
123,9
624)

23881,5
"94

1 988,7
698

86,2
504,1
1126
34,8
0,8
3043

88,4
254.0:
55.9
28.4
16
2838
1164
9487
1793,0
170

133,9
913,0
23874,9

104,5
76,7
425
21,9
97
635
1292

81,8
52,9
34/4

21,9
5.7
40,0
57

1543,9
)3 203,5
2186

.27B.
227.4
145,3

500,6
120.0
75.0

579,0
123,1
648

1890,8
744

81,1
2437
548
28.4
1,6
2835
98,9
7817
1744,8
170

82,6
415
82,7
21,1
5,7
323
57

1.266,7
20181
1382

488,2
120.0

475.3

907,4
488
49,7
6159

122,8
66,0
92:8
919.2

2) 798,3
1 230,7
11,882

| 19 801,8 | 18 159,7 | 17 399,5 | 16 802,4 | 18 708,1 |11 245,9 |10 402,3 | 6 840,7
1) Jahrb. f. Nat.-Oek. Chronik 1906 S. 828, 1914 8. 1048, x .
2) Nach dem Londoner Eeconomist (Metallbestand überhaupt, abzüglich des hen
;inschließlich 1902 auf £ 200000, von 1903 ab auf £ 800000 geschätzten Silbervorrats).
3) Nach „L’Econumiste Europeen“,
“‘ Nach den Verwaltungsberichten.
4) RE Nationalbank.
5) Einschließlich des Silbers. . . n ;
7 Seit dem Jahre 1897 nach den offiziellen russischen ME für 1890
1”% nach dem „Bulletin russe ete, 1897“, Später nach den öffentl. EA
R) Nach „Monthly Summary of Commerce and Finance of the United States“.
”‘ Ende Sn
ıC) Anfang Dezember. .
in Nach en „Annual Reports of the Director of the Mint“, u
Se Specie, d. 1. Metall überhaunt, darunter 125—150 Mill. M. Silber.
        <pb n="115" />
        96 —

Münzbestand.

Der Gesamtbestand ist hiernach Tall und in den letzten
fünf Jahren erheblich gestiegen. Die deutsch&amp;amp;‘Bank hat gerade 1913
sinen bedeutenden Zuwachs an Gold erhalten.
Den Vorrat der Welt an Münzen und Barren schätzte Soetbeer
1880 auf 13,1 Milliarden M. in Gold, 8,4 Milliarden M. in Silber, Ende
1895 Lexis dagegen unter Ausschluß Ostasiens das Gold auf 16 Milliarden,
 der Direktor of the mint der Verein. Staaten inkl. Asiens pro
1898/99 auf 19,3 Milliarden M. Gold und 16,1 Milliarden M. Silber
Jahrb. f. Nat.-Oek. 1900. Ba. XIX. 8. 132.)

Der monetäre Goldvorrat maßgebender Länder auf
Millionen M. umrerechnet.

Verbrauch.

(891
1896
L90i
1902
1905
1906
19111

Deutschland ‘“England Frankreich
3968 2310 8780
2835 2453 3242
3028 2146 3404
3203 2217 3794
8724 2239 8891
3853 2348 4337
3250 2730 4863

Ver, Staaten
2715
2518
4665
4933
5662
5967
7189

Der Gesamtvorrat in Europa und Amerika wurde in den acht.
ziger Jahren auf ca. 26 Milliarden M. in Gold und 18 Milliarden M.
in Silber geschätzt, so daß in Geräten aller Art 13 Milliarden oder
50%, des Goldes zu veranschlagen gewesen wären, 10 Milliarden oder
55 °%_ des Silbers. Lexis schätzte den Gesamtvorrat pro 1900 auf
35,5 Milliarden an Gold. Nach dem Bericht!) des amerikanischen
Münzdirektors war der monotäre Vorrat in Banken, öffentlichen Kassen
and im Umlauf 1911: 31,7 Milliarden M. in Gold und 10.8 Milliarden
M. in Silber.
Der jährliche Verbrauch belief sich in den zivilisierten Staaten
in Summa nach ungefährer Schätzung:

Für Münzzwecke,
 Ueberschuß
 zur Vermehrung
 des
Vorrates
Kila

Abnutzung
der Rn RE
and zufälliger Orient
Verlust
WA

Industrieller
Verbrauch

Produktion

Ni]

Kilo

an € -'a

1831—50
1851—70
1871—80
1881—85
L886—90
1897
1898
1905
Einschmelzen
 von
Münzen

20 000
{32 050
73 500
23 200
40 570
66 000
59 000
205 600

24 500

|

350
600
300
300

1 900
20 000
12000
24.000

60 000 ?)
7000
97 000 41

19 000
32 500
84 000
70.000

98 600
97 800
198 000

27 500
195 150
170 300
155.020
157 080
340 000
432 000
567 400 ®

+) Jahrbücher f. Nat. ök. Chronik 1912 S. 442.
") Indien und Japan.
Z Nach dem Al Münzbericht.
Nach den Accounts relating to Trade and Navioati ited Ki
und den Cireulars von Piscley u. Abell. gation of the United Kingdom
        <pb n="116" />
        97

831—50
‚851—70
‚871—80
‚881—85
‚886-—90
801—94
1894
1898
1903
1904 |
1905

Für Münzzwecke,
 Ueberschuß
 zur Vermehrung
 des
Vorrates
Kila

-+ 8375 000
— 400 000
4120 000
4.383 400
-158 656
„149 406

2 687.000 2) 4

Abnutzung
der Münzen
u. zufälliger |
Verlust
Kilo

„m ©
19 000
49100
46 004
am nr

Ler

Abfiuß
nach dem
Orient

Kilo

230 000
L 180 000
* 080 000
283 000

50.009 "
60 0
2 246 0
26288
2) 146

y!

Industrielle)
Verbrauch

Xilo

210 000
290 000
450 000
520.000

L 000.000
{089 000

1.576.000 %)

Produktion

Kilo

688 400
1.057 800
2 234 500
2.223 400
3 463 800
4 838 250
5 104 000
5143 000

5 218000 %

Nach den Angaben des amerikanischen Münzdirektors wurden
von 1886—90 für 562,8 Mill. M. Gold neu ausgeprägt
1895—97 „ 12106 „ » »
an Silber 1897: 400 000 kg; 1898: 360 000 kg.
Münzausprägung
Gold Silber
in 1000 Mk.
1014 338 889 936
1 902 607 740 979
1016532 440 256
1902 095 434 057 21

Wie viel davon aber aus neugewonnenem Metall, ist sehr unsicher.
Der Goldverbrauch für gewerbliche Zwecke ist durch versandte
Fragebogen an die Industriellen von seiten der Regierung für Deutschland
 annähernd festgestellt: ®)
an Goldmünzen
deutschen ausländischen
1907 45685000 M. 2540000 M.
1908 49371000 „ 2026000 .

an Feingold
35 506 000 M. 83 731 000 M.
40219000 91616000 „

8 32,
Das Verhältnis zwischen Gold und Silber.
Ed. Sueß, Die Zukunft des Goldes. 2, Aufl. Wien 1892.
Th. Hertzka, Währung und Handel, Buch II. Wien 1877,
Jahrbücher f. Nat. 1880. Bd. XXXIV. Lexis, Beiträge zur Statistik der Edelmetalle
 usw.
4. Soetbeer, Edelmetallproduktion und Wertverhältnisse von Gold und Silber. 1879.
Patermanns Mitteilungen, Erg.-H. 51, Economist, London.
„. Je.nach dem Verhältnis von Produktion und Bedarf steht das LE
Silber bald höher, bald niedriger im Werte gegenüber dem Golde.

1) Indien und Japan.
2) Nach dem amerikanischen Münzbericht. z z
3) Nach den Accounts relating to Trade and Navigation of the United Kingdom
and den Circulars von Piscley u. Abell. .
4) exkl. der Prägnngen von Indien, China und den Straits-Settlements,
5) Ausfuhr von London nach Indien, den Straits-Settlements und China,
6) Jahrb. f. Nat.-Oek, 1909, Chronik S. 985.
Honrad, Grundriß der nolit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl.
        <pb n="117" />
        98 —

Schon im Altertume sind Schwankungen in dem Wertverhältnis nachzuweisen.
 Im babylonischen Reiche ist schon etwa 2000 Jahre vor
Chr. und vor der Geldprägung das Wertverhältnis von Gold und
Silber wie 3:40 festgesetzt. Unter Darius war das Wertverhältnis
der Gold- und Silbermünzen wie 1:13, daneben waren Münzen im
Umlauf, welche aus einer Mischung von Gold und Silber, Elektron
genannt, hergestellt waren, welches das Verhältnis wie 1:10 zeigte.
Auch im alten Rom ist das Verhältnis zeitweise wie 1: 10, zeitweise
wie 1:14 gewesen. Bis zum Beginn unserer Zeitrechnung scheint
dasselbe zwischen 1:10 und 1:14 geschwankt zu haben.
Zur karolingischen Zeit ist als Minimum 1:12 anzunehmen. In
der ersten Zeit des fränkischen Reiches verschob es sich zu 1:10, im
letzten Drittel des 6. Jahrhunderts war es wie 1: 14, in dem späteren
Mittelalter sind die Angaben sehr unsicher. Ludwig der Heilige akzeptierte
 bei seiner Münzprägung das Verhältnis wie 1: 12,2, das sich
sine lange Zeit sehr allgemein so gehalten zu haben scheint. Für
Ende des 15. Jahrhunderts wird es wie 1:11 angenommen. Nach
Rechnungen, die aus der deutschen Ordenszeit überliefert sind, läßt sich
ein Verhältnis zeitweise wie 1:9, zeitweise wie 1:12 berechnen. In
dem Augsburger Reichsabschied von 1568 wurde es auf 1: 11,55 festgesetzt.
 Soetbeer berechnete das Wertverhältnis in Süddeutschland
 für das Jahr 1601 auf 1:11,86, 1605 12,02, 1624 13,42, 1631
13,42, 1680 15,1. Auch für Frankreich und England sind für jene Zeit
ähnliche Schwankungen zu konstatieren. Nach den Hamburger Kurszetteln
 hat derselbe Autor für die Zeit von 1691—1830 die folgende
interessante Zusammenstellung geliefert:

Neuere Zeit.

Max. Min,
L691— 1700 15,20 14,81
L701—1710 VA '5,07
"711—1720 6,21 A,04
721-1730 DS 4,81
"31—1740 ‚5,41 „91
41—1750 .D,26 4.80
ul—1760 14,94 4.14
61—1770 :5,27 ‚4,54
71—1780 4,80 14,53
«„E1—1 20 15,04 14,42
‚91—180) 15,74 15,00
801—1810 16.08 15,26
‚811—1820 16.25 15,11
‚821—1830 15,95 15.70

Jahre

Durchschn.
14,96
0,27
5,15
‚5,09
15,07
4,93
4.56
‚4,81
14 64
14,76
15,42
15,60
15,51
15.60

In der neueren Zeit ist der englische Markt für die Bestimmung
des Wertes des Edelmetalles für die ganze Welt maßgebend. Dort
war das Wertverhältnis von 1801—50 wie 1: 15,65. Die weitere
Entwicklung geben wir in der folgenden Tabelle.
(Siehe die Tabelle auf nächster Seite.)
Die vorstehenden Zahlen lassen ersehen, daß, soweit wir die historische
 Entwicklung zurück verfolgen können, wenn auch unter vieliachen
 Schwankungen, das Silber allmählich eine immer größere Entwertung
 erfahren hat. In dem 18. und in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts war das Wertverhältnis ziemlich konstant 1:15 bis
1:15,6. Mitte der siebziger Jahre begann dann ein bedeutendes
Sinken des Silberwertes von 60 Pence pro Unze bis auf 27 Pence im
Jahre 1899, während er zeitweise sogar bis unter 24 Pence heraunter-
        <pb n="118" />
        99

Jahre

Preis des Silbers in Pence
niedrigster Durchschn. höchster
561,25
60,94

Wertverhältnis von
Gold zu Silber nach dem
Durchschnittspreis
5,40
5,48
15,45
15,51
15,56
15,95
16,05
6,54
1,2
7,24
+ 17,96
18,31
13.0,
18.15
: 18,17
: 18,62
: 18,58
: 18,17
: 20,79
: 20,67
- 22,00
- 22,09
: 19,75
: 20.93
: 23,69
: 26,43
: 32.49
- 33,60
30,59
: 34,20
35.08
34,86
33.38
34,68
3915
38,10
35,70
33,87
: 30,54
: 31,24’)
: 38,64
: 39,74
.: 38.22
. : 38,38
1 : 33,60
| : 34.16

;8351—60
861 —70
870
‚871
872
373
374
375
376
377
378
879
‚880
881
„882
‚883
‚884
‚885
886
887
888
‚889
‚890
891
1892
1893
1894
1595
896
‚897
‚898
‚899
900
„901
‚902
‚908
‚904
‚905
906
1907
1908
1909
1910
ı911
1912
19138

503
01,6
9%
57%
574
551
168,
81
49
187%
315
1%
50
A /
„91
0
42
31/4
11*%6
12
18%
4311,
378
30*/2
27
27ı6
30
23,75
25
26°
27,1
27,94
211416
216
240
20°
29
Zn
22
2816
285%
2316
25%
2557

50%
61
öl"
91 h6
DU
578%
3816
5815
55
581
SQ
321
5276
al
Rn
526
17
178
14%h6
14'h6
545
48%,
438%
8 3 4
ua
18%
4
9,8
28,3
28%,
30,19
20,56
261
281%
289 16
30°6
3831/8
3276
26008
24%
261
26%
2916
293)

15,06
39.83
35 68
29,02
29/54
30,76
27.54
26,48
27,44
28,27
27.19
24.09
24,75
26,40
27,84
30,68
3023
24,39
23,74
24.66
24,60
28,05
97.58

gegangen war. Das Verhältnis erfuhr mithin in der neuesten Zeit
sine Verschiebung, wie sie die Geschichte noch niemals auch nur annähernd
 aufzuweisen hatte. |
Welches waren nun die Ursachen dieser auffallenden Erscheinung ?
1. Es kann darüber kaum ein Zweifel sein, daß den Anstoß zu
dieser Verschiebung der Uebergang Deutschlands von der Silber- zur
Goldwährung gegeben hat. Während bis dahin Deutschland auf dem
Londoner Markte regelmäßig als beachtenswerter Käufer von Silber
aufgetreten war, begann es nun sogar nicht unbedeutende Quantitäten
(5 Millionen Pfund) zum Verkauf zu stellen. Auch die skandinavischen
Reiche, welche 1872 die Silberwährung aufgaben und den Uebergang
1) Statist. Jahrb. für das Deutsche Reich.

Irsachen der
Entwertung
des Silhers.

x
        <pb n="119" />
        100 —

Zunahme der
Silberprodukion.


zur Goldwährung viel schneller vollzogen als Deutschland, stießen
überschüssiges Silber ab. Die erste bedeutsame Folge hiervon war,
daß die Länder der lateinischen Münzkonvention 1873 die freie Ausprägung
 des Silbers sistierten. Damit war der Abflußkanal geschlossen,
der bis dahin in bedeutsamer Weise eine Ueberfüllung des Weltmarktes
 mit einem Metalle verhindert hatte, indem jedes überschüssige
Quantum, welches das Wertverhältnis zu verschieben drohte, in die
Münzen, insbesondere von Frankreich, Italien und Belgien floß, um
dort zur Ausprägung zu gelangen, während das auf dem Weltmarkt
fehlende Metall jenen Ländern entzogen und auf den Markt geworfen
wurde. Daß dieses ein wesentliches Moment war, um das Wertverhältnis
 lange Zeit zu stützen, kann wohl keinem Zweifel unterliegen,
Freilich hätte in den fünfziger Jahren Frankreich allein hierzu schwerlich
 ausgereicht, da die Produktionsverhältnisse der Edelmetalle sich
seit 1851 vollständig verschoben hatten. Während in der ersten
Hälfte des Jahrhunderts die Goldproduktion dem Werte nach nur
36 °%, die Silberproduktion 64%, der gesamten Edelmetallproduktion
ausmachte, hatte sich im Durchschnitt der Jahre von 1851 —1880 der
Prozentsatz gerade umgekehrt, er war an Gold 66,7 %, an Silber 33,3
und erst seitdem hat die Silberproduktion wiederum eine höhere Bedeutung
 erlangt. Die Ausdehnung der zivilisierten Welt, der wachsende
Bedarf an Gold für Industriezwecke, der erhöhte Abfluß von Gold
nach dem Orient müssen hier ausgleichend gewirkt haben. Offenbar
war auch damals der Edelmetallmarkt nicht so ausgebildet wie jetzt.
Die Neuproduktion erschien nicht in der ganzen Masse auf dem Markte,
so daß schon ein geringeres Quantum, welches zu jeder Zeit ohne
Schwierigkeit auf den Markt geworfen werden konnte, ausgleichend
zu wirken vermochte.
In den angeführten Momenten aber die alleinige Ursache der
Silberentwertung zu sehen, ist völlig unberechtigt. Ein Beweis dagegen
 wurde von Deutschland geliefert, indem es auf das Drängen
der Bimetallisten 1879 den Verkauf von Silber sistierte, in der Hoffnung,
 dadurch dem weiteren Sinken des Silberwertes ein Ziel zu
setzen. Die Erwartung wurde durchaus getäuscht, das Silber sank
trotzdem in den achtziger Jahren in noch rapiderer Weise.
„2. Ungleich bedeutsamer ist sicher das zweite Moment gewesen:
die Zunahme der Silberproduktion in den letzten Dezennien, die seit
Anfang der fünfziger Jahre sich dem Gewichte nach auf das Fünffache
 entwickelt hat. Unterstützt wurde die Wirkung noch durch ein
erhebliches Sinken der Produktionskosten infolge der Erfindung sowohl
 einer Anzahl“ Maschinen, welche den bergmännischen Betrieb
erleichterten, wie eines‘verbesserten Verfahrens der chemischen Ausscheidung
 des Silbers und besonders einer vollständigeren Gewinnung
desselben aus dem Erz, so daß trotz des bedeutenden Sinkens der
Preise sich in verschiedenen Gegenden die Produktion besser bezahlt
machte, wie bisher, besonders wenn man durch Forcierung der Produktion
 im Großen die Generalunkosten verminderte.
3. Gerade in den siebziger Jahren verminderte sich der Abfluß
von Silber nach dem Orient etwas, aber nicht sehr erheblich und hat
sich seitdem längere Zeit auf derselben Höhe erhalten. Gegenüber
der wesentlich gestiegenen Produktion fiel deshalb diese Ausfuhr
weniger ins Gewicht als früher.
4. Schließlich kam hinzu, daß der Verbrauch für industrielle
        <pb n="120" />
        101

Zwecke bei dem Golde bis in die neunziger Jahre viel mehr wuchs
als bei dem Silber.
Aus allem mußte sich ergeben, daß das Verhältnis zwischen Gold
und Silber sich mehr und mehr zuungunsten des letzteren verschob,
und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß auch ohne eine Veränderung
 in den Währungsverhältnissen das Silber in den 80er und
90er Jahren eine Entwertung erfahren haben würde, Gegenüber der
gewaltigen Produktion spielte der Bedarf an Münzmetall keine durchgreifende
 Rolle mehr, so daß auch die Aufrechterhaltung der freien
Ausprägung in Frankreich, ja selbst die Ausdehnung des Bimetallismus
 auf andere Länder keinen anderen Einfluß ausgeübt haben würde,
als den Ersatz der Goldmünze durch Silbermünze, was in wenig
Jahren geschehen sein würde, worauf ein weiterer Einfluß auf das
Wertverhältnis der Metalle natürlich ausgeschlossen gewesen wäre.
Wie sich das Wertverhältnis in der nächsten Zukunft gestalten wird,
hängt durchaus von der weiteren Entwicklung der Edelmetallproduktion
ab, die einstweilen nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen ist.

8 33.

Die volkswirtschaftlichen Wirkungen der Silberentwertung.


Welches sind nun die volkswirtschaftlichen Folgen, die eine solche
Entwertung des Silbers, wie sie in der neueren Zeit stattgefunden
hat, auszuüben vermag, und welche Folgen lassen sich in der neueren
Zeit konstatieren?
1. In erster Linie kommt der Einfluß auf die Münzzirkulation in Terlust durch
Betracht. Ein Land, welches in großer Ausdehnung Silbermünzen Silberwertes.
als gesetzliches Zahlungsmittel im Umlaufe hat, kommt dadurch. in
eine äußerst prekäre Lage. Das gesetzliche Zahlungsmittel. wird in
der Hauptsache Kreditgeld, der Wert desselben beruht nicht auf dem
Metallgehalt, sondern auf dem Kredit des Staates, resp. auf dem Vertrauen
 in die dauernde Absatzfähigkeit des Geldes. In dieser Lage befinden
 sich Frankreich, ferner vor allen Dingen Indien und Mexiko.
Der Schaden für das betreffende Land, welches in großer Ausdehnung
 Silber im Umlauf hat, liegt auf der Hand. Frankreich
und die Nordamerikanische Union, welche einen Silbervorrat
von je über 2 Milliarden Mark teils in Zirkulation befindlich, teils
aufgespeichert haben, erfahren durch die Entwertung desselben eine
Einbuße von je einer Milliarde. Auch Deutschland hatte bei dem
Verkauf des überschüssigen Silbers schon in den 70er Jahren einen
Verlust von über 70 Millionen erlitten, und auch da ist noch die
Einbuße durch die Entwertung des vorhandenen Silberumlaufs von
rund einer Milliarde Mark hinzuzurechnen; aber der damit verbundene
Verlust steht doch weit zurück hinter der Einbuße, welche ein Land
durch mehrjährige Mißernten oder einen allgemeinen Rückgang der
Eisen- und Kohlenpreise erfährt. Solange die Münze nicht eingeschmolzen
 und als Silber an das Ausland verkauft wird, merkt
Niemand etwas von dem Verlust. Er wird deshalb tatsächlich in
seiner Vvolkswirtschaftlichen Bedeutung gewaltig überschätzt. In
einem höheren Maße fällt die Entwertung des gesetzlichen Zahlungsmittels
 in das Gewicht, wo Silberwährung vorliegt, gegenüber dem
        <pb n="121" />
        — 102 —

Auslande, wo Goldwährung besteht. Wo das Silber eine große Bedeutung
 hat, wie in Frankreich wird dieses seine außerordentlichen
Bedenken haben. Es liegt dann die Gefahr vor, daß im Falle eines
Krieges Schwierigkeiten in dem Absatz desselben entstehen, die andere
Münze Agio erzielt und, wenn dieselbe in zu geringen Quantitäten
vorhanden ist, sich empfindliche Zahlungsstockungen entwickeln. Als
in Deutschland noch Ende der 70er Jahre für etwa eine halbe Milliarde
Mark Taler im Umlanf waren, blieb dies zwar ein mißlicher Umstand,
der aber zu ernsten Bedenken einen Anlaß nicht geben konnte, weil
sie nur einen kleinen Teil des gesamten Umlaufs an klingender Münze
ausmachten und die Zahlungen an die Staatskassen, der Post, Kisenbahn,
 des Steuerfiskus so bedeutende sind, daß dadurch zu jeder Zeit
die Absatzfähigkeit zu vollem Werte gewährleistet war. Seitdem
hatte sich der Vorrat an Talern nach den offiziellen Angaben schon
Mitte der 90er Jahre auf zirka 360 Millionen Mark vermindert, und
dieses ist nun nach dem Gesetz von 1900 durch erweiterte Ausprägung
 der Silberscheidemünze und durch Einschmelzung des Restes
und Verkauf des Silbers beseitigt worden. Nach dieser Richtung
hat mithin für Deutschland das Sinken des Silberwertes keine Bedeutung.
 Dagegen leidet England erheblich unter der Entwertung
der Silberrupien in Indien. Dieser entsprechend ist die Steuer- wie
die Zinszahlung aus Indien vermindert.
2. Die Länder, welche ausgedehnte Silberbergwerke besitzen, erleiden
 natürlich durch eine Verminderung des Wertes des Silbers eine
erhebliche Einbuße. Da zu diesen Ländern in erster Linie die Vereinigten
 Staaten von Amerika gehören, wo namentlich in den reichen
Silberwerken von Nevada eine wesentliche Quelle des Wohlstandes
liegt, so ist es nicht zu verwundern, daß gerade dort auch die größte
Energie entfaltet wurde, um den Silberpreis wieder zu heben. In
Deutschland dagegen spielt der Silberbergbau nur eine sehr untergeordnete
 Rolle, zumal das weiße Metall, wie erwähnt, hauptsächlich
als Nebenprodukt gewonnen wird. Die Veränderung des Wertes des
Kupfers oder gar des Eisens fällt ungleich mehr in das Gewicht.
Auch nach dieser Richtung liegt für Deutschlands Volkswirtschaft
kein Grund zu irgend welcher Besorgnis vor.
3. Länder, welche erhebliche Summen in Staaten mit Silberwährung
 angelegt haben oder mit diesen in einem regen Handelsverkehre
 stehen, werden natürlich durch die Entwertung des Silbers
einen entsprechenden Verlust in der Zinszahlung und in den für die
gelieferten Waren zu zahlenden Kaufsummen erfahren. In dieser Hinsicht
 sind auch Deutschland Verluste nicht erspart, aber einmal sind
die in Silber an Deutschland zu zahlenden Zinsen nicht von großer
Bedeutung, und auf der anderen Seite muß derartige Verluste Jeder
auf sich nehmen, der in ausländischen Papieren seine Gelder anlegt.
Am wenigsten kann es die Aufgabe des Staates sein, für solche Kapitalisten
 irgend welche Garantie zu übernehmen. Handelsbeziehungen
 kommen hier nur mit China, Mexiko und Indien in Betracht,
und der Umsatz mit ihnen ist nur ein geringer gegenüber dem gesamten
internationalen Verkehr. In ganz anderer Weise ist in dieser Beziehung
 das Britische Reich in Mitleidenschaft gezogen, indem
der überaus rege Handel mit Indien, sowie die sonstigen Zahlungen
von dorther unter den Wertschwankungen des Silbers im höchsten
Maße gelitten haben, so daß man sich 1893 veranlaßt sah. den Wert;
        <pb n="122" />
        103 —

des dortigen Zahlungsmittels, der Rupie, gesetzlich auf 16 d. zu fixieren.
Tatsächlich aber ist es nicht gelungen, dadurch in die internationalen
Zahlungen Indiens wirkliche Gleichmäßigkeit zu bringen, weil jener
Kurs der Rupie nicht aufrecht zu erhalten war. Auch Indien selbst
litt unter diesen Schwankungen des Silberwertes so außerordentlich,
daß man gegenwärtig daran arbeitet, die Silberwährung aufzugeben
und zur Goldwährung überzugehen.
4. In Deutschland hat man sehr allgemein in der Entwertung
des Silbers Hand in Hand mit der Demonetisierung desselben die
eigentliche Ursache der allgemeinen Preisreduktion in den achtziger
und neunziger Jahren gesehen, indem man annahm, daß der Ersatz
des Silbergeldes durch Goldgeld den Bedarf an Gold übermäßig gesteigert
 und eine Verteuerung desselben herbeigeführt habe. Wir
haben an anderer Stelle (S. 92) gezeigt, daß diese Auffassung keine
richtige, daß vielmehr der Grund der Preisreduktion bei den Waren
selbst zu suchen ist, dagegen ist damit nicht erwiesen, daß nicht einzelne
 Waren dadurch im Preise herabgedrückt sein können, und besonders
 ist dieses von dem Getreide angenommen. Gerade in Deutschland
 ist die Meinung verbreitet, daß vor allem das Sinken des Getreidepreises
 auf die Entwertung des Silbers zurückzuführen sei, insbesondere,
 weil dasselbe aus Silberländern nach Europa käme, hier
mit Gold bezahlt werde, für welches dann dort mehr Silber als früher
zu den heimischen Zahlungen erlangt werden könne. Dadurch werde
das Land mit Silberwährung in den Stand gesetzt, das Getreide
billiger zu liefern als andere Länder, und drücke den Preis herab.
Die Möglichkeit eines solchen Einflusses ist nicht in Abrede zu stellen.
Tatsächlich aber haben die Silberländer eine Bedeutung in dieser Beziehung
 nicht gehabt. Rußland vor allen Dingen hatte Papierwährung,
 ebenso Argentinien; Amerika hat seine Preise nicht auf
Silber, sondern auf Gold basiert, der Silberdollar ist dort infolge der
Doppelwährung nicht entwertet. Es bleiben daher nur Indien und
einzelne Staaten Südamerikas von untergeordneter Bedeutung.
Nun sind die Lieferungen Indiens auf den europäischen Weltmarkt
überhaupt nicht bedeutend. Gerade in den 90 er Jahren sind dieselben
auf ein Minimum reduziert, so daß sie abolut keinen Einfluß auf die
Weltpreise gehabt haben können. Auch diese Auffassung ist daher
als irrig zu bezeichnen.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß gerade Deutschland von der
Silberentwertung nur wenig berührt wurde, daß vielmehr seine Stellung
gegenüber den anderen Ländern eine überaus günstige gewesen ist und
daß es durch den Preissturz des Silbers nicht in irgend erheblicher Weise
benachteiligt wurde. Es steht auch jetzt bei weitem am günstigsten
da und kann die weitere Entwicklung mit großer Ruhe abwarten.

Wirkung aut
alle Warennreise.


8 34.
Die Aufgaben des Staates in bezug auf das Geld.)
W, Stanley Jevons, Geld und Geldverkehr, Leipzig 1876.
Mich. Chevalier, La monnaie. Paris 1859. Vs
Karl Helfferich, Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898.
Ders., Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898.
1) Diese Fragen gehören in die Volkswirtschaftspolitik, werden aber des erleichterten
 Verständnisses wegen hier im Zusammenhange mit behandelt.
        <pb n="123" />
        104 —

Nur der Staat ist imstande, durch seine Garantie des Gehaltes
und der dauernden Akzeptierung zum Vollwerte, den Münzen das
nötige Vertrauen zu verschaffen, um ihnen die allgemeinste Zirkulationsfähigkeit
 zu sichern. Die Staatsgewalt hat auch die besten Mittel
zur Verfügung, um die nötige Kontrolle auszuüben, daß nur vollwertige
Münzen im Umlauf sind, und speziell vor Falschmünzerei Schutz zu
gewähren. Daher ist schon außerordentlich früh von dem Staate das
Münzregal in Anspruch genommen. Im persischen Reiche war
die Goldprägung ausschließlich dem Könige vorbehalten, während Silber
auch von Satrapen, abhängigen Dynasfen und Städten ausgemünzt
werden durfte. In Griechenland war zur Zeit Solons, in Rom
nachweislich 269 v. Chr. die Regalisierung ausgesprochen. Im Mittelalter
 war die Prägung dem römischen Könige prinzipiell vorbehalten,
 doch scheinen die deutschen Stammesherzöge das Münzrecht
ohne besondere königliche Verleihung selbständig ausgeübt zu haben.
Schon im frühen Mittelalter wurde geistlichen Stiften das Recht der
Prägung von dem Könige erteilt, seit dem 11. Jahrhundert immer allgemeiner
 den weltlichen Großen, seit dem 13. Jahrhundert auch den
Städten. Dadurch bildete sich in Deutschland die außerordentliche
Zersplitterung des Münzwesens aus, die zu einer Kalamität der Zeit
wurde, Zwar verminderte sie sich erheblich im Beginn des 19. Jahrhunderts,
 blieb aber besonders durch die Geltung des Gulden- und
Kreuzerfußes in Süddeutschland, des Taler- und Groschenfußes im
Norden bis in die 70 er Jahre bestehen. Erst durch das Gesetz vom
9. Juli 1873 ist die einheitliche Münze für das Deutsche Reich in dem
Marksysteme geschaffen worden. In Deutschland steht auf Grund des
Art. 4 der Reichsverfassung der Erlaß der für Ordnung des Münzwesens
 notwendigen Rechtsbestimmungen, d. h. die Münzhoheit, dem
Reiche zu. Das Münzregal, d. h. das Recht und die Aufgabe der
Münzbeschaffung und Münzprägung, haben unter Aufsicht des Reiches
idie Einzelstaaten.
* Auch in Frankreich bestand noch im 14. Jahrhundert eine
sehr große Zahl von Münzstätten der Vasallen (unter Ludwig X.
noch 29), die erst allmählich beschränkt werden konnten. Erst seit
Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Einheit der Münze vollkommen
erreicht.
Der Staat hat vor allem die Währung zu bestimmen, d. h. aus
welchem Metall oder sonstiger Masse das gesetzliche Zahlungsmittel
hergestellt werden soll. Für ein geordnetes Münzwesen wird vor allem
verlangt werden müssen, daß die Münze den vollen Wert an Metall
enthält, für welchen sie in Umlauf gesetzt wird, und wo durch irgend
welche Umstände unterwertige Münzen in Umlauf gesetzt sind, wird
mit allen Mitteln dahin gestrebt werden müssen, dieselben wieder zu
beseitigen. Denn nur dadurch ist für alle Eventualitäten die Zirkulationsfähigkeit
 des gesetzlichen Zahlungsmittels garantiert und auch
die mitunter wünschenswerte Barzahlung an das Ausland erleichtert.
nr Man hat zu unterscheiden zwischen Kurantmün Ze, das ist dem
"gesetzlichen Zahlungsmittel für größere Summen, und der Währungsmünze,
 d. i. dem Teil der Kurantmünze, welcher auch für den internationalen
 Verkehr verwendbar ist. Die Taler in Deutschland waren
in den letzten Dezennien Kurantmünze, nicht aber Währungsmünzen.
Der Kurantmünze gegenüber steht die Scheidemünze, die nur
für den Kleinverkehr bestimmt ist und zu einem höheren Nennwerte

VMünzregal.
        <pb n="124" />
        — 105 —

ausgegeben wird, als das darin enthaltene Metall an Wert beträgt.
In Deutschland sind Silberscheidemünzen nur im Betrage bis zu
20.M., Nickel- und Kupfermünzen bis zu einer Mark \gesetzliches Zahlungsmittel.
 Das neue Münzgesetz In Oesterreich, welches die
Kronenwährung einführte, bestimmt, daß Private nur bis 50 Kronen
silberne Einkronenstücke, bis zu 10 Kronen Nickelmünzen und bis zu
einer Krone Bronzegeld anzunehmen verpflichtet sind.
Infolge der Unterwertigkeit der Scheidemünzen erzielt der Staat
durch die Ausgabe derselben einen Gewinn, der in früheren Zeiten
vielfach Anlaß zu Mißbrauch gegeben hat, indem weit mehr Scheidemünze
 in Umlauf gesetzt wurde, als Bedarf dafür vorlag. Das ist
bis in die letzte Zeit in großer Ausdehnung in dem Kirchenstaate geschehen,
 aber auch vor 1870 in vielen Staaten des Guldenfußes in
Deutschland in der Voraussetzung, daß dieselben in den Nachbarstaaten
Verbreitung finden würden. Das deutsche Münzgesetz vom 9. Juli 1873
bestimmte daher schon als Maximum der Ausgabe von Silberscheidemünze
 10 M. pro Kopf der Bevölkerung, von Kupfer- und Nickelmünzen
 27, M. pro Kopf. Im Mai 1900 ist die Silberausprägung auf
15_M,, -durch- Gesetz vom 19, Mai 1908 und 1. Juni 1909 auf 20 M.
pro Kopf ausgedehnt. Der Präsident der Reichsbank hatte in den Verhandlungen
 den Nachweis geführt, daß sich ein Bedarf nach einem
größeren Quantum solchen Umlaufsmittels, namentlich auf dem Lande,
herausgestellt habe. Um aber dem Publikum die Abstoßung eines jeden
überschüssigen Quantums an Scheidemünze zu ermöglichen, bestimmte
schon das Reichsgesetz von 1873, daß an den Reichs- und Landeskassen
 in jedem Betrage Reichssilbermünzen in Zahlung genommen
werden müssen und außerdem von dem Bundesrate Kassen bestimmt
werden sollen, welche Scheidemünze in Silber in Beträgen von mindestens_200
 M., Nickel- und Kupfermünzen in Beträgen von mindestens
50 M. auf Verlangen gegen Goldmünzen einzuwechseln haben.
— - Die Rechtsbestimmungen für Geld und Währung in Deutschland
enthält jetzt das Münzgesetz vom_1. Juli 1909, durch welches die bisherigen
 Bestimmungen aufgehoben sind. Al Münzgrundgewicht gilt
danach jetzt das kg, als Einheitsmenge der 2790. Teil des kg reinen
Goldes. Aus dem kg reinen Goldes werden geprägt 139! 20 M.-Stücke
und 279 10 M.-Stücke als Münzeinheit. Da zu dem kg feinen Goldes
'% kg Kupfer zugefügt wird, so wiegen 279 10 M.-Stücke (Kronen)
L'/, kg, also 251 10 M.- oder 125,55 20 M.-Stücke 1 kg.
(Siehe die Tabelle auf nächster Seite.)
Außer den genannten Münzarten ist noch die Handelsmünze
zu erwähnen, die nicht als gesetzliches Zahlungsmittel ausgegeben
wird, sondern nur ein Edelmetallstück mit staatlicher Beglaubigung
und. Garantie des Gewichtes und Feingehaltes, also nur eine Ware,
repräsentiert; so wurde durch den deutschen Münzvertrag vom
24. Januar 1857 die Goldkrone mit einem Gehalt von 10 g Feingold
als deutsche Handelsmünze eingeführt, die sich indessen nicht einbürgerte.
 Dagegen sind die holländischen Dukaten, dann die österreichischen
 Levantiner oder Maria '’heresientaler, die amerikanischen
Trade-Dollars als solche Handelsmünze zu erwähnen, von denen die
holländischen und österreichischen eine nachhaltige Bedeutung im
internationalen Handel gehabt haben.
Der Wert einer Münze wird hauptsächlich bedingt durch ihr
Gewicht, münztechnisch Schrot genannt. und ihre Feinheit, Korn

Schrot und
Korn.
        <pb n="125" />
        LO6

Edelmetallumlauf in Deutschland‘) Ende März 1910.
Seit 1871 wieder Bestand
ausgeprägt eingezogen
3.952 595 100 M.
751834000

Goldmünzen:
Doppelkronen
Kronen
Silbermünzen:
S M.-Stücke
2 N ”
1 »
U n ”
Nickelmünzen:
25 Pf.-Stücke 2393600 „ —
10» 60264700 1582700 ,
Sn x» 30349000 134300
Kupfermünzen:
2 Pf.-Stücke 7613200 „ 9900 7603300 „
1 13088100 16100 „ 183072000
Im ganzen: 5 886 986 400 M. 170713800 M. 5716272600 M.
genannt, d. h. das Verhältnis, in dem das Edelmetall mit unedlem
Metall (meistens Kupfer) legiert ist. Aus Gewicht und Feinheit ergibt
 sich der Feingehalt der Münze. Nach dem deutschen Münzgesetz
von 1909 ist das gesetzliche Gewicht des 20 M.-Stückes 7,96495 g.
Das Feingewicht ist 7,1685 g. Die Legierung besteht aus 900 Teilen
Gold und 100 Teilen Kupfer, die der Silbermünzen aus 900 Teilen
Silber und 100 Teilen Kupfer. Die englischen Sovereigns enthalten
916 Tausendteile Gold, die französischen Silbermünzen nur 835 Tausendteile
 Silber. Das sog. Passiergewicht ist nach dem neuen deutschen
Gesetz für Goldmünzen auf %,,,0 des Sollgewichts festgesetzt; d. h.
wenn durch den Gebrauch der Münze 5/,,,0 oder mehr des Gewichts
abgeschliffen sind, muß die Münze eingezogen und umgeprägt
werden, während bei der Ausprägung die Goldmünze einen Fehibetrag
von % 000 des Feingehaltes nicht übersteigen darf.
In der Gegenwart ist es als prinzipiell wünschenswert anerkannt
und auch eingeführt, wo nicht besondere Gründe dagegen vorliegen,
die Privatprägung freizugeben, indem einem Jeden das Recht eingeräumt
 wird, sich gegen Krlegung einer Gebühr eingereichte Quantitäten
 des Währungsmetalls von der staatlichen Münze in den verlangten
 Münzsorten ausprägen zu lassen, soweit diese als gesetzliches
Zahlungsmittel fungieren. Das Gesetz von 1873 für das Deutsche
Reich hat Privatpersonen dieses Recht in betreff der 20 M.-Stücke
zuerkannt, soweit die Münzstätten nicht für das Reich beschäftigt
sind. Die Prägegebühr darf nach dem Gesetz vom 1. Juni 1910
14 M. pro kg Gold nicht übersteigen, tatsächlich wird nicht so viel
verlangt. Im allgemeinen ist es nur die Deutsche Reichsbank, welche
dafür sorgt, daß die verlangten Münzen in genügender Menge in Umlauf
 sind. Privatleute machen nur ganz ausnahmsweise von dem
Rechte Gebrauch, sich Metall ausprägen zu lassen, und müssen sich
nach einer Verordnung dabei der Reichsbank als Vermittlerin be-”


—-1)

 Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reichs, 1910, S, 254.
2) Im Jahre 1912 war der Goldbestand Deutschlands in Münzen auf 4,935 Mill.
M. anzunehmen. Jahrb. f. Nat.-ök. Chronik 1912 8. 1040.
        <pb n="126" />
        (&amp;amp;"" ZN
LS »\
&amp;amp; Wa
&amp;amp; £)\
dienen. Die Ausprägung der Scheidemünzen erfolgt auss KBeßlı. Be
auf Kosten des Reichs. % % $*
Wenn die Prägegebühr für die Prägekosten überschreiteß, und Schlagschwtz
dadurch der Staatskasse ein Münzgewinn zufließt, so wird‘ dieser „:: u 4
als Schlagschatz bezeichnet. In früheren Zeiten ist durchidte 1
Erhebung des Schlagschatzes eine besondere Einnahme für die Staats
kasse erzielt; in der neueren Zeit ist hingegen der Grundsatz allgemein
 anerkannt, daß zugunsten der Münzzirkulation und der Vollwertigkeit
 der Münzen, auf welcher jene beruht, aus der Münzprägung
ein Gewinn nicht bezogen werden soll. Deutschland bezieht für die
Prägung der Goldmünzen 2,8 pro Mille, um welchen Betrag also die
Münzen unterwertig ausgegeben werden, in Frankreich beträgt die
Gebühr 2,5 pro Mille, während England überhaupt eine Gebühr nicht
bezieht, um die internationale Zirkulation zu erleichtern.
Da das betreffende Metallstück durch die Prägung tatsächlich
gine neue Verwendbarkeit erlangt, so wird sich die Erhebung einer
Gebühr für die Prägung durchaus rechtfertigen lassen, zumal auch
die Juweliere und sonstige Fabrikanten bei der Verwendung der
Münze den Vorteil haben, über die Zusammensetzung des Metailstückes
genau orientiert zu sein. Außerdem ist in Betracht zu ziehen, daß
durch diese Gebühr der Einschmelzung der Münze und dem Export
derselben eine gewisse, nur gerechtfertigte Erschwerung ersteht.
Denn es ist nicht einzusehen, warum der Staat die Kosten der Neuprägung
 zugunsten der Fabrikanten und des Auslandes auf sich nehmen
soll. Dagegen ist, wie schon erwähnt, eine jede Mehrerhebung, als
zur Deckung der Kosten erforderlich ist, also die Ausgabe unterwertiger
 Münze, unbedingt zu verwerfen. Gleichwohl ist dieses in
früheren Zeiten in großer Ausdehnung geschehen, wie in dem 17. Jahrhundert,
 insbesondere zur Kipper- und Wipperzeit in den zwanziger
Jahren jenes Jahrhunderts, wo die unterwertige Münze nach kurzer
Umlaufszeit, die zu einer erheblichen Entwertung der Münze ausreichte,
 in Verruf erklärt wurde, um sie zu dem Umlaufswerte, resp.
dem wirklichen Gehalt an Edelmetall entsprechend, einzuziehen und
die neugeprägte Münze wiederum unterwertig mit Hilfe des gesetzlichen
 Zwanges zur Ausgabe zu bringen. Auch Friedrich der Große
hat während des Siebenjährigen Krieges aus Not unterwertige Goldmünzen
 ausgeprägt und sie namentlich zu Zahlungen im Auslande
benutzt, sie aber nach Beendigung des Krieges allmählich wieder
aus der Zirkulation zurückgezogen.
Die Münzzirkulation belief sich (Jahrb. f. Nat.-Oek. 1906 Dez.
Chronik S. 630) auf ca.:
pro Kopf der Bevölkerung Ungedecktes
Gold Silber Papier Summa
1890 1904 1890 1904 1004 1904
M. M. M. M. M.
In Großbritannien 61 524 12 11,4 75,4
den, Ländern der latei- (Frankreich) (Frankreic.,
nischen Münzkonvention 54 104,3 49 45,2 168,4
Deutschland 51 57 148 nn 85,7
Oesterreich-Ungarn 95.4 €.92 Bde 87,5
Japan 606 255 „06 187
den skandinavischen (Schweden) /Schweden)
Ländern 15,4 5,65 a9 45,0
Rußland . 251 8 8,27 ?
den Ver. St. von Nord- .
Amerika 438 683 29 235.12 25,9 129,8

3
        <pb n="127" />
        L08

S 35.
Die Währung.

Arten der
Währung.

Historische
Entwicklung.

M. Wolowsky, La question mon6taire. Paris 1869,
9. Arendt, Die vertragsmäßige Doppelwährung, I. u. II. Berlin 1880.
Biermer, Leitsätze zur Beurteilung der Währungsfrage. Berlin 1896,
L. Helfferich, Zur Geschichte der Goldwährung. Berlin 1896.
Ders., Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898.
E. de Laveleye, Le bimetallisme international. Paris 1881.
Jahrbücher für Nationalökonomie 1880, N. F., Bd. I. Soetbeer, Die hauptsüchlichsten
 Probleme der Währungsfrage. Ebenda 1881, N. F., Bd. IL. Neuwirth,
Jer Kampf um die Währung.
Lexis, Der gegenwärtige Stand der Währungsfrage. Dresden 1896.
Ottomar Haupt, La rehabilitation de l’argent, 1881.
S, auch Literatur zu $ 34.
Die Metallwährung kann sein 1. Silberwährung, wie sie bis
1873 Deutschland hatte und noch jetzt in Indien besteht, d. h. das
yesetzliche Zahlungsmittel ist aus Silber hergestellt, während Goldmünzen
 Ware sind. So hatten die Friedrichsdore in Preußen einen
schwankenden Kurs gegenüber dem Taler, sie wurden bald mit 5 Talern
19 Silbergroschen, bald mit 5 Talern 21 bezahlt. Sie kann 2. sein
Goldwährung, wie sie in England, den Skandinavischen Reichen
besteht und seit 1873 in Deutschland angestrebt wird und in der
Hauptsache erreicht ist. Hier sind die Goldmünzen allein gesetzliches
Zahlungsmittel, die Silbermünzen sind dagegen entweder Scheidemünze
oder Ware mit schwankendem Kurse. Da in Deutschland bis 1907
neben dem Goldgelde noch, aber ohne wesentliche Bedeutung, die
Silbertaler gesetzliches Zahlungsmittel waren, so bestand solange die
noch nicht ganz durchgeführte oder hinkende Goldwährung. Seitdem
 sind die alten Silbertaler außer Kurs gesetzt. Die neugeprägten
3 M.-Stücke sind Scheidemünze. Seit 1908..hat.. Deutschland mithin
die volle Goldwährung. Die Währung kann sein 3. D oppelwährung
der Bimetallısmus, wie er in der lateinischen Münzkonvention
besteht, d. h. Münzen in beiden Metallen sind als gesetzliches Zahlungsmittel
 anerkannt, wobei das Wertverhältnis zwischen beiden Metallen
ER TA fixiert ist, wie in Frankreich nach dem Verhältnis von 1:15,6,
ur vollständigen Durchführung der Doppelwährung ist erforderlich,
daß die Ausmünzung in jedem Metalle von dem Publikum für eigene
Rechnung verlangt werden kann, so daß dasselbe in der Lage ist, die
Zirkulation bald des einen, bald des anderen Metalles durch Neuausprägung
 zu vermehren, Ist die Ausprägung nicht in beiden Metallen
 Privaten freigestellt, so bleibt die Doppelwährung eine hinkende.
Bei gleicher Verwendung von Gold und Silber als gesetzlichem
Zahlungsmittel, ohne daß das Wertyerhältnis der Geldsorten. gesetzlich
festgesetzt ist, spricht man von Parallelwährnng.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die historische Entwicklung
der Währungsverhältnisse.
England hatte von 1275—1664 die Doppelwährung akzeptiert,
diese hatte also in jenen Jahrhunderten bereits eine wesentliche Bedeutung
 und wirksame Anwendung gefunden. Von 1664—1717 bestand
dort die Silberwährung, worauf von neuem die Doppelwährung eingeführt
 wurde, die sich volle 100 Jahre erhielt. Im Jahre 1816 führte
England die Goldwährung ein, die sich bis zur Gegenwart erhalten
hat und jedenfalls noch lange weiter erhalten wird. In Frankreich
        <pb n="128" />
        — 109 —

besteht die Doppelwährung seit dem 11. Jahre der Republik. Seit
1865 ist die lateinische Münzkonvention von Frankreich mit Italien,
Belgien und der Schweiz geschlossen, auf der Basis der erwähnten
Doppelwährung, wobei aber nur das 5.Frank-Stück als silbernes Kurantyeld
 anerkannt ist. Seit 1873 ist die Privatausprägung von Silber
zistiert, so daß seitdem nur noch die hinkende Doppelwährung dort
vorhanden ist. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika
wurde durch Münzgesetz von 1792 die Doppelwährung auf Grund des
Verhältnisses von 1:15 eingeführt. Im Jahre 1837 erfuhr dasselbe
die Verschiebung auf 1: 15,988. In den 50er ‚Jahren verschwand das
Silber mehr und mehr aus dem Verkehr, so daß nur das Gold in Zirkulation
 blieb. Im Jahre 1861 trat infolge des Bürgerkrieges die
Papierwährung an die Stelle des Goldes, während zur Zollzahlung
ausdrücklich beide Metalle als gleichberechtigt anerkannt wurden. Im
Jahre 1873 wurde aber die schon seit längerer Zeit eingestellte
Prägung der Silberdollars zugunsten der Papierwährung gesetzlich
verboten. Doch schon im Jahre 1878 war in den Anschauungen eine
Aenderung eingetreten. Man wünschte den in jener Zeit gesunkenen
Silberwert durch ausgedehntere Silberprägungen wieder zu heben
and bestimmte durch die sog. Blandbill, daß in jedem Monat für
mindestens 2 Millionen Dollars zur Ausprägung gelangen sollten,
and die Silberdollars wurden als gesetzliches Zahlungsmittel von
neuem anerkannt. Als durch diese Maßregel der Zweck, den Silberwert
 zu erhöhen, nicht erreicht wurde, erhöhte man den monatlichen
Ankauf von Silber durch die sog. Shermanbill vom 14. Juli 1890 auf
41/„ Millionen Unzen pro Monat, doch schon 1893 wurde die Bill
wieder aufgehoben. Tatsächlich bestand mithin in den Vereinigten
Staaten bis dahin Doppelwährung, die allerdings eine hinkende war,
da die Silberprägung nicht freigegeben war. Die sog. Bryanbewegung
in der Wahlkampagne von 1896 ging darauf hinaus, die Silberprägung
 zu dem gesetzlich fixierten Wertverhältnis von 1: 15,988
freizugeben. Durch die Wahl Mac Kinleys wurde die Freigebung
aber verhindert. Durch Gesetz vom 13. März-41000..ist nun der Golddollar
 zur Grundlage des amerikanischen Münzwesens erklärt.
In dem britischen Indien besteht noch jetzt die Silberwährung,
 doch wurde 1893 die freie Silberprägung sistiert und der
Wert der Silberrubie auf 16 P. fixiert, seitdem ist die Währung mithin
eine hinkende.” Augenblicklich ist die englische Regierung bestrebt,
dort allmählich den Uebergang zur Goldwährung einzuleiten. Japan
ist 1897 von der Silber- zu der Goldwährung übergegangen. Oesterreich
 hat durch das Gesetz von 1893 einen Anlauf genommen,
nicht nur die Papierwährung zu beseitigen, sondern sie durch die
Goldwährung zu ersetzen, indem der Papiergulden zum festen Wert
von 1,70 M. in Gold angesetzt wurde, In der gleichen Weise hat
Rußland begonnen, sich durch Gesetz von 1897 von der Papierwährung
 zu befreien und das Papier durch Gold zu ersetzen. Im
Jahre 1899 ist die Barzahlung nach dem Verhältnis von 100 Rubeln
zu 216 M. aufgenommen. So ist in der neueren Zeit in der Verbreitung
 der Goldwährung ein wesentlicher Fortschritt gemacht, das
Silber ist tatsächlich demonetisiert und damit fast auf die gleiche
Stufe, wie etwa das Kupfer degradiert. Durch Gesetz vom 14. September
 1906 ist die Renublik Bolivien von der Silber- zur Gold-
        <pb n="129" />
        — 110

währung übergegangen, die am 1. Januar 1908 in Wirkung getreten
 ist.
Untersuchen wir nach dieser Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse
 die theoretische Seite der Frage,

8 36,

Die theoretische Grundlage der Währungsfrage.
e Das Natürliche und Wünschenswerte ist unzweifelhaft, daß ein
jichen Basis für Metall die Grundlage für den gesamten internationalen Handelsverkehr
Melon Venatio pi]det, also das gleiche Währungsmetall in der gesamten zivilisierten
Welt akzeptiert wird. Denn jede Verschiedenheit zwischen zwei in
Handelsbeziehungen stehenden Ländern erschwert die Zahlung und
bringt Schwankungen in den Wert der Zahlungsmittel, wodurch die
Spekulation zu einer unsicheren wird. Das Bedürfnis, mit den Ländern,
 mit welchen die hauptsächlichsten Handelsbeziehungen bestehen,
die gleiche Zahlungsgrundlage zu erlangen, veranlaßte Deutschland,
im Jahre 1871 die Silberwährung aufzugeben und die Goldwährung
zu akzeptieren, die in England bestand und die Basis für die internationalen
 Zahlungen bildete. Solange Deutschland die Silberwährung
hatte, war es darauf angewiesen, die Vermittlung der englischen
Banken bei allen überseeischen Zahlungen in Anspruch zu nehmen,
wo das Gold die Grundlage bildete. Erst nachdem auch Deutschland
die Goldwährung akzeptiert hatte, hat es begonnen, direkt die Zahlungen
 zu bewirken, und erspart damit die Vermittlungsgebühr, die
es bisher in bedeutenden Summen an die englischen Banken zahlen
mußte. Sehr begreiflich ist es daher, daß in der Gegenwart auch
die anderen Länder danach streben, dieselbe Basis für die internationalen
 Zahlungen zu erlangen.
Der zweite Grund zur Akzeptierung der Goldwährung liegt in dem
schon früher berührten Umstande, daß bei der wachsenden Wohl:
habenheit mehr und mehr das Bedürfnis hervortritt, zu einem wertvolleren
 Zahlungsmittel überzugehen, weil bei den bedeutenderen Beträgen,
 die fortdauernd auszugleichen sind, die Kaufkraft des Silbers
sich als zu gering erweist. Es entspricht daher dieser Uebergang
zur Goldwährung nur der natürlichen historischen Entwicklung,
Deutschland fand Anfang der 70er Jahre nicht nur auf dem Weltmarkt
 das nötige Quantum Gold, sondern erhielt zum großen Teile
durch die Milliardenzahlung unmittelbar die nötige Kaufkraft, um die
700000 Pfad. Gold, die es zur Ausprägung des Bedarfs an Goldmünzen
gebrauchte, vom Auslande zu beziehen. Ebenso lagen in den letzten
Jahren die nötigen Quantitäten Gold infolge der gewaltigen Produktionssteigerung
 in diesem Metalle vor, um es auch den anderen
Ländern, wie Oesterreich und Rußland leicht zu machen, den
nötigen Bedarf zum Uebergange zur Goldwährung zu beschaffen.
Wenn so unzweifelhaft augenblicklich Bedenken gegen die allgemeinere
 Annahme der Goldwährung nicht vorliegen, und sich irgendwelche
 schlimmen Folgen bisher in keiner Weise ergeben haben, so
ist nicht gesagt, daß nicht für die spätere Zukunft Umstände zu erwarten
 sind, welche das gegenwärtige Vorgehen bedenklich erscheinen
lassen und eine Aenderung nötig machen. Diese Aenderung könnte
nur nach der Richtung der Doppelwährung gehen, aber niemals
        <pb n="130" />
        — 111

dahin, wieder ‚das Silber an die Stelle des Goldes zu Setzen. Wir
haben deshalb die Frage zu erörtern, ob und unter welchen Verhältnissen
 die Durchführung der Doppelwährung möglich, und unter
welchen Verhältnissen sie wünschenswert ist.
Die alte Schule ging von dem Grundsatze aus, daß die Fixierung
des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber ebensowenig durchführbar
 sei, wie die zwischen Weizen und Roggen, Kupfer und Eisen usw.
Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß der moderne Staat mit seinen
gewaltigen Mitteln und seinem mannigfaltigen wirtschaftlichen Bedarf
 wohl imstande wäre, auch ein bestimmtes Wertverhältnis bei
anderen Waren für eine längere Zeit aufrecht zu erhalten, wenn
nicht außergewöhnliche Umstände ’eintreten und der Bedarf der Produktion
 und umgekehrt entsprechend angepaßt werden kann. So
wird die Sache auch bei dem Golde und Silber aufzufassen sein.
Falsch ist es, zu meinen, daß das einfache Gebot des Staates schon
ausreicht, ein solches willkürlich statuiertes Verhältnis künstlich dem
Markte zu oktroyieren und ganz gewiß nicht ein Solches, das dem
Werte auf dem Weltmarkte widerspricht. Die Geschichte hat nun
bewiesen, daß die Doppelwährung für sehr lange Zeit durchführbar
ist und sogar erhebliche Verschiebungen in den Produktionsverhältnissen
 zu überstehen vermag, wie in England fast 3 Jahrhunderte
hindurch bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts und wiederum volle
100 Jahre von 1717—1816; in Frankreich gleichfalls bis zur Gegenwart
L00 Jahre hindurch, und zwar dauernd nach dem Verhältnis von
1:15,6, obgleich in diese Zeit die Entdeckung der kalifornischen
Goldlager fiel, und damit die völlige Verschiebung in der Produktion
zwischen Gold und Silber eintrat. Gerade der Umständ, daß man in
Frankreich zur Ausgleichung des Wertverhältnisses auf dem Weltmarkte
 bedeutende Quantitäten Silber disponibel fand und sie dem
Markte als Ergänzung zu dem Abfluß nach dem Orient zuführen
konnte, ermöglichte es, trotz der kolossalen Zunahme der Goldproduktion
 eine Verteuerung des Silbers zu verhüten. Man rechnet,
daß allein 1853—1858 Frankreich über eine Milliarde an Silber exportiert
 hat, welches dann durch Gold ersetzt werden mußte. Es
wurden in Frankreich ausgeprägt:

Doppelvährung.


von 1821—40 für 272 Mill. Fr. Gold, 2273 Mill. Fr. Silber
1851—70 „ 6436 „ x» » 709 x» %
2 1904—06 ” 677 ” » » 26 ” » ”
(Rapport de l’Administration des Monnaies au Ministre des Finances. Paris 1907.)

War vor 1848 die Silberzirkulation in Frankreich allgemein gewesen,
 so war Ende der 50er Jahre an deren Stelle die allgemeine
Goldzirkulation getreten, die wiederum Anfang der 70er Jahre mehr
und mehr durch das eindringende Silber beseitigt wurde, so daß man
glaubte, durch die Suspendierung der freien Silberprägung dem entyegentreten
 zu müssen. Von dem Momente an konnte der Bimetallismus
 Frankreichs und der lateinischen Münzkonvention überhaupt
keinen Einfluß mehr auf den Weltmarkt ausüben. Es wäre aber
zu weit gegangen, zu meinen, daß die freie Silberprägung In Frankreich
 überhaupt imstande gewesen wäre, das Wertverhältnis von
1:15,6 dauernd aufrecht zu erhalten, denn es ist klar, daß ein Kinfiuß
nur so lange vorliegen kann, als noch eine weitere Absorption des
überschüssigen Metalls dadurch bewirkt wird. Von dem Momente
        <pb n="131" />
        — 12 —

an, wo das Gold verdrängt, die Silberzirkulation vollständig durchgeführt,
 damit also die Aufnahmefähigkeit Frankreichs an Silber erschöpft
 war, mußte jede weitere Wirkung Frankreichs auf dem Silbermarkte
 aufhören, und bei der stark zunehmenden Produktion wäre
dieser Moment sehr bald eingetreten und damit der weitere Sturz
des Silberpreises unvermeidlich geworden. Die Suspension der Silberverkäufe
 von seiten Deutschlands konnte 1879 einen weiteren Rückgang
 der Silberpreise nicht aufhalten. Sie hat dem Lande nur Vergung
 bel ]uste gebracht.
in einem | Ebensowenig hat der kolossale Ankauf von Silber durch die Verande"
 einigten Staaten von 4'/, Millionen Unzen pro Monat von 1890—1893
den Silberpreis irgendwie gehoben. Wenn nach einer Wahl Bryans
die Amerikanische Union im Jahre 1896 die Silberprägung nach dem
Wertverhältnisse von 1: 16 freigegeben hätte, würde auch nur eine
vorübergehende Erhöhung des Silberwertes erzielt worden sein. Die
Gelegenheit, das der Münze eingelieferte Silber in Form von Silberdollars,
 die mit dem doppelten Werte ausgestattet waren, zurückzuerhalten,
 würde natürlich eine massenhafte Einlieferung des Silbers
bei der Münze herbeigeführt haben, bis nach kurzer Zeit das Land
mit Silber übersättigt gewesen wäre, worauf notwendig die Suspendierung
 weiterer Ausprägung eingetreten sein würde. Vorher aber
müßte der Handel mit dem Auslande vollständig ins Stocken geraten
sein. Ausländische Ware in Amerika gegen Silberdollars einzuführen,
war natürlich eine Unmöglichkeit, und dieses zu erreichen war auch
der Zweck der dortigen Schutzzöllner. Der Ausfuhr aus Amerika
würde aber das Ausland sehr bald durch besondere Zölle, insbesondere
auf das amerikanische Getreide entgegengetreten sein. Denn es ist
eben unmöglich, auf die Dauer einen einseitigen Handel durchzuführen
 und in großem Maßstabe Waren aus einem Lande zu beziehen,
das nicht wieder Waren als Zahlung in Kauf nimmt, und sich somit
in diesem Falle das Gold unter den ungünstigsten Verhältnissen entziehen
 zu lassen. Auch in dem Inlande würde die tatsächliche Entwertung
 des Silbers, damit eine kolossale Preissteigerung und dann
eine allgemeine Zahlungsstockung die Folge gewesen sein, sobald das
zunächst künstlich im Preise gesteigerte Silber der Entwertung zu
verfallen begonnen hätte.
Würde Deutschland Ende der siebziger, Anfang der achtziger
Jahre dem Drängen der Bimetallisten gefolgt sein und versucht haben,
die Doppelwährung nach dem Verhältnisse wie 1:16 zu akzeptieren,
so würde die einfache Folge gewesen sein, daß man ihm in der
kürzesten Frist seine 2 Milliarden Gold entzogen hätte, indem man
ihm eine Milliarde Silber dafür gegeben hätte. Als Entschädigung
würde dem deutschen Michel ein überreiches Maß wohlverdienten
Spottes von allen Seiten zuteil geworden sein.
Ein einzelnes Land kann nach dem Gesagten heutigen Tages
unmöglich ein von den tatsächlichen Weltpreisen abweichendes Wertverhältnis
 mit der Doppelwährung akzeptieren und die Silberprägung
freigeben, ohne sich selbst im höchsten Maße zu schädigen und für
Währungskon- die Gesamtheit doch nichts zu erreichen.
vo Von welcher Wirkung wäre aber die Vereinigung einer größeren
Zahl von Ländern, resp. der sämtlichen Kulturländer zu einer‘ Währungskonvention
 auf der Basis des Verhältnisses von 1:16? Es ist
dieses ein einfaches Rechenexempel. Der Gesamtwert an Gold,

F
+
        <pb n="132" />
        — 113 —

welcher als Münze und in Barren in der zivilisierten Welt augenblicklich
 zirkuliert, wird auf etwa 19 Milliarden veranschlagt. Die
Silberproduktion betrug in den letzten Jahren etwa eine Milliarde
Mark, ziehen wir davon 250 Millionen für den jährlichen Bedarf
der Industrie und als Ergänzung des Verlustes an der umlaufenden
Münze, sowie 200 Millionen für den Abfluß nach dem Orient usw. in
Abrechnung, so bleiben rund 500 Mill. Mk. an Silber übrig, welche
zur Vermehrung der Silberzirkulation verwendet werden können. In
50—60 Jahren könnte damit das Gold sicher vollständig verdrängt
sein. Wird aber das Wertverhältnis auf 1:16 fixiert, damit also
der Wert des Silbers verdoppelt, so würde wohl schon in der halben
Zeit, sagen wir, um nicht zu niedrig zu greifen, in 40 Jahren die
Uebersättigung an Silber eingetreten sein, die Aufnahmekraft an
Silber durch die Münze hörte auf, und bei der weiteren Fortsetzung
der Produktion im selben Verhältnis müßte ein rapides Sinken des
Silberwertes wiederum auf den gegenwärtigen Stand die Folge sein.
Nach 40, 50 Jahren — was ist aber ein halbes Jahrhundert für die
Volkswirtschaft für eine kurze Frist! — würde also das Silber auf
dem Weltmarkte nur den halben Wert haben als die Silbermünze,
die aus ihm geprägt ist. Man hätte allgemein nur Kreditgeld in
der Hand, ein Zustand, der schwerlich lange Zeit aufrecht zu erhalten
 wäre. Die Staaten müßten sich entschließen, wieder mit einer
völligen Münzreform vorzugehen, die wiederum eine vollständige
Preisrevolution in sich schließen würde. Unter den gegenwärtigen
Verhältnissen erscheint daher die Durchführung des Bimetallismus
auf der Grundlage des Verhältnisses wie 1:16 einfach unmöglich.
Durchführbar wäre dagegen der Bimetallismus gegenwärtig durch
eine Vereinigung der zivilisierten Staaten unter Akzeptierung des
Wertverhältnisses, etwa wie 1:34, wie es dem gegenwärtigen Weltmarktpreis
 ungefähr entspricht. Ein jeder Ueberschuß an dem einen
oder anderen Metall, welcher das Verhältnis zu modifizieren drohte,
würde nun in das große Bassin des Münzbedarfs der Staaten der
Währungskonvention abgestoßen werden können, und wenn nicht
ganz exzeptionelle Verhältnisse eintreten, würde dadurch das Verhältnis
 für Dezennien gewahrt werden können. An eine solche Vereinigung
 der verschiedenen in Betracht kommenden Länder ist aber
in der Gegenwart auf keinen Fall zu denken, weil die Interessen
derselben zu weit auseinandergehen. Frankreich und die Vereinigten
Staaten, welche mit Silber übersättigt sind und unter der Silberlast
erheblich leiden, die amerikanische Union mit ihrer bedeutenden
Silberproduktion ganz besonders, haben nur ein Interesse daran, den
Wert des Silbers wieder auf die frühere Höhe emporzubringen, aber
gar kein Interesse, den gegenwärtigen Zustand zu fixieren, wie es
durch die Währungskonvention auf Grundlage des Verhältnisses von
1:34 der Fall wäre. Die Goldwährungsländer, vor allen Dingeu
Deutschland, können wiederum, wie wir sahen, zu keinem anderen
Verhältnis die Doppelwährung akzeptieren, als es den gegenwärtigen
Marktverhältnissen entspricht, weil sie sonst das schwer erkaufte
Gold gegen entwertetes Silber verlieren würden, ohne die Garantie
zu haben, daß das Silber nun auch dauernd den hohen Wert behalten
würde. Vielmehr würden sie das Risiko auf sich nehmen, daß sich
dieses Verhältnis nach einiger Zeit als unhaltbar erwiese, die Währungsvereinigung
 auseinanderfiele, und sie dann genötigt wären,
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 3

Wertverhältnis
1:34,

A A
        <pb n="133" />
        — 114 —

Süß’ Hypothese.


wieder bedeutende Opfer zu bringen, um das erst kürzlich hingegebene
Gold wieder zurückzukaufen, ohne daß sie einen entsprechenden Gewinn
 dafür in Aussicht hätten. Solange also die gegenwärtige Goldproduktion
 anhält, damit die erweiterte Goldwährung ohne Schwierigkeit
 aufrecht erhalten werden kann, ist an eine Durchführung des
Bimetallismus absolut nicht zu denken. Damit ist aber nicht gesagt,
daß nicht in der Zukunft Zeiten eintreten können, wo man auf diesen
Gedanken zurückkommt, ja sogar genötigt sein kann, denselben zur
Realisierung zu bringen.
Die bimetallistische Bewegung ist in den 70er Jahren besonders
durch den berühmten Wiener Geologen. Süß unterstützt, wo nicht
ins Leben gerufen, der im seinem Werke „Die Zukunft des Goldes“
fachmännisch-“auseinandersetzte, daß die bisherige Produktion des
Goldes auf die Dauer nicht aufrecht zu erhalten wäre, man vielmehr
auf einen Rückgang derselben gefaßt sein müsse. Er wies darauf
hin, daß bisher die Goldgewinnung hauptsächlich aus dem Schwemmlande
 herstamme, wo durch Auswaschung in verhältnismäßig einfacher
 und billiger Weise das reine Gold aus dem Quarzsande gewonnen
 wird. Dieses Schwemmland ist nach ihm in der Hauptsache
erschöpft, wie z. B. in Kalifornien, und es sei nicht darauf zu rechnen,
daß in den noch unbekannten Gegenden, wie Afrika, Australien,
neues Schwemmland entdeckt werden würde. Es blieben also als
weitere Quelle nur die Quarzgänge, welche bergmännisch ausgebeutet
werden müßten und viel größere Kosten verursachten, auch nicht so
große Quantitäten zu liefern vermöchten, wie dieses aus dem Schwemmlande
 bisher möglich gewesen wäre. Süß stellte deshalb für die Zukunft
 Goldknappheit und Verteuerung des Goldes als unvermeidlich
in Aussicht. Da nun damals gerade ein Rückgang der Produktion
wirklich beobachtet wurde, so mußten diese Ausführungen den tiefsten
 Eindruck hervorrufen, und es erschien in der Tat gewagt, Gold
zur Grundlage des Geldes zu machen und zum Wertträger desselben
zu wählen, wo eine Verschiebung dieses Wertes bestimmt zu erwarten
 war. Nur wenige Jahre indessen vergingen, bis die Tatsachen ..
sich ganz anders gestalteten, als Süß es in Aussicht gestellt hatte.‘ u“
Wir sahen, daß statt der Verminderung der Goldproduktion eine noch
nie dagewesene Steigerung derselben eintrat, statt der Goldknappheit
 eine Ueberfülle beobachtet wurde. Dies war dadurch herbeigeführt,
 daß der bergmännische Betrieb auf Edelmetall durch verschiedene
 bedeutsame Erfindungen einen außergewöhnlichen Aufschwung
 erhielt. Einmal wurden Maschinen hergestellt, durch welche
die Gesteine weit billiger und in größeren Massen aus den Quarzgängen
 herausgebrochen und zerkleinert werden konnten, so daß auch
die tieferen Schichten, die besondere Schwierigkeiten boten und deshalb
 der großen Kostspieligkeit wegen, wie namentlich in Australien,
aufgegeben waren, jetzt von neuem und mit großem Erfolg ausgebeutet
 werden konnten. Außerdem kam hinzu, daß mehrere neue
Verfahren der chemischen Ausscheidung des Goldes aus dem Erz erfunden
 wurden, wodurch dasselbe mit größerer Vollständigkeit und
weit billiger gewonnen werden konnte. Da nun zur selben Zeit noch
die erheblichen Goldlager in Transvaal entdeckt wurden, konnte mit
Hilfe der neuen Maschinen und der neuen Methoden billiger und in
Massen mit verhältnismäßig geringeren Arbeitskräften Gold gewonnen
und trotz des beregmännischen Betriebes mithin Ersatz für das aus-
        <pb n="134" />
        — 115 —

gebeutete Schwemmland erzielt werden. Somit war für mehrere Dezennien
 die Süßsche Befürchtung aus der Welt geschafft. Sie ist es
aber unzweifelhaft nicht für alle Zeit. Die goldhaltigen Quarzgänge
sind nur von geringer Ausdehnung. Auch für Transvaal ist nur
etwa eine Frist von noch 30 Jahren angenommen, während welcher
die gegenwärtige Produktion aufrecht zu erhalten sein dürfte, und
Süß ist bisher von seinen fachmännischen Kollegen darin nicht
widerlegt, daß nach unserer gegenwärtigen Kenntnis der Erde nicht
viel Aussicht sei, noch viele solche Quarzgänge neu zu entdecken.
Auf der anderen Seite ist diese Möglichkeit aber nicht ausgeschlossen.
So gut wie vor wenig Jahren die reichen Goldlager in Transvaal, in
allerjüngster Zeit solche in Alaska entdeckt wurden, können auch
noch weitere goldhaltige Stätten aufgefunden werden. Aber das ist
ein sehr unsicherer Wechsel auf die Zukunft, mit dem der Staatsmann
 nicht rechnen kann. Weit wahrscheinlicher ist es, und diese
Eventualität wird man daher für die weitere Entwicklung unseres
Münzwesens in Aussicht nehmen müssen, daß nach Ablauf eines
halben. oder eines ganzen Jahrhunderts sich in der Tat die von Süß
befürchtete Guldknappheit herausstellt, denn er sagt nicht mit Unrecht,
 daß je mehr die Goldproduktion gesteigert werde, um SO
schneller der Vorrat erschöpft werden müßte; und je mehr Länder
zur Goldwährung übergehen, je mehr der allgemeine Wohlstand
steigt. um so größer wird auch die Nachfrage nach Gold, um so ausgedehnter
 der Vorrat, an den sich die Kulturwelt gewöhnt hat, so
daß eine Abnahme der Produktion, ja schon ein Stillstand derselben
einen fühlbaren Mangel herausstellen kann. Nun hat die Erfahrung
der letzten Dezennien, wie wir sahen, ergeben, daß auch erhebliche
Veränderungen in den Produktionsverhältnissen des Goldes den Wert
desselben doch nicht zu verschieben vermögen. Damit ist aber keineswegs
 ausgeschlossen, daß nicht bei intensiveren Verschiebungen der
Produktionsverhältnisse in der Zukunft dieses schließlıch doch gezchehen
 wird. Mit anderen Worten, die augenblicklich beschwichtigten
Bedenken in betreff einer Goldverteuerung sind nicht für alle Zeit
beseitigt, sondern sie bestehen für die Zukunft, und bei dem Eintritt
gines solchen Falles wird allerdings der Bimetallismus das alleinige
Mittel sein, um den Wertschwankungen des Geldes zu steuern, mindestens
 die Wirkung derselben zu mildern. I
Die Möglichkeit der praktischen Durchführung bei Anpassung Reel
des gesetzlichen Wertverhältnisses an die faktischen Zustände suchten mus in der
wir darzulegen, und die Geschichte hat den Beweis geliefert, daß ;
wenigstens in früheren Zeiten eine solche Bindung sich lange Zeit
hindurch zu erhalten vermochte. Das wird im Auge behalten werden
müssen. Gelingt es also, den Geldwert nicht nur auf ein Metall,
sondern auf zwei Metalle zu basieren, die sich gegenseitig zu Eergänzen
 vermögen, so wird die Kaufkraft beider Metalle sicher eine
größere Gleichmäßigkeit erlangen können, als sie bei der Basis eines
einzigen Metalles zu erwarten steht. Das vielfach angewendete
Bild der zwei Säulen als Grundlage für einen Aufbau gegenüber
einer einzigen Säule wird als zutreffend anzuerkennen sein. Ebenso
ein anderes Bild’ Können sich in einer internationalen Vereinigung
die beiden Metalle entsprechend ersetzen und ergänzen, wie die
Flüssigkeiten zweier miteinander verbundenen Bassins, bei denen der
Zufluß bald in das eine, bald in das andere stärker läuft, während
Q%
        <pb n="135" />
        116 —

Schlußfolzerunez.


der Abfluß bei beiden gleichmäßig bleibt, so wird hier das Niveau
beider Bassins, dort das Wertverhältnis beider Metalle bis zu einem
gewissen Grade gewahrt sein und damit der Geldwert gleichbleiben;
auch eine entstehende Goldknappheit wird durch Ersatz durch Silber
gemildert werden können. Man sagt nun dagegen, daß eine Bevölkerung,
 die an die Goldzirkulation gewöhnt ist, das Silber refüsieren
 würde, wie das tatsächlich sowohl in der Schweiz, wie in den
Vereinigten Staaten beobachtet wurde. Die Folge davon würde der
Ersatz des Silbers durch Papier sein; und man malt die Schrecken
der Papierwährung an die Wand, um von einem solchen Verfahren,
welches das Silber in die alten Rechte einführen soll, abzuhalten.
Es ist aber nicht richtig, daß damit eine Papierwährung in bestimmter
 Aussicht steht. Die Metallbasis kann dabei vollständig gewahrt
 bleiben. Nicht eine beliebige Ausgabe von Papier als Kreditgeld
 ist dabei in Betracht zu ziehen, sondern die Form der Goldund
 Silber-Certifikate, wie sie die amerikanische Union hauptsächlich
in Umlauf hat, wo nur zur Erleichterung des Verkehrs Scheine, die
auf eine bestimmte Quantität Metall lauten, als Repräsentanten des
Metalles in Umlauf sind, welches in den Kellern der Regierung aufgehäuft
 und nur nicht selbst in den Verkehr gebracht ist. Diese
Scheine haben sich in der Zirkulation in hohem Maße bewährt und
keine Nachteile der angedeuteten Art gezeigt.
Das Ergebnis des bisher Ausgeführten ist nun, daß gegenwärtig
 weder von einzelnen Staaten noch von der gesamten zivilisierten
 Welt auf Grund einer Währungskonvention der Bimetallismus
eingeführt werden kann, daß er dagegen für die Zukunft keineswegs
 ausgeschlossen ist, vielmehr theoretisch als berechtigt anerkannt
 werden muß, wie er unter Umständen in der Zukunft auch
in dem praktischen Leben zur Milderung der Folgen einer entstehenden
 Goldknappheit zur Realisation gelangen kann. Wenn
nun von seiten der Bimetallisten fortdauernd der Uebergang zur
Doppelwährung schon in der Gegenwart verlangt wird, um zukünftigen
 Eventualitäten vorzubeugen, und es als höchst bedenklich
angesehen wird, sobald ein weiteres Land zur Goldwährung übergeht,
so ist das einmal verkehrt, weil dem Uebergange zur Doppelwährung,
wie wir sahen, jetzt unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege stehen,
und die einfache Silberwährung in einem Staate, der im Weltverkehre
 steht, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Es liegt auf der
anderen Seite auch kein Grund dafür vor, früher zur Doppelwährung
zu schreiten, als die Notwendigkeit hierfür erwiesen ist, weil zu
jeder Zeit die Maßregel in Angriff genommen werden kann, und das
gemeinsame Vorgehen sämtlicher zivilisierter Staaten um so mehr
erleichtert wird, wenn dieselben alle die gleiche Münzbasis besitzen.
Haben sämtliche in Betracht kommenden Staaten die Goldwährung
durchgeführt, und die Guldknappheit tritt scharf zutage, so haben
sie alle dasselbe Interesse und werden um 89 leichter dazu zu bewegen
 sein, nun gemeinsam das Silber zur Entlastung des Goldes
heranzuziehen. Nur so lange die Währungsverhältnisse in den verschiedenen
 Ländern ungleich sind,“ damit ihre Interessen sich
schroff gegenüberstehen, ist ein gemeinsames Vorgehen derselben ausgeschlossen.
 Im Interesse der weiteren Entwicklung liegt es daher
Nicht die gegenwärtigen Silberländer oder die mit Doppelwährung
in ihrem bisherigen. Verhältnis festzubannen, sondern im Gegenteil.
        <pb n="136" />
        AT =—

sie so bald wie möglich zum Uebergange zur Goldwährung zu bewegen
 und damit die gleiche Basis für den Weltverkehr und das
gleiche Währungsinteresse in der zivilisierten Welt herbeizuführen.


Kapitel HILL
Der Kredit.

Das Wesen des Kredits.

8 37.

Uarl Knies, Der Kredit. Berlin 1876 und 1879.
Nebenius, Der öffentliche Kredit. München 1829,
Ad, Wagner, Der Kredit und das Bankwesen in Schönbergs Handbuch, I, 8. 412,
Kredit nennt man das Vertrauen, welches jemand genießt, daß
er seinen Verpflichtungen nachkommen wird; und unter „Kredit
haben“ versteht man die Möglichkeit, auf Grund dieses Vertrauens
gegen das Versprechen der Gegenleistung Vermögensteile (oder auch
Dienste) Anderer freiwillig zur Benutzung zu erhalten.
Das Kreditgeschäft schließlich besteht in der Hingebung von
Werten gegen ein Zahlungsversprechen, oder in der Gewährung von
Darlehn in Geld zur ökonomischen Verwertung gegen das Versprechen
der Zinszahlung und der schließlichen Rückzahlung oder auch der
letzteren allein.
Jenes Vertrauen beruht nun 1. auf der Leistungsf ähig keit Grandlagen des
des Schuldners. Der Kaufmann kreditiert Ware nur demjenigen )
Kunden, bei dem er annimmt, daß er die Zahlung zu entsprechender
Zeit zu leisten vermögen wird. Die Bank erteilt nur dem Kaufmann
Kredit, den sie nach seinen Vermögensverhältnissen, seiner Tüchtigkeit,
nach den allgemeinen Konjunkturen und dem Gange seines Geschäftes
 durchaus für solvent hält. Der Rentier ist geneigt, dem
Grundbesitzer ein Hypothekendarlehn zu gewähren, wenn er voraussetzt,
 daß das verpfändete Gut einen höheren Wert hat, als die
kreditierte Summe beträgt, so daß er zu jeder Zeit durch den gerichtlichen
 Verkauf des Gutes sein Darlehn zurückzuerhalten vermag,
Aber die Leistungsfähigkeit allein genügt noch nicht, es muß
noch 2. die Voraussetzung des guten Willens des Schuldners,
seinen Verpflichtungen entsprechend nachzukommen, vorhanden sein.
Auf primitiver Stufe der Kultur, wie unter unseren Verhältnissen
bei einem freundschaftlichen Darlehn, ist das Vertrauen auf die Ehrlichkeit
 und das Ehrgefühl des Schuldners die Hauptgrundlage für
den Kredit, da sich der Schuldner leicht seinen Verpflichtungen entziehen
 kann, wenn er nicht zahlen will. Die Klarlegung des Schuldverhältnisses,
 die offene Anerkennung der Schuld durch den Darlehnsempfänger
 wird deshalb unter solchen Verhältnissen die Voraussetzung
 des Kreditgeschäftes sein; |
3. muß aber noch hinzutreten, daß der Darlehnsgeber die Zuversicht
 hat, daß der widerstrebende Schuldner ev. dazu gez wungen
werden kann, seinen Verpflichtungen nachzukommen, wenn die
Leistungsfähigkeit vorliegt. Hierzu dient ein gutes Gerichts- und
Vollstreckungsverfahren und die Zuverlässigkeit der Richter, welche
dem Gläubiger zur Seite zu stehen haben, um ihm zu seinem Rechte
zu verhelfen. Da bei unserem verwickelten Geschäftsverkehr nun
        <pb n="137" />
        118 —

Geschenk.
Kauf, Darlehn.

Voraussetzungen.
 der
Kreditwirtschaft.


vielfach Meinungsverschiedenheiten in betreff des Schuldverhältnisses
eintreten können, so ist in unserer Zeit die Entscheidung des Gerichtes
 und die Unterstützung durch dasselbe zur Aufrechterhaltung
des Rechtes von der höchsten Bedeutung.
Der Kredit beruht mithin auf dem Vertrauen, daß der Schuldner
zahlen kann, zahlen will, ev. daß er zahlen muß.
Während bei dem Geschenke ein Gegenstand in den Besitz eines
Anderen übergeht, ohne daß er ein Aequivalent dafür zu gewähren
braucht, und bei dem Kauf gegen Barzahlung unmittelbar für das
hingegebene Objekt ein Aequivalent zur Aushändigung gelangt, wird
bei dem Kreditgeschäfte die Ware dem anderen Teile gegen ein
Zahlungsversprechen eingehändigt oder ein Darlehn in Form
einer Geldsumme, bei der Verpachtung ein Gut, übergeben gegen das
Versprechen der Zahlung des Zinses, der Pacht und der späteren
Rücklieferung der Summe oder des Gutes. Während bei dem Bargeschäft
 der Kauf mit der Zahlung und der Uebergabe der Ware
endgültig erledigt, das Geschäftsverhältnis vollständig abgeschlossen
ist, beide Teile deshalb keine weiteren Beziehungen zueinander mehr
naben, bleibt bei der Kreditoperation das geschäftliche Verhältnis
bestehen, bis das Zahlungsversprechen erfüllt ist, was ev. nach einer
‚angen Zeit, bei dem Hypothekendarlehn erst nach vielen Jahren der
Fall ist. Diese dauernden Geschäftsverbindungen, welche die Kreditoperationen
 in sich schließen, sind natürlich von großer sozialer und
wirtschaftlicher Bedeutung und geben daher bei allgemeinerer Ausoildung
 des Kreditverkehrs der ganzen Volkswirtschaft ein besonderes
zepräge. ;
Die Voraussetzungen einer allgemeinen Verbreitung von Kreditoperationen
 sind nun 1. eine vorgeschrittene Kapitalsbildung, blühende
Industrie und Handel. Nur wo größere Kapitalien und ausgedehnte
Arbeitsteilung vorhanden sind, wird es auch viele Personen geben,
die nicht in der Lage sind, ihre Kapitalien selbst produktiv zu verwerten,
 sondern geneigt sind, sie Anderen zu diesem Zwecke zu überlassen,
 und nur, wo die Produktion eine hohe Entwicklungsstufe er-:angt
 hat, und allseitig Kapitalien zur Unterstützung der menschlichen
 Arbeitskraft verwendet werden, liegt das Bedürfnis vor, den
sigenen Besitz durch fremde Kapitalien zu unterstützen, und kann
aur durch dasselbe Mittel der Großbetrieb in ausgedehntem Maße
zur Durchführung gelangen. Da der Kredit Vertrauen ist, so werden
allgemeiner Kreditoperationen nur durchgeführt werden können, wo
2, die in Betracht kommenden Kreise der Bevölkerung sich allgemein
eines solchen Vertrauens würdig zeigen, und man einem Jeden ein
solches Vertrauen entgegenbringt, wo nicht besondere Gründe zur
entgegengesetzten Meinung vorliegen. Das wird nur der Fall sein,
wo die Bevölkerung bereits auf einer hohen Stufe der Kultur steht
und zu sittlicher Reife gelangt ist, wo Ehrlichkeit und Ehrgefühl
im allgemeinen vorausgesetzt werden. Noch vor 30 Jahren war in
dieser Beziehung Italien wesentlich hinter Deutschland zurückgeblieben
 und ist es etwas noch heutigen Tages, wenn auch nicht mehr
in demselben Maße. Das konnte der Reisende leicht bemerken,
indem in dem gewöhnlichen Verkehre mit dem Kaufmann, Handwerker
 usw. gerade dem Italiener Kredit im allgemeinen nicht geschenkt,
 sondern Barzahlung, ja selbst Vorauszahlung bei Bestellungen,
z. B. von Büchern, Stiefeln, Visitenkarten, Photographien usw. ver-
        <pb n="138" />
        119 —

‚angt wurde, von Deutschen dagegen nur selten, Ebenso war die
Kreditierung im großen Geschäftsverkehr unter Kaufleuten, In-Justriellen
 eine außerordentlich beschränkte. Das ist noch jetzt in
yzroßer Ausdehnung in Rußland und den südamerikanischen Staaten
der Fall; und in dem Innern von Afrika ist selbstverständlich von
Kreditierung keine Rede. Auf der anderen Seite ist wiederum in England
 und den Vereinigten Staaten die Darlehnsgewährung eine allgemeinere
 als in Deutschland, was sich darin zeigt, daß dort namentlich
 besitzlose Leute, deren Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit anerkannt
sind, weit leichter ausgedehnten Kredit erhalten können, als hier;
zum Teil allerdings, weil die Chancen weit günstiger sind, durch
tüchtige Leistung auch gute Einnahmen zu erzielen und sich emporzuarbeiten.
 3. Eine wesentliche Voraussetzung für ausgedehnte Kreditoperationen
 sind, wie erwähnt, entwickelte Rechtsinstitutionen und
Zuverlässigkeit der Richter. Nur wo eine gute Hypothekenordnung
besteht, und der Gläubiger dadurch die Sicherheit hat, daß er an
dem Gerichte eine feste Stütze besitzt, um ihm zu seinem Recht zu
verhelfen, und diese Immobiliarrechte in dem Grundbuche mit unbe-Jingter
 Klarheit zum Ausdruck gelangen, wird es möglich sein, auf
Grundstücke leicht Darlehen zu erhalten, auch ohne in dem Zins eine
bedeutende Risikoprämie zu zahlen. Deshalb hat sich in Deutschland
mit seiner besseren Hypothekenordnung der Realkredit in außerordentlichem
 Maße ausgebildet, während er in Frankreich und England
 eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle spielt. Die Unzuverlässigkeit
 der Richter bildet sowohl in Rußland wie z. T. in den
Vereinigten Staaten von Amerika ein wesentliches Hemmnis erweiterter
Kreditierung. Uns ist ein großes Fabriketablissement der Textilindustrie
 bei Warschau bekannt, welches seine Geschäftstätigkeit über
yanz Rußland ausdehnt und noch in den 70er Jahren seine Blüte
darauf zurückführte, daß es nur gegen bar kaufte und nur gegen bar
seine Produkte absetzte. Der große Preisaufschlag, der bei dem Absatz
 von Waren in unkultivierten Ländern gemacht wird, ist auf die
große Risikoprämie zurückzuführen, welche bei ihrer Geschäftstätigkeit
 wegen des Mangels ausreichenden richterlichen Schutzes unvermeidlich
 ist. 4. Zu den angeführten Momenten muß noch als
Grundlage die politische und wirtschaftliche Freiheit. hinzutreten,
denn nur auf dieser läßt sich eine Kreditwirtschaft ausbilden.
Es ist sicher nicht zufällig, daß dieselbe am frühesten sich in England
 und den Vereinigten Staaten von Nordamerika entwickelt hat,
wo sich zuerst wirtschaftliche und politische Freiheit Bahn brach,
während noch heutigen Tages Rußland darin zurückgeblieben ist und
nur äußerst langsame Fortschritte macht, weil in jedem Momente ein
willkürliches Eingreifen der Verwaltungsorgane in die privatwirtschaftliche
 Tätigkeit erfolgen kann, ohne daß sich der Privatmann dagegen
zu schützen vermag.

8 38.
Die Arten des Kredits.

Auf höherer Stufe der Kultur findet häufig Kreditierung Statt,
ohne daß das Publikum sich dessen voll bewußt ist. Sie liegt vor
bei Verpachtung eines Grundstücks, welches zur ökonomischen Verwertung
 dem Pächter gegen ein Zahlungsversprechen überlassen wird;
der Hausbesitzer überläßt eine Wohnung dem Mieter gegen eine
        <pb n="139" />
        120 —

Konsumtionskredit.


Borgsystem.

Jahreszahlung, die ev. erst postnumerando entrichtet wird. Ein Dienstbote
 tritt den Dienst an und übernimmt die Tätigkeiten, während
der Lohn ihm in der Regel erst am Schlusse eines Vierteljahres ausgezahlt
 wird; und auch der Tagelöhner, der Fabrikarbeiter leistet
zeine Arbeit gegen das Zahlungsversprechen des Lohnes am Ende
der Woche, hier und da am Schlusse des Tages. Der Arbeitgeber
bleibt zunächst der Schuldner. Ein jedes Versicherungsgeschäft beruht
 auf Kredit. Wenn ich mein Leben versichere, so kreditiere ich
der Gesellschaft die Jahresprämien bis zu meinem Lebensende gegen
das alleinige Versprechen einer Kapitalszahlung durch die Gesellschaft
an meine Erben, oder ich zahle ein Kapital ein, während diese dafür
die Verpflichtung übernimmt, mir, wenn ich ein Alter von 60 Jahren
erreiche, eine Jahresrente zu zahlen, solange ich lebe. So ließe sich
eine sehr große Zahl von Fällen anführen, wo tatsächlich Kreditierung
vorliegt, ohne daß wir dabei von einem Kredite sprechen. Fortan
haben wir aber allein Kreditgeschäfte im engeren Sinne im Auge,
Wo es sich um einfache Gewährung von Darlehen in Form von Geld
der Waren handelt.
Man hat zu unterscheiden zwischen öffentlichem Kredit, wie
ar in Staats- und Kommunalanleihen vorliegt, und privatem Kredit,
dann zwischen Produktions- und Konsumtionskredit. Der
letztere ist volkswirtschaftlich ebenso schädlich, wie der erstere im
zroßen Ganzen förderlich. Auf primitiver Stufe der Kultur, in Mittelzuropa
 im frühen Mittelalter, konnte der Produktionskredit noch keine
Bedeutung haben. Es fehlte an dem Kapital, die Produktion wurde
in primitivster Weise durchgeführt und war basiert auf der Verwertung
der Naturkräfte, insbesondere des Grund und Bodens in Verbindung
mit der Arbeitskraft. Darlehen wurden nur begehrt in Zeiten der
Not, um den Konsum fortsetzen zu können. Der Schuldner befand
sich in einer bedrängten Lage und konnte nicht durch das Darlehn
sine höhere Nutzung gewinnen. Der Gläubiger seinerseits erlitt keinen
Nachteil durch die Fortgabe des Kapitals, da er es nicht produktiv
zu verwenden vermochte. Sehr begreiflich, daß man deshalb in dem
kanonischen Rechte der Auffassung Ausdruck gab, daß Zinsbezug als
Wucher anzusehen sei, weil Geld nicht Geld erzeuge, und es eine
Härte sei, den Schuldner zu zwingen, mehr zurückzuzahlen, als er
smpfangen habe, da er mit dem Darlehn nicht mehr produziert hatte.
erade so wird heute das Zinsnehmen unter jungen Leuten als unzehörig
 angesehen, wo das Darlehn allein begehrt wird, um über
sine Verlegenheit hinfortzuhelfen, und zur Deckung des momentanen
Lebensbedarfs verlangt wird, während der Darleiher keine Einbuße
Jurch die Hingabe der Summe erleidet. Je mehr die wirtschaftliche
Kultur sich entwickelt, um so bedeutsamer wird dagegen der Produkjonskredit,
 während der Konsumtionskredit nur eine untergeordnete
Zedeutung erhält.
Leider hat indessen der Letztere sich in Deutschland zu einem
allgemeinen Borgsystem entwickelt, unter dem die ganze Volkswirtschaft
 in erheblichem Maße leidet, und das trotz aller bisherigen
Bemühungen nicht wesentlich vermindert werden konnte. Das Publikum
hat sich hier daran gewöhnt, den laufenden Bedarf von Kaufleuten,
Apotheken, Buchhändlern, wie Handwerkern auf Kredit zu nehmen,
d. h. statt ihn bar zu bezahlen, ihn anschreiben zu lassen, auch wenn
kein Geldmangel vorliegt. Da zugleich der Bankverkehr in Deutsch-
        <pb n="140" />
        2)

land viel zu wenig entwickelt ist, der Mittelstand nur ausnahmsweise
bei einer Bank ein laufendes Konto und damit bei derselben einen
Reservefonds stehen hat, so erweist sich der Konsument wiederum
häufig als zahlungsunfähig im Momente, wo ihm die Rechnung präsentiert
 wird. Die Zahlung wird verschoben und vielfach aus Nachlässigkeit
 wiederum in dem Momente nicht bewirkt, wo die nötigen
Barmittel vorhanden sind, wodurch der Konsumtionskredit sich mehr
in die Länge zieht. Da nun stets im Laufe der Zeit eine größere
Zahl der Konsumenten überhaupt zahlungsunfähig wird, so erleiden
die Produzenten Verluste, die bei dem Anspruch der Barzahlung vermieden
 wären. Diesen Ausfall haben natürlich die pünktlich zahlenden
Kunden in einem entsprechenden Preisaufschlag mit zu decken.
Der Schaden für die ganze Volkswirtschaft liegt vor allem darin,
daß die Konsumtion dem Erwerbe und der Kapitalansammlung vorauseilt,
 daß das Publikum sich daran gewöhnt, schon zu verzehren, was
erst in der nächsten Zeit erworben werden soll, womit die Gefahr
vorliegt, daß mehr konsumiert als nachher bei ungünstigen Konjunkturen
 verdient wird. In zweiter Linie fällt ins Gewicht, daß hierdurch
 sehr bedeutende Summen der Produktion vorenthalten werden,
was in einem Lande, wo das Kapital verhältnismäßig knapp ist,
besonders schädlich wirken muß. Der Konsum wird unterstützt, die
Wertschaffung entsprechend benachteiligt. Der kleine Kaufmann wie
der Handwerker liefert die Ware und muß eventuell ein viertel oder
sin .halbes Jahr auf die Zahlung warten. Ihm werden damit die
Mittel entzogen, seinerseits die bezogenen Waren bar zu bezahlen,
sein Betriebskapital ist ihm entsprechend vermindert, und er muß es
sich seinerseits borgen, um das Geschäft in angemessener Ausdehnung
durchzuführen. Da er selbst die erhaltene Ware nicht bar bezahlen
kann, muß er einen entsprechenden Kredit von dem Engroshändler
oder dem Fabrikanten beanspruchen, und diese sehen sich aus demselben
 Grunde genötigt, sich diese Summen von einem Bankier vorschießen
 zu lassen. Daraus folgt eine größere Unsicherheit in dem
ganzen Vvolkswirtschaftlichen Betriebe, welche bei dem Ausbrechen
giner wirtschaftlichen Krisis verhängnisvolle Verheerungen bei den
Geschäftsleuten herbeiführen muß. Ist einem größeren Teile der Konsumenten
 der laufende Verdienst geschmälert, findet ein Teil der Arbeiter
 keine Beschäftigung, sind eine Menge kleiner Unternehmer in
geschäftliche Schwierigkeiten verwickelt und können ihre Rechnungen
nicht bezahlen, so überträgt sich die Verlegenheit auf Detaillisten
und Handwerker, die das ausstehende Geld nicht im richtigen Momente
erhalten. Sie können ihren Verpflichtungen den Lieferanten gegenüber
nicht nachkommen; die Engroshändler und Fabrikanten vermögen
ihre fälligen Wechsel bei den Banken nicht einzulösen, und diese sehen
sich schließlich genötigt, ihre Zahlungen einzustellen, was wiederum
den Bankerott einer großen Zahl von Firmen ihrer Kundschaft nach
sich zieht. Das ganze staffelförmig ausgebaute Kartenhaus stürzt
zusammen, wenn die Unterlage, die Zahlungsfähigkeit der Konsumenten,
geschmälert ist. Wenn dagegen diese allgemein ihren Bedarf bar
bezahlen würden, wären alle diese verhängnisvollen Wirkungen des
jetzigen Usus beseitigt, die gesamte Produktion stünde mit ganz anderer
 Widerstandsfähigkeit, kapitalskräftiger und solider da. Infolge
des langen Kreditnehmens durch die Konsumenten hat sich auch bei
den Produzenten eine übermäßig ausgedehnte Kreditwirtschaft aus-
        <pb n="141" />
        — 122 —

gebildet, indem der Landwirt, der Fabrikant, der Kaufmann für die
bezogenen Maschinen und Waren für viele längere Zeit Kredit (ein
viertel, ein halbes Jahr und darüber) verlangen, als das z. B. in
England der Fall ist, wo meist nur ein paar Wochen und gegen
akzeptierte Wechsel, die sofort überall zu Zahlungen benutzt werden
können, gestundet wird.
Es ist einleuchtend, daß das englische Verfahren der ganzen Volkswirtschaft
 eine größere Solidität gewähren muß, und Deutschland wird
erst dann die wirtschaftliche Höhe Englands erreichen, wenn es das
Borgsystem entsprechend einschränkt. Es muß darunter doppelt
leiden, weil es an Kapital im großen Ganzen Mangel hat, und es
deshalb besonders wichtig ist, das vorhandene der Produktion zu
reservieren. Eine jede Krisis wird in England weit leichter überwunden,
 als in Deutschland, weil die Verschuldung keine solche
Rolle spielt und allgemein größere Reserven vorhanden sind,
Durch Gewährung eines Rabatts oder von Sparmarken bei Barzahlung
 sucht man allmählich das Publikum zur Barzahlung zu erziehen.
 In Oesterreich hat man begonnen, die Buchschuld an einen
Vermittler zu übertragen, der das Geld vorschießt und im Verfallstermin
 einzieht. Doch ist eine gewisse Gefahr der Unterschlagung,
auch wohl der Bewucherung damit verbunden.
Freilich sind in Deutschland die Handwerker an dem Unfug
selbst mit schuld, indem sie aus Nachlässigkeit nicht rechtzeitig die
Rechnung zustellen.
Ba Je nach der gebotenen Sicherheit unterscheidet man zwei Haupt-“arten
 des Kredits, den Real- und den Personalkredit. Der letztere
liegt bei einem Darlehn auf Handschlag oder Schuldschein vor, wo
nur die Person des Schuldners die Bürgschaft übernimmt. Bei dem
Realkredit wird dagegen das Vertrauen in die persönlichen Garantien
äurch ein Pfand besonders unterstützt, an welches der Gläubiger sich
zu halten berechtigt ist, wenn der Schuldner seinen Verpflichtungen
nicht nachkommt. Dies kann entweder durch Faustpfand oder
aurch Hypothek geschehen. In dem ersteren Falle erhält der
Gläubiger ein Pfandobjekt in die Hand, wie durch Verpfändung einer
Uhr in einem Leihhause oder durch die Uebergabe von Papieren an
eine Bank, um ein Lombarddarlehen zu erhalten. Wird das Pfand
nicht rechtzeitig eingelöst, so ist der Gläubiger berechtigt, dasselbe
zu veräußern und dadurch Deckung zu suchen. KEin etwaiger Ueberschuß
 wird zurückgezahlt. Anders bei der Hypothek, welche nur bei
unbeweglichen Sachen zur Anwendung kommt, und wo das Pfandobjekt
 in der Hand des Schuldners bleibt, während der Gläubiger erst
dann die Hand darauf legen kann, wenn der Schuldner nicht seinen
Verpflichtungen nachkommt, und das Gericht ihm zur Seite tritt. Der
Gutsbesitzer, welcher ein Darlehn auf Hypothek genommen hat, bewirtschaftet
 sein Gut unbeschränkt wie bisher, er kann dasselbe verarben
 und verkaufen. Erst wenn er mit den Zinsen in Rückstand
kommt, kann der Gläubiger das Gericht zu Hilfe ziehen, um durch
Veräußerung disponibler Gegenstände des Gutes sich schadlos zu halten.
Genügt dieses nicht, oder ist Kündigung erfolgt, und das Kapital kann
nicht rechtzeitig zurückgezahlt werden, so kann er die Subhastation
des Gutes beantragen, um aus dem Erlös Befriedigung zu erlangen,
Der Personalkredit findet naturgemäß Anwendung, wo Darlehen
 auf kurze Zeit gefordert werden, und daher Zeitverlust und
        <pb n="142" />
        123 —

Kosten bei dem Kreditgeschäfte vermieden werden müssen. Die
Kreditierung wird daher nur stattfinden, wo dem Gläubiger die Person
äes Schuldners genau bekannt ist, und dessen Verhältnisse genügend
übersehen und kontrolliert werden können. Das ist vor allem bei
dem kaufmännischen Verkehre der Fall, wo die Kreditierung auf
einige Wochen oder Monate geschieht, fortdauernd Rückzahlungen
erfolgen und nach kurzer Zeit ein neues Kreditgeschäft Platz greift.
Wo die miteinander in Geschäftsverbindung stehenden Kaufleute ihre
Verhältnisse genau gegenseitig zu übersehen vermögen, und ebenso
die Banken die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden, die bei ihnen ein
Kontokorrent haben, genau verfolgen können, genügt der Schuldschein
in Wechselform, während der Realkredit viel zu zeitraubend, umständlich
 und kostspielig ist. Wer dagegen einem Grundbesitzer ein
Darlehn auf 10 oder 20 Jahre oder gar unkündbar überläßt, wie es
ron unseren landwirtschaftlichen Kreditanstalten geschieht, dem geaügt
 die persönliche Garantie des Schuldners nicht, dessen Zahlungsfähigkeit
 durch Krankheit oder durch den Tod aufgehoben werden
kann. Hier muß zu der persönlichen eine sachliche Sicherheit hinzuzefügt
 werden, wie es durch die Verpfändung des Grundstücks geschieht.
 Da es sich hier um ein Darlehn auf längere Zeıt handelt,
kann auch die Eintragung der Hypothek kein Bedenken erregen,
auch wenn sie Monate in Anspruch nimmt und nicht unbedeutende
Kosten verursacht. die sich nun anf Dezennien verteilen.

8 39.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kredits.

1. Der Kredit liefert für Zahlungen in größeren Summen und an a
entferntere Plätze in Noten, Schecks, Wechseln ein weit vollkommeneres im Tokalen
Zahlungsmittel als die klingende Münze und erspart dadurch im Ver- Verkehr.
kehre Zeit, Unkosten und Arbeit. Diese Vorteile treten bereits im
Binnenverkehre zutage, wo für größere Summen, wie sie heutigen Tages
fortdauernd vorkommen, von Hunderttausenden bei einem Guts- oder
Hauskauf, bei dem Umsatz des Fabrikanten und der Kaufleute die
Barzahlungen große Schwierigkeiten, langwierige Arbeit des Auszahlens
und erhebliche Kosten des Transports verursachen würden. Dies trat
auch besonders zutage bei der Milliardenzahlung Frankreichs an
Deutschland, wo nur ein kleiner Teil, gegen 600 Millionen, in klinyender
 Münze (273 Mill. Frks. in französ. Gold, 239 Mill. Frks. in
französ. Silber, 105 Millionen in deutschen Münzen und Noten, die
zum großen Teil während der Okkupation von dem Militär auf französischem
 Boden ausgegeben waren) entrichtet wurde, die Zahlung
mehrere Wochen in Anspruch nahm, und ein Extrazug nötig war,
um die Summe von Straßburg nach Spandau zu befördern. 125 Mill.
wurden in französischen Noten gezahlt, 700 Mill. von einem Konsortium
 von 55 Bankiers aufgebracht und durch Anweisungen auf Banken
oeglichen, 1774 Mill. sind in Wechseln gezahlt, welche die französische
Regierung im In- und Auslande angekauft hatte, 1773 Mill Frks,
durch französische Staatsobligationen gedeckt, der Rest von 325 Mill.
kam auf die Elsaß-Lothringische Eisenbahn in Anrechnung. Die
ganze Summe bar zu entrichten, würde mindestens ein Dezennium
in Anspruch genommen haben und wäre auch dann ohne die alleryrößten
 Verkehrsstörungen nicht durchzuführen gewesen, während sie
        <pb n="143" />
        124 —

vermittels des Kredits in drei Jahren vollzogen wurde, ohne einen
tieferen Eingriff in die Verkehrsverhältnisse und ohne eine schwerere
Störung des wirtschaftlichen Ganges der betreffenden Länder mit sich
zu bringen.
a Weit bedeutsamer stellt sich die Vermittlung des Kredits aber
mittel. | NnOch für den internationalen Handel heraus, der in seiner jetzigen
Ausdehnung auf Grund von Barzahlungen absolut nicht durchzuführen
wäre... Man sah sich deshalb schon Ende des Mittelalters genötigt,
zur Zahlung von einem Lande zum anderen zu Anweisungsbriefen
die Zuflucht zu nehmen. Zahlungen von Deutschland nach Amerika
für von dort bezogenes Getreide werden meist durch Wechsel gedeckt,
die auf ein Londoner Bankhaus lauten. Diese Wechsel werden in
Amerika wieder benutzt, um andere Zahlungen zu decken und dienen
in England wiederum dazu, um Lieferungen englischer aus Eisen oder
Baumwolle hergestellter Waren nach Amerika auszugleichen. Wir
haben später darauf ausführlicher zurückzukommen. Das Beispiel genügt,
 um zu zeigen, wie die gewaltigsten Zahlungen von einem Lande
zum anderen nicht mit klingender Münze, sondern durch Wechsel, also
durch Kreditoperationen ausgeführt werden. Die Gefahrlosigkeit,
Billigkeit und Einfachheit dieses Zahlungsmodus leuchtet; ein, und
ler Milliardenumsatz zwischen einzelnen Ländern in unserer Zeit vollzieht
 sich auf der Basis des Kredits in der einfachsten Weise.
2. Der Kredit erspart nicht nur Transport- und Arbeitskosten bei
den Zahlungen, sondern auch der Volkswirtschaft Metallgeld in sehr erheblichen
 Qantitäten. Man kann rechnen, daß in Deutschland mindestens
neun Zehntel aller Umsätze durch Kredit vermittelt werden. Es müßte
deshalb, wenn auch nicht das Zehnfache, so doch jedenfalls das Mehrfache
 der vier Milliarden Barmittel, die in Deutschland im Umlauf
sind, vorhanden sein, um bei dem jetzigen Verkehr dem Bedarf an
Münze zu entsprechen. Diese Milliarden, die sonst nötig wären, um
damit Edelmetall zur Ausprägung anzukaufen, können jetzt in anderer
Weise wirtschaftlich angelegt werden, zum Bau von Chausseen, Eisenbahnen,
 Hafenanlagen usw., welche die Produktionskraft des Landes
eben.
83. Der Kredit macht aber auch die vorhandenen Kapitalien wesentlich
 produktiver, indem er sie in die Hand der Personen leitet, welche
sie besser zu verwerten imstande sind, Witwen und Waisen, Beamte,
Rentner usw. geben ihre Kapitalien, da sie nicht selbst einen Produktionszweig
 betreiben können, durch Ankauf von Aktien der Industrie,
zur Verwertung bei dem Bau von Eisenbahnen, in Hypotheken der
Landwirtschaft usw., wodurch jeder Kapitalteil der Volkswirtschaft
entsprechend dient, während er sonst unverwertet oder nur unzulänglich
 ausgenutzt bliebe. Dieselbe Summe übernimmt mehrere
Funktionen zugleich. Der Kunde der Bank kann über die bei derselben
 eingelegte Summe disponieren, z. B. Waren kaufen; die Bank
verleiht sie gegen Wechsel; der Darlehnsempfänger verwendet sie in
seiner Wirtschaft, z. B. zur Lohnzahlung usw,
4. Auch der Besitzlose vermag durch Kkreditiertes Kapital seine
Arbeitskraft zu unterstützen, ohne seine Selbständigkeit zu opfern.
Es ist der unendliche Segen des Kredits, daß eine tüchtige Persönlichkeit,
 deren Leistungsfähigkeit allgemein anerkannt ist, ein Darlehn
erhalten kann, um ein selbständiges Unternehmen zu gründen, oder
wenigstens ein weit größeres, als ihm bei einem geringen Vermögen
        <pb n="144" />
        — 125 —

möglich wäre. Ein Gutsverwalter, der sich bewährt hat, erhält wohl
ein Darlehn, um ein Gut zu pachten; hat er sich damit etwas erworben,
 so vermag er mit seinem Kredit ein Gut zu kaufen. Häufig
werden tüchtige Kommis von ihren Prinzipalen zu Geschäftsteilhabern
yemacht oder an die Spitze von Filialen gestellt, unter Gewährung
bedeutender Vorschüsse. Ein Ingenieur erhält Darlehen, um seine
Erfindung zu verwerten, oder es bildet sich eine Aktiengesellschaft,
er wird an die Spitze gestellt und erhält die Verfügung über Hunderttausende,
 ohne daß er selbst ein Vermögen zu haben braucht.
5. Auch die kleinsten Summen können durch Kredit zu größeren
Beträgen gesammelt und zu volkswirtschaftlicher Wirksamkeit gebracht
 werden, die ihnen bei ihrer Zersplitterung völlig fehlte. Das
zeigt sich insbesondere bei den Sparkassen, welche die kleinen Summen
zusammenziehen, die in den Händen von Kindern, Dienstboten, Arbeitern,
 Handwerkern in früheren Zeiten bar im Kasten liegen blieben
und dem Umlaufe entzogen wurden, während sie jetzt von den Sparkassen
 zu Millionen vereinigt der Volkswirtschaft zugute kommen,
indem sie in Hypotheken, Aktien, Staatspapieren angelegt wirtschaftliche
 Verwendung finden und die eingezahlten Münzen in Zirkulation
yesetzt werden. In derselben Weise vereinigen die Banken die sonst
müßig liegenden Beträge des Betriebskapitals, welche von den Unternehmern
 im Momente nicht verwendet werden können, um sie in
größeren Beträgen als Darlehen an Kaufleute und Industrielle abzugeben,
 deren diese gerade momentan dringend bedürfen. So werden
in den Aktiengesellschaften zur Durchführung des Großbetriebes kreditierte
 Summen zusammengetragen und zu größerer Wirksamkeit gebracht,
 während, und das ist beachtenswert, der Ertrag nicht in solcher
Weise konzentriert bleibt, sondern sich in den Händen der Aktionäre
verteilt. Die Inhaber von Pfandbriefen einer größeren landwirtschaftlichen
 Kreditanstalt tragen zur Durchführung einer großen Gutswirtschaft
 mit bei, während sie den Obligationen entsprechend nur
einen kleinen Teil des Ertrages derselben beanspruchen können. Der
Kredit begünstigt damit den Großbetrieb, während er die Konzentration
des Kinkommens vermeidet.
6. Die Möglichkeit, jede Summe nutzbar anzulegen, regt zum
Sparen und überhaupt zur Vorsorge für die Zukunft an. Die in Aussicht
 gestellte Verzinsung durch die Sparkasse veranlaßt den Arbeiter,
einen Teil des Lohnes nicht unmittelbar zu verbrauchen, sondern beiseite
 zu legen. Er weiß auch die kleinen Beträge zu schätzen, die
ibm dadurch zufließen, ohne daß er selbst seinen Arbeitsaufwand zu
erhöhen braucht. Das ganze Versicherungswesen beruht auch auf
Kredit, der es ermöglicht, durch kleine Jahreseinzahlungen bei einer
Gesellschaft sich ein Kapital zu sichern für den Fall der Verhagelung,
des Verlustes des Hauses durch Brand, für den Fall eines frühzeitigen
Todes zur Sicherung der Familie, wie durch Einzahlung eines Kapitals
zur Erzielung einer Jahresrente für die letzten Lebenstage bei Erreichung
 eines bestimmten Alters. Eine ausgedehnte Vorsorge für
die Zukunft ist aber das Zeichen einer höheren Kultur und sie wird
durch Kredit wesentlich erleichtert und unterstützt. I
„7. Der Kredit knüpft, wie wir sahen, Beziehungen, die in gegenseitigem
 Vertrauen wurzeln, und verbindet die Interessen der im wirtschaftlichen
 Verkehr stehenden Menschen. Der Gläubiger hat ein
intensives Interesse daran, daß es dem Schuldner gut geht, und dieser

Konzentrie-"ung
 kleiner
Summen.

Vorsorge für
die Zukunft,

(dJegenseitige
Kontrolle.
        <pb n="145" />
        126 —

wirtschaftlich vorwärts kommt. Auch für den Schuldner ist es nicht
gleichgültig, wie sich die Finanzverhältnisse des Gläubigers gestalten,
da er bei einem ungünstigen Verlaufe auf Kündigung rechnen muß,
bei einem günstigen ev. weitere Vorschüsse erwarten kann. Je ausgedehnter
 die Kreditwirtschaft ist, um so mehr gehen die Interessen
der Bevölkerung Hand in Hand. Wichtiger ist es noch, daß auf
unserer Kulturstufe jeder wirtschaftlich Tätige mehr oder weniger des
Kredits bedarf, es daher auch in seinem eigenen Interesse liegt, sich
des Vertrauens seiner Mitbürger würdig zu erweisen, um bei ihnen
Kredit zu haben. Ein Jeder fühlt sich unter der Kontrolle aller derjenigen,
 die mit ihm in Geschäftsverbindung stehen; jeder Fehlgriff in
seiner Tätigkeit, jeder Ausfall in seinen Kinnahmen drohen daher
seinen Kredit zu beeinträchtigen. Ein Jeder wird also durch sein
eigenstes Interesse veranlaßt, seine Tätigkeit mit entsprechender Vorsicht
 durchzuführen, um nicht seinen Kredit zu erschüttern. Die Gesamtheit
 wird dadurch zu einer soliden Wirtschaft erzogen. Dieses
pädagogische Moment des Kredits fällt namentlich bei den Schulze-Delitzschschen
 Genossenschaften erheblich ins Gewicht, wo Jeder solidarisch
 für die Verbindlichkeiten des Unternehmens haftet, und das
Mitglied von den Volksbanken größere Darlehen nur auf Grund der
Bürgschaft zweier anderer Mitglieder erhält. Jeder ist daher zur
größten Vorsicht genötigt, um sich einen solchen Ruf zu wahren, daß
er leicht die Bürgschaft anderer Mitglieder erhält, und ist wiederum
gezwungen, die Lage und Tätigkeit der übrigen fortdauernd zu kontrollieren,
 um seinerseits nicht Unwürdigen Bürgschaft zu gewähren.
Wer aber den Kredit bei der Bank verliert, kann ihn sicher von
anderer Seite nicht leicht erwarten und wird in seiner Berufstätigkeit
 lahm gelegt.
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, welche Stellung der Kredit
in der Volkswirtschaft einnimmt, welche Bedeutung ihm zuzuschreiben,
welcher Art seine Wirkung ist. Doch sind die Anschauungen darüber
noch keineswegs völlig geklärt, wenn auch die Gegensätze nicht mehr
so stark sind, wie sie sich noch vor einigen Dezennien herausstellten.
Der Engländer Macleod und der Amerikaner Perry schrieben dem
Kredit eine unmittelbar Kapital bildende Kraft zu, indem sie meinten,
Kredit Produk- eine Kreditoperation vermöge selbst Kapital zu erzeugen. Die Ausgabe
— von Papiergeld erschien ihnen, wie auch dem Schotten John Law,
als entsprechende Neuschaffung von Kapital auf Grund einer Verwechslung
 von Geld und Kapital und einer Gleichstellung der Geldsurrogate
mit der Münze. Durch die Ausstellung eines Wechsels für ein gewährtes
 Darlehn von 1000 M. wird aber offenbar nicht eine Verdoppelung
 der 1000 M. herbeigeführt, obgleich der Wechsel als
Zahlungsmittel benutzt werden kann und dadureh einen volkswirtschaftlichen
 Dienst leistet; sondern durch den Wechsel werden nur die
1000 M. zu einer doppelten Funktion gebracht, indem sie in der
Hand des Schuldners zu Zahlungen an Arbeiter in der Fabrik benutzt
werden können, und zugleich der Gläubiger in den Stand gesetzt wird,
über die 1000 M. vermöge des Wechsels zu disponieren, um damit
seinerseits einen Gläubiger zu befriedigen oder eine Maschine zu kaufen.
In dem Volksvermögen sind deshalb immer nur die 1000 M. vorhanden,
aber sie haben durch die Kreditoperation eine erhöhte Wirksamkeit
erlangt. Dasselbe ist der Fall bei der Ausgabe von Noten durch eine
Bank auf Grund des Versprechens der Einlösung bei Präsentation der
        <pb n="146" />
        127 —

Noten. Die Bank behält das bare Geld zur eigenen Benutzung zurück
und setzt Repräsentanten desselben in Umlauf, die Note wirkt jetzt im
Verkehre genau wie die Münze selbst. Man hat ein neues volkswirtschaftliches
 Hilfsmittel damit gewonnen. Aber auch hier ist durch die
Notenausgabe nicht eine Verdoppelung der Summe erzielt und dem
entsprechend der Nationalwohlstand erhöht, sondern es ist nur der
vorhandene Kapitalsvorrat durch die Notenausgabe zu einer zweifachen
Tätigkeit gebracht. Dasselbe liegt auch vor, wenn über den Barvorrat
hinaus Noten ausgegeben sind. Gibt schließlich der Staat Papiergeld
aus, so prägt er gewissermaßen seinen Kredit aus. Er hat keinen
Barvorrat dafür beiseite gelegt, die in Umlauf gesetzten 100 Mill. M.
yeben ihm eine entsprechend höhere Kaufkraft, obwohl sich der
Kapitalsvorrat nicht verändert hat. Dies ist eine Erscheinung, die in
der Volkswirtschaft sehr häufig vorkommt. Durch eine bessere Organisation,
 eine erweiterte Arbeitsteilung in einer Fabrik werden die vorhandenen
 Arbeitskräfte besser ausgenutzt. Die Gesamtleistung ist erhöht,
 obgleich die Zahl der Arbeitskräfte die gleiche geblieben ist.
Durch eine bessere fachliche Ausbildung kann die Arbeiterbevölkerung
zu höherer Leistungsrähigkeit gebracht werden, ohne Vermehrung ihrer
Zahl, und ohne daß das neue Agens erhöhter Bildung dem Werte
nach geschätzt und als Kapital in Anrechnung gebracht werden kann.
So ist auch der Kredit eine unmeßbare wirtschaftliche Macht von
hoher Bedeutung und zwar eine sittliche Macht, die aber nicht selbst
als Kapital anzusehen ist und ebensowenig wie die Kreditoperation
selbst, also die Verwertung des Kredits direkt Kapital hervorbringt.
Wenn nun dagegen John Stuart Mill ausdrücklich sagt: Der
Kredit ist an sich keine produktive Macht, so liegt darin wiederum
eine Unterschätzung des Kredits, da er, wie wir sahen, durch Ersparung
 von Münze, durch Erhöhung der Produktivkraft der vorhandenen
 Kapitalien, durch wesentliche Erleichterung des Verkehrs unzweifelhaft
 produktiv wirkt; aber indirekt. Die Kreditmittel, wie
Wechsel, Noten usw. stehen in der volkswirtschaftlichen Bedeutung
Jen Transportmitteln, der Münze usw. ähnlich da.
Durch ausgedehnte Benutzung des Kredits treten aber Gefahren
mannigfaltiger Art hervor, die nicht unbeachtet bleiben dürfen, aber
in der neueren Zeit nicht unbedeutend überschätzt sind.
Eine Verallgemeinerung des Kredits ermöglicht die Ausnutzung
desselben, wie wir sahen, zur einseitigen Erweiterung des Konsums.
Einer wirtschaftlich tiefstehenden Bevölkerung ausgedehnten Kredit
zu eröffnen, wird ihr sicher zum Schaden gereichen, indem sie
zu weitgehend von demselben Gebrauch macht, aber nicht, um
die erlangten Summen wirtschaftlich produktiv anzulegen, sondern
um sie zu vergeuden, wie man bei den slavischen Bauern noch in
der neueren Zeit beobachtet hat. Aber auch der Produktionskredit
kann leicht gemißbraucht werden, wenn er zu einer großen Ausdehnung
des Unternehmens auf zu wenig gesicherter Basis führt. Das tritt
hervor bei einem Gutskaufe mit zu geringer Anzahlung, WO dann
wenige ungünstige Ernten die Unmöglichkeit ergeben, die Zinsen zu
zahlen, und der eintretende Bankerott den Verlust des Vermögens
in sich schließen kann. Das liegt in gleicher Weise vor, wenn ein
Fabrikant, ein Kaufmann mit zu geringen Mitteln ein Geschäft unternimmt,
 wobei ein Zurückgehen der Preise sofort die Zahlungseinstellung
 mit sich bringt. Ueberhaunt wird durch Kredit die Speku-J.

 St. Mill.

Gefahren des
Kredits.
        <pb n="147" />
        128

lation erheblich angeregt, und der Unredliche wird geneigt sein, um
so gewagtere Spekulationen zu übernehmen, je weniger dabei von
eigenem Vermögen auf dem Spiele steht. und das Risiko auf anderen
Schultern ruht. Während auf der einen Seite also die Kreditwirtschaft
 größere Solidität in der Bevölkerung veranlassen wird, kann
sie andrerseits im Einzelfalle die Unsolidität fördern. Durch Kredit
kann das Übergewicht des Besitzenden über den Besitzlosen noch
gesteigert werden, weil demjenigen, dem ein mäßiges Vermögen zur
Seite steht, noch leicht ein Kapital kreditiert wird, was ohne solche
Sicherheit nur selten geschieht. Dem reichen Manne stehen aber
fast unbegrenzte Kapitalien zur Verfügung.
Ein Hauptnachteil einer verallgemeinerten Anwendung des Kredites
 ist, daß die ganze Volkswirtschaft einen schwankenden und
unsicheren Charakter annimmt. Der enge Zusammenhang der Wirtschaftenden
 ermöglicht auch wirtschaftliche Rückschläge besonders
tiefgreifender Natur und in höchster Ausdehnung. Daß die landwirtschaftliche
 Depression am Ende des letzten Jahrhunderts zum großen
Teile auf die Ueberschuldung zurückzuführen ist, wird allgemein anerkannt.
 Der Großgrundbesitzer hat infolge der größeren hypothekarischen
 Ueberlastung weit mehr gelitten als der weniger verschuldete
Bauer.
Verhängnisvoll wäre es aber, dem Grundbesitzer deshalb seine
Kreditfreiheit beschränken zu wollen. Man würde gerade den
tüchtigeren, aufstrebenden Landwirten die Hände binden und sie
unfähig machen, die Konkurrenz mit dem Auslande aufzunehmen.
Wir kommen in der Volkswirtschaftspolitik auf diese Frage zurück.
Der Kredit erweist sich nach Allem als ein zweischneidiges
Schwert, welches den leicht verwundet, der es nicht zu handhaben
versteht, dagegen denjenigen unterstützt, der den richtigen Gebrauch
davon macht. Der Kredit ist es gewesen, der erst die moderne
Weltwirtschaft zur Entwicklung brachte und die Fortschritte der
Kultur ermöglichte, die wir gegenwärtig genießen. Durch eine
größere Reife der Bevölkerung und richtigeres Verständnis für die
Volkswirtschaft wird es allmählich gelingen, die schädlichen Auswüchse
zu beschneiden und die Gefahren zu mildern.

Kapitel IV.
Die Arten der Volkswirtschaft.
$ 40.
Verschiedene Einteilung der wirtschaftlichen
Entwicklune,

Fr. List, Nationales System der politischen Oekonomie, Stuttgart 1840.
Bücher, Entstehung der Volksw. Tübingen 1909 und Art. Gewerbewesen im
Handwörterbuch d. Staatsw. |
B. Hildebrand, Jahrbücher für Nationalökonomie, Jahrg, 1864.
Ed. Meyer, Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums. Jahrbücher für
Nationalökonomie 1895. | | |
Sombart, Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation. Archiv f. soz. Gesetzg.
 1899, Bad. 14.
Schmaller, Grundriß II S. 668,
        <pb n="148" />
        129

a Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft. Freiburg
 1896.
Lamprecht, Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, zweiter Ergänzungsband
zur deutschen Geschichte. Freiburg 1906,
v. Below, Wirtschaftsstufen, in Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft. 2. Aufl.
Bd. II S. 1330.
Ders., Ueber Theorien der wirtsch. Entwicklung der Völker, Histor. Zeitschr.
LXXXVI.
W. Mitscherlich, Der wirtsch. Fortschritt, sein Verlauf und Wesen. Leipzig 1910.

Die Entwicklungsgeschichte der Volkswirtschaft in verschiedene
Phasen zu zerlegen, ist schon von mehreren Seiten versucht. Am bekanntesten
 ist die Einteilung von Friedrich List, der folgende
wirtschaftliche Entwicklungsstufen der Menschheit annimmt: 1. die
Stufe der Jagd und Fischerei, 2. des Hirtenlebens, 3. des Ackerbaues,
4. die Agrikultur-Manufakturperiode, und 5. die Agrikultur-Manufaktur-Handelsperiode.
 Die erste ist die Zeit, wo der Mensch sich noch
wenig von dem Tiere unterscheidet, der Zustand der Wildheit, wo
seine wirtschaftliche Tätigkeit eine rein okkupatorische ist. In der
zweiten sucht er die Tiere zu Haustieren heranzuziehen und dauernd
seinen Zwecken nutzbar zu machen, wie das besonders in dem
Nomadentume zutage tritt. Aber das Hirtenleben kann sich auch
auf einer bestimmten Scholle entwickeln, wie das in Deutschland
unzweifelhaft der Fall gewesen ist. Ein wesentlicher Fortschritt liegt
dann in dem Uebergange zum Ackerbau, der sich natürlich außerordentlich
 langsam erst zu höherer Leistung entwickelt, aber dem
Fortschritte einen großen Spielraum einräumt. Nach List soll das
ackerbauende Volk allmählich durch eingeführte Manufakturen zu
höheren Lebensansprüchen gebracht, zu anderer Tätigkeit angeregt
und damit genügend gehoben werden, um sich zur vierten Stufe zu
erheben, wo sich die stoffveredelnden Gewerbe entwickeln, um
unter Ausbildung der Arbeitsteilung im Lande selbst den Bedarf
an Manufakturen zu befriedigen. Auf dieser Stufe ist nach ihm zu
seiner Zeit, Anfang der 40er Jahre, Deutschland gewesen, während
nur das britische Reich sich schon auf die höchste Stufe emporgeschwungen
 hatte, wo noch der Handel hinzutritt, um die Industrie
für den Export arbeiten zu lassen, und damit zur internationalen
Arbeitsteilung überzugehen. Es ist klar, daß von einer Volkswirtschaft
überhaupt erst in den beiden letzten Listschen Perioden gesprochen
werden kann. Die Abscheidung, wie er sie vornimmt, entspricht aber
nicht den historischen Tatsachen. Nicht einmal das britische Reich,
welches er hauptsächlich im Auge hat, zeigt diesen Entwicklungsgang.
Der Ackerbau ist sicher oft mit dem Hirtenleben Hand in Hand gegangen,
 und der Handel trat vielfach unmittelbar befruchtend hinzu,
bevor sich eine heimische Industrie von Bedeutung entwickelt hatte.
Man braucht nur an die Phönizier im Altertum und an Karthago zu
denken. In England bildete sich schon seit Cromwell der Handel
mit Rapidität aus, und erst darauf gewann auch die Industrie einen
Aufschwung. Holland ist ein überwiegend merkantiles Land gewesen,
also ohne es jemals zu einem Agrar-Manufakturstaat zu bringen, und
die Industrie hat niemals eine entsprechende Bedeutung daselbst gewonnen.
 Als richtig ist aber anzuerkennen, daß erst dann ein Land
zu hoher Ausbildung der Volkswirtschaft gelangen kann, wenn jene
drei großen Produktionszweige zur Blüte gebracht sind und sich
gegenseitig befruchten.
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl.

Fr, List.
        <pb n="149" />
        130 —

Bücher.

Von Interesse ist dann die von Bücher aufgestellte Entwicklungsfolge.
 1. Die Stufe der geschlossenen Hauswirtschaft (reine
Eigenproduktion, tauschlose Wirtschaft), auf welcher die Güter in
derselben Wirtschaft verbraucht werden, in der sie entstanden sind.
2. Die Stufe der Stadtwirtschaft (Kundenproduktion oder Stufe
des direkten Austausches), auf welcher die Güter aus der produzierenden
 Wirtschaft unmittelbar in die konsumierende übergehen.
3. Die Stufe der Volkswirtschaft (Warenproduktion, Stufe des
Güterumlaufes), auf welcher die Güter in der Regel eine Reihe von
Wirtschaften passieren müssen, ehe sie zum Verbrauch gelangen,
Auf der ersten Stufe wird der Bedarf durch die Arbeit der
Familienangehörigen selbst gedeckt. Der Tausch tritt zunächst nur
vereinzelt auf. Die ganze wirtschaftliche Tätigkeit ist bestimmt
durch die lokalen Verhältnisse, wodurch schon früh eine gewisse Arbeitsteilung
 herbeigeführt wird, die aber nur eine untergeordnete Rolle
spielt. Sie ist innerhalb der Familie zwischen den Geschlechtern auf
primitivster Stufe der Kultur durchgeführt, dann später erweitert
durch die Hinzuziehung der Sklaven und Hörigen. Es ist also der
Zustand primitiver Kultur, wie er ursprünglich überall als Ausgangspunkt
 anzusehen ist, nur geht Bücher wesentlich zu weit, wenn er
diesen Zustand in dem ganzen Altertum noch vorzufinden glaubt und
ihn ebenso bis in das vorgerückte Mittelalter hinein voraussetzt.
In der zweiten Stufe nimmt er die Stadtwirtschaft an, wo bereits
die Arbeitsteilung sich erweitert hat, und ein großer Teil des Konsums
vor allem der Stadt aus der Umgegend bezogen wird, während diese
wiederum die Produkte städtischer Arbeit für sich in Anspruch nimmt.
Der Kleinhandel spielt schon eine erhebliche Rolle innerhalb des zum
städtischen Gebiete gehörigen Territoriums, der Großhandel dagegen
ausschließlich als Wander-, Markt- oder Meßhandel. Das sind Verhältnisse,
 wie sie sich am Ende des Mittelalters in Deutschland wohl
nachweisen lassen.
Die dritte volkswirtschaftliche Stufe liegt nach Bücher vor, wo
sich Staaten mit größeren Territorien ausgebildet haben, und in den
mehr abgeschlossenen Staatswirtschaften sich innerhalb des Landes
ein allgemeiner Austausch und weitgehende Arbeitsteilung auszubilden
vermochten, um damit die Wirtschaft eines ganzen Volkes zu entwickeln,
 welches gemeinsam für den gesamten Bedarf arbeitet. Auf der
dritten Stufe bildet sich immer mehr eine Arbeitszerlegung der einzelnen
 Unternehmungen aus, die Halbfabrikation schiebt sich ein, und
die einzelnen Geschäfte gelangen untereinander in Handelsbeziehungen.
Der Handel tritt als Zwischenglied ein, und das Verkehrsgewerbe
gewinnt an Bedeutung. „Die Länge des Weges, welche die Güter
vom Produzenten zum Konsumenten zurücklegen“, wird als das
Charakteristische für jene Epoche hingestellt. In dieser Weise lassen
sich wohl verschiedene Phasen unterscheiden. Indessen verschwindet
das Zwischenglied, wie es Bücher einschiebt, bei näherer Betrachtung
gegenüber den anderen beiden zu sehr in der zeitlichen Bedeutung
und als allgemeine historische Tatsache.
Sombart schließt sich in der Hauptsache Bücher an, und, obwohl
er ihn scharf angreift. gebraucht er nur andere Worte. Er scheidet
1. Individualwirtschaft, mit Produktion für den eigenen Konsum
(Hauswirtschaft), 2. Uebergangswirtschaft oder Gesellschaftswirtschaft
niederer Ordnung unter „Trennung von Konsumtions- und Produktions-
        <pb n="150" />
        31 —

wirtschaft“, die er dann selbst als „Stadtwirtschaft“ zu bezeichnen
genötigt ist. 3. Gesellschaftswirtschaft, d. i. eben Volkswirtschaft.
Die beıden letzteren faßt er auch als „Erwerbswirtschaften“ zusammen,
welche er der „Bedarfsdeckungswirtschaft“ gegenüberstellt, wobei
aber zweckmäßig die Stadtwirtschaft als Uebergangswirtschaft dazwischen
 zu schieben wäre, wo noch ebensoviel für den eigenen Bedarf
 als für den Erwerb gearbeitet wird. Seiner weiteren vierfachen
Scheidung, je nachdem eigener oder fremder Bedarf mit eigener oder
fremder Arbeit gedeckt wird, legen wir keinen Wert bei, sie tut den
Tatsachen zu großen Zwang an und kommt zu falschem Ergebnis.
Das Handwerk ist auch eine Unternehmung und arbeitet so gut mit
fremder Arbeitskraft für fremden Bedarf wie der moderne Fabrikant,
der ebenso selbst arbeitet wie der Meister, Solche Schablone mit
willkürlicher Ausdrucksweise dürfte mehr zur Verwirrung als zur
Klärung der Anschauungen beitragen.
Schon vor Bücher hat Schmoller eine eigene Aufstellung der
Entwicklungsphasen menschlicher Kultur versucht, die er in seinem
Grundriß weiter ausgeführt und begründet hat, und die sich mit der
von Bücher berührt, Er sagt darüber II. S. 666: „Der Grundgedanke
unserer Volkswirtschaftslehre ist der, daß das Wirtschaftsleben der
Menschheit sich vollzieht in einer Summe von politisch-gesellschattlichen
 Körpern, die teils neben-, teils nacheinander als Einheiten sich
unserem Blicke darstellen. Jeder dieser Körper erhält für unsere
Vorstellung seine Einheit wohl auch durch Gebiet und Grenzen, durch
die jeweilige Technik und Aehnliches, aber doch in erster Linie durch
die Blut- und geistige Einheit, durch die Vergesellschaftung der Beteiligten,
 als deren sichtbare Symptome: Rasse, Sitte, Recht, Moral
und Religion, dann und hauptsächlich politische und volkswirtschaftliche
 Institutionen erscheinen.“
Er sieht den Entwicklungsprozeß des Menschen in der Ausbildung
größerer wirtschaftlicher Fähigkeiten und Tugenden und in der Herstellung
 größerer und komplizierterer, immer besser eingerichteter
sozialer Wirtschaftsorgane und -gemeinschaften. Für die Entwicklung
sucht er bestimmte Etappen aufzustellen. In der ersten Phase tritt
die Menschheit in kleinen Horden und Stämmen gegliedert auf, ohne
feste Verknüpfung mit dem Boden, daher leicht zerfallend. Aus ihnen
bildeten sich bei höher stehenden Stämmen starke kriegerische Oryanisationen,
 welche die Grundlage für die ersten Gemeinwesen und
Staaten wurden, wie sie sich im klassischen Altertume und der
neueren indogermanischen Geschichte zeigen. Die weitere Entwicklungsphase
 zerlegt er in folgende Abschnitte: 1. Die Epoche der
agrarischen Eigenwirtschaft und des Stammeslebens (bis in das 10.
and 11. Jahrhundert); 2. die Epoche der Stadtwirtschaft und der
stadtwirtschaftlichen Gebiete (vom 12.—16. Jahrhundert); 3. der Mittelund
 Territorialstaaten (vom 14. - 18. Jahrhundert); 4. der größeren
nationalen Staaten- und Volkswirtschaftsbildung (vom 16.—19. ‚Jahrhundert);
 5. die Epoche der neuen Weltstaaten und der vordringenden
weltwirtschaftlichen Beziehungen.
v. Philippovich scheidet in seinem Grundriß der politischen
Oekonomie einmal wie Bücher die geschlossene Hauswirtschaft als
örste Wirtschaftsstufe aus, welcher er die Verkehrswirtschaft gegenüberstellt,
 In dieser unterscheidet er: 1. Die Periode des lokalzebundenen
 Verkehrs (Stadtwirtschaft), welche in Deutschland zur
a*

Schmoller,

Philipnovich.
        <pb n="151" />
        132 —

Hildebrand.

Zeit der Karolinger beginnt und bis in das 15. Jahrhundert reicht.
2, Die Periode des staatlich gebundenen Verkehrs (beginnende Volkswirtschaft)
 vom 15.—18, Jahrhundert, in der die Bildung der Territorialfürstentümer
 vor sich geht, welche städtische und ländliche Wirtschaftsgebiete
 zusammenfassen. Sie ist das merkantilistische Zeitalter
der staatlichen Regelung des Wirtschaftslebens. 3. Die Periode des
freien Verkehrs (entwickelte Volkswirtschaft, Kapitalismus) in der
neueren Zeit, in der das Kapital immer mehr bestimmend für die Art
der Bedürfnisbefriedigung wird. Die Einteilung dürfte in der Hauptsache
nur für die Entwicklung der deutschen Verhältnisse maßgebend sein.
Tiefergreifend und charakteristischer scheint uns die ältere Einteilung
 Bruno Hildebrands zu sein, in Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft,
 je nachdem der allgemeine Umsatz sich auf dem Wege des
Naturaltausches oder durch Geld oder in der Hauptsache auf Grund
des Kredites vollzieht. Lamprecht hat dann die ersten beiden
Epochen noch je in eine sozialistische und individualistische scheiden
wollen. Wohl lassen sich auch hier nicht scharfe Grenzen zwischen den
einzelnen Phasen ziehen; der Uebergang ist, wie allgemein in der Volkswirtschaft,
 ein sehr allmählicher. Es bürgert sich bereits das Geld
auch da ein, wo noch im ganzen die primitivste Stufe vorliegt, der Tausch
selbst gegenüber dem Eigenverbrauch nur eine Ausnahme bildet, und
schon sind vereinzelte Kreditoperationen nachweisbar, die aber nur
dem Konsumtionskredite angehören. Naturalumsatz und noch mehr
Naturalleistungen für gewährte Dienste sind bis in das 19. Jahrhundert
hinein zu beobachten, wo schon die dritte Periode beginnt.) Aber
doch ist in den einzelnen Zeiten eine bestimmte Art des Umsatzes
für den ganzen Verkehr hauptsächlich maßgebend und prägt der Zeit
ihren Stempel auf. Zur Zeit Homers, wie bis zum 11. Jahrhundert
auf deutschem Boden, liegt Naturalwirtschaft vor; und auch gegenwärtig
 im Innern Afrikas, Australiens usw., auch wenn sich dort
bereits das Geld vereinzelt in Anwendung findet. Seit Solon zur
klassischen Zeit, seit den Kreuzzügen im Mittelalter beginnt die Einbürgerung
 des Geldes, In der Perikleischen Zeit, wie in dem
15. Jahrhundert ist die Geldwirtschaft die unbedingt herrschende,
während in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England, in
der Mitte des 19. erst in Deutschland die Kreditwirtschaft mit all
ihren Eigentümlichkeiten zum Durchbruch gelangte. Man wird allerdings
 einräumen müssen, daß die dritte Phase in ebenso hohem Maße
durch die Erfindungen und die wachsende Bedeutung des Kapitals
im wirtschaftlichen Leben ihr eigentümliches Gepräge erhält, wie
durch die allgemeine Anwendung des Kredites. Wir schließen uns
jedoch im Folgenden der Hildebrandschen Einteilung an.

1) Laut Staatsrechnung des Kantons Zürich vom Jahre 1803 wurde damals der
Zehnte noch fast ausschließlich in Naturalien entrichtet; die Grund-, Boden- und
Erblehnzinse nur zum kleinen Teil in Geld. Noch 1842 betrug der Gesamtertrag
an Grundzinsen 50042 alte Franken, davon wurden aber nur 5036 Fr. in Geld, der
Rest in Naturalien geliefert. Dieser Zusammensetzung der Einnuhmen entsprach
lie der Gehälter. Die beiden Bürgermeister des Kantons erhielten nur je %00 alte
Franken Gehalt, aber 25 Mutt Kernen und 25 Eimer Wein. Der Oberrichter 520
alte Franken und 20 Mutt Kernen und 20 Eimer Wein, Die Geistlichkeit des
Kantons wurde zum größeren Teile in Naturalien be oldet.
„Monatsschrift für christl. Sozialreform in der Schweiz. 1909, Maiheft,“
        <pb n="152" />
        33

8 41.
Die Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft.
Die charakteristischen Eigentümlichkeiten der Naturalwirtschaft
 liegen in folgenden Punkten:
1. Grundbesitz und menschliche Arbeitskräfte sind die einzigen Pi
Güterquellen. Die Produktion bewegt sich noch in den einfachsten “der Natural-Formen
 und dient fast nur zur unmittelbaren Befriedigung der laufen- Wirtschaft.
den Bedürfnisse. Arbeitsteilung ist nur innerhalb des Familienkreises
yorhanden, der Umsatz der Produkte ist durchaus lokalisiert.
2. Produktion wie Konsumtion sind im höchsten Maße ungleichmäßig
 und fallen von einem Extrem ins andere. Bald wird die Arbeitskraft
 in Jagd- und Fischzügen übermäßig angestrengt, während darauf
wieder Zeiten der Muße und der Unverwertbarkeit der Arbeitskraft
folgen. In der gleichen Weise wechseln Ueberfluß und Mangel, je
nachdem Jagdzüge von Erfolg gekrönt waren und der Ernteausfall
sich gestaltete. Die Urkunden aus dem Mittelalter berichten von jenem
Wechsel zwischen grenzenloser Hungersnot, welche die Bevölkerung
dezimierte, und Ernteüberfluß, wo ein Teil des Ertrages keine Verwertung
 finden konnte. Die Bevölkerung gewöhnt sich daher daran,
bald zu darben, bald zu schwelgen, überhaupt nur dem Moment zu leben.
3. Die erzielten Produkte, in der Hauptsache Nahrungsmittel,
signen sich nicht zur Aufbewahrung, sondern gehen leicht zugrunde.
Auch deshalb wird verbraucht, was erzielt ist, ohne Vorsorge für die
Zukunft. Es fehlt an dem entsprechenden Mittel, Ueberschüsse als
Reserve aufzuspeichern und daher überhaupt Wohlstand zu erzielen.
Aus demselben Grunde gebricht es an jeder Anregung, mehr zu leisten,
als die Fristung des Lebens erfordert, und die Leistungsfähigkeit
allseitig auszubilden. Schlaffes Hinvegetieren ist zur Zeit der Naturalwirtschaft
 das Gewöhnliche, die allgemeine Stagnation läßt Jahrhunderte
 vergehen, ohne einen wesentlichen Fortschritt.
4. Da es an den Hilfsmitteln des Kapitals fehlt, ist die völlige
Abhängigkeit von der Natur gegeben, die der Mensch nicht beherrscht,
sondern von der er, wie die Tierwelt, völlig beherrscht wird.
5. Es stehen sich allein die Inhaber des Grund und Bodens und
der Arbeitskraft gegenüber, Da der letztere ohne Grund und Boden
zeine Kraft nicht verwerten kann, ist er in unbedingter Abhängigkeit
von jenem. Es bildet sich daher allgemein entweder die persönliche
Sklaverei oder das Hörigkeitsverhältnis, die Gebundenheit an die
Scholle aus, die sowohl im Altertume, wie im Mittelalter und in der
Gegenwart bei den primitivsten Völkerschaften zu finden sind.
6. Dies überträgt sich auch auf die politische Organisation. Wie
der Grundherr den Bauern Land zur Benutzung überläßt gegen Naturallieferungen
 und Dienste mannigfaltiger Art, so belohnt der Staat die
ihm geleisteten Dienste durch Belehnung mit Land, sowohl an Beamte,
wie an die Heeresfolge leistenden Vasallen, die dasselbe wiederum,
da sie es nicht selbst verwerten können, in der gleichen Weise an
Bauern überlassen. Es bildet sich der Lehns- oder Feudalstaat mit
ausgedehnter Domanialwirtschaft aus, die nicht nur während des
Mittelalters in Deutschland zu finden ist, sondern auch in Persien
zur Zeit der Blüte, im alten Mexiko zur Zeit der Entdeckung Amerikas
ınd in Japan noch in späterer Zeit.
        <pb n="153" />
        134

Geldwirtschaft. Ganz anders gestalten sich die Verhältnisse unter der Herrschaft
der Geldwirtschaft.
l. In dem Gelde gewinnt die Bevölkerung ein vorzügliches
Sparmittel, in welches alle Ueberschüsse der Wirtschaft umgesetzt
und als Reserve aufgesammelt werden können; dadurch ist die Möglichkeit
 geboten, einen Ausgleich zwischen Ueberfluß und Mangel
herbeizuführen. Die Produktion wie die Konsumtion erlangen eine
größere Gleichmäßigkeit, die überaus wohltätig wirkt. Die Vorsorge
für die Zukunft beherrscht in bedeutsamer Weise das ganze wirtschaftliche
 Leben.
2. Da der Nutzen des Sparens in jedem Momente zur Geltung
kommt, wird durch das Geld eine intensive Anregung zum Arbeiten
über den augenblicklichen Bedarf gegeben, und damit die Steigerung
des Volkswohlstandes in besonderer Weise angebahnt.
3. Die herrschende Klasse 1äßt sich die ihr gebührenden Abgaben
immer mehr in Geld bezahlen, um damit im Bezuge des Bedarfes unabhängiger
 zu sein. Dadurch gewinnt der Arbeiter seinerseits eine
größere Unabhängigkeit und freie Verwertbarkeit seiner Kräfte, die
er nun nicht nur im Dienste des Herrn, sondern auch des Publikums
anwenden kann. Durch das Geld hat er die Möglichkeit erlangt, sich
in die besitzende Klasse emporzuarbeiten, was ihm wiederum die Handhabe
 gewährt, sich von dem Herrn loszukaufen und ein freier Mann
zu werden. Durch das Dazwischentreten des Geldes wird allmählich
das alte Hörigkeitsverhältnis gelockert und schließlich beseitigt. Jeder
wird selbständiger, aber auch isolierter. Der Grundherr hatte Anspruch
 auf die Arbeitskraft seiner Untergebenen, dafür aber auch
die Verpflichtung zur Fürsorge in Fällen der Not. Mit Beseitigung
der Rechte fallen auch die Verpflichtungen fort, und der Arbeiter
steht in Zeiten der Bedrängnis hilflos da,
4. In der Zeit der Naturalwirtschaft beobachtet man das natürliche
 Bedürfnis der einzelnen Stände und Berufsklassen, sich zur Vertretung
 ihrer Interessen eng zusammenzuschließen. Je mehr sich die
Geldwirtschaft einbürgert, um so mehr löst sich das alte Verhältnis,
 die Gegensätze gleichen sich aus. Es ist eine allgemeinere Atomisierung
 der Volkselemente zu beobachten.
5. Die Steigerung des Wohlstandes, die gewonnenen Geldmittel
führen unwillkürlich zu einer Erhöhung der Lebensbedürfnisse,
und diese regen wiederum zu stärkerer Produktion und Verwertung
aller Arbeitskräfte an. Damit kommt Leben in das ganze wirtschaftliche
 Treiben, und Fortschritt tritt an die Stelle der bisherigen Stagnation.

6. Da das Geld sich in einer Hand beliebig anhäufen Jäßt, so
ist damit die Möglichkeit gegeben, auch ohne Grundbesitz wirtschaftliche
 Macht zu erlangen. Neben dem Grundbesitzer bildet sich die
Klasse der Kapitalisten aus, die sich zwischen ihn und den Arbeiter
schiebt. Die Nachfrage nach diesen bewirkt die Besserung ihrer
Lage. In sozialer wie wirtschaftlicher Beziehung tritt die Klasse
der Kapitalisten den Grundbesitzenden entgegen und ringt mit ihnen
um die Herrschaft.
7. Die Staatsgewalt bezahlt nun die ihr geleisteten Dienste mit
Geld, und so bildet sich das Soldheer und ein von ihr abhängiger
Beamtenstand aus, der, von dem Grundbesitze losgelöst, den Staat
von der grundbesitzenden Klasse unabhängiger macht. Die Domänen-
        <pb n="154" />
        — 135 —

wirtschaft wird durch ein Steuersystem ersetzt, um dem Staate die
nötigen Mittel zu verschaffen. Alles wirkt darauf hin, an Stelle des
Feudalstaates die absolute Monarchie zur Ausbildung zu bringen.
Wurde in der Zeit der Naturalwirtschaft allein für den Lokalbedarf
 gearbeitet, so erweitert sich die Tätigkeit zur Zeit der Geldwirtschaft
 auf einen ausgedehnteren Umkreis.
Die Kreditwirtschaft führt dann mehr und mehr zum internationalen
 Verkehre und ermöglicht denselben erst in so durchyreifender
 und charakteristischer Weise, wie ihn die Gegenwart aufzuweisen
 hat.
1. Wurde durch die Einführung des Geldes die Kapitalsbildung
in ausgedehnterem Maße ermöglicht, so nimmt sie in der letzten Entwicklungsphase
 nie geahnte Dimensionen an, ermöglicht die Konzentrierung
 des Kapitals zur Produktion im Großen und fördert überall
den Uebergang vom Klein- zum Großbetrieb in Handel und Industrie.
Die Entwicklung des Wohlstandes wie der Lebensansprüche geht in
beflügelter Weise vor sich.
9. Die sich ausbildende internationale Arbeitsteilung, wie der
hochgespannte Bedarf im Inlande, bringen wiederum größere Schwankungen
 in die Produktions- und Konsumtionsverhältnisse, damit größere
Unruhe und Ungleichmäßigkeit in den volkswirtschaftlichen Betrieb.
Die Spekulation greift, unterstützt und getragen durch den Kredit,
in alle Verhältnisse ein. Weil die Basis des Besitzes im Vergleich
zum Umsatze weit geringer geworden ist, muß auch das Risiko größer
werden und der Konjunkturenwechsel größere wirtschaftliche KErschütterungen
 herbeiführen, als sie zur Zeit der Geldwirtschaft vorhanden
 waren. Die wirtschaftlichen Krisen sind eine besondere Kigentümlichkeit
 der neuesten Wirtschaftsphase, unter der die Arbeiterklasse
 besonders leidet. .
8. Durch das überall eingreifende Kapital steigt die Nachfrage
nach Arbeitskräften und führt im großen Ganzen zu einer wachsenden
Besserung der Lage der unteren Klasse und Hebung ihrer wirtschaftlichen
 wie politischen Bedeutung. Die Lebensansprüche derselben
wachsen aber in noch stärkerem Maße, so daß der Gegensatz der
Klassen verschärft erscheint, obgleich die wirtschaftliche Unterlage
eine Ausgleichung erfahren hat. Hatte die Geldwirtschaft die alten
Standesgruppen aufgelöst und atomisierend gewirkt, so bildet sich
jetzt wiederum der Assoziationsgeist aus. Aber die Vereinigungen
sind. nicht durch strengen Kastengeist abgeschlossen und festgelegt,
sie erwachsen auf dem Boden der Freiheit durch momentan VOorliegende
 Bedürfnisse, verbinden ihre Mitglieder nur zeitweise und
für bestimmte wirtschaftliche, soziale oder politische Aufgaben. Der
Kredit verknüpft die Interessen der verschiedensten Wirtschaftsgruppen
 und bildet dadurch den Assoziationsgeist aus, der für unsere
Zeit typisch ist und in diesem Jahrhundert sicher noch eine größere
Entfaltung erfahren wird.
4. Sobald die Herrschaft des Kapitals mit ihrer wirtschaftlichen
Bedeutung mehr und mehr in den Vordergrund tritt, verschwindet das
Uebergewicht des Grundbesitzes. Der landwirtschaftliche Betrieb büßt
den alten patriarchalischen Charakter ein, wird mehr und mehr der industriellen
 Unternehmung ähnlich und verliert damit die alte Stabilität.
5. Auf den Feudalstaat folgte die absolute Monarchie, auf diese
das konstitutionelle System oder die Republik, gestützt durch eine

Kreditwirt
schaft.
        <pb n="155" />
        — 136 —

breite, wohlhabende Mittelklasse, die mehr und mehr zur Herrschaft
berufen ist und der Zeit der Kreditwirtschaft entspricht.
6. Die wirtschaftliche und politische Freiheit und Gleichberechtigung
 Aller kommt völlig zum Durchbruch,

Kapitel V.
Der Preis.

Ss 42,

Das allgemeine Preismaß.

Th. Tooke und W. Newmarch, Die Geschichte und Bestimmung der Preise
während der Jahre von 1793—1857, übers. von Asher. Dresden 1858, 59.
Zuckerkandl, Theorie des Preises. Leipzig 1889,
Ders., Art. Preis im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl,

Arbeit als
Wertmaß.

Metreide.

Cdelmetalle.

Das Preismaß unterscheidet sich von den anderen Maßen dadurch,
 daß es nicht eine materielle Größe messen soll, sondern eine
ideelle, eine Beziehung der Dinge zur menschlichen Gesellschaft,
und zwar der Güter mannigfaltigster Art. Infolgedessen muß das
allgemeine Preismaß 1. leicht teilbar sein, um die verschiedenen Preisquantitäten
 zu messen, 2. allgemein bekannt und anerkannt, 3. von
Raum und Zeit unabhängig sein. Aber ein diesen Ansprüchen ganz
zenügendes Preismaß aufzufinden, ist als ein unlösbares Problem zu
bezeichnen.
A. Smith bezeichnete die menschliche Arbeit als das beste
Preismaß. Aber das Opfer, das der Arbeitende bei einer Leistung
bringt, ist nicht bei allen Personen gleich. Eine physisch anstrengende,
äinförmige Tätigkeit ist für den daran gewöhnten Tagelöhner keine
Last, sondern ein Bedürfnis, für den an geistige Beschäftigung gewöhnten
 Lehrer wird sie schon nach kurzer Zeit unerträglich. Die
Leistung einer Tagesarbeit ferner ist örtlich und zeitlich, je nach den
arbeitenden Persönlichkeiten, verschieden. Die Leistungsfähigkeit ist
dei den verschiedenen Völkerschaften sehr ungleich und verändert sich
auch im Laufe der Zeit sehr erheblich. Sie ist selbst erst durch die
Leistung zu bestimmen, man bewegt sich in einem circulus vitiosus,
Es ist auch das Getreide als Preismaß vorgeschlagen worden,
doch ist der Wert desselben je nach dem Ernteausfall außerordentlich
 verschieden. Für kürzere Perioden ist das Getreide daher als
zolches unbrauchbar, In den verschiedenen Zeiten und Ländern ist
;‚erner bald die eine, bald die andere Frucht als die Hauptnahrung
höher geschätzt. Im Mittelalter war Hafer ein sehr ausgebreitetes
menschliches Nahrungsmittel. Er wurde allmählich durch Roggen verdrängt,
 der in dem größten Teile Deutschlands jetzt das hauptsäch-{lichste
 Brotgetreide bildet. Derselbe ist während der letzten Jahrhunderte
 in England, Frankreich, in den Rheingegenden allmählich
and jetzt völlig durch Weizen ersetzt, während in Italien die Maisaahrung
 überwiegt. Es ist deshalb nicht überall dasselbe Getreide
als Wertmaß zur Anwendung zu bringen.
Die Edelmetalle haben dagegen alle günstigen Eigenschaften,
um in einem gegebenen Moment als Preismaß zu dienen. Es geht
aber auch ihnen die Unveränderlichkeit des Preises ab. Gleiche Quan-
        <pb n="156" />
        — 137 —

titäten Edelmetall haben in verschiedenen Zeiten, wie auch in verschiedenen
 Ländern zu gleicher Zeit eine ungleiche Kaufkraft. Zur
Vergleichung der Verhältnisse verschiedener Jahrhunderte wird daher
das Edelmetall nicht als Preismaß ausreichen. Es muß vielmehr dann
das Getreide als besserer, konstanterer Maßstab hinzugezogen werden.
Um eine tiefere Einsicht in den Geldwert zu erlangen, ist aber eine
Untersuchung des Preisniveaus der hauptsächlichsten Konsumartikel,
und zwar derjenigen der verschiedenen Gesellschaftsklassen, erforderlich.

Zur Feststellung z. B. des Verhältnisses der Löhne vor dem
Dreißigjährigen Kriege, nach demselben und in der Gegenwart wird
aus der Vergleichung des Wochenlohnes eines Schnitters, Maurers usw.
in der Münze jener Zeiten nicht viel zu ersehen sein. Man muß vor
allem den Gehalt der Münzen an Edelmetall feststellen, der erheblich
gewechselt hat. Ist der Wochenlohn in Gold oder Silber gefunden,
so muß die Kaufkraft des Betrages untersucht werden, weil man
wissen muß: was konnte damals der Arbeiter sich mit dem Wochenlohn
 verschaffen, wie konnte er damit im Vergleich zur Gegenwart
‚eben. Näher wird man dem Ziele kommen, wenn man nach den Getreidepreisen
 der verschiedenen Zeiten berechnet, wie viel Brotgetreide
der Wochenlohn repräsentierte. Aber das Getreide macht nur einen
kleinen Teil des Bedarfes des Arbeiters aus, einen noch kleineren Teil
dei höherer Lebensstellung der in Betracht gezogenen Personen. Die
Hinzuziehung der Fleischpreise, der Wohnungsmiete, der Kosten eines
Anzuges usw., wird erst einen tieferen Einblick in die Verhältnisse
gestatten.
Als Beispiel führen wir die Entwicklung des durchschnittlichen
Gehaltes eines ordentlichen Professors an der Universität Halle-Wittenberg
 in Geld und Roggen an. (Aus der Festschrift zum Jubiläum
der Universität 1894):

‚697
720
747
787
795
‚835
1855
‚865
1875
1885
18992

5
| En

M.

ae

581P
56709
6369

— 245,0 Zentner Roggen
288,0
255,7
8727
391°
506%
7307
67,
E62
676,0
71767

”
n
a

Preis des Zentners Roggen
4,59 M.
3,93
3,28
282
442 ,
0,03
3,50
8,12
347
”

Nach Roggen gemessen hat sich das Gehalt nur verdreifacht, in
eld fast versechsfacht.

8 43.
Die Preisregulierung bei freier Konkurrenz.
). Mangoldt, Volkswirtschaftslehre. Freib. 1868. .
Zeitschrift f. d. g. Staatuw. 1881. Neumann, Die Gestaltung des Preises usw.
Schönbergs Handb. 1896, Bd. I, S. 253. 9
Schwiedland, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 2. Aufl. 1909.

Durch das gegenseitige Abwägen der Ansprüche der Käufer und
Verkäufer eines Gutes wird der Preis desselben festgestellt. Stehen
beide Parteien sich völlig frei und mit gleicher Dringlichkeit ihrer
        <pb n="157" />
        — 138 —

Ansprüche gegenüber, stehen Vorrat und Bedarf, Angebot und Nach-[rage
 in angemessenem Verhältnis (was im allgemeinen der Fall sein
wird bei freier Konkurrenz, einem leicht und beliebig vermehrbaren
und einem entbehrlichen Gegenstande, z. B. Gemüse auf dem Wochenmarkt,
 gewöhnlichen Textil- und Eisenwaren usw.), So wird der Preis
Beschaffungs- auf die Herstellungskosten plus dem ortsüblichen Gewinn durch das
3rundlage des sich gegenseitig Ueber- und Unterbieten der Konkurrenten herab-Preises.
 „drückt werden. Er wird sich dauernd nicht darüber und nicht
darunter halten können. '
Ein Steigen des Preises über jenes Minimum hinaus wird unter
solchen Umständen sowohl die Konsumenten zurückschrecken, die Nachfrage
 verringern, als auch die Produzenten, die Verkäufer, resp. die
angebotenen Quantitäten vermehren, das Angebot steigern, wodurch
der Preis herabgedrückt wird. Eine größere Zahl von Personen wird
den gebotenen außergewöhnlichen Profit ausnutzen wollen und als
Konkurrenten auftreten, und es wird mehr Material herbeigeschafft.
Das reichlichere Angebot oder, was dasselbe ist, die vermehrte Konkurrenz
 bei verminderter Nachfrage führt ein gegenseitiges sich Unterbieten
 der Verkäufer herbei, um eine größere Zahl von Kunden heranzuziehen
 und mehr Ware abzusetzen. Umgekehrt wird ein Herabyehen
 der Preise, welches den Gewinn des Verkäufers annulliert,
naturgemäß das Angebot vermindern und schließlich aufhören lassen,
während die billigen Preise mehr Käufer heranlocken und die Nachfrage
 steigern. Die Konsumenten werden beginnen. sich zu überbieten,
 um von dem billigen Ankauf möglichst zu profitieren, Das Verhältnis
 von Angebot und Nachfrage verschiebt sich dann zugunsten
Jer Verkäufer und bewirkt eine Steigerung der Preise. Der Preis
zelbst reguliert hier offenbar Angebot und Nachfrage, wie diese ihrerzeits
 den Preis beeinflussen. Bei Konsumtionsgegenständen der unteren
Xlasse wird der Einfluß der Preisveränderung auf die Nachfrage sehr
Jald zu spüren sein und sehr energisch wirken, und um so mehr, je
antbehrlicher der Gegenstand ist, z. B. bei Zucker, Tabak usw. Aber
zuch der Brotkonsum wird durch die Preise erfahrungsgemäß sehr
arheblich beeinflußt. In den mahl- und schlachtsteuerpflichtigen
Städten Schlesiens schwankte der jährliche Konsum an Weizen von
1838—62 zwischen 76 und 152 Pfd. pro Kopf; in der Provinz Sachsen
der Roggenkonsum von 205 bis 353 Pfd., in Berlin von 140 bis
299 Pfd. Im Jahre 1847 verzehrte Berlin an Roggen und Weizen
zusammen pro Kopf nur 214 Pfd., im ‚Jahre 1857 365 Pfd., das ist
eine Differenz von 151 Pfd. Die wohlhabende Klasse wird durch
Preisveränderungen in ihrem Brotkonsum naturgemäß nicht in gleichem
Maße beeinflußt. So ist die Einwirkung der Preisverschiebung auf
len Konsum bei den verschiedenen Gegenständen sehr ungleich, wie
wiederum das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nicht gleichmäßig
 die Preise und Löhne beeinflußt, weil die Gewohnheit der Verschiebung
 einen großen und bei den verschiedenen Gegenständen sehr
ungleichen Widerstand entgegensetzt. Wenn man früher sich damit
begnügte, die Preisregulierung ganz durch Angebot und Nachfrage zu
erklären, so ergibt sich, daß dies nicht ausreicht, denn die Preise
regulieren wiederum Angebot und Nachfrage. Man muß auf die Ursachen
 zurückgehen, welche beide beeinflussen.
Es ist ferner zu berücksichtigen, daß auch bei genügendem Vorrat
 das Angebot vielfach künstlich zurückgehalten wird. Abgesehen

\ingebot und
Nachfrage.
        <pb n="158" />
        — 139 —

davon, daß der Kaufmann sehr geneigt ist, Ware, deren Preis zurückgegangen
 ist, nicht auf den Markt zu bringen, sondern sie zurückzuhalten,
 bis die Preise sich gehoben haben, streben Kartelle, Ringe usw.
lanach, gemeinsam einen Einfluß dahingehend auszuüben, überschüssige
Waren vom Markte zurückzuhalten. In der gleichen Weise üben die
Arbeitervereine einen Druck aus, ihre arbeitslosen Mitglieder von der
Bewerbung um Arbeit, resp. von der Wiederaufnahme der Arbeit zurückzuhalten,
 um die Lohnentwicklung für sie günstig zu beeinflussen.
Die Spekulation steigert oft künstlich die Nachfrage wie das Angebot
 über das Verhältnis von Vorrat und Bedarf hinaus.
Die Nachfrage ist ferner, wie bereits angedeutet, von verschiedener
Dringlichkeit und daher ungleicher Wirkung, wobei außer wirtschaftlichen
 Momenten auch subjektive Motive eine große Rolle spielen, wie
persönliche Liebhaberei, Leichtsinn, Unkenntnis, während bei dem Angebot
 die Gewandtheit des Verkäufers, unterstützt durch Fachkenntnis,
Uebersicht über die Marktverhältnisse usw. sehr ins Gewicht fallen.
Doch ist nicht zu verkennen, daß diese persönlichen Faktoren hervorvagenden
 Kinfluß nur im vereinzelten Falle ausüben, in dem volkswirtschaftlichen
 Verkehr aber im Darchschnitte verschwinden. Wichtiger
 ist der psychische Einfluß einer Furcht vor Mangel oder Ueberäuß,
 wodurch die Energie von Angebot und Nachfrage bedeutend
verschärft wird und die Preisschwankungen wesentlich über das Verhältnis
 von Vorrat und Bedarf hinaus verschärft werden.
Mit den Unkosten werden nach dem Gesagten auch die Preise
steigen resp. sinken. Gegenstände, deren Herstellungskosten gleich
hoch sind, müssen unter sonst gleichen Verhältnissen und bei wirksamer
 Konkurrenz gleiche Preise haben. Unter den Herstellungskosten
 wird auf die Dauer eine Ware nicht hergestellt und abgesetzt
werden können.
Von diesen Regeln treten nun aber viele Ausnahmen ein, die von
der alten Schule zu sehr ignoriert wurden.
Güter, welche sich leicht und hinreichend ersetzen lassen (Surrogzate),
 können nicht sehr abweichende Preise zeigen, wodurch Modifikationen
 der Regel herbeigeführt werden müssen. Steigt der Kaffee
im, Preise, so vermehrt das die Nachfrage nach Zichorien und verteuert
 dieselben, auch wenn die Herstellungskosten sich nicht verändert
 haben, Die Preise der verschiedenen Getreidearten beeinflussen
sich gegenseitig. Ist die Weizenernte eine günstige, die Roggenernte
dagegen eine ungünstige gewesen, so nähern sich die Preise der beiden
Produkte; sie halten sich aber auch gegenseitig in Schranken. Der
Konsum wirft sich bei diesem Beispiel von dem Roggen auf den
Weizen, vermindert den Ueberschuß an Weizen und entlastet den
Roggen. Hohe Preise des Roggens verbieten eine ausgedehnte Anwendung
 desselben zu Viehfutter und erweitern den Bedarf an Hafer
and Gerste, während bei einer Mißernte an Hafer geringe Qualitäten
des Roggens und Weizens (dieser besonders als Geflügelfutter) Ersatz
bieten müssen. Während des Krieges von 1914 spielt das Kartoffelmehl
 usw. als Zusatz zum Brote, um namentlich Weizenmehl zu sparen,
eine große Rolle. Verteuerung des Schweinefleisches wirkt auch auf
Hammel- und Rindfleisch zurück. Bei allgemein hohen Preisen der
Hauptfleischsorten wird auch das Geflügel, das Wild usw. teurer, auch
wenn deren Beschaffungskosten unverändert geblieben sind. Die Verschiebung
 von Angebot und Nachfrage kommt hier in der Preis-Surrozate.
        <pb n="159" />
        - 140 —

Verschiedene
Herstellungskosten.


Jetreidepreise.

veränderung zum Ausdruck. Ebenso stehen die Preise von gewöhnichen
 Wollen- und Baumwollenwaren in gewissem Zusammenhange,
ınd es können sich ausnahmsweise dabei Seltenheitspreise herausbilden,
 die über die Herstellungskosten usw. erheblich hinausgehen,
Bei Verschiedenheit der Herstellungskosten !) der Waren wird der
Preis durch die unter den ungünstigsten Verhältnissen arbeitenden
Produzenten bestimmt, die noch zur Deckang des Bedarfs heranyezogen
 werden müssen. Dies tritt fortdauernd zutage, wo das Handwerk
 mit dem FäabrikbBetriebe im Kampfe steht, oder durch neue Erfindungen
 eine erhebliche Herabsetzung der Herstellungskosten herbeiyeführt
 ist. Solange nur wenige Fabriken entstanden sind, die nur
einen kleinen Teil des Bedarfs zu decken vermögen, werden sie sich am
besten dabei stehen, wenn sie noch die höheren Handwerkerpreise beitehalten,
 da sie auch bei hohen Preisen genügend Absatz finden. Sobald
aber der größte Teil des Bedarfs durch Fabriken befriedigt werden
kann, wird die Konkurrenz derselben genügend wirken, um die Herstellungskosten
 der Fabrikware zur Basis der Warenpreise zu machen.
Der Verdienst des Handwerkers wird allmählich herabgedrückt, bis
ar nicht mehr zum Leben ausreicht, und das Handwerk ausstirbt. Bei
neuen Erfindungen werden zuerst Monopolpreise gefordert, solange der
Erfinder nicht so viel liefern kann, wie verlangt wird; wo der Gegenstand
 schon vorher hergestellt wurde, bleiben zunächst die alten
Preise unberührt. Erst wenn die neue Methode allgemein Anwendung
yefunden hat, oder eine konkurrierende Erfindung auftritt, gehen die
Preise entsprechend herunter, wie dies neuerdings bei chemischen
Medikamenten und Färbemitteln vielfach beobachtet werden konnte,
Die Höchster Farbwerke haben während der Dauer des Patentes bis
{898 Antipyrin für 120 M, per Kilo in den Handel gebracht, während
Jie Selbstkosten nur etwa 20 M. betrugen. Heute kostet es je nach
ier Fabrikmarke 15—25 M.
Die Beschaffungskosten sind ganz verschieden nach der Entfernung
vom Produktionsorte. Holz im Walde selbst ist sehr billig; in einer
om Walde 10 Meilen entfernten Stadt, wohin der Transport nur auf
dem Landwege bewirkt werden kann, wird es um das Mehrfache teurer
sein. Die Kohle in der Nähe der Bergwerke in Schlesien steht sehr
niedrig im Preise, dagegen in Berlin, wohin sie von dort gelangt,
noch, da die Transportkosten, Lagerungs-, Handelsspesen hinzutreten,
Die Verbesserung der Kommunikationsmittel bringt daher fortdauernd
Preisverschiebungen hervor.
Ein gutes Beispiel liefern die Getreidepreise, da das Getreide
anter sehr verschiedenen Produktionskosten hergestellt wird. Hier
bestimmt die Bodenart den Preis, welche die höchsten Produktionskosten
 beansprucht, oder die entlegenste Gegend, welche noch zur
Lieferung herangezogen werden muß, um den Bedarf zu decken... Dies
ist am klarsten ersichtlich mn Thünens „Isoliertem Staate“ (s. T. II
des Grundrisses), wo eine Stadt in einem kreisförmig herumliegenden
Territorium mit völlig gleichen, natürlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen.
 von der übrigen Welt durch eine Wüste abgeschlossen,

1) In der deutschen Roheisenindustrie weichen die Produktionskosten bei
GHießerei- und Thomasroheisen um 30% ab, weil die Technik und Betriebskonzentration
 ungleich entwickelt ist, und die natürlichen Prodnktionsgrundlagen an den
Sitzen der deutschen Hochofenindustrie keine gleichmäßigen sind. Goldstein: Die
Entwicklung der deutschen Roheisenindustrie seit 1879. Berlin 1908.
        <pb n="160" />
        yedacht wird. Hier sind der Bedarf der Stadt und die Entfernung,
aus welcher noch Getreide zugeführt werden muß, bestimmend für den
Preis. Er muß so hoch steigen, daß noch die entlegensten Gegenden,
welche zur Deckung des Bedarfs herangezogen werden müssen, Produktionskosten
 und Transportkosten ersetzt erhalten. Je stärker die
Bevölkerung der Stadt steigt, um so weiter müssen die Lieferungskreise
 ausgedehnt werden, um so größer sind die Transportkosten und
am so höher ist der Getreidepreis in der Stadt. Diese wird nur dann
das nötige Getreide erhalten, wenn sie genügend bietet, um die Kosten
zu ersetzen. Dies kommt aber auch den übrigen, günstiger gelegenen
Landwirten zugute, deren Reinerträge dadurch steigen. Eine Steigeung
 der Unkosten der dazwischen gelegenen Kreise ist ohne Einfluß
auf den Preis, solange dadurch der Reinertrag nicht vollständig absorbiert
 wird.

8 44.
Die Preisregulierung bei beschränkter Konkurrenz.
v. d, Borght, Einfluß des Zwischenhandels auf die Preise, Leipzig 1888,
Verhandinngen des Vereins f, Suzialpolitik in Frankfurt 1888. Leipzig 1888.
; Ta Kockerscheidt, Ueber die Preissteigerung chemischer Produkte, S. 92.
enäa .
r Zar Schultze, Die Entwicklung der chemischen Industrie in Deutschland.
ena *
0. Spann, Theorie der Preisverschiebung. Wien 1913.
Ist der Vorrat beschränkt, so bestimmt der Käufer den Preis, der
den höchsten noch ökonomisch gerechtfertigt findet; z. B. bei öffent
licher Versteigerung.
In England werden die in den Häfen eingetroffenen Schiffsladungen
von Wolle und Baumwolle meist öffentlich versteigert, wie in Frankreich
 und am Rhein die Weine größerer Produzenten, ebenso die edlen
Zuchttiere, Böcke, Rennpferde usw. in England und Deutschland. Die
Kauflustigen kommen aus allen Gegenden zusammen und überbieten
sich. Derjenige erhält den Zuschlag, der das höchste Gebot macht;
er bestimmt den Preis. Ein ähnliches Verfahren ist überall im Verkehre
 zu beobachten, wo der Vorrat ein beschränkter ist. Die Herstellungs-
 resp. Beschaffungskosten bilden nur die untere Grenze, über
welche der Preis je nach den Geboten erheblich hinausgetrieben wird.
Das sich Ueberbieten der Kauflustigen geschieht, ohne daß sie sich
liessen bewußt sind: oder der Verkäufer läßt es nicht zur Versteigerung
 kommen, sondern stellt die Preise der Kaufkraft und Kauflust
ler Leistungsfähigsten gemäß auf, und es ist die wichtige und
schwierige Aufgabe des Kaufmanns, hier mit dem richtigen Verständnis
 die Preise den Verhältuissen anzupassen. Kin gutes Beispiel
liefern die Samenhändler in Deutschland, die dem Usus gemäß
gleichzeitig ihre Preiskourante versenden, in denen für jede Sorte in
jedem Jahr nach dem Ausfall der Ernte die Preise von den Konkurrenten
 unabhängig voneinander aufgestellt werden, wobei nicht die
Herstellungskosten des einzelnen Jahres den Maßstab abgeben, die oft
nicht erreicht werden können, sondern die Zahlungsfähigkeit des
Publikums nach dem zu erwartenden Verhältnis von Angebot und
Nachfrage, Setzt ein Händler nach einer Mißernte bei einer Sorte
die Preise zu hoch an, so schreckt er die Kunden überhaupt zu sehr
ab, die sich einem Konkurrenten zuwenden und dort ihren ganzen

Yersteigerung.
        <pb n="161" />
        149

Seltenheitspreise.


Bedarf auch an anderen Sorten beziehen; setzt er die Preise zu
ıedrig an, so wird er zwar seinen Vorrat schnell los, erzielt aber
2aicht den Gewinn, der für ihn möglich gewesen wäre.
Je größer die Dringlichkeit des Bedarfs, um so mehr kann der
Preis über die Herstellungskosten steigen (Seltenheitspreise), und um
30 mehr wird die Furcht vor Mangel oder Ueberfluß Preisschwankungen
Joch über das Mißverhältnis von Vorrat und Bedarf hinaus hervorrufen,
Die Grenze jeder möglichen Preissteigerung liegt, wie erwähnt, in der
Zahlungsfähigkeit der Konsumenten, Die Grenze wird daher, wofür
schon Belege angeführt sind, beim Bedarf der ärmeren Klasse früher
eintreten als bei dem der reicheren, und um so mehr, wenn es sich
am entbehrliche Gegenstände handelt,
Diese Seltenheitspreise bilden sich nun im wirtschaftlichen Leben
sehr allgemein aus und spielen eine weit größere Rolle, als gewöhnlich
angenommen wird. Sie sind es, die den Unternehmergewinn liefern.
Dieselbe Fabrik setzt für die verschiedenen Waren, welche sie
herstellt, z. B. in der Wirkwarenbranche, die Preise mit sehr verschiedenem
 Zuschlage zu den Herstellungskosten an, je nachdem die
Artikel der allgemeinen Konkurrenz verfallen oder einzig in ihrer
Art, mit neuen Mustern von besonderem Geschmack dastehen, also
Seltenheitspreise gestatten. Die Händler begnügem sich mit einem
sehr geringen Preise bei Waren, welche die große Masse der Bevölkerung
 fortdauernd bezieht, und die in jedem Laden zu haben sind,
z. B. gewöhnliche Baumwollenhandschuhe. ‘Sie nehmen höhere Profite
bei Waren von auserlesenem Geschmack, die als Spezialitäten angesehen
 werden können, z. B. feingemusterte Seidenhandschuhe. Letztere
werden unter Umständen allerdings behufs Reklame auch sehr billig
abgegeben, wenn besonders großer Absatz zu erwarten ist. Der Antiquar
 setzt in seinem Katalog die gangbarsten Bücher so billig als
möglich an. Bei den seltenern fordert er höhere Preise, auch wenn
er sie billig gekauft hatte, und schraubt sie so weit, als er glaubt
noch Käufer dafür finden zu können. Vielfach findet eine erhebliche
Preissteigerung statt, ohne daß die Unkosten dabei sehr gesteigert
sind. Ein gutes Beispiel gibt Schmoller an: Der Wein eines guten
Jahrganges gewinnt durch einfaches Lagern häufig sehr bedeutend an
Wert, seine Qualität verbessert sich und erzielt einen Seltenheitspreis,
Die Konkurrenz ist nun in den seltensten Fällen eine unbedingt
freie, mehr im Groß- als im Kleinhandel, weshalb die Ausgleichung
sehr unvollkommen ist, und die Herabärückung auf den Normalpreis
im gewöhnlichen volkswirtschaftlichen Verkehr seltener vorkommt, als
meistens angenommen wird. Die allgemeine Trägheit des Publikums,
welches an den alten Preisen festhält, Kurzsichtigkeit usw. erschweren
Veränderungen und gestatten Monopolpreise, auch wo das Monopol
kein natürliches ist und sehr wohl gebrochen werden könnte.
Der Arbeiter ist darauf angewiesen, um Zeitverlust zu vermeiden,
in dem Laden zu kaufen, der in nächster Nähe liegt. Ihm fehlt naturzemäß
 die Umsicht, um die Vergleichung der Preise in verschiedenen
Läden oder gar an anderen Orten vorzunehmen. In kleinen Städten
tritt leicht eine Ringbildung der kleinen Zahl der Händler ein, um
die Preise zu beherrschen. Wo die Qualität des Fabrikates von be-Sonderer
 Bedeutung ist, wird der gute Ruf einer Firma ihr gestatten,
Monopolpreise zu fordern, z. B. einer Maschinenbauanstalt für ihre
Maschinen. die sich eines besonderen Renommees erfreuen. Auf dem
        <pb n="162" />
        143 —

Gebiete der photographischen und wissenschaftlichen Präparate ist
häufig der Ruf einer Firma ausschlaggebend, welcher für eine unbedingte
 Reinheit der Fabrikate bürgt, und ihr daher Monopolpreise
 gestattet. Dasselbe ist von den Uhrenfabriken in Glashütte
in Sachsen zu sagen, die dafür bekannt sind, daß sie nur unbedingt
korrekt gehende Uhren abgeben.
Die Preise des Detailhandels können dem Engrospreise nicht
yenau, sondern nur abgeschwächt folgen, da die Generalunkosten sich
gleich bleiben. Der Kolonialwarenhändler hat die Miete für den
Laden, die Heizung und Beleuchtung, das Gehalt der Gehilfen, die
Zinsen des Betriebskapitals, den Prozentsatz für Geschäftsverluste zu
tragen, gleichviel ob die Preise der Waren hoch oder niedrig sind.
Um sie zu decken, muß er den gleichen Betrag, bei niedrigen Preisen
also einen höheren Prozentsatz der Warenpreise zur Einkaufssumme
hinzuschlagen, wodurch die Detailpreise die Schwankungen der Engrospreise
 nur vermindert aufweisen und sich gleichmäßiger gestalten.
Besondere Veranlassungen, wie Maß- und Münzveränderungen,
neue Zölle und sonstige indirekte Steuern, bewirken auffallende Preismodifikationen.
 Je weiter Produzenten und Konsumenten getrennt
sind, je öfter der Gegenstand von Hand zu Hand geht, um so weniger
sind die Herstellungskosten maßgebend für den Preis, der vielmehr
durch die Spekulation beeinflußt wird.
Die Preisveränderung schließt sich nach allem nicht der Verschiebung
 von Angebot und Nachfrage und auch nicht den Veränderungen
 in den Produktionskosten usw. unbedingt an, sondern wird
durch die mannigfaltigsten Umstände beeinflußt. Das Endergebnis
hängt davon ab, welcher Teil das Uebergewicht hat, die Preisregulierung
 ist in ausgedehntem Maße eine Machtfrage.
Die mehrfach aufgeworfene Frage, welcher Preis als der gerechte,
welcher als ungerecht anzusehen sei, scheint uns privat-, nicht volkswirtschaftlich
 gefaßt zu sein. In dem großen Weltverkehr tritt das
subjektive Moment willkürlicher Einwirkung u. A. n. fast völlig in den
Hintergrund. Eine Ausnahme davon machen staatliche Eingriffe, wie
Schutzzölle usw. im eigenen Lande, So wenig man von der Ungerechtigkeit
 des Eintritts einer Epidemie, eines Erdbebens, eines Hagels
dder Nachtfrostes sprechen kann, so wenig liegt Ungerechtigkeit vor,
wenn günstige oder ungünstige Konjunkturen eintreten, infolge neuer
Erfindungen Handwerker brotlos werden oder die Landwirte unter
einem allgemeinen Rückgang der Getreidepreise leiden. Es kann nur
von Härten gesprochen werden, die zu mildern unter Umständen
die Aufgabe der Staatsgewalt sein kann.
‚In dem einzelnen Falle kann dagegen natürlich ein geforderter
Preis unberechtigt, ein bezahlter Lohn ungerecht sein. Hier haben
wir die Abweichungen des Spezialpreises vom volkswirtschaftlichen
Wert. Der erstere kann ungerecht sein, nicht aber der letztere, mit
lem der allgemeine Durchschnittspreis zusammenfällt. . .
Als wünschenswert wird der Preis zu bezeichnen sein, bei
dem jede den Verhältnissen richtig angepaßte Arbeit ihren angemessenen
 Lohn findet. Was dabei als angemessen anzusehen ist,
hängt von der Kulturstufe, der Lebensgewohnheit des Volkes, wie
der Gesellschaftsklasse ab, die in Betracht kommen. Nicht jede Arbeit
 verdient ihren Lohn, sondern nur die, welche entsprechend wirtschaftliche
 Werte erzeugt, und hierdurch verwickelt sich die Unter-Engros-

 und
Detailpreise,

}erechte oder
angemessene
Preise.
        <pb n="163" />
        — 144 —

suchung gewaltig. Der Arbeiter kann seine Aufgabe vollkommen
erfüllt und seinen Lohn verdient. haben; war sie aber vom Unternehmer
in falsche Richtung geleitet, so blieb sie unproduktiv und ein lohnender
Preis für die Leistung wird nicht zu erlangen sein, der gleichwohl
ein angemessener gewesen sein kann. Jede falsche Berechnung der
Konjunkturen muß solch Mißverhältnis zur Folge haben. Hat der
Landwirt, der die Preisentwicklung bei den landwirtschafılichen Produkten
 zu optimistisch beurteilte, das Gut zu teuer bezahlt oder zu
einem zu hohen Pachtpreis übernommen, so daß er bei den vorliegenden
Getreidepreisen die Zinsen der Pacht nicht herauswirtschaften kann,
wird er schwerlich Anlaß haben, sich über ungerechte Preise zu beklagen,
 so wenig wie der Aktionär, der die Aktien eines Kohlenbergwerks
 im ungünstigen Moment zu sehr hohem Kurs kaufte und keine
Dividende erzielte, oder der Fabrikant, der das Rohmaterial zu teuer
einkaufte und für die Ware keinen ausreichenden Preis erzielte, um
die Produktionskosten zu decken.

8 45.
Der Preis des Grund und Bodens.
m KR Die Häuserpreise in Freiburg während der letzten 100 Jahre.
Jena .
H. Paasche, Die Entwicklung der Preise und der Rente des Immobilienbesitzes
zu Halle a. S. Halle 1878,
Adolf Weber, Ueber Bodenrente und Bodenspekulation in der modernen Stadt.
Leipzig 1904.
Bherstadt, Städtische Bodenfragen. Berlin 1894,
Ders., Die Spekulation im neuzeitlichen Städtebau. Jena 1907. Publikation
des Vereins f. Sozialpolitik.

Städtische
Grundpreise.

Der Grund und Boden ist nur in beschränkter Ausdehnung vorhanden,
 und der Mensch vermag nur wenig auf die Erweiterung einzuwirken.
 Allerdings nimmt der nutzbare Boden noch heutigen
Tages in den Kulturländern zu, aber nicht in dem Maße wie die Be-Völkerung.
 Das Angebot ist daher auf höherer Kulturstufe nur wenig
zu erweitern, während demgegenüber bei aufblühenden Völkern durch
das Wachsen der Bevölkerung die Nachfrage fortdauernd steigt. Der
Preis des Grund und Bodens muß daher bei regulärer Eutwicklung
unaufhörlich in die Höhe getrieben werden. Das ist am deutlichsten
bei den städtischen Bauplätzen zu beobachten, wo der Preis durch
das Anwachsen der Stadt steigt, ohne daß Arbeit darauf verwendet
zu sein braucht. Gewisse Lagen der Stadt werden besonders bevorzugt.
 In alter Zeit bildete der Markt den Mittelpunkt der Stadt,
um den sich der Verkehr konzentrierte; von ihm liefen die Hauptstraßen
 aus, wo Läden und Werkstätten auf den meisten Zuspruch
rechnen konnten. Dort hatte der Bauplatz, das Haus den höchsten
Wert, dort war die höchste Miete zu erhalten, da die Plätze rar, die
Nachfrage allgemein war. Je mehr die Stadt anwuchs, um so höher
stiegen die Preise, bis eine Ableitung, z. B. durch die Anlage eines
Bahnhofes nach dem einen Ende der Stadt, eintrat und der Verkehr
eine andere Richtung gewann. Die Straßen-, besonders die elektrischen
 Bahnen tragen mehr und mehr zur Entlastung des Innern
der Stadt bei, die, wie die City von London, immer ausschließlicher
für Geschäftslokalitäten reserviert wird, während die Wohnungen an
        <pb n="164" />
        —— 145 —

die Peripherie oder darüber hinaus in die Vororte verlegt werden.
Die Werkstätten der größeren Industrie können aus dem gleichen
Grunde außerhalb der Stadt angelegt werden, mit der sie durch den
Telegraphen und das Telephon in dauernder Verbindung bleiben.
Die Arbeiter finden außerhalb billigere und ländliche Wohnungen, wodurch
 schon erhebliche Preisverschiebungen eingetreten sind und
in der Zukunft in noch viel höherem Maße eintreten werden. Wohl
sind vielfach durch Aufkauf ausgedehnter Bauflächen z.B. durch Bauoder
 Terraingesellschaften künstliche Preissteigerungen herbeigeführt;
aber sie treten weit zurück hinter den natürlichen Wertzuwachs
durch Verschiebung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage
infolge des erweiterten Wohnungsbedürfnisses und der Möglichkeit
eine höhere Verwertung des Grund und Bodens durch Erhöhung der
Miete zu erzielen.
Die folgenden Beispiele lassen erkennen, welche außerordentliche
Steigerung die Bodenpreise in neuerer Zeit in den Städten erfahren
haben. .
Sidney Webb schätzt die jährliche Steigerung des Grund wertes
von London auf 93 Mill. M. In Frankfurt a. M. wurde die Wertsteigerung
 von 1880—95 amtlich auf 60°%, angenommen, in Karlsruhe
in 30 Jahren auf das 4—5fache.
Humboldts Haus in Berlin kostete, ohne daß ein Umbau stattgefunden
 hatte:
1746 4350 Tir. = 100
1796 28000 „ = 643
1803 85000 * = 827

Ein Gewölbe für ein Schreinergeschäft
 in Wien wurde vermietet:

1750 für 24 Glan.
1790 „ 25
1810 „ 6
1850 „ 3830%-1859
 „ 12067)
1862 „ 1600

In Freiburg stiegen die nicht
umgebauten Häuser im Durchschnitt:

1755—64 = 100
1810—19 = 412
1:440—49 — 837
13E0—59 = 789
1860—70 = 1310
1870—74 == 1724

7
m

Statistik.

Das Radziwillsche Palais in Berlin wurde 1738/39 erbaut,
Meet für O0 Tir. verkauft,
1795 , : tal
1875 ; 2000000 x BE m JO

Von 1865—75 stieg in Berlin die Zahl der Häuser um 47%,
gie RE um 62%, die Miete um 92%, von 1831—72 um
9
„Ein Quadratmeter Land in Berlin kostet in den Außenbezirken
etwa 50 M., im Durchschnitt kann man 100 M. annehmen, in bester
Geschäftsgegend 2000 M. Der Mietspreis für ein größeres Zimmer
in besserer Gegend beträgt etwa 300 M., der Durchschnittspreis
einer Hofwohnung mit einem Zimmer und Küche ist 275 M. Bei
einem bebauten Grundstück muß man 40 %, für den Wert des Grund
und Bodens annehmen.“ (Ebenezer Howard, Gartenstädte in Sicht.
Jena 1907, S. 191, Anhang, Zur Gartenstadtbewegung in Deutschland,
 von B. Kampffmeyer.)
In Halle war die durchschnittliche Miete einer Anzahl beobachteter
 Läden von 1831—76 wie 100: 488 erhöht, von 1803 wie 100: 1816,
Conrad, Grundriß der politf. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 10
        <pb n="165" />
        L46

von Mietwohnungen seit 1845 wie 100: 200, von 1803—76 100: 300.
Der Preis der Häuser war von den dreißiger Jahren bis zur Zeit
von 1870—76 wie 100:417 gestiegen; die Zahl der Häuser 1834—71
wie 100:174, der Einwohner wie 100 : 206.
Interessante Angaben bietet die Schrift von Paul Voigt, Grundrente
 und Wohnungsfrage in Berlin und seinen Vororten. Jena 1901,
In Charlottenburg ermittelte V. die folgende Entwicklung des
Preises pro Quadratmeter Bauland:
in der Berlinerstr. Kantstr. Christstr. Carmerstr, Wormserstr.
1860/61 2—3 M. — — —
1868 15 83-5M... — u
1871 21 — 12 M.... 5 M.
1875 23
1879 A — 24 —
1887 60 » 49 „. — 15—88 „ ...
1890 91
1898 64 „... 127 7... 84 2... 88 „2...

Den Bodenwert des Terrains, das gegenwärtig Charlottenburg umfaßt,
 schätzt er für

1865 auf 6 Mill. M., inkl. der Gebäude auf 16 Mill. M.
1880 ” 30 ” » ” »” ” » 80 » n
1886 „ 45 „ » » ” ”» 0a 03 x
1897 „ 300 „ 2» ca ” * 1 100

In dem Charlottenburger Teile des Kurfürstendammes berechnet
der Verf. den Quadratmeter 1861 auf 0,12 M. (Ackerwert), 1868: 2 M.,
1871: 10—12M., 1882: 10—20M., 1885: 20—50M., 1890: 30—80 M.,
1898: 80—200M. Die Entwicklung des Gesamtwertes des Grund und
Bodens am Kurfürstendamm beziffert er, wie folgt:

860 01 Mill. M.
865 „)
1870 25
‚872 65
‚885 140
‚890 30,0
1898 50.0

In Breslau wurde bei Beratung über die Einführung einer Zuwachssteuer
 1907 festgestellt, daß der gemeine Wert der im alten Stadtgebiete
 liegenden Grundstücke 1885: 480 Mil. M., 1895: 760 Mill,
1905: 1080 Mill. betragen habe.
Diese Preissteigerung schließt, wie schon oben ausgeführt, keine
ErhöhungdesNationalverm ögens ein, sondern nur eine Wertverschiebung
 zugunsten der städtischen Grundbesitzer. Der Arbeiter,
der Handwerker, der Industrielle, wie der Beamte, welche Wohnungen
mieten, müssen einen Teil ihres Einkommens und einen wachsenden
Teil an den Grundbesitzer abgeben. Eine Steigerung des Grundwertes
schließt eine Verteuerung des Lebens der Städter ein und greift unyemein
 tief in alle wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse ein.
Das neuerdings angeregte und schon in vielen Städten realisierte
Streben, durch eine kommunale Wertzuwachssteuer einen
erheblichen Teil der Grundrente zum Nutzen der Gesamtheit zu
verwerten, hat daher eine unbedingte Berechtigung, während die
schablonenhafte Erweiterung zur Staatssteuer (Reichssteuer) ihre große
Bedenken hat.
        <pb n="166" />
        147

8 46.
Preise der landwirtschaftlichen Grundstücke.
Steinbrück, Die Entwicklung der Preise des Grund und Bodens in Halle und
lem Saalkreise. Jena 1900.
H. Sarrazin, Die Entwicklung des Preises des Grund und Bodens in der Prov,
Posen. Halle a. S. 1897 (Dissert.) und in den landwirtschaftlichen Jahrbüchern 1897,
Rottkegel, Die Kaufpreise für ländliche Besitzungen in Preußen von 1895-—1906.
Leipzig 1910.

Bei den Ackergrundstücken wird bei der Bestellung, dann durch
oesondere Meliorationen fortdauernd Kapital mit dem Grund und
Boden verbunden, welches natürlich auf den Preis entsprechenden
Einfluß haben muß. Um ein Waldgrundstück in Acker zu verwandeln
oder ein verwahrlostes Gut wieder instand zu bringen, sind oft größere
Kapitalien aufzuwenden als zum Ankauf des Grund und Bodens. Auf
einem 1853 für 105000 M. gekauften Gute wurden in 22 Jahren
120000 M. für Gebäude und Meliorationen ausgegeben. Sarrazin
(a. a. O. 8. 124) stellt folgende Durchschnitts- Berechnung für eine
größere Zahl von Gütern auf:

Statistik.

pro ha in Mark
bei mäßiger mittlerer guter
N &amp;gt;
Padeanher -haffenheit
in Gebäuden 207 ) 400
in Inventar 75 170 200
im Boden mit stehender Ernte 120 200 300
in. Meliorationen 80 120 180
A759 740 1080
Ein Gut K, wurde 1891 für 190000 M. gekauft, in 6 Jahren sind
aufgewendet :
für Bauten 60000 M.
„ totes Inventar 16000 „
„ lebendes Inventar 40000 „
116000 M.

1897 wurde der Verkaufswert auf 360000 M. geschätzt.
Ein Gut G. ist 1887 mit 242000 M. bezahlt, in 10 Jahren wurden
larin angelegt:

Bauten 42500 M.
totes Inventar 20000 „
ebendes Inventar 35000 „
Meliorationen 35000 „
Summa 122500 M.

1897 ist der Gesamtwert auf 480000 M. geschätzt.
Aus den Hypothekenbüchern haben wir für ein westpreußisches
Gut Pl. die folgenden Tax- und Kaufpreise ausgezogen: 1788 betrug
die landschaftliche Taxe: 113283 M., dabei waren aber schon 1783:
135000 M. darauf hypothekarisch eingetragen gewesen. 1801 wurde
es für 219000 M. verkauft; 1802 für 240000 M., 1818 für 204000 M.,
wobei 147000 M. hypothekarisch eingetragen wurden. 1830 ist es
wieder für 112077 M. in andere Hände übergegangen, 1833 für
135000 M., worauf nach den Wirtschaftsbüchern bis 1865 für 180000 M.
Aufwendungen stattfanden. In den Jahren 1853—56 sind aus dem
Walde für 450000 M. Holz verkauft. Die landschaftliche Taxe ergab
Ende der siebziger Jahre 450000 M., im Jahre 1899 ist es für 850 000 M.,
L904 für 1.2 Mill. M. verkauft.
        <pb n="167" />
        148 —

ran lee ndes Für den Preis sind hier folgende Momente maßgebend: a) die recht-”
 lichen und Kreditverhältnisse (die unbedingte Rechtssicherheit, dann
die Hypothekenverhältnisse, die freie Veräußerlichkeit nnd sonstige
freie Verfügbarkeit), b) der Reinertrag (der als die Grundlage des
Preises anzusehen ist; bei den Häusern ist es die zu erwartende Miete,
die als Rohertrag gilt), c) der Kapitalzins, nach dem sich die Kapitalisierung
 des Reinertrages richtet, in der Weise, daß bei 5°% die
Kapitalisierung mit 20, bei 4% mit 25 geschieht. Das Herabgehen
des Zinsfußes hat in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts
den Rückgang des Grundwertes in nicht unbedeutendem Maße aufgehalten,
 während die Güterpreise in den Dezennien vor 1880, auch
wo die Reinerträge unverändert blieben, fortdauernd stiegen.
Bald ist indessen auch bei gleichem Landeszinsfuß durch Verschiebung
 des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage der Kaufwert
weit höher als der Ertragswert, bald auch niedriger; ersteres besonders
 auf hoher, letzteres auf niedriger Kulturstufe. In dem Westen
von Amerika ist im Vergleich zum Reinertrage das Land billig, im
Dsten teuer. In England, wo ein großer Teil des Landes in festen
Händen ist, werden für jedes Stück, wie für jede Farm enorme Preise
gezahlt, so daß auf eine höhere Verzinsung, wie etwa 2%, nicht zu
rechnen ist. In der Nähe der Städte oder für Güter in besonders
schöner Lage werden verhältnismäßig hohe Summen geboten. Dieselbe
Erscheinung liegt bei ganz kleinen Grundstücken vor, die der Arbeiter
erwirbt, um darauf seine überschüssige Arbeitskraft zu verwerten und
sich darauf zu erholen. Er verzichtet auf eine angemessene Verzinsung
des Anlagekapitals und vielfach noch auf einen Lohn für seine Arbeit.
Der Reinertrag wird bedingt einmal durch die Tragfähigkeit des
Bodens. Man zahlt naturgemäß für einen milden Lehmboden oder für
humoses Niederungsland das Doppelte, Dreifache und noch mehr als
für Sandboden; für Land in alter Kultur weit mehr als für erst neu
kultiviertes Gebiet, welches noch steinig, unrein, wenig humos, ohne
Wasserabfluß usw. zu sein pflegt, weil der Ertrag jenes Landes entsprechend
 höher ist. Der Preis wird aber außerdem wesentlich bestimmt
durch die Art der Verwendung, welche das Land finden soll. Nicht nur,
daß man für Garten- und Weinland mehr zahlen kann, als für Acker
oder gar Weide, sondern auch für Ackerland kann mehr geboten werden,
wenn es in der Nähe einer Zuckerfabrik liegt, als für abgelegene
Stücke, auch wenn sie sich für den Rübenbau eignen. KEnorme
Summen können ohne Bedenken in der Umgegend von Quedlinburg,
Eisleben, Erfurt gezahlt werden, wo der Boden zur Samenzüchtung
benutzt werden soll und dabei auf den Hektar an Dünger und Arbeit
im Jahr 1000 M. und noch mehr ausgegeben werden. Ein Landwirt,
der mit bedeutendem Kapitale, hoher Intelligenz und landwirtschaftlichen
 Kenntnissen ausgerüstet ist, wird ev. ohne Schaden für ein Gut
das Doppelte des Preises zahlen können, den sein untüchtiger Voryänger
 zu verzinsen vermochte, wenn er eine neue Wirtschaftsmethode,
einen verbesserten Viehstand, Maschinen usw. einführt.
Der Reinertrag wird außerdem durch alle jene Momente beeinflußt,
 welche die Produktionskosten bestimmen, also abgesehen von
dem Kapitalzins für das Betriebskapital, durch Steuern und ähnliche
mit dem.Grund und Boden verbundene Abgaben, besonders durch die
Höhe des Arbeitslohnes, dessen Steigen gerade in der neuesten Zeit
die Produktionskosten in der Landwirtschaft sehr bedeutend erhöht

Reinertraxz.,
        <pb n="168" />
        — 149 —

hat, zumal bei der zunehmenden Intensität des Betriebes weit mehr
Arbeitskraft als früher anf das Land verwendet wird. Für 5 größere
Güter stellten wir die Entwicklung der Lohnausgaben in Mark pro
100 ha, wie folet, fest:

1800—10
L811—27
1821—30
1831—40
1841— 57
1851—60
L861—70
L871-—80
1881—90
1891— 95

1.
93
ar

a

7a
„25 a
2538 2345
2806 3443 3015
3615 2694 3702
4474 2880 4409

1286
(- 1601
868 1645
3702 2284
4409 2993

Bei weitem den größten Finfluß aber üben die Preise der landwirtschaftlichen
 Produkte auf den Geldertrag aus. Je mehr der Landwirt
 für sein Getreide, für sein Vieh pro Zentner erhält, um so größer
werden auch die Ueberschüsse über den Aufwand bei sonst gleich
gebliebenen Verhältnissen sein. Ein Sinken der Getreidepreise kann
plötzlich die Steigerung des Ertrages, welche durch jahrelangen Aufwand
 besonderer Energie und Intelligenz erreicht war, vernichten.
Dagegen vermögen höhere Intelligenz, Fortschritte der Wissenschaft,
wie der praktischen Erfahrung die anderen Momente auszugleichen
und haben es in den drei Dezennien seit 1870 vermocht, trotz des
Rückgangs der Preise, höhere Reinerträge zu erzielen,
Betont muß hierbei mit Nachdruck werden, daß also der Reinertrag
 eines Grundstücks, resp. die Pacht, bedingt wird durch
die Preise der landwirtschaftlichen Produkte, aber unter unseren
Verhältnissen bei den hauptsächlichsten in Betracht kommenden
Gegenständen nicht die Höhe der Preise durch die gezahlte Pacht
oder den Kaufpreis, wie in dem nächsten Paragraphen des näheren
gezeigt werden soll.
Mit Recht hat Pantoleoni den Satz aufgestellt: der Unterschied
zwischen den ländlichen und städtischen Verhältnissen liege darin, daß
für die Bodenfrüchte gleiche Preise bei ungleichen Kosten erzielt werden,
in den Städten aber die Miete verschieden hoch ist bei gleichen Kosten.
Wir geben in dem Folgenden einige Beispiele über die Entwicklung
 der Pacht- und Kaufpreise. Dieselben zeigen, daß infolge
des Aufblühens der ganzen Kultur und der Zunahme der Bevölkerung
in der neueren Zeit in Deutschland auch bei den ländlichen Grundstücken
 eine kolossale Steigerung des Grundwertes stattgefunden hat,
aber zugleich, daß Rückschläge dabei nicht ausgeschlossen sind,
vielmehr auch hier Schwankungen unvermeidlich bleiben; ferner, daß
die Pacht wie der Bodenpreis weit stärker gestiegen sind, als die
Getreidepreise, Die Erfahrungen in dem technischen Betriebe und
die Fortschritte in den beteiligten Naturwissenschaften ermöglichten
es dem Landwirte, dem Boden verhältnismäßig höhere Erträge abzugewinnen
 und damit auch bei gleichen Preisen höheren Gewinn
zu erzielen resp. den Rückgang der Preise auszugleichen. Diese Beobachtung
 kann der Landwirtschaft auch in Zeiten niedriger Produktionspreise
 zum Trost und Sporn dienen. ;
Die Entwicklung der Pachterträge in den Regierungsbezirken
der östlichen Provinzen Preußens von 1849—1914 war folgende:

Pachtnreise.
        <pb n="169" />
        150

Regierungsbezirk

Königsberg 1. a
Gumbinnen
Danzig
Marienwerder
Posen
Bromberg
Stettin
Köslin
Stralsund
Breslau
Liegnitz
Oppeln
Potsdam
Frankfurt a. 0.
Magdeburg
Merseburg
Erfurt

Steigerung der Pacht I
| 1849 = 100
1849 | 1869 | 1879 | 1890 | 1899 11906 | 1914 !ı879| 1890| 1899 | 1906 | 1914

8,57
6,88
1,96
7,38
7,93
3,05
12,57
9,81
1,18
13,96
18,69
10,06
+0,26
14,84
7.12
11,76
24.43

17,82 23,48! 24,48
[414 15,92 17,70
28.13 33,22 380,15
17,68 25,42 27,60
17,12 20,27 ' 21,62
1904 21,14 20,62
2415 27,19 ' 28,81
20,06 27,59 ' 28,07
2994 31.49 29,78
24’84 "34,68 45,19
23,83 41,71 42,50
17,48 27,32 35,65
24.06 30.43 30,59
28:57 87,11 37,69
47,66 | 78,37 91,80
40,65 60,16 75,68
28'10 ı 43 78 ı 39.82

22,54 25,58
17,1? 17,18
28,07 2443
23,13 28,32
19:89 27,71
21,46 31,55
25,21 24,12
22:81 19,01
27,80 27,82
41,78 32,46‘
31.55 34,30.
83,42 36,10
25,43 24,94
3263 31,56
90,63 88,28
73.48 65,85
35 56 35 19

7
Sl
33
"4
34
38
7
"5
23
“7
92

274 | 285
231 257
278 252
344 374
256 260
263 252
216 225
281 235
282 266
248 324
305 310
272 254
297 208
250 260
289 338
189 238
179 163

263
249
235
313
251
267
201
232
249
299
220
333
248
220
334
231
145

297
249
204
388
349
391
18€
"9
El
23%
928
r kn
28
DIS
325
208
144

|

315
304
276
461
428
472
215
255
290
265
234
427
282
208
339
217
147

43
29
ir
22
69
36

Durchschnitt |13,90 | 31,18 | 35,63 | 38,05 | 36,48 | 33,80 | 37 | 256 | 280 | 262 | 248 | 265
Die durchschnittliche Pacht betrug 1909: 34,86 M. pro ha; 1914
von 378008 ha 13928564 M. pro ha 36,80 M.
Bei der Neuverpachtung von 27 preußischen Domänen im Jahre 1912
wurde pro ha eine Pacht von 62,6 M. erzielt gegen 46,0 M. in der letzten
Pachtperiode und 52,5 M. am Schlusse der vorletzten Pachtperiode.
Die Pacht der altpreußischen Domänen belief sich im Durchschnitt:

8 Weizen-Höhe
 der Pacht | Jahre Dreise Dr. T-.

Roggenpreise
 pr. T.

1849 auf 13,90 M. p. ha nutzb. Fläche == 1001841—50/167,8==100 |128,0 = 100
[864 » 20.28 » » » —1451851—60/211.4 126 |165.4= 134,5
1869 |; 241 % » » — 190|1861—70 204,6=121,93|154,6 = 126
1879 * 35,583 % x - 256/1871—80223.2—=133° |172,8 == 140.5
1889—° * 3910 % » » x» —281|1881—90/181,4=108,10/151/5 = 123
899 36,48 % 2» „  =92621891—98 166,6= 99,28|134,8 = 109,5
1906 „ 3288 ©» » = 244/1900—05/162,3= 96,71|141,0 = 114,6
1914 ” 8680 27 7 © ” == 26511906—131202° ==120.4011805 = 1467

Kaufpreise.

Im Großherzogtum Hessen schätzte man den Reinertrag des
Grund und Bodens 1826 auf 10 Mill. M., 1877 auf 32,9 Mill, den
mittleren Kaufwert 1857 auf 1368 M. pr. Hekt., 1877 auf 2166.
Der Kaufpreis der Lehn- und Allodialgüter in Mecklenburg-Schwerin
 war durchschnittlich pro Hufe:

Lehnsgüter [Arlodialgüter
Durchschnittspreis
pro Hufe
Ver- |
hältnis- M.
wahl

Roggen

Weizen

Durchschnittspreis
 pro 100 kg
| Ver-M.
 hältnis-Durechschnitts-


 pro 100 kg
| Ver-M.
 hältniszahl


Verhältnis-



1770—89 . 22000
1790—1809: 60000
1810—29 | 438000
1830—49 78000
1850—59 1388000
1860—69 152000
187078 133000

100
270 |
195
1
305
620
05

22819
58674
44 685
78975
118696
‚180441
ı 158 245

100 9,08
257 | 1481
196 9:82
396 | 10,67
520 | 15,40
731 | 14,78
693 |! 1568

100
157.6
108,2
117,6
‚696 I
162,2 |
1727

12,31
18,70
4.40
598
19,87
19:15
9086

100
152
117
L3C
161
156
160Q
        <pb n="170" />
        — 151 —

Eine Vergleichung der Grundpreise mit den Getreidepreisen in
der Provinz Posen nach Sarrazin (S. Literatur &amp;amp; 46) ergibt folgendes
 Bild:

Zeitraum

bis 1800
1801—10
1811—20
1821—30
1831—40
1841—50
1851—60
1861—70
1871—80
1881—90
1891.95

Grundpreise
Dro ha in M.

Getreidepreise
pro Ztr. in M.

Prozentuale Preissteigerung
1861—70 — 100

Klein-|Mittel-' Großbesitz
 ! besitz | besitz

Weizen Rogwen

Klein-/Mittelbesitz!
 besitz ı

Groß- .
besitz |Weizen Roggen

207

113
149
195
a1,
«2
&amp;gt;)
601
739

282
210
129
248
263
53
61
WC
ABA

159
269 —
266 | 9,15
183 | 595
164 | 685
74 | 815
40 | 10.70
459 | 9.95
578 | 10,65
620 | 877
597 ! 8'40

a0

5,70
275
0.95
“0
3) 3
05 10)
„3? 126
v3 | 153
725 "* 178

35
53
3
9
3
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AB
A
47 *
1

92
60
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ng

82
RA
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1%
t {V)
„15
102
104

en

+.

\
3
5
117

;f7
7)
‚1% |
| 88 ©
4

|

. 2
126
1927

Die Preise des Grund und Bodens in der Provinz Sachsen nach
Steinbrück: Die Entwicklung der Preise des Immobiliarbesitzes in
Halle und im Saalkreise. Jena 1900:

1741—1760
1761—1780
1771—1800
1801 - 1820
1821—1840
1841—-1860
1861—1880
1881-— 1895

Kaufpreis
der Rittergüter
pro ha

468
567
811
736
840
1216
2185 |
9945

Verhältnis
zu
1801—1820

63,6
770
83.0
100,0
1140
165,2
2898
3998

Kaufpreis
der Landgüter
pro ha

UVeberlassungspreis

Dro ha

202 236
488 285
602 547
/ 1151 587
2200 | 1567
3467 9643

8 47.
Der Preis der landwirtschaftlichen Produkte.
Tooke u. Newmarch a. a. 0.
Rogers, History of agriculture and prices in England, Oxford 1882, 1902.
. Statistisch&amp;amp; Monatsschrift, Wien. II. Jahrg., H. 8. B. Weisz, Die Getreidepreise
 im XIX, Jahrhundert.
Kremp, Ueber den Einfluß des Ernteausfalles auf die Getreidepreise. Jena
1879, Jahrb. f. Nationalökonomie, N. F.. Bad. IX, S. 561. Ders. ebenda, 1895,
Bd. IX, S. 278,
Jos, Esslen, Die Fleischversorgung des Deutschen Reiches, Stuttgart 1912.
‚A. Gerlich, Die Preisbildung und Preisentwicklung für Vieh und Fleisch am
Berliner Markte. Leipzig 1911,
an „7. Conrad, Die Fleischteuerungsfrage. Jahrb. f. Nationalökonomie, IIL F.,

Der Preis’ des Getreides wird, wie wir oben sahen, durch die
Produktions- und Transportkosten der unter den ungünstigsten Verhältnissen
 produzierenden oder der entlegensten Gegenden, welche
noch zur Versorgung des Weltmarktes herangezogen werden müssen.

Preisregnlierune
        <pb n="171" />
        152 —

Durchschnitts:
preise.

Jahrespreise

bestimmt. Die Landwirtschaft einer einzelnen Gegend innerhalb eines
näheren Thünenschen Kreises (s. Grundriß II 8 7), wie z. B. Deutschlands,
 hat deshalb gar keinen Einfluß auf die Höhe des Getreidepreises
 auf dem Weltmarkt; die eigenen Produktionskosten sind
dafür völlig irrelevant. Für Weizen bildet England den
Hauptmarkt, welches die Ueberschüsse der ganzen Welt absorbiert,
 soweit dieselbe konkurrenzfähig ist. Für Roggen ist dagegen
 Deutschland mit seinem Bedarf bestimmend, während
Rußland das Hauptangebot stellt und diese beiden Länder in der
Hauptsache das entscheidende Wort sprechen. Auch hierbei nimmt
die deutsche Landwirtschaft einen mittleren Thünenschen Kreis
ein, sie muß daher die Preise hinnehmen, wie sie sich aus dem internationalen
 Handel ergeben. Ob hier die Produktion etwas mehr ausgedehnt
 oder eingeschränkt wird, ist im Vergleich zur Produktion
aller in Betracht kommenden Länder, die in Konkurrenz treten, ohne
Bedeutung. Die deutsche Landwirtschaft ist außerdem auf den Getreidebau
 in der Hauptsache angewiesen, die Veränderungen in der
Anbaufläche können sich daher nur in sehr engen Grenzen bewegen.
Auch die bedeutenden Schwankungen in den Getreidepreisen der
ietzten Dezennien haben darin keine Veränderungen herbeigeführt.
Zwei Momente sind es, welche mithin heutigen Tages den Getreidepreis
 beeinflussen; einmal das Verhältnis von Angebot und Nachfrage,
 wie es auf den großen Zentralmärkten festgestellt wird, unter
Berücksichtigung des Ernteausfalls der verschiedenen Länder, der
Taxe der disponiblen Vorräte und dem gegenüber des erfahrungsgemäßen
 Bedarfs für die menschliche Nahrung, für Viehfutter und
industrielle Zwecke, wie z. B. zur Stärkefabrikation. Außerdem
sind aber, wie erwähnt, die Unkosten bestimmend, welche zur Deckung
des letzten Bedarfsteiles aufgewendet werden müssen. Ist auch das
Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich gleich geblieben, so
können die Preise doch herabgehen, wenn in den überseeischen
Ländern durch irgendeinen Umstand billiger produziert wird, die
Transportkosten sich vermindert haben, oder durch Entwertung der
Valuta in einem der entlegensten Lieferungsländer das Angebot billiger
gestellt werden kann.
Da der Mensch die Natur nicht völlig beherrscht, Mißernten nicht
verhindert werden können, so schwankt das Angebot von Jahr zu Jahr,
während dem gegenüber die Nachfrage eine mehr gleichmäßige ist,
wenn auch schon früher darauf aufmerksam gemacht wurde, daß dieselbe
 in billigen Jahren sehr viel größer als in teueren ist. Je nach
dem Ernteausfall in den hauptsächlichsten Produktionsländern wird deshalb
 der Preis von einem Jahre zum anderen erheblichen Schwankungen
unterliegen. Ja, es läßt sich nachweisen, daß in einem Lande wie
Deutschland noch heutigen Tages die heimische Ernte einen Einfluß
auf den Inlandpreis ausübt, und sogar in den einzelnen Landesteilen
ihn ungleich dem Auslande gegenüber verschiebt.
Hier findet die von Marshall aufgestellte Regel ihre Bestätigung,
daß der Einfluß der Nachfrage um so mehr bei der Wertbestimmung
ausschlaggebend ist, je kürzer die betrachtete Periode ist; je länger
die Periode ist, von desto größerer Bedeutung ist der Einfluß der
Produktionskosten auf den Wert. Vielleicht ist es noch richtiger, den
einzelnen Fall dem Durchschnitt einer größeren Zahl von Fällen
regenüberzustellen.
        <pb n="172" />
        153 —

Die Furcht vor Mangel oder Ueberfluß treibt nun erfahrungsgemäß
 die Preise noch über das Verhältnis des Ernteausfalls hinaus.
Der Engländer King hatte sogar gemeint, ein wirtschaftliches Gesetz
gefunden zu haben, nach dem diese Verschiebung in potenzierter Weise
vor sich gehe, so daß bei einem Ernteausfall von 5%, der Preis etwa
um 10°%, gesteigert werde, bei einem Ausfall von 10%, aber um
30% usw. Doch hat die Erfahrung gezeigt, daß solche Regelmäßigkeit
 nicht vorliegt, und außerdem die Kulturentwicklung immer größere
Ausgleichungen herbeiführt. Die verbesserte Kultur vermindert erfahrungsgemäß
 die Mißernten; die größere Mannigfaltigkeit der gebauten
 Früchte, die zu verschiedenen Zeiten gesäet und geerntet
werden, also unter denselben Witterungsverhältnissen ungleich leiden,
verringert die Wirkung derselben schon für die Land- und damit für
die ganze Volkswirtschaft, während der ausgebildete Handel und die
verbesserten Kommunikationsmittel den Ausfall in dem einen Lande
immer mehr aus dem Ueberflusse anderer zu decken gestatten.
In England schwankten die durchschnittlichen Jahrespreise des
Weizens im 13. Jahrhundert um das 56fache, im 14. um das 40 fache,
im 15. um das 20fache, im 16. um das 8*,fache, im 17. um das
3'/„ fache, im 18. um das 4”, fache, in den ersten 60 Jahren des 19.
allerdings um das 6fache zwischen den einzelnen Jahren. Im ganzen
gehen wir weiterer Ausgleichung der Durchschnittssätze entgegen, besonders
 durch die innigere, wirtschaftliche Verbindung der beiden
Hemisphären,
Nach Tooke und Newmarch und dem Economist war in England
 und Frankreich die Preisentwicklung folgende:

England
pro Qu.
78h. 1.
ES 2 2 n
nr” 9%

Frankreich
pro Qu.
Sp. 23
Y

England Frankreich

L401-—50
1451—1500
1501—50
1551-— 80

109
7

100
54
108
9392

1581—1600
1601—1700
1701—70

Oxford
26 Sh. 88.
09 21
26 2.

424
324
9264.

England
L771—1800 51 Sh. 5d.
1801—50 Ö4 „ 2
1851—1900 4 » —»
1901—1905 28 % 1%
1906—18 33 * 9.

740 308
903 884
621 417
395 508
453 488

69
80

»”

4

A}
”

Kingsche
Regel.

Statistik,

_ Das Getreide, welches von einer bestimmten Bodenfläche gewonnen
wird, muß, weil diese Oberfläche nur in gegebenem beschränktem Umfange
 vorhanden ist und deshalb gegenüber der wachsenden Bevölkerung
wertvoller wird, innerhalb größerer Perioden im Preise steigen. Nur
besondere Fortschritte der Kultur können hiervon, wie es in der neuesten
Zeit zu beobachten war, Ausnahmen schaffen, die man aber nach den
bisherigen Erfahrungen auch nur als vorübergehende ansehen kann,
denn auch in früheren Jahrhunderten sind Rückschläge in den Preisen
ganzer Dezennien wiederholt zu beobachten gewesen.
        <pb n="173" />
        — 154 —

Preise landwirtschaftlicher Produkte von 1816—1910 für die Tonne
ä 1000 key in Mark R-W.

Weizen

in
55]
al 5! 3
S S
15 KR

Be
&amp;amp; |“

Id
7
a

fe &amp;amp;
5/83
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+
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3%
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1£
2

5as
EEE
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Ns ®|
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3

F
f

355
aa
SS
52S
=
Ma
T
4
a

Preußen alten Bestandes
pro Tonne | ger

mx

1816—279
1821—3)
1831—477
"A1—5)
851—69
861—70
871— 75
‚876—80
‚881—85
‚886—90
‚891—95
L896—190C
‚901—05
906—10
1901
1902
1908
‚904
1905
1906
1907
1908
1909
1910
1911
1912
1912

265,5 "I6,?' —157,8|181,8 240,8+-59,0 ‚51.8/131,4/129,8/162|3&amp;amp; 46! 66’
192,4 121,4 —144,61109,2/132.6! 28,4 126,8| 76,6| 79,8 97/25]101 46
199,2 ‘38,4 —115,6/138,5/147,8/4-14,0,100,6! 87,6 91,6/107/26[110! 51
206,6 .67,8|— 72,21160,4 182,0 L&amp;gt;r6j12300 111,2/100,61180/34]120 55
231,£ 11,4\— 38,6/199,6/228,f! |24.0/165,4/150,2/144.0 176/47 1146| 70!
224,€ 204,6/— 43,4/195,0/218,6/ 4-23.6‘154,6/146,0/140'2/168|45|178| °%
248,8 285.2l— 11,2 225,0 246,0/-21.0°179,2/170,8/163,2,224/601281
229,4 211,2 4,4 202,2 222,4 4-20,2'166.4/162.0/ 152,6 232/61/224/11b: ,
‘05,6 189,0l 4 8,6/182,6/197,6! |-15,0:160,0/154.8/145/8/237 52/2283/118' .
«93,2 178,94 31,1/165,6 183,6” 18,6 143,0|188.4/185.2 209/46|211 114!
178,5 65,5/-+ 37,8/163,2/178,4. 10," 148,5/142’5 148.4/220/51|218/ 123! 25
178,6 1609-1 28,8/157,9/168, | ‚10, 134,9/137,9/135.1/210.49 218/125/ 799
179,9 1638/-+ 21,6161,9 1658| FF ” 188,2/140,7/140,9/242151|228|128! +
196,0 1201 “)+ 41,8/215,5200° — 166,8|165,6/166.,1 267/57/251 14€] “5
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192,0 - 30,9/170,5/17804 154.0 149,9/159,0/254/46[241|15.
194,0 :.- 45,5/202,0/202.”” ” 183,5 166,81176,4/253/611239/148
183,0 + 45,0 202,5 208, — © 177,7/162.5/158,2/264|57/247|125'
1978 L 40,6/222,0 226 01-4 170,0/183,0|174,0/283/61|260152
N „+ 47,0/208,5/203,0:— 0,5 149,0 166.0! 156,0/283 [58/266 157)
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+ 38,0/202,5/214 |-12,0]183.0/204,0/195.0) — |-— [283/177]
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254,0
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        — 155 —

Verhältnis der Getreidepreise zum Roggen
auf dem Berliner Markt.

Jahr

Weizen

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J FF
100
100

Die vorgelegten Zahlen ergeben, daß innerhalb größerer Perioden
sich eine fortdauernde Steigerung der Getreidepreise nachweisen läßt.
Aber es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, daß die Preise in
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, sowohl in Frankreich wie in
England erheblich niedriger waren, wie in der ersten Hälfte desselben.
In Frankreich sind sie im 18. Jahrhundert niedriger wie im 17,
Auf den hohen Stand der zwanzig Jahre von 1581—1600 ist der Kürze
der Periode wegen kein so großes Gewicht zu legen. Wie die Preise
für Berlin ersehen lassen, ist auch der Durchschnittspreis in Deutsch-Jand
 in dem letzten halben Jahrhundert höher als der des vorhergehenden.
 In England allerdings ist in dieser Zeit ein Rückgang
zu beobachten, nicht nur gegen die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts,
sondern auch gegen Ende des 18., weil in den früheren Perioden
die Getreidepreise durch Schutzzölle künstlich gehoben waren, und
England naturgemäß in erster Linie durch die überseeische Konkurrenz
getroffen werden mußte. Während des ganzen letzten Jahrhunderts
hat ein Ausgleich zwischen den Preisen von England und Deutschland
stattgefunden, auf der anderen Seite aber auch innerhalb Deutschlands,
z. B. zwischen den verschiedenen Provinzen Preußens. Die Ursachen
sind in 8 30 bereits angegeben. Sie liegen in der Verbesserung und
Verbilligung der Transportmittel, wodurch neue Länder der Getreideproduktion
 erschlossen und zur Lieferung von Nahrungsmitteln nach
den dichtbevölkerten Gegenden Europas veranlaßt werden. Zu diesen
Ländern gehören vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika,
Argentinien, Indien, aber auch Südrußland und andere Länder. Innerhalb
 Deutschlands mußten die Eisenbahnen die Preise ausgleichen,
was eine Erweiterung des Kanalnetzes noch in höherem Maße bewirken
 würde.
_ Die Preise der verschiedenen Getreidearten stehen in einem bestimmten
 Verhältnis, das in engen Schranken gehalten ist, da sie sich
bis zu gewissem Grade, wie wir sahen, gegenseitig zu ersetzen Vermögen.
 Wird der durchschnittliche Roggenpreis nach Gewicht in
Berlin von 1801—50 gleich 100 gesetzt, so war der Weizenpreis dazu
gleich 136; von 1851—1900 126; von 1901—10 122, von 1911—13
nur 116,6; in Halle a. S. von 1901—1910 nur 114,5, von 1912—13
116. Da gerade der Weizen aus den überseeischen Ländern in
Massen bezogen wird, und darauf die Ermäßigung der Transportkosten
 besonderen Einfluß ausgeübt hat. so ist es begreiflich, daß

Ausgleich.

Verhältnis der
verschiedenen
Getreidearten.
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        156 —

gerade der Weizen stärker im Preise gesunken ist als die übrigen
Getreidearten. Von 1801—50 stellte sich der Preis der Gerste gegenüber
 dem Roggen auf 93,5, von 1851—1900 auf 98,5. Die ältere
Ziffer für Hafer war 100, sie ist jetzt nach manchen Schwankungen
etwa eben so hoch.

Preise in Halle a. 8.
in Mark.

Jahreszahl

1731—40
1741—50
1751—60
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1791— 1800
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1821—21
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1886—90
1891—95
1896—1900
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1906
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308
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In Halle war der Durchschnittspreis für Weizen von 1761—70
123 M. pro Tonne, von 1771—90 96 M.; von 1791-—1800 111, von
1801—20 189, von 1821—30 125, von 1831—40 135, von 1841—50
157, in den drei Dezennien von 1821—50 blieb der Preis also mit 138
ganz erheblich hinter dem der ersten zwei Dezennien desselben Jahrhunderts
 zurück, und wenn die Jahre von 1881—1900 eine beträchtliche
 Senkung des Preisniveaus beobachten ließen, so ist dieses schon
in dem letzten Dezennium wieder vollständig ausgeglichen worden,
and es steht eine allmähliche weitere Erhöhung zu erwarten.
Die übrigen landwirtschaftlichen Produkte sind dagegen im Vergleich
 zu früheren Zeiten auch von 1880—1900 im Preise nicht wie
das Getreide gesunken, sondern gestiegen, weil dabei die internationale
Konkurrenz weniger zur Geltung kommen konnte. Nach den Hallenser
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        - 157° —-Preise

 in Halle a. 5.
in Mark.

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1011
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Preisen war gegenüber der Zeit von 1731—50 in den letzten Dezennien
 das Brotgetreide etwa 2'/, mal, Butter und Fleisch aber viermal
 so teuer,
Der Meterzentner Rindfleisch kostete in Preußen von 1821—50
ca. 50 M., in den letzten Dezennien etwa 120—30, von 1906—10: 146,
1913: 17%. War der Roggenpreis zu dem des Rindfleischs von 1840—80
abgerundet wie 100: 650, so in der Zeit von 1881—1900 wie 100: 850,
von 1901—1910 gar wie 100:1000; und ebenso stark war die Verschiebung
 bei den andern Fleischarten. .
Sicher ist dies darauf zurückzuführen, daß die Landwirtschaft
in Deutschland nicht imstande war. in der Fleischproduktion mit

Fleisch und
Rutter
        <pb n="177" />
        158 —

dem Steigen des Bedarfs infolge der starken Volksvermehrung und
der Erweiterung der Fleischnahrung Schritt zu halten, während die
Zufuhr durch Zölle erschwert war. Die Getreidezölle begünstigten
den Getreidebau und beeinträchtigten damit den Futterbau, während
wiederum die Zufuhr von Futtermitteln durch Zölle erschwert war.
Nach den Indexzahlen von Sauerbeck in dem Journal of the R. statistical
society sind die animalischen Nahrungsmittel gegenüber dem Durchschnitt
 von 1867—77 sogar noch ein wenig im Preise gesunken, die
vegetabilischen allerdings ziemlich stark. Erst in den letzten Jahren
sind die Fleischpreise auch in England in die Höhe gegangen, doch
nicht so stark wie in Deutschland.

Fleischpreise in London.
Rindfleisch Schweinefleisch Hammelfleisch
engl. argentin. engl. engl. argentin.
1909 106—111 Sh. 52-—67 Sh. 112-—123 Sh. 104—114 Sh. 60 Sh.
1910 112—118 „ 58—69 128—140 „ 119—127 „ 69
1911 107—112 „ 51—70 112—123 109—119 „ 66
1912 117-122 = 60—76 120—130 124—132 4

Gerade die Zufuhr des Gefrierfleisches hat eine stärkere Preissteigerung
 verhindert.

8 48.
Die Entwicklung der Preise der Industrieprodukte.
Gegenüber den Produkten des Bodens müssen die der Industrie
eine andere Preisgestaltung haben, weil sie unabhängig von einer bestimmten
 Fläche viel ausschließlicher auf die Wirkung von Kapital
und Arbeit zurückzuführen sind. Je mehr durch die Kapitalskraft
die menschliche Leistungsfähigkeit gefördert wird, je geringer sich
daher die Herstellungskosten gestalten, um so mehr werden sich auch
die Preise ermäßigen. Für größere Zeitperioden ist es aber ungemein
schwer, hier eine richtige Uebersicht zu gewinnen. Einen gewissen
Anhalt gewähren die Ziffern, welche 1873 auf der Wiener Ausstellung
in den Preiszusammenstellungen des Freiherrn von Steiger für die
5öhmische Domäne Tloskau gegeben waren.

?reise von
Tloekan.

1670
31a. Kr.

| österr. Metze Weizen
- Roggen
| Pid. Brot” 988
„ „ Rindfleisch
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| Ries Kanzleipapier a ;
| Elle Leinwand 16 2
L Ztr. Schmiedeeisen BB WKO L
L „ Mittelwolle 22 = 100
[ Klafter Brennholz 22 — 100

LO
N .
14

1770
Gld. Kr.
2 25=225
i 50° =210
“= 133
IRA
A

1870
Gld. Kr.
4 80= 480
3 60= 510
7= 470
23= 572
"= 320
= 270
)= 150
== 196
\= 258
H)= 168
75=— 340
20 — 2900

7 50= 180 9
44 =200
1 35= 610 &amp;amp;

Bei weitem am stärksten ist hiernach das Brennholz sowohl innerhalb
 200 Jahre wie innerhalb des letzten Säkulums gestiegen. Dieses
antspricht den allgemeinen Beobachtungen. "Trotz der ausgedehnten
Anwendung von Surrogaten, der Kohle gerenüber dem Brennholz.
        <pb n="178" />
        159 —

Stein und Eisen zum Ersatz des Bauholzes, sind auch in der neueren
Zeit die Preise wenigstens für die meisten Holzarten nicht gesunken,
sondern gestiegen. Bei den landwirtschaftlichen Produkten war die
Preisentwicklung bei dem Rindfleisch am höchsten, die Butter blieb
dagegen auffallenderweise noch hinter dem Getreide zurück; noch bedeutender
 stieg in den letzten 100 Jahren die Wolle, und hätte man
die letzten 30 Jahre noch mit hinzuziehen können, so würde der
Unterschied noch bedeutender gewesen sein. Dann folgen Leinwand
and Ziegel. Am wenigsten gestiegen sind Papier, Schmiedeeisen und
Seife, und auch da würden die letzten drei Dezennien den Unterschied
 noch in bedeutenderem Maße hervortreten lassen.
en gers berechnete für England die folgenden Durchschnittspreise
 !):

1541—82
Shill. Pence
13 61%
8 5%
5 51%

Weizen
Gerste
Hafer
Rindfleisch
Butter a
Risen 26
Lohn des Maurers 3
„ landw. Arbeiters 3

1583—1642
Shill. Pence
20 .
ar

1643—1702
Shill. Pence
41 11%
99
; 21
a

a

Für die neuere Zeit bieten uns die Preisangaben für den Hamburger
 Engroshandel das beste Material, welches wir fast alljährlich
in den Jahrbüchern für Nationalökonomie vorlegen, aus welchem in
den folgenden beiden Tabellen zusammenfassende Uebersichten gegeben
 sind: ;
(Siehe Tabelle I u. II Seite 160 u. 161.)
Vor allem lassen die Zahlen, namentlich der Tabelle II, den
Unterschied der Preisentwicklung des Getreides gegenüber den
anderen Warengruppen erkennen. Im Vergleich zu dem Durchschnitt
von 1847—1880 beginnt erst seit 1886 das erstere stärker zu sinken.
Von 1891—1900 zeigen die vier Getreidearten das Verhältnis wie
L00: 68, der Durchschnitt aller 6 Gruppen zu 71. Das arithmetische
Mittel von 157 Waren zeigt in derselben Periode nur eine Senkung
auf 84,1. Von 1900—1910 steht das Getreide noch auf 66,5 gegen
59,5 für den Durchschnitt der ausgewählten Gegenstände der Tabelle
ınd 79,3 im Gesamtdurchschnitt. In den letzten Jahren, die uns
vorliegen, 1911 und 1912, ist das Getreide erheblich gestiegen, auf
59,7 und 79,3 Nach Tab. IV S. 164 war das Getreide aber überhaupt 1913
wieder stark gefallen, und zwar fast auf den Durchschnitt von 1879
bis 1883, Bei den übrigen Waren ist nur das Jahr 1907 exzeptionell
hoch. Wir haben es hier mit Rohmaterialien und Engrospreisen zu
tun, für welche bisher die Produktionsbedingungen (abgesehen von
dem Getreide) sich mehr und mehr verbilligt hatten. Durch den gewaltigen.
 Aufschwung von Handel und Industrie in allen Kulturländern
 ist aber die Nachfrage nach allen Produkten in bedeutendem
Maße gestiegen, welche die Preise in den letzten Jahren etwas in
die Höhe zu treiben vermochte. Den Beleg dafür bietet der Gesamtdurchschnitt‘
 von 1906—1910 gegenüber 1871—1880 = 100 zu 77,30,
das ist 5,7 ° höher als der von 1901—1905. In den Jahren 1911

Hamburger
Preise.

1) Six centuries of work and wages, London 1884.
        <pb n="179" />
        ss

Tabelle I.
Die Preisentwicklung im Hamburger Handel während
der letzten Dezennien.

Durchschnittswert verschiedener Handelsartikel in Mark pro Zentner
nach der nach den Hamburger Börsenpreisen deklarierten Einfuhr.

No.

Ware

Kaffee, Brasil
Kakao
Tee
Korinthen
Rosinen
Mandeln
Pfeffer ;
Kokosöl "
Palmöl
{ndigo
Mahagoniholz
Baumwolle
Ianf
Reis
Weizen
Roggen
Gerste
Hafer
Kleesaat
Raps- u. Rübsant

Leinöl
Kalbfelle
Borsten
Wachs
Talg
Tran
Schmalz
Heringe
Eisen, rohes
Zinn
Kupfer
Blei
Quecksilber
Steinkohlen u.
Koks
Salpeter
Eisen in Stan-‚gen
 engl.
Baumwollengarn

'Wollen- und
Halbwollengarn

39 (Learn

8
19
20

21
22
29

YA

32
33
24

1847
70:

1871
RO

1881
—90

1891
-1900

Durchrschnittspreise der Jahre
1901 1908
—05

1006| 1907| 1008] 1909| 1910| 1911] 1912

47,51, 73,70] 57,15 59,69! 36,06; 839,61 39,45 35,04‘ 38,” 40,17 48,64 61,97| 71,46
54'32| 68.80] 71,15 6468| 5947| 60,75 56,21 83,97 6418 583,05 52.04 52,72 55,57
7 7
152,62/182,13/102,56' 81,43| 81,37 89,78 92,89 91,42 77,89 94,24 92,30 96,92 87,85
rel 2000 100 0 aUET EC ARE SO 150 Be AUG SA
‚Sr 2
6423| 71,24| 71.44 65.09| 65,23, 78,98! 57,38| 8074| 7383 80,99| 82,38 87,02' 89,05
36,75 51,08 67,23 38,46 59,76 46,80 58,10/ 49,71 42,41 4226| 46,54’ 52,74/ 60,37
'08| 41.07/ 31,58! 20,23 32.€6! 85,45| 38,14| 35,62 3294! 38.36| 3922| 35,98| 3356
37,70| 37,87] 26,78| 2172| 23,641 2815| 26.19| 2956| 25.12] 26.07/ 32.16| 31,35 30,88
ME a a
, 7 1 7 ÖV , , Y 9 5 ‚05
81,26| 65,87| 50,86| 837,24| 39/2) 40,89! 3947| 3971 41,05| 36,75/ 4514| 48'29| 42.13
35,76 35,05| 30,59| 28,74| 32'%ı 32,79| 30,01 29.781 34,85 34,50 36,18| 34,74| 19,05
18,03 10,61| 888| 7,74 *:8| Fl 811 #° 10 840) 8,16| 9,72 9,10
10,95| 1143| 8,35 676) 5 697 &amp;amp;10| 9221| 8,10) 785 8/38
7,99 8,49| 6.60 5,70 % 754 7,18| 5,86 6,08| 6,99
8,24| 10,53| 7A 476 2 88! 5.76 5,16 5,99/ 7.13
7,32 805 6,541 5, 1 6,28 788 6701 636! 6.49! 7,59
51’09| 38 79l 59'031 42'10 4008 48'07' 45.99 55.47. 5854 56/88

15,05| 14,77} 12,83| 10,69| 10,34) 11,24| 10,39| 11,77/ 11,11 10,62| 11,53 11,10) 12,91
34/57| 31.21| 23'95/ 2275| 2701| 26,71| 23,46| 2601| 26,57| 26,47| 33,36/ 39,80 35,29
111,42/114/76| 84,04| 6636| 78,42 97,93'105,52/ 92/10 96,36 97,28| 96,08| 98,90] 94,93
23162/85953 /387/61/205,58/195,53/187,78|190,10'181,87|180.45/187,05/198,57/217,58 229,11
150.161115,60) 81.26! 91,59 111,781118,30 128.11 124,73 108,75/100,82/109.19[121,31/123;85
| 45/52| 41/21| 34,00| 26/46 30,36| 34,04| 81,60| 38,94| 35/72| 33,46 35,82| 35,81| 38,55
35.62| 29.27| 23,73) 17,54| 18,86| 1982| 17,73| 20,50| 1851| 1934| 22,12| 28,37] 20,19
54.22 4713| 42.43 3389| 14,14| 47,67| 41,33) 45,20 45,93| 53,62| 58,88| 48,50| 54,038
10,72| 13.06| 11,70 11,13| 1188| 1260| 1228| 1855| 11,98| 11,88| 1234| 1857| 18/92
| 3,67 432) 281 2287| 306/ 3,58| 3.47 3,57| 3,58| 854 „3:82 354 381
109,85/105,81/ 93,07| 81,66/104,42/119,57/115,69122,65/110,15/117,75/181,98|157,46'169,00
94,86/ 83,50] 60.62| 54,46| 63,89| 65,36| 67,16| 77,74| 62,00| 62,89 60.61| 60.20 68,59
20,48| 22,92 17,12| 17,66| 1942| 21,03| 22,52 23,86| 20,96| 19.66| 1862 17.67| 20,07
262201389, 65/218.671228,53 268,58/1239,571230,05/220,46I242' 24/248 22|250.801257,05 241,88
0,81 0,89 0,68/ 0,70) 0,71] 0,71| 0,68 0,7“ 0,75! 0,68! 0,701 0,67| 0,77
1428| 13,81! 10,53| 8,04| 9,37 9,86] 10,78| 10,5. 9/85! 9'41l 887 9,62/ 10,65
9,61 10,611 6,96| 7,05 ash 7,82] 7,87) 8,02 8.40] 8,72) 7,20 8,82| 8,72
142,24/164,43|149.90 124,21)136,05/161,41 162,32 155,95157.88l161,32)172,30/181,19l 188,38

au. 67/e16 2218 20 10250/17116 204.26/205 S0la1433 197,03 196,16 207,08 210.971206,83
|159.15/128,19/156,24/174,98]185,51|186,87 185,09/193,77 187,69/177,43|186,76|192,74|199,89
        <pb n="180" />
        Tabelle IL

Ware

„) Kaffee
Brasil
I 2 Kakao
‘) 2) Tee
-\ Pfeffer
Reis

WE

U 5)
= IL 6) Baumw.
.- 7 ler
a HL alpeter
= HI ; Fischtran
” 1) Palmöl
&amp;gt; n Roheisen
Er IY 12) Zinn
&amp;gt; —"*)13) Kupfer
14) Blei
V. 15) Steink.
fi zen
7) Roggen
VI. “1 Gerste
19) Hafer
Durchschnitt der
Summen
Arithmet. Mittel
berechn. aus 157
Hamb. Durchschnittsnreisen


&amp;amp;
N

"rozentuale Preisveränderung der einzelnen Gruppen nach den Durchschnittspreisen.
781 7601 1501 1006 |r0g | 1007 | [1681 11801 [2001 1008 |
N 1 | |
bis | bis | bis ] bis 1906 | 1907 11908 |1909 [1910 |! 1911| 1912 | bis | bis / bis bis 1906 | 1907 11908 1909 |1910 | 1911 | 1912
1890 | 1900 |/1905 11910 | | 1890 [1900 |1905 |1910 ! | |
vyegenüber 1847—1880 — 100 gegenüber 1871-—1880 = 100

c-Si

338
TS
=
EX
m Mm
XD
1

PP e7.s6lesA7l7. 3160.41! 88,98| 92,32 Io.64le8.23l62. 6224001 57.16 u.a. 671.87h74.7e] 82,72 85,82

81,841 66,281 48,7051,07l62,68l51.78l 51.79l53,54l47.93l68,88l 62,98! 54.05 Izo.6als6.60l69,44'61.30l59.92! GO0.20le2.32l55.70l68.61) 73.40 64,04
101,251 78,87 "x 42.57k9.91ls6.26le8.00! 46.26! 89.06 &amp;gt; Tec relasen 43.63! 36,83

| \
111,80 72,9) men 102,72/88,69 91,68 96,96)107.71117.90 l67,19 67,48/73,21|96,76 a a0 93,90/99.301110.811120,74
| :
109,88] 75,90] ulm 91,57190,36 81,934,34l 80.72] 92,77 bro.ze 78,09/80,23 178,76 el) 85,39/84,27 76,40 78,665] 75,28] 86,52
- 78.01 63.0068.40 69.8867.06 72.52172.60 26.027.124 69,59l 79.29 za 62.65162.07168.88 _- zz ash56 74.9466.18l 68.60! 78.16

105,54) 77,43) 68.44 67.93 71. 31170.58] x. 76.041 79,38

74 sele6.19le5.56'70.20l68.12! z5.52l69.46167.85170,57! 75.66] 78,69

111,31! 91,70| 84.10176.37|83.08/80,52| 89.47!82.07'80.22l82.87! 84.80I86.51 les. 1878.47 71.01177.30174.87| 83.19'76,51174.74177.21| 78,88180,471)

gem
DD
7a

‘) Nur 134 Waren, da die Unterscheidung verschiedener Qualitäten bei mehreren Waren, wie bei Tee. Kaffee, Reis, Holz, Oel usw. in Fortfall gekommen ist.
        <pb n="181" />
        162 —

und 1912 stieg die Verhältniszahl weiter auf 78,9 und 80,47. Das
ist nur eine unbedeutende Erhöhung. Nun sind unter diesen Waren
allerdings Vieh, Fleisch und Fleischwaren, die eine besondere Verteuerung
 erfahren haben, nicht enthalten. Bei der großen Zahl der
herangezogenen Gegenstände kann dies aber einen wesentlichen
Einfluß auf den Gesamtdurchschnitt nicht ausgeübt haben. Dasselbe
argibt die Tabelle III, welche die Zahlen der offiziellen deutschen
Statistik enthält. Gegenüber den Durchschnittspreisen aller herangezogenen
 Artikel von 1879—1889 = 100 waren die Verhältniszahlen
von 1889/93: 91,5; 1894/98: 83,4; in den Jahren von 1904-—1913 von
104, allerdings 1911: 106, 1912: 118,5, 1913: 115,7.
(Siehe Tabelle III u. IV Seite 163 u. 164.)
Ka Schließlich entnehmen wir noch dem Märzheft 1914 des Journal
° of the royal statistical society die von Sauerbeck berechneten
Verhältniszahlen der Preise für 45 Waren in England, welche in
Gruppen vereinigt sind.

Preise des
deutschen
statistischen
Reichsamtes.

Verhältniszahlen der summarischen Indexnummern (Gruppen von
Artikeln) 1867--1877 = 100.

Jahr

1878—87
1888—97
1897—06
1899 —08
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
906
1906
1907
1908
1909
1910
1911
1912
1913

N
Z
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j8l65. 218 SEELE 392522
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7059| 66
8664| 68
9267| 71
7051| 6?
92/68| 65
0866| 1
80/60) 1
8261
82166
81/71
87/721
10180°
107 77
89.62
PA Rdi
Ge
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76
6
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76
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7
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82,1] 97| 99%,
61,0/101; 101% |
44,6/108| 971%
44,61109| 921% !
44.3/120| 111
45.111138! 107 |
46,4! 991 991%
44,7/106' 94
39,6118 95%
40,7/104 908
43,4| 98° 881 ı
45,7112 89%
50,711‘ R81
196/11‘ 84 |
‘Q1]11 86
0,9118 84
DAlır 51
291
1675
7951.

8320
290
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Bl
88
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AM
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8140
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FE

2881
3063
3378
3158
5129
128
3161
3259
3471
°&amp;gt;588
3292
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}

QCn

—_-m»


RG

£7

75
Q

E

4

a

m

64

99 ı 94

id

vv
111/84

83 ı su 185)

Die Summe der Index ü 5
Economist war: nummern für 22 Artikel im englischen

£, Jan. 1845 —50
1894
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903

2200
2082
1923
1999
1950
1890
1918
2145
2126
1948
2003

1. Jan.

1904
1905
906
1907
1908
109
1910
1911
1912
1918
19.

2197
2136
2342
2499
2190
2197
2390
2508
2586
2747
2623
        <pb n="182" />
        Tabelle IIL
Durchschnittspreise für die Jahre 1879—1913 in Deutschland).

Ware

pro‘ 1879

EL
——R8

1889
—982

1894 ! 1899 | 1904 ! 1909 | | | 1 |
98 . —1903 08 2% ‘1908 ! 1909 ' 1910 ' 1911 ! 1912 | 1913

Weizen aus . 1 Notierunger
Roggen „ 14 »
Gerste „ 15 %
Mais „ 5 ä
Hafer „ 14 » ©,
Mehl a) Weizenmehl aus 6 Notierungen ®)
b) Roggenmehl, Berlin
Rüböl, Berlin
Kartoffelspiritus, Berlin ®), Hamburg von
1904 ab
Zucker a) Rohzucker, Magdeburg
b) Raffinade, Magdeburg
Kaffee Rio, gut ordinär, Bremen ©)
„  Plantation Ceylon, mittel, Frankfurt
 a. M.
Reis Rangoon, Tafel, Bremen
Pfeffer, Bremen
Heringe, norwegische, Hamburg (von
1904 schottische)
Rohtabak, Kentucky, ordinär, Bremen
» Brasil, secunda, Bremen
Baumwolle, Middling Upland, Bremen
Wolle, Berlin
Hanf, Lübeck
Rohseide, Mailänder Organs in Krefeld
Baumwollengarn, Krefeld No. 40—120
» Zettel 16, Mülhausen i. E.
Kattun, Mülhausen i. E.
Leinengarn No. 80, Flachsgarn, Bielefeld
Blei aus 6 Notierungen
Kupfer, Mansfelder, Berlin
Zink aus 5 Notierungen »
Zim „ 3 5 "
Roheisen, schott. No. 1, Hamburg?) 1000 kg
_, Petroleum, Hamburg !°), unverzollt 100 kg
= Steinkohle, westf., Berlin
*) Siehe monatliche Nachweise über den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebietes. %) Von 1888 ab mit 50 M, Verbrauchsabgabe, von 1890
ab mit 70 M. Verbrauchsabgabe, von 1904 ab Hamburg roh. *% Roggenmehl No. 00 mit Sack von 1892 ab, von 1895 ab No. 0/1. *) Von 1895 mittel gewachsener
 blauer Java oder Zentralamerika. °) Kaffee Savanilla von 1896 ab. °) Durchschnitt von 3 Jahren. ”) Durchschnitt von 4 Jahren. °%) Vom
Jahre 1892 ab. ®) Bis 1900 Roheisen schott. Berlin. !) Bis 1900 Petroleum Bremen. !!) 4 Notierungen,

1000 ker

35,78
1851
39,08
(23/97
24,83
25,66
95/92

+ u F

ch
&amp;gt;
5
        <pb n="183" />
        Tabelle IV.

HM
©
af!

Weizen
Roggen
Gerste
Mais
Hafer
Mehl
a) Weizenmehl

b) Roggenmehl

Kartoffelspiritus

Kaffee, Rio,
Bremen
Kaffee,
Plantation
Frankfart
a. M.
Reis
Pfeffer
Baumwolle
Wolle
Hanf
Rohseide
Blei
Zink
Zinn
Roheisen
Arithmet.
Mittel

7arhältnis
884 | 1889 | 1894 1899| 1904| 1909
bis bis Mi] bis bis bis 1190| 1910| 1911| 1912] 1913
88 93 | 98 | 1903| 1908| 1913
zu 1879-83 —= 100

Verhältnis
1884 | 1894| 1899 | 1904 1909
bis bis bis | bis | bis | 100 1910| 1911| 1912) 1913
93 | 98 | 1903 1008 | 1913
zn 1879— 89 — 100

36,20] 97,24181,38| 87,59| 98,52/106,12|110,12| 98,47|104,93/115,47/101,61[105,16/88,00| 94,72l106,58l114,71/119,08|106,48/118,47]124,87| 109,87

26.841103.24 186.66]

79,78| 56,96| 53,13| 46,851 46,50'

45,32) 61.16! 65.81!111,21/93,35|

a3.83| 61.40] 57.27l 50.501 50.121 48,85 65,92] 70,94

o8.58l115.3el94.53| 82,91] 70,55! 92,71 71.14] 80,35| 98,681111.22'102,17 111,76191.49

80,25| 77,00| 89,76] 68,85! 77,76) 95,561107,70| 98,93

102,86! 80.42169.28! 83.65) 96.291104.951101.851106.04'102,361108.81/110.71

86.26174.83| 90.341108.98/113.351110.001114.52'110.551112.121119,57

_—_ &amp;gt; 97.9979,57l120.17lı37.39l157 gol125.961139.47l162.40l182.191179.44

l02.93| 96.658052 91,38) 97.27l103.14| 91,381 9432102 93)114.97/112.15|101.26ls4,35| 95.63l101,771106,61| 94.88] 97.67l106.17l118.56/115,75
        <pb n="184" />
        — 165 —

Wenn wir die einzelnen Warengruppen, abgesehen von dem schon
betrachteten Getreide und Fleisch besonders ins Auge fassen, so ergibt
 sich ein sehr verschiedenes Bild. Die Kolonialwaren haben in
der neuesten Zeit eine Preiserhöhung außer im Jahre 1902 nicht erfahren.
 Gegenüber 1879—1889 ist die Verhältniszahl 1909—1913:
89,7; gegenüber 1847—1880 die Zahl für 1906—1910 79,7, von 1911
und 1912 immer noch 90,1. Namentlich die außerordentlichen
Schwankungen des Kaffeepreises zeigen, daß der Wert von der Ernte,
der Spekulation usw. bedingt wird, nicht von allgemeinen internationalen
 Geldverhältnissen. Dasselbe .wird von den Metallpreisen
zu sagen sein, die in den letzten Jahren einen besonderen Aufschwung
erfuhren: gegenüber 1879—1889 = 100, 1909—1913: 157,9 und
gegenüber 1847—1880 = 100 von 1906—1910 94,50, 1911—1912
107 und 117,9, dem aber schon 1913 ein Rückschlag folgte. Der
große Aufschwung der Maschinenbenutzung und der Metallindustrie
überhaupt, beeinflußt durch die Fortschritte in der Verwertung der
Elektrizität, die Ausdehnung der Benutzung der Automobile, die
großen Kriegsrüstungen geben genügende Erklärung dafür. Wenn
die Steinkohle nicht mit den Metallen Hand in Hand ging, so ist
dies sicher auf die starke Zunahme der Förderung des Materials
zurückzuführen. Aber auch bei den Metallen ist ersichtlich, daß besondere
 Produktionsverhältnisse vorliegen, da gerade Blei und Zinn
in weit höherem Maße gestiegen sind, als Kupfer und Eisen. Das
Rohmaterial der Textilindustrie ist von 1879—1889 bis 1909—1913
wie 100:1183 hinaufgeschraubt, was auch auf den gesteigerten Bedarf
zurückzuführen sein dürfte.
Für die gesamte Industrie kommt ferner die allgemeine Lohnsteigerung
 in Betracht, die bei der Produktion ebenso preishebend
wirken mußte, wie im Handel vielfach durch die erhöhte Nachfrage.
Wir haben schon oben bei Erörterung des Einflusses der Goldproduktion
 auf das Preisniveau uns dahin ausgesprochen, daß dieselbe
die neuen Veränderungen der Kaufkraft des Geldes nicht wesentlich
modifiziert haben kann, da sie sich in dem letzten Dezennium nicht
vermindert hat und auch kein Anlaß zu einer erhöhten Steigerung der
Nachfrage vorlag, ebensowenig ist eine Minderung der Produktionskosten
 der edlen Metalle gerade in letzter Zeit eingetreten. Die
Klagen über die Teuerung in diesen Jahren sind dadurch gestiegen,
daß es gerade die täglichen und allgemeinen Nahrungsmittel, dann
die Miete in den größeren Städten gewesen sind, welche eine Preissteigerung
 erfuhren, die von der großen Masse der Bevölkerung besonders
 empfunden wird. während die übrigen Waren davon weniger
betroffen sind.
Die Ursache einer Veränderung des allgemeinen Preisniveaus
aber von seiten der Waren gegenüber dem Gelde kann, wie wir
sehen, in der Erhöhung der Produktionskosten oder in der erhöhten
Nachfrage gegenüber der gleichen oder weniger gestiegenen Produktion
 (wie bei dem Fleische) liegen. Diese größere Nachfrage
kann bedingt sein durch die Bevölkerungsvermehrung, Steigerung
der Bedürfnisse sowohl infolge einer Aenderung des Standard of life
und dadurch bewirkten Verschiebung der Bedürfnisse, wie besonders
aber durch eine Erhöhung der Kaufkraft der Bevölkerung, die eine
gesteigerte Leistungsfähigkeit, namentlich durch die Erfindungen, erweiterte
 Anwendung von Maschinen und größere Ausnutzung der
        <pb n="185" />
        166 —

Naturkräfte voraussetzt ohne eine Ueberproduktion zur Folge zu
haben. Gerade das dürfte aber in der neuesten Zeit tatsächlich vorliegen.
 Welchen Umschlag darin der große Weltkrieg herbeiführen
wird, ist noch nicht abzusehen.

Kapitel VI.
Das Bankwesen.

8 49.
Das Wesen der Banken und ihre Geschichte.
A. Wagner, System der Zettelbankpolitik. 2. Aufl. Freiburg 1878,
GG OÖbst;-Geld=;-Bank- und. Börsenwesen. - 7. Aufl, Leipzig 1912.
Derselbe, Banken und Bankpolitik. Leipzig 1909.
Will. Scharling, Bankpolitik, Jena 1900.
Leitner, Das Bankgeschäft und seine Technik. 3. Aufl. Frankfurt a. M. 1912.
Buchwald, Die Technik des Bankbetriebes, 7. Aufl. Berlin 1912.
Schär, Technik des Bankgeschäfts. 3. Aufl. Berlin 1908.
‚Riesser, Die deutschen Großbanken und ihre Konzentration. 4. Aufl. 1912.
Wesentlich gekürzte Ausgabe unter dem Titel: Von 1848 bis heute. Jena 1912.
Schacht, Einrichtung, Betrieb und volkswirtschaftliche Bedeutung der Großbanken.
 Hannover 1912.
J. W. Gülbart, The history, principles and practice of banking. London 1901.
Warschauer, Physiologie der deutschen Banken. Berlin 1903.
Jaffe, Das englische Bankwesen. 2. Aufl, Leipzig 1910.
Bagehot, Lombardstreet. Der Weltmarkt des Geldes in den Londoner Bankhäusern.
 Nach der 4. Aufl. übers. v. Beia. Leipzig 1874.
E. Nasse, Das venetianische Bankwesen im 14., 15, und 16. Jahrhundert, Jahrb.
f. Nationalökonomie, Bd. XXXIV, im Jahre 1880.
L. von Halle, Die Hamburger Girobank und ihr Ausgang. Berlin 1891.
Sieveking, Die Casa di S. Giorgio. Freiburg 1899

Wesen der
Banken.

; Die modernen Banken sind Kreditinstitute, welche die Aufgabe
haben, den Geldumlauf zu regulieren, durch Kreditoperationen das
Geld aufzunehmen, welches in dem laufenden Betriebe momentan
keine Verwendung finden kann, und es dorthin zu leiten, wo Bedarf
daran vorliegt. Wenn auch, wie wir sehen werden, noch eine Menge
andere Tätigkeiten sich daran anschließen, und in der ursprünglichen
Entwicklung die Aufgaben sich vielfach anders gestalteten, so ist
damit doch für die Gegenwart der Kernpunkt ihrer Tätigkeit gekennzeichnet.
 Die Aufgaben. der Banken drückt 8 12 des deutschen
Bankgesetzes von 1875 aus, der als Aufgaben der Reichsbank bezeichnet:
 den Geldümlauf zu regeln, die Zahlungsausgleichungen zu
erleichtern und für die Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu
sorgen. Der Erfüllung dieser Aufgaben dient eine Reihe von Kreditgeschäften,
 die in Aktiv- und Passivgeschäfte zerlegt werden, je nachdem
 die Bank Kredit gibt oder nimmt. Ergänzend treten hinzu
einzelne Geschäfte, bei denen weder Aktiv- noch Passivkredit in
Frage kommt, die man als indifferente Bankgeschäfte bezeichnen kann.
Man hat die Banken nicht mit Unrecht mit dem Herzen in dem
tierischen Organismus verglichen, welches die Aufgabe hat, das Blut
in alle Teile des Körpers zu führen und neues Leben hervorzubringen,
zugleich das verbrauchte wieder zurückzuziehen und zur Umwandlung
und Ausscheidung zu bringen. So wird durch die Banken die Kapitalskraft
 in Umlauf gesetzt und überall zu angemessener Verwendung
vebracht.
        <pb n="186" />
        am

Der Name der Banken rührt von den Tischen her, auf welchen
die Geldwechsler in Italien ihre Geldschüsseln aufgestellt hatten.
Schon im Altertum ist eine Banktätigkeit nachweisbar; besonders
für Babylon, Griechenland und Rom, und zwar in der Form des Geldwechselgeschäftes,
 dann der Aufnahme von Geldern zur Aufbewahrung
und Uebernahme von Darleihgeschäften. Mit der Völkerwanderung
ging indessen diese Tätigkeit verloren und kam erst gegen Ende des
Mittelalters allmählich wieder zur Ausbildung. Ihre Vertreter waren
zunächst Geldwechsler, welche die verschiedenen Münzsorten und die
Münzen der verschiedenen Länder vorrätig hielten, sie auf ihren
Wert prüften und für den Verkehr zur Verfügung stellten. Jedes
Land und Ländchen in Deutschland, ja vielfach jede größere Stadt
besaß eigene Münze, die nur innerhalb ihres Territoriums Umlaufsfähigkeit
 hatte und so viel wie möglich innerhalb desselben zurückgehalten,
 wie jede andere von demselben ferngehalten wurde. So bedurfte
 man solcher Vermittlungsinstanz, um dem Kaufmann, dem
Reisenden, wie dem Fürsten und sonstigen großen Herren die Münze
zur Verfügung zu stellen, die sie für ihre Zahlungen im Auslande
brauchten, und um etwa mitgebrachte ausländische Münzen in die
heimische zu übertragen. Hiermit verbanden die Wechsler auch häufig
und allmählich in immer ausgedehnterem Maße die Tätigkeit des
Geldausleihens. Ursprünglich im Mittelalter waren die berufsmäßigen
Geldverleiher hauptsächlich Juden, dann übernahmen die Italiener
dasselbe Geschäft, besonders im großen Verkehre, nicht nur in ihrer
eigenen Heimat, sondern allmählich auch in dem übrigen Europa.
Anfangs stammten sie hauptsächlich aus der Lombardei, dann aus
Toscana, Die vielen italienischen technischen Ausdrücke im Bankverkehr
 sind darauf zurückzuführen, wie auch der Name Lombardstreet
in der City von London, welche noch heutigen Tages der Hauptsitz
der großen Bankinstitute Englands ist. In Genua wurden die Geldwechsler
 schon im 12. Jahrhundert Bancherii genannt, und im 13. und
14. Jahrhundert sind die Italiener bereits in vielen Hauptorten Europas
als Vertreter der Banktätigkeit ansässig. In den folgenden Jahrhunderten
 finden sich die Campsores öfters zu besonderen Zünften
neben den Kaufleuten, den Mercatores, vereinigt als eine Hauptstütze
des Handels. Je mehr der Verkehr zunahm und sich an einzelnen
Punkten konzentrierte, wie vor allem an den Plätzen der Waren- und
Wechselmessen, um so mehr stellte sich das Bedürfnis heraus, durch
Bildung großer Bankinstitute dem Geschäfte eine größere Sicherheit
zu geben und sich der Ueberlegenheit einzelner Geldmänner zu entziehen;
 dies wurde erreicht durch Errichtung von genossenschaftlichen,
staatlichen oder städtischen Banken.
Unter ihnen ist, wenn auch nicht die erste, so die berühmteste
der älteren, die Casa di San Giorgio, die in Genua 1407 als Girobank
gegründet wurde. Eine weitere und nachhaltigere Nachbildung derselben
 trat indessen erst Ende des 16., dann im Laufe des 17. Jahrhunderts
 auf, nachdem durch Ueberspekulation und unrationelles
Verfahren eine größere Zahl bedeutender Bankiers Bankerott gemacht
 und viele Geschäftsleute und sonstige vermögende Männer
mit in das Verderben gezogen hatte. Der erste hier in Betracht
kommende Versuch ging in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts
von dem venetianischen Staate aus, die Errichtung der Staatsgirobank,
 Banco di Rialto im Jahre 1587. Die Veranlassung soll ge-Altertum

 und
Mittelalter.

Wechsler.

Bankgründungen.
        <pb n="187" />
        — 168 —

Zahlungserleichterung.


wesen sein, daß die Regierung sich nach erheblichen Kriegen in
großer Geldverlegenheit befand und genötigt sah, eine Anleihe aufzunehmen,
 wobei sie sich natürlich nur an die heimischen Kaufleute
wenden konnte. Da aber die Gefahr vorlag, durch die Entziehung
bedeutender Summen den Handel zu schädigen, kam man auf den
Gedanken, auf Grund der eingezahlten Summen ein Staatsschuldbuch
aufzulegen, in welchem jedem Kaufmann ein Folium eröffnet wurde,
auf welchem die dem Staat geliehene Summe ihm gutgeschrieben
wurde, so daß nun die Kaufleute auf Grund ihres Guthabens ihre
Geschäftstätigkeit weiter fortsetzen konnten, indem die Zahlung des
einen an den anderen durch Uebertragung der Summe von dem
Folium des einen auf das des anderen vollzogen wurde. Auf diese
Weise konnte der Staat erhebliche Beträge für sich in Anspruch
nehmen, ohne den Handel lahmzulegen, denn auf Grund der Forderung
 an den Staat konnte nun jeder Kaufmann seine Einkäufe
machen, Zahlungen an andere leisten und so seine Geschäfte ungeschwächt
 fortsetzen. Bald darauf geschah die Gründung einer zweiten
Staatsbank, welche als „banco del giro“ von 1619-—1806 bestanden
hat. Nach ihrer Errichtung ging die erste Staatsbank bald ein. In
Mailand wurde 1593 die „Banco di St. Ambrogio“, 1609 die Amsterdamer
 Wisselbank, 1619 die Hamburger Bank, welche bis 1875 bestanden
 hat, 1621 die Nürnberger ins Leben gerufen. Während diese
sämtlich Staats- resp. städtische Banken waren, wurde die Bank von
England 1694 als Aktiengesellschaft gegründet, indem durch Gesetz
denjenigen, welche dem Staate die Summe von 1,2 Mill. Pfd. Sterl.
leihen würden, das Privilegium zur Errichtung einer Bank gewährt
wurde,
Diese Banken waren ursprünglich reine Girobanken, sie beruhten
darauf, daß eine Anzahl bedeutender Unternehmer erhebliche Summen
bar in den Kellern der Bank deponierten, worüber ihnen ein Folium
in dem Bankbuche eröffnet wurde, und sie nun untereinander Zahlungen
in der erwähnten Weise durch UVebertragung begleichen konnten, so
daß dabei die deponierten Gelder unberührt liegen blieben und nur
ausnahmsweise und in beschränktem Maße herausgezogen werden
durften. Dies schloß ein, daß die Mitglieder der Bank, d. s. die
Bankbürger, die im modernen Sinne zugleich die Aktionäre waren,
nur untereinander Geschäfte machen konnten, worin natürlich eine
große Beschränkung lag. Ein wesentlicher Vorteil des Verfahrens
bestand darin, daß die bedeutenden Summen, die zur Grundlage des
Handels dienten, sowohl vor Abnutzung wie vor Verlust bei dem
Umlauf bewahrt wurden, was in einer Zeit von besonderer Bedeutung
war, wo jeder Transport nicht nur sehr kostspielig, sondern auch bei
dem ausgedehnten Räuberwesen sehr gefahrvoll war. Aber ungleich
bedeutsamer war der Umstand, der hauptsächlich zur Gründung
der Institute geführt hat, daß man imstande war, unabhängig von
der umlaufenden Münze und daher unter Vermeidung der Verluste,
welche durch die Ausgabe unterwertiger Münzen, wie durch die Verwendung
 ausländischer Münzen entstanden, Zahlungen zu leisten.
Wie schon erwähnt, lag für den Handel eine besondere Schwierigkeit
 in der großen Verschiedenartigkeit der Münzen der einzelnen
Länder, welche stets nur einen sehr beschränkten Umlaufskreis besaßen.
 Hierzu trat schon in dem 16., ganz besonders aber in den
ersten Dezennien des 17. Jahrhunderts in der sogenannten Kipper-
        <pb n="188" />
        169 —

und Wipperzeit der Mißbrauch der Staatsgewalt bei der Ausübung
des Münzrechts hinzu. Es wurden nämlich unterwertige Münzen
ausgeprägt, welche nach einiger Zeit wieder in Verruf erklärt und
zu ihrem Metallwerte eingezogen wurden, um durch neue unterwertige
Münzen zu einem hohen Kurse ersetzt zu werden. Je größer die
Finanznot des Fürsten war, um so öfter geschah die Verrufserklärung,
mitunter schon nach einem Jahre, so daß Zahlungsstockungen unvermeidlich
 wurden, weil Niemand dem Werte der ausgegebenen Münze
traute und Niemand wußte, wie lange die Münze den gesetzlichen
Wert, zu dem sie ausgegeben war, behalten würde. Dabei war ein
ausgedehnter Handel, namentlich internationaler Natur nicht möglich,
und deshalb wurde durch die Banken ein neutraler Boden geschaffen,
auf dem die Zahlung auf einer gleichen, dauernden Grundlage, unabhängig
 von der kursierenden Münze durchgeführt werden konnte.
Die Girobank in Hamburg akzeptierte deshalb für ihre Girogeschäfte
eine ideale Werteinheit, die „Mark Banko“, zu einem Drittel eines
vollwichtigen Reichstalers; und auch als später der Münzfuß des
Reichstalers verschlechtert wurde, behielt man die ursprüngliche
Mark mit einem angenommenen Silbergehalt von 81 g Feinsilber
bei. Sie wurde nie ausgeprägt, sondern blieb eine Rechnungsmünze.
Als Depositen in der Bank wurden nur Silber in Barren oder später
auch Münzen, aber nur nach dem Silbergehalt, akzeptiert. Auch das Pfund
Sterling, wonach die englische Bank rechnete, war bekanntlich nicht
eine geprägte Münze, sondern ein bestimmtes Gewicht von Edelmetall,
 je nach der akzeptierten Währung: Gold oder Silber. Auf
Grund dieser Einrichtung vollzogen sich die größeren Zahlungen nur
auf dem Wege des Kredits durch Anweisung auf das Guthaben bei
der Bank, und diese Erleichterung führte dazu, daß eine Menge
Zahlungen in anderen Gegenden und von fernstehenden Kaufleuten
üurch Anweisung auf die Bankbürger stattfanden, die untereinander
die Abrechnung auf dem Wege des Girierens bewirkten, so daß die
Banken bald eine Bedeutung erlangten, die weit üher den lokalen
Markt hinausgine.

8 50.
Die Entwicklung der Banktätigkeit und das
Girogeschäft.
Rauchberg, Der Clearing- und Giroverkehr in Oesterreich-Ungarn und im Auslande.
 Wien 1897

Die Entwicklung der Banktätigkeit aus diesen einfachen Anfängen Entwicklung d
der Girobank vollzog sich nun, kurz dargestellt, in der Weise, daß Bankeeschäfte
man._den Geschäftsverkehr nicht auf die Bankbürger beschränkte,
sondern auch auf das übrige Publikum ausdehnte, indem auch von
ihm Einlagen in Geld’ aufgenommen wurden, wodurch sich das Depositengeschäft
 entwickelte und die Banken sich zu allgemeineren
Sparkassen erweiterten. Der zweite Schritt ging.dahin, die aufgesammelten
 Gelder nicht tot in‘ den Kellern der Bank liegen zu lassen,
sondern wieder in den Verkehr zu bringen, und zwar durch Benutzung
 zur Gewährung von Darlehen. Man sagte sich, daß die
Depositen nicht alle auf einmal zurückgefordert werden und daß,
wenn die Schuldner sicher und die Darlehen nur auf kurze Zeit gewährt
 sind, die Schuldverschreibungen, das sind die von den Schuldnern
        <pb n="189" />
        au 170 —

Airoverkehr.

ausgestellten Wechsel, eine ebensolche Sicherheit gewähren, wie das
bare Geld selbst. Dagegen ist der Vorteil für die Bank wie für die
ganze Volkswirtschaft sehr erheblich, wenn die Gelder in fortdauerndem
 Umlauf sind und durch die Bank in die Hand derjenigen Geschäftsleute
 gebracht werden, welche dieselben für ihre wirtschaftliche
 Tätigkeit dringend gebrauchen. Die wichtigste Form dieser
Verwendung der fremden Mittel ist das Ankaufsgeschäft von Wechseln,
DiskKontgeschäft genannt. Die dritte‘ Entwicklungsphase beyann,
 als man zur Darlehensgewährung nicht die Münze selbst benutzte,
 sondern für sie Repräsentanten ausgab, unverzinsliche Inhaberpapiere,
 die Noten, für welche die Bank zu jeder Zeit die darauf
verzeichnete Summe zahlte, die bei ausreichendem Kredit der Bank
deshalb ebenso als Zahlmittel fungieren konnten wie die klingende
Münze. Aber man ging allmählich noch darüber hinaus, indem man
mehr Noten ausgab, als Barmittel bei der Bank vorhanden waren,
denn man beobachtete, daß stets nur ein kleiner Teil der zirkulierenden
 Noten zur Einlösung präsentiert wurde, man deshalb nicht notwendig
 hatte, stets die ganze Summe bar vorrätig zu halten, welche
in Noten ausgegeben war. Dadurch verschaffte sich die Bank. unverzinsliche
 Darlehen, die sie IKrerseits verzinslich als Darlehen aus-Fäb,
 und war imstande, der Geschäftswelt größere Mittel zur Verfügung
 zu stellen, als sie selbst bar besaß. Damit bildete sich das
Noten- und Zettelbankwesen aus, das eine besondere Bedeutung
 in der Volkswirtschaft erlangt hat.
Die Buchung von KEinlagen bei einer Bank, welche mit einer
größeren Zahl von Geschäftsleuten in Verbindung steht und es diesen
ermöglicht, durch Ueberschreibung: von Teilen des Guthabens von
dem Konto des einen Teilhabers auf das des anderen Zahlung zu
leisten, ist die Einrichtung des Giroverkehrs, so genannt, weil
das Geld sich gewissermaßen im Kreise bewegt. Sie ist schon im
alten Rom gebräuchlich gewesen und hat, wie wir sahen, Ende des
Mittelalters, dann namentlich Anfang des 17. Jahrhunderts in besonderen
 Banken eine große Ausdehnung gewonnen. Dies Verfahren
trat aber allmählich immer mehr in den Hintergrund und wurde
durch die Zahlungen in Wechseln, Noten und Schecks ersetzt. Erst
in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat es wiederum an Ausdehnung
gewonnen, seit den vierziger Jahren bei der Bank von England, dann
seit 1876 bei der deutschen Reichsbauk, nachdem durch Gesetz der
Notenumlauf in England wie in Deutschland Beschränkungen unterworfen
 war, und man sich genötigt sah, einen Ersatz für dieses
Zahlungsmittel zu schaffen. Zu bemerken ist aber, daß schon Friedrich
der Große 1765 durch die Gründung der Giro- und Lehnbank, aus
der 1847 die Preußische Bank hervorging, den Versuch machte, den
GirovVerkehr zu heben, indessen ohne erheblichen Erfolg. 1824
gründeten Berliner Bankiers und Kaufleute den Berliner Kassenverein,
 der in der Hauptsache nur eine Giroanstalt war. Aehnliche
Einrichtungen wurden in den folgenden Jahrzehnten in verschiedenen
Städten Preußens ins Leben gerufen. Die Preußische Bank eröffnete
den Giroverkehr 1834, und seit 1841 konnten die Inhaber eines Girokontos
 durch besondere Giroanweisungen über ihr Guthaben verfügen.
 Im Jahre 1853 betrug der Giroumsatz 110 Mill. Taler. Ungleich
 größer ist sofort nach der Gründung die Girotätigkeit der
Reichsbank gewesen, welche bestimmt war. einen Ersatz für den
        <pb n="190" />
        1

Scheckverkehr nach englischem Muster zu bieten. Eine Ergänzung
und gewissermaßen den eigentlichen Abschluß hat die Giroeinrichtung
 in England wie in Deutschland in den großen Abrechnungsund
 Clearingstellen erhalten, die uns noch zu beschäftigen haben
werden. Die Inhaber eines Girokontos verfügen bei der Reichsbank
über ihr Guthaben mit weißen Schecks, wenn es sich um Barzahlungen
 handelt, oder, wenn es darauf vermerkt ist, zur Verrechnung,
 d. h. zur Ausgleichung mit anderen Geschäftsleuten resp.
Banken. Schecks aus rotem Papier kommen dagegen zur Anwendung,
wenn eine Uebertragung auf ein anderes Girokonto bestimmt wird.
Im Jahre 1887 belief sich die Zahl der Girokonten auf 3245, 1892
auf 9626, 1906 stieg sie auf 23387 und 1913 auf 26148. Vereinnahmt
 wurden 1887 13,5 Milliarden M., 1891 40,5 Milliarden, 1901
83,9, 1906 122,83, 1913 189,60 Milliarden. Der Bestand der Guthaben
 stieg von 1899 mit 237 auf 482,1 Millionen am 1. Jan. 1906
und auf 605.1 Millionen Ende Dezember 1918.

8 51.
Das Depositengeschäft.
v. Philippovich, Die Bank von England im Dienste der Finanzverwaltung.
2, Aufl. Wien 1911. .
Struck, Studien über den englischen Geldmarkt. Jahrb. f. Gesetzgebung u.
Verwaltung, Ed. X.
Gauert, Depositenbildung in England und in Deutschland. Jahrb. f. Nationalökonomie
 1894, Bd, VII, 3. F.
S. Buff, Das Kontokorrentgeschäft im deutschen Bankgewerbe. Stuttgart 1904.
Meltzer, Das Depositenwesen in Deutschland. Jena 1912.
Kaufmannn, Das französische Bankwesen mit besonderer Berücksichtigung der
drei Depositengroßbanken. Tübingen 1911.

Im Mittelalter war es bereits eine ausgedehnte Tätigkeit sowohl
üer Wechsler wie der Goldschmiede, wertvolle Gegenstände gegen
Gebühr zur Aufbewahrung zu übernehmen, da sie die betreffenden
Einrichtungen zum Schutz gegen Feuer- und Diebesgefahr in sicheren
Gewölben und Kisenkisten besaßen, die dem Publikum im allgemeinen
fehlten. Auch in der neueren Zeit übernehmen es die Banken,
Schmucksachen, Wertpapiere, Manuskripte usw. in versiegelten Kästen
oder Paketen gegen eine geringe Zahlung aufzubewahren. Dies sind
die verschlossenen Depots. Dem gleichen Zweck dienen die
Schrankfächer der Stahlkammern, die die Banken vermieten.
Hier hat der Mieter den Vorteil, daß die Werte unter seinem Ver-Schluß
 stehen. Die durch diese Einrichtung gewährte Sicherheit ist
von außerordentlicher Bedeutung, und das Publikum beginnt sie
mehr und mehr zu würdigen. Eine solche verschlossene Aufbewahrung
 empfiehlt sich nicht, wenn die verwahrten Gegenstände Verwaltungshandlungen
 erfordern, so z. B. die Kupons im richtigen
Momente abzuschneiden, die Zinsen einzuziehen, dann bei Papieren,
die der Auslosung unterworfen sind, wobei die ausgelosten Nummern zur
Barzahlung einzureichen sind usw. In diesen Fällen ist das offene
Depot zweckmäßiger, durch das der Bank die Aufbewahrung und
Verwaltung übertragen wird. Die Bank hat hierbei aber nicht
das Recht, die ihr anvertrauten Papiere für ihre eigenen Zwecke zu
verwerten, sie zu verleihen oder zu verkaufen, sondern sie ist verpflichtet,
 die ihr gegebenen Nummern selbst zu jeder Zeit zur Ver-Denots.
        <pb n="191" />
        Gelddenositen.

Fügung des Einlegers zu halten. Greift der Bankier das Depot an,
benutzt ‚er es für eigene Geschäftszwecke, so macht er sich eines
Vertrauensbruches schuldig und kann dafür kriminell bestraft werden.
Da nun in der neueren Zeit wiederholt dennoch Vertrauensbrüche
vorkamen und auch Streitigkeiten darüber entstanden, ob eine Einlage
 einfach als Darlehen dem Bankier übergeben oder ihm als Depot
anvertraut war, so hat das deutsche Depotgesetz vom Jahre 1896
mit Recht die getrennte Verwaltung und Buchung der Depots gegenüber
 den eigenen Beständen der Bank und denen Dritter gefordert,
was bei den Großbanken stets der Fall war, aber den kleinen
Bankiers Schwierigkeiten und Kosten verursachte. Die Ermächtigung,
anstelle der hinterlegten einzelnen Stücke nur gleichartige Wertpapiere
 zurückzugeben oder über die Papiere aus eigenem Nutzen
zu verfügen — depositum irregulare — muß für jedes einzelne Geschäft
 ausdrücklich und schriftlich abgegeben werden, sofern der
Hinterleger nicht selbst gewerbsmäßig Bank- oder Geldwechslergeschäfte
 betreibt. Besonders großartig ist in Deutschland die Einrichtung
 bei der Reichsbank in Berlin. Am 31. Dezember 1913 waren
an verschlossenen Depositen daselbst 4542 Stück, wofür an Gebühren
im Jahre 81000 M. gezahlt wurden; an offenen Depots dagegen
waren vorhanden 269839 im Nennwerte von 3154,4 Mill. M. Im
Laufe des Jahres waren hinzugekommen: 33 506 Depots über 422 Mill.;
zurückgezogen wurden 35915 Depots über 436 Mill. M. Von den
niedergelegten Effekten wurden im Laufe des Jahres an Zinsen usw.
125,2 Mill. eingezogen, an Gebühren für die Aufbewahrung und Verwaltung
 2,0 Mill. M. eingenommen. Diese Beträge haben in den
letzten Jahren abgenommen; offenbar weil jetzt die großen Privatbanken
 die gleichen Bequemlichkeiten und die gleiche Sicherheit zu
bieten vermögen.
Von ungleich größerer volkswirtschaftlicher Bedeutung ist aber
der Gelddepositenverkehr, der darin besteht, daß die Kunden der
Bank die laufenden Einnahmen, soweit sie dieselben nicht unmittelbar
gebrauchen, bei der Bank einlegen, und zwar zur freien geschäftlichen
 Benutzung derselben, also als einfaches Darlehen, und sich die
Zurückziehung bald in jedem Momente vorbehalten („tägliches Geld“),
bald nach vorher ausbedungener Kündigung. Im kaufmännischen
Verkehre ist dabei die gewöhnlichste Form die des laufenden Kontos
oder Kontokorrents, bei welchem auf dem einen Folium die Einlagen,
auf dem anderen die Auszahlungen verzeichnet und gegenübergestellt
werden. Bei dieser Form liegt der Schwerpunkt in der fortdauernden
 Kreditgewährung und der Möglichkeit, ,zu jeder Zeit das Guthaben
 bis zur vereinbarten Grenze zu überziehen. Da die Reichsbank
 solchen Kredit nicht gewährt, so hat sie auch keinen Kontokorrentverkehr,
 wohl aber Depositen- oder Giroverkehr, wobei Einund
 Auszahlungen chronologisch auf demselben Blatt eingetragen
werden. Die privaten Bauken pflegen die Einlagen zu verzinsen.
Die Reichsbank verzinst die ihr übergebenen Depositen- und Girogelder
 nicht und verlangt noch die Deponierung eines unantastbaren
eisernen Fonds, der gleichfalls nicht verzinst wird. Auch die Bank
von Frankreich und die Bank von England gewähren keine Depositenzinsen.
 Die Verzinsung bei den anderen Banken ist eine verschiedene,
 je nach den Rückzahlungsbedingungen, namentlich nach
der Länge der Kündigungsfrist. Bei dem Kontokorrent pflegt die
        <pb n="192" />
        — 138 —

Bank sich ihre Tätigkeit vergüten zu lassen, indem sie für die Auszahlungen
 einen höheren Prozentsatz berechnet, als sie ihrerseits für
die. Einlagen zahlt.
Die Vorteile des Deponenten bei diesem Verfahren sind einmal:
Sicherheit vor Verlusten durch Feuer und Diebstahl im eigenen Hause
durch die Aufbewahrung der Gelder seitens der Bank, da nicht
überall die entsprechenden Einrichtungen, wie feuersichere Geldschränke,
 bei dem Publikum vorhanden sind, um gegen solche Verluste
die nötige Garantie zu bieten.
Zweitens: Ersparnis der Mühen und Kosten der eigenen Kassenverwaltung.
 Bei einer einfachen Privatperson, die nur für sich allein
wirtschaftet, fällt dieses weniger ins Gewicht, schon mehr bei einem
Geschäftsmann mit größerem Umsatz, einem Kaufmann, Fabrikanten,
Gutsbesitzer, die vielfach genötigt sind, einen besonderen Buchhalter
resp. Kassierer dafür zu halten, der ihnen Kosten verursacht und
Mißgriffe, Veruntreuungen usw. machen kann, die erspart werden
können, wenn sie mit einer Bank in Beziehung treten, ihr die Einnahmen
 zufließen und durch sie Zahlung leisten lassen. In England
ist dieses so weit ausgebildet, daß selbst große Banken gar nicht
eigene Kasse halten, sondern alle Zahlungen durch bestimmte
Zahlungsbanken bewirken lassen. In der gleichen Weise übernimmt
die Bank von England die Annahme aller Gelder wie die Auszahlungen
 für den Staat. Zwar hat die Reichsbank in Deutschland
seit ihrer Gründung gleichfalls die Hauptsummen der Staatseinnahmen
 zu verwalten, aber eine bedeutende Zahl von Kassen bei
den Regierungen, bei den Kommunen, bei einzelnen Instituten, wie den
Universitäten könnten teils ganz beseitigt, teils auf ein Minimum
reduziert werden, wenn auch hier die Reichsbank oder eine andere
Zentralbank die einfließenden Gelder aufnähme, und die Zahlungen
durch Anweisungen auf dieselben vollzogen würden. Die Ersparnisse
für die Gesamtheit, der beschleunigte Umlauf der Gelder würde für
die ganze Volkswirtschaft von intensivster Wirkung sein.
Drittens tritt der Umstand hinzu, daß dem Einleger auch die
nicht sofort gebrauchten Gelder, sei es in der einen, sei es in der anderen
 Form, verzinst werden oder einen entsprechenden Nutzen bringen.
Viertens fällt ins Gewicht, daß durch den dauernden Verkehr mit
einer Bank, welche die laufenden Einnahmen für den Kunden bezieht
und die Ausgaben für ihn bestreitet, der Bankier ein genaues Urteil
über die Kreditfähigkeit seines Kunden erlangt und dadurch in den
Stand gesetzt ist, ihm einen angemessenen Kredit zu gewähren. Für
Jeden, der einen etwas größeren Geldumsatz hat, besonders aber für
den Geschäftsmann, ist es von der höchsten Bedeutung, bei einem
solchen Geldinstitute, welches aus der Gewährung von Darlehen Geschäfte
 macht, einen angemessenen Personalkredit zu haben, wie er
sich bei einem laufenden Konto bis zu einem gewissen Grade von
selbst ergibt, dann insbesondere durch Diskontierung von Wechseln
und sonstige Würdigung der Unterschrift des Betreffenden gewährt
wird. Darin liegt der Vorteil des kleinen Bankiers. Die Gutsbesitzer
im preußischen Östen klagen vielfach über Mangel an Personalkredit.
Sie sehen sich genötigt, die Bürgschaft eines Kaufmanns hinzuzuziehen,
um von einer Bank ein Darlehen zu erhalten, auch wenn sie selbst
sehr viel wohlhabender sind als dieser, weil sie mit keiner Bank in
einem dauernden Geschäftsvyerkehre stehen, deshalb keine ihre Kredit-Vorteile

 für den
Deponenten.
        <pb n="193" />
        — 174 —

Vorteile für die
Bank.

würdigkeit, namentlich ihre Zuverlässigkeit in Geldgeschäften beurteilen
 kann, und deshalb Niemand ihnen ohne weiteres Personalkredit
 zu gewähren vermag; während in Eingland auch der kleine
Farmer bei einer Bank ein laufendes Konto hält und keine Ursache
hat, über Mangel an Personalkredit zu klagen.
Eine Gefahr liegt für den Deponenten vor, wenn die Bank sich
auf gewagte Spekulationen einläßt, und dadurch ihre Sicherheit gefährdet
 wird. Es wird deshalb für ihn notwendig sein, die Art der
Geschäftstätigkeit der Bank und damit ihre Sicherheit genau zu beobachten.
 Er wird nicht seine ersparten Kapitalien bei ihr deponieren
 dürfen, wie es vielfach geschieht, sondern nur laufende Einnahmen,
 um das Risiko nicht zu sehr auszudehnen.
Die Vorteile für die Bank liegen in der Heranziehung der
Gelder ihrer Kunden zur eigenen Benutzung. Jeder Einleger hat zu
bestimmten Zeiten besondere Einnahmen, zu anderen größere Ausgaben.
 Die Erfahrung stellt den regelmäßigen Bedarf und Ueberfiuß
bei dem Kundenkreise fest, und je mannigfaltiger sich dieser zusammensetzt,
 um so größer pflegt die Ausgleichung zu sein. Der Beamte
 und Rentier beziehen im Beginn jeden Vierteljahres das Gehalt
und die Zinsen, ihre Ausgaben verteilen sich ziemlich gleichmäßig
auf die Zwischenzeit. Der Landwirt hat dagegen im Beginne des
Vierteljahres Hypothekenzinsen, Gehalt und Löhne auszuzahlen, seine
Einnahmen konzentrieren sich mehr oder weniger auf die Zeit der
Wollschur, des hauptsächlichsten Ausdrusches der Ernte während des
Winters. Die Fabrikanten machen zu bestimmten Zeiten ihre Einkäufe
 an Rohmaterial, der Absatz konzentriert sich auf die einzelnen
Saisons oder sonstige Perioden des Jahres, während die Ausgaben
und Einnahmen der Kaufleute bei einem schnelleren Umsatz sich gleichmäßiger
 über das Jahr verteilen, aber auch Ebbe und Flut der Guthaben
in gewisser regelmäßiger Wiederkehr folgen lassen. Auf diese Weise
ist der Bankier in der Lage, vorauszusehen, welche Summen er zu
den einzelnen Terminen vorrätig halten muß, um den Bedarf seiner
Kunden zu befriedigen, wann er dagegen auf größeren Zufluß von
Geldern rechnen kann, und wie weit der Zufluß von der einen Seite
ausreicht, um den Bedarf der anderen zu befriedigen. Er kann
hiernach die Depositen seiner Kunden zum großen Teile verwerten,
um anderen entsprechende Vorschüsse zu gewähren. Er verzinst
aber die Einlagen, wie wir sahen, niedriger, als er seine Darlehen
verzinst erhält. Je langsamer der Umsatz bei den Kunden ist, wie
bei den Beamten, Rentiers, Landwirten, um so größere Summen
werden für längere Zeit zu seiner Verfügung stehen. Je schneller
der Umsatz ist, wie bei den Kaufleuten, um so mehr Gelder wird er
zur unmittelbaren Verfügung bar vorrätig halten müssen, und je
schneller der ganze Verkehr ist, wie z. B. in England, um so mehr
wird dieses der Fall sein, gegenüber einem langsamen Verlauf, wie
er z. B. in Rußland oder in der Türkei zu beobachten ist. Die
Schwankungen in dem Geldverkehr treten in dem Notenumlauf
unserer Reichsbank scharf hervor, der sich im Beginne jedes Vierteljahres
 gewaltig steigert, da größere Summen von ihr verlangt
werden, um allmählich in den folgenden 2%, Monaten abzunehmen,
dann regelmäßig Ende des Vierteljahres zu steigen und Ende Dezember
 den Höhepunkt zu erreichen, wie die folgende kleine Tabelle
        <pb n="194" />
        — 175 —
z. B. für das Jahr 1913 ergibt. Es betrug der Notenumlauf der
Reichsbank

am 31. Januar
28, Februar
R1. März
90. April
1. Mai
), Juni
. Juli
), August
‘, September
. Oktober
„9. November
31. Dezember

2

„
w

1961,9
1876,0
2824,7
2050,6
19127
23168
1948,7
19157
2455,6
21187
1981,9
9593 4

Mill. M

A

2
”
”»

M
%

Im Beginne des Jahres ist der Barbestand der Bank ein sehr
niedriger, während dagegen der Notenumlauf und Wechselvorrat ein
hoher ist. Das Verhältnis kehrt sich im Februar vollständig um.
Der Barvorrat steigt, der Wechselbestand und Notenumlauf sinken,
und dieses Auf und Nieder wiederholt sich fortdauernd, bis am Ende
des Jahres wieder die extremsten Ziffern zutage treten, wo die Anforderungen
 an die Bank am größten sind, ihr am wenigsten Depositen
 zufließen, dagegen Darlehen auf Wechsel in ausgedehntem Maße
gefordert werden. Dies wiederholt sich in jedem Jahre, nur daß die
Schwankungen bald größer, bald kleiner sind. Sache des Bankiers
ist es, sich diesen Verhältnissen anzupassen und entsprechend Vorsorge
 zu treffen.
Eine Gefahr liegt für die Bank darin, daß in Zeiten allgemeiner
Zahlungsstockungen nach Ausbruch eines Krieges oder wirtschaftlicher
 Krisen ihr nicht die Gelder in gewohnter Weise zufließen
dagegen besonders stark entzogen werden. Indessen ist erfahrungsgemäß
 die Gefahr eine geringe, solange überhaupt die Kunden
zahlungsfähig sind, und die Bank daher auf Rückzahlung der ausstehenden
 Gelder mit Bestimmtheit rechnen kann; und je ausgedehnter
und mannigfaltiger der Kundenkreis ist, um so mehr pflegen derartige
Störungen ausgeglichen zu werden.

$ 52.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Depositenverkehrs.

0. Warschauer, Das Depositenbankwesen in Deutschland. Jahrb. f. National-Ökonomie
 1904, Bad. 27.
Ungleich größer als der bisher besprochene private Nutzen des
Depositenverkehrs ist der für die ganze Volkswirtschaft. 1. Die vorhandenen
 Münzen werden dadurch fortdauernd in Umlauf erhalten
und gelangen zu besserer Verwertung. Sehr bedeutende Summen, die
sonst tot im Kasten lagen, werden nun von der Bank aufgesogen und
fortdauernd wieder in den Verkehr gebracht. Dadurch genügt ein
weit geringerer Münzvorrat im Lande, als er sonst nötig wäre, und diese
Ersparnis kommt der Gesamtheit zugute, 2, Durch die Tätigkeit der
Bank übernimmt die Einlage mehrfache wirtschaftliche Aufgaben zu
gleicher Zeit. Dieselbe Summe, welche der Einleger der Bank übergeben
 hat, kann von ihm wirtschaftlich verwendet werden, indem der
Fabrikant auf Grund seines Guthabens bei der Bank Bestellungen

Mehrfache
Funktion der
Depositen.
        <pb n="195" />
        176 —

Zwang zur
Reservehaltune.


macht, der Kaufmann Waren bezieht usw.; der Bankier verwendet
das Geld in seinem Interesse, indem er einem Kunden Darlehen gewährt.
 Dieser wiederum, sagen wir ein Fabrikant, benutzt den Vorschuß,
 um seine Arbeiter zu bezahlen, die ihrerseits damit Einkäufe
machen; und alles dieses vollzieht sich noch während derselben
Wochen, während welcher die Depositen der Bank übergeben sind.
Dieselbe Summe hat damit mehrfache wirtschaftliche Funktionen zu
gleicher Zeit übernommen und leistet deshalb für die Gesamtheit das
Mehrfache von dem, was ohne die Vermittlung der Bank möglich
wäre. Hierin liegt der Hauptvorteil der Banken für den Geldumlauf,
und dieser wird im allgemeinen nicht genügend gewürdigt. Der
Wohlstand eines Landes kann deshalb durch Erweiterung des Bankwesens
 ohne Erhöhung des Kapitalsvorrates selbst in bedeutendem
Maße gesteigert werden. Die wirtschaftliche Ueberlegenheit Englands
 und Amerikas über Deutschland beruht zum nicht geringen
Teile auf der besseren Ausbreitung und Ausnutzung des Bankwesens
and der dadurch bewirkten besseren Verwertung der vorhandenen
Kapitalien. Wie weit der Depositenverkehr Deutschlands hinter
dessen Ausdehnung in England und den Vereinigten Staaten zurück-Dleibt,
 läßt sich zahlenmäßig nicht präzisieren, da der Begriff der
„Depositen“ nicht der gleiche und ihr Betrag nur teilweise bekannt
st. Dazu ist die ungleiche Ausdehnung und Benutzung der Sparkassen
 zu berücksichtigen.
3. Durch den Depositenverkehr wird der Deponent zu größerer
Kassenhaltung bewogen, damit gezwungen, eine größere dauernde
Reserve zu bewahren, die ihm in Zeiten der Krisen eine weit bedeutendere
 Widerstandskraft und Sicherheit verschafft, Es liegt in
der Natur der Sache, daß sich Jeder scheut, größere Summen tot bei
sich im Kasten liegen zu haben, und sich deshalb leicht verleiten
läßt, vorhandene Gelder zu Ausgaben zu benutzen, die wirtschaftlich
nicht gerechtfertigt sind und sich überhaupt mehr von Mitteln zu
entblößen, als es die Solidität des Unternehmens und die momentane
finanzielle Sicherheit rechtfertigen. Das liegt schon vor, wenn die
betreffenden Ausgaben für Produktionszwecke, also nicht unfruchtbar,
geschehen sind. Es "tritt aber noch die Gefahr hinzu, daß der vorhandene
 Barvorrat zu Luxusausgaben verleitet und den Leichtsinn
befördert. Ganz anders, wenn alle Ueberschüsse der Bank zufließen
and dort ihre Verwertung finden. Sie werden erfahrungsgemäß dort
viel länger erhalten und aufgesammelt als in der eigenen Kasse. In
England erzwingen die größeren Banken noch dadurch eine besondere
Reserve, daß sie verlangen, daß ein gewisser Teil der Jahreseinlagen
im Durchschnitte in der Bank verbleibt, um derselben entsprechenden
Nutzen zu gewähren. Die Bank von England hat den Grundsatz
aufgestellt, daß die Führung eines Kontos für sie nur dann lohnend
sei, wenn die Zahl der in einem Jahre gezogenen Schecks multiphziert
 mit 6 Pence per Stück dem Zinsbetrage des Mindestguthabens
zleich ist. Hält ein Kunde 500 Pfund Sterling, so erachtet es die
Bank für nötig, 100 Pfund Sterling als unbeschäftigt anzusehen, was
bei 3% im Jahre ebenso viel ergibt, als wenn 480 Schecks über das
Guthaben einliefen, welche mit einer Gebühr von 6 Pence belastet
wurden. Die deutsche Reichsbank verlangt von kleinen Firmen nur
500 M. als Mindestguthaben, von Kontoinhabern, die große Umsätze
        <pb n="196" />
        177

machen, erheblich mehr. Bei den Privatbanken sind die Ansprüche
hier noch viel geringer.
Der allgemeine Usus einer großen Reserve, der durch einen ausyedehnten
 Bankverkehr erzielt wird, muß nach allem die ganze Volkswirtschaft
 zu einer größeren Solidarität bringen, als wo ein solcher
Verkehr nicht vorhanden ist. Es werden deshalb auch in der Tat
wirtschaftliche Krisen in England leichter überstanden als in Deutschland.
 Die gegenseitige Kontrolle zwischen den. Banken und dem
Publikum, welche sich aus dem Depositenverkehre von selbst ergibt,
Muß gleichfalls die allgemeine wirtschaftliche Ordnung und Solidität
heben, da die Kunden wie die Banken voraussetzen müssen, daß
jeder wirtschaftliche Mißgriff, jeder Verlust und Rückgang der
Zahlungsfähigkeit von dem anderen Teile bemerkt wird und seinen
Kredit schädigt, welcher die Grundlage seiner wirtschaftlichen Wirksamkeit
 ist.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Erweiterung des Depo- rin
sitenverkehrs von großer wirtschaftlicher Bedeutung ist und sich gerade allgemeinen
für Deutschland als in hohem Maße wünschenswert erweist. Die Year
Voraussetzung einer solchen Verallgemeinerung ist aber 1. eine allgemeine
 Verbreitung sicherer Banken der verschiedensten Art im ganzen
Lande. Daran fehlte es in Deutschland früher sehr. Das Publikum
war angewiesen auf kleine Bankiers mit vielfach zweifelhafter Sicherheit,
 während die großen Banken, so auch die Reichsbank, auf die
Erweiterung ihres Depositengeschäftes oft kein großes Gewicht legten,
während in England und den Vereinigten Staaten auch an den
kleinsten Orten Filialen größerer Banken vorhanden zu sein pflegen,
bei denen das Depositengeschäft im Vordergrunde steht, jedenfalls
nur Bankgeschäfte übernommen werden, Für Deutschland ist in
dieser Richtung die Verbreitung der Schulze-Delitzschen Volksbanken
und Raiffeisenschen Darlehnskassen ein wesentlicher Fortschritt gewesen.
 In neuerer Zeit sind aber auch in Deutschland die größeren
Banken mit der Einrichtung von Depositenkassen vorgegangen, die
alle Bankgeschäfte übernehmen.
2, Die Solidität der Banken muß dem Publikum in besonderer
Weise verbürgt sein. Dazu ist erforderlich, daß die Depositenbanken
sich auf die reinen Bankgeschäfte beschränken und sich von jeder
spekulativen Börsentätigkeit ferrhalten. Auch nach dieser Richtung
vewähren die Genossenschaftsbanken durch ibre Statuten die nötige
Garantie. In England ist hierin eine weit schärfere Scheidung zwischen
 Bank- und Börsentätigkeit durchgeführt als in Deutschland,
worauf noch zurückzukommen sein wird.
3. Eine Verallgemeinerung der Verbindung des Publikums mit
den Banken ist nur zu erwarten, wenn auch Personen mit geringem
Geldumsatze und kleinen Einlagen von den Banken als Kunden akzeptiert
 werden. Gerade nach dieser Richtung zeigen sich die englischen
 und amerikanischen Banken weit entgegenkommender als die
meisten deutschen. Nur die Genossenschaftsbanken schließen hierin
wieder einen Fortschritt ein.
‚4. Wo der Depositenverkehr noch nicht allgemein verbreitet ist,
wird die Gewährung eines Zinses für die Einlagen nicht zu entbehren
 sein, um das Publikum heranzuziehen, während allerdings der
Nutzen des Verkehrs überhaupt, wie gezeigt, auch für den KEinleger
ein so großer ist, daß eine Verzinsung dagegen nur von untergeord-Nonrad.
 Grundriß der polit. Oekanamie. I. Teil. 8. Aufl. 12
        <pb n="197" />
        — 198

neter Bedeutung ist und dort entbehrt werden kann, wo das Publikum
bereits das richtige Verständnis dafür zeigt. ;
5. Der Depositenverkehr wird nur dann seine Aufgabe vollständig
 erfüllen, wenn dem Einleger die weitestgehende und leichteste
Verfügung über sein Guthaben gewährleistet ist; je größer diese
Erleichterung ist, um so allgemeiner wird das Publikum sich anschließen.
 Es sind deshalb alle Einrichtungen zu akzeptieren, welche
dem Bankkunden die Verfügung über die Einlagen zu erleichtern, ohne
ihm durch die Verminderung des Barvorrats Opfer und Unbequemlichkeiten
 aufzuerlegen. Das beste Mittel hierzu ist der Scheckverkehr,
ier in dem folgenden Paragraphen besprochen werden soll.

8 53.
Das Schecksystem.
R. Hildebrand, Chequesystem und Clearingbouse. Jahrb. f. Nationalökonomie
1867, Bd. VIII.
Seyd, Banks and the bankers. London 1871,
Georg Cohn, Ueber den Entwurf eines deutschen Chequegesetzes. Jahrb, f.
Nationalökonomie 1879, Bd, XXXUMI.
Koch, Zeitschrift für Handelsrecht 1884, XIV, N. F.
Bayerdörffer, Cheque-System. Jena 1881.
Obst, Theorie und Praxis des Scheckverkehrs, Leipzig 1899. Wechsel- und
Scheckkunde. 4. Aufl. Leipzig 1911. .
Siegfr. Buff, Der gegenmärtige Stand und die Zukunft des Scheckverkehrs in
Deutschland. München 1907.

Vesen des
Schecks.

Deutsches
Scheckresetz.

Unter Scheck versteht man, und dieses ist auch durch das deutsche
Gesetz vom 11. März 1908 für Deutschland festgelegt, die Anweisung
eines Kunden auf das Bankgeschäft, mit dem er in Verbindung steht,
auf Grund des vorhandenen Guthabens Zahlung zu leisten. Es handelt
sich also um ein Mittel, wie oben erwähnt, in der einfachsten Weise
über die auf der Bank deponierten Summen zu verfügen. Sind auch
schon verschiedene Beispiele solcher Anweisungen früher vorhanden
zewesen, so haben sie sich doch hauptsächlich erst Ende des
17. Jahrhunderts in England zu allgemeiner Bedeutung entwickelt, und
sie sind in der Gegenwart in England, den Vereinigten Staaten,
Frankreich und in der Schweiz allgemein in Gebrauch, während
Deutschland in dieser Beziehung noch in fast unbegreiflicher Weise
zurückgeblieben ist. Erst in der neueren Zeit beginnt es, sich dieses
wesentliche Umsatzmittel in erweitertem Maße zugänglich zu machen.
wozu das Scheckgesetz vom 11. März 1908 sicher viel beiträgt,
Nach dem deutschen Gesetz muß die betreffende Anweisung den
Ausdruck „Scheck“ enthalten. Als Zahlungsempfänger kann entweder
aine bestimmte-Person oder Firma oder der Inhaber des Schecks angegeben
 werden; durch den Zusatz „oder Ueberbringer“ wird der Scheck
zleichfalls ein Inhaberpapier; er gilt ebenfalls als auf den Inhaber gestellt,
 wenn er keine Angabe über den Zahlungsempfänger enthält. Die
Bank ist zur Zahlung naturgemäß nur verpflichtet, soweit das Guthaben
lazu ausreicht und wenn der Schein innerhalb der normierten Frist präsentiert
 wird. Es ist nicht notwendig, daß das Guthaben auf der Bank
bar vorhanden ist, sondern es kann dem Kunden von der Bank die Summe
auf Kredit zur Verfügung gestellt und als Nebenkredit zur Deckung dem
Konto gutgeschrieben werden. Das österreichische Gesetz vom 3. April
L906 setzt eine Ordnungsstrafe von 3%, auf Ueberziehung des Guthabens.
        <pb n="198" />
        — 179 —

an, um einen Druck auszuüben, daß nicht ungedeckte Schecks in Umlauf
 gesetzt werden. Das deutsche Gesetz kennt solche Bestimmung
nicht, überläßt es vielmehr dem Bezogenen, sich darüber mit dem
Aussteller auseinander zu setzen. In England wird allgemein, in
Deutschland von der Reichsbank das Geschäftsverhältnis gelöst, wenn
eine Ueberziehung des Guthabens ohne vorherige Verabredung voryenommen
 wird, und dieses wird im allgemeinen zur Aufrechteraaltung
 des Verkehrs genügen.
Das österreichische und das deutsche Gesetz lassen Schecks nur
yelten, wenn die Anweisung auf eine Firma lautet, welche gewerbsmäßige
 Bankiergeschäfte betreibt und als solche in das Handelsregister
 eingetragen ist, oder auf staatliche Anstalten und eingetragene
Genossenschaften, dann Sparkassen, wenn sie die nach Landesrecht
geltenden Aufsichtsbestimmungen erfüllen und die Annahme von Geld
and die Leistung von Zahlungen für fremde Rechnung übernehmen.
Der Scheck ist bei Sicht zahlbar, die Angabe einer anderen
Zahlungszeit macht den Scheck nach dem deutschen und österreichischen
 Gesetz nichtig. Der auf einen bestimmten Zahlungsempfänger
ausgestellte Scheck kann durch Indossament übertragen werden, wenn
nicht der Aussteller die Uebertragung durch die Worte „nicht an
Ordre“ oder durch einen gleichbedeutenden Zusatz untersagt hat.
Ein Akzept ist ausgeschlossen. Ein auf den Scheck gesetzter Annahmevermerk
 gilt als nicht geschrieben.
Der Inlandsscheck muß in Deutschland innerhalb 10 Tagen präsentiert
 werden; stammt der Scheck aus dem europäischen Auslande,
so ist er in 3 Wochen, stammt er aus den Vereinigten Staaten, in
2 Monaten vorzulegen. Die quer über den Scheck geschriebene Bemerkung
 „nur zur Verrechnung“ verpflichtet den Bezogenen, nicht
bar zu zahlen, sondern die Summe nur an die Bank des Scheckinhabers
 zu überweisen.
Die Bank pflegt den Kunden ein Scheckbuch mit entsprechenden
Anweisungsformularen, welche mit der Firma versehen und numeriert
sind, zu übergeben. Der Deponent reißt ein Blatt heraus, füllt es
entsprechend aus, und ist dadurch in der Lage, in jedem Moment,
wo Forderungen an ihn herantreten, diesen zu genügen. Um Fälschungen
 durch Erhöhung des Betrages zu erschweren, pflegt man
am Rande des Schecks eine Zahlenreihe anzubringen, von der die den
Scheckbetrag übersteigenden Zahlen bei der Ausfüllung ab
dder durchstrichen werden. Gerade für Deutschland würde die allgemeine
 Anwendung des Scheckverkehrs von höchster Bedeutung
sein, um dadurch dem verbreiteten Borgsystem entgegen zu wirken.
Es ist zu hoffen, daß die Aufhebung. des Scheckstempels Ende_des.
Jahres 1916 die Ausdehnung des Scheckverkehrs fördern wird. Der
Scheck hat vor den Noten voraus, daß verschieden hohe, auch beäeutende
 Summen mit wenig Strichen auf einem Blatte zur Zahlung
bestimmt werden können. Die Bank von England hatte einmal einen
Scheck von Vanderbilt von 1,2 Millionen Pfund Sterling und von
der chinesischen Regierung von 1,7 Pfund Sterling zu honorieren.
Der Scheckverkehr kann erst dann die volle volkswirtschaftliche
Bedeutung erlangen, wenn das Publikum sich allgemein daran gewöhnt
 hat, auf einer Bank ein Konto zu halten, und die Zahlungen
daher allgemeiner durch die Banken vermittelt werden, wie es in
England, den Vereinigten Staaten und in den Hansastädten der Fall
9x

Bequemes
Zahlungsmittel.
        <pb n="199" />
        180 —

Yearinghouse

ist. Nur äußerst selten erhebt dort der Inhaber des Schecks selbst
das Geld, sondern er übergibt ihn der Bank, welche die Einziehung
bewirkt. Ueberall gibt es kleine Banken, Bankiers oder Filialen
größerer Banken, dıe alle bei Zentralbanken Konten halten und mit
ihnen die Schecks austauschen und verrechnen. Ist dieser Usus nicht
allgemein, so hat es für den Empfänger eines Schecks, namentlich in
großen Städten, größere Unbequemlichkeiten, von einem entfernten
Bankhause zu dem Gelde zu gelangen, und der Scheck wird nur ungern
 genommen. Die Ersparnisse für die ganze Volkswirtschaft an
Edelmetall sind bei Verallgemeinerung des Scheckverkehrs außerordentlich
 groß. Nach allgemeinen Erfahrungen kommt nur äußerst
selten ein Mißbrauch des Schecks vor, weil Fälschungen der Unterschrift
 oder Diebstahl eines Schecks leicht entdeckt werden und zur
Bestrafung des Betrügers führen.
Die großen Banken in London haben schon seit den 70er Jahren
des 18. Jahrhunderts eine gemeinsame Abrechnungsstelle, das Clearinghouse
 eingerichtet, wohin sie an bestimmten Stunden des Tages die
bei ihnen zur Einlösung eingelieferten Schecks einsenden. Dort_werden
sie von den Clearingbeamten mit. den. Forderungen und Gegen-Förderungen
 der beteiligten‘ Banken - zusammengestellt, „und die zu
forderhden und zu zahlenden Ueberschüsse festgestellt. Die bei dem
CTearinghöuse beteiligten” Banken haben nun jetzt bei der Bank von
England ihr Girokonto, auf welches jene festgestellten Ueberschüsse
zur endgültigen Ausgleichung übertragen werden. Auf diese Weise
konzentrieren sich die Zahlungen innerhalb Londons, aber. auch aus
dem größten Teil des Landes in bedeutendem Maße schließlich in dem
Bankbuche der englischen Bank, und werden vollzogen, ohne daß Barmittel
 hierzu zur Anwendung gelangen. Schon in den 60er Jahren
wurde festgestellt, daß bei jenen großen Depositenbanken Londons
nur 5%, der Depositen als Kassenbestand gehalten zu werden brauchte.
G. Cohn gibt an (a. a. O0. S. 607), daß von 23 Mill. Pf. St, welche
bei einem Londoner Bankhause im Laufe eines Tages zum Umsatz
gelangten, gegen 21 Mill. durch Clearings und Schecks, nur eine Million
durch Banknoten, kaum ein Siebentel einer Million durch Münze gezahlt
 wurde,
Im Jahre 1883 hat die deutsche Reichsbank eine ähnliche Einrichtung,
 die Abrechnungsstelle in Berlin, ins Leben gerufen,
indem sie mit den bedeutendsten Bankhäusern in Berlin, ein Abkommen
wegen täglicher Ausgleichung der wechselseitigen Geldverpflichtungen
nach Art des dargelegten Clearingverfahrens, wie der technische Ausiruck
 lautet, im Wege der „Skontration“ traf. Den Inhabern eines
Girokontos bei der Reichsbank wurde zur Pflicht gemacht, ihre Wechsel
and Schecks entweder bei der Reichsbank oder bei einem Bankhause,
welches mit ihr in täglicher Abrechnung steht, zahlbar zu machen,
also auf diese Weise die Zahlungen zu konzentrieren, und diese
regelmäßig bei der Abrechnungsstelle zur Begleichung zu bringen.
In dem Girobuche der Reichsbank vollzieht sich dann die endgültige
Uebertragung. Aehnliche Einrichtungen befinden sich in Hamburg,
Bremen, Frankfurt a. M. und anderen Städten Deutschlands. Auch
Oesterreich, Italien und Frankreich haben ihre Clearingeinrichtungen,
In großartigem Maßstabe haben sie sich in New-York und Melbourne
entwickelt. Der Gesamtumsatz im Clearinghouse zu London belief
sich 1878 auf 4992 Mill. Pf. St., 1901 auf 9766 Mill. 1904 auf 10791 Mill.
        <pb n="200" />
        151

Pf. St., 1906 auf 12984 Mill. Pf. St., 1910 auf 14141 Mill, Pf. St.; in
New-York in den Jahren 1901 auf 333,6, 1904 392,4, 1906 439,6, 1910
auf 422,6 Milliarden Mark. In Deutschland kamen in neun Abrechnungsstellen
 1884 1979000 Stück zur Abrechnung mit 12 Milliarden M.;
im Girokonto gut geschrieben wurden 3,1 Millarden. 1901 waren die
Zahlen an 10 Stellen 5,4 Mill Stück mit 28,9 Milliarden Betrag.
1909 war die Zahl der Abrechnungsstellen auf 20 gestiegen, an denen
11,9 Mill Stück mit 51427 Mill. M. ausgeglichen wurden, davon 77,4%,
kompensiert, 22,6% durch Giroübertragung. Im Jahre 1913 wurden
an 24 Abrechnungsstellen 15,6 Mill. Einlieferungen über zusammen
73634 Mill. M. erledigt, und zwar 77,3%, der Einlieferungen durch
Aufrechnung, 22,7 °, durch Gutschrift auf Girokonto. Im Jahre 1910
ist von 18 der 20 Mitglieder der Berliner Abrechnungsstelle eine
Scheckaustauschstelle für außerhalb Berlins zahlbaren Schecks, Provinzschecks,
 eingerichtet worden, an der das Kaiserl. Postscheckamt und
die Bank des Berliner Kassenvereins nicht beteiligt sind. Von dieser
Austauschstelle wurden im Jahre 1913 408404 Schecks im Betrage
185 Mill. M. eingeliefert,
Einen bedeutsamen Schritt zur Erweiterung des Scheckverkehrs
hat die österreichische Regierung im Jahre 1883 unternommen,
indem sie den Einlegern bei der Postsparkasse gestattete, über ihr
Guthaben mittels Scheck zu verfügen, wodurch sowohl die Benutzung
der Postsparkasse, wie die Verwendung der Schecks eine sehr erhebliche
 Erweiterung erfuhr. Noch 1885 waren nur 6877 Kontoinhaber
im Scheckverkehre vorhanden, 1896 30837, 1907 78546. Der Umsatz
im Clearingverkehr stieg in dieser Zeit von 516 Mill auf 1102 Mill
Gld. und 1907 auf 9858 Mill. Kr.
Durch die Postscheckordnung vom 6. Nov. 1908 ist Deutschland
dem Beispiel Oesterreichs gefolgt, leider nicht mit der einzig richtigen
Konsequenz, der Errichtung einer Postsparkasse, wodurch der Zweck
noch weit besser erreicht worden wäre. Jetzt ist maßgebend das
Postscheckgesetz vom 26. März 1914 und die Postscheckordnung vom
22. Mai 1914. Hiernach kann ein jeder durch eine Stammeinlage
von 50 M. ein Konto im Postüberweisungs- und Scheckverkehr erjangen.
 Jedes Postscheckamt führt eine Liste der Kontoinhaber.
Die Höhe des Guthabens unterliegt keiner Beschränkung. Die Guthaben
 der Kontoinhaber werden nicht verzinst. Einzahlungen auf
ein Postscheckkonto können bewirkt werden: a) mittels Zahlkarten bei
jeder Postanstalt und jedem Postscheckamte, b) durch Ueberweisung
von Postanweisungen und von Beträgen, die durch Postauftrag oder
Nachnahme eingezogen sind, c) mittels Ueberweisung von einem anderen
Postscheckkonto. Die Post liefert besondere Formulare (für 5 Pf.
10 Stück) als Zahlkarten, durch die Beträge in beliebiger Höhe auf
ein Postscheckkonto eingezahlt werden können. Zahlkarten bis 3000 M.
können auf Antrag des Absenders dem Postscheckamt, bei dem das
Konto des Empfängers geführt wird, telegraphisch übermittelt werden.
Der Kontoinhaber kann zu jeder Zeit über sein Guthaben bis auf die
Stammsumme von 50 M. verfügen, und zwar durch Ueberweisung auf
ein anderes Postkonto oder durch Schecks. wofür die Post die Formulare
 liefert. .
Die Ueberweisungen können auf jeden beliebigen Betrag innerhalb
des verfügbaren Guthabens ausgestellt werden, der Höchstbetrag eines
Schecks ist 20000 M. Ueberweisungen bis 3000 M. können auch tele-Deutsches


Postscheck:
gyresatz.
        <pb n="201" />
        182

graphisch erfolgen. Von der am linken Rande des Schecks befindlichen
Zahlenreihe hat der Aussteller vor der Ausgabe des Schecks die Zahlen,
die den Betrag des Schecks übersteigen, mit Tinte durchzustreichen,
Ist dies versehentlich unterblieben, so befindet das Postscheckamt darüber,
 ob der Scheck einzulösen ist. Aufträge für mehrere Empfänger
können in einer Ueberweisung (Sammelüberweisung) zusammengefaßt
werden. Ebenso kann mit einem Scheck Auftrag zu Barzahlungen an
mehrere Empfänger erteilt werden (Sammelscheck). Der Scheck ist
binnen 10 Tagen nach der Ausstellung bei dem Postscheckamt zur
Einlösung vorzulegen. Schecks mit Indossament werden nicht einyelöst.
 Ist im Scheck der Empfänger genannt, so wird die Postanstalt
 vom Postscheckamt durch Zahlungsanweisung beauftragt, den
Betrag an den Empfänger zu zahlen. Scheckbeträge bis 3000 M.
können dem Empfänger durch telegraphische Zahlungsanweisung übermittelt
 werden. In den Fällen der Zahlungsanweisung und stets bei
telegraphischer Uebermittelung sind besondere Gebühren zu zahlen.
Wohnt der im Scheck bezeichnete Empfänger im Auslande, so wird
ihm der Betrag durch Postanweisung oder Wertbrief übersandt. Das
Porto hat der Aussteller zu erstatten. Bei Bareinzahlungen mittels
Zählkarten sind allgemein für Beträge bis 25 M5 Pf., für Beträge
von mehr als 25 M, 10 Pf, vom Zahlungsempfänger zu entrichten.
Für jede Auszahlung ist eine feste Gebühr von 5 Pf., außerdem !/,,
vom Tausend des auszuzahlenden Betrages, für jede Uebertragung von
einem Konto auf ein anderes 3 Pf. vom Auftraggeber zu zahlen.
Die Gebühren können mit Zustimmung des Bundesrats. durch den
Reichskanzler herabgesetzt werden.
Am Schlusse des ersten Geschäftsjahres 1909 bestanden im Deutschen
Reiche 43929 Konten mit zusammen 76,2 Mill. M. Guthaben, Ende
1912 89380 Konten mit 180,0 Mill. Guthaben. Der Gesamtumsatz
betrug 1909 11,8 Milliarden M., 1912 35,5 Milliarden M., davon wurden
bargeldios beglichen 5,8 bzw. 19,8 Milliarden M.
In der neueren Zeit ist man auch sonst bestrebt, durch Erweiterung
des Giroverkehrs auch im kleinen Umsatz die Anwendung des Schecks
entbehrlich zu machen und dadurch eine noch größere Zahlungserleichterung
 herbeizuführen. Die Königl. bayrische Bank hat im Jahre
1907 einen Kleingiro- resp, Scheckverkehr für ganz Bayern mit einer
Mindesteinlage von 100 M. eingerichtet. Die österreichische Postsparkasse
 hat ähnliche Ziele, wenn auch der Umsatz meist durch Schecks
durchgeführt wird. Hoyer schlägt in der deutschen Wirtschaftszeitung
am 1. Juni 1907 Einführung des Kleingiroverkehrs durch die Reichsbank
 bei 1000 M. Mindesteinlage vor. In erfreulicher Weise fangen
auch die Genossenschaftsbanken an, auf die Erweiterung des Scheckand
 Ueberweisungsverkehrs hinzuwirken, die landwirtschaftlichen
Genossenschaften haben eine eigene Scheckvereinigung gegründet.
Auch die Sparkassen haben teilweise den Scheckverkehr aufgenommen.

8 54,
Das Lombardägeschäft.
Felix Hecht, Die Warrants. Leipzig 1884.
Otto Chr. Fischer, Die wirtschaftliche Entwicklung des Warrantverkehrs in
len europäischen und amerikanischen Ländern, 1908,
Warschauer, Statistik uud volkswirtschaftliche Bedeutung des Lombardgeschäfts.
Finanzarchir 1900.
        <pb n="202" />
        783

Eine besondere. Entwicklung ‚der, Depotgeschäfte, besteht darin,
Jaß Zuf Grund der der Bank übergebenen Wertgegenstände Darlehen
für kürzere Zeit gewährt werden, Lombarddarlehen genannt,
oijn Geschäft, das schon bei den Goldschmieden und Wechslern im
Mittelalter eine gewisse Blüte erlangt hatte. In der Gegenwart
anterscheidet man drei Arten des Lombardverkehrs. Az Edel.
metalllombard, wobei, wie es der Name besagt, auf Grund der
Verpfändung von Gold- und Silberbarren, -geräten, Schmucksachen,
ausländischen Münzen, Summen geliehen werden, „2-Waren]om - Warenlombard,
bard, bei welchem Waren in natura in der einen Oder der anderen
Form zur Verpfändung gelangen und darauf für kurze Zeit Darlehen
gewährt werden. Die Voraussetzung dabei ist, daß die Gegenstände
sich leicht aufbewahren lassen, ohne zu verderben oder sonst an
Wert einzubüßen, und daß sie leicht absetzbar sind, also im Falle
des erforderlichen Verkaufs keine größeren Umstände machen. Gleichwohl
 ist dieses Geschäft mit größeren Schwierigkeiten und Umständen
verbunden, als die sonstige Banktätigkeit und tritt in ihrer Bedeutung
 heutigen Tages erheblich zurück. Immerhin hat z. B. die
deutsche Reichsbank 4 Warendepots, um derartige Faustpfänder aufzunehmen.
 Veranlassung hierzu liegt vor, wenn Kaufleute ihre Waren,
Gutsbesitzer ihre Wolle, ihr Getreide im Momente nicht zu veräußern
vermögen oder nicht veräußern wollen, weil die Preise momentan
besonders niedrig sind, sie aber Geld gebrauchen, um fällige Forderungen
 einzulösen oder ihre geschäftliche Tätigkeit fortzusetzen.
Eine wesentliche Erleichterung und Ausdehnung hat dieses Geschäft
 durch die Einrichtung öffentlicher Lagerhäuser und der unter
ihrer Autorität ausgestellten Hägerscheine oder Warrants besonders
in England erhalten, während in Deutschland die Entwicklung langsamer,
 aber immerhin bemerkenswert vor sich geht. In den englischen
 Häfen sind seit lange bekanntlich große Docks eingerichtet,
welche außerhalb der Zollgrenze liegen, in denen von dem Auslande
eingetroffene Waren niedergelegt und angemessen behandelt werden,
bis der Besitzer darüber anderweitig verfügt und sie entweder in
das Inland befördert oder nach dem Ausland weiter verschickt, wo
der höchste Preis zu erlangen ist. In der Zwischenzeit ist es für
äen Kaufmann von höchster Bedeutung, auf diese Waren Darlehen
zu erhalten. Diese Freilager sind in England Privatunternehmungen,
welche die Verantwortung für die gelagerten Waren übernehmen. Sie
stellen darüber Lagerscheine (Warrants) aus, die nun ihrerseits bei
einer Bank als Pfand zur Lombardierung übergeben werden. Da die
Ware nur gegen diesen Schein aus dem Depot herausgegeben wird, und
das Lagerhaus hierfür die Garantie übernimmt, so ist die Bank dadurch
genügend gesichert, während ihr die Umstände eigener Aufbewahrung
der Waren abgenommen sind. Hierin liegt eine wesentliche Erweiterung
des Kredites des Einlegers, und dies Verfahren hat sich in neuerer
Zeit auch auf dem Kontinente in erheblichem Maße erweitert.
Ungleich bedeutsamer ist heutigen Da Effektenlombard,
 bei welchem Wertpapiere der Bank Als Pfand übergeben
werden. Hierdurch ist auch derjenige imstande, Darlehen von der
Bank zu erhalten, der mit ihr in keinem dauernden Geschäftsverkehr
 steht. und dessen Kreditwürdigkeit sie daher nicht beurteilen
kann. Ein Gutsbesitzer, der in momentaner Geldverlegenheit ist,
aber nur für kurze Zeit ein Darlehn braucht und Wertpapiere be-Warrant.
        <pb n="203" />
        34

sitzt, übergibt davon eine entsprechende Summe und erhält für
dieses Faustpfand das verlangte Darlehen, da die Bank nun eine
reale Sicherheit in der Hand hat und nicht allein auf die persönliche
 angewiesen ist, Die Bank beleiht nicht den vollen Wert des
Faustpfandes, sondern nur einen Teil desselben (75—90 °%), um auch
bei Kursschwankungen der Papiere ausreichend gedeckt zu sein, indem
 sie den Einleger zur Nachlieferung von Papieren verpflichtet,
wenn der Kurs sinkt. Solange die Bank sich darauf beschränkt, nur
sichere Papiere mit geringen Kursschwankungen zu lombardieren, ist
für sie ein Risiko nicht damit verbunden, dagegen wächst dasselbe
mit der Unsicherheit des Papieres, wie bei Staatsobligationen von
Ländern in gefährdeter Finanzlage, ganz besonders bei Aktien, deren
Wert von den Konjunkturen abhängt. Für die Notenbanken ist deshalb
 die Zahl der Papiere, welche lombardiert werden dürfen, und
die Höhe der Beleihung gesetzlich beschränkt. Privatbanken sind
namentlich in Zeiten mit hochgehender Spekulation und bei starkem
Geldbedarfe häufig der Versuchung unterlegen , gegen hohen Zins
unsichere Aktien zu beleihen, und dann zugrunde gegangen. Sie unterstützten
 zugleich die übermäßige Gründung von Aktiengesellschaften
durch die unvorsichtige Lombardierung der neuausgegebenen Aktien.
Für Lombarddarlehen werden in der Regel höhere Zinsen beansprucht,
 als für Darlehen gegen Wechsel; bei der Reichsbank 1%
mehr als auf Wechsel, weil das Pfandobjekt von der Bank nicht
verwertet werden kann, sondern aus dem Verkehre gezogen ist,
während der angekaufte Wechsel zur Verfügung der Bank bleibt.
Die Reichsbank hatte am 31. Dez. 1906 5815 Stück in Lombard,
worauf 284,5 Millionen ausgeliehen waren. Im Laufe des Jahres
wurden auf 78492 Stück 2104 Mill. M. in Lombarddarlehen gewährt.
Von den am Schlusse des Jahres ausstehenden Darlehen waren
279,7 Millionen auf Wertpapiere, 8800 M. auf Gold und Silber,
4,8 Millionen auf Waren erteilt. Am Schlusse des Jahres 1913 betrug
 die Zahl der Pfandscheine 5876, die Darlehnssumme 94,7 Mill. M.
Neu ausgeliehen wurden im Verlauf des Jahres 104844 Darlehen
mit 3041 Mill. M. Von den am Jahresschlusse ausstehenden Darlehen
 waren 85,6 Mill. auf Wertpapiere, 8,8 Mill. auf Waren gegeben;
Edelmetalllombarddarlehn waren nicht verhanden,
In weitgehendem Maße hat die Lombardierung von Papieren
i. J.1914 bei den neben der Reichsbank eingerichteten Darlehnskassen
zur Erleichterung der Beteiligung des Publikums an der Kriegsanleihe
beigetragen.

8 55.
Die geschichtliche Entwicklung des Wechsels.
W. Endemann, Studien in der romanisch-kanonistischen Wi -
Rechtslehre bis gegen Ende des 16. Jahrh., Bd. I, Berlin 1874, irtschafts- und
J. E. Kuntze, Deutsches Wechselrecht. III. Exkurse über Geschichte, Gesetzgebung
 und Theorie des Wechselrechts. Leipzig 1862,
Lastig, Entwicklungswege und Quellen des Handelsrechts, Stuttgart 1877,
Adolf‘ Schaube, Studien zur Geschichte und Natur des ältesten Cambium.
Jahrb. £. Nationalökonomie 1895, Bd. X.

Der Schwerpunkt der Banktätigkeit liegt heutigen Tages in dem
Wechselgeschäft. Um dieses zu verstehen, ist es notwendig, die
        <pb n="204" />
        — 185 —

Natur des Wechsels und seine volkswirtschaftliche Bedeutung zu
übersehen, und diese wiederum werden am leichtesten durch die Verfolgung
 seiner historischen Entwicklung erfaßt, auf welche wir infolgedessen
 zunächst näher eingehen müssen.
Schon früher ergab sich für die Wechsler im Mittelalter die
Aufgabe, neben der an Ort und Stelle zur Zahlung notwendigen
Münze auch diejenige zu liefern, welche zur Zahlung im Auslande
nötig war. Bei der Unsicherheit und Schwierigkeit.des Reiseverkehrs
lag es nun nähe, auf Mittel zu sinnen, Zahlungen im Auslande zu
ermöglichen, Ohne den Transport großer Summen dabei notwendig zu
machen. Kın solcher Weg ergab.sich.dadurch,. daß die Wechsler..an
den Haupthandelsplätzen des Auslandes Geschäftsteilhaber stationierten
säer Geschäftsfreunde zu gewinnen suchten, die für sie Zahlungen.in
Empfang nahmen. und Zahlungen leisteten. Hatte nun ein Kaufmann,
Sagen wir in Venedig — denn von Italien ging die Entwicklung des
Wechsels aus —, eine Zahlung in Marseille zu leisten, so wendete
er sich an einen‘ Wechsler an Ort und Stelle, zahlte bei diesem die
betreffende Summe, etwa 1000 Dukaten, ein und erhielt hierfür nicht
die entsprechende Summe in französischem Gelde, sondern einen Brief
an den Socius des Wechslers in Marseille, worin er ihn beauftragte,
L000 Dukaten in französischer Münze dem Kaufmann A. oder auch
dessen Vertreter, sobald er sich bei ihm in Marseille melden würde,
auszuzahlen, da derselbe diese Summe ihm bereits gezahlt
 habe. In gleicher Form wies auch der Socius eines Hauses
in Florenz, der in Marseille Einkäufe an Waren gemacht hatte, dasselbe
 an, einem yon der Messe heimkehrenden Kaufmanne die Summe
von 1000 Dukaten auszuzahlen, weil dieser ihm die gleiche Summe
dort übergeben hatte, die er selbst für dort verkaufte Ware soeben
erhalten hatte und nicht bar mit nach Hause nehmen mochte. Damit
war die Form bereits gewählt, wie sie noch heutigen Tages der
Wechsel besitzt; und auf diese Weise war die Verschickung von Bargeld
 umgangen und dem venetianischen Kaufmann die Möglichkeit
verschafft, ohne venetianisches Geld auszuführen, was verboten war,
doch in Marseille mit dem dort allein zulässigen Gelde Zahlung zu
leisten. Die Voraussetzung dabei war nur, daß in einiger Zeit jener
Socius in Marseille wieder Gelegenheit hatte, einen gleichen Zahlungsauftrag
 für einen von Marseille nach Venedig gehenden Kaufmann
auf Grund einer in Marseille gemachten Einzahlung dem venetianischen
 Wechsler zukommen zu lassen, um dadurch eine Ausgleichung
der Zahlung herbeiführen zu können. Wo aber ein reger Handelsverkehr
 bestand, fehlte es an solchen Gelegenheiten nicht, und außerdem
 stellte sich die Bedeutung der brieflichen Anweisungen als
internationales Zahlungsmittel bald heraus, so daß sie nicht nur in Zeh nesmikeel
dem einzelnen Falle zur Zahlung benutzt wurden, sondern von Hand
zu Hand gingen und auch aus anderen Städten angekauft wurden,
am diesen Auftragsbrief zur Zahlung am Fälligkeitsorte zu verwerten.
Besonders an den Brennpunkten des Handels, den Orten der großen,
Warenmessen, strömten die Kaufleute mit solchen Zahlungsaufträgen
zusammen, und es siedelten sich mehr und mehr Vertreter der Wechsler
an dem Hauptlieferungsorte an, um die Zahlungsaufträge von den
Kaufleuten in Empfang zu nehmen, die dort ihre Ware einkaufen
wollten, und ihnen ihrerseits gegen gemachte Einzahlung solche Anweisungen
 für die an Ort und Stelle verkauften Waren in die Heimat

Historische
Entwicklung,
        <pb n="205" />
        186 —

Wechselmessen.


Wechselrecht.

mitzugeben. Da nun diese brieflichen Zahlungsaufträge tatsächlich
ein Wechseln des Geldes in sich schlossen, es sich hier um ein Geschäft
 des Wechselns handelte, ein Negotium cambii, so wurde solch
Anweisungsbrief einfach Cambium, „Wechsel“ genannt; aus der
Jettera di pagamento (Zahlungsauftrag) wurde in der zweiten
Hälfte des 14. Jahrhunderts die lettera di cambio (W echselauftrag).
Der Ausdruck Cambium wurde aber auch für eine Kreditoperation
gebraucht, bei der die Rückzahlung in anderer Münze geschah, und
die Form des Wechsels wurde benutzt, um bei einem Geldvorschuß
Zins zu nehmen und das Zinsverbot zu umgehen.
Aber nicht nur Kaufleute machten von solchen Zahlungsaufträgen
Gebrauch, sondern auch andere reisende Personen, z. B. reiche Studenten,
 welche nach Bologna oder später nach Paris auf die Universität
 gingen und ihren Zehrpfennig für den Studienort auf Grund
eines solchen mitgebrachten Wechsels erhielten. Kine der ältesten
"Jrkunden eines Wechsels ist ein solcher Studentenwechsel, und der
Name hat sich für die Summe, die der Student während seines
Studiums zu verzehren hat, bis zur Gegenwart erhalten,
Die Anwendung dieser Zahlungsbriefe entwickelte sich aber auch
außerhalb der Warenmessen so bedeutend, daß man schon im 13. Jahrhundert
 den Austausch und Handel derselben an anderen Punkten zu
besonderen Märkten konzentrierte und die sogenannten Wechselmessen
 in der Champagne und Provence, im 15. Jahrhundert in Lyon,
im 16. Jahrhundert in Besancon und Piacenza ausbildete, an denen
bereits Millionen in dieser Weise zum Umsatz gelangten, während
die Gegenwart sie nicht kennt.
Da nun die Kaufleute, welche sich an den Warenmessen, ausgerüstet
 mit Wechseln, einfanden, um ihre Einkäufe zu machen, im
Falle der Weigerung des Beauftragten, Zahlung zu leisten, nicht
monatelang auf die Entscheidung eines Gerichts und ebensowenig auf
den überaus langsamen Verlauf der Gerichtsexekutionen warten
konnten, so sah man sich genötigt, diesen Wechselbriefen besondere
Vorzüge in betreff des Gerichtsverfahrens einzuräumen. Die Landesfürsten
 und städtischen Magistrate, die sehr bestrebt waren, den
Meßplätzen besondere Privilegien zu verschaffen, um den Verkehr
dorthin zu ziehen, richteten daher bestimmte Gerichtsbehörden zur
Entscheidung der Wechselstreitigkeiten ein, ermächtigten sie zu
einem abgekürzten Verfahren und zu beschleunigter und strengerer
Exekution. um den Wechselinhaber in kürzester Frist und mit größter
Strenge gegen den Zahlungspflichtigen zu seinem Rechte zu verhelfen.
Jahrhunderte hindurch hat man bis zur Gegenwart hin daran gearbeitet,
 dem Wechselbrief eine vereinfachte und exakte Form zu
yeben, um Zweifel und Mißverständnisse und damit Streitigkeiten
nöglichst auszuschließen, sowie die Entscheidung über da® Recht
nöglichst zu vereinfachen. Außerdem bildete sich zuerst durch Gewohnheitsrecht,
 später durch Gesetzgebung ein besonderes Wechselrecht
 aus, nach welchem die in wechselrechtlicher Form verfaßten
Urkunden ausschließlich zu behandeln waren. Bei diesem Rechte
suchte man eine immer größere Strenge zur Ausbildung zu bringen,
mit der alleinigen Ausnahme, daß man (in Deutschland 1866) die
Personalhaft aufgab, durch welche naturgemäß der Schuldner verhindert
 wurde, sich wirtschaftlich wieder empor zu arbeiten.
Von hoher Bedeutung war die Einführung des Indossaments
        <pb n="206" />
        187 —-oder

 Wechselgiroös im 17. Jahrhundert, durch welches der Wechsel
mit alten“ Rechten auf einen anderen Inhaber übertragen werden
konnte. Dadurch wurde er erst zu dem allgemeinen internationalen
Zahlungsmittel, welches er in der Gegenwart ist, um.so mehr als
das Indossament nicht nur die Rechte. aus dem Wechsel übertrug,
sondern auch zugleich den Indossanten zur Haftung für diese verpflichtete.
 a
Die erste deutsche Wechselordnung wurde in Hamburg 1603 eingeführt.
 Im 17. und 18. Jahrhundert folgten damit die meEisten anderen
deutschen Staaten. 1848 wurde ein allgemeines deutsches Bundesgesetz
 erlassen, 1869 am 5. Juni die allgemeine deutsche Wechselordnung,
 zunächst für den norddeutschen Bund, am 16. April 1871
für das Reich. Jetzt ist die Fassung nach dem Ges. v. 3. Juni 1908
maßgebend. mn

8 56.
Die Natur des Wechsels. - ;

Oskar Wächter, Wechsellehre. Stuttgart 1861.
Georg Cohn, Beiträge zur Lehre von einh. Wechseln. Heidelberg 1880.
Lehrbücher über Handels- und Wechselrecht von Renaud, Goldschmidt, Thöl,
Lehmann, Cosack. Spec. €. S. Grünhut, Lehrbuch des Wechselrechts. Leipzig 1900,
&amp;amp;. Obst, Wechsel- und Scheckkunde. 2, Aufl, Leipzig 1906.

Unmöglich kann es hier unsere Aufgabe sein, die Hauptlehren
des Wechselrechts wiederzugeben, sondern es muß genügen, nur kurz
die Natur des Wechsels zu charakterisieren und anzugeben, wodurch
eine Schuldurkunde zum Wechsel wird, damit unter das Wechselrecht
fällt, und wie sie sich in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung von einer
anderen Schuldurkunde unterscheidet. Wir können ferner nur die
Hauptzüge hervorheben und verzichten darauf, auf die Einzelheiten
und besonderen Ausnahmen einzugehen, verweisen in dieser Hinsicht
vielmehr auf die Lehrbücher über Wechselrecht.
Wechsel nennt man heutzutage eine in wechselrechtlicher Form
abgefaßte Urkunde, in welcher der Aussteller entweder eine andere
Person beauftragt, einem Dritten eine darauf verzeichnete Geldsumme
 an einem ausdrücklich angegebenen Orte zu einer bestimmten
Zeit zu zahlen (Tratte, auch trassierter oder gezogener Wechsel),
oder in gleicher Weise sich verpflichtet, selbst zu zahlen (trockner
der eigener Wechsel).
Der Aussteller des Wechsels heißt Trassant oder Wechselgeber,
 der Beauftragte, der die Zahlung leisten soll, heißt Trassat
oder der Bezogene. Der Empfänger des Wechsels, an den Zahlung
zu leisten ist, heißt Remittent: er ist der Wechselnehmer oder
Wechselgläubiger.
_... Wir erwähnen noch, daß. Wechsel, die am Orte der Ausstellung
fällig sind: Platzwechsel, im Ausland fällige: Der1SEn. genannt
werden. mar - m di
Der Wechsel ist ein abstraktes Schuldversprechen. Dadurch, 4A
daß der Schuldner die Form des Wechsels wählt, erklärt er ausdrück- bundene Rechte
lich, daß er unter allen Umständen zur Zahlung verpflichtet bleibe, “*“ "%ichten.
Er begibt sich damit ausdrücklich des Rechts, Einwendungen gegen
die Verbindlichkeit des der Schuld zugrunde liegenden Geschäftes
zu machen, so daß dieses hierbei völlig außer Berücksichtigung bleiben
kann. Ein Beispiel dürfte diesen TInterschied leicht klar legen. Es
        <pb n="207" />
        L8S8

Erfordernisse
les Wechsels.

hat jemand zwei Pferde gekauft zu je 1000 M., er bezahlt sie nicht
bar, sondern übergibt dem Händler für das eine Pferd einen Wechsel
über 1000 M., für das andere einen einfachen Schuldschein, nicht in
Wechselform. Beide Pferde erweisen sich als von der Rotzkrankheit
befallen, wodurch der Handel für nichtig erklärt werden kann. Infolgedessen
 kann der Käufer den Schuldschein zu zahlen verweigern,
weil das der Schuld zugrunde liegende Geschäft nichtig ist, eine
Zahlungsverpflichtung für ihn also nicht vorliegt. Anders bei dem
Wechsel. Dadurch, daß der Käufer einen Wechsel ausstellte, begab
er sich de&amp;amp;-Rechtes der Einrede in betreif des Käufgeschäftes und
verpflichtete sich, unbedingt die 1000 M, zu zahlen. Er verfällt der
WEChHSEIstrenge, wenn er die Zahlung zum Fälligkeitstermin verweigert.
 Unbenommen bleibt ihm natürlich, nun auf Rückzahlung
der 1000 M. zu klagen, da er das Pferd zu nicht bezahlen nötig
hatte. Es ist deshalb von der höchsten Bedeutung, daß jeder, der
einen Wechsel ausstellt oder ihn mit unterschreibt, sich dessen bewußt
 ist, was für Verpflichtungen er damit übernimmt, und viel Unyzlück
 ist bereits über Leute gekommen, die aus Unkenntnis oder
Leichtsinn die Haftung für Wechsel übernahmen, ohne ihr gewachsen zu
sein. Die Form des Wechsels gewährt dem Gläubiger den Beistand
des Gerichts mit beschleunigter Exekution gegen den Schuldner, wie
es die Wechselstrenge verlangt, im Falle er seinen Verpflichtungen
nicht nachkommt.
Die Erfordernisse eines Wechsels sind die folgenden
1. Die Urkunde muß nach deutschem Recht das Wort „Wechsel“
ausdrücklich enthalten (nach englischem und französischem Wechselrecht
 nicht).
2. Die Angabe der zu zahlenden Summe, und zwar in Deutschland
 nur in Geld. .
3. Ort und Zeit der Ausstellung und der Zahlung. Die Zahlungsverpflichtung
 kann lauten a) auf einen bestimmten Tag, b) auf Sicht
(a vista) oder bestimmte Zeit nach Sicht, c) auf bestimmte Zeit nach
dem Tage der Ausstellung, (a dato), d) auf eine Messe.
4. Den Namen des Bezogenen, des Trassaten.
5. Den Namen des Remittenten, mit oder ohne den Zusatz „und
dessen Ordre“, und die Unterschrift des Trassanten.
6. Das Bekenntnis, den Wert empfangen zu haben (Valutabekenntnis),
 wird in Deutschland nicht von dem Gesetz verlangt, ist
aber allgemein üblich. wenngleich es mit dem Wechsel nichts zu
tun hat.
Beispiel einer Tratte:
Halle a. S., den 1. Juni 1914, Für 2000 M.
Am 1. August zahlen Sie gegen diesen Prima-Wechsel an die Ordre des
Herrn F. Schulze in Leipzig die Summe von
zweitausend Mark.
Den Wert erhalten und stellen ihn auf Rechnung laut Bericht.
Herrn Joh. Schmidt
in Berlin-M.

 Müller.

Müller ist hier der Trassant, oder bei unserem früheren Beispiel
der Wechsler in Venedig, der die 1000 Dukaten in Empfang genommen
hatte. Schmidt ist der Trassat oder der Sozius in Marseille. der die
        <pb n="208" />
        — 189 —

Summe anszahlen soll, er ist der Bezogene, Schulze dagegen, oder
der Kaufmann in Venedig, der die Summe einzahlte und den Wechsel
empfing, ist der Remittent oder der Wechselgläubiger, der die Summe
zu fordern und das Recht hat, den Wechsel auf einen anderen zu
indossieren,...also auf der Rückseite (in dorso) auf einen anderen zu
übertragen, wobei z. B. aufgeschrieben zu werden pflegt: für mich
an die Ördre der Leipziger Bank in Leipzig. Halle, den 10. Juni 1914
F. Schulze.
Auf diese Weise kann der Wechsel zu mehreren Zahlungen benutzt
 werden, und ist die Rückseite durch Indossierung vollständig verbraucht,
 so kann man einen Zettel (Allonge) daran kleben und auf
diesem die Uebertragungen fortsetzen. Bedeutsam ist, daß jeder Indossant
 neben dem Indossater voll haftbar bleibt, so daß der Wechsel
an Sicherheit gewinnt, je öfter er indossiert ist, weil damit eine größere
Zahl von Personen mit für die Zahlung haftbar sind. Infulgedessen
werden häufig Indossierungen allein zu dem Zwecke vorgenommen,
um die Sicherheit und damit die Umlaufsfähigkeit des Wechsels zu
erhöhen; und es ist eine besondere Art des Kreditgewährens, daß
Personen, resp. Banken den Wechsel auf sich indossieren lassen, um
Jamit den Wechsel für den Inhaber verkäuflich zu machen,
Der Bezogene oder Trassat ist erst dann zur Zahlung nach
Wechselrecht verpflichtet, wenn er schriftlich das Akzept auf den
Wechsel gesetzt hat, wodurch er dem Wechselvertrage beitritt und
seine Zahlungsverpflichtung durch seine Unterschrift, d. i. das Akzept,
anerkennt. Dieses Akzept spielt naturgemäß in dem Handelsyerkehre
sine sehr bedeutende Rolle, so daß vielfach Wechsel in der Voraussetzung,
 daß sie akzeptiert sind, einfach „Akzepte“ genannt werden,
Dadurch wird meistens der Wechsel erst diskontierbar, das heißt, die
Bank kauft ihn erst dann, wenn außer dem Trassanten und Remittenten
noch ein dritter, der Trassat, für die Zahlung haftet,
Verweigert der Trassat die Zahlung des Wechsels, so hat der
Wechselinhaber Protest aufnehmen zu lassen, d. h, durch Beurkundung
 den Beleg zu schaffen, daß der. Wechsel zur Zahlung ‚vorgelegt
Ind die Zahlung verweigert wurde. Auf Grund dieser Beurkundung
steht dann dem Wechselinhaber Regreß gegen sämtliche Indossanten
und den Trassanten zu, d. h. “Forderung auf Wechseisumme nebst
Zinsen, Kosten und Provision. Dabei kann er ohne Rücksicht auf die
Reihenfolge der Indossamente einzelne Verpflichtete herausgreifen,
die dann wieder gegen die früheren Indossanten Regreß zu nehmen
berechtigt sind. Bei Zahlungsverweigerung seitens der Verpflichteten
steht dem Gläubiger gerichtliche Unterstützung mit Wechselstrenge
zur Seite. Und wenn auch nicht mehr die Person des Schuldners für
haftbar erklärt ist, so kann doch das Gericht sich an die Besitzstücke
halten, die am leichtesten zur Deckung zu verwenden sind, und häufig
wird dem Schuldner der größte Nachteil dadurch zugefügt, daß ihm
Gegenstände abgepfändet werden, die für ihn von viel höherem Werte
sind, als bei der öffentlichen Versteigerung dafür zu erlangen ist.
Für die Verwendung des Wechsels im internationalen Verkehr ist
von grundlegender Bedeutung des auf der zweiten Haager Wechselrechts-Konferenz
 unterzeichnete Abkommen zur Vereinheitlichung des
Wechselrechts vom 23, Juli 1912 nebst der zugehörigen einheitlichen
Wechselordnung.

(ndossament.

Akzent.

Wechsel-Droatest.


Wechselstrenge.
        <pb n="209" />
        190 —

Volkswirtschaftliche

Wirkung.

Xncher.

Als für die Volkswirtschaft bedeutsame Eigentümlichkeit des
Wechsels ergeben sich nach dem Gesagten: 1. Der Wechsel ist ein
Schuldschein in bestimmter, einfacher Form, der dem Gläubiger außergewöhnliche
 Rechte zur Eintreibung seiner Schuld und weitgehende
Garantien einräumt, so daß der Inhaber in besonderer Weise gesichert
erscheint. Er eignet sich daher vorzüglich zum Kreditmittel und
ist besonders im kaufmännischen Verkehr bedeutsam, wo nur der
Dersonalkredit in Frage kommen kann, Verzögerung der Zahlung besondere
 Nachteile in sich schließt, und durch die Schnelligkeit und
Strenge des Exekutionsverfahrens die Kreditoperationen wesentlich
gestützt und geschützt werden. 2. Die Form der Tratte erleichtert
in außerordentlichem Maße Zahlungen in großer Entfernung und
in anderer Münze, deshalb besonders im internationalen Verkehr
Dazu macht die leichte Uebertragbarkeit den Wechsel geeignet zum
Zahlungsmittel, besonders für große Summen. Während früher, namentuch
 in England, der Wechsel auch im Inlande sehr allgemein als Zahlungsmittel
 verwendet wurde, hat er in dieser Beziehung in der neueren
Zeit wesentlich an Bedeutung verloren und ist ersetzt durch Noten,
Schecks, Postanweisungen und den Giroverkehr. Als internationales
Zahlungsmittel dagegen, hat er die außerordentlichste Verbreitung
erlangt, so daß man sagen kann, ohne ihn wäre der jetzige internationale
Handel in der vorliegenden Ausdehnung gar nicht möglich. 3. Neben
dieser Aufgabe als Zahlungsmittel, die ja allerdings auch auf einer
Kreditoperation basiert ist, dient nun der Wechsel vermöge der
charakterisierten Eigenschaften den Banken als Grundlage für die Gewährung
 von Darlehen in dem Diskonto- oder Eskompt- Geschäft.
Der Wechsel birgt aber für den Schuldner, wie schon angedeutet,
Gefahren in sich und ermöglicht mancherlei Mißbrauch. Die Wechselstrenge
 schließt große Härten für den Schuldner ein, der am Fälligkeits-;ermine
 zahlungsunfähig ist, und, wie bereits ausgeführt, sind weitzehende
 wirtschaftliche Schädigungen für ihn dabei unvermeidlich.
Der Inhaber eines Wechsels hat über den Schuldner dadurch ein gewaltiges
 Uebergewicht, das auch zu wucherischer Ausbeutung verwertet
 werden kann. Der Gläubiger richtet z. B. den Fälligkeits-;ermin
 so ein, daß er die Zahlung in dem Moment verlangen kann,
wo der Schuldner am wenigsten zahlungsfähig ist, um ihm dann die
weitgehendsten Konzessionen abzunötigen. Es ist bekannt, wie häufig
3auern infolge eines unbedeutenden Wechseldarlehens, z. B. behufs
Ankaufs von Vieh, um ihren ganzen Grundbesitz gekommen sind, weil
ihnen der Wechsel dann zur Einlösung präsentiert wurde, wenn, wie
der Gläubiger wußte, der Schuldner die Summe nicht zahlen konnte,
und die Prolongation des Wechsels nur gegen bedeutende Erhöhung
der Schuld gewährt wurde. Wie ebenso junge, unerfahrene Leute für
ein Darlehen von 1000 M. in Jahresfrist mitunter das Drei-, ja Fünffache
 und noch mehr zu zahlen haben, wenn sie sich bei Ausstellung
eines Wechsels mit 6 wöchentlichem Fälligkeitstermin fortdauernd
zahlungsunfähig erweisen, und sich mit unverhältnismäßigen Opfern
weitere Stundung erkaufen, um die Wechsel-Klage und Exekution
zu verhüten, die ihren Ruf und ihre Lebensstellung vernichten würde.
Man hat deshalb vielfach den Bauern, den Handwerker und den
Arbeiter, wie Unmündige für wechselunfähig erklären wollen, um vor
Mißbrauch zu schützen. In unserer Zeit der Kreditwirtschaft erscheint
 es richtiger, über die Natur und die Bedeutung des Wechsels
        <pb n="210" />
        *9L

in Landwirtschafts-, Industrie- und Fortbildungsschulen Belehrung
zu verbreiten, als dem Betreffenden dieses Mittel zu entziehen, sich
einen leichten und billigen Kredit zu verschaffen.
Der Mißbrauch des Wechsels findet außerdem in der sogenannten
Wechselreiterei statt, wenn Wechsel nicht ausgestellt werden auf
Grund wirklich erfolgter Geldleistungen, Warenlieferungen oder Dienste,
sondern wenn allein der Zweck maßgebend ist, durch Weitergabe von
Wechseln Mittel zu beschaffen, besonders wenn Akzeptant und Trassant
wechselseitig aufeinander ziehen und immer durch neue Wechsel
die alten decken. Durch umfangreiche Fortsetzung dieser Maßregeln
seitens einer Person, die noch eines unberechtigten Kredites genießt
oder den Kredit einer anderen mißbraucht, können erfahrungsgemäß
sehr bedeutende Summen verloren gehen, und Bankerotte von Geschäftsleuten
 und besonders Banken herbeigeführt werden.

Wechsel
reiterei.

&amp;amp; 57.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Wechsels.
Leugner, Der Wechsel in seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Berlin 1895.
Rich, Wille, Die volkswirtschaftliche Verwendung des Wechsels, 1907.
Siehe weitere Literatur zu 8 59.

Wie zur Zeit der Wechselmessen der Wechsel sich als notwendig
arwies, um die Gefahren und Kosten der Barsendungen und die
Umstände .des Geldwechselns zu ersparen, so in der Gegenwart, um
Zahlungen z. B. in überseeischen Ländern mit verschiedener Währung
 und Münze ohne Barsendungen zu vermitteln, und zwar hauptsächlich
 durch das Eintreten der Banken als Zahlungsvermittler,
wobei diejenigen natürlich den Vorrang behaupten, welche den größten
and verbreitetsten Kredit besitzen, deren Wechsel überall gern
yenommen werden, so daß diese als allgemeines Zahlungsmittel
dienen können. Darin lag bisher das unbedingte Uebergewicht Englands
 als Zahlungsplatz und der englischen Citybanken als internationaler
 Zahlungsvermittler, denen erst in neuerer Zeit Deutschijand
 und Frankreich sich mit Erfolg zu entziehen suchen, indem sie
Jurch eigene, große Banken mit Weltruf die Zahlungen direkt abzuwickeln
 streben. Aber noch für lange Zeit werden die englischen
Banken das Uebergewicht behalten und können für viele Zahlungen,
namentlich nach dem Orient, noch nicht entbehrt werden.
Das Verfahren pflegt das folgende zu sein: Ein Londoner Haus, das
Baumwolle aus New-Orleans bezogen hat und dafür dorthin 100000 M.
schuldet, zahlt diese nicht in bar nach New-Orleans, sondern der
dortige Lieferant zieht einen Wechsel auf das Londoner Haus, den
dieses akzeptiert, und beauftragt es darin, die Summe an ein Londoner
Bankhaus zu zahlen, mit dem er in Verbindung steht, oder an eine
Bank in New-Orleans, die den Wechsel auf eine Londoner Bank indossiert,
 deren Kunde sie ist. Dadurch, daß der Name der Londoner
Bank mit ‚auf dem Wechsel steht, wird dieser ein internationales
Zahlungsmittel. Die Bank in New-Orleans, die dem Kaufmann die
Summe auszahlte und dafür den Wechsel erhielt, gibt vielleicht auch
den Wechsel an ein anderes Haus, welches eine solche Summe für
eine Sendung Waren nach New-York zu entrichten hat. Derselbe
Wechsel wird event. noch zu einer weiteren Zahlung in Boston benutzt
 und geht dann nach London. um dort für Baumwollenstoffe an

[nternationales
Zahlungsmittel.
        <pb n="211" />
        ‚992

einen englischen Fabrikanten Zahlung zu leisten, der sich die Summe
daraufhin bei seinem Bankier gutschreiben läßt, Dieser zieht den
Wechsel ein und der Betrag findet schließlich in dem Clearinghouse
die Ausgleichung mit Forderungen der Bank des Wechselakzeptanten
gegen die einziehende Bank oder es erfolgt die Zahlung durch
Uebertragung in dem Girukonto. Es kann aber auch die Abmachung
zwischen dem Verkäufer in New-Orleans und dem Käufer in London
so geschehen, daß der Londoner Schuldner Tratten auf New-Orleans
oder New-York in Höhe von 100000 M, kauft und seinem Gläubiger
direkt als Rimessen, d. h. zur Deckung seiner Schuld schickt, ebenso
wie die Tratte von New-Orleans auf London mehrfach als Rimesse
diente. Auf solche Weise werden mit demselben Wechsel verschiedene
 Zahlungen an entlegenen Orten getilgt, und Forderungen und
Gegenforderungen gleichen sich im internationalen Wechselverkehre
ebenso aus, wie wir es bei dem Scheckverkehre beobachtet haben.
An Stelle der Barzahlung findet die Wechselzahlung statt und die
Konzentrierung derselben auf einzelne Banken und schließlich auf
jas Girokonto einer Zentralbank. Wie im Mittelalter auf den Wechselmessen
 die, Zahlungsbriefe zusanimehströmten und dort von denen
%Ezogen wurden, die sie zur Zahlung brauchten, so sind ‚es...in.der,
Gegenwart. die großen Börsenplätze, an denen. ‚alle, Arten...von im
Xxüslande fälligen Wechseln zur Verfügung gestellt und gekauft werden.
Die Vermittler pflegen dabei die kleineren Banken zu sein. Sie treten
außerdem ein, um die internationalen Zahlungen zu erleichtern, wenn
entsprechende Wechsel nicht vorhanden sind. Genau so wie im
Mittelalter der Geldwechsler auf seinen Socius an einem anderen
Orte einen Zahlungsauftrag ausstellte, so geschieht es auch heute,
daß Banken auf ihre Geschäftsfreunde im Interesse ihres Kunden
einen Wechsel ziehen, um für ihn die Zahlung im Ausland zu leisten,
während es bei Gelegenheit ebenso umgekehrt geschieht. Andererseits
 gestatten die Kaufleute dem Verkäufer in einem überseeischen
Orte, sagen wir für Lieferung von Baumwolle, einen Wechsel auf
sie zu ziehen. Der Wechsel wird an die Bank des Verkäufers übertragen,
 die ihn dann ihrerseits als Zahlungsmittel für das Ausland
verwenden kann.
In dieser Weise wird bei weitem der größte Teil der internationalen
 Zahlungen durch Wechsel vollzogen und an den Zentralpunkten,
wie gezeigt, zur Ausgleichung und Abrechnung gebracht. In neuerer
Zeit macht der Scheck dem Wechsel als Zahlungsmittel wachsende
Konkurrenz. Endlich kommt die sog. Auszahlung in Betracht.
Diese ist eine Anweisung, bei einer bestimmten Bank eine bestimmte
Summe zu erheben. Der Verkäufer der Auszahlung weist seinen
Korrespondenten, jene ausländische Bank, gegebenenfalls telegraphisch
an, so daß Zeit gespart wird, aber auch Zinsverluste und Stempelkosten
 nicht entstehen. |
Als Kreditmittel spielt der Wechsel, wie wir sahen, auch in dem
internationalen Handel eine große Rolle, aber weit mehr im Inlande
selbst, hauptsächlich wiederum durch Vermittlung der Banken. Wer
Wechsel diskontiert, braucht in der Regel nicht Kapital, das hat er
in Form von Wechseln in der Hand, sondern er braucht Geld zur
Befriedigung eines unmittelbaren Zahlungsbedürfnisses.
Der Kauf und Verkauf im Großverkehre geschieht heutigen
Tages zum größten Teil auf Kredit, wie bereits oben auseinander-
        <pb n="212" />
        193 —

gesetzt. Der Kaufmann bezieht Waren von Fabrikanten, die er nur
zum kleinsten Teile bar bezahlt, den größten läßt er sich kreditieren,
auf 6 Wochen, ein Viertel-, ein halbes Jahr. Er rechnet darauf, in
dieser Zeit die Ware zum größten Teil wieder verkauft und das Geld
dafür erlangt zu haben, um es dann zurückzahlen zu können. Der
Fabrikant kann solange aber nicht auf das Geld verzichten. Er läßt
sich deshalb entweder einen Eigenwechsel ausstellen, in dem der
Käufer sich nach Ablauf der Stundungsfrist zur Zahlung verpflichtet,
oder er zieht auf den Käufer einen. Wechsel, .und dieser.erklärt.durch
AKzept sich zur Zahlung bereit. In beiden Fällen wird die Bank
Herangezogen, um dem Fabrikanten das nötige Geld vorzuschießen.
Der Eigenwechsel wird auf sie indossiert, und der Fabrikant erhält
nach Abzug des Zinses bis zum Verfallstermine, Diskont genannt,
las Geld vorgeschossen. Oder der Käufer ist durch die Tratte anyewiesen,
 die Summe an die Bank zu zahlen, und diese zahlt den
Betrag sofort an den Fabrikanten aus und zieht ihn zur Verfallszeit
von dem Käufer ein. Auch sonst läßt sich der Lieferant durch einen
Wechsel befriedigen, den er seiner Bank verkauft, den er, wie der
technische Ausdruck lautet, von der Bank diskontieren läßt.
Dieses Kreditgewähren auf Wechsel ist heutigen Tages das hauptsächlichste
 Geschäft der Banken und heißt das Diskonto- oder
Eskomptgeschäft.
Man rechnet, daß in Deutschland im Jahre gegen 40 Milliarden M.
in Wechseln in den Verkehr treten, und in jedem Momente gegen
8 Milliarden sich in Umlauf befinden. Die Reichsbank hatte im Jahre
1899: 4734000, 1906: 5220119, 1913: 5575000 Stück Wechsel anyekauft
 und zur Einziehung übernommen, in einem Betrage von
1899: 9,3, 1906: 10,66, 1913: 12,70 Milliarden M. Der durchschnittliche
 Bestand war im ersten Jahre 817, 1906 989 Millionen und
schwankte 1906 zwischen 774 Millionen am 15. Februar und 1396
Millionen am letzten September desselben Jahres. Es sind dies die
Momente im Jahre, wo fast stets die extremsten Zahlen zu finden sind.
(Siehe die Tabelle auf Seite 195.)

Diskontogeschäft.


8 58.
Der Wechseldiskont.
V. Sivere, Beitrag zur Geschichte und "Theorie des Diskontes. Jahrbücher f.
Nationalökonomie 1872, Bd. XIX.
RK. Maync, Der Diskont. Jena 1899.
Jul. Landmann, System der Diskontopolitik. Leipzig 1900.
Obst, Wechsel- und Scheckkunde. 4. Aufl. Leipzig 1911,
Schwarz, Diskontpolitik. Leipzig 1911.

Diskont (engl. discount, ital. sconto) bedeutet den Abzug von Prozentet:
 des Nennwertes einer zu zahlenden Geldsumme und wird besonüers
 angewendet auf den Abzug, den die Bank beim Ankauf des
Wechsels für den Zins bis zum Fälligkeitstermin macht. Er bildet
den Profit jenes erwähnten ausgedehnten Bankgeschäftes des Diskontierens
 von Wechseln. Bankdiskont oder Bankrate ist der von
der Zentralnotenbank veröffentlichte Zins, zu dem diese wichtigste
Diskontstelle Wechsel kauft. Der Privatdiskont der Börse, der in der
Regel niedriger ist, betrifft besonders qualifizierte nach Sicherheit,
Zahlungsort, Zahlungszeit und Betrag erstklassige Wechsel. Verschieden
Conrad. Grundriß der palit. Oekonamie. I. Teil. 8 Anufß. 2
        <pb n="213" />
        Diskontpolitik.


Der Wechselumlauf in Deutschland.*)
Betrag d. in Deutschland Durchschnittl. Durchschn. Umlauf
in Umlauf ges. Wechsel Wechselumlauf pro Kopf der Bevölk.
Mill. M. Mill. M. M.
„2198 3050 AR
‚3 206 3382 7
i4 020 3590
;:4 606 3741
4 284 3658
4 585 3735
14 748 3777
15241 3908
16386 41196
17529 1489
19374 1962
20.937 5362
23 804 5968
22.966 3882
21 505 5508
22 268 5703
23 201 5942
25 507 6532
28 062 7187
30 766 1879
30114 7712
29812 1577
31.005 7838
32 555 3184
34 045 8511
34 366 8591

‚888
‚889
‚890
891
892
893
‚894
895
896
897
898
899
900
901
‚902
903
904
905
906
1907
1908
1909
1910
1911
1912
1913

MW

lavon ist endlich der Privatdiskont der Banken, zu dem diese in
Wettbewerb mit der Reichsbank Wechsel kaufen.
Die Höhe des Diskonts ist für die Geschäftswelt natürlich von
zroßer Bedeutung. Bei einem niedrigen wird der Kaufmann anyeregt,
 sich Gelder von der Bank vorschießen zu lassen, um erweijerte
 Handelsgeschäfte zu machen. Bei einem hohen Diskont wird
ihm dieses erschwert, weil er von seinem Gewinn einen größeren Teil
für das Darlehen abgeben muß, wodurch ihm derselbe ev. übermäßig
vermindert wird. Auf der anderen Seite ist die Diskontopolitik für
die großen Banken das wichtigste Mittel, ihren Baryorrat zu regulieren
 und die Geschäftstätigkeit im Lande entsprechend zu beein-Aussen.
 Werden an die Bank zu große Anforderungen an Barzahlungen
 gemacht, werden ihr zu viel Barmittel entzogen, so daß
ihr Metallvorrat im Vergleiche zu den aufgehäuften Wechseln oder
den zirkulierenden Noten zu klein wird, so erhöht sie den Diskont
und übt damit einen Druck auf die Nachfrage aus, Vielfach ist es
hamentlich in den letzten Dezennien vorgekommen, daß die großen
Zentralbanken den Diskont in die Höhe setzten, weil man begann,
Gold in das Ausland abzuführen, und die Bank dieses durch eine
Verteuerung der Abgabe von Gold erschweren wollte, Auf der anderen
Seite setzten die Banken den Diskont herunter, wenn sich bei ihnen
zu viel Barmittel aufspeichern, die daselbst tot liegen. Sie suchen
durch einen niedrigen Zins den Verkehr zu ermutigen, größere Summen
zur Spekulation zu verwenden, während sie sich mitunter veranlaßt
sehen, wenn die Wogen der Spekulation zu hoch gehen, und man
fürchtet, daß dieses zu einer wirtschaftlichen Krisis führen könne,
1) Jahrb. f£. Nationalök. 1913, Chronik S, 1050.
        <pb n="214" />
        — 195 —

die Diskonterhöhung als Warnungszeichen aufzustecken. Man machte
der Wiener Nationalbank 1873 einen schweren Vorwurf daraus, daß
sie nicht schon im Beginne des Jahres den Diskont in die Höhe gesetzt
 hatte, um der übermäßigen Spekulation entgegenzutreten. Der
falschen Diskontpolitik der französischen Bank wird die Hauptschuld
an der Entwicklung des Bontout-Schwindels zugeschrieben. 1879
schwankte das Wechselportefeuille derselben zwischen 400 und 800
Mill. Frks., 1880/81 hob es ‚sich auf 1000 bis 1200, am 9. Febr. 1882
sogar auf 1700 Mill. Gleichwohl wurde nur im Okt. 1880 die Rate
von 2*/, auf 3*/, °/% erhöht und blieb so bis Ende Aug. 1881 erhalten.
Ueberhaupt gehen die Banken nur ausnahmsweise selbständig in
dieser Beziehung vor und bilden das leitende Agens, indem sie willkürlich
 den Diskontsatz verändern. In den meisten Fällen werden
sie durch die allgemeinen Konjunkturen geschoben, und der Diskont
ergibt sich aus dem Konkurrenzkampfe auf dem Weltmarkte.
Die Höhe des Diskonts richtet sich im allgemeinen nach dem
A RE DE DE “und Nachfrage nach flüssigen Kapitalien,
Wir sahen Oben, daß die Banken in dem Depositenverkehre die
Gelder aufnehmen, welche aus dem laufenden Geschäftsbetriebe
stammen und eine vorübergehende Anlage suchen, und daß ebenso
die Banken durch das Diskontieren von Wechseln ihren Kunden für
den laufenden Betrieb Vorschüsse machen. Bei dem Kaufmann, bei
dem Fabrikanten und dem Landwirte erstreckt sich der Verkehr mit
der Bank nur auf Anlage laufender Geschäftsgelder und auf Heranziehung
 derselben bei vorliegendem Bedarf. Es ist die in der Produktion
 tätige Kapitalmasse, welche in. die Bank hinein- und wieder
aus ihr hinausfließt, sie ist es deshalb auch, welche bei der Bestimmung
 des Diskonts in Frage kommt. Liegen in der Geschäftswelt
 viele Kapitalien unbenutzt brach, die deshalb der Bank zuströmen,
 ist demgegenüber die Nachfrage nach kurzen Darlehen gering;
3o werden sich bedeutendere Summen bei den Banken aufhäufen,
and der Diskont muß sinken. Wenn dagegen umgekehrt der Bedarf
an Kapitalien zur Erweiterung der Produktion und zur Stützung der
kaufmännischen Spekulation ein großer ist, so wird dieses den Diskont
 in die Höhe treiben. Ein hoher Diskont wird deshalb häufig
die Folge eines wirtschaftlichen Aufschwungs sein, wie das gerade
1899 und 1900, dann 1906—07 in ausgedehntem Maße der Fall war.
Ende des ‚Jahres 1899 berechnete die deutsche Reichsbank 7%, die
Bank von England über 5°%, 1906 sogar 6°), was die erstere überhaupt
 noch nicht, die letztere seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte.
Die Ursache war nur, daß die gesamte Produktion einen außergewöhnlichen
 Aufschwung genommen hatte und ganz besonders in
Deutschland die vorhandenen Mittel nicht ausreichten, den Bedarf
zu befriedigen. Der hohe Diskont ist hier nur ein erfreuliches Zeichen
zewesen. Das ist aber keineswegs immer. der Fall. Abgesehen von
dem letzterwWähnten Jahre war der höchste Diskont bei dem Ausbruch
 der Kriege von 1866 und 1870 dagewesen, dann nach dem
Wiener Krach 1873, bei dem Ausbruch der großen wirtschaftlichen
Krisis. In solchen Zeiten bleiben eine Menge Zahlungen aus, auf
welche die Geschäftswelt gerechnet hatte; es wird schwierig, den
laufenden Anforderungen zu genügen, die Nachfrage nach Darlehen
steigt in außerordentlicher Weise, während wenig Gelder zur Verfügung
 sind und nur sparsam den Banken zufließen. Je mehr außer-|
 Qi

ET der
Diskonthöhe.
        <pb n="215" />
        196

Diskont und
‘‚andeszinsfuß.

Statistik.

dem der Kredit erschüttert ist und damit ein jeder sein Geld zurückbehält
 und keiner dem Anderen traut, um so höher muß der Zins
im Bankverkehr steigen und nicht nur bei den großen Zentralbanken,
sondern auch bei dem kleinen Bankier und an der Börse, wie man
sich ausdrückt, auf dem Markte. Hier sind es also ungünstige Verhältnisse,
 welche eine Erhöhung des, Diskonts herbeiführen.
In der gleichen Weise kann ein niedriger Diskont aus sehr verschiedenen
 wirtschaftlichen Zuständen hervorgegangen sein. Bei einer
allgemeinen Krschlaffung des Geschäftslebens, wie es Anfang der
neunziger Jahre bestand, wird wenig Geld gebraucht. Es staut sich
in den Banken im Übermaße an, der Zins muß zurückgehen. Der
niedrige Diskont ist hier das Zeichen einer schleichenden wirtschaftlichen
 Krisis gewesen. Er findet sich aber auch bei sehr günstigen
Verhältnissen, wenn er nur der Ausfluß eines außerordentlichen Wohlstandes
 ist, so daß trotz sehr animierter Tätigkeit immer noch reichlich
 Gelder flüssig bleiben. Aus diesem Grunde ist der Diskont in
England im großen ganzen niedriger als in Deutschland, hier niedriger
als in Rußland,
Die Höhe des Diskonts kann wesentlich von dem allgemeinen
Landeszinsfuße abweichen, der letztere ist sehr viel stetiger, der
erstere sehr viel größeren Schwankungen unterworfen. Während der
Landeszinsfuß in Deutschland etwa 4%, beträgt, vor 30 Jahren dayegen
 noch 5° war, ist der Diskont im letzten Dezennium zwischen
L!/„, und 6% hin und her gependelt. Auch am Ende des Jahres
1899, wo der Diskont der Reichsbank auf 7 stieg, wurde der Landeszinsfuß
 nur wenig davon berührt und hat sich von dem bisherigen
Satze erst 1906 erheblicher entfernt. Diese Verschiedenheit ist
darauf zurückzuführen, daß es sich bei der Feststellung des Landeszinsfußes
 um ganz andere Kapitalien und um andere Kapitalisten
handelt, als diejenigen sind, die wir für den Diskont als maßgebend
arkannten. Hier kam die Geschäftswelt in Betracht mit ihrem flüssigen
Betriebskapital. Den Landeszinsfuß beeinflussen dagegen die Leute,
welche nicht wie jene eine vorübergehende Anlage suchen, sondern
ihre Gelder dauernd festlegen wollen. Jene verwenden ihre Gelder
selbst, diese wollen sie Anderen zur Verwertung überlassen. Es sind
die Rentiers, die dabei in Frage kommen, die nur den Zins zu beziehen
 wünschen, indem sie ihre Kapitalien dem Staate und den Gemeinden
 zur Verfügung stellen, Grund- und Hausbesitzern Hypothekendarlehen
 gewähren usw., und der Bedarf an solchen dauernden
Darlehen ist es, der jenem Angebot gegenübersteht, der den Hypothekenzins
 und den Kurs sicherer Staatspapiere bedingt usw. Hier
findet nur langsam ein Wechsel statt, die Veränderungen gehen in
einem Dezennium selten über ein Viertelprozent hinaus; ganz anders
bei dem Diskont, bedingt durch die Verhältnisse der flüssigen Kapitalien,
 wo außerordentlich leicht sich durch die allgemeinen wirtschaftlichen
 Konjunkturen ein Mangel, nach kurzer Zeit wieder ein Ueberfluß
 herausstellen kann, und der Diskont daher den größten Schwankungen
 unterworfen ist. |
Die folgende Tabelle gibt eine Uebersicht über die Entwicklung
des Diskonts in den letzten Jehren an den hauptsächlich in Betracht
kommenden Orten:
        <pb n="216" />
        197

Die Schwankungen des Bankdiskonts,

1871/1876 we 1891—05 | 1896 / 1897
Aa a nm {DI n In |D. | nm.

London
Paris
Berlin
Wien |
Petersburg

5312,88 3,3 3,6 26715 2 2%2|4 2,64 4,0 12,0
‚78|2,6 ‚332|3.02|245|3 ı|2 |2  )2 %  |Y 2
„46 |4,06 |43 |3/74 | 3.4415 13 32% |5 |3 1881|5 138
5,18 | 4,35 | 4,06 | 4,24 14/1915 [4 AU 14, |4 14° |4 la
16,18|6,03 6 1|5,5 |55316,5 |4,5 |6% |6' |6 16 |6 16

1898

1899

1900

1901

D,

h. m.

D.

N,

Na

VD.
h.

nn.

U,

nR.

N.

London 3,25) 4 2% 83,7
Paris ; 2,201 ? 9 200 |
Berlin 4,27) F &amp;amp; 7
Wien 42 |  |a | 5 | b AN
Petersburg [5,57 6 |55 | 5561| ı

3,96 1 6
3,25 | 4,5
5,38) KA
458 5.
55 1 55617

3,25 ‚3
5 3 3
410/15 35
4.10 | 4! 4
„55,9 5.16 5% 5

19092

1908

1904

1905

DD.

RB.

n.

D.

h.

D.

D.

n.

D. ln

N.

London 3383| 4 13 |
Paris 3 8 18 |
Berlin 3,32| 4 [3
Wien 3,55| 4 13,5
Petersburg 1|456] 5 | 45

3,75/4 [3 '38,30|4 |3 |3801|/4 |2%
8 |3 |8 !8 |3 |3 |8 |3 1/3
3,844 |35|422/5 |4 |382/6 |3
3850| 3,5 | 35 | 250 3,5 | 3,5 | 370| 41% |31%4
45045 145 1538/55 145 15647” 55

1908

| 1907 | 1908 ! 1909

D. |

h.

N.

D.

m

N.

D. | n. '

N.

D. '

3. | m.

« ‘ }
London 14,27, 6 3,50 | 4,93 7 4 3,01 7,00
Caris 3200| 3 2 846 ‘ 3 3,04 | 4
Berlin 5,15 | 7 45 1603| 7,9 | 5,5 | 4,76| ”
Wien 4,33 | 4,5 | 4 4%0| 6 41 | 4,38 | Ah
Petersburg | 7271 8 6,5 | 7123175 17 5.99 | Zoo

957

2.10! 5,00 | 2,50
3 13
98 | 5,00 18,50
4 |4 |a
499| 55 145

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1910 '

1911

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London 3,72 | 5 ß
Paris 3 8 °
Berlin 4,35 | 5
Wien 4.19 5 &amp;amp;
Petersburg |45 | 45 | 45

5 en

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2

3,77) 5 3 477 5 '45
338 4 3 4 | 4 4
495 6 45 |588| 6 3
5,15 6 (3 | 306 6 155
5 | 614516 | 6 56

13

3)

ı Durchschnitt. 2?) höchster. ®) niedrioster.
        <pb n="217" />
        98

Unter der Diskontierung von Buchforderungen versteht
 man die Abtretung von buchmäßig nachzuweisenden offenen
Warenforderungen an eine Bank gegen flüssige Mittel, die diese gewährt.
 Diese Beleihung von Buchaußenständen wird in Oesterreich,
Frankreich und Amerika seit längerer Zeit, in Deutschland erst seit
kurzem und auch nicht in großer Ausdehnung betrieben. Die Diskontierung
 von Buchforderungen wird in sehr verschiedener Weise
ausgeübt und begegnet teilweise erheblichen Bedenken.

859.
Die internationale Zahlungsbilanz
und der Wechselkurs.

+. J. Goschen, Theorie der auswärtigen Wechselkurse. Frankfurt 1875.
Schraut, Die Lehre von den auswärtigen Wechselkursen. Berlin 1881.
Seyd, Bullion and foreign exchanges. London 1873.
Arendt, Die internationale Zahlungsbilanz. Berlin 1878.’
; Abe CE, Zur Lehre von der internationalen Zahlungsbilanz. Heidelerg
 , \
‚Heiligenstadt, Beiträge zur Lehre von den auswärtigen Wechselkursen. Jahrb.
F. Nationalökonomie 1892, BA. IV, V und VI
Sonndorfer, Die Technik des Welthandels. Wien 1889.
Fr. Koch, Der Londoner Geldverkehr. Münster 1905,
Grunzel, Der internationale Wirtschaftsverkehr und seine Bilanz. Leipzig 1895,
Sartorius v. Waltershausen, Das volkswirtschaftliche System der Kapitalanlage
im Auslande. Berlin 1907,
J. Wolf, Das internationale Zahlungswesen, Leipzig 1913.
Bei den gewaltigen Summen, welche in dem internationalen Handel
durch den Import eines Landes an das liefernde Land zu zahlen und
bei dem Export von dem exportierenden zu fordern sind, können
sich beide gegenüberstehende Ziffern nicht immer vollständig ausgleichen,
 und ebenso. kann es bei dem Gesamtaußenhandel eines
Landes vorkommen, daß dasselbe für größere Werte Waren bezogen,
als ausgeführt hat und ebenso umgekehrt, und sich somit ein Defizit
der ein Ueberschuß bei der internationalen Zahlungsbilanz eines
Landes herausstellt. Es ist nun eine wichtige Frage, von welcher
Bedeutung derartige Ergebnisse für den Volkswohlstand sind, welch
einen Einfluß sie auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes
ausüben, auf welche Weise solche Differenzen ausgeglichen werden.
Und da in letzterer Hinsicht der Wechsel eine erhebliche Rolle spielt,
müssen wir hier näher darauf eingehen. |
Wie ein Privatmann, so kann auch ein Land mehr ausgeben, als
8s produziert und an das Ausland verkauft, wodurch es genötigt ist,
auf Kosten des Vermögensstandes durch Ausfuhr von Edelmetall oder
durch Kontrahierung von Schulden im Auslande die Differenz zu begleichen.
 Diese Möglichkeit ist von der Adam Smithschen Schule
unterschätzt. Nicht richtig ist es aber, eine jede Differenz zwischen
jer Aus- und Einfuhr eines Landes als einen. solchen Verschuldungsder,
 wie man es auch bezeichnet hat, Verblutungsprozeß anzusehen.
ae Die merkantilistische Richtung des 17, und 18. Jahrhunderts
4andelsbilanz. hatte bekanntlich die Auffassung, daß eine günstige Handelsbilanz,
d.h. eine solche, bei der die Ausfuhr größer als die Einfuhr ist, den
Wohlstand des Landes am besten zu fördern imstande sei, in der
Voraussetzung, daß dadurch das Ausland zur Barzahlung genötigt sei,
und der Gold- und Silbervorrat im Lande dadurch vesteigert werde.
        <pb n="218" />
        1nCc

während die umgekehrte Erscheinung, eine ungünstige Handelsbilanz,
zur Verarmung des Landes führen müsse. Auch noch in der Gegenwart
 ist namentlich. in unseren landwirtschaftlichen Kreisen diese
gleiche Auffassung vertreten. Im Jahre 1879 ist von seiten des Reichskanzlers
 von Bismarck und seiner Vertreter die neu inaugurierte
Schutzzollpolitik mit dem Hinweis auf die ungünstige Handelsbilanz
Deutschlands verteidigt. Hierauf ist vor allem zu betonen, daß wir
die tatsächlichen Bilanzverhältnisse des internationalen Handels genauer
 nicht kennen, und unsere Statistik nicht ausreicht, um hierüber
klaren Aufschluß zu geben; vielmehr erscheint nach unseren internationalen
 Aufstellungen stets der Wert der Ausfuhr zu klein, und
daher die Unterbilanz größer, als sie in Wirklichkeit ist. Dies ist
dadurch gegeben, daß der Wert sowohl der ein- wie ausgeführten
Waren nach den inländischen Preisen festgesetzt wird. Die Zahlen
entsprechen deshalb zwar bei der Einfuhr annähernd den tatsächlich
dafür zu erlangenden Summen. Anders bei der Ausfuhrstatistik, einmal
 weil dieselbe in früheren Zeiten allgemein und auch jetzt noch
in vielen Ländern weit unvollständiger ist als die Einfuhrstatistik,
da die Zollbehörden die Registrierung ausüben und nur die verzollbaren
 Gegenstände mit größerer Genauigkeit verfolgen. Abgesehen
davon aber erscheint der Wert der Ausfuhr zu gering, weil die Inlandspreise
 natürlich weit niedriger sind, als die im Auslande zu erwartenden.
 Der Kaufmann kann nur unter der Voraussetzung exXportieren,
 daß er vom Auslande einen so viel höheren Preis erhält,
daß dadurch die Transportkosten, die Risikoprämie und ein erheblicher
 kaufmännischer Gewinn gedeckt werden.‘ Wird daher, wie
noch jetzt in den hauptsächlichsten Ländern, der Wert der Ausfuhr
einfach nach den Inlandpreisen berechnet, so wird er gegenüber den
tatsächlichen Verhältnissen ohne weiteres um 12—15°,, ja vielleicht,
wenn das exportierende Land den Transport selbst besorgt, noch um
mehr zu niedrig angeseizt. Nach der Statistik scheint hier eine
Unterbilanz vorhanden zu sein, welche tatsächlich nicht vorliegt.
Es verschwand die deutsche Unterbilanz, die noch im Jahre 1879
im Betrage von ca. einer Milliarde herausgerechnet war, schon als
in den folgenden Jahren der Wert durch ein zweckmäßigeres Verfahren
 genauer festgestellt wurde, und sie wäre schon vorher nicht
gefunden, wenn man, wie es der damalige Direktor des preußischen
statistischen Bureaus Engel allerdings willkürlich vorschlug, einen
Aufschlag für Transportkosten und Geschäftsgewinn bei den ausgeführten
 Waren hinzugerechnet hätte. Die durch die Statistik in
vielen Ländern herausgerechnete Unterbilanz ist deshalb nur eine
rechnerische und gibt keinen ausreichenden Anhalt zur Beurteilung
der tatsächlichen Handelsbilanz. Dies tritt am deutlichsten hervor,
wenn man die Einfuhr aus einem Lande in ein anderes nach der
Ausfuhrstatistik des ersten und nach der Einfuhrstatistik des zweiten
Landes betrachtet.
‚ Aber wenn auch faktisch sich eine ungünstige Handelsbilanz für
ein Land ergibt, so ist damit nicht gesagt, daß darunter der Wohlstand
 leiden muß. Dafür gibt schon die Tatsache den Beleg, daß
gerade die reichsten Länder, wie England, Frankreich, Deutschland,
die ungünstigste Bilanz aufzuweisen haben, und trotzdem der Wohlstand
 in klar zutage tretender Weise in den letzten Dezennien
sich enorm gehoben hat.

Offizielle
Statistik.
        <pb n="219" />
        — 200 —

Zahlungs . Die Statistik zeigt ferner, daß diese Länder noch fortdauernd
” mehr Edelmetall ein- als ausführen. Wie aus der untenstehenden
Tabelle hervorgeht, führte das britische Reich 1905 und 1906 für
220 Mill. M. mehr Edelmetalle ein als aus, Deutschland sogar in derselben
 Zeit ca. 500 Mill. M. Hieraus ergibt sich, daß ein großer Unterschied
 zwischen der Handelsbilanz, welche das Verhältnis des
Wertes. der Aus- und Einfuhr an Waren angibt, und der Zahlungsbilanz
 besteht, welche die Ausgleichung der Schuldforderung
zwischen dem In- und Auslande und den aus dem internationalen
Verkehr bleibenden Saldo bedeutet, der durch Barzahlung zu begleichen
 wäre, Wir haben deshalb in dem Folgenden zu untersuchen,
wodurch die Differenz in der Handelsbilanz ausgeglichen werden
kann, um die Zahlungsbilanz zu einer normalen zu gestalten.

Der Handel mi‘ Edelmetall betrug:

im britischen Reich 1)

im Deutschen Reiche

Frankreich

Verein. Staaten

Jahr Einfuhr
1900 39,5 81,9
1905 38,57% 30,81) #
‘911 48,594 40,101 2% 2,
312 52,689 46,538 # ® :
913 59.633 1087 # ” ;
‘895 125,4 , 5,2 Mill. Mark
1898 359,0 354,0
301 290,4 81,2
902 138,9 106,J
1903 280,7 91,6
1904 454,0 62.”
905 307,4 1107
1906 416,7 119
1907 257,0 250
1908 413,0 88.
L909 333,5 264,5
1910 375,92) 169,5
911 3013 “183
1912 325,7 437 .
1913 436,4 1014 er
1911!) 264,563 39,446 © Franks
1912% 255,151 35,566 » »
1913 564,748 74,888 » »”
1905 50,2 468 * Dollar
1906 96.2 36,6 er
1907 114,5 51,4 rn
1908 148,3 72.4 .

Ausfuhr
Mill. Pfad. Sterl.

x

n

Die folgende kleine Tabelle gibt eine statistische Uebersicht
über den auswärtigen Handel verschiedener Länder und bietet den
Beleg für das Gesagte.
England, Frankreich und Deutschland führen in erster Linie
deshalb mehr Waren ein als aus, weil sie große Kapitalien im Aus-Jand
 stehen haben, für welche sie alljährlich bedeutende Summen an
Zinsen beziehen, die ihnen in Form von Waren gezahlt werden.
Dazu kommen für England und Deutschland Forderungen an Frachtbeträgen
 für Seetransporte, an Versicherungsprämien und Bankprovisionen,
 die in Waren gezahlt werden. Endlich bedeutet die

1) Allein Gold. |
2) Stat. Jahrb. des Deutschen Reichs Gold allein 1913 Einfuhr 372,146, Ausfuhr
 61.032. Jahrb. f. Nat.-ök. Chronik 1914, S. 1046.
        <pb n="220" />
        201 —

Statistik der Handelsbilanz:

(820
1840
1850 |
1860
1870
1880
890
1895

1896
1897
1898
1899
1900
‚901
‚902
‚008
‚9004
‚905
‚906
1907
‚908
1909
‘910
1911
1912
1918

Das britische
Reich
Einfahr
 Ausfuhr
in Mill. Pfd. St.

32,5
675
100,5
210,5
2088

48,9
1165
19738
164,5
244,1 (1869)
286,4
328,2
2858

As
a
A

7877,3) 19062
7989,7/ 4785,1
38706 47675
3567,9| 5395,6
3381,8| 5 940,3
9264,6| 5712,4
34362| 5 781,9
3649,7 59823
3806,0| 5 134,5
99397) 6 728,3
‚0664,8| 7661,7
1.298,9/ 36911
)471,9| 76929
:)880,5/ 7714,9
17197 37799
1778,9| 32640
‚2911/2! 99393
107194

Frank- +}; Oesterreichreich
 Ungarn
Aus- | Ein- | Einfuhr
 | fuhr | fuhr | Ausfuhr
in Mill. Frks. in Mill. Gulden

747 695
791 1068
1897 2277
3153 3075
5033 3468
4436 |3753
3720 | 3374

613,5 | 676,0 (1888)
610.7 | 771.4
7225| 7418
Millinnan Mark

|

in

3.076,9
3 204,4
3 758,0
3614,6!
37582
3495,4
3515,2
3841,0
3601,9
\823,1
1501,8
„978,4 '
512,4
1996.9
5 788,7
34527
3 584,6
5.8067:

2 754,7
29144
2.8087
3 3221
32870
3 210,3
34017
2 401,8
2 560,8
28985
1218.4
14769
1040,6
15744
49870
48615
53701
BACH

1.199,2
1283,9
1398,7
13675
1441’9
140477
1 4623
15955
1.7407
18245
1.990.0
2.1267
2 038,4
23344
24249
2770
de
3885.

1315,8
“802,6
1373,0
| 582,4
| 650,7
| 602,6
626,6
810,3
775,4
907,2
028,1
"088,7
917,0
1971,0
1055,8
10438,7
2 262,6
2 348.6

Deutschland

Ein- | Ausfahr
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. Amerikan.
Union
Ein- | Ausfuhr
 | fuhr
in Mill. M.?)

2819
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io

4307,2} 3525,113190,7 3 625,4
4.680,7 3 635°0] 3314,“ 43344
5080,6| 3756,61 2466,0 50832
5483,1/ 4207028789 40565
5 .765,6| 1611,4134885 57572
5421,2| 4431,413 392€ 6183,9
5631,0' 4677818 779,1 5 693,0
3.002,7 5.014,6| 4 233,4 5 847,4
6354,3| 5222,814123,% 30278
71288 5731,6| 4 565, 3265,83
3021,9| 33590150964 72154
3 746,7 @ 845,91 5 0447 7 785,6
7 664,0} 63986 4 907,1 7 706,1
8526,9| 6594," 54065 68811
8934/1| 7474“ 5497,9 71824
9 705,7! 8106,1 62641 84569
10691.9! 8956,8° 3 800,9 | 91153
10770... 0097.91 7 457.5 101997

Warenausfuhr teilweise eine Kapitalausfuhr. Die Gegenleistung z. B.
für Schienen, Lokomotiven, Elektrizitätseinrichtungen bleibt im Aus-‚and
 als Guthaben stehen und erscheint als Forderung in der
Zahlungsbilanz überhaupt nicht. Gegenwärtig müssen Länder wie
Oesterreich, Rußland, Rumänien, die Türkei eine günstige Handelsbilanz
 zeigen, weil sie vom Auslande erhebliche Darlehen erhalten
haben und diese verzinsen müssen, wozu die exportierten Waren
Jienen. Die Sache ist also eher umgekehrt, als man sie sich gewöhnlich
 vorstellt: die ungünstige Handelsbilanz erweist sich bei den
modernen Kulturvölkern zumeist als ein Zeichen und als die Folge
des Reichtums, die günstige meistens als ein Zeichen der Armut oder
doch der Kapitalsbedürftigkeit. Dies ist aber nicht immer und nicht
notwendig der Fall. Es ist eine aktive Handelsbilanz ein günstiges
Zeichen, wenn ein Land reich an Bodenprodukten ist, die in der
ganzen Welt als Lebensmittel und Rohstoffe gebraucht werden, und
dies Land, z. B, die Vereinigten Staaten, nun von seinem Reichtum
an andere abgibt, Es kann aber die Mehrausfuhr auch, wie gezeigt,
durch die Notwendigkeit Zinsen, Transporte u. a. zu zahlen bedingt

1) Ende 1888 fand der Zollanschluß Hamburgs, Bremens und Altonas statt.
Die Zahlen für die siebziger Jahre sind mit den späteren nicht zu vergleichen, da
lie Erhebung eine andere war.
2) Das Jahr endet am 30. Juni des in der ersten Spalte angegebenen Jahres.
        <pb n="221" />
        202 —

der als Kapitalexport die Folge schlechten Inlandsgeschäfts und so
ein ungünstiges Symptom sein. Ebenso kann die passive Handelsbilanz
 nicht nur, wie als Regelfall geschildert, eine Folge wirtschaftlicher
 Ueberlegenheit, sondern diese Mehreinfuhr auch dadurch bedingt
 sein, daß dem betreffenden Lande die fremden Märkte von
anderen genommen sind und der Konsum die fremden Einfuhrerzeugnisse
 nicht entbehren kann, dann also eine Verschuldung an das
Ausland eintreten muß.
Im besonderen ist auf die Kapitalausfuhr etwas näher einzugehen.
In einer Denkschrift des Reichs-Marine-Amts: die Entwicklung
der deutschen Seeinteressen, 1905, waren im Jahre 1904 die im überseeischen
 Auslande angelegten deutschen Kapitalien auf 8—9*/, Milliarden
 geschätzt. !)
Davon waren angelegt:
Türkei 300—350 Mill. M.
Afrika inkl. d. deutschen Kolonien 1350 # ®
Dst- u, Südostasien 700 »
Australien u. Polynesien 300—400  »
Südamerika 1800—2100 .
Westindien usw. 1080—1200
Verein. Staaten u. Kanada 2500—3000

“

Hierzu kommen die Anlagen in europäischen Ländern (außer der
Türkei), die Sartorius von Waltershausen (a, a. 0. S. 103) auf 1*/, Milliarden
 angibt. Die neuesten Schätzungen des deutschen Volksvernögens
 rechnen mit 20 Milliarden Mark (Helfferich, Deutschlands
Volkswohlstand 1888 bis 1913. 3. Aufl. 1914, S. 111 ff.) und 25 Milliarden
 Mark (St einmann-Bucher, Das reiche Deutschland 1914,
S, 55) deutscher Kapitalanlagen im Auslande, dabei mit Recht die
Unsicherheit dieser Angaben betonend.,
Für Frankreich gibt Sartorius von Waltershausen (5. 48 u. 56)
eine Anzahl Schätzungen über die Kapitalsanlage im Auslande an,
die in Frankreich selbst gemacht sind. Danach hätten sie 1902
(Leroy-Beaulien im Economiste francais 1902 II S. 449) 34 Milliarden
Fres. betragen, nach anderer Berechnung 30 Milliarden, im Jahre 1906
aber 40 Milliarden. Davon wären 1904 10 Milliarden in Rußland,
3 in Spanien, 1 in der Schweiz angelegt, bedeutende Summen in
Nordafrika usw. Die Verteilung der Anlagen wurde für 1902 wie
folgt angenommen:

n kaufmännischen Unternehmungen
„ Landbesitz
, Banken und Versicherung
„ Eisenbahnen
, Bergwerken und Industrien
„ Seefahrt, Hafenanlagen
„ Staats- und Gemeindeanleihen
„ Verschiedenen

995,25 Mill.
2183,25
551,00 »
4544.00 %
3631,00 &amp;gt;
461,00 &amp;gt;
1655350 »
936,00
29 855.00 Mill.

Eine exzeptionelle Stellung nehmen die Vereinigten Staaten
von Amerika ein, welche trotz gewaltigen Reichtums, nachdem der
zrößte Teil der früher von Europa geborgten Gelder zurückgezahlt
ist, eine sehr günstige Handelsbilanz zeigen, die besonders im Laufe

1) S. auch die deutsche Volkswirtschaft am Schlusse des 19. Jahrhunderts.
Berlin 1900 S. 142.
        <pb n="222" />
        EC

„urxr

des letzten Dezenniums sich noch günstiger gestaltet hat. Diese
wird unzweifelhaft dazu führen, daß Europa bald der Schuldner
Amerikas und mehr und mehr tributpflichtig wird. Die amerikanische
Union liefert Rohmaterialien aller Art, wie besonders Getreide, Baumwolle,
 Petroleum, und da sie mehr und’ mehr die Fabrikation erweitert
 und sie durch hohe Zölle schützt, so bezieht sie weniger
fertige Waren aus Europa, mit denen sie früher bezahlt wurde. Dies
muß nun durch Kreditpapiere ausgeglichen werden.

Einfuhr Ausfuhr
1998 1909 1910 1908 1909 1910
Wert in 1000 $
154730 2168190 * 114883 90 480

Nahrungsmittel, roh,
u. Vieh
Nahrungsmittel, teilweise
 oder ganz
verarbeitet 190507 324857 285067 254733
Rohstoffe zur Verarbeitung
 360125 2599683 542075 5470483 571869 646415
Fabrikate zur Verarbeitung
 178855 257867 285952 234386 253199 286438
Fabrikate zum Verbrauche
 fertig 276 02 342895 376990 2446986 1467945 541148
Andere Waren 906 10 787 12670 7226 7780 8047
Zusammen 1116374 1475613 1562924 1728670 1700743 1827256
Wieder ausgeführte
Waren 24165 27460 37 236
Gesamtausfuhr 1752535 10728203 1864492

In England ist es nicht die ungünstige Bilanz, welche dort
Skrupel hervorruft, sondern der Stillstand und der zeitweilige Rückyang
 der Ausfuhr, als Folge der energischen Konkurrenz anderer
Länder, namentlich in den Kolonien. Dem soll die von Chamberlein voryeschlagene
 Schutzzollpolitik und die Zollbegünstigung englischer
Waren in den Kolonien steuern. In den letzten Jahren hat aber die
Ausfuhr wieder einen bedeutenden Aufschwung genommen. Sie betrug
 dem Werte nach 1904 6,1 Milliarden M., 1908 7,7, 1913
10,7 Milliarden M. Die Schiffahrtsgewinne werden für 1898—1902 auf
durchschnittlich 1,8 Milliarden, die Zinsen und Dividenden des im
Ausland angelegten Kapitals auf rund 2 Milliarden M. angenommen
‚Sartorius von Waltershausen S. 89).
Auf welche Weise kann nun aber eine sich für das ganze Land
ergebende Unterbilanz oder eine Zahlungsdifferenz zwischen zwei in
Handelsbeziehungen stehenden Ländern ausgeglichen werden? Greifen
wir zu einem Beispiel:
‚Deutschland liefert an England mehr Waren, als es von dort
bezieht; auf welche Weise kann England die Differenz ausgleichen?
1. Dieses kann geschehen und geschieht durch Dienste, welche England
 Deutschland leistet, einmal durch die Rhederei, durch Uebernahme
 von Schiffsfrachten für deutsche Waren im Seehandel, indem
englische Schiffe deutsche Waren von Hamburg nach Bombay oder
auch von London dorthin transportieren, Es zahlen die Vereinigten
Staaten 120—150 Mill. Doll. jährlich für den Transport ein- und ausgeführter
 Waren an das Ausland. Ferner geschieht der Ausgleich
durch Uebernahme von Seeversicherungen für deutsche Schiffe und
Frachten, wofür Millionen an England gezahlt werden, ebenso durch
Jebernahme. der Vermittlung internationaler Zahlungen durch die

\usgleichung
ner Unterbilanz.
        <pb n="223" />
        204

Wechselkurs.

englischen Banken. So gibt es viele Dienste, die ein Land dem
andern leisten kann, wofür erhebliche Gebühren zu zahlen sind,
welche die Zahlungsverpflichtungen, wie sie aus dem Handel entspringen,
 bedeutend reduzieren können.
2. Es kommen die Summen in Betracht, welche durch Erbschaften
aus dem einen Lande in das andere gehen, dann die Summen, welche
Reisende im Inlande verzehren. Auch dieses fällt für unser Beispiel
weniger ins Gewicht, als bei den Vereinigten Staaten gegenüber
Europa. Man hat berechnet, daß die reisenden Amerikaner,
ca. 150000 Personen, in Europa gegen 100 Millionen Dollars im
Jahre ausgeben. Bei 8 der größten Bankhäuser New-Yorks betrugen
die ausgestellten Kreditbriefe für Reisende nach Europa durchschnittlich
 1500 Doll. Demgegenüber sind die von europäischen
Reisenden in Amerika verzehrten Summen gering. Umsomehr fallen
ins Gewicht die von Auswanderern herübergenommenen Beträge.
Wenn jeder Einwanderer in die Vereinigten Staaten 200 M. mitbrachte,
 dann sind diesen vom Ende des Unabhängigkeitskrieges bis
1900 ungefähr 4 Milliarden M. zugeflossen. Endlich macht sich die
Wanderarbeit geltend, besonders in dem Verhältnis Deutschlands zu
Rußland und Oesterreich. ;
3. England kann Deutschland erhebliche Summen in Wechseln
zahlen, die es von russischen, französischen, amerikanischen, indischen
Häusern in Zahlung erhalten hat, die in Hamburg, Bremen oder auch
an einem anderen europäischen Börsenplatze fällig sind, oder es bezahlt
 mit auf englische Banken lautenden Wechseln, die Deutschland
zur Zahlung an Amerika, Indien, China verwerten kann. Dieser
Wechselverkehr ist es, der hauptsächlich, wie schon dargelegt, zur
Ausgleichung internationaler Zahlungen dient. Auch lassen englische
Banken ihre deutschen Gläubiger Wechsel auf sich ziehen, um damit
eine weitere Schuld zu tilgen.
4. Bleibt noch eine weitere Differenz, so wird diese durch Abtretung
 von Effekten, Staats- und Kommunalobligationen, Eisenbahnprioritäten
 und Aktien erledigt, wodurch dann die erheblichsten
Summen ausgeglichen werden können. Wir erinnern nur an die bedeutende
 Heimzahlung der Staatsschuld der nordamerikanischen
Union, die Unterbringung von Staatsanleihen der verschiedensten
Länder in Deutschland usw. Wie bei dem Giroverkehr Forderungen
des einen Buchgläubigers auf den anderen übertragen werden, so
yleichen die Staaten untereinander Zahlungen aus durch Ueberweisung
 zinstragender Papiere, welche Forderungen an andere
Länder repräsentieren. Auch eine erhebliche Unterbilanz kann daher
ohne irgendeine Barzahlung beglichen werden, die vielmehr nur in
jußerst seltenen Fällen und nur vorübergehend eintritt. Von einem
jauernden Abfluß von Gold und Silber infolge einer ungünstigen
Handelsbilanz ist heutigen Tages nirgends die Rede.
Wie wir nun sahen, wird in ausgedehntem Maße der Wechsel
benutzt, um Forderungen des Auslandes zu begleichen. Je nach der
Gestaltung des Handels wird deshalb ein Land mehr oder weniger
Forderungen in Form von Wechseln an das andere Land zu richten
haben. Es wird sich daher in dem einen Lande ein Ueberfluß an
Wechseln herausstellen, in dem anderen dagegen ein Mangel. Der
Wechsel ist dadurch als Zahlungsmittel eine einfache Ware geworden,
Jeren Wert nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage
        <pb n="224" />
        205 —

schwankt. Der Preis, welchen ein Wechsel hat, wird nun sein Kurs:
yenannt, und der Wechselkurs wird, wie aus dem Vorhergesagten
hervorgeht, durch die Gestaltung des Handelsverkehrs zwischen den
Ländern bestimmt. So müssen Devisen in dem Lande mit überwiegenden
 Forderungen, die im Auslande einzukassieren sind, billig
sein, während sie in einem Lande mit überwiegenden Zahlungsverpflichtungen
 teuer sind. Je nachdem sich diese Zahlungsverpflichtungen
 steigern oder vermindern, wird auch der Wechselkurs
steigen oder sinken,
Diese Momente sind mithin die eigentlich bestimmenden für den
Wechselkurs. Doch treten noch andere hinzu, die einen Einfluß auf
ihn haben. Selbstverständlich hängt der Wert des Wechsels ab von
der Valuta, auf welche er lautet, welche also in dem Fälligkeitslande
maßgebend ist. Das Wertverhältnis der Währung, mit der man den
Wechsel kauft, zu der Währung, auf die der Wechsel lautet, tritt
dann hervor, wenn Angebot und Nachfrage an Wechseln sich die
Wage halten. Wir nennen es das Wechselpari. Dieser Pariwert ist
ein feststehender, wenn die Währungen gleiche Grundlage haben,
z. B. das Gold, und wird bei Verschiedenheit dieser Währungsgrundlage
 von allen Schwankungen des Wertes der Währung beeinflußt.
Lautet der Wechsel auf ein Land mit Papierwährung, so wird der
Kurs des Papieres in erster Linie bestimmend für den Preis des
Wechsels sein.
In dritter Linie kommt die Sicherheit des Wechsels in Betracht.
Ist eine Weltfirma dafür haftbar, so kann der Wechsel ganz andere
Verwendung finden als ein solcher mit Unterschriften unbekannter
Männer. Auch eine größere Zahl von Unterschriften, wodurch die
Sicherheit gesteigert ist, kann den Preis erhöhen. Viertens ist die
Dauer des Wechsels bis zur Verfallzeit von Wichtigkeit, und da immerhin
eine längere Frist Gefahren in sich schließen kann, so pflegt der
Kurs kurzsichtiger Wechsel ein höherer zu sein, als der von Wechseln
mit langer Frist.
Die Kursschwankungen sind nun nach oben und unten begrenzt.
Die obere Grenze liegt da, wo es vorteilhafter wird, statt mit einem
Wechsel zu zahlen, bar Geld zu schicken, wo der Aufwand der Transportkosten
 geringer ist, als der Aufschlag auf die gewöhnlichen
Preise des Wechsels nach dem Münzwertverhältnis. Diese obere
Grenze wird auch der Goldausfuhrpunkt genannt, wo eben das
Metall an die Stelle des Wechsels tritt. Indessen kommt es selten
zu solchen Barsendungen aus Veranlassung des hohen Kurses. Denn
die Bankiers halten es dann für vorteilhafter, entsprechende Wechsel
zu schaffen, indem sie solche auf ihre Geschäftsfreunde im Bestimmungslande
 ziehen, oder es gelingt, von anderen Börsenplätzen entsprechende
 Wechsel heranzuziehen. Nach Heiligenstadt wurde
in London bei Wechseln auf Berlin der Goldpunkt in den Jahren
von 1886—1891 von 610 Notierungen 5mal erreicht, 95mal überschritten,
 in Berlin auf London von 929 Notierungen 2mal erreicht,
13mal überschritten. Die Goldeinfuhr Deutschlands aus England
betrug in diesen Jahren 12,8 Mill. M., die Einfuhr Englands aus
Deutschland nur 1,1 Mill, M. Die untere Grenze des Wechselkurses
wird dann erreicht, wenn für den ausländischen. Schuldner, dem der
Wechsel nach dem Kurswert in Anrechnung gebracht wird, die Ver-3aendungs-,
 Versicherungs- und ev. Prägungskosten der Goldzahlung

Wert der
VYaluta.

Sicherheit des
Wechsels.

jrenzen der
Fursschwankungen.
        <pb n="225" />
        206 —

sich niedriger stellen als die Differenz zwischen Pariwert und Kurs,
Wenn der Kurs um mehr als diesen Betrag der Spesen unter Pari
sinkt, dann schickt das Ausland Gold, wird der Goldeinfuhrpunkt
 erreicht.
/ Ein ausgedehntes Geschäft der Börse ist es, die Wechsel überall
aufzukaufen, wo sie billig sind, und dahin zu dirigieren, wo sie teuer
sind um an der Differenz zu ‚profitieren. Dieses Geschäft ist das
Arbitragegeschäft, wodurch zugleich eine Ausgleichung der
Kurse erreicht wird. Dasselbe hat neuerdings aber wesentlich an
Bedeutung eingebüßt.
Der Kurs, welcher genau dem Münzwertverhältnis entspricht,
der Pariwert “oder "die Münzparität, bildet‘ natürlich den Ausgangspunkt
 und die Gründläge für den Wechselkurs, wobei der Feingehalt
 der Münze berücksichtigt wird. . Die Münze mit einem nied-Yiyen
 Schlägschatz ünd die vollwertige Münze müssen höher stehen,
als solche mit hohem Schlagschatz. Und auch sonst haben die
Münzen einen schwankenden Wert.
Wir geben in dem folgenden einige Münzparitäten (nach Schanz
im Wörterbuch der Volkswirtschaft IL. S. 1305):

100 Franks
1 Pfund Sterlin;
100 Gulden (holl.)
100 Dollar
100 sk. Kronen
100 öst. Kronen

31,000 Mark
0,4295
8,739
3,790
„2500
35 061

(00 Mark == 123,460 Franks
7 - 4,895 Pfd. Sterl.
59,260 Guld. (holl.)
23,821 Dollar
88,800 sk. Kronen
117,563 öst. Kronen.

LU

8 60,
Die Zettelbanken.
Ad. Wagner, System der Zettelbankpolitik. 2. Aufl. Freiburg 1873,
W. Scharling, Bankpolitik. Jena 1900.
Ch. F. Dunbar, Chapters on the Theory and history of Banking. New
York 1896.
Bamberger, Die Zettelbank vor dem Reichstag. Leipzig 1874,
v. Lumm, Die Stellung der Notenbanken in der heutigen Volkswirtschaft.
Berlin 1909,
Hultmann, Die Zentralnotenbanken Europas. Berlin 1912.

Note.

Ein ebenso wichtiger Schritt in der Entwicklung des Bankwesens,
wie die Benutzung der Depositen zum Ankauf von Wechseln, ist
durch die Ausbildung von Zettelbanken geschehen, indem unverzinsliche
 Anweisungen, die in jedem Momente der Bank von dem Inhaber
 zur Einlösung in Bargeld präsentiert werden können, statt der
Münze als Darlehen ausgegeben werden, und zwar ev. über den
Vorrat an Barmitteln hinaus, indem für diese Mehrausgabe nur bankmäßige
 Deckung (in Wechseln oder sonstigen sicheren Forderungen
auf kurze Sicht) deponiert wird. Die Bank erhält durch die Notenausgabe
 unverzinsliche Darlehen gegen das alleinige Versprechen .der
5rompten Einlösung der präsentierten Noten, Die Erfahrung, daß
(is akmtliche Noten zugleich einlaufen, ermöglicht die Verwendung
eines Teiles der Bardeckung zu Bankgeschäften.
Zettel oder Notenbank ist also nach dem Gesagten diejenige
Bank, welche zur Erweiterung ihres Geschäftes Noten ausgibt. Die
Banknote ist ein gedruckter Inhaberschein, auf einen runden Geldbetrag
 lautend, den die Bank sich verpflichtet, bei Präsentation bar
        <pb n="226" />
        Ayerbos
Le "N
A 1 N
E CZ £
einzulösen. Auf Grund eines ausreichenden Kredites der Ba Bwirdt %l, =,
dann die Note im Verkehre wie bares Geld in Zahlung gen Ten, £ .
und ist oft beliebter als dieses, z. B. als Silbergeld, bei Mangel zug- , as“
reichenden Ersatzes durch Papiergeld und Schecks. Die Note ist "her 319
nicht Geld, weil niemand sie anzunehmen verpflichtet ist, sie ist nur
Geldsurrogat. Teilweise ist allerdings die Banknote zum gesetzlichen
Zahlungsmittel bestimmt. So sind nach Gesetz. yom.1..Juni 1909.seit
dem 1. Januar 1910 die Reichsbanknoten. gesetzliche. Zahlungsmittel.
Sie sind aber doch nicht dem Geld voll gleichgestellt, weil ein jeder
sie wohl nehmen mnß, aber nicht zu behalten braucht, eben die Ein-Jösungspflicht
 der Reichsbanknote besteht. Die Note ist entstanden,
wie angedeutet, indem man einfache Repräsentanten schuf und in
Zirkulation setzte, wie dergleichen noch gegenwärtig in den Silberund
 Goldzertifikaten in den Ver. Staaten von Nordamerika zirkulieren,
wodurch eine Veränderung in den vorhandenen Zirkulationsmitteln
nicht geschaffen wurde. Diese trat erst ein, als man mehr Noten
in Zirkulation setzte, als Barmittel deponiert waren. Schon im
16. Jahrhundert sind von der Genueser Bank Zertifikate in Umlauf
gesetzt. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts verallgemeinerte sich
die Ausgabe der Noten Hand in Hand mit der Ausgabe von Papiergeld,
 oder indem der Note durch Zwangskurs Papiercharakter gegeben
 wurde, und erlangte wachsende Bedeutung. Die Note ist nicht,
wie das Papiergeld, bestimmt, als Zahlungsmittel däuüernd im Umlauf
 zu sein, Sondern sie ist hauptsächlich als Mittel für die Bank
Anzusehen,. über ihre Barmittel hinaus Kredit gewähren zu können,
also Kreditmittel,” Sobald $ie als solches gedient hat, ist ihre
eigentliche Aufgabe erfüllt, und es ist die Voraussetzung, daß sie
der Bank nach kurzem Umlauf zur Präsentation wieder eingereicht
wird. Die Vorzüge der Notenemission liegen nun darin, daß durch
dieselbe ein Mittel geboten ist, die Umlaufsmittel dem Bedarfe anzupassen,
 indem mit großer Leichtigkeit größere Quantitäten von
Noten in Umlauf gebracht werden können, sobald sich ein erweitertes
Bedürfnis nach Umlaufsmitteln herausstellt. Nun sind in der Volkswirtschaft
 fortdauernd Schwankungen zu beobachten, einmal periodisch
wiederkehrende, die oben bereits berührt wurden, indem am Ende
und im Beginne eines jeden Vierteljahres größerere Zahlungen zu
leisten sind, welche mehr Zahlungsmittel beanspruchen. Ohne die
Note müßte im Durchschnitte ein größerer Münzumlanf gehalten werden,
um den Anforderungen zu genügen, was jetzt erspart wird. Indem
die deutsche Reichsbank im Jahre 1899 am 7. Januar 443 Millionen
angedeckte Noten in Umlauf hatte, während am 28, Februar nur
117 Millionen, am 30. September 664, am 23. Oktober 418, am
31. Dezember 631 Millionen in Zirkulation waren, paßte sie die
Menge der Umlaufsmittel den Bedarfsverhältnissen an. Oder richtiger,
der Handelsverkehr selbst zog bald durch erweiterte Ansprüche an
Darlehen größere Quantitäten Noten in Umlauf und schob sie der
Bank zurück, sobald sie ihre Aufgaben erfüllt hatten.
Noch weit wichtiger ist diese Anpassungsmöglichkeit nun in außergewöhnlichen
 Fällen; sei es, daß durch bestimmte Konstellationen des
internationalen Verkehrs plötzlich Barzahlungen an das Ausland verlangt
 werden, wodurch der inländischen Zirkulation Abbruch geschieht,
und das dem Inland entzogene Münzquantum nicht sofort durch Neuprägung
 ersetzt werden kann sei es, daß durch politische Verwick-PP
        <pb n="227" />
        208 —

Üurreneyschool.


Gefahren der
Vatenemission.

lungen oder Ausbruch einer wirtschaftlichen Krisis Zahlungsstockungen
eintreten, die die Flüssigmachung bedeutender Mittel notwendig machen.
Gerade in solchen Zeiten ist es von der höchsten wirtschaftlichen
Bedeutung, daß Banken vorhanden sind, die sich eines allgemeinen
Kredits erfreuen und auf Grund desselben durch die Notenemission
in kürzester Frist Hunderte von Millionen aus der Erde stampfen
können, die nun dazu dienen, der Geschäftswelt Vorschüsse zu machen
und ihr damit über den toten Punkt hinfortzuhelfen. Es bleiben in
solchen Zeiten den Geschäftsleuten eine Menge Zahlungen aus, der
Absatz stockt, ein großer Teil der Waren ist unverkäuflich, die Kaufleute
 erhalten daher nicht die Summen, auf welche sie gerechnet
hatten, und die sie brauchen, um die ausstehenden Forderungen
zu decken. Bei den Banken werden fällige Wechsel nicht eingelöst
und erwartete Depositen bleiben aus, während ihre Kunden größere
Darlehen beanspruchen, um ihre Zahlungen fortsetzen zu können.
So tritt überall Geldmangel ein, und eine Menge solider und in angemessenen
 Vermögensverhältnissen befindlicher Firmen sind in Gefahr,
 ihre Zahlungen einstellen zu müssen, weil sie nur momentan
die nötigen Gelder nicht beschaffen können. Die gewöhnlichen Banken
versagen mit ihrer Hilfe gerade unter solchen Verhältnissen, weil ihr
Kredit erschüttert ist und sie doppelte Vorsicht walten lassen müssen.
Welch ungemeiner Segen liegt nun darin, wenn die großen Notenbanken,
z. B. unsere Reichsbank, bei allgemeiner Geldnot eine halbe Milliarde
durch Notenausgabe in der kürzesten Frist flüssig zu machen und der
soliden Geschäftswelt auf Wechsel zu Verfügung zu stellen vermögen.
Eine Unmasse Firmen werden dadurch in den Stand gesetzt, ihre
Geschäftstätigkeit fortzusetzen, und enorme Kapitalsverluste werden
dadurch verhindert, die Wirkung der Krisis wird abgeschwächt und
ihre Dauer wesentlich abgekürzt Es gibt bis jetzt kein anderes Mittel,
die zerstörende Wirkung wirtschaftlicher Krisen zu mildern, als die
Ausgabe ungedeckter Noten. Es ist aber klar, daß gerade die Emisson
über den Barvorrat hinaus allein diese Wirkung haben kann, und es
heißt deshalb der Waffe die Spitze abbrechen oder der Hilfsmaschine
las bedeutsamste Zahnrad rauben, wenn man die Notenausgabe auf
len Barvorrat beschränken will, wodurch gerade die Beweglichkeit und
Elastizität des Geldumlaufs verloren geht. Und doch verlangte die
80g. Currency-School (im Beginne des Jahrhunderts David Ricardo,
Mitte der 40er Jahre Samuel Jones Loyd in England, in den
50er und 60er Jahren Faucher, Prince Smith, dann Knies
and W. Endemann in Deutschland), wegen der damit verbundenen
Gefahr die Beseitigung ungedeckter Noten.
Die Gefahr der Ausgabe ungedeckter Noten liegt für die Banken
selbst natürlich darin, daß, sobald der Kredit erschüttert wird, ihnen
die Noten massenhaft zur Einlösung präsentiert werden, nicht
wieder in Zahlung genommen werden, wodurch die Banken zur Einstellung
 ihrer Zahlungen gezwungen werden können, wenn die Ausgabe
von Noten zu große Dimensionen angenommen hatte. Ist die Notenzirkulation
 im ganzen Lande eine große und allgemeine, so wird im
Falle der Krisis eine allgemeine Zahlungsstockung eintreten, indem
Niemand die Noten nehmen will, und die übrigen Umlaufsmittel für
den Verkehr nicht ausreichen, so daß durch diese Zahlungsstockungen
sich eine allgemeine wirtschaftliche Krisis entwickeln kann. Ende der
30er Jahre des 19. Jahrhunderts war dies im ausgedehntesten Maße in
        <pb n="228" />
        — 209 —

den Ver, Staaten Nordamerikas der Fall, wo eine übergroße Zahl von
Banken von der freigegebenen Notenemission Gebrauch gemacht hatte
und sich bei dem Eintritt ungünstiger Konjunkturen nicht zu. halten
vermochte, Infolgedessen trat eine allgemeine Diskreditierung der
zirkulierenden Noten ein, und Jahre waren notwendig, um erst wieder
normale Verhältnisse herzustellen.
Aber auch abgesehen von solchem Extrem liegt die Gefahr eines
Mißbrauchs der Notenemission von seiten der Banken vor, wenn ihnen
nicht besondere Schranken gezogen sind; denn wir sahen, daß jede
Notenausgabe für sie die Erlangung eines unverzinslichen Darlehens
in sich schließt. Es liegt deshalb in der Natur der Sache, daß jede
mit dem Notenprivilegium versehene Privatbank danach streben wird,
möglichst viel Noten in Umlauf zu halten, um dieses Darlehen auszunutzen.
 Dieses kann durch Gewährung unberechtigter Darlehen
und Animierung gewagter Unternehmungen geschehen, um dadurch
größere Summen zur geschäftlichen Anlage zu bringen, als Bedarf
dafür vorliegt. Die Folge davon ist: Ueberproduktion und Ueberspekulation,
 damit Untergrabung der Solidität der wirtschaftlichen
Verhältnisse. Außerdem können die Banken durch mancherlei Manipulationen,
 namentlich durch die Ausgabe von Noten mit geringem
Wert, dieselben in die unteren Klassen der Bevölkerung bringen,
welche die Rücklieferung an die Banken nicht so leicht zu bewirken
vermögen und dadurch mehr Noten in Umlauf erhalten, als gebraucht
werden. Wir werden zu untersuchen haben, auf welche Weise diese
Gefahren gemildert, wo nicht beseitigt werden können, ohne darum
lie Vorteile aufzugeben. Zunächst aber wollen wir noch die Eigen-‚ümlichkeiten
 des Papiergeldes untersuchen, um durch die Verzleichung
 mit der Note deren Eigenschaften um so besser charakterisieren
 zu können.

$ 61.
Das Papiergeld.

Bluntschli u. Brater, Staatswörterbuch. Ad. Wagner, Art. Papiergeld.
4d. Wagner, Staatspapiergeld, Reichskassenscheine und Banknoten. Berlin 1874,
W. Endemann, Rechtsgutachten in der Papiergeld- und Banknotenfrage. Hirts
Annalen des Deutschen Reiches 1873.
HFöldes, Beiträge zur Frage über die Ursachen und Wirkungen des Agios und
Beiträge zur Statistik des Agios. (Jahrb. f, Nationalökonomie, N. F., Bd. IV.)
Ebenda 1892, 3, F., Bd. II u. IV: Menger. Beiträge zur Währungsfrage in
Desterreich-Ungarn.
Gruber, Statistische Beiträge zur Frage der Währung in Oesterreich. Jena 1890.
Schmidt, Agio und Wechselkurs, Heidelberg 1892,
Lesigang, Agio in Oesterreich. Jahrb. f. Nationalökonomie, Bd. XXVII,
8d. XXVII, Bd. XXIX.
Lexis, Die Aufhebung des Zwangskurses in Italien. Jahrb. f. Nationaljkonumie,
 N, F,, Bd. II,
Ders,, Papiergeld. Handwörterb. der Staatsw. 3. Aufl.
Im eigentlichen Sinne des Wortes sind unter Papiergeld nur
unverzinsliche Schuldscheine zu verstehen, die der Staat als gesetZliches
 Zahlungsmittel] mit oder ohne Einlösungsversprechen, also mit
Zwangskurs ausgibt (Preußische Tresorscheine von 1806 und 1807, die
Assignaten der französischen Revolution, Greenbacks der Vereinigten
Staaten, seit 1879 uneinlöslich, aber noch gesetzliches Zahlungsmittel,
österr. Reichsschatzscheine von 1849—1854 und Noten der österr.
Nationalbank seit 1848; Noten der Bank von England von 1797—1821).
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I Teil &amp;amp; Ann 14
        <pb n="229" />
        210 —

Privatyapiergeld-



 in der
Geryenwart.

Volkswirtschaftliche

Wirkumne.

Der gewöhnliche Sprachgebrauch versteht aber unter Papiergeld überhaupt
 unverzinsliche Schuldscheine des Staates, für welche keine Einlösungsverpflichtung
 vorliegt, deren Annahme aber durch die Staatskassen
 garantiert ist (Deutsche Reichskassenscheine), welche ebenso
wie Noten der unter Staatsleitung stehenden Banken in Zeiten
größerer Krisen oft durch Zwangskurs in wirkliches Papiergeld verwandelt
 wurden. Hierher gehören auch die wenigen Beispiele von
Privatpapiergeld. Die Leipzig-Dresdener Eisenbahn hatte das Privilegium,
 eine halbe Million Taler in einem Papiergelde ohne besondere
Fundierung auszugeben, das sich allein dadurch in Umlauf erhielt,
daß es bei den Gesellschaftskassen zu jeder Zeit in Zahlung angenommen
 wurde. Eine gleiche Natur hatten die früheren Kämmereischeine
 der Stadt Hannover und das von mehreren Städten und Grafschaften
 in Amerika ausgegebene Papiergeld. Nur zu Unrecht
werden hierher auch die bar gedeckten und jederzeit einlöslichen
amerikanischen Silberzertifikate (seit 1878) gezählt.
Die deutschen Verhältnisse sind durch Gesetze von 1874 dahin
geregelt, daß die Ausgabe von seiten des Reichs 3 M. pro Kopf der
Bevölkerung nicht überschreiten darf. Seit 1891 ist der Umlauf auf
i20 Millionen reduziert und seitdem stehen geblieben. Diese sogenannten
 Kassenscheine zirkulieren, wie erwähnt, ohne Zwangskurs
für Private und haben nur unbeschränkte Zahlungskraft bei allen
Kassen des Reiches und der Bundesstaaten. Die Hauptkasse hat
die Verpflichtung, dieselben bar einzulösen. In Oesterreich-Ungarn
 wurden durch Gesetz von 1866 die Ein- und Fünf-Guldennoten
 der Nationalbank für Staatspapiergeld erklärt, bald darauf
aber durch wirkliche Staatsnoten ersetzt, deren Zirkulation inkl. der
Salinenscheine auf etwas über 400 Mill. Gulden normiert wurde.
Durch Gesetz vom 2, August 1892 ist die Ausgabe von Papiergeld
nach der neuen Kronenwährung geregelt. In Rußland wurden
durch den Ukas vom 3. Januar 1897 die Noten, welche bis dahin
uneinlöslich, mit Zwangskurs versehen waren und sich in einer Menge
von 1126 Millionen im Umlauf befanden, für einlösbar in Gold erklärt
 (100 Rubel zu 216 M.)., Die ausgegebenen Kreditbillets sollen
stets durch Gold gedeckt sein, die ungedeckten Noten dürfen 300 Mill.
Rubel nicht überschreiten. In Italien wurde 1866 der Zwangskurs
für die Noten der Nationalbank ausgesprochen. Später wurde dieses
Papiergeld durch ein besonderes in Höhe von 940 Mill. Lire ersetzt.
1881 fand die Einlösung von 600 Mill. statt, der Rest blieb als ein-‚ösliches
 Staatspapiergeld in Zirkulation; durch Dekret von 1894 ist der
Betrag auf 600 Mill. Lire erhöht. In den Ver. Staaten zirkulieren
noch gegen 300 Mill. Dollars Bundesnoten mit gesetzlicher Zahlungskraft.
Die volkswirtschaftliche Wirkung des Papiergeldes ist eine sehr
verschiedene je nach der ausgegebenen Quantität und dem Kredit,
welchen dasselbe genießt. Ein geringes Quantum wird sich in der
Zirkulation der klingenden Münze unmittelbar anschließen und einen
Nachteil kaum mit sich bringen, gleichviel, ob dasselbe mit Zwangskurs
 ausgestattet ist oder nur freiwillig angenommen zu werden
braucht. Die 120 Mill. M., welche in Deutschland ausgegeben waren,
bildeten einen so kleinen Teil des Bedarfs, daß sie eine nachteilige
Verdrängung der Metallzirkulation nicht herbeiführen konnten. Sie
sind ursprünglich ausgegeben zu 5, 10, 20 und 50 M., dann nur zu
3 und 10 M. Sie ergänzten damit die Noten der“Reichsbank. welche
        <pb n="230" />
        — 91ll —

früher mit 100 M, begannen, darauf mit 20 M., und diese Scheine
sind oft für gewisse Zahlungszwecke erwünscht und durchaus beliebt.
Es lag um so weniger ein Grund für ihre Beseitigung vor, als ein
entsprechendes Quantum Goldmünze (300 Mill.) als Reichskriegsschatz
in dem Spandauer Juliusturm aufbewahrt wurde, und ‘die dadurch
verlorenen Zinsen und Umlaufsmittel. durch das Papiergeld ersetzt
werden. Bei Beginn des Krieges von 1914 ist durch Ges, vom 4. Aug.
eine wesentlich höhere Ausgabe von Reichskassenscheinen und Reichsbanknoten
 gestattet. An den Orten der Reichsbankhauptstellen und
Reichsbankstellen sind Darlehenskassen eingerichtet, die nach Bekanntmachung
 v. 11. Nov. Darlehenskassenscheine bis zu 3 Milliarden
unter Sicherung, wie sie für die Reichsbanknoten vorliegt, ausyeben
 dürfen. Die Scheine werden in Apoints zu 50, 20, 10, 5, nach
der Bekanntmachung v. 31. Aug. auch zu 2 und 1 Mark ausgefertigt
und sollen zu Darlehen zu mindestens 100 M. auf 3, ausnahmsweise
auf 6 Monate gegen Pfand verwendet werden, Die Reichskassenscheine
 sind.bis auf weiteres gesetzliches Zahlungsmittel. Die Reichsbank
 _ist..von...der Einlösungsverpflichtung ihrer Noten "entbunden.
Wie weit eine solche” Vermehrung papierner Zahlungsmittel” ohne
Schaden geschehen kann, muß abgewartet werden. Denn wird die
Papierausgabe im Uebermaß ausgedehnt, wie das in der Bedrängnis
des Krieges Anfang der sechziger Jahre in den Ver. Staaten von
Nordamerika, 1866 in Italien geschah, so ändert sich die
Wirkung sehr bedeutend. KErreicht die Ausgabe das Quantum,
welches zur Deckung des Zirkulationsbedarfes ‚ausreicht, so verdrängt
 dasselbe mehr und mehr das Hartgeld, das aus dem Verkehre
 verschwindet. Jeder hält dasselbe als das sicherere zurück
and zahlt nur mit Papier. Barzahlungen, die an das Ausland zu
richten sind, müssen hingegen im allgemeinen in klingender Münze
vollzogen werden, da das Papier im Auslande keine Zirkulationsfähigkeit
 hat, oder wenigstens nach kurzer Zeit dem Inlande wieder
zugeschoben wird. Sobald aber noch größere Mengen von Papiergeld
auf den Markt geworfen werden, die also den Bedarf übersteigen,
findet eine Entwertung desselben gegenüber dem Metall statt, welches
ein Aufgeld oder Agio erhält, d.h. für 100 Lire in Gold erhält man
etwa 105 Lire in Papier, jene 5 Lire bilden das Agio, um welches
las Papiergeld weniger wert ist als das Metall, und je mehr Papier
den Markt überschwemmt, um so größer ist die Entwertung. Die
Gold- und Silbermünze, welche nicht bar in den Kassen aufbewahrt
wird, wird eingeschmolzen oder in das Ausland verschickt. Bei
großer Entwertung des Papiers wird es schließlich auch vorteilhaft,
die Silberscheidemünze einzuschmelzen, die einen höheren Wert hat,
als das darauf lautende Papier. In früheren Zeiten, z. B. in Oesterreich
 Ende der vierziger Jahre, sah man sich deshalb genötigt,
immer kleinere Scheine auszugeben, bis auf Zehnkreuzerscheine, und
wollte man fünf Kreuzer zahlen und hatte nicht das nötige Kupfer
zur Hand, so zerriß man das „Zehnerl“ in zwei Hälften und machte
daraus zwei Fünfer. In der nordamerikanischen Union hatte man
dagegen Anfang der sechziger Jahre ein neues Hilfsmittel in den
Postmarken, welche als Scheidemünze fungierten. Je größer der
Üeberschuß des ausgegebenen Papiergeldes über den Bedarf ist, um
so mehr tritt zu der Wirkung des zu großen Vorrats noch die Diskreditierung
 der Staatsgewalt und. die Furcht. daß der Staat nicht

Folgen der
Zuvielauszabe.

A +
        <pb n="231" />
        212 —

Kursschwankungen.


Wirkung der
Kursschwankungen.


imstande sein wird, die ausgegebene Menge zum vollen Werte wieder
einzulösen, und daß deshalb die Inhaber desselben Verlusten entgegen
gehen. Politische oder wirtschaftliche Konjunkturen, welche ey.
neue Anforderungen an die Staatskasse stellen können, üben einen
erheblichen Druck auf den Kurs des Papiergeldes aus; und je mehr
der Kredit des Staates sinkt, um so mehr verliert auch das Papier
an Wert. Ein extremes Beispiel hierfür bietet bekanntlich die
französische Revolution mit der Assignatenwirtschaft. Jene Scheine,
die mit Zwangskurs ausgegeben wurden, waren trotz aller Strafbestimmungen,
 die bis zur Todesstrafe gegen denjenigen vorgingen,
der sich weigerte, die Assignaten zu dem darauf verzeichneten Werte
zu akzeptieren, nicht vor der extremsten Entwertung zu bewahren,
so daß. die zuletzt ausgegebenen 20 Milliarden nur noch einen Wert
von einigen Millionen repräsentierten. Man konnte den Kaufmann
nicht zwingen, die Waren zu dem gewöhnlichen Preise abzugeben,
wenn man sie mit Assignaten bezahlen wollte, sondern die Preise
stiegen in das Unermeßliche, so daß man für ein Pfund Butter ein
paar hundert Livres, für ein Paar Stiefel 1000 Livres in Assignaten
zahlte. Zuletzt benutzte man sie, um Zimmer damit zu tapezieren,
weil man sie in anderer Weise nicht verwerten, konnte, Auch das
von den amerikanischen Südstaaten während des Bürgerkrieges ausgegebene
 Papiergeld sank schließlich auf ein Zehntel des ursprünglichen
 Wertes herab.
Aber auch wenn die Ausgabe nicht so in das Extrem geht, sonäern
 im Durchschnitte etwa dem Bedarfe entspricht, sind Schwankungen
 im Kurse nicht zu vermeiden. Denn dadurch unterscheidet
sich das Papiergeld von der Note, daß die letztere durch ihre Einlösbarkeit,
 wie wir sahen, sich dem Bedarf an Zirkulationsmitteln
anpaßt, und bald mehr, bald weniger Noten im Umlauf sind, indem
der Ueberschuß von selbst in die Banken zurückströmt, während bei
dem Papiergeld eine bestimmte Summe ausgegeben und dauernd in
Zirkulation erhalten wird. Je mehr Zahlungsmittel bei einem regen
wirtschaftlichen Leben gebraucht werden, um so mehr verschwindet
ein vorher empfundener: Ueberfluß, und der Kurs der Papiere steigt
durch die erweiterte Nachfrage. Eine Erschlaffung der wirtschaftlichen
 Tätigkeit läßt dagegen den Bedarf an Umlaufsmitteln sinken,
und der Vorrat an Papiergeld erscheint zu groß, die Folge davon
ist ein Sinken .des. Kurses. So waren noch in den letzten Jahren in
Rußland wie in Oesterreich, als man sich der Aufnahme der Barzahlung
in Metallgeld mehr und mehr näherte und die Ueberschüsse an Papier
eingezogen waren, fortdauernd Kursschwankungen zu beobachten, die
nicht auf politische Momente zurückzuführen waren, Umgekehrt kann
man die Tatsache, daß in Oesterreich Anfang der neunziger Jahre
die Noten höher im Werte standen als das Silber, auf welches sie
lauteten, mit Karl Menger nur darauf zurückführen, daß sich ein
Mangel an Noten ‚herausgestellt hatte. und ihr Wert dadurch besonders
 erhöht war. | ; 5 .
Der volkswirtschaftliche Einfluß dieser Kursschwankungen ist
nun ein äußerst nachteiliger,. zunächst auf den internationalen Handel]
und die Produktionszweige, welche mit diesem in Zusammenhang
stehen. Ein niedriger Kurs des Papiergeldes wirkt naturgemäß wie
ein Schutzzoll. Das Ausland kann.seine Waren im Inlande nicht mit
Nutzen verkaufen. weil es. entwertetes Papier dafür erhält. und die
        <pb n="232" />
        — 213 —

Einlösung in Gold zur Benutzung im KExportlande Verluste in sich
schließt. Die heimische Produktion hat dagegen zunächst einen Vorteil
 durch den niedrigen Stand der Papierwährung. Was der heimische
Produzent im Ausland absetzt, wird mit Metall bezahlt, wofür im Inlande
 größere Summen in Papier zu erlangen sind, während zunächst
die heimischen Preise und Löhne noch unverändert bleiben. . Deshalb
ist bei einer Entwertung der Papierwährung zunächst vielfach eine
Anregung der heimischen Produktion beobachtet, weshalb deutsche
Agrarier, wie nordamerikanische Farmer und Fabrikanten für die
Papierwährung schwärmten. Umgekehrt wird. dann ein Steigen des
Kurses den Schutzzoll wie die Ausfuhrprämie vermindern. Als Anfang
 der 60er Jahre der Kurs der österreichischen Gulden sehr niedrig
stand, machte es sich bezahlt, Mastvieh aus Böhmen und Mähren nach
England zu exportieren; und einige Zeit hindurch gingen regelmäßig
in der Woche einige Züge mit Mastvieh nach Bremen. Als sich der
Kurs des Guldens hob, ging der Nutzen dieses Exports verloren, und
die Ausfuhr mußte aufhören.
Die Kursschwankungen aber, die bei Papierwährung unvermeidlich
 sind, machen den Verkehr mit dem Auslande und die heimische
Arbeit für den Export so gefahrvoll, daß sie dabei nicht nachhaltig
zu gedeihen vermögen. Jede solide kaufmännische Spekulation hört
auf, und es tritt die Börsenspekulation an die Stelle, die bald auf
das Sinken, bald auf das Steigen der Kurse rechnet und davon Gewinn
 zu ziehen sucht. Sind auf Grund eines niedrigen Kurses Fabriken
 entstanden, die exportieren wollen oder unter jenem Schutze
die Konkurrenz des Auslandes nicht zu fürchten brauchen, so kann
ein nachhaltiges Steigen des Kurses sie vollständig ruinieren. Es ist
deshalb die allgemeine Beobachtung gemacht, daß die Papierwährung
die solide Produktion beeinträchtigt, dagegen eine allgemeine Spekulationswut
 im Lande groß zieht. In richtiger Erkenntnis dieser
Verhältnisse suchte England in Indien den Kurs der Silberrupie, der
3benso schwankend war, als der des Papierrubels, 1893 künstlich im
Werte zu fixieren. Und Rußland hat Ende der 90er Jahre große
Summen aufgewendet, um durch Ankauf und Verkauf der Papierrubel
 den Kurs gleichmäßig zu halten, bevor man zur Metallzahlung
übergehen konnte.
Bleibt der Kurs eine Reihe von Jahren auf einem niedrigen
Niveau, so steigen allmählich dementsprechend im Lande zuerst die
Preise, dann die Löhne. Damit wird auch die Wirkung auf den internationalen
 Verkehr entsprechend abgeschwächt.
Wir geben in den folgenden Tabellen eine Uebersicht der Kurs-Schwankungen
 des Papiergeldes verschiedener Staaten.

Das Agio in Oesterreich:
Jahr Minimum Jahr Maximum
1848 Y 862 28.67
849 ) 863 84
850 “) 864 32
851 “5 365 38
852 ) u %6 5
353 :5 ‚65 867 RO
1854 so 75 868 ‚5
1855 95 12 1869 2238
1856 1,50 1,25 1870 25,40
1857 9,37 3,87 1871 2255
1858 6,75 0,25 1872 18,75
859 58,20 0,25 1878 10,81
1860 44,30 24,65 1874 7,04
‚861 50,03 35,62 1875 5,64
) Lexis im Handwörterbuch, 3. Aufl. Art. .Paniergeld“.

Minimum
719
16
439
+39
‚75
8,75
+1,25
18,06
18,48
16,57
7,09
6,24
3,56
N 94

Statistik.
        <pb n="233" />
        714

Das Agio in Italien:
Minimum

Jahr
1866 20,5%
1867 18,44)
‚868 6,15
1869 4)
1870 10
1871 8,20 I)
1872 11,75 6,70
1873 11,65 11,10
[874 16.85 950

Jahr
1875
„876
1877
1878
1879 A
1880 13,05
1881 3,10
1882 5,90
1883 1,65

)
Maximum Minimum
10.80
65

6,40
7,25
7,65
7,90
15
U3R
0,80
025

Der Kurs der Noten am letzten jeden Monats in

‚876
877
878
879
‚880
881
‚882
‚883
'884
885,
‘886
887
‚888
1889
1890.
{891
[892 .
1898
[894
[895
1896
1897
1898
1899 |

1900
1901
1902
1903

Rußland?®)
100 Rubel in Mark

Oesterreich?)
100 Gulden in Mark

Italien?)
100 Lire in Mark

Jahres- |...
‚Jahres |pochsterlniedrigst.

‚Jahres | öonsterlniedrigst

„Jahres |höchster[niedrigst.

262,3
220,68
215,97
205,30
212,10
213.90
203/84
200,50
206,00
203,56
197,17
180,57
191/16
214/76
235,76
222/77
204/68
213,21
219,76
219/38
217,19
216,25
216,60
216.35

167,59
168,67
171,91
L74'12
17256
173,45
170,81
70,44
167,57
163,28
161,82
161,00
164,25
171,07
1756.50
„74,80
70,92
64,66
63,62
167,92
167,65
170,20
170,00
L69’90.

212,10
214,50
201,35
186,25
219,50
220,95
256,70
245.10
215,90
214/95
221,00
220,15
219,45
216,95
21730
216.95

205,17
198/40
190,50
175,25
168/60
207,30
22160
194.19
197,00
208/70
218,45
217,10
216.10
215,75
216.00
21600

165,80
163,13
162/70
16870
„73,80
82,70
178,50
„72,80
„6880
164,80
16960
170,70
170,40
170,15
170.10.

161,15
161,15
159,45
60,45
68,20
70,85
172,40
168,80
160,35
162,75
164,60
165,65
169,60
169,45
169.40

75,14
73,35
16,88
76:80
77,10
75,62
75.40

78,30
76,20
77,50
77,50
77,60
77,20
75.75

70,75
70,95
74,90
74,90
76,30
74,30
7480

216,30
216,10
216,31
216.15

216,75
216,25
217,10)
216.45

216,00
216,00
216,00 ı
216.00 |

100 Kronen in Mark
34,60 | 85,05| 8440
85.15 | 85,80! 85,05
85,35 36,65 | 85.05
R5’99 * 8560! 8505

76,58
77,80
80,40
81.25

77,40
79.20
21,50
81 70

75,90
77,05
79.75
81'053

Vereinigte Staaten von Amerika:
Mill. Doll. ; Mill. Doll.
m Umlauf Gelnreis im Umlauf
432,8 144,25 1872 357,5
425,8 144,50 1878 358,6
380,3 135,00 „874 378,4
356.0 138,25 1875 382,0
355,9 135,00 1876 371,8
356,0 120,00 1877 366,1
356.0 110,75 1878 349.9

1)

Jahr

Goldpreis

1865
1866
1867
1868
1869
1870
1871

109,50
112.00
110,25
112'50
112,75
107,00
10287

1) Lexis im Handwörterbuch, 3. Aufl, Art. „Papiergeld“.
3 Jahrbücher für Nationalökonomie in den einzelnen Jahren bis 1897 und
Chronik der betr. Jahre.
        <pb n="234" />
        215 —

Die obigen Zahlen zeigen die außerordentlichen Schwankungen,
welche das Agio in den verschiedenen Ländern mit Papierwährung
von einem Jahre zum anderen, wie auch innerhalb desselben Jahres
aufgewiesen hat. In Kriegszeiten, wo der Kredit des Staates gefährdet
 ist, sind sie leicht erklärlich. Während des nordamerikanischen
Bürgerkrieges betrug das Agio im Juli 1861 noch 6%, 1862 18 Us
1865 66 "/, "/o, im Juli 1864 gar 157%, August 1865 44°, um dann
langsam aber stetig zu sinken, bis die Barzahlung wieder aufgenommen
 und der Umlauf der Greenbacks ausreichend reduziert war.
Die Zahl der mit Zwangskurs in Umlauf befindlichen Noten
allein ist nicht ausschlaggebend. Bei gutem Kredit des Staates und
starker Entwicklung des Verkehrs kann sie, ohne daß die Noten im
Werte gedrückt werden, eine erhebliche Erhöhung erfahren, während
in Zeiten wirtschaftlicher Depression das Apgio steigt, auch wenn
sonstige Veränderungen nicht stattgefunden haben. Ende des Jahres
1866 waren in Italien nur 250 Mill. L. Papiergeld ausgegeben, das
Agio war sehr hoch, 1869 betrug die Summe 278 Mill. und der Notenkurs
 war gleichwohl sehr herabgegangen. Der Umlauf betrug in den
foldenden Jahren: 1870 445, 1871 629, 1872 740, 1874 880, 1881
940 Mill. L. Der Kurs war bis 1877 allerdings gestiegen, dann aber
trotz weiterer Erhöhung der Ziffer gesunken.
In Rußland waren 1852 308 Mill. Rubel Papiergeld ausgegeben,
1857 714 Mill, 1858 690, während der Wechselkurs auf London (nach
Ad. Wagner) in dem ersten ‚Jahre 38,2, im zweiten 37,2, im dritten
35,9 war. Dann blieb die Summe bis 1866 so ziemlich gleich, um im
folgenden Dezennium bis 1876 auf 790 Mill. zu steigen, 1870—71 erhob
 sie sich auf 1040 und 1188 Mill, sank bis 1884 auf 1045 Mill,
worauf sie längere Zeit unverändert blieb. Im Jahre 1879, wo die
Münz- und Währungsreform aufgenommen wurde, waren noch 1068
Mill. R. in Noten im Umlauf. Der Wechselkurs ermäßigte sich 1877
auf 25,8 und blieb bis 1885 24,1. Wir sehen den Kurs dann 1888
erheblich sinken, obwohl die Notenmenge nicht verändert war, um
dann wieder bis 1893 anzuwachsen und seitdem das Niveau zu bewahren.
 Am 16. Nov. 1914 waren 100 Rubel in Deutschland noch für
197 M., 100 Fres, französische Noten für 89 M, infolge der Nachfrage nach
denselben für unsere Soldaten auf feindlichem Boden zu haben. Da
die Börse geschlossen war, so handelt es sich um private Umsätze
bei einer größeren Bank.
In Oesterreich erreichte der Notenumlauf 1866 die Höhe von
einer halben Milliarde, stieg 1873 auf 703 Mill, ging 1879 auf 630 Mill.
herab, hatte 1891 834, 1898 856 Mill. betragen. Ende 1896 war er
auf 798,2 Mill. vorübergehend zurückgegangen, ohne darum eine Kursveränderung
 herbeizuführen. Die Zunahme der Bevölkerung wie des
ganzen Verkehrs verhinderte ein entsprechendes Sinken des Kurses.
Die Anpassung der Verwendung an den Vorrat ist aber wie ersichtlich
eine große. Nicht jede Verminderung oder Vermehrung des umlaufenden
Quantums übt einen Einfluß auf den Kurs aus. Am 16. Nov. 1914 war
der Kurs nur auf 78,50 gesunken.
        <pb n="235" />
        216

S 62.
Die Zettelbankpolitik.
v. ‚Philippovich, Die Bank von England im Dienste der Finanz-Verwaltung
des Staates. Wien 1885,
Lexzis, Handw. der Staatsw. Art. Banken. -
Karl Helfferich, Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898.

"reie Noten.
6mission.

Zentralisation.

Die Gefahren der Notenemission, wie sie durch den Mißbrauch
von seiten der Banken und die Urteilslosigkeit des Publikums ent:
stehen, haben schon früh die Staatsgewalt zum Eingreifen und zur
Beschränkung der Notenemission geführt; insbesondere nach großen
Krisen, die durch zu ausgedehnte Ausgabe von Noten herbeigeführt
wurden, wie im Beginne des 18. Jahrhunderts in Frankreich unter
John Law, 1837 in den Ver. Staaten, von wo sich die Krisis auch
auf Europa übertrug.
Zunächst versuchte man es mit der Freiheit der Notenausgabe.
So war in England einzelnen Personen und Gesellschaften von
nicht mehr als 6 Mitgliedern bis zum Jahre 1844 die Ausgabe von
Noten gestattet; seit 1775 allerdings nicht unter einem Pfd. St., von
1777—97 und dann wieder seit 1829 nicht unter 5 Pfd. St. GHeichwohl
 hatte die Bank von England sich ein Uebergewicht über die
übrigen Banken und einen maßgebenden Einfluß im Lande zu wahren
vermocht. Aehnlich waren die Verhältnisse in Schottland. In den
Ver. Staaten von Amerika war in mehreren Staaten gleichfalls
die Notenausgabe völlig freigegeben, während in anderen einzelne
Banken damit privilegiert waren.
Die Unhaltbarkeit dieses Zustandes ist gegenwärtig allgemein
anerkannt. Die Beschränkungen aber sind in sehr verschiedener
Weise durchgeführt; entweder durch Aufstellung bestimmter Normativbestimmungen,
 unter welchen die Banken Noten ausgeben dürfen, oder
durch Zentralisierung der Notenemission auf eine oder mehrere besonders
 privilegierte Banken, denen dann gleichfalls durch Gesetz
statutarische Beschränkungen auferlegt. sind. Dieses letztere Verfahren
 gewinnt in der neueren Zeit immer mehr und mehr Boden und
wird von der Wissenschaft immer allgemeiner als das Richtige anerkannt.
 Es hat sich in Europa immer mehr eingebürgert, während
die Vereinigten Staaten von Nordamerika noch an dem anderen Systeme,
 doch auch schon mit Beschränkung, festhalten.
Die Zentralisierung auf eine einzige Bank ist in Frankreich
und Oesterreich durchgeführt, während in Deutschland und
England das sog. gemischte System herrscht, wo neben einer großen
Zentralbank noch einzelne andere Notenbanken existieren. Doch ist
in beiden Ländern das Uebergewicht der Hauptbank ein entscheidendes,
und die Zentralisation nimmt fortdauernd zu.
Für die Zentralisation ist vor allem anzuführen, daß nur große
Zentralbanken, hinter denen der Staat mit seinen gewaltigen Mitteln
steht, auch in Zeiten der wirtschaftlichen Krisen volle Sicherheit und
der Geschäftswelt eine kräftige Stütze durch Gewährung ausgedehnter
Darlehen verschaffen können. Die kleinen Privatbanken sind in
solchen Zeiten besonders gefährdet und können daher nicht durch eine
erweiterte Notenemission ein größeres Risiko auf sich nehmen. Sie
versagen daher gerade in den Momenten, wo ihre Hilfe am meisten
gebraucht wird, und die Notenemission die einzig mögliche Hilfe bietet.
        <pb n="236" />
        917 —

Dagegen hat vor allem die preußische Bank, wie dann die Reichsbank
 sich in hohem Maße bewährt und in Zeiten der Krisen der Geschäftswelt
 eine wesentliche Hilfe geleistet. Ja, eine solche Zentralnotenbank
 erscheint in der Gegenwart, wenigstens in europäischen
Ländern geradezu unentbehrlich. Alle Normativbestimmungen sind
außerdem nicht imstande, die Banktätigkeit so zu begrenzen, daß sie
unter allen Umständen der Wohlfahrt des Landes dienstbar gemacht
wird. Die Macht einer größeren Notenbank ist aber so bedeutend,
ihr Einfluß auf das Wirtschaftsleben so durchgreifend, daß es mit
Recht als bedenklich erachtet ist, sie wenigen Privathänden allein zu
A hier muß vielmehr die Staatsgewalt selbst leitend eingreifen.

Zwei Formen sind hierbei zur Anwendung gelangt: die einfache
Staatsbank oder eine Privatbank, deren Leitung aber der Staat in
der Hand hat. Die letztere Form ist in Deutschland, Oesterreich,
 England und Frankreich üblich, die erste nur in
Schweden und Rußland. In Schweden ist erst neuerdings
durch Gesetz vom 12. Mai 1897 und 3. Mai 1902 das Notenprivileg,
das bis dahin 27 Banken zustand, der schwedischen Reichsbank von
Beginn des Jahres 1904 an ausschließlich übertragen. Der Versuch
in der Schweiz, eine Zentralbank mit ausschließlichem Notenprivileg
zu schaffen, ist bisher gescheitert. Es bestehen dort noch 36 kantonale
 und private Notenbanken.
Für die Staatsbank ist angeführt, daß das Notenprivilegium
allein durch den Staat und für den Staat ausgeübt werden dürfe:
indessen wird dieses auch erreicht, wenn die Leitung in der Hand
des Staates ist, und diese haben sich auch in den erwähnten Ländern
mit Privatbanken die Regierungen ausreichend gesichert, indem das
Direktorium ganz oder zum Teil von der Regierung ernannt wird,
und die Aktionäre nur eine beratende Stimme haben. Den Anteil
am Geschäftsgewinn sichern sich gleichfalls die Regierungen und
überlassen den Aktionären nur einen solchen Anteil, daß er den
Landeszinsfuß nicht erheblich übersteigt. Unter solchen Umständen
liegt kein Grund zu einer völligen Verstaatlichung vor, und der
Streit ist ziemlich bedeutungslos. Für die Konservierung der gegenwärtig
 gebräuchlichen Einrichtung spricht, daß der private Charakter
der Bank im Falle einer feindlichen Invasion die Bankgelder vor
Beschlagnahme schützt und auf der anderen Seite der Bank eine gewisse
 Widerstandskraft gegen die einseitige Ausbeutung durch den
Staat gewährt, wie sie in den von ihm geforderten Zwangsanleihen
in Notfällen des Staates wiederholt vorgekommen ist und die Bank
in hohem Maße gefährden kann.
In beiden Fällen tritt den oben angeführten Vorteilen der großen
Zentralbanken das Bedenken gegenüber, daß bei der großen Uebermacht
 einer Zentralbank einzelne Persönlichkeiten einen übermäßigen
Einfluß auf den Geschäftsverkehr auszuüben vermögen und durch Mißgriffe,
 z. B. in der Diskontopolitik, eine verhängnisvolle Wirkung auf
die Volkswirtschaft ausüben können. Aus demselben Grunde werden
bei Zentralisation die verschiedensten Teile des Landes mit sehr ungleichen
 Verhältnissen leicht in derselben Weise behandelt. Die einzelnen
 Banken, wie z. B. die bayrische Notenbank, haben oft einen
anderen Diskont, namentlich niedrigeren, gezeigt wie die Reichsbank,
was von derselben sehr unliebsam aufgenommen würde, und es ist

Vorteile reiner
Staatshanken.

Nachteile der
Zentralisation.
        <pb n="237" />
        218 —

dies jetzt gesetzlich beseitigt. Eine Zentralbank, die im ganzen
Lande durch Filialen vertreten ist, wird die zentralisierte Geschäftsleitung
 sicher im Interesse der Gesamtheit durchführen. Ob aber
die einzelnen Geschäftsorte dabei völlig ihre Rechnung finden, kann
doch fraglich sein, da sie zu sehr unter dem Einfluß der Filialen
stehen, die in mittleren und kleinen Städten völlig dominieren, und
nach der allgemeinen Schablone behandelt werden, so daß Lokalund
 Personalverhältnisse kaum genügende Berücksichtigung finden.
Wo die Verhältnisse des Landes sehr verschieden sind, wird deshalb
eine gewisse Dezentralisation, wie in dem gemischten Systeme,
durchaus am Platze sein, wie es in Deutschland, und noch mehr
jedenfalls in der nordamerikanischen Union der Fall ist.

8 63.

Deckungsfrage

ımerikan.
Union.

Die Normativbestimmungen für die Zettelbanken und
die Einrichtungen einzelner Landesbanken.
Zur Sicherung der Noten ist vor allem die Beschränkung der
mission durchgeführt. Naheliegend ist es, sie mit der Bardeckung
in Zusammenhang zu bringen und die Deckung eines bestimmten
Prozentsatzes der umlaufenden Noten durch Barmittel zu verlangen.
Sehr allgemein verbreitet ist der Anspruch der Dritteldeckung, wie
sie das deutsche Bankgesetz von 1875 verlangt, ebenso das
niederländische, das belgische, neuerdings auch das
schweizerische Bankgesetz mit 40% verlangen. Der Spielraum
ist aber offenbar ein viel zu großer, um einen angemessenen Schutz
bieten zu können, und hat kaum eine praktische Bedeutung. Außerdem
 hat man die Notenausgabe von der Höhe des Stammkapitals abhängig
 gemacht. Dies ist in verschiedenen amerikanischen Staaten
der Fall. Das Schweizer Gesetz vom 8. März 1881 beschränkt das
Notenkontingent auf das Doppelte des Aktien- bzw. des Dotationskapitales.
 Doch pflegt das Stammkapital in keiner Weise auszureichen,
 um eine wirkliche Sicherung nach dieser Richtung zu bieten.
Bei der Bank von Frankreich ist erst 1871 überhaupt eine
Beschränkung in der Notenemission bestimmt, und zwar nur in der
Gesamtsumme, unabhängig von der Deckung. Die Summe wurde
mehrere Male verändert und ist dann auf 5000 Millionen Fres. normiert.
 Bei Ausbruch des Krieges von 1914 wurde die Summe auf
12 Milliarden erhöht, Von besonderer Bedeutung ist die bisherige
amerikanische Einrichtung, welche schon 1838 im Staate New-York
 eingeführt wurde, daß die größeren Banken zwar die Freiheit
haben, Noten in Umlauf zu setzen, dafür aber verpflichtet sind, zu
deren Sicherung verzinsliche Staatsobligationen bei der Regierungskasse
 zu deponieren, worauf sie von derselben im Betrage von 90%
des Kurswertes Noten zur freien Verfügung ausgehändigt erhalten
(Gesetz von 1862 für die ganze Union). Dadurch ist erreicht, daß
die Inhaber der Noten auch in dem Falle der Liquidation der Bank
ihrer Befriedigung sicher sind. Dagegen ist das Fallieren der
Banken dadurch natürlich nicht verhindert. Außerdem liegt der
wesentliche Nachteil vor, daß die Banken nun bestrebt sein müssen,
die ihnen zur Verfügung gestellten Noten auch fortwährend im Umlauf
 zu erhalten, ev. zu gewagten Unternehmungen. Dies hat allerdings
 einen erheblichen Nachteil nicht herbeigeführt, da die Ein-
        <pb n="238" />
        219 —

richtung ohnehin den Vorteil der Notenemission für die Banken bedeutend
 beschränkt. Ebenso fiel aber der volkswirtschaftliche Nutzen
der Notenemission fort, sich dem Bedarf an Umlaufsmitteln anzu-Schließen.
 Für die Noten mußten Papiere deponiert werden, die der
Bank 4—5 %, liefern; standen sie über pari, so erhielten sie doch
nur 96% des Nominalbetrages und bei der Rückzahlung nur den
Nominalbetrag ausgezahlt. Bei dem hohen Zinsfuß, der namentlich
noch im Westen Amerikas herrscht, wurde dadurch den Banken ein
großer Zinsverlust zugemutet, der sie auf eine erweiterte Notenemission
 verzichten ließ, Dieselbe ist deshalb überhaupt eine sehr
geringe und bei der Geldbedürftigkeit des Landes unzweifelhaft unzulänglich
 geblieben. Der Notenumlauf ging mehr und mehr zurück
und betrug in den neunziger Jahren noch nicht 200 Millionen
Dollar gegenüber 300 Millionen in den siebziger und Anfang der
achtziger Jahre. 1902 hob er sich wieder auf 358 Millionen Dollar.
Die New-Yorker Banken hatten 1904 bei einem Metallvorrat von
229 Millionen Dollar nur 77,5, 1906: bei 184,8 78,6 Millionen Dollar
in Noten zur Verfügung, 39,9 und 49,7 Millionen im Umlauf. Die
Depositen beliefen sich aber auf 1118 Millionen Dollar i. J. 1904,
und 1024 Millionen i. J. 1906. Der Schwerpunkt liegt dort in dem
Depositenverkehr.
Zu bemerken ist noch, daß die Notenbanken oder sogenannten
Nationalbanken in Amerika unter der Aufsicht besonderer Staatskontrolleure
 stehen.
Das beschriebene Banknotenwesen in den Verein. Staaten genügte,
 wie sehr allgemein anerkannt, dem Verkehre des großen
Landes in keiner Weise. Besonders konnte es, wie angedeutet, zur
Milderung wirtschaftlicher Krisen durch Erweiterung des Kredites
an die Geschäftswelt nicht genügend beitragen, wie das in den hauptsächlichsten
 europäischen Ländern mit großen Zentralnotenbanken der
Fall war. So hat auch der Ausbruch des Krieges 1914 selbst in den
unmittelbar beteiligten Ländern keine solche Geld- und Kreditkrisis
herbeigeführt als in der Union. Auf Grund von Studien in Europa
ist deshalb schon seit mehreren Jahren dort an einem neuen Bankgesetzentwurf
 gearbeitet. Aber erst am 23. Dezember 1913 ist ein
solches Gesetz?) zur Annahme gelangt, das demnächst der praktischen
Einführung harrt.
Die hauptsächlichste Aenderung durch das neue Gesetz Negt
darin, daß gegenüber der bisherigen Dezentralisation durch 7500 Nationalbanken,
 die das Recht einer Notenemission hatten, in 12 Distrikten,
 in die die Union eingeteilt wird, je eine „Federal-Reserve-Bank“
 errichtet wird und diese 12 Banken eine Spitze in Washington
erhalten, wodurch eine Zentralisation angebahnt wird. Jede der bisherigen
 Nationalbanken muß sich mit 6°% ihres Eigenkapitals und
ihrer Reserven an der in ihrem Distrikt liegenden F.-R.-Bank beteiligen,
 während Staats-Banken der einzelnen Staaten und Trustbankgesellschaften
 in gleicher Weise die Mitgliedschaft erlangen können.
Im Allgemeinen dürfen die F.-R.-B. nur mit ihren Mitgliedsbanken
Geschäfte machen. Diese beschränken sich auf die Annahme von
Depositen, Giroverkehr, Notenausgabe, Diskontierung von Wechseln

1) Jastrow u. J. Bendix, Die amerikanische Bankreform. Jahrb. f. Nat.-Oek.
(914, Bd. 103, S. 599,
        <pb n="239" />
        220 —

&amp;lt;ontingentierung.


(die bisher in Amerika nur eine ganz untergeordnete Rolle spielte),
Handel mit Edelmetall und Wertpapieren (nur Schatzanweisungen
und Bonds der Verein. Staaten und kurzfristige Obligationen), Erteilung
 von Vorschüssen. Die Leitung liegt in der Hand eines Direktoriums
 von 9 Mitgliedern, eines Beratungsausschusses, der aus Vertretern
 der F.-R.-B. besteht. Schließlich hat ein Federal-Reserve-Board
die ÖOberaufsicht zu führen. Es besteht aus 7 Mitgliedern, unter
denen der Schatzamtssekretär und der Comptroller of Currency ex
officlo dazu gehören, während die anderen 5 Mitglieder vom Präsidenten
der Verein. Staaten. unter Zustimmung des Senats ernannt werden.
Die Ausgabe der neuen Banknoten (Federal-Reserve-Notes) erfolgt
 durch die Regierung, die F.-R.-B. setzt sie in Umlauf. Das F-.R.-Board
 bestimmt das Quantum, welches den einzelnen Banken zu überlassen
 ist, wofür ein gleicher Betrag diskontfähiger Wechsel auszuhändigen
 und 40%, Goldreserve von der.Bank zu halten ist. Für
diesen Betrag ist eine von der Bank von Fall zu Fall zu bestimmende
Steuer zu zahlen. Die bei den F.-R.-B. einlaufenden Noten müssen
den Banken, welche sie ausgegeben haben, stets zur Einlösung zugestellt
 werden. Alle Noten müssen sowohl von deren Schatzamt in
Washington wie von allen Banken zu jeder Zeit bei Präsentation
in Gold eingelöst werden. Es heißt in dem Gesetz: „Diese Noten
sollen Schuldverpflichtungen der Vereinigten Staaten sein und sollen
von jeder National-Mitglieds- und F.-R.-Bank sowie für alle Steuern,
Zölle und sonstigen öffentlichen Abgaben in Zahlung genommen werden.“
Zunächst ist den Nationalbanken auch noch die Ausgabe von Noten
wie bisher auf Grund von Einlieferung von Staatspapieren gestattet.
Unzweifelhaft ist durch dieses Gesetz eine wesentliche Besserung
des Notenverkehrs angebahnt.
Kine feste Kontingentierung der ungedeckten Noten hat die
Robert Peelsche Bankakte von 1844 für die englischen Notenbanken
 gebracht, indem nach dem Durchschnitte der letzten 10 Jahre
jeder Bank nur eine bestimmte Zahl von ungedeckten Noten auszugeben
 gestattet wurde; für die Aktienbanken 3,5 Millionen, für die
Privatbanken 5,1 Millionen, für die Bank von England 14 Millionen
Pfd. St. In ähnlicher Weise wurden in Schottland den 19 Zettelbanken
 3 Millionen ungedeckter Noten eingeräumt, die in der Gegenwart
 durch das Eingehen einzelner Banken auf 2,6 Millionen vermindert
 sind. In England dagegen übernahm die große Bank die
Noten der Zettelbanken, welche das Privilegium aufgaben. Durch
diese Maßregel wurde die Ausnutzung des Notenprivilegiums in England
 wesentlich beschränkt, so daß in der neueren Zeit immer allgemeiner,
 vor allen Dingen bei der Bank von England, der Barvorrat
 den Notenumlauf zu übersteigen pflegt. 1897 standen einem
Metallvorrat von 31,8 Millionen Pfd. St. 27,4 Mill. Noten, im Mai
1907 35,2 Mill. Pfd, St. Metall 28,8 Mill. Noten der Bank von England
 gegenüber. 1913 betrug am 29. Oktober der Notenumlauf 587,
der Barvorrat 764 Mill. M., Ende Dezember der Notenumlauf 605,
der Barvorrat 705 Mill. M.
Auf der anderen Seite zeigte es sich, daß durch die Kontingentierung
 des Notenumlaufs gerade in den Zeiten der wirtschaftlichen
Krisen die Banken nicht imstande waren, ihre Aufgabe ausreichend
zu erfüllen, so daß man noch in den Jahren 1847, 1857 und 1866
sich genötigt sah, die Peels-Akte zu suspendieren und eine erweiterte
        <pb n="240" />
        -. 221 —

Ausgabe von Noten zu gestatten. Bis aber die Suspendierung durch
das Parlament ausgesprochen wurde, war übermäßig viel. Zeit verloren
 und der Moment verpaßt, wo durch erweiterte Darlehen Hilfe
geleistet werden konnte. Je mehr sich die Notenemission der Grenze
näherte, um so mehr steigerten sich die Anforderungen an die Notenbanken,
 indem Jeder noch etwas zu erhalten suchte, bevor die
Leistungsfähigkeit der Banken erschöpft war, die sich dadurch zu
einer extremen Steigerung des Diskonts genötigt sahen, welcher bis
zu 10% gelangte. Nur in einem so konservativen Lande wie England
 war es möglich, ein Gesetz bis zur Gegenwart unverändert zu
erhalten, das sich wiederholt als gänzlich unpraktisch erwiesen hat.
Mit vollem Rechte ist deshalb das Deutsche Reich diesem Beispiele
nicht gefolgt. Es hat aber der Currencyrichtung, ebenso wie Oesterreich-Ungarn,
 die Konzession gemacht, einen Druck auf die Notenemission
 durch eine Steuer auszuüben, die bei Ueberschreitung des
kontingentierten Betrages an ungedeckten Noten 5%, beträgt. Die
von dieser Maßregel befürchtete übermäßige Steigerung des Diskonts
in Zeiten großer Ansprüche an die Banken ist nicht eingetreten,
und bis in die letzten Jahre kam eine Kontingentsüberschreitung
nur äußerst selten vor. In den letzten Jahren ist sie indessen immer
häufiger eingetreten, 1906 17mal, am 31. Dezember um 572 Mill. M.,
so daß eine gesetzliche Erweiterung des Kontingents 1901 auf
150 Mill. (seitdem auf 472829000 M.) unvermeidlich wurde, die aber
nach den Erfahrungen des Jahres 1906 noch zu niedrig gegriffen
war, Durch die Novelle zum Bankgesetz vom 1..Juni 1909 wurde
las steuerfreie Notenkontingent der Reichsbank wiederum erhöht,
nämlich auf 550 Mill. M. für die gewöhnlichen Termine auf 750 Mill. M.
für die Nachweisungen der 4 Quartalsletzten, wo erfahrungsgemäß
die Ansprüche an die Reichsbank am stärksten sind. Insgesamt
haben nun die 5 in Deutschland noch bestehenden Notenbanken (vgl.
Seite 225) vom 1. Januar 1911 ab ein steuerfreies Notenkontingent
von rund 618,8 Mill. M., das für die 4 Quartalsschlußtermine auf
818,8 Mill. M. erhöht ist. Für die unter Staatsleitung stehenden
Banken erscheint eine solche Beschränkung überhaupt kaum nötig,
Sie hat nur insofern eine Bedeutung, als das Publikum darauf aufmerk.
sam gemacht wird, daß eine Diskonterhöhung zu erwarten ist, wenn
der Notenumlauf sich der steuerfreien Grenze nähert.
Eine weitere wesentliche Maßregel zur Sanierung des Notenwesens
 besteht in der Ausschließung der kleinen &amp;amp; points. Es ist
die allgemeine Beobachtung, daß die Umlaufszeit der Noten um So
größer wird, je kleiner die Summe ist, auf welche sie lauten, weil
die kleinen Noten in die Hand des größeren Publikums, namentlich
auch auf das Land gelangen, also in Kreise, die nicht in der Lage
sind, dieselben den Banken zur Einlösung zu präsentieren, wodurch
die Noten sich als allgemeines Zahlungsmittel im Umlauf erhalten.
Die größeren Noten bleiben dagegen hauptsächlich der Geschäftswelt
vorbehalten, welche sie nach Kurzer Zeit in die Banken wieder
zurückliefert. Die Bank von England rechnet darauf, daß eine ausgegebene
 Tausendpfundnote bereits nach 8 Tagen ihr wieder präsentiert
 wird, die Hundertpfundnote erst nach 6—8 Wochen.
Vor 1875 gaben eine Menge deutscher Banken Taler- und Gulden-Noten
 aus, die sich außerordentlich lange bei der Arbeiterbevölkerung
in Zirkulation erhielten. Mehrere kleine Banken eriffen zu allerhand

Verbot kleiner
Noten.
        <pb n="241" />
        222

Zinlösungsver-Dflichtung.


Staatskontralle.


Mitteln, um ihre Noten auch in entfernten Gegenden in Umlauf zu
bringen, indem sie sie z. B. an kleine Bankiers zur Unterbringung
gegen Gebühr versendeten, die ihrerseits besonders Viehhändler dazu
benutzten, die Scheine auf dem Lande unterzubringen, von wo sie
natürlich erst nach Ablauf längerer Zeit wieder in die Bank zurückkehrten.
 Dadurch war es möglich, mehr Noten im Umlauf zu erhalten,
 als Bedarf dafür vorlag. Es war deshalb eine sehr heilsame
Maßregel des deutschen Bankgesetzes von 1875, zunächst die Noten
unter 100 M. völlig zu beseitigen. Durch Gesetz vom 20. Februar
1906 ist der Reichsbank gestattet, als Ersatz für das betreffende
Papiergeld 20- und 50-Marknoten nach Bedarf für den Verkehr auszugeben.
 In der Hand der Reichsbank ist ein Mißbrauch der Maßregel
 nicht zu befürchten. Dafür sollen nach Gesetz vom 5. Juni 1906
nur noch Reichskassenscheine zu 5 und 10 M. im Umlauf bleiben. !)
In England und Wales ist die kleinste Note auf 5 Pfd. Sterling,
in Schottland auf 1 Pfd. Sterling, in Belgien auf 20 Fr., in
den Niederlanden 25 Gulden, in der Schweiz 50 Fr. ausgestellt.
In Frankreich wurde 1857 die untere Grenze auf 50 Fr. normiert,
1870 dagegen auf 5 Fr. herabgesetzt und sogar vorübergehend noch
darunter. Die Noten unter 5 Fr. sind bald wieder eingezogen.
Kine unbedingte Voraussetzung ist die Verpflichtung der Banken
zur Einlösung der präsentierten Noten. Bei den großen Zentralbanken
 ist es wünschenswert, diese Verpflichtung auch möglichst auf
die Filialen auszudehnen. Bei dem gemischten Systeme muß einer
jeden Bank die Annahme sämtlicher Noten, also auch derjenigen der
anderen Banken auferlegt werden. Um das Zurückströmen überschüssiger
 Noten zu erleichtern, ist dabei die Verpflichtung wünschenswert,
 die eingelaufenen Noten anderer Banken nicht selbst wieder
in Umlauf zu setzen, sondern sie der betreffenden Bank zur Einlösung
 zu präsentieren, wie das in dem deutschen Bankgesetz verlangt
 wird. Zur Kontrolle gegen Fälschungen pflegen die Banken
überhaupt keine Note zum zweiten Male auszugeben, sondern die
präsentierten zu vernichten und durch neue mit fortlaufender Nummer
zu ersetzen.
Zur Sicherung der emittierenden Banken selbst ist es unumyänglich
 notwendig, sie statutarisch auf die reinen Bankgeschäfte zu
beschränken und von allen Börsenspekulationen fernzuhalten, wie das
in der Tat auch allgemein bei den unter Staatskontrolle stehenden
auf dem europäischen Kontinente der Fall ist.
Ebenso selbstverständlich erscheint der Anspruch einer häufigen,
ev. allwöchentlichen Publikation der Geschäftslage, da es für das beteiligte
 Publikum von der höchsten Wichtigkeit ist, den Gang der
Geschäftstätigkeit beständig kontrollieren zu können.
Schließlich ist bei der hohen Bedeutung des Notenprivilegiums
eine Kontrolle der nicht unter Staatsleitung stehenden Banken notwendig.
 Für die Vereinigten Staaten sind hierfür besondere
Beamte angestellt. In Deutschland hat der Reichskanzler zu
jeder Zeit das Recht, durch einen Beamten eine Revision der Bücher
der Banken vornehmen zu lassen. Indessen ist schon früher angedeutet,
 daß solche Revisionen niemals so eingreifend sein können,
um eine wirkliche Bürgschaft zu gewähren, dieselbe liegt vielmehr

L) Die Kriegsmaßregeln vom 4. u. 81. Aug. 1914 ist S. 211 u. 225 erwähnt.
        <pb n="242" />
        — 293 —

in der Sicherheit der im Portefeuille befindlichen Wechsel, welche
nicht von außen her kontrolliert werden kann, die vielmehr allein
das leitende Direktorium zu beurteilen vermag.
Man hat auch die Solidarhaft der Bankteilhaber verlangt,
um dadurch den Banken eine größere Sicherheit zu gewähren. Wo
die Banken unter Staatsleitung stehen, und damit der Staat ohnehin
die Garantie für dieselben übernimmt, ist dieses überflüssig und
geradezu unzulässig, wo die Aktionäre wie bei der deutschen Reichsbank
 nur beratende Stimme haben, also auf die Leitung einen maßgebenden
 Kinfiuß nicht ausüben. Eine solche Solidarhaft ist deshalb
bei der Reichsbank auch nicht verlangt. Dieselbe reicht bei den
großen Banken auch nicht zu einer wirklichen Stütze aus und ladet
den Aktionären ein zu weitgehendes Risiko auf. Beispiele in der
neueren Zeit haben ergeben, daß auch bei sehr bedeutenden, angesehenen
 Banken die Solidarhaft der Bankteilhaber nicht genügte,
den Zusammenbruch zu verhüten, der dann, wie z. B. bei der City
of Glasgow-Bank, ganz unerwartet eine große Zahl von Menschen,
die sich ihrer Verantwortung gar nicht bewußt waren, an den Bettelstab
 brachte.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß all die erwähnten Maßregeln
den Banken eine unbedingte Sicherheit nicht zu verschaffen vermögen,
 weshalb die Handhabung des Privilegiums der Notenausgabe,
also die Leitung der Notenbank zweckmäßig der Staatsgewalt selbst
zu übertragen ist.
Werfen wir hiernach noch einen Blick auf die Einrichtung des
Notenbankwesens in einzelnen Ländern.

Solidarhaft.

$ 64.
Die Notenbanken einzelner Länder.

Telschow, Der gesamte Geschäftsverkehr mit der Reichsbank. Leipzig 1900.
K. F. Kämmerer, Reichsbank und Geldumlauf. Berlin 1898.
E. v. Philippovich, Die Bank von England im Dienste der Finanzverwaltung
des Staates. Wien 1885.
F. Schuster, The Bank of England and the State. Manchester 1906.
&amp;amp;. Schwalenberg, Die Bank von Frankreich und die deutsche Reichsbank.
Halle a. S. 1904.
P, Gygaz, Die Verwirklichung der schweizerischen Zentralbankidee. Jahrb.
[. Nationalökonomie 1905, Bd. 380.
W. &amp;amp;. Sumner, A history of banking in the United States, New York 1896.
Hasenkamp, Die Geldverfassung und das Notenbankwesen der Ver, Staaten.
Jena 1907.
Claus, Das russische Bankwesen. 1907.
. Zuckerkandl, Das neue Privilegium der österr.-ungar. Bank. Jahrb. f. National
ökonomie, 3, F., Bd. 45, 1913.

In Deutschland geht die Entwicklung von 1765 aus, wo in
Berlin die königliche Giro- und Leihbank als reine Staatsanstalt mit
einem Kapital von 8 Mill. Taler gegründet wurde. Sie akzeptierte
ein Rechnungsgeld, das Bankopfund (Ein Viertel Friedrichsd’or), Wonach
 die königlichen Kassen und die Berliner Kaufleute rechnen und
buchführen sollten. Die Annahme verzinslicher Depositen wurde das
Hauptgeschäft, während der Giroverkehr keine große Bedeutung zu
erlangen vermochte. Auch die in Angriff genommene Notenausgabe
war eine unbedeutende, in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts
betrug sie etwa 800000 Taler. 1805 hatte sich die Summe auf

Anfwicklungin
Deutschland.
        <pb n="243" />
        294

1,3 Müll. Taler erhoben, bei einem Barvorrat von gegen 9 Mill. Taler.
Neben der Hauptkasse in Berlin waren noch 11 Filialen vorhanden.
Wir übergehen die nächstfolgende Zeit und bemerken nur, daß in
den 30er Jahren die Banknote wieder verschwunden war, indem sie
durch das nach den Napoleonischen Kriegen massenhaft ausgegebene
Papiergeld verdrängt wurde. Gerade in jener Zeit aber begann sich
das Bedürfnis nach größeren Bankinstituten mehr und mehr herauszustellen.
 So wurde 1834 die bayrische Hypotheken- und Wechselbank
 in München mit dem Rechte der Notenemission bis zu 8 Mill,
später 12 Mill. Gulden gegründet. Sie war und ist noch heute eine
Privatanstalt unter Staatsaufsicht. 1838 entstand als sächsische
Privatzettelbank die Leipziger Bank, gleichfalls unter Staatsaufsicht.
In Preußen sah man sich veranlaßt, 1846 die Umgestaltung der alten
Bank in die Preußische Bank zu vollziehen, die mit einem privaten
Aktienkapital von 10 Mill. Taler ins Leben trat, aber von Staatsbeamten
 geleitet wurde. Diese Preußische Bank hat dann allmählich
 eine immer größere Bedeutung erlangt und in der Kriegszeit
1866 und 1870 dem Lande die größten Dienste geleistet. Neben ihr
entstanden Ende der 40er, dann in den 50er Jahren noch eine Reihe
kleinerer Banken, so daß in Deutschland 1857 in 20 deutschen Territorien
 30 Zettelbanken tätig waren. Anfang der 50er Jahre waren
etwa 120 Mill. M. an Noten in Umlauf, von denen höchstens 15 Mill.
ungedeckt waren.
Seitdem begannen besonders die kleineren Anstalten immer mehr
und namentlich kleine Noten in Umlauf zu setzen, und zwar vielfach
mehr, als das ihnen zugewiesene Territorium zu absorbieren vermochte.
 Dagegen richtete sich denn auch das allgemeine Mißtrauen,
und man strebte mehr und mehr nach einer Zentralisierung, die bald
nach der Konstituierung des Deutschen Reiches energisch in Angriff
yenommen wurde und durch das Deutsche Bankgesetz vom 14. März
1875 eine feste Form gewann. In jenem Momente bestanden 33 Notenbanken,
 deren Privilegien vielfach noch tief in das 20. Jahrhundert
hineingingen. Die gesamte Notenemission derselben belief sich Ende
1873 auf 1352 Mill. M. bei einer Bardeckung von 925 Mill, so daß
427 Mill. ungedeckter Noten in Umlauf waren. 1867 war der Betrag
nur 202,3 Mill. gewesen. Die Preußische Bank allein hatte einen
Notenumlauf von 898 Müll, eine Bardeckung von 703 Mill, also
195 Mill. ungedeckte Noten. Sie war bei weitem die bedeutendste
Bank, hatte aber den Notenumlauf nur mit großer Vorsicht behandelt,
was man von einer ganzen Anzahl anderer Banken nicht sagen
konnte, Die Braunschweigische Bank z. B. hatte bei einem Barvorrat,
von nur 4,3 Mill. M. 13,5 Mill. Noten in Umlauf, die Mitteldeutsche
Kreditbank 24 Mill, bei nur 8,5 Mill. Barvorrat, also nur eine Drittelleckung.
 Dasselbe war bei der Privatbank in Gotha der Fall. Bei
der Anhalt-Dessauischen Landesbank war noch nicht der vierte Teil
bar gedeckt, und nicht viel stärker war die Deckung der Thüringischen
 und Geraer Bank. Neben diesem starken Notenumlauf zirkulierten
 über 180 Mill. M. an Papiergeld, teils bekanntlich in Kreuzerand
 Gulden-, teils in Talerwährung. Neben dem Uebergang zur
Goldwährung und der Markmünze fand dann, wie schon erwähnt, die
Reduktion des Papiergeldumlaufes auf 120 Mill. statt und die Umyestaltung
 der Preußischen Bank in die Deutsche Reichsbank, während
die übrigen Notenbanken zunächst ihr Privilegium behielten. aber
        <pb n="244" />
        225 —

einer bestimmten gesetzlichen Norm unterworfen wurden. Die Hauptbestimmungen
 des Gesetzes, welche für uns hier von Interesse sind,
sind die folgenden:
Der Gesamtbetrag an ungedeckten Noten wurde kontingentiert
auf 385 Millionen, von denen ursprünglich 250 Mill. auf die
Reichsbank fielen, während der übrige Betrag nach ihrer bisherigen
Geschäftsausdehnung auf die einzelnen Banken verteilt wurde. Der
geringste Betrag war 159000 M., welcher auf die landgräflich-hessische
 Landesbank fiel. Die nach der Reichsbank größte war die
bayrische Bank mit 32 Mill. Verzichtete eine Bank auf das
Privilegium oder verlor eine dasselbe, so fiel der Betrag der Reichsbank
 zu, welche auf diese Weise ein Kontingent von 293,4 Mill.
erlangt hatte, bis das Gesetz von 1901 es auf 450 Mill. M. erhöhte.
1902 verzichtete die Bank für Süddeutschland, 1907 die braunschweigische
 Bank auf das Notenprivilegium, wodurch sich das
Kontingent der Reichsbank!) auf 472829000 M. erhöhte, das, wie
erwähnt, durch Gesetz vom 1. Juni 1909 auf 550 Mill., im Beginn
 jedes Vierteljahres 750 Mill. festgesetzt ist. Außerdem haben
noch die folgenden Banken das Privilegium der Notenausgabe:

absoluter Steuerfreier Betrag
Höchstbetrag der Notenemission
bayrische Bank 70 Mill. 32,00 Mill.
zächsische x — 16,77
württemberg, „ 25,7 10,00
badensche » 27 10,00
Summa 68,477 Mill.

Die
n
?

Jeutsche Bank:
gesetzgebung.

Erstreckt sich der Notenumlauf über diese Summe hinaus, so ist
dafür eine Steuer von 5%, zu zahlen.
Die Notenbanken sind folgenden Beschränkungen unterworfen:
Banknoten durften nach dem Ges, von 1875 nur auf Beträge von 100, 200,
500 und 1000 M. oder einem Vielfachen.von 1000 M. ausgefertigt werden. Nach
Ges, v. 20. Febr, 1906 auch zu 50 und 20 M. Den Banken, welche Noten ausgeben,
ist nicht gestattet: 1. Wechsel zu akzeptieren, 2. Waren oder kurshabende Papiere
für eigene oder für fremde Rechnung auf Zeit zu kaufen, oder auf Zeit zu verkaufen,
 oder für die Erfüllung solcher Kaufs- oder Verkaufsgeschäfte Bürgschaft zu
nehmen. Sie haben den Stand ihrer Aktiva und Passiva viermal im Monate zu
Dublizieren und spätestens drei Monate nach dem Schlusse jedes Geschäftsjahres eine
genaue Bilanz ihrer Aktiva und Passiva, sowie den Jahresabschluß des Gewinn- und
Verlustkontos zu publizieren. Den Banken, welche sich diesen Bestimmungen nicht
unterwerfen wollten, konnte das von der Regierung gewährte Privilegium zwar nicht
willkürlich entzogen werden. Dafür aber wurde ihr Notenumlanf dann auf das
Territorium beschränkt, für welches ihr Privilegium lautete; und da dieses bei den
Privatbanken meistens zu klein war, um eine angemessene Tätigkeit zu entfalten,
30 unterwarfen sich sämtliche, die überhaupt von ihrem Privilegium weiter Gebrauch
machen wollten, mit Ausnahme der Braunschweiger Bank, diesen Bestimmungen.

1) Die Gesetze vom 4. Aug. 1914 bestimmen, daß an Stelle der Goldmünzen
Reichskassenscheine und Reichsbanknoten ausgegeben werden dürfen. Reichskassenscheine
 sind bis auf weiteres gesetzliches Zahlungsmittel und die Reichsbank ist zur
Einlösung ihrer Noten nicht verpflichtet. An den Orten der Reichsbankhauptstellen
werden Darlehnskassen gebildet, die 1!% Milliarden Darlehnskassenscheine zu 50,
20, 10, 5 (seit 24. Aug.), 2 und 1 M. ausgeben dürfen, die ohne Zwangskurs im Privatverkehre
 aber von allen öffentlichen Kassen angenommen werden müssen. Darlehnskassen
 sind bestimmt, Darlehn gegen Pfand zu mindestens 100 M. auf drei Monate,
ausnahmsweise auf sechs Monate zu geben. Die Sicherheit wird gewährt entsprechend
der $8 4 u. 6 des Bankgesetzes von 1875.
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl.
        <pb n="245" />
        296

Von besonderer Bedeutung sind nun noch die gesetzlichen Bestimmungen
 über die Reichsbank:
Unter dem Namen Reichsbank wird nach dem Gesetze eine unter Aufsicht
and Leitung des Reiches stehende Bank errichtet, welche die Eigenschaft einer
juristischen Person besitzt und die Aufgabe hat, den Geldumlauf im gesamten
Reichsgebiete zu regeln, die Zahlungsausgleichungen zu erleichtern und für die
Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu sorgen. Die Reichsbank hat ihren Sitz
in Berlin. Sie ist berechtigt, allerorten im Reichsgebiete Zweiganstalten zu errichten
 N existierten Ende 1913 488 Bankstellen, mit einer größeren Zahl Unteranstalten).


Die Reichsbank ist befugt, folgende Geschäfte zu betreiben:
L. Gold und Silber in Barren und Münzen zu kaufen und zu verkaufen.
2. Wechsel, welche eine Verfallzeit von höchstens drei Monaten haben, und
auf welchen in der Regel drei, mindestens aber zwei als zahlungsfähig bekannte
Verpflichtete haften, ferner Schuldverschreibungen des Reiches, eines deutschen
Staates oder inländischer kommunaler Korporationen, welche nach spätestens drei
Monaten mit ihrem Nennwerte fällig sind, zu diskontieren, zu kaufen und zu verkaufen.

8. Zinsbare Darlehen auf nicht länger als drei Monate gegen bewegliche Pfänder
auszugeben: Lombardverkehr, a) gegen Gold und Silber gemünzt und ungemünzt,
b) gegen zinstragende, oder zinslose, spätestens nach einem Jahre fällige und auf
den Inhaber lantende Schuldverschreibungen des Reiches, eines deutschen Staates
oder inläudischer kommunaler Korporationen usw., voll eingezahlte Stammaktien,
Prioritätsobligationen dentscher Eisenbahngesellschaften, Pfandbriefe landschaftlicher,
kommunaler Bodenkreditinstitute usw. zu höchstens drei Viertel des Kurswertes,
ec) gegen zinstragende, auf den Inhaber lautende Schuldverschreibungen nicht deutscher
Staaten usw. zu höchstens 50° des Kurswertes, d) gegen Wechsel, welche anerkannt
solide Verpflichtete aufweisen, mit einem Abschlage von mindestens 5%, ihres Kurswertes,
 e) gegen Verpfändung im Inlande lagernder Kaufmannswaren höchstens bis
zu zwei Drittel des Wertes.
4. Schuldverschreibungen der vorstehend unter 3b verzeichneten Art zu kaufen
und zu verkaufen.
5. Für Rechnung von Privatpersonen Anstalten und Behörden Inkassos zu
besorgen und nach vorheriger Deckung Zahlungen zu leisten und Anweisungen oder
Ueberweisungen auf ihre Zweiganstalten oder Korrespondenten auszustellen.
6. Für fremde Rechnung Effekten aller Art, sowie Edelmetalle nach vorheriger
Deckung zu kaufen und nach vorheriger Ueberlieferung zu verkaufen,
7. Verzinsliche und unverzinsliche Gelder im Depositengeschäft und im Giroverkehr
 anzunehmen. Die Summe der verzinslichen Depositen darf diejenige des
Grundkapitals und des Reservefonds der Bank nicht überschreiten.
8. Wertgegenstände in Verwahrung und Verwaltung zu nehmen.
Für die Beschränkung in der Geschäftstätigkeit hat die Reichsbank dann das
Notenprivileg (außerdem verschiedene Vorrechte auch gegenüber den anderen Notenbanken)
 erhalten. Seit dem Bankgesetz vom 1. Juni 1909 ist außerdem den Noten
der Reichsbank die Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel beigelegt worden.
Mit dem 1. Januar 1910 müssen nämlich die Reichsbanknoten von jedem Gläubiger
in Höhe jedes Betrags der Zahlung angenommen werden. Andererseits muß die
Reichsbank ihre Noten dem Inhaber, der sie zur Zahlung präsentiert, gegen deutsche
Goldmünzen einlösen.
Die Reichsbank ist verpflichtet, Barrengold zum festen Satze von 1392 M. für
das Pfd. fein gegen ihre Noten umzutauschen,
Die Reichsbank ist verpflichtet, für den Betrag ihrer in Umlauf befindlichen
Banknoten jederzeit mindestens ein Drittel in kursfähigem deutschen Gelde, Reichskassenscheinen
 oder in Gold in Barren oder ausländischen Münzen, das Pfd. fein zu
1392 M. berechnet, und den Rest in diskontierten Wechseln, welche eine Verfallszeit
 von höchstens drei Monaten haben und für welche in der Regel drei, mindestens
aber zwei als zahlungsfähig bekannte Verpflichtete haften, in ihren Kassen als
Deckung bereit zu halten. . ,
Die Reichsbank ist verpflichtet, ihre Noten bei ihrer Hauptkasse in Berlin
sofort auf Präsentation, bei ihren Zweiganstalten, soweit es deren Barbestände und
Geldbedürfnisse gestatten, dem Inhaber gegen kursfähiges deutsches Geld einzulösen.
Die Reichsbank ist verpflichtet, die Noten der vom Reichskanzler bekannt
gemachten Privatbanken sowohl in Berlin als auch bei ihren Zweiganstalten in
Städten von mehr als 80000 Einwohnern oder am Sitze der Bank, welche die Noten
        <pb n="246" />
        A

ausgegeben hat, zum vollen Nennwerte in Zahlung zu nehmen, solange die ausgebende
 Bank ihrer Noteneinlösungspflicht pünktlich nachkommt. Die auf diesem
Wege angenommenen Banknoten dürfen nur entweder zur Einlösung präsentiert,
oder zur Zahlung an diejenige Bank, welche dieselben ausgegeben hat oder zu
Zahlungen an dem Orte, wo letztere ihren Hauptsitz hat, verwendet werden.
Die Reichsbank und ihre Zweiganstalten sind im gesamten Reichsgebiete frei
von staatlichen Einkommen- und Gewerbesteuern,
Die Reichsbank ist verpflichtet, ohne Entgelt für Rechnung‘ des Reiches
Zahlungen anzunehmen und bis auf Höhe des Reichsguthabens zu leisten. Sie ist
berechtigt, die nämlichen Geschäfte für die Bundesstaaten zu übernehmen.
Das Grundkapital der Reichsbank bestand anfangs aus 120 Mill. M., nach
Ges, v. 7, Juni 1899 aus 180 Mill. M., geteilt in 40000 auf Namen lautende Anteile
von je 3000 M. und 60000 Anteile zu je 1000 M, Die Anteilssigener haften per-3önlich
 für die Verbindlichkeiten der Reichsbank nicht. Aus dem beim Jahresabschlusse
 sich ergebenden Reingewinn wird 1. den Anteilseigenern eine ordentliche
Dividende von 3*/, % (früher 4, %) des Grundkapitals berechnet, 2. von dem Rest
wird den Anteilseigenern seit 1909 */,, dem Reich %, überwiesen, nachdem 10%
dem Reservefonds überwiesen sind.
Erreicht der Reingewinn nicht volle 3'/,°%, des Grundkapitals, so ist das
Fehlende aus dem Reservefonds zu ersetzen.
Die dem Reiche zustehende Aufsicht über die Reichsbank wird von einem
Bankkuratorium ausgeübt, welches aus dem Reichskanzler als Vorsitzendem und
4 Mitgliedern besteht.
Die dem Reiche zustehende Leitung der Bank wird vom Reichskanzler und
unter diesem vom Reichsbankdirektorium ausgeübt. Das Reichsbankdirektorium ist
die verwaltende und ausführende sowie die die Reichsbank nach außen vertretende
Behörde. Die Beamten der Reichsbank haben die Rechte und Pflichten der Reichsbeamten.

Die Rechnungen der Reichsbank unterliegen der Revision durch den Rechnungshof
 des Deutschen Reiches.
Die Anteilseigener üben die ihnen zustehende Beteiligung an der Verwaltung
der Reichsbank durch die Generalversammlung, außerdem durch einen aus ihrer
Mitte gewählten ständigen Zentralausschuß aus. Derselbe besteht aus 15 Mitgliedern,
 neben welchen 15 Stellvertreter zu wählen sind. Der Zentralausschuß versammelt
 sich unter Vorsitz des Präsidenten des Reichsbankdirektoriums wenigstens
einmal monatlich, kann von demselben aber auch außerordentlich berufen werden.
Dem Zentralausschuß werden in jedem Monate die wöchentlichen Nachweisungen
über die Geschäftstätigkeit zur Einsicht vorgelegt, sowie Ansichten und Vorschläge
des Direktoriums über den Gang der Geschäfte mitgeteilt. Die Mitglieder des
Zentralausschusses beziehen keine Besoldung, die fortlaufende spezielle Kontrolle
über die Verwaltung der Reichsbank üben drei von dem Zentralausschusse aus
seinen Mitgliedern gewählte Deputierte,
Da sich die Einrichtung nach diesen gesetzlichen Bestimmungen
in jeder Hinsicht bewährt hat, liegt eine Veranlassung zu einer
Aenderung nicht vor. Eine Anzahl Banken haben, wie erwähnt, von
selbst auf ihr Privilegium verzichtet. Von dem Rechte, nach dieser
Richtung einen Druck auszuüben, hat die Reichsregierung keinen
Gebrauch gemacht. Das gemischte System wird unzweifelhaft in absehbarer
 Zeit ebenso beibehalten werden, wie die Privatstellung der
Reichsbank, Durch die Novellen von 1889, 1899 und 1909 sind num
die Anteile der Aktionäre zugunsten der Reichsregierung geschmälert,
in den ersten anderthalb Dezennien waren ihnen etwas über 6 "/,
ausgezahlt. Da aber die Aktien zu 120 bzw. 144 ausgegeben waren,
so machte dieses tatsächlich nur eine Verzinsung von etwas über
5% aus. Seit 1889 ist diese noch weiter ermäßigt und noch in
höherem Maße für die nächste Zeit beschränkt, so daß damit ein
Haupteinwand gegen die private Natur der Bank in Fortfall gebracht
ist. Die letzte Novelle von 1909 brachte, wie wir sahen, noch eine
Erweiterung des steuerfreien Notenumlaufs der Reichsbank auf
550 Millionen, während die den übrigen Banken zugewiesenen Beträge
 unverändert blieben. Dadurch ist das Uebergewicht der
1A
        <pb n="247" />
        398 —

Desterreich.

Reichsbank noch erhöht, aber ihre Leistungsfähigkeit nur den Bedürfnissen
 entsprechend gesteigert, wie sie das Anwachsen der Berölkerung
 und die Entwicklung des ganzen Verkehrs verlangten.
In Oesterreich wurde 1816 die Nationalbank zu dem Zwecke
gegründet, das damals zirkulierende Staatspapiergeld allmählich einzulösen
 und durch Noten zu ersetzen. Es handelte sich um eine
Aktienbank, deren Verwaltung aber vom Staate eingesetzt und mit
beträchtlichen Privilegien ausgestattet wurde. Vor allem war ihr
allein die Notenausgabe vorbehalten, und sie war berechtigt, Filialen
in den verschiedenen Landesteilen zu errichten. Wir übergehen hier
die mannigfaltigen Veränderungen und Schicksalsschläge, welche die
Bank betroffen haben, um uns nur noch etwas dem gegenwärtigen
Zustande zuzuwenden. 1876 wurde die Nationalbank in die Oesterreich-ungarische
 Bank umgewandelt, um die Interessen beider Monarchien
 gemeinsam zu vertreten; das betreffende Privilegium wurde
bis zur Gegenwart prolongiert und hat sich im ganzen durchaus bewährt.
 An der Spitze des Instituts steht der Generalrat. Demselben
gehören an: der vom Kaiser auf gemeinschaftlichen Vorschlag beider
Finanzminister ernannte Gouverneur und zwei von der Generalversammlung
 vorgeschlagene Vizegouverneure, von denen der eine österreichischer,
 der andere ein ungarischer Staatsbürger sein muß, und
die der Bestätigung des Kaisers unterworfen sind. 12 weitere Mitglieder
 des Generalrats werden von der Generalversammlung gewählt
und vom Kaiser bestätigt. Der Generalrat vertritt die Bank nach
außen, leitet und überwacht den ganzen Geschäftsbetrieb. Nach Gesetz
 vom 21. März 1887 muß der Betrag der umlaufenden Noten
mindestens bis zwei Fünftel bar gedeckt sein. Die ungedeckten
Noten waren mit 200 Mill. Gulden kontingentiert. Kine darüber
hinausgehende Ausgabe war mit 5 °% zu versteuern. Die Bestimmungen
 in betreff der Bezüge der Bankteilhaber sind ähnlich wie
bei der deutschen Reichsbank, nur für dieselben etwas günstiger
normiert.
Durch Gesetz vom 9. August 1911 wurde das Privilegium der
österreichisch-ungarischen Bank bis Ende 1917 verlängert. Bis dahin
konnte nicht der ganze Goldbesitz zur Deckung der ausgegebenen
Noten benutzt werden, da die Bank noch zur Einlösung von Staatsnoten
 verpflichtet war, solange nicht die obligatorische Bareinlösung
aufgenommen wäre. Diese Beschränkung hat das neue Gesetz aufgehoben.
 Es ist ihr eine weitere Erleichterung dadurch verschafft, daß
ihr gestattet ist, ihren Besitz an in Gold zahlbaren Wechseln auf auswärtige
 Plätze und an auswärtigen Noten bis zu 60 Mill. Kr. dem
Barbestande zuzuzählen, Das steuerfreie Notenkontingent, das schon
früher auf 400 Mill. erhöht war, ist jetzt auf 600 Mill. angesetzt.
Ferner ist der Anteil des Staates vom Reingewinn von %, auf %, gesteigert,
 wenn er 7 °% übersteigt.
Nach dem Bankstatut von 1899 sollten keine Noten unter 50 Kr.
ausgegeben werden, für die Übergangszeit bis zur Aufnahme der
Bareinlösung aber auch zu 20 und 10 Kr. Das neue Gesetz gestattet
diese Ausgabe kleiner Noten als bleibender Einrichtung und nach
Bedarf, worüber die beiden Finanzminister zu bestimmen haben.
Die Statuten von 1899 sprechen ausdrücklich die Einlösungsverpflichtung
 der Noten durch die Bank aus, suspendieren aber dann
die Verpflichtung bis zum Erlöschen des Zwangskurses. Dieser Mo-
        <pb n="248" />
        2299 —

ment trat am 28. Februar 1903 ein, aber man hat sich noch nicht
entschließen können, die Konsequenz daraus zu ziehen.
Im britischen Reiche wurde, wie schon früher erwähnt, die
Bank von England 1694 errichtet, und zwar zunächst als eine
Korporation von Staatsgläubigern, die ihr ganzes Kapital von
1,2 Mill. Pfd. St. dem Staate vorschießen sollte. Der Staat verzinste
dasselbe zunächst mit 8%, und steuerte noch 4000 Pfd. St. zu den
Verwaltungskosten hinzu. Die Bank erlangte dafür das Privilegium,
Bankgeschäfte zu treiben und Noten zu emittieren mit der Bestimmung,
 daß keine Person und keine private Gesellschaft von mehr als
6 Personen eine gleiche Konzession erhalten sollte. Im Jahre 1775
wurden Noten unter 1 Pfd., 1777 Noten unter 5 Pfd. St. verboten,
eine Bestimmung, welche aber in kritischer Zeit suspendiert wurde,
so daß namentlich Anfang der 20er Jahre eine große Zahl von Einpfundnoten
 in Umlauf waren. 1829 wurde das Verbot erneuert.
1797 sah sich die Bank genötigt, ihre Barzahlungen einzustellen, da
sie dem Staate große Vorschüsse hatte machen müssen. Sie wurde
deshalb in diesem Jahre von.der Verpflichtung der Barzahlung entbunden,
 die erst 1821 wieder aufgenommen werden konnte.
Die eingreifendste Umgestaltung erfuhr die Bank durch die bereits
 besprochene Peels-Akte von 1844. Hiernach wurde für die
Notenausgabe ein eigenes Departement geschaffen, neben dem Bankdepartement,
 welches die Bankgeschäfte übernahm. Das erstere
übergab dem letzteren für 14 Mill. Pfad. St. sichere Wertpapiere und
erhielt dafür den gleichen Betrag in Banknoten. Darüber hinaus
durfte das Departement Banknoten nur ausgeben gegen Deponierung
von Edelmetall (höchstens ein Fünftel in Silber). Das Recht der
anderen Banken in England und Wales, die bisher Noten ausgegeben
hatten, wurde auf den damaligen Stand von 8,6 Mill. Pfa. St. fixiert,
dieser Betrag hat sich bis auf 4425000 Pfd. St. vermindert, da neun
Banken ihr Privileg aufgegeben haben. Das Kontingent der Bank
von England hat sich auf 18175000 Pfd. St. erhöht. Besonders in
der neueren Zeit hat sich der Notenumlauf stets auf sehr niedrigem
Niveau erhalten und die Metalldeckung nur ganz ausnahmsweise
überschritten, im Durchschnitt diese nicht erreicht.
Verhältnismäßig spät ist eine Zentralbank in Frankreich gegründet.
 Es war die Caisse d’escompte, welche 1876 ins Leben trat
und sofort Noten ausgab, wozu sie eines besonderen Privilegiums
nicht bedurfte, Das Gründungskapital belief sich auf 15 Mill. Fr,
wovon aber 10 Mill. als Garantiefonds dem Staatsschatze übergeben
wurden. Im Jahre 1800 löste sich diese Bank auf und ging in die
neugegründete Banque de France über, die über ein Aktienkapital
von 30 Mill. Fr. disponierte. Ein von der Generalversammlung
gewählter Direktionsrat von 15 Mitgliedern führte die Verwaltung.
Drei Mitglieder desselben wurden von ihm selbst zur obersten
Leitung bestimmt, drei von der Generalversammlung gewählte Zensoren
 überwachten die Führung der Geschäfte. Der Staat selbst
trat als erheblicher Aktionär bei und überantwortete ihr die Staatsgelder
 zur Verwaltung. Schon 1803 wurde ihr das ausschließliche
Privilegium der Notenausgabe erteilt, während diese bis dahin frei
zewesen war. 1806 wurde die Leitung in die Hände eines Gouverneurs
 und zweier Vizegouverneure gelegt, die vom Staatsoberhaupt
ernannt wurden, womit die Stellung der Bank zum Staate völlig ge-England,



Frankreich.
        <pb n="249" />
        230 —

ändert wurde. Erst in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre
dehnte sie ihre Tätigkeit in erheblichem Maße auch auf die Provinzen
 aus. Daneben aber wurde eine Anzahl Banken in verschiedenen
 größeren Städten neu gegründet und mit dem Notenprivilegium
versehen, von denen die neun damals bestehenden selbständigen
Provinzialbanken als Zweiganstalten von der Bank von Frankreich
aufgenommen wurden, und damit ist die Zentralisation wiederum
vollständig ausgebildet. Das Aktienkapital wurde auf 92%, Mill,
die Maximalgrenze des Notenumlaufs auf 452 Mill. fixiert. 1849
wurde die Maximalgrenze auf 525 Mill. erhöht. 1887 erhielt die
Bank das Recht, auch Noten bis zu 50 Fr. herunter zur Ausgabe
zu bringen, während diese Grenze bisher schon bei 200 Fr. bestanden
 hatte, und zugleich wurde die bisherige Maximalgrenze des
Zinsfußes von 6°%, beseitigt.
Bedeutsam für die Bank war der Vertrag mit dem Finanzminister,
wonach sie sich verpflichtete, dem Staatsschatze Vorschüsse zu machen,
zunächst bis zur Höhe von 60 Mill, deren Verzinsung sich nach dem
Diskontosatze richten sollte, aber 3°%, nicht überschreiten durfte.
Während des deutsch-französischen Krieges wurden nun diese Darlehen
an den Staat bedeutend erweitert; im Juli 1871 bis 1470 Mill, welche
in jährlichen Ratenzahlungen getilgt werden sollten. Die Maximalgrenze
 des Notenumlaufes wurde im Dezember 1871 auf 2800 Mill.
erhöht und zugleich die Ausgabe von 5- und 10-Franksnoten angeordnet.
 1872 erhöhte man das Maximum des Notenumlaufs, welches
gestattet war, auf 3200 Mill. Obgleich diese Höhe tatsächlich nie erreicht
 ist, wurde sie 1897 doch auf 5000 Mill. erweitert. Nach Ausbruch
 des Krieges von 1914 wurde die Summe sogar auf 12 Milliarden
erhöht. Bis 1875 war die Einlösungsverpflichtung suspendiert, die
aber tatsächlich schon 1874 wieder aufgenommen wurde, und in demselben
 Jahre wurden die in Umlauf befindlichen Noten unter 5 Fr.
eingelöst. Die Noten haben von dem Kriege her die Eigenschaft als
gesetzliches Zahlungsmittel behalten. Die ursprüngliche Organisation
hat sich in der Hauptsache bis auf die Gegenwart erhalten, wonach die
Hauptleitung in der Hand der von der Regierung ernannten Gouverneure
 und des Direktionsrates liegt, der von der Generalversammlung
der Aktionäre gewählt wird. Drei derselben müssen aus den Generalzahlmeistern
 der Finanzen, fünf andere, sowie die Zensoren aus dem
Industriellen- und Kaufmannsstande gewählt werden.
Die Leistung der französischen Bank hat sich in dem letzten Jahrhundert
 in hohem Maße bewährt und sich namentlich während des
deutsch-französischen Krieges allgemeine Anerkennung erworben.
Wir geben in dem Folgenden als Beispiel eine Uebersicht über
den Geschäftsstand der hauptsächlichsten Banken, um einen Anhalt
zur Beurteilung der Zahlenverhältnisse zu gewähren.
        <pb n="250" />
        231 —

Uebersicht über den Stand der hauptsächlichsten
Notenbanken im Durchschnitt des Jahres 1918.
(Mark und fremde Valuten in Millionen.)

Aktiva,
BE
Sf Gold. BR
Metall | Silber.
Summe

Sonstige Geldsorten . .
Wechsel auf das Ausland
und Guthaben daselbst
Gesamtsumme d. Barvorrats
Anlagen:
Wechsel. ......
Lombard ‘. . 2...
Effekten . ... 0...
Sonstige Anlagen . .

Summe der Anlagen
Summe der Aktiva

Deutsches Reich |} Bank |
«3 ]Privat-ı , von
Ma noten- Summe! Frank-.___|banken|
 _ reich
M. | MM.

Bank |
von
England

Oesterreichisch-


Bank

| Russische
Staatsbank


Pr. | M.

AM

KK. Mm
M

Rbl.| M.

1067 — vu
283 | — —
| 70 | 1420
591 94 88

3344/2709
628| 504
3079239167

— | 1216 1034 1417/8061
—|—] 253 [| 215; | 151
38 | 7 1469 ' 1249 "148713212
— nn —
1

zz
(409 1 94 "1508

u — 1 — [| 60
397218218 38 | 7671 1529
Bank. Dep.
1656/1341 Gov. Sec.:
739! 598| 18 | 260
. 179l0ther Sec.:
528! 4281 33 | 671
2 | 2
3144/2546] 64 30
7116[5704| 102 |207E'

51
1300

_200| 482
1687/3644

1136
85
96
DR

185 | 1271
45 | 130
10 |. 106
25 982

896 762
237 201
21’ 18
536 455

5181119
421| 908
107| 281
61! 132

1525 | 215 | 1740 '
3084 1 809 7 8945

1690 | 1486
3919 1 92736

1107/2890
2794[6034

Passiva.
Grundkapital . ..
Reservefonds ..,
Notenumlauf. . . ..
Verbindlichkeiten:
Tägl. f/ Privatguthaben
fällie | Oeffentl. Guthaben
Summe
Sonstige Verbindlichkeiten
Summe der Passiva
des hetr. Bankgesetzes
Deckung:
ler Noten durch den gesamten
 Barvorrat . .
durch Metall
der Noten und sonstigen
täglich fälligen Verbindlichkeiten
 durch denBar- {
vorraß. ...... , 587 | 448 / 58,0 59,3 63,4
Zinssätze: © rm
Offizieller Diskont . . . 5,88 4,— 4,77 5,95 | 6,—
Marktdiskont. ‚33 4,981) 3,84 4,39 5,72 [6,11—7,15
Bei der Umrechnung der fremden Valuten sind die Paritäten, nämlich: 1 Fr,
=M 081, 1 £ =M. 2043, 1 K = M. 0,85, 1 Rbl. == M. 2,16 zugrunde gelegt. _
Im übrigen siehe die Erläuterungen in der „Volkswirtschaftlichen Chronik“
S. 14—20 u. 42 Jahrg. 1898, S. 17 u. 87 Jahrg. 1900. S. 8317 Jahrg. 1902. S. 349
Jahre. 1903, u. S. 161, 164 Jahre. 1906.

1) In Berlin, An den Tagen, an denen der Marktdiskont getrennt für „lange“
s z nge
and „kurze“ Sicht notiert wurde, ist der Durchschnitt Anaruniin gelopt A
2) Einschließlich der 18,45 Mill, £ betragenden Anlagen des. Issue-Department.
3) Verhältnis der Reserve zu den Denositen: 49,7%.
4} Steuerpflichtige Noten.
        <pb n="251" />
        229

Kapitel VII
Das Börsenwesen.

S 65.
Die Börse.

Kautsch, Allgemeines Börsenbuch. Stuttgart 1874.
&amp;amp;. Cohn, Die Börse, in Virchows und Holtzendorffs Sammlung, Jahrgang II.
E, Struck, Die Effektenbörse. Leipzig 1881.
Wiedenfeld, Die Börse in ihren wirtschaftlichen Funktionen und ihrer rechtlichen
 Gestaltung vor und unter dem Börsengesetze. 1898,
Art. Börsenwesen von Ehrenberg im Handw. d. Staatsw., 3. Aufl.

Arten der
Börse.

Geschichte.

Die Börse nennt man den Ort eines größeren Marktplatzes, wo
sich zu bestimmten Zeiten die Geschäftsleute gewisser Branchen und
Handelsvermittler regelmäßig vereinigen, um nach einer vereinbarten
Börsenordnung Geschäfte abzuschließen und nach den gezahlten Preisen
die durchschnittlichen Tagespreise aufzustellen. Bald bilden sie private
Vereinigungen, wie in England und Amerika, bald sind sie öffentliche,
vom Staate konzessionierte Institute, die unter Staatsaufsicht stehen,
mit vom Staate genehmigten Statuten, den Börsenordnungen, wie
meistens auf dem europäischen Kontinent. Im Gegensatze zum Marktverkehr
 werden an der Börse die Geschäfte über bestimmte Mengen
einer Gattung abgeschlossen, nicht über vorliegende Waren. An
der Börse können daher nur fungible oder vertretbare Waren gehandelt
 werden.
Je nach dem Gegenstande des Geschäftes unterscheidet man
Effekten- oder Fondsbörsen, an welchen hauptsächlich Papiere,
aber auch Wechsel, Geldsorten usw. gehandelt werden, und Warender
 Produktenbörsen, wie Getreide-, Eisen-, Mehl-, Zucker-,
Kaffeebörsen. Beide Arten sind übrigens an vielen Orten nicht räumlich
 getrennt, sondern wenigstens in einem Gebäude vereinigt, während
sich allerdings, namentlich in England, auch selbständige Warenbörsen
ausgebildet haben.
Schon im alten Rom hat es regelmäßige börsenähnliche Zusammenkünfte
 der Kaufleute gegeben. Ebenso sind Anfänge dafür schon im
12, und 13. Jahrhundert zu finden, namentlich auf den Wechselmessen.
Der Ausdruck wird auf den Platz in Brügge zurückgeführt, wo sich
der Mittelpunkt des Wechsel- und Geldverkehres befand, und der „de
Burse“ hieß, von wo sich dann der Ausdruck weiter verbreitete, Die
Pariser Börse läßt sich etwa bis Anfang des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen.
 Die Londoner ist 1556, die Hamburger 1558 gegründet.
An den Wechselverkehr schloß sich der Börsenverkehr in Leihkapitalien
für kaufmännische Zwecke. Erst später hat sich der börsenmäßige
Handel auch bei den Waren ausgebildet, als der Umsatz sich derartig
vergrößert hatte, daß sich Durchschnittsqualitäten herausbildeten, die,
ohne die Ware zur Hand zu haben, nach Proben gehandelt werden
konnten, und in denen berufsmäßige Spekulation getrieben wurde.
Im 16. Jahrhundert war die Börsentechnik noch wenig ausgebildet,
doch kannte man bereits das Termingeschäft. Eine wesentliche Förderung
 gewann die Börse in dem damaligen Zentralpunkt des Weltverkehrs
 in Amsterdam, wo die Aktien der großen Kompagnien
        <pb n="252" />
        233 —

zum Umsatz gelangten und sich eine berufsmäßige Börsenspekulation
darin entwickelte (Ehrenberg in d. Jahrb. für Nat.-Oek. 1892 3. F.
Bd. 3 und „Zeitalter der Fugger“ Bd. 2). Noch im 17. Jahrhundert
entstand dort eine eigene Getreidebörse, bei der schon 1720 der Terminhandel
 zur Anwendung gelangte. In England nahm das Börsenwesen
 besonders zu Anfang des 18. Jahrhunderts einen erheblichen
Aufschwung, wo die Zahl der Aktiengesellschaften in bedeutendem
Maße anwuchs und der Börse erhebliches Spekulationsmaterial bot.
Zur selben Zeit gelang es dann bekanntlich John Law, in Paris
einen großartigen Börsenschwindel ins Leben zu rufen, der als Beweis
 gilt, wie wohl vorbereitet dafür der Boden dort in jener Zeit
bereits gewesen ist. 1724 errichtete die Regierung in Paris eine
offizielle Wechsel- und Fondsbörse, welche bereits verschiedene Einrichtungen
 enthielt, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben.
Der Nutzen derselben während des 18. Jahrhunderts für die Gesamtheit.
wird aber mit Recht in Zweifel gezogen.
In Deutschland lassen sich Wechselbörsen bis in die erste
Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen, und zwar hauptsächlich
in Augsburg; in der zweiten Hälfte in Hamburg. Anfangs des
17. Jahrhunderts finden wir sie in Lübeck, Königsberg, Bremen,
Frankfurta. M.und L eipzig, wo neben den Wechseln auch Geldsorten,
 Leihkapitalien und hier und da auch Waren zum Umsatz ge-Jangten.
 Die erste wirkliche Fondsbörse in Deutschland wurde in
Wien 1771 von der Regierung gegründet und nach dem Pariser
Vorbild unter staatliche Kontrolle gestellt, sonstige Börsen wurden
aber verboten. Noch 1799 wurden hier nur 24 verschiedene Arten
von Staatsobligationen und sonstigen in Betracht kommenden Papieren
gehandelt. In Berlin entwickelte sich die Börse seit dem Anfang
des 16. Jahrhunderts und wurde sowohl von Friedrich Wilhelm I.
wie von Friedrich dem Großen entschieden begünstigt.
Ihre volle Bedeutung hat die Börse aber erst im Laufe des letzten
Jahrhunderts gewonnen; einmal infolge der großen Staatsanleihen,
die in wachsender Ausdehnung kontrahiert wurden und nur durch
die Börse realisiert werden konnten; dann durch die gewaltigen
Bedürfnisse des Eisenbahnbaues, denen die Börse zu Hilfe kommen
mußte, und schließlich durch die massenhafte Gründung von Aktiengesellschaften,
 speziell von großen Aktienbanken, durch welche große
Mengen von Papieren mit sehr schwankendem Kurse geschaffen
wurden, die die Grundlage für die moderne Börsenspekulation geworden
sind. Die Warenbörsen dagegen entwickelten sich mit dem immer
größeren Umsatz fungibler Waren im internationalen Verkehr, bei
dem dann der Terminhandel sich immer allgemeiner einbürgerte und
eine wachsende Konzentration des Handels mit bestimmten Waren
und an einzelnen Plätzen herbeiführte.
Die rechtliche Stellung der Börse ist in den verschiedenen Ländern,
selbst innerhalb Deutschlands eine außerordentlich ungleiche. In
England sind die Börsen meistens Aktiengesellschaften. In
Amerika beruhen die Produktenbörsen von Chikago und New York
auf Staatsgesetzen, die übrigen sind gleichfalls private Vereinigungen,
In Frankreich und Oesterreich bedürfen dieselben der staatlichen
 Genehmigung. In dem letzteren Lande wird die Oberaufsicht
durch einen Börsenkommissar geführt, in Frankreich hauptsächlich
durch die Handelskammern, aber auch der Maire besitzt ein polizei-Rechtliche


Stellung.
        <pb n="253" />
        234

Sinrichtungen
an der Börse.

liches Aufsichtsrecht über dieselben. In Deutschland war bisher
der Rechtszustand sehr verschieden. Die Errichtung einer Börse war
in Preußen nach dem Gesetz von 1861, ebenso wie die Börsenardnungen
 von der Genehmigung des Handelsministers abhängig.
In Hamburg und Leipzig hatten die Handelskammern die Oberaufsicht
 über die Börse. In München und Dresden waren die
Börsen reine Privatvereine. Das Gesetz vom 22. Juni 1896 (ergänzt
durch Gesetz vom 27. Mai 1908) für Deutschland hat nun die Verhältnisse
 mehr einheitlich geregelt und allgemein die Börse von der
staatlichen Genehmigung abhängig gemacht. Die Aufsicht kann
danach durch besondere staatliche Behörden, oder durch dazu ausgewählte
 Organe, wie die Handelskammern USW. ausgeübt werden.
Denselben Bestimmungen sind auch die mit der Börse verbundenen
Anstalten, wie Liquidationskassen, Kündigungsbureaus usw. unterworfen.
 Als Aufsichtsorgane der Landesregierung werden Staatskommissare
 ernannt, welche die Beobachtung der gesetzlichen Bestimmungen
 und den ganzen Geschäftsverkehr zu überwachen haben.
Sie sind berechtigt, den Beratungen der Börsenorgane beizuwohnen
and sich an der Diskussion zu beteiligen. Sie haben dem Ministerium
über beobachtete Mißstände Bericht zu erstatten. Das oberste Organ in
Börsenangelegenheiten ist über den Landesregierungen der Bundesrat.
[hm sind viele Befugnisse in betreff der Börseneinrichtung eingeräumt,
namentlich trifft er Bestimmungen über die Zulassung von Wertpapieren
 zum Börsenhandel, ferner hinsichtlich der Feststellung der
Preise und Kurse, des Emissions- und Termingeschäftswesens. Ein
besonderer, vom Bundesrat gewählter Börsenausschuß soll ihm als
Sachverständigenorgan zur Seite stehen. Die Hälfte der Mitglieder
wird von den Börsenorganen vorgeschlagen und vom Bundesrat
yewählt. Das Gesetz gibt außerdem eine Reihe von Bestimmungen
für die von den Landesregierungen zu genehmigende Börsenordnung
selbst, wie für die Handhabung derselben,
Die Börse hat sich allmählich aus dem offenen Markte heraus
antwickelt, im Laufe der Zeit aber immer mehr Korporationscharakter
angenommen; wir finden deshalb noch solche, die den ursprünglichen
Typus in hohem Maße gewahrt haben, und dagegen solche, die
,ereits zu einer sehr festen, abgeschlossenen Organisation gelangt
sind. Den ersteren Charakter hatte sich wohl am meisten die Hamburger
 Börse bewahrt, zu welcher „alle anständigen männlichen
Personen“ Zutritt und das Recht der Geschäftsbeteiligung hatten.
Nur ehrenrührige Handlungen, Bankerott usw. hatten Ausschluß von
der Börse zur Folge, so daß auch Nichtkaufleute dort ihre Geschäfte
machen konnten und Rechtsanwälte, kaufmännische Hilfspersonen
usw. dieselbe besuchten. Früher waren alle Arten der Börsengeschäfte
an demselben Platz vereinigt. Erst in der neueren Zeit haben sich
einzelne Zweige zu Spezialbörsen in besonderen Räumen abgezweigt.
Das andere Extrem einer geschlossenen Körperschaft hat sich in
England ausgebildet, und zwar bereits seit etwa einem Jahrhundert.
Die Londoner Fondsbörse ist jetzt ein Privatverein, der sich für den
Geschäftsbetrieb selbst Statuten gegeben hat, sich durch diese Statuten
 auf das engste abschließt und den Eintritt in hohem Maße
beschränkt. Der Zutritt ist in der Regel nur auf Vorschlag von
drei älteren Mitgliedern möglich, die für den Vorgeschlagenen bis
zu 500 Pfund Sterling für die nächsten 4 Jahre die Bürgschaft über-
        <pb n="254" />
        235 —

nehmen. Besondere Erschwerungen sind noch für solche Personen
vorhanden, die einmal falliert haben. Außerdem ist. der Zutritt Jedem
verschlossen, der selbst oder dessen Frau an einem anderen Geschäftszweige
 als dem Eiffektenhandel beteiligt ist, um also ausdrücklich
nur spezialisierte Geschäftsmänner an der Börse zu vereinigen und
lie Kontrolle der Kreditwürdigkeit der Mitglieder zu erleichtern.
Auf diese Weise ist die Londoner Effektenbörse ein festgeschlossener
Verein gleichartiger Geschäftstreibender. Streitigkeiten zwischen
len Mitgliedern auf Grund von Börsengeschäften werden durch ein
Schiedsgericht von den streitenden Parteien erwählter Vereinsmitylieder
 geschlichtet. Wenn durch dieses keine Entscheidung zu erlangen
 ist, oder allgemeine Interessen dabei in Frage kommen, übernimmt
 der Vorstand der Börse selbst die schiedsrichterliche Tätigkeit.
Die meisten englischen und amerikanischen Börsen sind ähnlich eingerichtet.
 Mehrfach wird die Beschränkung noch durch hohe Geldeinzahlung
 verschärft.
Das deutsche Gesetz von 1896 bez. 1908 schließt von dem Börsenbesuche
 nur Frauen aus und außerdem Personen, denen ein besonderer
rechtskräftig festgestellter Makel anhaftet; im übrigen ist die Entscheidung
 den Börsenordnungen vorbehalten, Die bisherigen Unterschiede
 sind deshalb nicht aufgehoben. Die Zahl der zum Börsenbesuche
 Berechtigten betrug (nach Schanz, Wörterbuch der Volkswirtschaft)
 im Jahre 1895 in Berlin 3362, 1902: 2912, in Frankfurt
a. M. 618 und 523, in Leipzig 585 und 463, in Köln 301 und 393,
in München 125 und 90, in Dresden 55 und 45; in Hamburg wurde
die Zahl der tatsächlichen Besucher auf 5—6000, in London bei der
stock exchange 1902 auf 3371 geschätzt. In Wien rechnete man an
ler Börse, Sektion für Effekten 1294, für Waren 223, an der Börse
‘ür land wirtschaftliche Produkte 1405.
Nach dem deutschen Gesetz ist es dem Bundesrate überlassen,
lurch wen die Börsenaufsichtsbehörde zu bilden ist. Bald wird sie
durch die Handelskammern gewählt, in Berlin durch die Aeltesten
der Kaufmannschaft; hier und da auch durch eine selbstgewählte
Börsenkommission.
Ebenso ist der Börsenvorstand, der die eigentliche Leitung in
der Hand hat, bald von Handelskammern eingesetzt, bald aus der
Börse selbst hervorgegangen. An jeder Börse ist ein Ehrengericht
zu bilden, welches wiederum bald von der Handelskammer, bald von
den Börsenmitgliedern oder den Börsenorganen zu wählen ist. Dasselbe
 hat alle unlauteren Gebarungen an der Börse zur Untersuchung
 zu ziehen und darüber ein Urteil zu fällen. Der Staatskommissar
 ist über die Vorgänge zu informieren und zu den Verhandlungen
 zuzuziehen. Er kann selbständig das Verfahren über ihm
nicht gerechtfertigt erscheinende Vorgänge einleiten. Es kommen
Jabei namentlich in Betracht: Scheingeschäfte, arglistige Beein-Äussung
 der Kurse durch Verbreitung falscher Gerüchte, Aufstellung
von Geschäftsbedingungen, die gegen den kaufmännischen Anstand
verstoßen usw. Aehnliche Einrichtungen finden sich auch an ausländischen
 Börsen. An allen größeren Börsen bestehen außerdem
Schiedsgerichte, welche im einzelnen Falle ihr Urteil über die Börsenusancen
 abzugeben haben; und alle Börsenbesucher verpflichten sich
im voraus, sich dem Schiedsspruche zu unterwerfen. Das Gesetz von
1896 hat hier eine Beschränkung vorgenommen. indem diese Unter-
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werfung unter den Schiedsspruch sich nur auf den beteiligten Kaufmann
 oder die für den betreffenden Geschäftszweig in das Börsenregister
 eingetragenen Personen erstreckt, oder wenn die Unterwerfung
 unter das Schiedsgericht nach Entstehung des Streitfalles
erfolgte.
Außerdem sind allgemein besondere Kommissionen eingesetzt,
welche über die Lieferbarkeit von Waren und Effekten zu entscheiden
haben, wie über die Zulassung von Wertpapieren. Außerdem bestehen
Abrechnungsstellen, Kündigungsbureaus usw.

Arten der
Börsenveschäfte.


Terminveschäfte.


8 66.
Die hauptsächlichsten Börsengeschäfte.
Bericht der Börsen-Enquete-Kommission nebst Anlagen. Berlin 1892.
Handw. d. Staatsw., 3. Aufl., Art. Börsenwesen.
&amp;amp;. Cohn, Zeit- und Differenzgeschäfte. Jahrb., f. Nationalökonomie, Bd. VII
iX.
Zonrad, Die Monatspreise des Getreides, Jahrb. f. Nat. 1895.
Schuhmacher, Ueber die amerikanischen Getreidebörsen in Jahrb. f. Nat., 3. F.
Bd. XI, 1896 S. 64ff.
Emery, Speculation on the Stock and Produce Exchanges of the Un. Stat.
New York 1896.
Sayous, Etude 6conomique et juridique sur les Bourses allemandes. 1898.
Ders., Die Reorganisation der französischen Produkten- und Warenbörse,
Jahrb. f. Nationalökonomie 1898, Bd. XVI.

and

Die Börsengeschäfte zerfallen in verschiedene Arten. 1. Die
Kassa- oder Komptantegeschäfte bei der Fondsbörse und
Loco- oder Effektivgeschäfte bei der Warenbörse. Sie erledigen
 sich am Tage des Geschäftsabschlusses oder spätestens
wenige Tage darauf. An die Kassengeschäfte schließen sich die einfachen
 Lieferungsgeschäfte an, die nicht unmittelbare Erledigung
 finden, sondern bei denen erst ein späterer Termin dafür in
Aussicht genommen wird. Sie spielen eine größere Rolle nur bei
der Warenbörse und gehören auch noch zu den Effektivgeschäften.
Jeder Kapitalist, der Gelder fest anlegen will und sich durch seinen
Bankier bestimmte Papiere kaufen läßt, macht indirekt auf diese
Weise ein Kassageschäft, welches mit einer Spekulation gar nichts
zu tun zu haben braucht. Es ist daher sehr falsch, zu meinen, daß
an der Börse nur Spekulationsgeschäfte gemacht würden. Ebenso
machen Müller ihre Einkäufe an der Börse als Effektivgeschäfte, um
ihren Bedarf zu decken, wie ev. der Gutsbesitzer und kleine Händler
in der Provinz durch einen Kommissar Lieferungsgeschäfte an der
Börse abschließen läßt, um sich zu bestimmter Zeit Absatz und feste
Einnahme zu sichern. Auch hier bleiben dies Effektivgeschäfte, wie
an der Fondsbörse die Anlagegeschäfte die eigentliche Grundlage des
Börsenverkehrs bilden.
Diesen gegenüber stehen 2. die Termingeschäfte, auch
Zeitgeschäfte genannt. Die Voraussetzung dabei ist, daß noch
in höherem Maße als bei sonstigen Börsengeschäften die Qualität
der zu handelnden Ware durch Gewohnheitsrecht oder durch die
Börsenordnung genau bestimmt ist, und die Ware in großer Masse in
derselben Qualität dem Verkehre zur Verfügung steht, so daß nur das
zu liefernde Quantum angegeben wird, wobei die Börsenordnung ev.
auch nur bestimmte Sätze, wie z. B. ie 1000 C.. den sogenannten
        <pb n="256" />
        237

Einheitsbetrag, zuläßt, und die Preise von den handelnden Parteien
vereinbart werden (Ehrenberg und Wiedenfeld). Sie sind zuyleich
 Lieferungs- und daher Zeitgeschäfte, für welche bestimmte
Lieferungstermine allgemein vorgeschrieben sind, mitunter Mitte,
meistens aber Ende jeden Monats, daher diese Geschäfte auch,
namentlich in Deutschland, Ultimogeschäfte genannt werden. Die
Warenbörse hat sich allerdings in einem höheren Maße von solchen
festen Regulierungsterminen ferngehalten. Die Geschäfte werden
einfach „fix“, d. h. auf einen bestimmten Termin geschlossen oder
„fix und täglich“. In dem letzteren Falle hat jede der Parteien das
Recht, der Käufer durch Kündigung, der Verkäufer durch „Ankündiyung“,
 schon vor dem festgesetzten Termin die Erfüllung zu verlangen.
 Der Kaufmann A. kauft z. B. am 6. Januar 1000 Tonnen
weißen polnischen Weizen von B., zu liefern am 30. April zum Preise
von 175 M. pro Tonne. Das ist ein fixes Termingeschäft. Bei „fix
and täglich“ kann A. die Lieferung nachträglich schon zu einem
(rüheren Termin, also zum 1. April verlangen, wie in derselben Weise
B. beanspruchen kann, daß ihm das Quantum schon zum 1. April abyenommen
 wird. .
3. Ein Differenzgeschäft liegt vor, wenn das Geschäft unter
der Voraussetzung abgeschlossen wird, daß die Lieferung nicht verlangt
 wird, sondern nur die Preisdifferenz zur Abrechnung gelangen
soll. Es kauft z. B. Jemand im Termingeschäft 1000 Tonnen Weizen
zu 200 M. ultimo April. Steigt inzwischen der Preis auf 205 M., so
bietet der Verkäufer die Zahlungen der Differenz von 5000 M. an und
verzichtet auf die Lieferung; der Käufer hat den Profit bezogen und
ist damit befriedigt. Besitzt der Verkäufer die Ware, so sucht er sie
nun anderweitig zu verkaufen und daraus einen Gewinn zu ziehen,
am sich schadlos zu halten.
Den Differenzgeschäften sehr nahe stehend sind 4, die Prämienyeschäfte,
 wo gleichfalls jeder Partei freisteht, von dem Zeityeschäfte
 zurückzutreten, aber nicht gegen schwankende Differenz,
sondern eine fest ausgemachte Prämie, oder auch unter Zerlegung
in ein Vor- oder Rückprämiengeschäft, wo bei dem ersten der Käufer,
dei dem zweiten der Verkäufer das Recht hat, gegen ein Reugeld
zurückzutreten. -
Eine Rolle spielen ferner 5. die Prolongations- oder Kostyeschäfte,
 auch Report- und Deportgeschäfte genannt,
Sie bestehen darin, daß der Spekulant die Erledigung des Geschäftes
ninauszuschieben sucht, weil er ev. im Momente aus Geldmangel nicht
liefern kann oder die Effekten nicht abgeben will, weil er ein erhebliches
 Steigen des Kurses erwartet. Er proponiert deshalb eine
7rolongation, d, h. erst einen Monat später liefern zu müssen. Er
sucht sich vor dem Lieferungstermin einen Abnehmer zum derzeitigen
Ultimokurse unter der Bedingung, das Papier zu einem ausbedungenen
höheren Kurse am nächsten Ultimotermin zurückzugeben. In dem
höheren Kurse wird dem Abnehmer eine Entschädigung gewährt, die
der Haussespekulant durch eine noch stärkere Kurssteigerung reichlich
ersetzt zu erhalten hofft. Er hat das Papier „in Kost gegeben“ oder
mit anderen Worten, er verkaufte die Papiere zum gegenwärtigen
Ultimokurse und kaufte sie gleichzeitig zum nächsten Ultimo zurück,
Die Differenz zwischen den beiden vereinbarten Kursen wird Report
genannt. wenn der spätere Kurs höher ist als der momentane, in

Reportyvascchatba
        <pb n="257" />
        238

Aquidationsass,


Makler.

Oesterreich „Kostgeld“, im umgekehrten Falle Deport, in Oesterreich
„Leihgeld“. Der entgegengesetzte Fall liegt vor, wenn Jemand, um
am Rückgang des Kurses eines Papiers zu profitieren, sich ein Papier
gewissermaßen auf vier Wochen leiht, er übernimmt es von einem
Börsenmann zum laufenden Kurse unter der Bedingung, es am nächsten
Ultimo zu einem vereinbarten Kurse zurückzuliefern, in der Annahme,
es dann zu einem niedrigeren Kurse kaufen zu können, als er im
Momente dafür erlangen kann. Diese Art' des Geschäfts ist in den
Vereinigten Staaten, besonders in New York als Ersatz für das dort
nicht übliche Termingeschäft gebräuchlich.
Um die richtige Erledigung der Geschäfte zu gewährleisten, haben
sich an den Börsen, wo Termingeschäfte gemacht werden, besondere
Einrichtungen ausgebildet, wie an der Berliner Fondsbörse der Liquidationsverein,
 an der Warenbörse die Liquidationskasse.
An der ersteren sind sämtliche Berliner Börsentirmen beteiligt, die
regelmäßig Termingeschäfte machen. Jeder Teilhaber erhält vor der
Ultimoregulierung Scontrobogen oder „Scontri“, auf denen die Namen
aller beteiligten Firmen vorgedruckt sind, und verzeichnet‘ auf demselben
 seine Kauf- und Verkaufgeschäfte und dementsprechend den
zu zahlenden und zu empfangenden Betrag. Der Verein kompensiert
nun die betreffenden Summen und stellt die Ueberschüsse fest, worüber
Lieferscheine ausgestellt werden, auf Grund welcher am Tage vor
dem Ultimo die Lieferung und am Tage nach dem Ultimo die Differenzzahlung
 geschieht. Der Verein steht mit der Bank des Berliner
Kassenvereins in Verbindung, welche die Lieferung der Papiere gegen
Einkassierung des Geldes übernimmt. Bei dem Warengeschäfte sind
die erwähnten Liquidationskassen in Berlin, Hamburg und a. O. eingerichtet,
 welche, wie die vorerwähnten Vereine die Abwicklung des
Geschäftes am Lieferungstermine vermitteln, außerdem aber gegen
Zahlung einer Prämie für die Erfüllung der Termingeschäfte die
Garantie übernehmen.
Schließlich ist das Arbitragegeschäft zu erwähnen. Dem jetzigen
Sprachgebrauche nach versteht man darunter den Handel in Fonds, Geldsurrogaten,
 hauptsächlich aber von Wechseln, um die Ungleichheit der
Preise zwischen verschiedenen Börsenplätzen geschäftlich auszunutzen,
wodurch eine Ausgleichung der Preise erzielt wird. Hauptsächlich
handelt es sich darum Zahlungsmittel für das Ausland da aufzukaufen,
wo sie am billigsten sind, also Wechsel oder Noten, die man zur
Zahlung braucht oder an diejenigen zu verkaufen, die sie für den
yleichen Zweck zu haben wünschen. Diese Geschäfte werden sowohl
an der Börse von besonderen Händlern wie von Banken gelegentlich
gemacht. Die dafür zu zahlende Stempelabgabe hat diese Tätigkeit
in Deutschland namentlich an der Börse sehr eingeschränkt.
Zur Vermittlung des Geschäftes sind an der Börse Makler tätig,
welche in Deutschland Beamtenstellung haben, die durch das Börsengesetz
 noch besonders geregelt ist. Dieselben sind vereidigt; sie
müssen über jedes Geschäft eine Urkunde, „Schlußschein“ genannt,
ausstellen und bescheinigen dadurch mit notarieller Kraft den Geschäftsabschluß.
 In England sind im Gegenteile diese Makler selbständige
 Geschäftsleute, welche die Vermittlung dadurch übernehmen,
daß sie fortdauernd auf eigene Rechnung kaufen und wieder verkaufen,
also selbst an die Stelle der Kauflustigen und der Verkäufer treten.
        <pb n="258" />
        239 —

Die Börse ist seit langer Zeit für die ganze Volkswirtschaft durch
die besondere Verzeichnung der bei ihr an den einzelnen Börsentagen
durchschnittlich gebotenen und gezahlten Preise von außerordentlicher
Bedeutung geworden, d. i. durch die Aufstellung des Kurszettels an
der Fondsbörse, der Preisübersicht an der Warenbörse, welche für die
Preisregulierung im ganzen Lande und noch darüber hinaus maßgebend
yeworden sind. Die verschiedenen Börsen stehen miteinander telezraphisch
 in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig durch die
Mitteilung darüber, wie sich bei ihnen die Preise gestaltet haben. Die
Kurs- und Preiszusammenstellung geschieht nun in Deutschland durch
die Makler, welche auf Grund der Schlußscheine am Ende der Börse
die Durchschnitte für die darin bezeichneten Geschäfte anfertigen und
danach Kurse und Preise feststellen. Nach dem Gesetz von 1908
erfolgt die amtliche Feststellung der Kurse durch den Kommissar des
Börsenvorstandes auf Grund der von den Kursmaklern vorbereiteten
Kursaufstellung. Bei dieser definitiven amtlichen Kursfeststellung
sollten außerdem noch der Börsenvorstand, die Börsensekretäre und
Vertreter der beteiligten Berufszweige mitwirken. Die Kursmakler
sind besondere aus der Zahl der Makler ausgewählte und besonders
vereidigte Persönlichkeiten. (E.Loeb, Kursfeststellung und Maklerwesen
 an der Berliner Effektenbörse. Jahrb. f. Nat.-Oekon. 1890, Bd. XI.)
Bei Ausbruch des Krieges von 1914 wurden in allen in Betracht
kommenden Ländern die Börsen geschlossen und damit die Kursnotierungen
 suspendiert, um die Spekulation niederzuhalten.

Kurszettel.

8 67.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fondsbörse
in der Gegenwart.

Pfleger und Geschwindt, Börsenreform in Deutschland. München 1897.
E. Ehrenberg, Die Fondsspekulation und die Gesetzgebung. Berlin 1883.
Struck and Wiedenfeld. a. a. O0.

An der Börse konzentrieren sich in außerordentlichem Maße Verkäufer
 und Käufer für dieselben Güter. Dadurch wird einem Jeden
lie Möglichkeit geboten, das dort gehandelte Objekt in der leichtesten
und angemessensten Weise loszuwerden und ebenso es zu erlangen.
Die dort ausgebildete weitgehendste Konkurrenz führt im großen
Durchschnitte am besten zur Anpassung der Preise an die tatsächlichen
 Verhältnisse, denn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage
tritt dort am übersichtlichsten zutage. Man kann mit Zuversicht
sagen, daß, wenn eine solche Einrichtung sich nicht historisch bereits
entwickelt hätte, man genötigt wäre, sie neu zu schaffen, da sie sich
als unentbehrlich für unser Wirtschaftsleben herausgestellt hat. Sie
ist nicht etwas willkürlich Geschaffenes, sondern mit innerer Notwendigkeit
 allmählich so Gewordenes. Die Fondsbörse erleichtert es dem
Kapitalisten, sich diejenige Anlage zu suchen, die er aus der großen
Auswahl nach dem Kurszettel für seine Verhältnisse als am passendsten
ansieht. Er ist sicher, dort das Papier zu finden, welches er wünscht,
wenn es überhaupt verkäuflich ist, und ebenso kann er darauf rechnen,
dort einen Käufer für sein Papier zu finden, wenn es irgend Anspruch
auf einen Kurs erheben kann: und die dort zutage tretende Kon-Erleichterung


der Kapitalsanlaze.
        <pb n="259" />
        240

Die Erleichteung
 der Kapi
talsaufnahme.

kurrenz sichert ihm im großen ganzen den Preis, welcher den allgemeinen
 Verhältnissen entspricht. Es ist natürlich, daß, je größer ein
Markt ist, um so weniger einzelne Persönlichkeiten ein Uebergewicht
zu erlangen vermögen, und daß einer einseitig auftretenden Richtung,
die den Tatsachen nicht genügend Rechnung trägt, sich auf einem
großen Markte sehr bald eine wachsende Zahl von Personen zur
Gegenwirkung vereinigt gegenüberstellen wird; und zwar mit um so
größerer Chance, je richtiger sie die tatsächlichen Verhältnisse beurteilt.

Es kommt ferner in Betracht, daß bei den ungeheuren Ansprüchen
an Kapital, welche heutigen Tages von Staat und Gemeinden sowie
den privaten Unternehmungen gemacht werden, die Aufbringung der
betreffenden Summen ohne einen solchen konzentrierten Markt, der
mit dem gesamten zahlungsfähigen Publikum in Beziehung steht,
nicht möglich wäre, wie es heutigen Tages durch die gesamten Emissionen
 fortdauernd geschieht. Hierbei kommen außer den Staats- und
Kommunalanleihen die für den Eisenbahnbau aufgenommenen Summen
in Betracht, ferner die in der Form von Industrieaktien angelegten
Beträge, schließlich die bedeutenden Summen, welche als Hypothekendarlehen
 der Landwirtschaft zugänglich gemacht werden und die in
der neueren Zeit immer mehr iu der Form von: Inhaberpfandbriefen
der landwirtschaftlichen Kreditinstitute und Bodenkreditaktienbanken
ausgegeben und an der Börse in Umlauf gesetzt werden. Ende 1895
zirkulierten in Deutschland 4435 Mill. M. Pfandbriefe der letzteren
[nstitute, von ersteren über eine Milliarde (Gustav Cohn).
Alle diese Papiere werden an der Börse zum Verkaufe ausgeboten
und können nur dadurch untergebracht werden, daß von dem ganzen
Lande, ja auch aus dem Auslande sich die Kauflustigen an die
Zentralfondsbörse wenden und dort ihre Ankäufe machen, und daß
eventuell das Angebot auch an ausländischen Börsen geschieht, um
auch dort Käufer heranzuziehen.
Aus den folgenden Tabellen ergibt sich zugleich die große Mannigfaltigkeit
 der Gelegenheit der Anlage, die mit einem jeden Jahre
noch zunimmt. Der Kurszettel der Londoner Börse umfaßte 1815
nur 30 Papiere, schon 1889 1630. Der Berliner Kurszettel enthielt
1820 nur 11 Effekten, 1880 613, 1889 1137, neben 33 ausländischen
Wechseln, Noten, Papiergeld und Münzsorten. (Statist. Anlagen zu
den Materialien der Börsenenquetekommission. Berlin 1892/93.) Nach
der Anlage zur Begründung des Entwurfes eines Ergänzungssteuergesetzes
 1892/93 schätzte der Minister Miquel das preußische private
Kapitalvermögen für das Jahr 1899 auf 73,8 Milliarden. Davon
wären angelegt 6 Milliarden in preußischen Staatsanleihen (1905: 7,2),
620 Millionen in Reichsanleihen (1905: 3,2 Milliarden), 1,2 Milliarden
in Kommunalanleihen, 1'/, Milliarden in ausländischen Wertpapieren,
3350 Millionen in preußischen Aktien, zusammen 12,7 Milliarden M.;
das ergibt mit 17 Milliarden Hypotheken und Pfandbriefen fast 30 Milliarden
 in Form von Leihkapitalien. Hieraus werden die kolossalen Beträge
ersichtlich, die untergebracht werden müssen, und wenn man sich
auf der anderen Seite gegenwärtig hält, daß die Ersparnisse, welche
in jedem Jahre in Deutschland gemacht werden, nach der Schätzung
Schmollers 2—2'/, Milliarden M. betragen, von denen mindestens eine
Milliarde in Wertpapieren eine Anlage sucht, so kann man sich
3inen Begriff davon machen, welche umfassenden Vorkehrungen not-
        <pb n="260" />
        — 941 —

wendig sind, um diesem ‚wirtschaftlichen Bedürfnisse entgegenzZukommen.
 Ohne die Börse wäre der Kapitalist allein darauf angewiesen,
 sich an einzelne Bankiers zu wenden, die ausschließlich in
der Lage wären, gewünschte Papiere auf Lager zu halten und an
das Publikum abzutreten; und ebenso dieselben wiederum nach Bedarf
 zu. verkaufen. Sie würden dadurch die gewaltigste Uebermacht
 gewinnen und das Publikum in der extremsten Art und
Weise auszubeuten vermögen. Ihre Macht ist durch die ausgedehnte
 Konkurrenz an der Börse und durch die dort herrschende
Oeffentlichkeit gebrochen und dadurch ein ungeheurer Fortschritt
erzielt. (Siehe Tabellen S. 242—9243.)

$ 68.
Die Bedeutung der Warenbörse.
Pinner, Der Getreideterminhandel in Deutschland. Berlin 1914.
In der gleichen Weise wie bei den Wertpapieren hat sich in
der neueren Zeit auch bei einzelnen Waren das Bedürfnis nach einer
solchen Konzentration des Handels herausgestellt und zugleich das
Streben, ihn von der Last des tatsächlichen Umsatzes zu emanzipieren,
 um damit der Spekulation größere Freiheit zu gewähren.
Dieses ist geschehen, indem man von dem unmittelbaren Umsatz der
Ware, welche auf den offenen Markt gebracht wurde und dort in die
Hand des Käufers gelangte, zu dem Handel in dem geschlossenen,
konzentrierten Markt nach Probe unter Verbindung mit dem Zeitgeschäft
 schritt. Ein weiterer Fortschritt war es, als man zu dem
Termingeschäft überging und hier von der tatsächlich vorliegenden
Ware mehr und mehr absah und eine Papierware an die Stelle
setzte, um auch bei ihr die möglichste Vertretbarkeit zu erzielen,
wie sie bei den Börsenpapieren vorlag. Man wählte die Qualität
aus, welche am leichtesten zu bestimmen und in den größten Mengen
disponibel war, wo man also imstande war, Handelsgeschäfte abzuschließen
 ohne genauere Qualitätsbestimmungen, und wo. die Beschaffung
 des gehandelten Materials keine Schwierigkeiten bot; so
für Kaffee in Hamburg, Mittelgut Santos, ebenso für Weizen, mittlere
Ware zu einem niedrigen Gewicht, so daß nun die Spekulation unbekümmert
 um die im Momente vorliegende Ware vor sich gehen
kann. Sehr falsch ist aber die Meinung, als ob infolgedessen die
Preise in Papierware völlig unabhängig von dem tatsächlichen Verhältnis
 von Angebot und Nachfrage zu bestimmen wären. Der
Terminhandel ist nicht ein für sich selbst dastehender Handel, sondern
ar ist nur eine Fortsetzung des tatsächlichen Umsatzhandels vermittels
 einer feineren Wage. Sind Aussichten auf eine günstige
Ernte vorhanden, so wird dadurch die Spekulation &amp;amp; la baisse animiert.
 Zuerst wird lieferbare Ware für einen bestimmten Termin
von denjenigen ausbedungen, welche sie tatsächlich gebrauchen, wie
an dem Frühmarkt in Berlin. Dann bemächtigt sich die reine Spekulation
 der Frage und es wird nun mit größeren Massen Papierware
yehandelt. Die Parteien stehen sich gegenüber und wägen von Tag
zu Tag, yon Woche zu Woche ab, wie sich nach Ablauf eines
Viertel-, eines halben Jahres das Verhältnis von ‚Angebot und Nach-(rage
 wohl gestalten wird, wie weit danach die Preise in die Höhe
yehen werden. Geht die eine Partei in ihren Hoffnungen zu weit,
Conrad. Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Auf. RR

Paptierwaren.
        <pb n="261" />
        Emissionen!) in 1000 M.

N
KH
3

Die die Kapitalien
beanspruchenden Länder

1912 , ım |

1910

Gesamtemissionen
1909 1908

1907

Deutschland und seine Kolonien
England und seine Kolonien. .
Engl. Kolonien in Südafrika . .
Frankreich und seine Kolonien .
Desterreich-Ungarn . . .
Rußland . . .. ;
Belgien .. ..
Bulgarien . . .
Dänemark ...
Griechenland .
Italien. . .
Luxemburg . .. 0... .
Niederlande und seine Kolonien
Norwegen . ....
Schweden. ... 1...
Portugal und seine Kolonien ,
Rumänien . . u. ,
Schweiz . . .
Spanien . ,
Türkei. .
Serbien . 0.0.0.0...
Vereinigte Staaten von Amerika
Kanada . . 2. 0.0...
Uebriges Amerika .
Kongostaat . .
Aegypten. .
Liberia .
China , . .
Japan . .
Marokko

2565 918
1.254 690
93.150
2293515
598 590
194 345
335 057
20 250
56 700
40 500
239 760
3 240
93 150
37 260
8 100
31 590
155 925
304 560
251 100
294 840
5670
2.768 985
1.166 805
1 656 450
36 450
113 400
387 585
345 870

2 244 783
1 600 161
190 089
ı 078 920
750 554
1187 460
338 738
9.720
34.020
111 375
124 740
13770
382 100
68 486
40 500
70 560
62 370
194 400
247 860
152 685
24 300
3 284 550
834 786
2.207 169
240.975
10.985
| 171815
173 400

2 426 408
3014192
103 194
1419 525
773 347
376 744
361 260
96 390
131 463
377 217
355 185

3 035 475
2319 694
237 746
398 708
361 590
668 281
363 230
115 425
62 370
5 670
176 580

3 048 686
2 832 844
71870
1.150 954
349 584
635 741
150 460

1 806 189
L 798 375
234 081
908 903
45 914
391 338
298 192
LO6 084
20 299
189 783
169 376

67.959
22 559
156 407

204 322
46 170
112 671
1 458
210195
208 879
91 530
209 385
160 380
1585 572
1018 170
3128 220
47 547
43 011
1321218

200 398
7812
49 463
133 209
44 550
352 920
230 338
197 337
10125
111 410
&amp;gt; 482 957
743 847
39 394
30 092

175 883
4 990
142 151
142
160 380
212 842
290 980
76 404

52 650
12 150
11462
219 672
40 037
36 653
78 651
3358 821
383 757
789 403
12150
278 409
174 393
996 6d4

5 826 739
669 921
1295 477

57134
- 2025
799 083 | 200 273
187 141 72252
121 5002)
. 16 353 455 | 15767178 | 21439 983 | 19 906 877 | 17174657 | 12428 574
Chronik der Jahrb. f. Nat.-Oek. 1906 bis 19183, S. 783 und Moniteur des interets materiels. Brüssel.

|}

. 1906

| 1905

EEE

2 675 951
1577 283
127 919
1050 182
485 184
2.023 654
603 103
21 060
31 833
682 769
4860
126 059
1215
59 408
45 956
50 487
246 598
201 337
145 323
97 200
3 254 766
276 413
873 651
8100
201 791
496 125

2.476 978
2.046 024
231 893
684 400
54 762
1393 012
280 707

32 602
144 148
2 430
203 806

15.775
23 697
323 514
113 400
264 197
139 398
2 430
129 007
189 972
837 993
360 102
46211
1 482 199

ı 21513 1561
2) Persien 12.151.

154786567
        <pb n="262" />
        243
+esamtemissionen der Jahre 1871/1903.
Emissionen _ Emissionen Emissionen
dilliarden M. Jahr Milliarden M. ; Jahr Milliarden M.
12.6 1885 1899 9,2
in2 1886 1900 ar
1RBT 1901 „9
888 902 3
289 1903 R
a) 904 7
:891 :905 55
„R92 906 1,5
‚893 ‘ 1907 ‘24
1894 A: 1908 72
1895 bh 1909 3.9
1896 13 1910 21,4
1897 7,8 1911 15.8
1898 8,5 1912 16,4
Emissionen nach großen Länderornnnan in Prozenten.

a“

Von den beanspruchten
Kapitalien entfielen auf:

1912
Mill.
M. | °%

1911 | 1910
Mill. Mill.
M. | °% w. %

1909
| Mil. | 0
M. 9%

England und Kolonien
Europäischer Kontinent
Afrika
Amerika
Asien C—

1255 7,6° 1600 10.16 014, 1405 2320 |11,65
3530 52,161 747| 44,70, 8063| 37.60} 8419 | 42:30
2483| 1,481 483| 3206| 2830| 1,08| 494| 248
5592 | 3220, 6326| 46:8 | 8732| 4073| 8405 | 42:22
7881 448! 813° +67! 1401| 6,54” _269|_1.80
16353 | 100 |15767| 100 ‚21440| 100 119907] 100

1908 1907
Mill. | 0 | Mill. |
M. 0 M

1906 1 1905
win. | 9 | Min |

1904
Mill. | 9
v. 0

England und
Kolonien
Europäischer
Kontinent
Afrika
Amerika |
China und
Japan

2832| 16,501 14.461 1577! 7,33] 2046| 1321| 1747! 14,98
5481| 37,74‘ 4705 37,86 [14 778 | 68.69 | 6155 | 39,77] 5362| 45.86
254 | 1,48 | 525, 4,23| 257| 1,20| 592| 3,82| ‚419 3,57
7293| 42,45] 42141 33,90} 4 405 | 20,47 | 5157| 33,321 2962 25,40
8315| 1,83| 1187| 9,55 | _ 496 2,31] 1528| 9.88| 1199| 10,24
17175 |100,00 |12 429 1100,00 [21 513 |100,00 [15 478 |100,00 [11,689 | 100,00

1903 I 1902 ;
wa. | 4 | win | 9}

1901 | 1900 | 1895 .
Mill. | 4, | Min. | 4, | Min. | op

England und
Kolonien
Europäischer
Kontinent
Afrika
Amerika
China und
Japan

1 947 nl

13.131

24809
11 552
498
383

16,4 | 3043
76,5 | 4695
32 | 130
25 ] 188

37,6 | 3205 (38,4 | 1311 | 24,8
58,3 | 6013 ‚62,6 | 2625 | 49,6
18 8) 0,3 205 | 3,9
83 | 5165| 3,2! 728 | 183,7
425 | 8,0
1 5289 (100,0

67.77 |
4,09
17,79]
31 1 0,22) 185
14838 |100.00 115.098 ı ı 8049

1) inkl. Transyvaal.
        <pb n="263" />
        244

Emissionen nach Wertpapierkategorien in Prozenten.
1905 | 1906 | 1907 | 1908 | 1909 | 1910 | 1911 | 1912
37.75| 23,138 -_ 34,17 u 34,18| 29.42' 30,22
‚ 9,70] 8,68 933 6,47 50 10,25 1718 16,40
43.28 9,34 52,72 57,80/ 46.05 42 12! 50,97 50.00
8.27/38,58'_1.46|_1 56! 10.00| 13.47|_2,43 3,38
100 | 100 | 100 | 100 | 100 | 100 | 200 | 100

Ausgleichende
Wirkung des
Terminhandels.

so bildet sich sofort eine Kontremine, um ev. ä la baisse zu spekulieren.
Je mehr ihre Auffassung der Wirklichkeit entspricht, um so mehr
Anhang gewinnt sie und erlangt ein Uebergewicht, bis auch sie die
angemessene Grenze überschritten hat, und wiederum die Haussespekulation
 mehr Chancen gewinnt. Auf diese Weise findet eine viel
größere Ausgleichung der Preise statt, als sie ohne dieses Mittel
möglich wäre, und die Untersuchungen von Gustav Cohn (Jahrb.
f. Nat.-Oek. 1867) und seinem Schüler Kantorowitch (Jahrb. f. Ges.
u. Verw. 1891, S. 1183) haben statistisch ergeben, daß tatsächlich
vermittels des Terminhandels die Vorausbestimmung der Preise für
den Herbst immer genauer geworden. ist und die Fehldifferenz sich
in sehr bedeutendem Maße verringert hat. Damit hängt zugleich zusammen
 die örtliche Ausgleichung der Preise und Kurse. Noch vor
wenigen Dezennien war der Zinsfuß in den einzelnen Teilen Deutschlands
 ein außerordentlich verschiedener und so auch der Kurs der
Papiere mit einem gleichen Zinsfuß. Die ostpreußischen Kommunalanleihen
 und Pfandbriefe waren auf den Absatz innerhalb der Provinz
angewiesen und zeigten einen viel niedrigeren Kurs,als z. B. die der
Provinz Brandenburg. Heutigen Tages ist die Differenz eine nur
unbedeutende und verschwindet mehr und mehr, weil auch die ostpreußischen
 Papiere hauptsächlich an der Berliner Börse umgesetzt
werden und ihren lokalen Charakter verloren haben. In der gleichen
Weise haben in früheren Zeiten die kleinen Getreidehändler in den
Provinzen die dortigen Preise beherrscht und waren natürlich in ausgedehntestem
 Maße in der Lage, sie zu ihrem eigenen Vorteile zu
gestalten. In der Gegenwart ist der Berliner Markt maßgebend für
ganz Deutschland, auch der kleine Landwirt liest die Börsenpreise
in seinem Wochenblättchen und hat damit ein Gegengewicht gegen
die Willkür des Händlers. ‘Daher die allgemeine Beobachtung, daß
die Kaufleute in der Provinz große Gegner der Berliner Börse und
vor allem .des .nivellierenden Terminhandels sind. Einen schlagenden
Beweis hierfür bietet die Vergleichung der Preisgestaltung von Gerste,
and namentlich Hafer, welche wenig oder gar nicht dem Terminhandel
 unterworfen ‚sind, deren Handel überhaupt weniger zentralisiert
 ist, gegenüber Roggen und Weizen, welche in verfeinerter Weise
gehandelt werden, was später noch statistisch darzulegen sein wird.
Der Terminhandel ist auch nicht plötzlich und willkürlich eingeführt,
 sondern hat sich allmählich aus einem praktischen Bedürfnisse
 heraus entwickelt. Einzelne Beispiele werden dieses leicht
klarlegen. Das Bedürfnis ging nach zwei Richtungen hin, einmal
freier über die Ware verfügen und die Konjunkturveränderungen um
so besser ausnutzen zu können, auf der anderen. das Risiko verteilen
        <pb n="264" />
        — 245 —

und den Handel in ausgedehnterem Maße betreiben zu können, ohne
darum in der gleichen Weise das Risiko zu steigern. Mit anderen
Worten, der Terminhandel wird als eine Versicherungsgelegenheit
von der Handelswelt benutzt, und dieses fiel um so mehr ins Gewicht,
je großartiger sich der Handel gestaltete und je mehr er zur Konzentrierung
 neigte; jeder Markt konnte nur dann auf eine Vergrößerung
 und in dem Konkurrenzkampfe mit anderen Märkten auf einen
Sieg rechnen, wenn er dieses Mittel mit heranzog, um die Gefahren,
die mit dem Engrosumsatze verbunden waren, auszugleichen,
Wo es sich um große Zahlungen handelt, die an einem bestimmten
Termine zu machen sind, sagen wir bei einem Gutskauf, Einzahlungen
bei einer Staatsanleihe oder der Gründung einer Aktiengesellschaft,
kann es für den Besitzer von Papieren mit schwankendem Kurse,
wie Bankaktien, rumänischen, griechischen, argentinischen Staatspapieren,
 von großer Wichtigkeit sein, sich für den Zahlungstermin
einen bestimmten Kurs für seine Papiere zu sichern. Er schließt
deshalb ein Lieferungsgeschäft für jenen Tag ab, also z. B. den
31. Juni, um am 1. Juli zahlen zu können, Für den Fall aber, daß
lie Papiere in der Zeit infolge eines allgemeinen wirtschaftlichen
Aufschwunges oder besonderer Chancen eine starke Kurserhöhung
arfahren, die noch für die Zukunft anzuhalten scheint, ist ihm die
Möglichkeit von Bedeutung, jenes Lieferungsgeschäft in ein Differenzzeschäft
 umzuwandeln oder dieses von vornherein abschließen zu
können, da er für diesen Fall noch andere Papiere in Reserve hat.
Erhält er in dem anderen Falle eines bedeutenden Kursrückganges
amgekehrt vom Käufer die Kursdifferenz ausgezahlt, so hat er gleichfalls
 seinen Zweck erreicht, da ihm jeder Verlust erspart ist. Er
verkauft entweder die Papiere und deckt den Ausfall durch die erhaltene
 Differenz, oder er behält die Papiere in der Hoffnung, sie in
einiger Zeit besser verkaufen zu können; er hat damit noch eine
Gewinnchance erlangt. Da aber bei einer großen Staatsanleihe von
ein paar hundert Millionen Mark die Zahl der Personen, die in der
Lage unseres Beispiels sind, sehr groß sein müßte, werden durch die
Differenzgeschäfte bedeutendere Kursschwankungen und damit auch
erheblichere Verluste verhindert. Es haben nicht nur die Einzelnen
ainen Nutzen davon, sondern auch die Gesamtheit.
Bei dem Warengeschäfte liegen die Verhaltnisse ganz ähnlich.
Ein Berliner Kaufmann hat z. B. von Mähren und Schlesien einen
yrößeren Posten Weizen gekauft, der auf der Oder verschifft wird
und langsam Berlin zuwandert, inzwischen gehen die Preise in Berlin
terunter, während sich im Auslande über Stettin höhere Preise erlangen
 lassen. Der Verkäufer bietet deshalb die Differenz an, um
nicht nach Berlin liefern zu brauchen. Der Berliner Kaufmann ist
natürlich froh darüber, denn es lag die Gefahr vor, bei der Ueberfüllung
 des dortigen Marktes durch die Ladung den Preis noch mehr
zu drücken. Er bezieht die Differenz als Gewinn und kann seinen
Bedarf an Urt und Stelle billiger decken. Der Verkäufer erlangt
dagegen durch seinen Verkauf über Stettin eine höhere Einnahme
als jene Differenz war. Volkswirtschaftlich war dieses Vorgehen berechtigt,
 weil eine Ueberfüllung in Berlin verhindert wurde, und das
Getreide dorthin gelangte, wo ein Bedarf dafür vorlag.
Als drittes Beispiel wählen wir ein Termingeschäft in Kaffee.
Ein Hamburger Kaufmann hat eine eroße Sechiffsladung aus Java

Risikoausgleichung

durch den
Terminhandel
bei Effekten.

Verteilung des
Risikos heim
Warengeschäft.‘


Kaffeetermingeschäft.
        <pb n="265" />
        246

anterwegs. Die Preise beginnen herunterzugehen, so daß er fürchten
muß, der. ihm dadurch drohende Verlust überschreite seine Leistungsfähigkeit,
 während er auf der anderen Seite. immer noch hofft, daß
sich die Preise baldı wieder heben werden. Er sucht deshalb Deckung
durch ein Termingeschäft, indem er die halbe Ladung für den Moment
des KEintreffens derselben zu dem zu erlangenden Preis verkauft.
Gehen nun auch die Preise weiter herunter, so trifft dieses nur noch
die halbe Ladung. Das Risiko ist zur Hälfte auf andere Schultern
abgewälzt. Besonders wichtig aber ist für ihn, daß er seine Javar
ware feinerer Qualität in der Hand behält, während es sich bei
einem Termingeschäfte: um eine mindere Qualität handelt, die gar
nicht geliefert zu werden braucht. Er kann deshalb seinen Kaffee
zum. Teil in Havre verkaufen, zum Teil in London und ihn dort absetzen,
 wo er die höchsten Preise erlangen kann.. Die Gewinnchancen,
 die in den von ihm gewählten Sorten liegen, bleiben ihm
ungeschmälert. Der Warenumsatz wird durch diese Spekulation gar
nicht berührt. Der Terminhandel, der ihm Rückendeckung schaffte,
ermöglichte ihm eine Ausdehnung des Geschäftes, die ihn sonst leicht
ruinieren konnte. . Das Geschäft wurde für ihn ein gefahrloseres,
solideres. Wie die Aeltesten der Kaufmannschaft Hamburgs in einer
Petition zum Schutze, des Kaffeeterminhandels an den Reichstag auseinandersetzten
 (s. auch Bayerdörfer, Der Kaffeeterminhandel,
Jahrb. £. Nationalökon., 3. F., Bd. I, 1891), war es Hamburg nur durch
die Heranziehung des Terminhandels möglich. gewesen, den Kaffeehandel
 mehr und mehr bei sich zu konzentrieren und ihn von Havre
in höherem Maße abzuziehen, und so der Zentralmarkt für Europa
zu werden, während. bis. dahin Havre drohte der Vorort für.den
europäischen. Kaffeemarkt zu werden. Ebenso legten sie dar, daß
Hamburg sicher. die. Ueberlegenheit wieder einbüßen würde, sobald
man ihm den Terminhandel nähme, dadurch den großen Umsatz erschwerte‘
 ‚und gefahrvoller machte.
Man weist nun vielfach auf. die Größe des Papierumsatzes hin,
der ‚allerdings den realen Umsatz bedeutend zu übersteigen pflegt.
Man hat berechnet, daß im Termingeschäfte in einem Jahre wohl
das dreißigfache an Santoskaffee umgesetzt ist, als überhaupt auf der
Erde geerntet wurde, und Aehnliches ist für das Getreidegeschäft
konstatiert. ‚Es: liegt. dann der Gedanke nahe, daß infolgedessen
die tatsächliche Ernte für die Preisbestimmung bedeutungslos sein
müßte... Das. ist aber durchaus falsch; bleiben wir bei unserem letzten
Beispiel. Der Kaufmann, welcher die halbe Schiffsladung Kaffee an
der Hamburger Börse im Termingeschäfte ‚verkaufte, setzte diese an
einen Börsenspekulanten ab, der selbst gar keinen Speicher hat und
die Ware gar nicht kaufen kann. Er. will vielmehr allein an Preisschwankungen
 profitieren... Sobald er daher Jemanden findet, der
ihm ‚schon ‚am‘ nächsten Börsentage zu.einem etwas höheren Preise
den Kaffee abnimmt, so schlägt er ihn. auch‘ los und begnügt sich
mit dem Gewinn der Preisdifferenz. Ebenso macht es der Abnehmerund
 so geht dieselbe Schiffsladung: an einem Börsentage häufig durch
mehrere Hände und wechselt. während der 6—8 Wochen bis zur
Ultimoregulierung vielleicht 10, 20, 30 mal den Besitzer. Die Grundlage
hierfür bleibt dieselbe Schiffsladung, die in den Ziffern des Terminaandels
 drei-, vielleicht dreißigmal vorkommt, daher diese Zahlen das
dreißigfache Quantum aufweisen... Der Terminhandel stützt sich mithin
jurchaus auf den realen Handel, er hat keinen anderen Ausgangspunkt.
        <pb n="266" />
        247 —

Aus dem zuletzt Gesagten geht bereits hervor, daß der Terminhandel
 auf einer weiteren Ausbildung der Arbeitsteilung beruht.
Dem Kaufmann, der mit reeller Ware handelt, treten wiederum als
Abnehmer der Ware Kaufleute gegenüber, und sie finden sich an der
Börse zusammen. Sie machen Zeit- und Lieferungsgeschäfte für bestimmte
 Fälle des Warenbedarfes, aber auch zugleich reine Spekulationsgeschäfte
 unter Benutzung des Terminhandels. Außerdem aber
kommen noch reine Börsenspekulanten hinzu, die von der Ware selbst
vollständig absehen und nur aus den Preis- und Kursschwankungen
Gewinn zu erzielen suchen, also dem eigentlichen Kaufmann entgegenzustellen
 sind. Auch diese Klasse der Händler erfüllt eine
wesentliche wirtschaftliche Aufgabe. Sie tritt da ein, wo ein realer
Abnehmer der Ware nicht zu finden ist. Sie macht ein Geschäft
daraus, den Kaufleuten einen Teil des Risikos abzunehmen, und muß
dafür natürlich auch entsprechend entschädigt werden; sie bildet die
Kraft, die das Böse will und das Gute schafft.
Ganz besonders haf man gemeint, daß der Terminhandel in Getreide
 schädlich wirke und einseitig zugunsten der Spekulanten bald
die Preise zum Schaden der Landwirte zu sehr erniedrige, bald zum
Schaden der Konsumenten zu sehr erhöhe. Die Statistik gibt hierfür
durchaus keinen Anhalt, bezeugt vielmehr das Gegenteil, wie die
schon erwähnten Untersuchungen Cohns, sowie unsere eigenen über
die Monatspreise des Brotgetreides und den engen Zusammenhang
der Preise der verschiedenen Börsen ergeben.
Es ist bei den Landwirten eine sehr allgemein verbreitete Ansicht,
 daß die Preise in der ersten Zeit nach der Ernte künstlich
von den Kaufleuten gedrückt werden, um das Getreide billig in die
Hand zu bekommen und die Preise gegen Ende des Erntejahres
ibermäßig zu erhöhen, weil sie dann allein über den Vorrat disponieren
 und von hohen Preisen ausschließlich einen Vorteil haben.
Unzweifelhaft ist es richtig, daß nach dieser Richtung das Interesse
der kaufmännischen Welt liegt. Wenn sie also die Macht in Händen
hat, einseitig die Preise zu beeinflussen, so wird es unzweifelhaft
in dieser Weise geschehen. Die folgende Tabelle, welche die Verhältniszahlen
 der Monatspreise zum Durchschnittspreise des Erntejahres
 zeigen, beweist nun aber das Gegenteil. (S. Jahrb. f£. Nat.-Oekon.
 1895. Bd. IX. S. 258.)

Getreide-‚erminhandel.


(Siehe Tabelle S. 248.)

Einmal ist der Preis am Ende des Jahres nur um einen Prozentsatz
 höher, der kaum ausreicht, um die Kosten der Lagerung und
Behandlung, sowie den Zinsverlust zu decken, die auf 4—7°%, des
aufgespeicherten Getreides zu veranschlagen sind. Von 1883—93
stand in Berlin der Weizen im ersten Vierteljahr 176,3 M. per Tonne,
im letzten Vierteljahr des Erntejahres 182,6 M., das ist eine Differenz
von rund 4°/,. Nach der Reichsstatistik war sie nur 4,8 M., bei den
Ultimopreisen war sie allerdings größer: 10,5 M., aber auch dieses
sind nur 6%; bei dem Roggen, wo die Börse und der Terminhandel
besonders dominierend waren, dagegen nur 2,3 M. (151,1 und 153,4 M.),
also noch nicht 2°%,. Außerdem aber ergibt sich, was besonders bei
lem Roggen schlagend hervortritt, daß sich das Verhältnis im Laufe
der Zeit für den Landwirt nicht verschlechtert, sondern im Gegenteile
 erheblich verbessert hat. Von 1816/65 war die Preisdifferenz
        <pb n="267" />
        248

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1 53

"she Weisannyr*-&amp;gt; "3 Vc.L ‚önizzahlen
Preuß, Staat ı ] |
1865—93 „101 |99 | 99,5 99,5/ 98,5 98,5) 98 | 98.5100 102,5/102,9 102,9]100
Berlin (nach
1.Reichsstat.), | |
1883—93 101,9| 98,4 978 98,7 98.4 99,2| 99 | 99,2/101 |108,4|101,4|101,6 100|
Berlin
Ultimopreise
an der Börse)
1877—93
Qnesen
L888—93

Mon!

4,9

5,6

98,8 96,4 | 98,2| 98,1! 97,4! 99 99,9| 99,7 108,7/104,8 101 |108,6[1001
101,7/97,8| 96,7! 99,5 - 98,8 96,7 97,8/100 [06 108,3/104,4/100
Roggenpreise
98 be 102 102 1100 1100 1100 | 98 | 98 1102 106,1 104,1 100)
98,21 98,2 |101,2 101,8 100,6| 99,4 98,8 98,2! 98,8/100,6/101,8 101'2/100
98,7 98,7 [101,7/100,2/101,11100,6/100,2/ 98,9/100,8/100,4 100,7! 98,7|100]
94,9/ 99,4 1102,5/105,71101,9/101,9/ 99,4| 97,4| 97,4/101,8/100 |100,6/100]
1 1 |
Gerstenpreise
Preuß. Staat | |
1865—93 | 97,4| 97,4| 99,4/100,6'100 | 99,4|100 |100 [101,8/100,9)101,8[100,6 100] 3,9
Haferpreise

7,9
83

8,1
36

3,0
108

a0 m sog | 95,0 96 | 97,8) 96,7| 97,7| 97,3] 99,102 04.2106 horslıco] 12,0

zwischen den höchsten und niedrigsten Sätzen 8,1%, neuerdings nur
3,6 °% und noch geringer gerade bei den Ultimopreisen. Ferner ist
in den Provinzialstädten die Verschiebung zuungunsten der Landwirte
weit größer als in Berlin, und bei dem Hafer stärker als bei dem
Brotgetreide, also gerade da, wo der Terminhandel keine Rolle spielt,
Von 1888—1893 kostete
der Weizen in Gnesen im I. Qu. 179,8 M., im IV. Qu. 188,7 M., Differ. 9,4 M.
% » in Insterburg „ 179,3 „ » »„ 194,7 , » 154 ,
der Roggen in Gnesen » m» 1553 „ » 158 » 26,
5 „in Insterburg „ 155,8 „ » 1603 „ » 5
der Hafer von 1883—93
im preußischen Staate » m» 1400 „ » 1510 » 110 ,
in Ostpreußen % * 1253 * 138,3 „ 1830
Eine genaue Verfolgung der Monatspreise in einer größern Reihe
von Jahren läßt nun außerdem erkennen, wie die Weizenpreise, besonders
 zwischen Berlin und London, aber auch zwischen Wien und
Mannheim, Hand in Hand gehen. Die Schwankungen zeigen den
gleichen Gang, nur daß bald der eine, bald der andere Ort zuerst
eine Veränderung zeigt, welche in kurzer Zeit die Einwirkung auf
die andere Börse und Nachfolge des Preises beobachten läßt. Die
Zollerhöhung Ende der 80er Jahre, die Ermäßigung im Jahre 1891
sind durch das Auseinander- und Zusammengehen der Linien klar
        <pb n="268" />
        —— 9249

zu erkennen. Im übrigen verfolgen sie gemeinsam denselben Weg.
Wohl läßt sich von Tag zu Tag, auch wohl von Woche zu Woche,
mitunter, wenn auch nur ganz ausnahmsweise selbst von Monat zu
Monat ein selbständiges Vorgehen eines Börsenplatzes erkennen, dann
aber hat er sich dem Einfluß des Weltmarktes zu fügen. Es ergibt
sich, daß alle Plätze demselben Einfluß unterworfen sind, dem Verhältnis
 von Angebot zur Nachfrage im Weltverkehre. Die einzelne
Börse vermag wohl momentane Schwankungen herbeizuführen, und diese
sind unzweifelhaft durch den Terminhandel vergrößert, sie hat sich auf
die Dauer aber dem Einfluß der tatsächlichen Verhältnisse zu fügen.
Wenn nun die Untersuchungen von Cohn außerdem ergeben
haben, daß die Vorausbestimmung der Preise durch den Terminhandel
allmählich immer korrekter geworden ist, so kann man sich schwerlich
 dem Schluß entziehen, daß sich in dem Terminhandel ein Mittel
ausgebildet hat, die Monatspreise mehr und mehr den tatsächlichen
Verhältnissen anzupassen. Wie aber das Zünglein um so leichter
bald nach der einen, bald nach der anderen Seite abweicht, je feiner
die Wage ist, so müssen innerhalb kürzerer Fristen die Schwankungen
 durch den Terminhandel auch größer sein als ohne denselben.
$ 69.
Gefahren der Börse.
Nachdem wir so die Vorteile, ja die unbedingte Notwendigkeit
der Börse und der Börsengeschäfte darzulegen versucht haben, ist es
nun unsere Aufgabe, auch die Schattenseiten und Gefahren derselben
zu charakterisieren, die in der neueren Zeit mehr und mehr hervorgetreten
 sind und dazu geführt haben, daß man die Börse als den
„Giftbaum“ bezeichnet hat, der das wirtschaftliche Leben korrumpiere
and deshalb beseitigt werden müsse, Die Uebelstände liegen nach
zwei Richtungen, einmal darin, daß die Oeffentlichkeit und Zugänglichkeit
 der Börse dem großen Publikum die Spekulation ermöglicht
und weite Kreise dazu verleitet hat, die nur einen Schaden davon
haben, so daß die Gesamtheit dadurch Verluste erleidet. Auf der
anderen Seite zeigt es sich, daß die berufsmäßigen Börsen-Spekulanten
Gelegenheit zum Mißbrauch der Börse finden und das Publikum in
ihrem Interesse auszubenten vermögen.
Das erst erwähnte Moment hat wiederum in zweierlei Hinsicht
Bedeutung, einmal indem Geschäftsunkundige und nicht genügend Bemittelte
 sich am Börsenspiel beteiligen und natürlich viel häufiger
verlieren als gewinnen und mehr einbüßen, als sie wirtschaftlich zu
tragen. vermögen, wodurch nicht nur sie selbst, sondern auch weitere
Kreise, die mit ihnen in Zusammenhang stehen, leiden müssen. Auf
der anderen Seite liegt es nahe, daß die Beteiligung weiter Kreise
ohne Fachkenntnis und entsprechende Uebersicht Verschiebungen in
den Preisen wie in den Kursen herbeiführen kann, die durchaus ungerechtfertigt
 sind. Doch kann naturgemäß die Börse die Beteiligung
weiter Kreise nicht entbehren, und es liegt sehr nahe, daß der Landwirt,
 der Industrielle auch die Preisentwicklung seiner Produkte verfolgt
 und daraus an der Börse Nutzen zu ziehen trachtet. Hiergegen
ist natürlich die Gesetzgebung völlig machtlos, und alle Gewaltmaßregeln,
 um ungeeignete Elemente von der Börse fernzuhalten,
bleiben dadurch wirkungslos, daß das Publikum sich der Vermittler
bedient, die ihre Aufträge ausführen, der Bankiers, Kommissionäre usw.,
lie man von der Börse nicht ausschließen kann.

Beteiligung
SEE
        <pb n="269" />
        250 —

JTohhbertum.

Mehr klarliegend sind die Schäden, die sich in dem Mißbrauch
der Börse durch die berufsmäßigen Spekulanten, dann durch die
Bankiers herausgebildet haben. .
Es handelt sich dabei um Manipulationen, um das Publikum über
den Wert der an der Börse gehandelten Gegenstände zu täuschen,
durch Verbreitung falscher Nachrichten in einer bestechlichen Presse
oder an der Börse selbst, Bei allgemein gehandelten Gegenständen,
wie Getreide, Staatspapieren usw. wird dies nur von vorübergehender
Wirkung sein; nachhaltiger dagegen bei Aktien, wo die Rentabilität
der Unternehmungen falsch dargestellt werden kann, wogegen nur
die nachhaltige Haftung der Beteiligten für ihre Veröffentlichungen
eine Hilfe zu gewähren vermag. Von besonderem Nachteil sind die
Maßnahmen, die offiziellen Kurs- und Preisnotierungen fälschlich zu
beeinflussen, insbesondere durch Scheingeschäfte, indem Geschäftsfreunde
 an der Börse Käufe und Verkäufe abschließen, nur zu dem
Zwecke die Preisnotierung zu veranlassen und damit die Kurse und
Preise zu beeinflussen. Noch allgemeiner ist die willkürliche Verschiebung
 der Preise durch momentane, bedeutende Verkäufe und
Ankäufe, um dadurch die Preise künstlich in die Höhe zu treiben
der herunter zu drücken, wenn z. B. bei bedeutenden Zahlungen
Wertpapiere zum Tageskurse in Anrechnung gebracht werden sollen
oder dergl. Es kommt ferner die Ringbildung in Betracht, um durch
gemeinsame Ankäufe im großen nicht nur momentan, sondern auch
nachhaltig Preise und Kurse zu beeinflussen. Doch ist dabei im
Auge zu behalten, daß diese künstliche Preistreiberei in großer Ausdehnung
 auch außerhalb der Börse z. B. in Bodenwerten stattgefunden
hat. Man braucht nur an die großen Schweinefleischaufkäufe zu
denken, die vor einigen Jahren in Amerika stattfanden und die
Fleischpreise gewaltig in die Höhe trieben; an die Gründung des
Kupferrings durch die Rothschildgruppe in Paris Ende der 80er J ahre,
welcher länger als ein Jahr die Preise beherrschte, die mit der Börse
yar nichts zu tun hatten.
Bei den Termingeschäften in Waren liegt die Gefahr vor, daß
ein Druck auf die Preise durch übermäßige Herabsetzung der
Lieferungsqualität veranlaßt wird, und daß, wo die Qualität der
Waren nicht groß genug ist, die Preise von einzelnen Interessenten
deeinflußt werden können.
Auf der anderen Seite ist es klar, daß, je massenhafter der
Artikel vorhanden ist, je mehr er nicht nur auf einer einzigen Börse,
sondern auf den verschiedensten Börsen gehandelt wird, um so
schwerer die Beherrschung des Preises durchzuführen ist. Dasselbe
ist auch von den sogenannten Schwänzen zu sagen. Darunter versteht
 man Vereinigungen zur Ausbeutung des Publikums, indem bei
einem nur in beschränkter Menge vorhandenen Artikel, z. B. Mehl
der feinsten Qualität, Lieferungsgeschäfte für einen bestimmten
Termin in großer Ausdehnung mit den verschiedensten Persönlichkeiten
 unabhängig voneinander gemacht werden, während zugleich
der betreffende Artikel in größerer Menge unter der Hand aufgekauft
wird, um die Lieferung unmöglich zu machen oder doch nur unter
sehr bedeutender Preissteigerung geschehen zu lassen.
Beispiele dafür liegen sogar für Getreide vor. Im Herbst 1888
wurden von Hutchinson in Chicago 10 Mill. Bushel Weizen für
Ultimo September aufgekauft, wodurch der Preis von 147 M. vro
        <pb n="270" />
        251 —

Tonne am 20. September auf 231 M. am 28. und 308 M. am 29. September
 hinaufgetrieben wurde. Da es den Verkäufern doch gelang,
lie nötigen Quantitäten zu liefern, so sanken die Preise ebenso
schnell wieder, so daß der zuerst von Hutchinson erlangte Gewinn
bei dem weiteren Verkauf der ihm gelieferten Ware reichlich verloren
 ging. Im Frühjahr 1898 kaufte Leiter in New-York für Ende
Mai Weizen im großen Umfange und trieb den Preis von 154 M. im
März auf 296 M. am 20. Mai hinauf, konnte ihn aber nicht halten,
sondern machte Bankerott. Besser gelang ein gleicher Coup im Frühjahr
 1909. Patten in Chicago, der einen auffallenden Mangel an
Ware festgestellt hatte, der von Anderen nicht beachtet war. Er
verschärfte ihn durch große Aufkäufe, zu 167 M. und konnte die
Preise im März auf 181, am 28. Mai auf 205 M. treiben. Auch in
Berlin folgten sie von 206 auf 229 und 271 M. Doch sind das ganz
vereinzelte Fälle, die nicht dem Terminhandel als solchem zur Last
zu, legen sind.
Schon seit Jahrhunderten ist man bestrebt gewesen, Maßregeln
von seiten des Staates zu ergreifen, um diesen Mißständen entgegenzuwirken,
 und gerade die neueste Zeit hat Versuche nach dieser
Richtung gezeitigt, besonders das deutsche Börsengesetz von 1896,
[m großen ganzen sind indessen die Erfahrungen dabei nicht besonders
 günstige gewesen. .
Alle Bestrebungen, das Publikum von der Beteiligung an dem
Börsenspiele zurückzuhalten, haben sich als erfolglos erwiesen. Um
das VTermingeschäft einzuschränken, hat man nach dem erwähnten
deutschen Gesetze einmal das Termingeschäft in Getreide, in Anteilen
an Bergwerken und Fabrikunternehmungen untersagt, dann die Klagbarkeit
 der Geschäfte davon abhängig gemacht, daß die kontrahierenden
 Parteien mit ihrem Namen in ein bestimmtes Register
aingetragen werden. Mit Recht glaubte man, dadurch Gutsbesitzer,
{ndustrielle, Rentiers von der Beteiligung an Börsenspekulationen
fern zu halten, da sie Bedenken tragen würden, ihre Namen als
Börsenspieler in das Register ausdrücklich eintragen zu lassen. Die
Wirkung ist indessen eine ganz andere gewesen, indem die Kaufleute
es zum größten Teil gleichfalls unterlassen haben, sich einregistrieren
zu lassen, weil man das Register absichtlich als eine Art An-den-Pranger-Stellung
 gekennzeichnet hatte. Die Folge davon war, daß
die Geschäfte auf Treu und Glauben abgeschlossen wurden, und nun
gerade unehrliche Naturen sich bei verfehlter Spekulation unter den
Schutz des Gesetzes stellten und ihre rechtliche Verpflichtung zur Zahlung
bestreiten konnten, was ganz unhaltbare Zustände herbeigeführt hatte.
Das Register ist nun nach dem Gesetz von 1908 beseitigt. Aber
noch ist die Beteiligung zum Terminhandel nur zulässig, wenn beide
Teile im Handelsregister eingetragene größere Kaufleute sind. Jedoch
bleiben Nichtberechtigte für Geschäfte mit Wertpapieren mit etwa
gestellter Sicherheit haftbar und das einmal Gezahlte kann. nicht
zurückgefordert werden. Terminhandel in Getreide und Mehl ist
äagegen unverbindlich, selbst bei gewährter Sicherstellung. Daß das
gänzliche Verbot des Terminhandels, wie es das Gesetz von 1896 für
das Getreide ausspricht, nicht angemessen erscheinen kann, ist von
ans oben dargelegt. Uebrigens muß hervorgehoben werden, daß
schon das Ges. von 1900 eine Milderung des Verbotes herbeiführte
und das Ges. von 1908 dasseibe nur für Outsiders aufrecht erhielt,

zesetzliche
Schutzmaßrerein.
        <pb n="271" />
        — 252 —

über die schwere, Strafen verhängt wurden, so daß Kommissionäre
keine Aufträge für sie übernehmen können und das reine Börsenspiel
dadurch in der Hauptsache ausgeschlossen ist, während der Terminhandel
 zur Versicherung weiter verwertet werden kann. Die Unterdrückung
 des Terminhandels in Aktien hatte das Börsengeschäft sehr
reduziert. An die Stelle trat der Kassamarkt, wofür die kleineren
Bankiers und Banken nicht die nötigen Kapitalien besaßen. Das
Geschäft ging daher in die Hand der großen Aktienbanken über,
deren Vergrößerung dadurch wesentlich begünstigt wurde. Eher 1äßt
es sich rechtfertigen, daß von dem Bundesrat auf Grund des Gesetzes
von 1896 das Verbot auf Kammzüge (gereinigte und ausgekämmte
zum Verspinnen fertige Wolle) ausgedehnt ist, weil hiervon nicht so
große Quantitäten im Handel sind, daß eine einseitige Beeinflussung
des Preises ausgeschlossen wäre, und weil von einem großen Teil der
[Interessenten selbst die Beseitigung gewünscht wurde, Ebenso ist es
gerechtfertigt, daß nach dem Gesetz von 1908 der Börsenterminhandel
in Wertpapieren erst bei Gesamtwert der Stücke von mindestens
20 Mill. M. zulässig ist, und der Bundesrat zu dem Terminhandel
bei Anteilen an Bergwerks- und Industrieanlagen besonders die Geaehmigung
 erteilen muß.
Von einer strengeren Kontrolle der Börsenoränung und deren
Handhabung durch Staatskommissare wird man sich nicht zu viel versprechen
 dürfen. Es wird ungemein schwer sein, passende Persönlichkeiten
 für die außerordentlich schwierige Aufgabe zu finden. Der
Staat nimmt damit eine Verantwortung auf sich, der er sich kaum
gewachsen zeigen wird. Indessen war es bei dem großen Mißtrauen
des Publikums gegen die Börse wohl unumgänglich, damit den Versuch
 zu machen, um namentlich eine Beruhigung darüber zu schaffen,
daß bei Aufstellung der Kurse und Preise mit der nötigen Gewissenhaftigkeit
 und Objektivität vorgegangen wird; ebenso in betreff der
Lieferungsfähigkeit der Ware usw. Im übrigen ist von einer strengen
Börsenordnung und deren energischen Handhabung, um alle unlauteren
Elemente auszuschließen, das Meiste zu erwarten. Unumgänglich
notwendig ist es schließlich, wie es in dem Gesetz von 1896 geschehen
ist, eine jede Ausbeutung der Unerfahrenheit des Publikums durch
Verleitung zur Börsenspekulation mit den schärfsten Strafen zu belegen.
 Ebenso tritt das Gesetz gegen den sogenannten „Kursschnitt“
auf, d.h. daß dem Kunden andere Kurse berechnet werden, als sie
faktisch bezahlt sind. Doch wendet sich das hauptsächlich gegen
die kleinen Bankiers und Kommissionäre, nicht aber gegen die Börse.

Kapitel VIIL
Die Erwerbsgesellschaften.
Molle, Die Lehre von der Aktiengesellschaft. Berlin 1874.
Auerbach, Das Aktienwesen. Frankfurt 1873.
Gutachten im Auftrage des Vereins für Sozialpolitik. Leinzig 1873. Zur
Reform des Aktiengesellschaftswesens.
van der Borght, Statistische Studien über die Bewährung der Aktiengesellschaften.
 Jena 1883.
Behrend, Lehrbuch des Handelsrechts I, II. Berlin 1896.
Lehmann, Recht der Aktiengesellschaften (Bd. I, Berlin 1898).
Weyl, Handbuch des deutschen Aktiengesellschaftsrechts. Freiburg i. B. und
Leipzig 1896. 2. Teil.
        <pb n="272" />
        — 253 —

L. Goldschmidt, Alte und neue Formen der Handelsgesellschaft. Berlin 1892,
Schmoller, Die geschichtliche Entwicklung der Unternehmung. Jahrb, f. Ges.
n. Verw., Bd. XVI. Die Handelsgesellschaften des 17, und 18. Jahrh. KEbenda
Bd. XVII.

8 70.
Die verschiedenen Arten der Erwerbsgesellschaften.
Laband, im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Art. Handelsgesellschaften,
 Formen derselben.
Fr. Klein, Die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen des Rechts der Erwerbsgesellschaften.
 Berlin 1914.

Schon früh hat man die Bedeutung der Vereinigung von Kräften
zu gemeinsamer wirtschaftlicher Tätigkeit erkannt und daher auch
nach den verschiedensten Richtungen solche Vereinigungen, vor allem
zur Durchführung größerer Handelsunternehmungen ins Leben gerufen.
Deshalb spricht man in der Jurisprudenz noch heutigen Tages von
Handelsgeseilschaften. und hat für diese eine besondere Gesetzgebung
yeschaffen, die im zweiten Buche des Handelsgesetzbuches enthalten
ist, während es sich jetzt hauptsächlich um Vereinigungen handelt,
Jie nicht des Handels wegen errichtet sind, sondern wie die Aktiengesellschaften,
 industrielle Unternehmungen betreffen, Wir wählen
deshalb die allgemeinere Bezeichnung der Erwerbsgesellschaften,
 welche von älteren Nationalökonomen, wie Schäffle,
schon seit Dezennien angewendet ist. Das Wesen der Erwerbsyesellschaften
 liegt nun in der Vereinigung zum gemeinsamen Betriebe
 eines Erwerbsunternehmens für gemeinschaftliche Rechnung
and unter einer Firma, wobei es sich bald um die Verbindung von
Personen zu gemeinsamer Arbeit unter Zusammenschließung des
Kapitals handelt, bald um Fälle, wo die Person der Zusammentretenden
 in den Hintergrund tritt und das Wesentliche die Vereinigung
 des Kapitals bildet, um den Betrieb im großen mit bedeutenden
 Mitteln durchführen zu können. Die Gewinnbeziehung,
wie die Uebernahme des Risikos kann dabei in verschiedener Weise
abgestuft sein.
Das Wesen der verschiedenen Gesellschaftsformen wird am klarsten
 hervortreten, wenn wir diejenigen, welche gegenwärtig eine Bedeutung
 haben, uns vergegenwärtigen, um dann ihre volkswirtschaftliche
 Eigentümlichkeit und Bedeutung näher zu untersuchen.
1. Die offene oder Kollektivgesellschaft. Zwei oder
mehrere Gesellschafter betreiben das Geschäft gemeinsam und unter
Gebrauch eines Gesamtnamens, das ist einer Firma, z. B. H. Schultz
&amp;amp; C. Schmidt oder H. Schultz &amp;amp; Co. Die betreffenden Gesellschafter
treten zusammen, um sowohl zu gemeinsamer Arbeit die persönlichen
Kräfte zu vereinigen, wie ihr Vermögen gemeinsam dem Unternehmen
zugute kommen zu lassen, Jeder Gesellschafter hat deshalb ein Recht,
mit in dem Unternehmen zu arbeiten und durch seine Unterschrift
dasselbe Dritten gegenüber zu verpflichten. Er kann natürlich auf
sein Recht verzichten, jedoch nicht gegen seinen Willen ausgeschlossen
werden. Wie Jeder Dritten gegenüber das Unternehmen verpflichten
kann, so hat er auch für das Unternehmen die volle Haftung mit
seinem Vermögen auf sich zu nehmen. Da nun in einer solchen
Weise das Publikum Kenntnis davon haben muß, wer das Recht, die
Sesellschaft zu verpflichten, hat und wer für die Verbindlichkeiten

)ffene Handels
gesellschaft,
        <pb n="273" />
        — 254 —

Kommanditresellschaft.


derselben haftet, verlangt das moderne Recht die Eintragung der Gesellschafter
 in das Handelsregister, und damit treten sie als offene Geseilschafter
 auf, was der Gesellschaft Form und Namen gegeben hat.
Das Wesentlichste ist also die unbedingte Vereinigung der persönlichen
 Kräfte und Mittel zu gemeinsamem Tun, was natürlich auch
den Anspruch auf entsprechenden Anteil am Gewinne in sich schließt.
Diese Form ist am längsten üblich und zwar besonders bei dem
Handelsbetriebe, wo eine einzelne Person nicht ausreicht, um allen
Aufgaben gewachsen zu sein, und doch angestellte Hilfskräfte nicht
Aushilfe bieten, sondern ein solcher Grad des Vertrauens auf die Zuverlässigkeit
 erforderlich ist, daß eine Vervielfältigung des Leiters
des Unternehmens wünschenswert erscheint. Ganz besonders kommt
dieses in Betracht, wo die Geschäftstätigkeit sich auf verschiedene
Orte ausdehnt, wie das schon im Mittelalter häufig der Fall war,
und das Geschäft an jedem Orte eine solche Bedeutung hat, daß eine
mit unbedingter Vollmacht ausgestattete Persönlichkeit dort funktionieren
 muß, die aber nun auch auf das Engste mit dem ganzen
Unternehmen verknüpft ist und dessen Wohl und Wehe nach allen
Richtungen hin teilt. Das war der Fall, wenn schon im Mittelalter
 die Wechsler und Kaufleute Geschäftsfilialen an anderen Orten
gründeten und dort einen Sozius installierten. Das ist am ausgedehntesten
 in England durch die Gründung von Zweiggeschäften
in den Kolonien, in Deutschland in den Hansastädten angewendet.
Die Form hat sich aber auch für den Binnenverkehr in der größten
Ausdehnung ausgebildet und findet sich auch in kleineren Geschäften,
vielfach, indem Geschwister oder sonst Verwandte sich vereinigen
and besonders, wo es sich um verschiedene Aufgaben handelt, die
eine ungleiche Vorbildung und verschiedene Kenntnisse verlangen.
Z. B. vereinigt ein Unternehmen mehrere Handelsbranchen miteinander,
 oder eine Fabrik verlangt neben einem Techniker einen
Kaufmann, die sich deshalb Beide zu einer offenen Handelsgesellschaft
 vereinigen.
2. Eine Kommanditgesellschaft liegt vor, wenn eine oder
mehrere Personen als offene Gesellschafter mit voller Haftpflicht und
Als tätige Gesellschafter, sog. Geranten auftreten, während daneben
3ine oder mehrere Personen mit einer bestimmten Einlage in das
Geschäft eintreten, nur bis zur Höhe derselben Haftung für die Verbindlichkeiten
 des Unternehmens übernehmen und dementsprechend
an dem Gewinne partizipieren. Diese Einleger, Kommanditisten
genannt, treten dem Publikum gegenüber nicht offen hervor; sie sind
stille Gesellschafter, übernehmen persönlich keine Funktionen. Ist
die Zahl dieser Einleger eine größere, so werden ihnen über ihre
Einlagen besondere Urkunden in der Form von Aktien oder Aktienanteilen
 ausgestellt, nachdem sich die Kommanditgesellschaft
auf Aktien gebildet hat.
Diese Form hat namentlich in früherer Zeit eine gewisse Ausdehnung
 gewonnen, wo man auch bei größeren Unternehmungen auf
die persönliche Mitwirkung und Haftung ein besonderes Gewicht legte.
Sie kam nämlich in der Zeit aushilfsweise zur Anwendung, als die
Aktiengesellschaften einer besonderen staatlichen Genehmigung bedurften,
 was bei den Kommanditgesellschaften nicht der Fall war. Sie
haben auch heutigen Tages ihre besondere Bedeutung, wo einzelne
Personen durch eine spezielle Leistungsfähigkeit für das Unterneh-
        <pb n="274" />
        255 —

men unentbehrlich sind, die man deshalb als Geranten fungieren läßt,
während es sich außerdem nur um Kapitalzuschüsse von Personen
handelt, welche sich an der Geschäftsführung selbst nicht beteiligen
können. Hat z. B. ein Ingenieur eine bedeutsame Erfindung gemacht,
die er mit seinem eigenen Vermögen nicht realisieren kann, so wird
die Bildung einer Kommanditgesellschaft auf Aktien eine zweckmäßige
Form sein, indem er als Gerant die Gründung und Leitung der Fabrik
 selbständig in die Hand nimmt, während eine Anzahl Aktionäre
ihm die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen, in der Hoffnung,
wenn sich die Erfindung bewährt, hohen Gewinn zu erzielen. Reussiert
der Erfinder nicht, so übernehmen sie doch nur mit der Einlage die
Haftung, ohne darüber hinaus engagiert zu sein, während der KErfinder
 mit seinem ganzen Vermögen für das Unternehmen einzutreten
hat. Die Kommanditisten haben nun weder ein Recht persönlicher
Mitwirkung, noch auch laufender Kontrolle der Geschäftsführung, sondern
 nur den Anspruch auf Veröffentlichung einer jährlichen Geschäftsbilanz
 und auf Einsicht in die Bücher, um die Richtigkeit der Bilanz
 prüfen zu können.
3. Die Aktien- oder anonyme Gesellschaft ist eine private
Korporation mit den Rechten einer juristischen..Persönlichkeit. Sie
ist eine Einlagegesellschaft, wie auch die Kommanditgesellschaft, indem
 sämtliche Mitglieder sich nur mit einer Einlage an dem Unternehmen
 beteiligen und (abgesehen von dem engl. Recht) nur bis zur
Höhe ihrer Einlage haften. Ganz ausnahmsweise übernehmen die
Mitglieder noch bestimmte Leistungen, z. B. bei den sog. Rübengesellschaften,
 eine bestimmte Fläche mit Rüben zu bebauen und den
Ertrag der Fabrik zu liefern usw. Das Einlagekapital ist in eine
feste Anzahl von Teilen, „Aktien“ oder vor deren Ausstellung „Interimscheine
 “, zerlegt. Sie bilden Urkunden, welche die Mitgliedschaft
ihrer Besitzer verkörpern, um ihre Rechte ausüben und übertragen
zu können. Die Geschäfte werden auf Rechnung der Aktionäre durch
bestimmte Organe (Direktoren, Aufsichts- und Verwaltungsrat) nach
Maßgabe des Gesellschaftsvertrages, der Statuten, geführt. Nach
dem Handelsgesetzbuch $ 182 müssen sich zur Gründung einer Aktienyesellschaft
 wenigstens 5 Personen unter Uebernahme von mindestens
je einer Aktie vereinigen und den Gesellschaftsvertrag in gerichtlicher
 oder notarieller Verhandlung feststellen. Der Gesellschaftsvertrag
 muß 6 Punkte umfassen:
1..Die-Firma, welche die Bezeichnung Aktiengesellschaft zu enthalten
 hat und den Gegenstand des Unternehmens kennzeichnen muß,
lann den Sitz der Gesellschaft.
_2. Den _Gegenstand..des Unternehmens.
3... Die. Höhe_des. Grundkapitals. und .der..Aktie..
4. Die Art. der Bestellung und Zusammensetzung des Vorstandes.
5„.Die Form für die Berufung der. Generalversammlung.
5. Die Form für die Bekanntmachungen der Gesellschaft.
Die Form der Gründung ist in der Regel die, daß die Gründer
sämtliche Aktien bei Errichtung der Gesellschaft übernehmen, und
ein Viertel des Nennbetrages bar eingezahlt wird. Die Gründer
bilden dann die erste Generalversammlung der Aktionäre, welche den
Vorstand und Aufsichtsrat wählt, resp. bestimmt, auf welche Art der
Vorstand gewählt werden soll. Erst dann kann die Eintragung der
Gesellschaft in das Handelsregister geschehen und kann sie selbst

Aktienzesellschaft.


Rechtliche
Krfordernisse
        <pb n="275" />
        256

Die Organe.

Die Aktie.

Gesellschaft
mit beachränkter

Haftung.

lie Tätigkeit übernehmen. Wird von den Gründern nicht der ganze
Betrag der Aktien übernommen, so muß für die Zeichnung des Restes
Sorge getragen werden und müssen bestimmte Zeichnungsscheine dem
Gesetz entsprechend ausgefüllt sein, um für die Konstituierung der
Gesellschaft auszureichen.
Die Generalversammlung der Aktionäre ist die oberste Instanz
 für alle das Unternehmen berührenden Fragen, die Grundlage
für die Bildung und Fortführung der leitenden Organe. Das Gesetz
hat deshalb ihre Rechte und Funktionen in besonderer Weise bestimmt.
 Der Vorstand (der Direktor oder die Direktoren) ist das
ausführende Organ der Gesellschaft; er kann nur in der Gesamtheit
die Gesellschäft verpflichten und nur, soweit der Gesellschaftsvertrag
dieses bestimmt. Der Aufsichtsrat ist das Kontrollorgan der Gesellschaft,
 er muß aus mindestens drei von der Generalversammlung
gewählten Personen bestehen. Er besitzt weitgehende Befugnis zur
Prüfung der Geschäftsführung, Der Gesellschaftsvertrag kann ihm
weitere Verpflichtungen auferlegen, namentlich gewisse Verwaltungsbefugnisse
 übertragen. Außerdem kann durch Vertrag noch ein besonderer
 Verwaltungsrat eingesetzt werden, doch ist derselbe
durch das Gesetz nicht ausdrücklich verlangt,
Die Aktien können auf einen Namen oder auf den Inhaber lauten.
Das letztere ist in Deutschland das Gewöhnliche. Indessen ist die
Ausstellung auf den Namen da geboten, wo die Ausgabe der Aktien
vor der vollen Einzahlung geschehen soll, so besonders bei Versicherungsgesellschaften;
 dann bei Interimsscheinen. Die Aktien größerer
Banken sind auch in Deutschland vielfach auf einen bestimmten Namen
ausgestellt, während dies früher in England allgemein der Fall war.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften soll
im folgenden Paragraphen besonders erörtert werden, wir gehen deshalb
 hier sofort zur Charakterisierung der übrigen hier in Betracht
kommenden Gesellschaften über.
4. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach
dem Gesetz vom 20. April 1892 Tür-das Deutsche Reich. Sie ist auch
eine Handelsgesellschaft mit den Rechten und Pflichten der Kaufleute
 und steht zwischen der offenen Handels- und der Aktiengesellschaft.
 Sie kann schon mit zwei Mitgliedern ins Leben gerufen
werden, tritt als juristische Person auf, wird durch Geschäftsführer
vertreten, die nicht Gesellschafter Zu sein brauchen und haftet ausschließlich
 mit dem Gesellschaftsvermögen. Die Mitglieder haften
solidarisch nur für vollständige Einzahlung des Stammkapitals, sowie
für unberechtigte Minderung desselben, Die Uebertragung der Geschäftsanteile
 kann nur durch gerichtlichen oder Notariellen Vertrag
geschehen. Sie liefert daher dem Börsenhandel keine leicht übertragbaren
 Papiere. Das Stammkapital ist auf mindestens 20000 M.
angesetzt, die einzelne Einlage auf mindestens 500 M. Erst nach
Einzahlung von einem Viertel desselben und mindestens_250_M. pro
Einlage‘ kann die Gesellschaft in das Handelsregister eingetragen
and damit geschäftsfähig gemacht werden. Sie kann in drei Formen
auftreten: 1. ohne Nachschußpflicht für die Mitglieder; 2. mit unbeschränkter
 Nachschußpflicht; 3. mit statutarisch beschränkter Nachschußpflicht.
 Die Nachschußpflicht besteht aber nur gegenüber der
Gesellschaft, nicht zugunsten der Gläubiger. Von der Nachschuß-
        <pb n="276" />
        „ 9357

pflicht kann ein Mitglied sich durch Opferung des Yolleingezahlten
Stammanteils befreien.
Diese Form hat in wenig Jahren eine große Ausbreitung erlangt,
ein Zeichen, daß sie vorliegenden Bedürfnissen entspricht.
Bis 1902 waren in Deutschland !)
Stammkapital Nahrungsmittel- Textil- und Bekleidungsin
 Mill, M. industrie industrie
Anzahl Anzahl Kapital Anzahl Kapital
6200 2,282,4 744 521,3 422 132,7
1455 504,8 159 82,4 N 25,9
Bergwerke, Eisen- Industrie der Steine Papier- und Holzu.
 Hüttenfabriken, nnd Erden industrie, Zellulose-Maschinenindustrie
 fabriken
Anz. Kap. Anz. Kap. Anz, Kap.
598 859,6 791 145,9 379 167,9
151 76,5 75 41,6 82 293

gegründet
eingegangen

Verkehrs- und
Transportunternehmwungen,

Wagenfabriken
Anz. Kap. Anz. Kap. Anz. Kap. Anz. Kap.
gegründet 456 224,5 389 63,1 211 81,2 314 57,9
eingegangen 113 58,1 75 26,8 24 6,7 87 19,3

Geld- und Kreditinstitute,
 Terrainund
 Baugeschäfte

Chem. und
verw. Industrie

Am 30, September 1909 bestanden nach dem Statist. Jahrb. 1914
S. 404 in Deutschland 16508 Gesellsch. m. beschr. H. mit einem
Stammkapital von 3538,5 Mill. mit 1500 Mill. M. Sacheinlagen.
Davon gehörten 5371 Ges. dem Handelsgewerbe mit 844 Mill.
Stammkapital; der Industrie der Maschinen, Geräte usw. 1869 mit
499,3 Mill. M.; 1454 der Industrie der Nahrungs- und Genußmittel
mit 383,3 Mill. M.
Neugegründet wurden

1911 4051 mit 399,8
1912 4107 „ 387,7
1913 4232 * 3653

Mill. M.
-

In Liquidation getretene
Gesellschaften

1911 1180 ,
[912 1222 ]
1913 1377

A.

[In Konkurs geratene tätige
Gesellschaften

12%
127.7

1911 298 „ 184
1912 310 X 2824
1913 311 ” 3993

Der Zuwachs in den drei Jahren betrug mithin 7694 Ges,
Nach dem preußischen statist. Jahrbuch von 1914 S. 218 waren
von 17901 tätigen Ges, m. b. H. mit dem Sitz in Preußen mit einem
Stammkapital von 20000 M. 5558; 20—50 000: 4544; von 50—100 000;
3159; von 100000—500 000: 3685; von 500000 bis 1 Mill. 568; von
1—10 Mill. 374; von über 10 Mill. M. 13 Unternehmungen. .
5. Die Gewerkschaft wird gebildet, sobald mehrere Besitzer
eines Bergwerks vorhanden sind, sie besitzt Körperschaftsrechte. Die
Mitglieder haften Dritten gegenüber überhaupt nicht; sie können nur
durch die Gewerkschaft in Anspruch genommen werden, und zwar
nach den von dieser durch Majoritätsbeschluß ausgeschriebenen Bei-1)
 Jahrb. f. Nat.-Oek. 1902 Bd, 24 S. 70 R. Wendt.
Sonrad, Grundriß der polit. Oekonomie. X. Teil. 8. Aufl.

Gewerkschaft.
        <pb n="277" />
        258

GFeNOSSENschaften.


trägen (Zubußen). Die Gewerken können sich durch Verzicht auf
ihre Beteiligung an dem Unternehmen befreien. Der Gewerke braucht
nicht unbedingt (wie der Aktionär) beim Eintritt etwas zu zahlen,
er leistet fortdauernd nach Bedarf. Die Gewerkschaft ist in ideelle
Anteile (Kuxe) zerlegt, deren Zahl nach den Gesetzen in verschiedener
Weise (100 oder 1000 in Preußen) beschränkt ist. Nach außen wird
die Gewerkschaft durch einen Repräsentanten oder einen aus einer
oder mehreren Personen bestehenden Grubenvorstand vertreten. In
alter Zeit wurden die Bergwerke meistens in dieser Gesellschaftsform
 verwertet. Neuerdings ist sie mehr und mehr durch die Aktienzesellschaft
 verdrängt, welche nicht zu Zubußen verpflichtet und
laher weniger Risiko mit sich bringt. In der neuesten Zeit beginnt
man aber dieser Form bei Bergwerken wieder mehr Beachtung zu
schenken. Schon von 1873—1880 wurden vier Aktiengesellschaften,
lie Kohlenbergbau betrieben, in Gewerkschaften umgewandelt. Heinemann
 (Preuß. Jahrbücher 1895) hält die letztere Gesellschaftsform
bei Bergwerken für die richtigste, hauptsächlich um dem schwankenden
 Kapitalsbedarf Rechnung tragen zu können.
6. Die eingetragene Genossenschaft nach dem Gesetz
vom 4. Juli 1868 für den norddeutschen Bund und vom 1. Mai 1889.
Vorschuß- und Kreditvereine nach Schulze-Delitzschs Prinzip, Rohstoff-
 und Magazinvereine, Konsumvereine, Produktivgenossenschaften.)
Dieselbe ist eine Gesellschaft ohne geschlossene Mitgliederzahl, wobei
nach dem Gesetz von 1889 entweder wie ursprünglich sämtliche
Mitglieder für die Geschäftsverbindlichkeiten der Gesellschaft solidarisch
 oder nur beschränkt haften. Es gibt Genossenschaften mit
anbeschränkter, mit beschränkter Haftpflicht und unbeschränkter Nachschußpflicht.
 Sie müssen eine Firma annehmen, deren Vertretung
lurch einen gewählten und in das Handelsregister eingetragenen
Vorstand geschieht.

Zahl der Genossenschaften in Deutschland.
1899 1. Januar 1912 Mitgl.
Kreditgenossenschaften 10850 18057 2677 595
Rohstoffgenossenschaften : gewerbl. 82 292 1 886
landwirtsch, 7 7917 205 518
Werkgenossenschaften: gewerbl. 316 25 841
landwirtsch. 22 51 036
Magazingenossenschaften: gewerbl. 09 6 464
landwirtsch. „74 88 499
Produktivgenossenschaften: gewerbl. 93 381 50 080
landwirtsch. 14 3878 333 684
Konsumvereine 13738 2318 1 753 829
Wohnungs- und Baugenossenschaften . 204 1287 247 871
Verschiedene Arten von Genossenschaften 271 1.006 123 260
zusammen 16912 31757 5 555 808
Unter den landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften befanden sich 1912
3307 Meiereigenossenschaften mit 304278 Mitgliedern.

»
DS

Da wir in der Volkswirtschaftspolitik auf diese Genossenschaften
spezieller einzugehen haben, begnügen wir uns hier mit einer allgemeinen
 Charakteristik ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung. Der
Schwerpunkt derselben liegt in der nicht geschlossenen Mitgliederzahl,
 bei welcher, ohne die Gesellschaft irgendwie zu berühren,
solange nicht das gesetzliche Minimum erreicht ist, Mitglieder neu
        <pb n="278" />
        — 259 —

eintreten und ausscheiden können. Es soll dadurch die Möglichkeit
geboten werden, eine große Zahl von Personen zu einer speziellen
wirtschaftlichen Tätigkeit zu vereinigen, ohne sie nachhaltig zu binden.
Die Form ist deshalb gewählt, um die Vereinigung kleiner Leute,
Handwerker, Kaufleute, selbst Arbeiter zu gemeinsamem Tun zu ermöglichen
 und durch den Zusammenschluß einer großen Zahl wirtschaftlich
 schwacher Personen doch eine erhebliche Wirkung zu erzielen.
[nfolge der Gefahr des Ausscheidens einer größeren Zahl von Mitzliedern
 dürfen die Genossenschaften nicht Verträge eingehen, die
sie auf lange Zeit binden.
Wesentlich ist ferner der Gegensatz zur Aktiengesellschaft, daß
sie ohne Vermögen ins Leben treten können, also den Unbemittelten
zugänglich sind. Der Geschäftsanteil kann ganz niedrig sein, bei
46 °/, aller Genossenschaften beträgt er weniger als 10 M., bei 21, %
nur 1 M. Nur bei Genossenschaften mit beschränkter Haftpflicht
kann der Einzelne mehrere Anteile erwerben. Die Genossenschaft
setzt lokale Begrenzung voraus, da jedes Mitglied nur eine Stimme
haben darf, die persönlich vertreten werden muß.
Der Ausgangspunkt war auf deutschem Boden infolge der Initiative
 des Kreisrichters Schulze in Delitzsch Ende der vierziger
Jahre die Solidarhaft, um damit eine solide Kreditbasis auch den
kleinen Leuten zu verschaften, die durch die Summierung ihrer kleinen
Kapitalien schon eine respektable Leistungsfähigkeit erlangten, die
aber wesentlich dadurch gehoben wurde, daß Hunderte von Arbeitern
Handwerkern usw. persönlich haftend eintraten, von denen wohl
Einzelne im Laufe der nächsten Zeit leistungsunfähig werden können,
aber nicht die Gesamtheit, wodurch das HEintreten Eines für Alle,
Aller für Einen die Gefahr der persönlichen Zufälligkeiten durch
Krankheit, Tod, ungünstige Konjunkturen zur Ausgleichung bringt.
Die Bedeutung, welche die Genossenschaften auf diesen beiden Grundlagen
 gewonnen haben, war tatsächlich eine außerordentlich große,
wie sie in der großen Zahl namentlich der Konsumvereine und der
Volksbanken zur Genüge hervortritt. Im Laufe der Zeit nahmen
aber eine Anzahl gerade der genossenschaftlichen Banken so bedeutende
 Dimensionen an, daß die Solidarhaft den Mitgliedern ein zu
großes Risiko aufbürdete. Schon der Begründer dieses Genossenschaftswesens,
 Schulze- Delitzsch selbst, hatte es deshalb für notwendig
 erachtet, derartige Genossenschaften auch mit beschränkter
Haftpflicht zuzulassen, wie sie das Gesetz von 1889 auch ausgesprochen
hat. 1912 gab es neben 20180 Gen. mit unbeschränkter Haftpflicht,
L65 mit unbeschränkter Nachschußpflicht (mit fortdauernder gleichmäßiger
 Verteilung der Schuldsumme unter die Mitglieder), und
11412 Ges. mit beschränkter Haftpflicht.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften.

Schäffle, Die Anwendbarkeit der verschiedenen Unternehmungsformen. Zeitschrift
 f. d. ges. Staatsw., Bd. XXV.
v. d. Borght, im Handw. ‚d. Staatsw., Art. Aktiengesellschaften.
Oechelhäuser, Die Nachteile des Aktienwesens. Berlin 1876. .
190 Jos. Körösy, Die finanziellen Ergebnisse deutscher Aktiengesellschaften. Berlin
0— 1901

8 71.

ı
        <pb n="279" />
        260 —

Ed. Wagon, Die finanzielle Entwicklung deutscher Aktiengesellschaften von
1870—1900, Jena 1903.
Passow, Die wirtschaftliche Bedeutung und Organisation der Aktiengesellschaften.
 Jena 1907.

Entstehung.

\ktiengesetzgebung.


Die Bildung der Aktiengesellschaft beginnt bereits in dem
14. Jahrhundert in Italien bei den genuesischen Kolonialgesellschaften
und in dem folgenden Jahrhundert bei den italienischen Banken, doch
jhne daß dieses Vorgehen für die Entwicklung dieser Gesellschaftsform
von nachhaltiger Bedeutung gewesen wäre. Vielmehr wird man mit
Recht die Wiege der Aktiengesellschaften mehr im Norden in den
yroßen privilegierten Handelsgesellschaften zu suchen haben, welche
sich wiederum aus den Schiffspartnerschaften entwickelten, die bei
dem großen Risiko des damaligen Seeverkehres sich in Dänemark,
Schweden, Holland, Frankreich und England bildeten, um den überseeischen
 Handel für den Einzelnen weniger gefahrvoll zu machen.
Höhere Bedeutung gewann diese Form aber erst, als die Staaten in
dem merkantilistischen Zeitalter begannen, die Bildung großer
Kompagnien zu begünstigen, einmal, um dadurch in großem Maßstabe
Kolonisationen durchzuführen, dann aber, um dem Staate bei der
Aufnahme großer Anleihen behilflich zu sein, und als diesen besondere
Privilegien, ja Monopole in weitgehendem Maße übertragen wurden.
30 bildeten sie bald in jener Zeit eine gewaltige Geldmacht. Das
war der Fall in der niederländisch-ostindischen Kompagnie, wie bei
der berüchtigten Mississippigesellschaft 1717 von John Law, und in
zleicher Form wurde auch die englische Bank am Ende des 17. Jahrhunderts
 gegründet. Der Große Kurfürst schuf die Handelskompagnie
auf den Küsten von Neu-Guinea. 1819 entstand die österreichischorientalische
 Kompagnie in Wien. In Preußen hat besonders Friedrich
jer Große die Bildung großer Handelsgesellschaften begünstigt, so
1750 die asiatische Kompagnie in Emden, um den chinesischen Handel
zu betreiben. Seit jener Zeit mehrte sich die Zahl der Gründungen
allmählich und gewann eine nachhaltige Bedeutung, insbesondere auch
für heimische industrielle Unternehmungen, wie außerdem 1770 die
Bildung der Kanalgesellschaften in England als Vorläufer der
Eisenbahngesellschaften begann.
Alle diese erwähnten Gesellschaften beruhten auf dem Oktroysystem,
 d. h. sie wurden durch landesherrliche Verfügung mit Spezialprivilegien
 und mit Körperschaftsrechten versehen, während ursprünglich
 die Statuten einer besonderen landesherrlichen QGenehmigung,
 wenigstens in Preußen, nicht bedurften; doch standen
die Gesellschaften dauernd unter staatlicher Aufsicht. Eine gesetzliche
 Regelung der Aktiengesellschaften ist erst im 19, Jahrhundert
and in den meisten Staaten erst in der zweiten Hälfte desselben
durchgeführt. In Preußen wurde der erste Anlauf durch das
Eisenbahngesetz von 1838 genommen, besonders aber durch das
Gesetz vom 9. November 1843 über die ‚Aktiengesellschaften; in
Österreich durch das Vereinsgesefz vom 1852. Auch hiernach
bedurften die Aktiengesellschaften noch der staatlichen Genehmigung
and blieben als öffentliche Körperschaften unter staatlicher Aufsicht,
Nur in England und Ungarn, in Deutschland in Hamburg und
Bremen war schon damals die Gründung von Aktiengesellschaften
frei gegeben. Erst das Gesetz vom 11. Juni 1870 beseitigte den
Unterschied der Gesetzgebung innerhalb Deutschlands und gab
        <pb n="280" />
        J61

die Gründung frei. Der Mißbrauch, der sich dann in der Gründerperiode
 1871—73 herausstellte, veranlaßte den Krlaß des Aktienyesetzes
 vom 18. Juli 1884, das uns noch zu beschäftigen haben
wird, während seit dem 1. Januar 1900 das neue Handelsgesetzbuch
vom 10. Mai 1897 maßgebend ist, welches in der Hauptsache sich
auf das vorerwähnte Gesetz stützt und das System der Normativbestimmungen
 zur Grundlage hat. In England ist der Ausgangspunkt
 für die gegenwärtigen Verhältnisse die Companies-Act vom
f. August 1862, welche vielfache Abänderungen und Ergänzungen
erfahren hat, hauptsächlich 1867 und 1892. In Frankreich war
das Gesetz vom 24, Juli 1867 grundlegend und wurde ergänzt durch
die Gesetze vom 1. August 1893, 9. Juli 1902 und 16. November 19038,
In Oesterreich ist in der Hauptsache das ältere deutsche Handelsyesetzbuch
 maßgebend, in Ungarn erschien 1875 ein besonderes
Handelsgesetzbuch.
Unter dieser Gesetzgebung hat sich namentlich in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts diese Gesellschaftsform eine wachsende,
man kann sagen, dominierende Stellung in dem Wirtschaftsleben errungen,
 und es wird notwendig sein, sich die Eigentümlichkeiten derselben
 zu vergegenwärtigen, um unser modernes Wirtschaftsleben
richtig beurteilen zu können.
Die Vorteile, welche aus dieser Form dem Kapitalisten erwachsen,
sind die folgenden:
1. Durch die beschränkte Haftung und die Möglichkeit, nur einzelne
 Aktien zu erwerben, ist jeder Kapitalist in der Lage, sich auch
mit einem kleinen Teil seines Vermögens an gewinnbringenden, aber
riskanten Unternehmungen zu beteiligen, und dieses Risiko ganz
seinen Vermögensverhältnissen anzupassen. Ein Gutsbesitzer, Kaufmann,
 Rentier, Handwerker kann durch Anlage eines Teiles seiner
Ersparnisse sich an einem industriellen Etablissement, einem Bergwerk,
einer Eisenbahn beteiligen und dadurch eine hohe Verzinsung seines
Kapitals erzielen, ohne ein über seine Verhältnisse hinausgehendes
Risiko auf sich zu nehmen, In seiner Einlage liegt die feste Begrenzung
 desselben. Er kann seinen Verhältnissen entsprechend
Unternehmungen fördern, die, abgesehen von der Verzinsung, für ihn
von hoher Bedeutung sind, wie für den Gutsbesitzer der Bau einer
benachbarten Zweigbahn oder einer Zuckerfabrik; für den Rentier
städtische Anlagen, die ihm den Aufenthalt angenehmer machen und
ey. den Wert seines. Hauses heben,
2. In der Form der Aktien, die auf den Inhaber lauten, also ohne
alle Umstände durch einfache Uebergabe an einen anderen Besitzer
rechtsgültig übertragen werden können, hat der Kapitalist die Möglichkeit,
 leicht über sein Geld zu verfügen. Die Aktien der größeren
Unternehmungen werden außerdem an der Börse gehandelt und finden
dort stets entsprechenden Absatz. Die in Aktien angelegten Kapitalien
 können deshalb zu jeder Zeit, wenn nicht besondere Hindernisse
 eintreten, wie schlechter Geschäftsgang oder gar Vermögensverfall,
 aus dem Unternehmen durch Verkauf der Aktien herausgezogen
werden. In unserer schnellebigen Zeit, wo fortdauernd neue Aufgaben
an einen herantreten können, ist diese freie Verfügbarkeit von besonderer
 Bedeutung und führt den Aktiengesellschaften beständig neue
Liebhaber zu.

Vorteile der
Aktiengesellschaften
 für
Kapitalisten.
        <pb n="281" />
        262

er Ungleich bedeutsamer als für den einzelnen Kapitalisten sind die
Vorteile. Vorteile der Aktiengesellschaften für die Gesamtheit.
1. Durch die Zerlegung des Stammkapitals in eine große Zahl von
Aktien, die auf eine verhältnismäßig kleine Summe lauten, wird es
möglich, zerstreute Vermögensteile zu einzelnen größeren Unternehnungen
 zu konzentrieren und damit die Durchführung des Großbetriebes
zu erleichtern. Das hat gerade für Deutschland eine besondere Bedeutung,
 wo große Vermögen weniger in einer Hand vereinigt sind, als
in den konkurrierenden Ländern, wo ferner die vermögenden Leute,
infolge ihrer humanistischen Erziehung, einen nur geringen Erwerbstrieb
 zu besitzen pflegen und wenig Neigung haben, ihr Leben gewerblichen
 Unternehmungen zu widmen.
Erst durch die Bildung von Aktiengesellschaften ist deshalb die
Entwicklung des Großbetriebes in zeitgemäßer Weise ermöglicht, und
hat Deutschland in der Entwicklung der Industrie nachholen können,
was es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts versäumt hatte,
and die Konkurrenz vor allem mit Frankreich und England erfolgreich
aufgenommen.
2. Diese Entwicklung des Großbetriebes vollzieht sich nun bei den
Aktiengesellschaften — darauf ist ein besonderes Gewicht zu legen —
ohne eine gleichzeitige Konzentrierung des Ertrags in wenig Händen.
Gerade in einer Zeit, wo man die Zunahme des Reichtums Einzelner
mit besonderer Besorgnis beobachtet und die Erweiterung der Kluft
zwischen Arm und Reich befürchtet, ist es von besonderer Wichtigkeit,
sich zu vergegenwärtigen, daß die Rechtsform der Aktiengesellschaften
der Erhöhung des Einkommens KEinzelner nicht Vorschub leistet,
sondern im Gegenteil entgegenwirkt. Auch der kleine Mann findet
dadurch Gelegenheit, von der Produktivität der Großindustrie entsprechenden
 Nutzen zu ziehen, der ohne diese Form einzelnen wenigen
reichen Leuten ausschließlich vorbehalten wäre.
3. Die beschränkte Haftung erleichtert es, die Summen zusammenzubringen,
 um größere, gewagtere oder auch solche Unternehmungen
ins Leben zu rufen, welche von vornherein nur eine geringe Verzinsung
in Aussicht stellen, aber von volkswirtschaftlichem Nutzen sind. Vor
allem würden wir mit der Ausbildung des Eisenbahnnetzes noch sehr
dedeutend im Rückstande sein, wenn die Eisenbahnen nicht zum größten
Teile von Aktiengesellschaften gebaut wären. Der Staat war zunächst
gar nicht in der Lage, die zu einem schnellen Ausbau erforderlichen
Kapitalien aufzubringen und das damit verbundene Risiko auf sich zu
nehmen. Die Kapitalisten standen der ersten Entwicklung noch sehr
mißtrauisch gegenüber, zu einer Zeit, wo man die Folgen der außerordentlich
 starken Absorbierung von Kapitalien für den Bau nicht zu
übersehen vermochte und ebensowenig die zu erwartende Rentabilität.
Nur ganz ausnahmsweise verstanden sich deshalb große Geldmänner
dazu, ihr Vermögen auf eine solche Karte zu setzen, während es leicht
wurde, die gesamte besitzende Klasse, Gemeinden und Korporationen
zu veranlassen, kleinere Summen dafür zur Verfügung zu stellen, sobald
 man einigermaßen die Bedeutung der Schienenwege erkannt hatte.
Auch da, wo auf Rentabilität nicht zu rechnen war, zeichneten Gemeinden,
 Grundbesitzer und sonstige Interessenten erhebliche Summen
auf Grund der beschränkten Haft, ä fonds perdu, nur um die Inangriffnahme
 dieses neuen Beförderungsmittels zur Förderung der wirtschaft-
        <pb n="282" />
        69

lichen Kultur zu ermöglichen, wodurch sie reichlichen Ersatz für den
Zinsverlust erhoffen konnten.
Eine Menge großartiger Unternehmungen von nachhaltigster Bedeutung
 sind nur auf diesem Wege zustande gekommen. Man braucht
nur an die Durchstechung der Landenge von Suez zu denken, deren
Ersprießlichkeit und Aufrechterhaltung noch bis zum letzten Spatenstiche
 bezweifelt wurde; oder an die Durchbohrung des Mont Cenis
und des Gotthards, die maßgebende Autoritäten für unmöglich hielten,
wegen der im Innern der Steinmasse zu erwartenden Hitze und schlechten
Luft. Noch als der „Great Eastern“ mit dem überseeischen Kabel
belastet unterwegs war, erschienen Schriften von wissenschaftlichen
Autoritäten, die die Unmöglichkeit nachzuweisen suchten, daß der elekirische
 Strom durch das auf dem Meeresboden ruhende Kabel bis nach
Amerika durchdringen könnte. Und gleichwohl fanden sich eine Menge
Privatleute, die gerne bereit waren, einige 100 Pfd. St. für das Experiment
 zu opfern, welches ev. einen eminenten wirtschaftlichen Fortschritt
 zu inaugurieren vermochte; wie in den vorerwähnten Fällen der
Tunnelbauten die Regierungen verschiedener Staaten vorweg eine Anzahl
 Aktien übernahmen, um den Anfang zu ermöglichen, und auch
die vielen Millionen, die erforderlich waren, durch die Beteiligung
des Privatkapitals leicht zusammengebracht werden konnten; aber nur
indem sich Tausende, zerstreut in der ganzen zivilisierten Welt, mit
kleineren Summen und mit darauf beschränkter Haft, daran beteiligen
konnten.
Handelt es sich um die Gründung eines Theaters, eines Kasinos,
eines städtischen Parks, einer Wohltätigkeitsanstalt, z. B. eines Luftkurortes
 für arme Schwindsüchtige, wo auf eine Verzinsung nicht gerechnet
 werden kann, so finden sich wohl Leute, die bereit sind, ein
paar 100 M. dafür zu opfern, allein für den guten Zweck und unter
der Möglichkeit, sich allen weitergehenden Anforderungen zu entziehen.
Solche Unternehmungen kommen als Aktiengesellschaften wohl zustande,
 aber kaum auf einem anderen Wege.
4. In den Aktiengesellschaften ist intelligenten Leuten Gelegenheit
geboten, als Direktoren, auch ohne selbst größeres Vermögen zu haben,
doch sehr bedeutende Mittel im wirtschaftlichen Betriebe zur Verwertung
 zu erhalten und damit ihre Kräfte in besonderer Weise für die
Gesamtheit nutzbringend zu machen. Wiederholt sind Männer aus
hohen Posten im Staatsdienste an die Spitze von Aktiengesellschaften
getreten und haben dort eine bedeutende Wirksamkeit entfaltet.
Schließlich kann noch hinzugefügt werden, daß speziell die Staatsverwaltung
 wie die Wissenschaft daraus Nutzen zu ziehen vermögen,
daß die Tätigkeit der Aktiengesellschaft durch ihre Jahresberichte
zur öffentlichen Kenntnis gelangt und damit Aufschluß über wirtschaftliche
 Fragen erlangt wird, der sonst nicht zu erzielen gewesen
wäre,
Diese charakterisierten Vorzüge sind so bedeutend, daß man sagen
kann, die Form der Aktiengesellschaften ist heutigen Tages nicht
zu entbehren, und wir verdanken ihr sehr bedeutende Fortschritte
in der Entwicklung unseres Wirtschaftslebens. Aber diesen Vorzügen
stehen auch bedeutende Nachteile gegenüber, die nun noch besonders
 charakterisiert werden müssen, und die 'es erklärlich machen,
daß in der neueren Zeit die Aktiengesellschaften bedeutende An-{eindungen
 erfahren haben.
        <pb n="283" />
        264 —

Nachteile der
Aktiengesellschaften.


1. Da ein Jeder an der Börse Aktien kaufen und sich damit an
solchen wirtschaftlichen Unternehmungen beteiligen kann, so ist es
dem Publikum in außerordentlicher Weise erleichtert, ohne Arbeit
und Sachkenntnis Nutzen aus dieser Anlage zu ziehen. Auf der
anderen Seite bietet erfahrungsgemäß gerade diese Form besondere
Gelegenheit für unternehmende Köpfe, das Publikum auszubeuten und
in schwindelhafte Unternehmungen nur zu dem Zwecke hineinzuziehen,
ihnen das Geld aus der Tasche zu locken. Das Publikum erweist
sich als außerordentlich leichtgläubig und läßt sich durch reklamehafte
 Anpreisungen über zu erwartende hohe Dividende zum Ankauf
von Aktien bewegen, deren Sicherheit es gar nicht zu übersehen vermag.
 Zu allen Zeiten, wo viel Geld flüssig und eine lohnende Anlage
 schwierig ist, wird es erfahrungsgemäß leicht, Kapitalisten dazu
 zu bewegen, ihr Geld zu schwindelhaften Gründungen herzugeben,
und zu allen Zeiten, wo die Wogen der Spekulation hoch gingen,
haben weite Kreise große Verluste erlitten durch vertrauensselige
Unterstützung neu aufgetauchter schwindelhafter Aktiengesellschaften ;
wofür in den verschiedensten Ländern in der Schwindelperiode Anfang
 der siebziger Jahre Belege geboten sind Kin vortreffliches Beispiel
 hierfür bot die Gründung der Dachauer Bank im Jahre 1871.
Eine bis dahin ganz unbekannte Schauspielerin erließ eine Annonce,
daß sie ein Darlehn erbitte; sie sei bereit 25%, dafür zu zahlen.
Daraufhin wurden ihr von den verschiedensten Seiten, von Bauern,
Handwerkern, Hausknechten wie Beamten aller Art und Kapitalisten
bis in die höchste Aristrokratie hinein so bedeutende Summen angeboten,
 daß sie damit eine Art Baubank gründete. Da sie die Zinsen
zunächst pünktlich zahlte, natürlich fast nur von den neu hinzutretenden
Kapitalien, strömten ihr immer neue Gelder in größter Ausdehnung
zu, bis die Polizei sich ins Mittel legte und die Bank schloß, die nur
ganz unbedeutende Geschäfte machte und nie imstande gewesen wäre,
auch nur annähernd solche Zinsen herauszuwirtschaften. Die Darleiher
 haben dabei den größten Teil ihrer Einlagen verloren.
In den Aktien werden der Börse sehr bedeutende Summen in
Papieren mit schwankendem Kurse zugeführt, die zur Verallgemeinerung
der Börsenspekulation in außerordentlichem Maße beigetragen haben.
Wenn in Deutschland in dem einen Jahre 1872 allein 479 Aktiengezellschaften
 mit fast anderthalb Milliarden Mark neugegründet wurden,
und diese Summen dem Börsenspiel überantwortet sind, so kann man
sich nicht verhehlen, daß dadurch der Spekulation in bedenklicher
Weise neue Nahrung gegeben ist. Und wenn sich ferner ergibt, daß
schon nach einem Jahre von diesen Gründungen ein großer Teil wieder
zugrunde gegangen war, und der größte Teil des angeführten Kapitals
verloren gegangen ist, so kann man über die Gefahren nicht zweifelhaft
 sein, die mit dem Aktienwesen verbunden sind.
2. Die Aktiengesellschaften erleichtern, wie ausgeführt, die Durchführung
 des Großbetriebes und haben darin ihren wesentlichen Vorteil.
Die Hamburg-Amerikalinie hat 1906 das Aktien-Kapital auf 120
Mill. M., der Norddeutsche Lloyd auf 125 Mill, die Phönix-Hörder-Gesellschaft
 auf 72 Mill, die Bismarckhütte auf 10 Mill. erhöht. Dies
schließt aber zugleich die Möglichkeit ein, vor allem durch Vereinigung
 einer Anzahl Aktiengesellschaften den Markt in ausgedehntem
Maße zu beherrschen und die Gesamtheit zugunsten weniger auszubeuten,
 wie wir das bei Betrachtung der Kartelle sogleich noch näher
        <pb n="284" />
        265 —

zu erörtern haben werden (s. S. 282). Die Gefahr einer Verdrängung
des Mittelstandes, wenigstens wie er bisher bestand, des Kleinbetriebes,
 sowohl als Handwerk wie als Fabrik, der kleinen Läden
gegenüber den Großbazaren liegt auf der Hand. Doch sind wir nicht
in der Lage, diesem Punkt eine so hohe Bedeutung beizumessen, wie
es von vielen Seiten geschehen ist, in Anbetracht der Notwendigkeit
des Großbetriebesund der tatsächlichen Ueberlegenheit seiner Leistungen
über den Kleinbetrieb.
3. In der neueren Zeit hat sich noch ein weiteres Bedenken dadurch
 hinzugesellt, daß diese Gesellschaften die Kartellbildung oder
auch die Fusionierung außerordentlich erleichtern, wodurch die Gewinnung
 von Monopolgewalt zu befürchten steht, worauf später näher
einzugehen sein wird.
4. Dagegen ist noch auf eine andere Gefahr hinzuweisen, die in
der leichten Ausdehnbarkeit des Betriebes liegt, wie er in der Form
der Aktiengesellschaft geboten wird. An und für sich liegt in der
Form der Aktiengesellschaften Anlaß zu verhältnismäßig großer Vereinigung
 von Kapitalien vor, wodurch allein die ganze komplizierte
Organisation sich erst bezahlt machen kann, und außerdem ist es
wesentlich erleichtert, in kürzester Frist eine Erweiterung des Betriebes
 vorzunehmen. Die Ausgabe neuer Aktien zur Erweiterung
des Betriebskapitals hat bei einem gut fundierten Unternehmen keine
Schwierigkeit. Sobald die Preise in die Höhe gehen, die allgemeinen
Konjunkturen günstig erscheinen, dehnen deshalb vor allem die Aktiengesellschaften
 den Betrieb in kürzester Zeit wesentlich aus, während
Privatunternehmungen weit langsamer dazu gelangen, die in der
Hauptsache auf eigene Mittel dabei angewiesen sind. Damit ist die
Möglichkeit und Gefahr gegeben, bei Verallgemeinerung der Form
der Aktiengesellschaft eine Ueberproduktion herbeizuführen und diese
weit länger bestehen zu lassen, als es ohne sie möglich wäre. Die
Aktionäre sind imstande, auch jahrelang sich ohne Bezug der Dividende
 zu behelfen, wenn diese nur einen kleinen Teil ihrer gewöhnlichen
 Einnahmen ausmacht. Die Aktiengesellschaften können deshalb
im allgemeinen eine Reihe von Jahren ihre Tätigkeit fortsetzen, auch
wenn sie ohne jeden Profit bleiben. Aus Furcht, Kapital einzubüßen,
und in der Hoffnung auf bessere Zeiten lassen die Aktionäre die Gesellschaften
 fortarbeiten, während ein Privatunternehmer die Tätigkeit
 längst eingestellt hätte.
‚5. Der Geschäftsbetrieb der Aktiengesellschaften wird wesentlich
beeinträchtigt durch die Schwerfälligkeit und Kostspieligkeit des Verwaltungsapparates,
 der unvermeidlich ist. Daher die häufige Erscheinung,
 daß Privatunternehmungen, die sehr prosperierten und
ihrem Besitzer hohen Ertrag ablieferten, sobald sie in eine Aktiengesellschaft
 umgewandelt waren, nur geringe Dividende boten und
nicht zu erfreulichem Aufschwunge gelangen konnten. Ein tüchtiger
Direktor verlangt eine außergewöhnlich hohe Besoldung, da seine
Stellung keine gesicherte ist. Vielfach sind mehrere Direktoren erforderlich,
 wo es sich um eine komplizierte Verwaltung handelt,
Dem Direktorium steht mitunter ein Verwaltungsrat zur Seite, der
gleichfalls eine hohe Besoldung beansprucht, und schließlich der vom
Gesetz verlangte Aufsichtsrat, zu dem man gern bekannte Namen
heranzieht, die nur gegen hohe Remuneration zu gewinnen sind,
während in einem Privatunternehmen an Stelle dieses Apparates

Schwerfälliggeit
 und Kost-Spieligkeit
 der
erwaltung.
        <pb n="285" />
        266 —

häufig der Unternehmer allein steht mit ein paar Unterbeamten, die
nur mäßig besoldet sind. Es ist klar, daß kleine Unternehmungen
schon allein durch die Kosten des Verwaltungsorganismus erdrückt
werden können, weil diese einen übermäßigen Prozentsatz der Einnahmen
 absorbieren. Er wird sich daher nur bei großen Gesellschaften
 mit bedeutenden Kapitalien bezahlt machen. Loeb (Jahrb.
f. Nat.-Oek, III. F. Bd. 23) berechnet die Bezüge des Verwaltungsrates
 im Durchschnitt auf %,, °%% des Aktienkapitals, und von allen
Gesellschaften in Deutschland auf gegen 60 Mill. M.
Die so aus mehreren Instanzen bestehende Verwaltungsbehörde
muß natürlich wiederum besondere Schwierigkeiten verursachen. Der
Direktor, der von der Generalversammlung gewählt ist, kann von ihr
jeden Augenblick wieder entlassen werden. Die Generalversammlung
besteht häufig aus Personen, die nur wenig Verständnis für das Geschäft
 selbst haben, meistens die Aktien nur vorübergehend besitzen,
daher vor allem auf hohe Dividende sehen und wenig Rücksicht auf
die Zukunft nehmen. Daher die gewöhnliche Erscheinung, daß die
Aktionäre wenig geneigt sind, Schulden abzuzahlen und große Reservefonds
 zu bilden, sondern die Einnahmen soviel wie möglich zur Verteilung
 zu bringen, Die Folge davon ist, daß die Aktiengesellschaften
im allgemeinen Krisen schwer zu überdauern vermögen und größeren
Verlusten nicht gewachsen sind. Während bei Privatunternehmungen,
Genossenschaften und solchen Aktiengesellschaften, die durch Sachverständige
 vertreten sind, welche dauernd in dem Besitze des Unternehmens
 bleiben wollen, wie Gutsbesitzer, die gemeinsam eine Zuckerfabrik
 gegründet haben, weit schärfer auf die Tilgung von Schulden
hingewirkt und dadurch die Widerstandskraft der Gesellschaften gefördert
 wird.
Die Direktoren haben sich natürlich den Aktionären unterzuordnen
und die Verwaltung ihren Wünschen anzupassen. Auch sie müssen
deshalb hauptsächlich auf den momentanen Erfolg bedacht sein. Außerdem
 sind sie in ihrer Tätigkeit beschränkt durch Aufsichts- ev. Verwaltungsrat,
 welche bei wichtigen Fragen die Entscheidung zu treffen
haben. Eine schnelle Handlungsweise, um eine augenblickliche Konjunktur
 zu benutzen, ist deshalb vielfach ausgeschlossen, und die
Rücksicht auf die Generalversammlung verhindert oder erschwert die
Uebernahme eines Risikos. Aus diesen Gründen ist die Form der
Aktiengesellschaft da nicht am Platze, wo ein mehr kaufmännischer
Betrieb eine große Selbständigkeit des Leiters verlangt. Sie wird
nur dann mit den Privatunternehmungen zu konkurrieren vermögen,
wenn die an der Spitze stehende Persönlichkeit sich einer außergewöhnlichen
 Autorität erfreut und dadurch eine besondere Selbständigkeit
 erlangt hat, oder wo der Gang des Geschäftes ein mehr gleichmäßiger,
 und zugleich ein größeres Kapital für den Erfolg maßgebend
ist. Das ist der Fall bei Eisenbahnen, Straßenbahnen, Gasanstalten,
Versicherungsanstalten, Bergwerken, Bankinstituten und einzelnen
industriellen Unternehmungen wie Spinnereien, Maschinenbauanstalten
 usw., während bei einer sehr großen Zahl gewerblicher Betriebe
 diese Form sich nicht bewährt hat.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß zwar die Aktiengesellschaften
von höchster wirtschaftlicher Bedeutung für die Gegenwart sind; daß
sie aber nicht überall mit Nutzen angewendet werden können, und eine
(}efahr darin vorliegt, daß sie in zu großer Ausdehnung und auch da
        <pb n="286" />
        267 —

gegründet werden, wo es wirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist, allein,
weil die Gründer an dem Gründungsvorgange selbst zu profitieren
und eventuell das Unternehmen betrügerisch auszubeuten streben.
Eine Beschränkung der Gründung von Aktiengesellschaften, eine
Kontrolle des Gründungsvorganges und eine gewisse Normierung der
Statuten durch die Gesetzgebung, wie es neuerdings in Angriff genommen
 wurde, ist deshalb wünschenswert, ja unvermeidlich.
Man hat aber auch vorgeschlagen (besonders Adolf Wagner),
eine Beschränkung der Aktiengesellschaften, dadurch herbeizuführen,
daß der Staat und die Gemeinden, wo ein Bedürfnis vorliegt, selbst
in möglichster Ausdehnung die betreffenden Unternehmungen in die
Hand nehmen und sie damit der Privatspekulation entziehen sollen.
Ganz unzweifelhaft ist dieses in vielen Fällen erwünscht und in der
neueren Zeit gerade in Deutschland in erheblicher Ausdehnung auch
geschehen. Man braucht nur an die Uebernahme der Eisenbahnen
durch den Staat zu erinnern, wie an die Durchführung von Straßenbahnen,
 Gas- und elektrischen Anstalten, Wasserwerken und dergleichen
durch die Städte, Unternehmungen, die im allgemeinen von großem
Erfolge begleitet gewesen sind. Aber all die Unternehmungen, die
dabei in Betracht kommen, sind gerade solche, bei denen auch die
Form der Aktiengesellschaften anerkanntermaßen ohne jeden Nachteil
ist, wo also durch dieses Vorgehen den erwähnten Uebelständen des
Aktienwesens kein Abbruch geschieht, während jetzt allgemein wohl
anerkannt ist, daß für sonstigen gewerblichen Betrieb sich Staat und
Gemeinde noch weniger eignen als die Aktiengesellschaft; und nur
selten. sind größere gewerbliche Anstalten, hier und da Bierbrauereien,
Bäckereien mit nachhaltigem Erfolge von Gemeinden betrieben. Gerade
von Unternehmungen solcher Art werden die Aktien aber auch nicht
zur Börsenspekulation zu verwerten sein, da sie weniger Kursschwankungen
 unterworfen sind,
Dazu kommt, daß keineswegs in allen Städten, namentlich in
kleinen Gemeinden, bei dem Magistrat und gar der Stadtverordnetenversammlung
 die Intelligenz und das richtige Verständnis vorauszusetzen
 sind, um ein rechtzeitiges Inangriffnehmen der erwähnten Einrichtungen
 und eine sachgemäße Verwaltung voraussetzen zu können.
Die Furcht, Schulden zu machen, entgegenstehendes Interesse bei
einzelnen maßgebenden Mitgliedern, persönliche Rivalität zeigen sich
sehr häufig als unüberwindliche Hemmnisse für ein zeitgemäßes Vorgehen
 durch die Gemeinde selbst, so daß es eine Wohltat sein kann,
wenn die Sache durch eine Aktiengesellschaft in die Hand genommen
wird.
Es ist deshalb eine angemessene Einengung des Aktienwesens von
Staat und Gemeinde durch eigene Unternehmungen nicht zu erwarten,
and besonders nicht da, wo sie am meisten wünschenswert ist. Dagegen
 drängt die Verallgemeinerung der Gesellschaften mit beschränkter
Haftung die Aktiengesellschaften etwas zurück.
Wir geben im folgenden eine Tabelle, aus der die Gründungstätigkeit
 hinsichtlich der Aktiengesellschaften zu ersehen ist:
Nach Engel’s Berechnungen sind in Preußen gegründet worden:
vor 1800 5 Gesellschaften mit 1,40 Mill. M. Kapital
von 1801—1825 16 ” » 3436 „ x» »
„ 1826—1850 102 n „687,49 „ » x»
. 1851—1870 336 . 258183 A x an:

&amp;lt;rsatz durch
Staats- und
Kommunalbetrieb.


Statistik.
        <pb n="287" />
        -- 268 —
In Deutschland!) wurden gegründet:
Gesell- Kapital
schaften Mill, M.
207 757
479 78
340 54
9) LU

Gesellschaften

35
0

Kapital
Mill. M.
77,3
88,3
250,7
268,6
380,5
463,6
544,4
340,0
„72,0
118,4
300,1
140,6
386,0
4745
253,8
165,2
230,8
241,3
216,8
241,2
228,8

1871
1872
1873
1874
875
‚376
877
4878
1879
‚880
‚881
1882
1883
1884
1885
1886
1887
1888 1.4
1889 360
1890 236
1891 160
1892 127

1503
1894
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
‚903
1904
1905
L906
1907
1908
1909
L910 ld
1911 175
1912 179
1913 183

|

I
ut
*f)

;

3EL
90
80

Loeb (Jahrb. f. Nat.-Ok. III F. 23, Bd. 1902) zählte gegen Mitte
1900 in Deutschland 5500 Aktiengesellschaften, exkl. der Notenbanken
und Versicherungsanstalten, mit 10,8 Milliarden Kapital Nominalbetrag.
 Davon waren 3443 Industriegesellschaften mit 5,9 Milliarden,
442 Kreditbanken mit 2,4 Milliarden, 249 Baubanken mit 625 Mill,
288 Eisenbahnen und Straßenbahnen mit einer Milliarde, 146 Dampfschiffahrtsresellschaften
 mit 380 MilL M.

HE

Kurswert am 31. Oktober 1913.)
BE Werte
in Mill. M.
Deutsche Staatsanleihen 9.047,29
Deutsche Provinzial- und Kreisanleihen 749,31
Deutsche Kommunalanleihen 1 765,86
Ausländische Staats- und Kommunalanleihen 19 012,93
Lospapiere 1204,70
Kommunale und Landwirtschaftliche Pfand- und Rentenbriefe 1 776,46
Hypothekenbankpfandbriefe und -Obligationen 4350,44
Deutsche Eisenbahnprioritäts-Obligationen 67,66
Ausländische Eisenbahnprioritäts-Obligationen 4 936,56
Klein- und Straßenbahn-Obligationen 147,70
Obligationen von industriellen und Bergwerksgesellschaften 1214,72
en ‚Ingesamt 44 273,63
Dividenden-Werte in Summa 1297917

Ko rösy macht in seiner überaus sorgfältigen Schrift „über die
finanziellen Ergebnisse der ungarischen Aktiengesellschaften in dem
letzten Vierteljahrhundert“ sehr interessante Angaben. Das Aktienkapital
 stieg in Ungarn von 95 Mill. Gla. i. J. 1874 auf 109 Mill.
i. J. 1889 und 353 Mill. i. J. 1898. Der Reingvewinn nach Abzug der

1) Nach v. d. Borght im Handw. d. Staatsw., dem deutschen Oekonomist:
seit 1898 Chronik der Jahrb. f. Nationalökonomie,
2) Jahrb. f Nat.-Oek. Chronik 1913 8S. 723.
        <pb n="288" />
        — 269 —

Kapitalsverluste schwankte von 1874—98 zwischen — 1,2% (1876) und
-+13,1 °% (1890 und 1893). Von 1889—94 hielt er sich durchschnittlich
 auf 12%, und sank dann allmählich auf 7,9%, i. J. 1898. Im
Durchschnitt der ganzen Zeit verteilten die verschiedenen Gruppen die
folgende Dividende, die natürlich nicht mit dem tatsächlichen Reinertrage
 und noch weniger mit dem endgültigen Reingewinne der
Aktionäre (nach Abzug der Kapitalverluste) zu identifizieren ist.

Durchschniftliches Diyidenden- bez. Reineinkommen
der Aktionäre und Gesellschafter der deutschen
Aktiengesellschaften und Ges. m. beschr. Haftung.!)

Daran „

Aktionäre

Gesellschaften

Name der Gruppe

Durchschnittliches
Dividendeneinkommen
 von
1870—1900

Durchschnittliches
Reineinkommen der
Gesellschaften von
1880—1900

Kohlenindustrie , .
Eiseniundustrie . . ., . . .
Salinen und ähnliche Betriebe
Industrie der Steine und Erden 3
Glasindustrie. . . . .
Porzellanindustrie . .
Metallindustrie . .
Maschinenindustrie
Chemische Industrie
Gasgesellschaften .
Elektrizitätsindustrie .
Tuchfabriken. . . .
Webereien, Spinnereien
Papierfabriken . . .
Gummiindustrie. .
Lederindustrie . .
Holzindustrie . .
Mühlenindustrie .
Zuckerindustrie .
Brauereien . .
Brennereien . . 0.0.0.0. 4 14
Diverse Gesellschaften d. Nahrungsmittelindustrie
 .
Banken.

7,65
5,82
7,62 ( 5,39) 5)

9,10
7,26
10,30
11,26
12:28
15,83
11,98
10,17
14,05
11,54
(1,15
5,55
7,83
15,78
14,65
18.10
6,54
6,77
9.65
10.01
14'295

8,86 ( 7,75)
7.05 ( 4.18)
9’81 ( 9/33)
8,75 ( 8,75)
4,92(—2,30)
5,64 ( 5.13)
2:68 ( 7,08)
11.19 (1087)

ACN

Or .
‚, 375

fr
X

5,89
‚674
1886/87

|
1891/92

8,53
9,50
1896

Gesamtzahl der berücksichtigten
 CE RENATE
Darunter mit Kapita
ois 100000 M. 221=10,31 „ 308=12,74 „  504=13,62 „
über 100 000-—250 000 289=13,49 , 437=13,99 „ 517=13,97
‚ 250 000—500 000 ,, 389=18,15 „ 542=17,35 626=16,92
„500000 bis 1 Mill. „ 456=21,28 575=21,61 765=20,67 „
. 1—2% 409=19,03 „ 619=1981 » 773=20,90
28 m m» 202= 942 28 1.08.» 20m DS *
— 103= 4,81 115= 3, = 3483
10% YA 3M5 } a0 289 * 108 292 \

5134—100 Proz. 3124100 Proz. 3700=—=100 Proz,

A

" He Dr. du oe Die finanzielle Entwicklung deutscher Aktionen
schaften von m und die Gesellschaft mit beschränkter Haftung im Jahre
1900. Jena 1908, S, 166/67. sellschaft mit beschrf
2) Exkl. Glas- und Porzellanindustrie.
8) Die eingeklammerte Zahl bedeutet das durchschnittliche Reineinkommen des
Aktianärs von 1870-— 1900.
        <pb n="289" />
        — 20 —

Geschäftsergebnisse der deutschen Aktiengesellschaften.

Aktien- Dividenden- Proz,
kapital Summe der
Mill. M. in 1000 M. Divid.
1222,0 96 434 7,89
i 261,3 106 366 8,43
428,0 28 803 6,58
3 28 598 6,38
7 156 447 3,37
9 171 000 3,61
9,7 66 379 ‘4,86
461.7 71328 5,45
603,4 52 353 8,60
534,5 47197 7,44
199,7 69433 6,88
101.7,7 76012 2,47
80,2 5418 6,75
; 81,8 5 702 6,96
32 499,3 24 253 4,86
"68 490,7 23 961 4,96
128 36285 285 497 7,87
115 3 760,4 297 635 7,91
37 144,0 32872 22,83
‚30 152,1 35 375 23,14
467 1 476,1 62 304 4,22
479 15342 76 423 498

1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11
1909/10
910/11
1909/10
1910/11
1909/10
1910/11

ep

1907/08
1908/09 Sämtliche Gesell-1909/10
 schaften
(910/11

4578
1579
1607
1680

12 663,7 1.022 596 8,07
13 001,8 959 704 7,38
13 460,0 1 043 900 7,76
14 000,5 1133 300 8.09

{

$ 72.
Die Credits mobiliers oder Emissions- und Industriebanken.

Aycard, Histoire du Credit mobilier. Paris 1867.
Jattler, Die Effektenbanken. Leipzig 1890.
Model, Die großen Berliner Effektenbanken. Jena 1896.
Ad, Weber, Depositenbanken und Spekulationsbanken. Leipzig 1902.
Warschauer. Jahrb, f. Nationalökonomie 1904, Bd. 27. Das Depositenbankwesen
 in Deutschland,
Riesser, Die deutschen Großbanken. 4. Aufl. Jena 1912.
Wallich, Die Konzentration im deatschen Bankwesen. Stuttgart 1906.
Plenge, Gründung und Geschichte des Credit mobilier. Tübingen 1903.
_ Zu einer besonderen Eigentümlichkeit haben sich in der neueren
Zeit große Bankinstitute auf Aktien ausgebildet, die sich nicht darauf
beschränken, die früher charakterisierten eigentlichen Bankgeschäfte
zu machen, sondern im Gegenteil den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit in
Börsengeschäften sehen. Durch die gewaltigen Mittel, mit denen sie
dabei auftreten, haben sie einen großen Einfluß auf das wirtschaftliche
 Leben gewonnen. Um dieses klarzulegen, wird es gut sein,
noch einmal den Unterschied zwischen Bank- und Börsengeschäften
kurz zu charakterisieren und gegenüberzustellen.
Ka Eine Hauptbanktätigkeit ist es, wie wir sahen, Wechsel aufzu-"und
 Börsen- kaufen, was allerdings auch an der Börse geschieht. Die Bank aber
geschäften.

1) Jahrb. f. Nat.-Oek. IM. F. 44. Bd. E. Moll, Die Geschäftsergebnisse der
deutschen Banken 8. 639.
        <pb n="290" />
        — 20 —

kauft die Wechsel, um sie bis zum Fälligkeitstermine liegen zu lassen
und dann den Betrag einzukassieren. Das Börsengeschäft besteht
darin, Wechsel billig zu kaufen und zu einem höheren Preise wieder
zu verkaufen. Die Bank will nur den Zins in Anspruch nehmen, die
Börse am Wechselkurse gewinnen. Die erstere sieht deshalb auf besondere
 Sicherheit, die zweite nur auf erfolgreiche Absetzbarkeit des
Wechsels.
Die Bank handelt mit flüssigen Betriebskapitalien, die im laufenden
Geschäftsbetriebe umgesetzt werden, die Börse dagegen mit Anlagekapitalien.
 Auch hier will die Bank nur den Zins beziehen und an
der Differenz des Zinses für Depositen und Darlehen profitieren. An
der Börse will man an dem Kurse der Papiere gewinnen. Die Bank
kauft nur sichere Papiere zur Anlage von Reservekapitalien, die
Börse spekuliert mit Vorliebe mit unsicheren Papieren. Das Kaufen
der Papiere, um sie mit Vorteil zu verkaufen, ist kein bankmäßiges,
wohl aber ein hauptsächliches Börsengeschäft.
Von den kleineren Bankiers ist nun schon lange eine Vereinigung
beider Tätigkeiten durchgeführt. In der neueren Zeit haben es sich,
wie erwähnt, große Aktienbanken zur Aufgabe gestellt, Aktiengesellschaften
 zu gründen, zinstragende Papiere an der Börse unterzubringen,
 Anleihen aller Art zu vermitteln, sowie sonstige Börsenzeschäfte
 zu machen, während sie zugleich auch die gewöhnlichen
Bankgeschäfte, also besonders den Depositen- und Kontokorrentverkehr
mit einem dauernden Kundenkreis übernehmen. Das Bedenkliche dieses
Vorgehens liegt vor allem darin, daß die Sicherheit der Banken durch
die Uebernahme von Börsengeschäften mehr und mehr gefährdet wird,
und damit auch die Sicherheit für die Depositen der Bankkunden
und die Unterstützung der Geschäftswelt durch angemessenen Kredit.
Auf der anderen Seite liegt die Gefahr einer einseitigen Beeinflussung
der Börse durch jene großen Anstalten vor, sowie der Begünstigung
von Gründungen aller Art allein zum Zwecke der Spekulation. Wir
haben deshalb diesen eigentümlichen Unternehmungen näher zu treten.
Als Vorläufer dieser modernen Art von Banken ist wohl die
Gründung von John Law 1717 bei dem Uebergange seiner Banque
generale in die Banque royale anzusehen, mit der er die Aktien der
Mississippi-Gesellschaft an der Pariser Börse unterzubringen suchte,
Auch die von Friedrich dem Großen 1772 gegründete Seehandlungssozietät
 hatte den gleichen Charakter, indem sie von vornherein
sich an industriellen Unternehmungen beteiligte und Emissionen von
Staatspapieren übernahm. Indessen hat diese sich von eigentlichen
Spekulationen von jeher fern gehalten, die ihr nach der Umwandlung
in eine Staatsanstalt 1810 naturgemäß prinzipiell untersagt waren.
Dann ‚ist die 1822 in Brüssel von König Wilhelm II. gegründete
Societe generale hier anzuführen, die ausdrücklich den Zweck hatte,
industrielle Unternehmungen zu unterstützen und ins Leben zu rufen.
Aber der Ausgangspunkt der eigentlichen Spekulationsbanken ist in
dem 1852 von den Gebrüdern Pereire in Paris gegründeten „Credit
mobilier“ zu sehen. Die Veranlassung zu dieser Gründung bot das
Streben, die Uebermacht des Hauses Rothschild zu brechen und
ihm ein mit ähnlichen Mitteln ausgerüstetes Institut entgegen zu
stellen, welches sich an allen größeren Börsenspekulationen beteiligte,
um davon zu profitieren. Das Aktienkapital betrug anfangs 60 Mill, Fr.,
während außerdem noch der zehnfache Betrag durch Ausgabe ver-Historische


Entwicklung.
        <pb n="291" />
        272 —

Credits mobi
liers in
Deutschland.

zinslicher Obligationen aufgebracht werden sollte, was aber nicht zur
Ausführung gelangte, da die Regierung den Mißbrauch dieser Kapitalsmacht
 befürchtete und die Ausgabe nicht gestattete. Aber auch das
Stammkapital reichte aus, die Kurse an der Börse in hohem Maße
zu beherrschen und in einem Jahre (1855) einen Kursgewinn von
26 Mill. Fr. zu erreichen. Daneben machte die Gesellschaft es sich
zur Aufgabe, wo sich irgendeine Gelegenheit bot, Aktiengesellschaften
in das Leben zu rufen, auch wo dafür ein Bedürfnis nicht vorlag,
nur um Aktien zur Spekulation in die Hand zu bekommen und sich
einen Gründergewinn zu verschaffen. So gelang es ihr in mehreren
Jahren 1855, 56, 62, 63, außerordentlich hohe Dividenden (25 %, und
darüber) zu verteilen und den Kurs ihrer Aktien in extremer Weise
in die Höhe zu treiben. 1866 kam die Gesellschaft indessen in große
Verlegenheit und konnte sich nur durch Verdoppelung des Stammkapitals
 aufrecht erhalten, um 1867 doch völlig zusammenzubrechen,
wodurch die Aktionäre und ein weiter Kreis, der mit dem Credit
mobilier in Beziehung stand, außerordentliche Verluste erlitten. Eine
ganz ähnliche Erscheinung erlebte Frankreich im Jahre 1881 durch
den Bankerott der „Union generale“, mit welcher Bontout wenige
Jahre im In- und Auslande mit bedeutenden Mitteln Gründungen
und Börsenspekulationen durchgeführt hatte, deren Folgen Zola in
seinem „l’argent“ vorzüglich dargestellt hat.
In ähnlicher Weise sind auch in Deutschland und Oesterreich in
den 60er und Anfang der 70er Jahre große Effektenbanken ins Leben
gerufen, die noch zum Teil in der Gegenwart eine bedeutende Rolle
spielen, weil sie mit großer Umsicht und Vorsicht vorgingen und ihre
Aufgabe darauf konzentrierten, einmal Anleihen von Staaten und Gemeinden
 unterzubringen, dann wirklich nützliche Unternehmungen mit
ihren Mitteln zu unterstützen, dagegen sich von bloßer Kursspekulation
 mit Börsenpapieren fernhielten. Daneben aber sind namentlich
Anfang der 70er Jahre eine große Zahl von Aktienbanken allein für
Spekulationszwecke aller Art gegründet, zum Teil ohne solide Fundierung,
 die nur Geschäfte zu machen vermochten, wenn sie gleichfalls
 unsolide Unternehmungen unterstützten und daher nur eine
kurze Zeit ihr Dasein fristen konnten, solange die Wogen der Spekulation
 hoch gingen, und zusammenbrachen, sobald die Konjunkturen
ungünstiger wurden.
In Oesterreich ist als Credit mobilier 1855 die k. k. privilegierte
 österreichische Kreditanstalt für Handel und Gewerbe mit
60 Mill. Gulden entstanden, 1880 wurde die k. k. privilegierte Länderbank
 mit 40 Mill gegründet. In England hat man eine große
Zahl derartiger Spekulationsbanken ins Leben gerufen.
Die Entwicklung des Effektenbankwesens in Deutschland hat
sich erst in den letzten 43 Jahren vollzogen und daher in etwas
überstürzter Weise. Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts lag
das Bankgeschäft ganz in den Händen von Privatbankiers, unter
denen nur verhältnismäßig wenige das Geschäft in großem Maßstabe
zu betreiben vermochten, wie Rothschild, Oppenheim u. A. Erst seit
1870 nach Beseitigung der Konzessionspflicht tür Aktiengesellschaften
entstanden Aktien-, und zwar Effektenbanken, besonders in Norddeutschland
 in großer Zahl, und damit bildete sich auch der Großbetrieb
 im Bankwesen mehr und mehr aus, da sie leicht gewaltige
Kapitalien zusammenbringen und frei die tüchtigsten Kräfte zur
        <pb n="292" />
        273 —

Leitung heranziehen können. Hierbei wurde nicht die Arbeitsteilung
durchgeführt, wie in anderen Ländern, vielmehr fand nicht nur die
Kombination von Bank- und Börsengeschäften, des Depositen- und
des Effektenhandels und der Emissionsgeschäfte, sondern auch der
Hypotheken- und anderer Geschäfte statt. Die bayrische Hypothekenund
 Wechselbank betreibt z. B. außer den erwähnten noch Versicherungsgeschäfte.
 ; .
Mit dem Aufschwung der Industrie wurden naturgemäß immer
größere Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Banken und die
Erleichterung der Abwicklung der Geschäfte gemacht. Dem suchte
man außer in dem Uebergang zur Aktiengesellschaft durch lokale
Erweiterung der Tätigkeit, Verteilung des Risikos und Vereinigung
der Kräfte entgegenzukommen. In ersterer Hinsicht konnte man beobachten,
 wie sich die großen Banken mehr und mehr in Berlin als
Zentrum vereinigten und zugleich im Auslande und in den Provinzen
(wie die Reichsbank) Filialen, Kommanditen oder Agenturen gründeten,
während die Provinzialbanken in Berlin und anderen Orten Verbindungen
 suchten. Die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt
 gründete in 11 Städten (darunter in Wien und Paris) Zweigniederlassungen.,

Der zweite notwendige Schritt war die Anlehnung der kleinen
Banken an die großen, um sich ihre Hilfe bei Unternehmungen und
Kreditgewährungen zu sichern, für die die eigenen Mittel nicht ausreichten,
 sowie die Konsortialbeteiligung bei größeren Transaktionen
der Großbanken zur Verteilung des Risikos von Fall zu Fall und
Vergrößerung der disponibeln Kapitalien. Das ist die Vereinigung
zu gemeinsamem Vorgehen bei bestimmten Unternehmungen, wie die
Diskontobank früher mit der Rothschildgruppe Staatsanleihen übernahm.
 Auch hier können wir Ring- und Kartellbildungen verfolgen.
Diese treten hervor in einer weitgehenden und dauernden Krwerbung
von Aktien und Vertretung in dem Aufsichtsrat anderer Banken,
wodurch dieselben sich gegenseitig stützen und das Risiko teilen.
In dritter Linie steht die neueste Entwicklung beständiger Vergrößerung
 des Aktienkapitals und die damit Hand in Hand gehende
Aufsaugung kleinerer Institute. Dies geschieht bald, wenn die letzteren
 sich in bedrängter Lage befinden, bald wenn es dem Zentralinstitut
 wünschenswert erscheint den lokalen Wirkungskreis, resp. den
Tätigkeitskreis zur Ergänzung des eigenen hinzuziehen. In solcher
Weise hat die Konzentration der Banken hauptsächlich in Berlin in
den letzten zehn Jahren außerordentliche Fortschritte gemacht.
Damit ist das Uebergewicht der Hauptstadt gegenüber den anderen
Städten und die Macht der hauptsächlichsten Großbanken außerordentlich
 gewachsen, so daß die Gefahr einer Monopolherrschaft vorliegt.
 Die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Leiter sind
dadurch enorm gestiegen, wie ihre Verantwortung infolge ihres großen
Einflusses. Die Gefahr, daß dadurch die Privatbanken fortgefegt
werden könnten, will uns nicht so groß erscheinen, als sie vielfach
angenommen wird. Denn durch die weitere Ausbildung des Depositenverkehrs
 wird auch das Bedürfnis nach denselben entsprechend
gesteigert.
Wir greifen zwei Banken zur näheren Beleuchtung heraus, die
eine nachhaltige Bedeutung erlangt haben. Das sind die Diskontogesellschaft
 und die Deutsche Bank in Berlin. Die erstere
Conrad, Grundriß der polit. Oekanomie T Tail &amp;amp; Aufl iR

Die Diskontogesellschaft.
        <pb n="293" />
        274 —.

Die deutsche
Bank.

ist von dem früheren Finanzminister und langjährigen Chef der
preußischen Bank, David Hansemann, schon 1851 als Kommanditgesellschaft
 auf Aktien gegründet. Die Geschäftstätigkeit erstreckt
sich nach den Statuten zunächst auf das Diskontieren von Wechseln
und das Depositengeschäft. Auch für jederzeit zahlbare Guthaben
wurde nach der ursprünglichen Geschäftsform eine Zinsvergütung von
1'/, °% gewährt. Erst im Jahre 1855 gewann die Bank modernen
Charakter durch Erhöhung des Aktienkapitals, sowie durch Ueberaahme
 größerer industrieller Unternehmungen und Ankauf von Wertpapieren.
 Im Jahre 1864 bildete sie sich zu einer Emissionsbank
aus, indem sie namentlich die österreichische Silberanleihe jenes
Jahres in die Hand nahm und von diesem Momente an sich in Verbindung
 mit dem Hause Rothschild die Vermittlung von Staatsanleihen
in ausgedehntem Maße zur Aufgabe machte (für Argentinien, Rumänien
 usw.). Außerdem übernahm sie den Eisenbahnbau in verschiedenen
 überseeischen Ländern, eine große industrielle Unternehmung
 in Paris u. dgl. Der Gesamtbetrag der Geschäftsanteile
war 1852 ca. 10 Mill. M., 1855 26 Mill, 1867 schon 46 Mill. und ist
allmählich, besonders im Jahre 1903 ınfolge von Fusion mit anderen
Gesellschaften bis auf 170 Mill, 1912 auf 200 Mill. erhöht. In demselben
 Jahre nahm sie eine alte Bankfirma in Bremen, sowie die
Norddeutsche Bank in Hamburg völlig auf und beteiligte sich an der
Umwandlung des Bankhauses Sal. Oppenheim jun. in Köln in eine
Kommanditgesellschaft, trat in ein enges Verhältnis zum Barmer
Bankverein, der den Dortmunder Bankverein durch Fusion aufnahm,
zowie zur Oberlausitzer Bank in Zittau und der Vereinsbank Zwickau.
Die Deutsche Bank ist erst 1870 gegründet und stellte sich
von vornherein die Aufgabe, die internationalen Geldgeschäfte des
deutschen Handels mehr und mehr in die Hand zu nehmen und sie
den englischen Banken zu entziehen. Deshalb kommanditierte sie
schon 1872 ein Bankhaus in New York, errichtete noch in demselben
Jahre eine Filiale in London unter dem Namen „Deutsche Agency“
allein mit 45 Mill. M., und beteiligte sich in dem folgenden Jahre
kommanditarisch bei dem schon seit längerer Zeit bestehenden Pariser
Bankhaus „Weisweiler &amp;amp; Goldschmidt“. 1874 beteiligte sie sich an
ler deutsch-belgischen Laplatabank, um auch in Südamerika festen
Fuß zu fassen. Die 1872 in Shanghai und Yokohama gegründeten
Filialen konnten sich nicht halten. Außerdem stationierte sie in
Bremen und Hamburg Filialen als Stützpunkte für den internationalen
deutschen Geldverkehr, Im Jahre 1886 wurde noch eine Filiale in
Frankfurt, im Jahre 1906 in Leipzig und Dresden errichtet. Außerdem
 unternahm die Bank seit Ende der achtziger Jahre erhebliche
Kisenbahnbauten im Orient (Anatolische und Bagdadbahn) und gewann
iort eine wachsende und sogar eine dominierende Bedeutung. 1890
beteiligte sie sich an den deutsch-österreichischen Mannesmannröhrenwerken,
 seit 1884 an den südafrikanischen Goldfeldern. Dazu ist
hinzugekommen die Gesellschaft für elektrische Hoch- und Unteryrundbahnen,
 die ostafrikanische Eisenbahngesellschaft, die Petroleum-Produktionsgesellschaft
 Steana Romana, die Europäische Petroleum-Union.
 Dauernd beteiligt ist das Unternehmen an 15 großen Bankyesellschaften.
 Von neuen Konsortialgeschäften, an welchen es im
Jahre 1913 als Hauptbeteiligter oder Emittent interessiert war und
die zum größten Teile in diesem Jahre abgewickelt sind, kommen
        <pb n="294" />
        _ 95 —

7 Staatsanleihen, 5 städtische, Kreis- und Provinzialanleihen und 13 Anleihen
 resp. Ausgaben von Aktien und Kuxen von Privatunternehmungen
in Betracht. Als Neugründungen sind die Kameruner Schiffahrtsyesellschaft
 und die Santa Katharina-Eisenbahnbaugesellschaft zu
nennen. Das Konsortialkonto bestand am Jahresschluß 1913 aus:
37 Beteiligungen an deutschen Staats- und Kommunalanleihen und
Obligationen inländischer Gesellschaften mit 15,9 Mill. M. Aktienkapital
von 95 inländischen Gesellschaften mit 16 Mill, an 52 ausländischen
Anleihen mit 7,5 Mill, an Obligationen und Aktien von 119. ausländischen
 Gesellschaften mit 7,9 Mill. und an 21 Grundstücksgeschäften
 mit 6,15 Mill, im ganzen mit 53,5 Mill. M. ;
Neben dieser ausgedehnten Tätigkeit zur Förderung neuer
industrieller Unternehmungen und der internationalen Kredit- und
Zahlungsvermittlung hat sich die Deutsche Bank von Anfang an zur
Aufgabe gestellt, den Depositen- und Scheckverkehr in Deutschland
zu fördern und an sich zu ziehen. Durch die Errichtung einer
Anzahl Filialen in Berlin selbst suchte sie die Präsentierung der
Schecks und damit die Anwendung derselben besonders zu erleichtern.
Während das Aktienkapital 1871 15 Mill. betrug, stieg es schon 1881
auf 56, 1894 auf 75, 1900 auf 130 Mill, 1904 auf 180, 1906 auf
200 Mill. Die Depositen waren 1871 8 Mill, 1884 27 Mill, 1894
75 Mill, 1913 1580 Mill. M. Die Zahl der bel der Bank gehaltenen
Konten war 1883 10000, 1894 32 716, am 31. Dezember 1913: 289 709.
Die Zahl der Beamten beträgt 6638.
Die Dividenden der beiden erwähnten Banken haben sehr erhebliche
 Schwankungen gezeigt. Die Diskontogesellschaft zahlte von
1857—61 5%, in den folgenden Jahren 6°, 1868/69 9%, 1871/72
24 und 27%, 1876/77 4 und 5°%,, von 1879—87 mit unbedeutenden
Schwankungen 10 %,, 1889 14 °%,, 1892—93 6% ,, 1899 10%, 1901 8%,
L902/4 87/, %, 1905/6 9%, 1909 9%, %, 1910—1913 inkl. 10°%. Die
Deutsche Bank mußte sich in den siebziger Jahren mit dem durchschnittlichen
 Zinsfuß von 6°, begnügen. Anfang der achtziger Jahre
zahlte sie 10%, dann 6 Jahre 9°%, und blieb auf dieser Höhe bis
1894, 1899—1901 stieg der Satz auf 11°, 1904/6 12%, 1909—1913
inkl. 12% %.
Die hier besprochenen Beispiele zeigen eine außerordentlich weitgehende
 Vereinigung der verschiedensten Bank- und Börsentätigkeiten,
and ihnen treten mit ähnlichen Bestrebungen und bedeutenden Mitteln
noch eine ganze Anzahl anderer Banken an die Seite, während die
Anfang der siebziger Jahre in großer Zahl gegründeten Industrieoder
 Gewerbebanken mit rein spekulativem Charakter gegenwärtig
keine hohe Bedeutung mehr in Deutschland besitzen. Es ist dieses
mehr Privatunternehmungen, d. h. Bankiers vorbehalten, die durch
die erwähnte Verbindung der Bank- und Börsengeschäfte „Credits
mobiliers“ im kleinen repräsentieren. Nach dem früher Gesagten
kann es keinem Zweifel unterliegen, daß diese‘ Verbindung ihre
außerordentlichen Gefahren in sich schließt, und doppelt in einem
Lande, wo der Depositenverkehr im ganzen noch sehr schwach entwickelt
 ist, und Verluste durch den Zusammenbruch einer solchen
Spekulationsbank das Publikum wiederum mißtrauisch machen und
vom Bankverkehr zurückschrecken müssen. Unzweifelhaft ist eine
Scheidung und ausgedehnte Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen
Banken weit wünschenswerter als diese Verbindung. Auf der einen
18%

Kritik.
        <pb n="295" />
        276 —

Seite stehen die großen Notenbanken, die sich auf den Giroverkehr
und das Diskontogeschäft beschränken, wie das bei der deutschen
Reichsbank und den anderen in Betracht kommenden Zentralbanken
der Fall ist. Daneben stehen besondere Depositenbanken, die den
Schwerpunkt ihrer ganzen Tätigkeit darin sehen, von einem großen
Kundenkreis Depositeneinlagen heranzuziehen und diese wiederum in
demselben Kreise durch Erteilung von Darlehen an die Kunden zur
Verteilung zu bringen, wie dieses bei den Schulze-Delitzschschen
Volksbanken, den Schweizerischen Spar- und Leihkassen, dann bei
einer großen. Zahl von Aktienbanken und Bankiers in England und
den Vereinigten Staaten von Nordamerika der Fall ist. Sie sind es,
welche in Deutschland vor allem eine immer größere Ausdehnung
verdienen. Daneben sind die großen Effektenbanken oder Emissionsbanken
 nicht zu entbehren, die zugleich Gründungen mit ihren reichen
Mitteln im In- und Auslande unterstützen und dadurch außerordentlichen
 Nutzen stiften können, und es ist jedenfalls ein gesunderer
Zustand, daß eine Anzahl solcher Unternehmungen vorhanden ist, die
sich Konkurrenz machen, und deren Tätigkeit durch öffentliche Berichterstattung
 allgemein kontrolliert werden kann, als wenn allein ein
großes Bankhaus, wie früher Rothschild, unbedingt dominiert.
ar Torbe- Zur Gründung eines großen Aktienunternehmens sind eine Menge
der Gründung Vorbedingangen erforderlich: vor allen Dingen 1. Intelligenz und Umvon
 en sicht, um zu erkennen, wo eine Gründung am Platze und wie sie in
Angriff zu nehmen ist; 2. technische Kräfte, um den Voranschlag
anzufertigen und das Projekt selbst zu entwerfen; z. B. Architekten,
wenn es sich darum handelt, ein neues Arbeiter- und Villenviertel
ins Leben zu rufen usw. 3. Geld, schon zur Deckung dieser Vorarbeiten
 und zur Sicherung der Gründung selbst, um die Aktien zu
übernehmen, die im Momente von anderer Seite nicht gezeichnet
werden. 4. Ein bei dem Publikum in Ansehen stehender Name, um
dadurch bei demselben von vornherein Vertrauen zu dem Unternehmen
zu erwecken und es damit zum Ankauf der Aktien zu bewegen. All
dies vereinigen allerdings die großen „Credits mobiliers“ in ihrer
Hand und können dadurch den Unternehmungsgeist in außerordentlicher
 Weise fördern.
Dagegen liegt für sie die Gefahr vor, daß bei den großen
Schwankungen, welche in dem wirtschaftlichen Leben fortdauernd
eintreten, nicht nur einzelne Jahre, sondern längere Perioden vorkommen,
 wie Ende der siebziger, Mitte der achtziger, Anfang der
neunziger Jahre, wo das Geschäftsleben in hohem Maße darniederliegt
und es deshalb schwierig ist, die bedeutenden Gelder, die bei. ihnen
konzentriert sind, angemessen zu beschäftigen. In solchen Zeiten
liegt die Versuchung nahe, auch gewagte Unternehmungen zu unterstützen,
 nur um die Gelder zur Verwertung zu bringen. Dadurch
ging der Credit mobilier der Gebrüder Pereire zugrunde, wie die
Unternehmungen der Union generale von Bontout; die großen deutschen
 Effektenbanken haben besondere akute Krisen von erheblicher
Bedeutung seit Dezennien nicht zu überstehen gehabt, und man kann
einer solchen Prüfung nur mit einiger Sorge entgegensehen. Bis
Ende 1914 scheint der Krieg ihnen allerdings ernstliche Erschütterungen
 nicht verursacht zu haben,
(Siehe Tabelle S. 278 u. 279.)
        <pb n="296" />
        217 —

$ 73.
Der Staat und die Aktiengesellschaften.
Zur Reform des Aktienwesens. Drei Gutachten von Wiener, Goldschmidt,
Behrend, Schrift d. V. f. Sozialpolitik 1878, .
Wiener, Kritik des Gesetzentw. betr. die Aktienges. Leipzig 1883.
Behrend, Lehrbuch des Handelsrechts I, II. ‘Berlin 1896.
Lehmann, Recht der Aktiengesellschaften, Bd. I. Berlin 1898, .
L,. Weyl, Handbuch des deutschen Aktiengesellschaftsrechts. Freiburg i. B.
Leipzig 1896. (2. Teil.)
Cosack, Lehrbuch des Handelsrechts. 5. Aufl. Stuttgart 1900.
a Dr Zur Aufsichtsratsirage in Deutschland. Jahrb. £. Nationalökonomie
Bis zum Jahre 1870 war in Deutschland und in den meisten
anderen Ländern die Gründung einer Aktiengesellschaft, wie ausgeführt,
 von der staatlichen Konzession abhängig, und man hat vielfach
gemeint, daß gerade die Beseitigung dieser Schranke nach der Beendigung
 des deutsch-französischen Krieges die Hochflut und ebenso
den darauffolgenden Zusammenbruch einer großen Zahl derselben verschuldet
 hat. Es ist dies leicht als ein Irrtum zu erkennen, wenn
man sich vergegenwärtigt, daß in Oesterreich die Schranke zu jener
Zeit noch nicht gefallen war, und die Kalamität dort noch größere
Dimensionen angenommen hatte als in Deutschland. Der Staat kann
nicht im einzelnen Falle die Verhältnisse genügend untersuchen, um
richtig zu entscheiden, ob die Bedingungen für eine Gründung angemessen
 und die sich dazu meldenden Unternehmer die geeigneten sind.
Er nimmt damit eine Verantwortung auf sich, der er nicht gewachsen
ist. Mißgriffe sind unvermeidlich, und das Publikum, das dadurch
Verluste erleidet, macht ihn dann mit Recht dafür verantwortlich.
Die Zahl der Gründungen in Zeiten enragierter Spekulation zu beschränken
 ist dem Drängen des Publikums gegenüber außerordentlich
schwierig und die Auswahl überall mißlich. Die Verzögerungen bis zur
Konzessionserteilung lassen leicht für die Unternehmer den günstigen
Moment verpassen, und die Gefahr der Ausbildung von Nepotismus
und Bestechlichkeit fällt gleichfalls ins Gewicht. Mit vollem Recht
ist daher das Konzessionssystem für die Aktiengesellschaften im allgemeinen
 beseitigt, und wohl für alle Zeit. Nur bei gewissen Unternehmungen,
 wo es das wirtschaftliche Interesse der Gesamtheit und
die Schutzlosigkeit des Publikums besonders verlangt, erscheint es als
das geringere Uebel, wie bei den Eisenbahnen, den Versicherungsgesellschaften
 usw. . Als Ersatz ist eine besondere Gesetzgebung, ein Aktienrecht
 geschaffen, nach dem sog. System der Normativbestimmungen,
welches uns hier etwas näher zu beschäftigen hat.
‚ In Deutschland suchte, wie erwähnt, das Gesetz von 1884
die Verhältnisse allseitig zu regeln, besonders Betrügereien bei dem
Gründungsvorgang zu verhüten und durch erweiterte Haftung der
Gründer das Publikum vor dem Gründungsschwindel zu sichern. Es
hat dann durch das Handelsgesetzbuch von 1897 eine weitere. Ausbauung
 erfahren. 1. Hiernach ist für die Gründung einer Aktiengesellschaft
 die Vereinigung von wenigstens 5 Personen (in England
and Frankreich 7), mit mindestens je einer Aktie die Vorbedingung
einer Gründung. Die Aktien oder Interimsscheine müssen auf einen
Betrag von mindestens je 1000 M. lauten. Namensurkunden zu geringerem
 Betrage, jedoch nicht unter je 200 M., sind nur ausnahmsweise,
 z. B. für gemeinnützige Unternehmungen oder bei sonst besonders

und

Deutsches
\ktienrecht.
        <pb n="297" />
        278 -
Die hauptsächlichsten deutschen
(Effekten-'ahr


der
jrünlung


Aktienkapital
 |
An-Au)
 1900 |
in Mittionen| 1900 | 1902 | 1904 | 1905 | 1906 | 1909 |

Name der Bank

Jeutsche Bank
Diskontogesellschaft
Jresdner Bank
A. Schaaffhausenscher
Bankverein
Darmstädter Bank
Berliner Handelsgesellschaft

Kommerz- und Diskontobank
 I
Nationalbank für Deutschland
 |
Mitteldeutsche Kreditbank

870
856
872
848
Rrs

DS
Mn

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A.

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187°
1871 |
1856 .

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54

(

| F
H

erschwerenden Bestimmungen zulässig, durch welche namentlich die
Jebertragung erschwert ist, um auf diese Weise die Beteiligung der
kleinen Leute von der Aktienspekulation auszuschließen. Besonders
ın England und Amerika sind Aktien zu einem Pfund Sterling üblich.
Gegenwärtig ist in England eine Begrenzung der Höhe der Aktien
ıicht normiert. In Frankreich ist der Mindestbetrag der unteilbaren
Aktien bei Gesellschaften mit einem Grundkapital bis zu 200000 Fr.
25 Fr., bei größeren Gesellschaften 100 Fr. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß die deutsche Bestimmung sehr viel richtiger ist.
2. Das deutsche Gesetz verlangt Einzahlung von mindestens einem
Viertel des Betrages des Aktienkapitals zur Gründung, und dieses
ist auch von den meisten anderen Ländern akzeptiert, nur für die
kleineren Aktien wird z. B. in Frankreich bei Aktien von 25 Fr.
rolle Einzahlung verlangt. Man hat gemeint, durch das Erfordernis
ler vollen Einzahlung die leichtsinnige Gründung von Aktiengesellschaften
 erschweren zu können und ihnen eine größere Sicherheit zu
bieten. Das ist indessen illusorisch; dagegen erschwert. man dadurch
solide Gründungen und führt sie in die Hand der großen Geldmänner
vesp. der Credits mobiliers. Wollen z. B. eine Anzahl Gutsbesitzer
ine Zuckerfabrik gründen, so ist es für sie eine wesentliche Erschwerung,
 sofort bei der Gründung das Aktienkapital von 300000 M.
bar zusammenzubringen, während sie zunächst zum Beginne des
Baues nur vielleicht 50—100000 M. gebrauchen, den Rest erst in
1) Abgekürzte Zahlen nach der Uebersicht im Handelsblatt der Vossischen
Zeitung 6. März 1910,
2) Außerhalb Berlins sind die bedeutendsten deutschen Banken dann noch die
Bergisch-Märkische Bank, Essener Kreditanstalt, Norddeutsche Kreditanstalt u. a.;
vgl. Rießer, Die Deutschen Großbanken. 4, Aufl. 1912.
Zur Gruppe der Deutschen Bank (1870) gehören z. B.: Bergisch-Märkische
Bank (Elberfeld), Essener Kreditanstalt, Hannoversche Bank, Schlesischer Bankverein,
Rheinische Kreditbank (Mannheim). Württembergische Vereinsbank. Deutsche Ueber.

— 2709 —
Kreditbanken (Berliner Großbanken).?)
janken.)

lenden

Kurs der Aktien am

| Ss Su | So Se | Ex Sol 8 Sn | Se
© © = —_ —. m
1910 | 1911 | 1912 | 1918 153 | 55 [58 | 13 |18 58|5|05 | 38
“m en en N — CD ar (ar) —_
283,90| 235,90| 241,75| 242,50! 227,—| 263,00! 264,90} 248,-—| 205,9
196:— 192.80| 189'50| 186.25. 170.50) 193.50 192,80| 186 — 166,—
145.70) 157.30| 158/50! 158.80! 143.90 162.70| 159.25| 150.90
147,10! 145,25| 163,—| 157,60| 142,70 142,90! 137,00! 101,00
185,25 145,75/ 142,50/ 140,25 131,75 180,60] 127,00| 116,10
162,90 165,80‘ 171,60] 174,50| 154,75| 169,60| 171,50 155,50
122,40/ 122,— 122,75! 122,25| 116,75 115,—| 117,25) 107,25
127,— 130,50/ 130,—| 134,40 122,75| 180,40| 129,00| 116,60
L15,60| 120.10/ 122.70! 121.40) 117 25| 122.50| 121.90| 115.00

vierteljährlichen Raten während einer Zeit von anderthalb Jahren,
wo es ihnen leicht ist, allmählich die Summe. zusammenzubringen.
Durch die Vorschrift der vollen Einzahlung sehen sie sich möglicherweise
 genötigt, die Vermittlung einer Bank in Anspruch zu nehmen,
der es natürlich leicht ist, die betreffende Summe im Momente zu
deponieren. Nimmt aber eine solche Bank die Gründung selbst in
die Hand, so beherrscht sie auch die Generalvyersammlung, die sie
aus Strohmännern, d. h. aus Personen zusammenberufen kann, die sie
mit den nötigen Aktien ausrüstet, und die von ihr völlig abhängig
sind. Diese Generalversammlung wählt auch das Direktorium und
den Aufsichtsrat oder das erstere durch den zweiten, wodurch die
ganze Verwaltung in der Hand der Gründerbank sich befindet,
and für die spätere solide Handhabung ist keine Sicherheit geboten.
 Um hier eine gewisse Erschwerung des nachhaltigen Ein-Äusses
 der Gründer herbeizuführen, ist mitunter verfügt, daß die
arste Wahl nur für ein Jahr Gültigkeit hat, was Beachtung verdient.
3. Um die Gründung allein behufs Börsenspekulation zu verhindern,
 ist nach dem deutschen Gesetz bestimmt, daß Aktien einer
zur Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmung erst ein Jahr
nach der Eintragung der Gesellschaft in das Handelsregister zum
Börsenhandel zugelassen werden dürfen.
4. Von der größten Wichtigkeit ist nach den gemachten Erfahrungen
die Bestimmung des Gesetzes von 1884 und des Handelsgesetzbuchs in

seeische Bank u. a. Zur Gruppe der Diskontogesellschaft (1856) gehören die Norddeutsche
 Bank (Hamburg), Allgemeine Deutsche Kreditanstalt (Leipzig), Rheinisch-Westfälische
 Diskontogesellschaft (Aachen), Barmer Bankverein u. a. Die Dresdener
Bank (1872) steht in Geschäftsverbindung mit der Rheinischen Bank (Mühlheim a, Rh.),
Mittelrheinischen Bank, 1904—1908 Interessengemeinschaft mit Schaaffhauseuschem
Bankverein (Koblenz), 1914 fand die Fusion derselben statt; der Deutschen Orientnank,
 Südamerikanischen Bank u. a.
31 Im Jahre 1918.
        <pb n="298" />
        280 —

Deutschland, daß die Vorgänge bei der Gründung, welche von ırgendwelcher
 Bedeutung für die Beurteilung des Unternehmens sind, bei
der Eintragung in das Handelsregister niedergelegt und damit der
Kenntnisnahme der Interessenten zugänglich gemacht werden
müssen, und zweitens, daß die Gründer 5 Jahre hindurch für die
Richtigkeit der gemachten Angaben sowie für Schäden haften,
welche durch die Verletzung der gesetzlichen Bestimmungen den Aktionären
 erwachsen. Hierher gehören vor allen Dingen alle Scheingeschäfte,
 und die Gerichte haben weitgehende Befugnisse für die
Auslegung des Begriffes eines Scheingeschäftes, Diese Bestimmungen
sind besonders durch die Erfahrungen der Gründerperiode Anfang
der «siebziger Jahre veranlaßt, indem die Gründer sich bei dem
Gründungsvorgange in ausgedehntem Maße Vorteile zu verschaffen
wußten, die dem Publikum unbekannt waren, welches erst später
die ihm dadurch zugefügten Schädigungen wahrnahm, als die Gründer
selbst sich der Verantwortung durch Verkauf der Aktien entzogen
hatten.
Es wurde z. B. eine Aktiengesellschaft gegründet, um in der
Nähe von Berlin ein neues Villenviertel zu errichten. Der Bauplatz
war für 100000 M. zu kaufen, die Bank ließ denselben durch einen
Strohmann für diese Summe erwerben und kaufte kurz darauf von
demselben das Land für 150000 M., welche Summe nun als erste
Ausgabe dem Unternehmen zur Last gelegt wurde und von den
Aktionären zu verzinsen war, während die Bank bereits 50000 M. daran
verdient hatte. Sie bedingte sich bei dem Gründungsvertrage außerdem
 eine Anzahl Aktien zu einem Vorzugskurse von 95 oder 90 usw.
aus, während die Aktien al pari auf den Markt gebracht wurden.
Die Kursdifferenz war ein weiterer Gründerverdienst, den die Beteiligten
 möglichst durch Reklame für das Unternehmen, durch Agiotage,
 Scheinkäufe an der Börse und dadurch künstlich herbeigeführte
Kurssteigerung zu erhöhen suchten. Gelang es ihnen dann, die
Aktien teuer zu verkaufen, so überließen sie das Unternehmen sich
selbst, und es war ihnen gleichgültig, ob es überhaupt eine produktive
 Tätigkeit übernahm oder nicht. Es ist einleuchtend, daß dieses
Vorgehen durch obige Bestimmungen wesentlich erschwert ist.
Wer vor der Haupteintragung oder in den ersten 2 Jahren nach
derselben, um Aktien in den Verkehr einzuführen, eine öffentliche
Bekanntmachung erläßt, haftet mit den Gründern und Gründergenossen
für die Richtigkeit der Angaben. Ebenso haften Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder,
 die bei ihrer Prüfung die Sorgfalt eines ordentlichen
 Geschäftsmannes verletzt haben, gleichfalls für Schädigungen,
welche die Aktionäre dadurch erfahren. Jede falsche Darstellung behufs
Reklame kann ihnen daher teuer zu stehen kommen. Betrügereien,
wie sie in den siebziger Jahren bei den Gründungen in großer Zahl
vorgekommen sind, sind jetzt nur selten zu befürchten. wenn sie auch
nicht ganz ausgeschlossen sind,
5. Neben dem Vorstande ist von dem Gesetze ein Aufsichtsrat
verlangt, welcher erhebliche Ausgaben zu prüfen und der Generalversammlung
 Bericht zu erstatten hat.
Der Aufsichtsrat muß mindestens drei Mitglieder umfassen. Er
kann erforderlichenfalls eine Generalversammlung berufen und hat
die Gesellschaft gegen die Vorstandsmitglieder zu vertreten. Die
Generalversammlung kann mit einfacher Stimmenmehrheit die Be-
        <pb n="299" />
        — 981 —

stellung von Revisoren zur Prüfung eines Vorganges bei der Gründung
 oder bei der Geschäftsführung verlangen. Bei Ablehnung der
Revision trotz starker Verdachtsgründe kann das Gericht auf Antrag
von Aktionären mit mindestens einem Zehntel des Grundkapitals eine
solche verlangen, wenn es sich um Vorgänge bei der Geschäftsführung
handelt, die nicht länger als zwei Jahre zurückliegen. Ueber die Erweiterung
 der Haftung der Aufsichtsratsmitglieder sind wohl demnächst
 weitere gesetzliche Bestimmungen zu erwarten.
6. Die Unterpariemission ist überhaupt unzulässig. Vor der vollen
Leistung des Nenn- oder höheren Emissionsbetrages dürfen nach
deutschem Rechte nur Namensaktien unter Angabe der Einzahlungssumme
 oder Interimsscheine ausgegeben werden. Die Namen der Inhaber
 von Interimsscheinen und Namensaktien sind in ein Aktienbuch
einzutragen wie ebenso jede Uebertragung derselben. In der Generalversammlung
 gewährt nach deutschem Rechte jede Aktie das Stimmrecht.
 Gestimmt wird aber nicht nach Köpfen, sondern nach Beträgen,
 so daß bei verschiedenen Aktien der höhere Betrag entsprechend
 höheres Stimmrecht gibt. Für mehrere Aktien in einer
Hand kann aber der Gesellschaftsvertrag das Stimmrecht in Abstufungen
 oder durch einen Höchstbetrag beschränken, um damit
also das Uebergewicht einzelner Personen, welche viele Aktien in
der Hand haben, abzuschwächen. Es ist wohl zu beklagen, daß das
Gesetz nicht selbst eine solche Abstufung verlangt. Allerdings liegt
stets die Gefahr vor, daß wiederum Aktien an Strohmänner verteilt
werden, um damit einen entsprechenden Einfluß auf die Abstimmung
zu gewinnen.
7. Nach Abschluß des Geschäftsjahres ist der Generalversammlung
ein ‚Jahresbericht über die Führung und den Stand des Geschäftes
zu unterbreiten. Eine Tatsache ist aber, daß diese Jahresberichte
keinen ausreichenden Einblick in die Verhältnisse der Aktiengesellschaften
 gewähren, da Verschleierungen dabei außerordentlich leicht
sind. Wiederholt sind Aktiengesellschaften zur Liquidation gezwungen
gewesen, die kurz zuvor einen sehr günstigen Jahresbericht geliefert
und eine hohe Dividende ausgezahlt hatten, weil derselbe nur rechnerisch
 festgestellt war, z. B. durch eine höhere Taxation des Inventariums,
 des Strohvorrats usw. bei dem Gute einer Zuckerfabrik,
Aufführung eines Warenbestandes, der vorhanden sein sollte, aber
nicht vorhanden war. Man wird vielmehr daran festhalten müssen,
daß es eine unbedingte Sicherung gegen Verluste bei Beteiligung
an Aktiengesellschaften nicht gibt, und diese allein in der äußersten
Vorsicht des Publikums selbst zu finden ist. Die Beteiligung an
einem Aktienunternehmen kann nur gerechtfertigt erscheinen, wo die
ganzen Verhältnisse vollständig bekannt und namentlich die Leitung
als in sicheren Händen liegend anerkannt ist; außerdem nur wenn
das eigene Vermögen zur Tragung des Risikos vollständig ausreicht.

8 74,
Kartelle,
Kleinwächter, Die Kartelle. Innsbruck 1883. .
Steinmann-Bucher, Die Nährstände und ihre zukünftige Stellung im Staat.
Berlin 1886. . nn
Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Ueber wirtschaftliche Kartelle. Leipzig
1894 und Verhandlungen 1905, Bad. 116.
        <pb n="300" />
        2892

wi Die Trusts in den Verein. Staaten. Jahrb. f, Nationalökonomie 1891,
Ders., The Trust Problem. New York 1900.
Tiefmann, Die Unternehmerverbände, ihr Wesen und ihre Bedeutung. PFreizurg
 i. B., Leipzig und Tübingen 1897,
Ders., Kartelle und Trusts. 2, Aufl. Stuttgart 1910,
Ders., Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften, 1909,
LE. Pohle, Die Kartelle der gewerblichen Unternehmer. Leipzig 1898,
Aschrott, Die Trusts. Archiv für Soziale Gesetzgebung 1897.
Baumgarten-Mestlany, Kartelle und Trusts. Berlin 1906.
Koutradiktorische Verhandlungen über deutsche Kartelle, 7 Bde. Berlin 1903/06.
Denkschrift über das Kartellwesen. Dem Reichstage vom Reichskanzler vorgelegt.
 Bd. I—III 1905/07.
J. Strieder, Studien zur Geschichte kapitalistischer Organisationsformen.
München 1914.

Ursachen der
Kartellbestrebungen.


Unter Kartellen versteht man freiwillige Vereinigungen der
Unternehmer derselben Art zur Vermeidung der gegenseitigen Konkurrenz
 und zu gemeinsamem Vorgehen behufs Beherrschung des
Marktes.
Sie sind von den Corners, auch Schwänzen genannt, und den
Ringen zu unterscheiden. Ein Corner liegt vor, wenn ein Ankauf
möglichst aller Waren einer Gattung bewirkt wird, um die Preise
zu beherrschen und daraus Gewinn zu ziehen. Unter Ring versteht
man die Vereinigung mehrerer Berufsgenossen, um einen Corner
durchzuführen,
Das Bestreben der Unternehmer, durch ein organisiertes Zusammenhalten
 sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, ist natürlich
sehr alt. Man braucht nur an die alten Zünfte zu denken, die
gerade diesem Streben in weitgehendster Weise dienten. Das ist
ersichtlich aus den Kämpfen der Zünfte mit dem Rate der Stadt,
welcher die Konsumenten vermittels Taxen gegen Ueberteuerung
durch die Zünfte zu schützen suchte, wie aus den Kämpfen mit den
Gesellenverbänden, die ihrerseits ihre Lage den Meistern gegenüber
durch scharfes Zusammenhalten zu verbessern suchten. Das ist ersichtlich
 aus der Gesetzgebung, durch welche der Staat die Macht
der geschlossenen Zünfte zu brechen für nötig hielt. So ist es begreiflich,
 daß bei der modernen Entwicklung des Großbetriebes sich
Vereinigungen herausbildeten, die nun in großartigem Maßstabe dasselbe
 Ziel zu erreichen suchten. Die modernen Unternehmerverbände
sind nicht, wie vielfach behauptet wird, ein Produkt der Schutzzölle,
sondern vielmehr des Freihandels. Der gänzliche Mangel einer
Organisation in der Produktion, eine damit verbundene extreme Konkurrenz,
 die sich als vielfach ruinös erwies, führte naturgemäß zu
dem Gedanken, statt sich gegenseitig in dem Konkurrenzkampf aufzureiben,
 sich zu gemeinsamem Handeln zu organisieren und die
Produktionsverhältnisse wie die Preise und Löhne auf Grund gemeinsamer
 Verabredung So zu gestalten, wie sie den Verhältnissen
entsprechen und wie sie eine gedeihliche Wirksamkeit für alle Teile
gestatten.
Sie sind ebenso gefördert und mitunter zu einer Notwendigkeit
geworden durch die Arbeiterbewegung und insbesondere die Strikes,
um der organisierten Arbeitermasse gleichfalls in geschlossener Weise
entgegentreten zu können und Tarifverträge abzuschließen.
Der Gedanke ist daher an und für sich ein wirtschaftlich gezunder
 und den Zeitverhältnissen entsprechender. Wie all dergleichen
        <pb n="301" />
        -. 283

Unternehmungen können aber natürlich auch diese ins Extrem ausarten
 und schließen Gefahren ein.
Sind derartige Organisationen vereinzelt auch in England schon
im 18. Jahrhundert zutage getreten, wo zuerst auf Grund wirtschaftlicher
 Freiheit der Großbetrieb erwuchs und zugleich die
Arbeiterklasse am frühesten sich zu organisieren begann, so ist doch
das moderne Kartell erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
 zu einer selbständigen wirtschaftlichen Existenz und zu
allgemeiner Bedeutung gelangt; in Deutschland Ende der siebziger
Jahre, wo die Kohlen-, Eisen-, Kali- und Papierindustrie sich
kartellierten.
Die Aufgaben, welche sich die Kartelle stellen, sind verschiedenartig,
 und schon hiernach ist die Form derselben verschieden und
wird noch mannigfaltiger gestaltet durch die wirtschaftlichen Verhältnisse
 und die Gesetzgebung der einzelnen Länder.
Die verbreitetste Aufgabe der Kartelle ist die, die Preisgestaltung
zu beeinflussen, insbesondere durch die Verabredung eines Minimalsatzes,
 unter dem die sich vereinigenden Unternehmer sich verpflichten,
Ware nicht abzugeben. Namentlich in Zeiten einer wirtschaftlichen
Depression, wo die Preise in wachsendem Rückgange begriffen sind,
ist es eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß die konkurrierenden
Etablissements sich gegenseitig zu unterbieten streben, nur um noch
Bestellungen zu erhalten und damit ihre Tätigkeit, die Verwendung
der vorhandenen Maschinen usw. fortsetzen zu können. Insbesondere
kann man beobachten, daß Unternehmer, die ihren Ruin vor Augen
sehen, nur um sich noch eine Zeitlang zu halten, sich mit Schleuderpreisen
 begnügen und dadurch auch die soliden Firmen zwingen, in
ihren Forderungen ev. unter die Herstellungskosten herabzugehen, wodurch
 auch ihre Stellung erschüttert wird. Unter solchen Verhältnissen
wird es nicht nur gerechtfertigt, sondern wirtschaftlich in hohem Maße
wünschenswert sein, daß die soliden Firmen sich vereinigen, um gemeinsam
 Minimalpreise zu verabreden, daß sie zu diesem Zwecke ein
festes Kartell bilden und jedes Mitglied unter Kautionshinterlegung
 zur Zahlung einer hohen Konventionalstrafe verpflichten, wenn
es gegen die Verabredung handelt. In der gleichen Weise haben
Eisenbahnen in England, in den Vereinigten Staaten, auch in Deutschland
 Vereine gebildet zur gemeinsamen Normierung der Frachtsätze
 usw., während als Beispiele im Bergbau die Kartelle der Westfälischen
 Kohlenbergwerke, wie der Kaliwerke zu nennen sind.
‚ „Da nun die übermäßige Erniedrigung der Preise im allgemeinen
die Folge einer Ueberproduktion ist, so liegt der zweite Schritt nahe,
Vereinigungen der Unternehmer zu bilden, um die Produktion dem Be-Jarfe
 anzupassen; und so liegen in der Tat sehr viele Beispiele vor,
wo zu dem Zwecke der Beherrschung der Produktion Kartelle gebildet
wurden, entweder nur um eine weitere Ausdehnung der Produktion zu
verhindern oder um bestimmte Schranken zu ziehen, eine allmähliche
Einschränkung derselben zu bewirken oder schließlich dieselbe auf
Grund vereinbarter Normen fortdauernd den Bedarfsverhältnissen anzupassen,
 indem je nach der Ausdehnung des Unternehmens und den
bisherigen Leistungen jedem Einzelnen das Quantum zugeteilt wird,
welches er produzieren darf, ohne eine Ueberproduktion befürchten zu
müssen. Als Beispiel dafür ist das Spirituskartell anzuführen.

Beeinflussung
der Preise

Regelung der
Produktion,
        <pb n="302" />
        — 284 —

Eine dritte Aufgabe, welche sich besondere Organisationen stellen,
oder auch die vorher betrachteten Kartelle zugleich mit als Aufgabe
übernehmen, ist die Regulierung der Löhne. Dies geschieht vor allem,
um einer Strikebewegung zuvorzukommen oder ausgebrochenen Strikes
entgegenzutreten oder auch zur Zeit schlechter Konjunkturen gemeinsam
 die Löhne herabzusetzen und durch die Organisation mit einer
größeren Macht aufzutreten, um das Gewünschte erreichen zu können.
Gehen diese Bestrebungen bereits auf eine Verminderung der
Produktionskosten hinaus, so ist durch gewisse Kartelle dieses noch in
anderer Weise erstrebt, und zwar durch Ausbildung des Großbetriebes.
Dies kann durch Vereinigung einer Anzahl Unternehmungen zur
Organisation gewisser Hilfsmittel erreicht werden, wie die Standard-Oil-Company
 zur Anlegung einer gemeinsamen Röhrenleitung, um
das Oel nicht per Bahn verfrachten zu müssen, sondern direkt von den
Quellen nach den Häfen in fortlaufendem Strome leiten zu können,
was natürlich nur durch die Vereinigung einer großen Zahl von
Quellen und großer Mengen von Oel rentabel sein konnte. Noch
weitergehend ist dann die Vereinigung einer Anzahl Fabriken zu
einem Etablissement unter Ausbildung erweiterter Arbeitsteilung, um
sich zweckmäßiger gegenseitig in die Hand zu arbeiten und sonst im
Großbetriebe Arbeit und Kapital zu ersparen. Das letztere hat in
großartigem Maßstabe der Shugartrust in der Nordamerikanischen
Union erreicht, der die Zahl der Fabriken in bedeutendem Maße verminderte,
 dagegen den Betrieb der einzelnen Raffinerien außerordentlich
vergrößerte, und dadurch die Produktionskosten in frappanter Weise
zu vermindern vermochte,
TEE Schließlich ist noch die Gewinnkartellierung zu erwähnen, die
5- allein darauf hinausgeht, eine Ausgleichung des Geschäftsergebnisses
herbeizuführen, wobei deshalb die sich beteiligenden Etablissements
sich gegenseitig eine Gewinnbeteiligung einräumen.
Während einzelne Kartelle sich nur eine der betreffenden Aufgaben
 stellen und nur einen der erwähnten Zwecke zu erreichen streben,
suchen andere mehrere dieser Ziele oder sämtliche zu erreichen, Die
Organisation muß dementsprechend eine verschiedenartige, bald nur lose,
bald feste sein, hier nur nach einer Richtung einen Zusammenschluß,
dort eine allseitige Vereinigung in sich schließen. So finden wir Nuancierungen
 von einfachen Vereinbarungen für einen bestimmten Zweck
auf kurze Zeit, nur um einem momentanen Bedürfnis abzuhelfen, wo-Jurch
 die Selbständigkeit des einzelnen Unternehmens nur in unbedeutender
 Weise und vorübergehend beschränkt ist, bis zu der völligen
Fusion, d. h. Verschmelzung der Unternehmungen und Opferung
der Selbständigkeit des Einzelnen. Das KErstere ist der Fall bei der
vertragsmäßigen Festsetzung eines Maximallohnes, eines Lohn- oder
Frachttarifs. Wo dieses nicht ausreicht, wird weiter gegangen und
für die einzelnen Fälle der Preis normiert, oder die Produkte gehen
an eine gemeinsame Zentralstelle über, welche den alleinigen Verkauf
 für alle kartellierten Etablissements‘ in der Hand hat. So errichtete
 das Kohlensyndikat des Ruhrdistrikts eine besondere Aktiengesellschzft,
 die den Verkauf für Kohlen der sämtliche Mitglieder gemeinsam
 zu bewirken hatte und Allen ihre Produkte zu vereinbartem
Preise abnehmen mußte. Noch wesentlich weiter gehen die Trusts
in den Ver. Staaten, die allerdings in der Hauptsache ihre Einrichtung
dem Bestreben verdanken, der dortigen Gesetzgebung einen Eingriff
        <pb n="303" />
        285 —

zu erschweren. Das Wesen derselben besteht darin, daß die vereinigten
Unternehmungen sich einen gemeinsamen Vorstand — trustee —
wählen, der nach den vereinbarten Richtungen die Geschäftsleitung
für alle übernimmt, was vielfach zu einer völligen Aufgabe der Selbständigkeit
 der einzelnen Unternehmungen geführt hat, so daß, wie
erwähnt, der Shugartrust eine Anzahl kleiner Raffinerien gegen entsprechende
 Entschädigung einfach zum Stillstand brachte und dafür
die Zentralanstalten vergrößerte, während die exproprlierten Unternehmer
 weiter an dem Gesamtertrage partizipierten. Unter dem Druck
der gesetzlichen Maßregeln haben die Vereinigungen in Amerika abgesehen
 von den Fusionen noch zu einer anderen Form, nämlich der Holding
Company oder Kontrollgeseilschaft geführt, die mehr und mehr die alte
Trustform ersetzt hat, während der Name beibehalten ist. Das Wesen
der Kontrollgesellschaften besteht darin, daß sie die Mehrzahl der
Aktien der konkurrierenden Unternehmungen aufkaufen und damit die
Herrschaft über dieselben gewinnen, während diese als Einzelunternehmungen
 bestehen bleiben. Sie sind schon früher vereinzelt vorgekommen,
 haben aber eine höhere Bedeutung erst seit den neunziger
Jahren gewonnen. Auch der größte und am allgemeinsten bekannte
Trust, die Standard-Oil-Company of New Jersey hat diese Form angenommen.
 Begünstigt wird diese Entwicklung dadurch, daß in Amerika
die Aktiengesellschaften. viel verbreiteter sind und die ganz großen
Unternehmungen eine höhere Bedeutung gewonnen haben als in Europa;
außerdem durch die noch zu besprechende Gesetzgebung.
Die Wirkung der Kartelle ist bald in extremer Weise als nütz- Die volkswirt
lich, bald als schädlich hingestellt. Bald sind die weitgehendsten Wirkung.
Hoffnungen daraufgebaut (Brentano), bald die größten Befürchtungen
daran geknüpft, beides scheint uns wesentlich zu weit gegangen zu
sein. Nur in den Ver. Staaten hat die Entwicklung einen bedrohlichen
Charakter angenommen. Der Bedeutung der Kartelle sind gewisse
Grenzen gezogen, die besonders in Deutschland noch als sehr enge
zu bezeichnen sind. Zur Bildung eines Kartells, das eine nachhaltige
Wirkung erzielen soll, ist vor allem nötig, daß der größte Teil der
in Betracht kommenden Unternehmungen der Vereinigung beitritt,
da sonst unmöglich ein tiefgreifender Einfluß zu erwarten ist. Tun
sich nur einige Kohlenbergwerke zusammen, so werden sie eine
Beherrschung der Preise nicht erreichen können; ob sie ihre Produktion
einschränken oder nicht, bleibt für die Gesamtheit bedeutungslos, es
kann durch die anderen Unternehmungen leicht ausgeglichen werden.
Diese Voraussetzung wird aber nur erreicht werden, wenn die Zahl
der betreffenden Etablissements verhältnismäßig klein ist, was wiederum
 nur da der Fall sein wird, wo der Großbetrieb vorherrscht.
Danach erscheinen von vornherein alle Erwartungen als übertrieben,
welche von der Kartellierung eine allgemeine Beherrschung der wirtschaftlichen
 Produktion im Marxschen Sinne befürchten und ebenso
eine allgemeine gedeihliche Regelung der Preise und Löhne unter Beseitigung
 aller störenden Kämpfe erhoffen. Solange der Klein- und
Mittelbetrieb noch immer eine höhere Bedeutung hat als der Großbetrieb,
 wie das auf dem europäischen Kontinente der Fall ist und
noch in absehbarer Zeit bleiben wird, erscheint all dergleichen ausgeschlossen.
 Dazu kommt, daß doch innerhalb der Großindustrie zu
viel Interessen individueller, wie lokaler Natur zur Geltung kommen,
um nicht auch da die Kartellierung zu erschweren und die durchge-Voraus-


 der
Kartelle.
        <pb n="304" />
        286 —

führte wiederum zu gefährden. Voraussetzung ist ferner eine gewisse
Gleichartigkeit der Größe und sonstigen Beschaffenheit der kartellierten
Unternehmungen. Ebenso ist eine Vertretbarkeit der produzierten
Objekte Vorbedingung der Vereinigung, denn nur dabei ist Massenvertrieb
 und Gleichartigkeit der Preise und somit eine stete Vorausdestimmung
 der Preise möglich. Jedes solches Vorgehen beschränkt
den Unternehmer in der Verwertung seiner Intelligenz und seiner
Kapitalkräfte, zwingt ihn, sich auch da unterzuordnen, wo es seiner
Ansicht nach im Einzelfalle nicht richtig ist, und raubt ihm Gewinne,
auf die er sonst meint rechnen zu können. Kein Wunder, wenn
deshalb gerade unternehmungslustige Männer, die nicht zur Leitung
berufen werden, den Kartellen fernbleiben und sich von bestehenden
möglichst bald wieder frei zu machen suchen. Auf der anderen Seite
armöglichen es die durch die Kartelle günstig gestalteten Verhältnisse
Außenstehenden, bei einem beginnenden Aufschwung der Konjunkturen
vesonders günstige Geschäfte zu machen, wodurch neue Etablissements
entstehen, die dem Kartell erhebliche und schließlich leicht bedrohliche
 Konkurrenz machen. Daher die Beobachtung, daß verhältnismäßig
 nur wenige Kartelle von langer Dauer sind, sondern Veränderungen
 in den Konjunkturen, wie unter den leitenden Persönlichkeiten
 ihnen verhängnisvoll werden. Viel eher sind Fusionen, d. s.
Verschmelzungen, namentlich von Aktiengesellschaften zu befürchten,
wie sie bei den Eisenbahnen in England und in Amerika so gebräuchlich
 sind, als nachhaltige Kartellierungen bedrohlicher Art.
te. Die Gewinnung einer Uebermacht wird noch dadurch erschwert,
ausgedehn- daß heutigen Tages die internationale Konkurrenz eine immer größere
rede Bedeutung gewinnt und, wenn es auch internationale Kartelle gibt,
stehen. diese doch stets nur zu den Ausnahmen gehören werden, weil natürlich
 die Interessen international bedeutend auseinandergehen und ebenso
 die Größen- und Machtverhältnisse zu verschieden sind.
Freilich ist durch das schutzzöllnerische Abschließen der einzelnen
Länder die Preisbildung innerhalb derselben bis zu einem gewissen
Grade selbständig, und hier ist es mithin den Produzenten durch
die Schutzzölle erleichtert, durch Kartelle einen erheblichen Einfluß
zu gewinnen. Damit ist aber auch zugleich der Regierung die Möglichkeit
 gegeben, durch die Zollpolitik einen gewissen, wenn auch
immerhin beschränkten Einfluß auf die Kartelle zu gewinnen.
Bei der Verschiedenartigkeit der Interessen ist auch nicht eine
so feste Organisation der Unternehmer zu befürchten, daß sie nachhaltig
 eine Unterdrückung der Arbeiter und Herabdrückung der
Löhne durchzusetzen vermöchten. Bisher wenigstens haben die Arbeiterorganisationen
 weit festeres Gefüge gezeigt als die der Unternehmer.

Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die ganze Kartellbewegung
 keine ernstlichen Gefahren in sich schließe. Schon eine zeitweilige
 Benachteiligung der Arbeiter, eine vorübergehende Ausbeutung
 des Publikums zugunsten einzelner ist von Nachteil und muß
möglichst verhütet werden. An und für sich ist eine Erhöhung der
Preise industrieller Produkte durchaus nicht als ein Unglück anzusehen;
 es kommt vielmehr darauf an, wer den Nutzen davon hat.
Wird die Preiserhöhung nur durchgeführt, um die Löhne zu erhöhen,
die Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern, so wird sie, wenn
sie nicht die gewöhnlichen Lebensbedürfnisse betrifft, sogar als ein
        <pb n="305" />
        287

wesentlicher Fortschritt anzusehen sein. Dient die Preiserhöhung
aber nur dazu, den Unternehmergewinn Weniger zu steigern, ohne
daß damit ein anderer wirtschaftlicher Vorteil, z. B. eine Erweiterung
 industrieller Unternehmungen erzielt wird, so wird sie als
nachteilig bezeichnet werden müssen. Es kann nun kaum einem
Zweifel unterliegen, daß die Kartelle in vielen Fällen diesem zweiten
Zwecke dienen, nicht aber dem ersteren, wenn es auch sehr falsch
wäre, dieses in allen Fällen oder überhaupt nur in der Regel anzunehmen,
 Mit Recht ist den Kartellen oft der Vorwurf gemacht, daß
sie dem Auslande ihre Produkte billiger verkaufen als dem Inlande,
und zwar ist dies durch Zollschutz und sogar direkt durch den Staat
vermittels Tarifermäßigungen auf den Eisenbahnen, also durch Exportprämien
 begünstigt worden. Nun gibt es Fälle, wo dies gerechtfertigt
 sein kann, z. B. in Zeiten der Krisen, wo nur auf diese Weise
ein Absatz zu erzielen war, anderenfalls Arbeiter hätten entlassen
werden müssen usw. Aber es ist auch geschehen, wo ein solcher
Anlaß nicht vorlag. Ein solches Vorgehen schließt natürlich stets
eine Begünstigung des Auslandes auf Kosten des Inlandes ein, und
um So mehr, wenn es sich um Rohmaterial (Kohlen, Eisen) oder Halbfabrikate
 wie Draht, Walzeisen, Garne usw. handelt, wodurch die
ausländische Industrie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger wird.
Das westfälische Kokssyndikat gab bei den kontradiktorischen
Verhandlungen der Kartellenquetekommission an, daß es im Jahresdurchschnitt
 die Tonne
im. Thlande an das Ausland
inkl. Fracht
1900 für 17 M. 16,12 M.
1901 „ 17, 16,86
1902 . 15. 1311 .

verkauft habe.
Der Stahlwerksverband verkaufte 1904

Blöcke im Inland die Tonne für 82,50 M.
in Antwerpen „ n „ 68,00 „
Knüppel im Inland » »n » 90,00
in Antwerpen N „ 71200

Der Drahtstiftverband setzte im Inland 22300 Tonnen mit einem
Gewinne von 1177000 M. ab, an das Ausland 19500 Tonnen mit
einem Verlust von 859000 M. (W. Morgenroth, Die Exportpolitik
der Kartelle. Leipzig 1907. S. auch H. Levy, Die Stahlindustrie der
Vereinigten Staaten. Berlin 1905.) Das ist natürlich lebhaft zu
beklagen.
Es ist aber hier ausdrücklich im Auge zu behalten, daß, wie oben
ausgeführt, die Kartelle auch Organisationen ermöglichen, welche Ermäßigung
 der Produktionskosten und sonstige wirtschaftliche Vorteile
mit sich bringen. Es wird deshalb wünschenswert sein, daß von seiten
der Staatsgewalt Maßregeln getroffen werden, welche einer einseitigen
Verwertung der Kartelle entgegenwirken.
Hierbei ist noch zu erwägen, daß die kartellierten Unternehmer
ihr Uebergewicht leicht zur Bedrückung, wo nicht Unterdrückung ihrer
Konkurrenten verwerten können, sich also nicht gegen die Konsumenten,
sondern zunächst gegen die Produzenten selbst wenden, Noch vor
nicht langer Zeit erregte es Aufsehen, wie die Standard-Oil-Company
durch willkürliche, extreme Preisherahsetzung des Petroleums die
        <pb n="306" />
        288 —

Ausbreitung
der Kartelle.

beiden bisher noch selbständigen Petroleumunternehmungen in Deutschland
 schließlich zur Unterwerfung unter ihren Willen zwang.
Ganz besonders sind solche Zwangsmaßregeln von seiten der
Kartelle auch gegen die Zwischenhändler gerichtet, welche sie um
ihre Selbständigkeit bringen und zu Agenten herabsetzen, die ihre
Produkte zu den von ihnen vorgeschriebenen Preisen und nur, wo
es ihnen gestattet ist, absetzen dürfen. Auch hierfür bietet die Oil-Company
 ein Beispiel, das 1897 im Reichstage zur Sprache kam.
Daß dadurch der Mittelstand gefährdet werden kann, ist nicht zu
bezweifeln.
Von welcher Bedeutung die Kartelle gegenwärtig sind, ist außerordentlich
 schwer zu übersehen, da eine genaue Statistik derselben
nicht existiert, und namentlich über die Größe und Bedeutung derselben
 alle Zusammenstellungen fehlen. Eine Aufnahme des Reichsamts
 des Innern i. J, 1905 ergab 385 Verbände, und zwar in der

Kohlenindustrie
Zisenindustrie
Sonst. Metallindustrien
Chemischen Industrie
Textilindustrie
Ziegelindustrie
industrie der Steine und Erden
Industrie der Nahrungs- und Genußmittel
GHasindustrie
Holzindustrie
Papierindustrie
Sonstige

19 Kartelle
83

Doch sind hier offenbar nur umfangreichere Verbände gezählt,
während außerdem noch eine große Zahl losere Verbände existiert,
die auch durchaus Kartellcharakter haben. Vielfach sind, um dem
Einfluß der erwähnten Kartelle entgegenzutreten, Verbände der Händler
 entstanden, die sich aber bei den schnell wechselnden Konjunkturen
 und Preisen, der leichter entstehenden Konkurrenz sich selten
lange zu halten vermögen. Liefmann rechnet in Deutschland über
500 Kartelle, die über 400 verschiedene Waren betreffen.
Als Gegenstände der Vereinbarung führt Liefmann folgende an:
Schienen, Röhren, Träger, Halbzeug, Draht, Drahtstifte, Drahtgeflecht,
Nadeln, Federstahl, Schrauben, Emaillierwaren, Zink, Blei, Nickel,
Kupfer, verschiedene Kupferwaren, Aluminium, Porzellan, Spiegelglas,
Tafelglas, Zement, Kaolin, verschiedene Gummiwaren, Leim, verschiedene
 Lederwaren, Samt, Kravattenstoffe, Nähseide, Schappe,
Cachenez usw., Bromsilberpostkarten, Kinomatographen usw.
In der neueren Zeit hat auch eine größere Zahl der Verbände
internationalen Charakter angenommen. Die meisten internationalen
Kartelle hat Deutschland in neuerer Zeit mit Oesterreich und Belgien
geschlossen.
In der Hauptsache sind es Betriebszweige, welche Rohmaterialien
oder doch Produkte zur weiteren Verarbeitung in anderen Industriezweigen
 liefern (Massengüter), deren Produkte also noch nicht individualisiert
 sind und daher in größeren Quantitäten gleicher Art auf
dem Markte erscheinen. Daraus ergibt sich aber auch, daß die Kartelle
 eine besondere Gefahr für andere Industriezweige in sich schließen,
denen ihr Material durch solches Vorgehen verteuert wird, und es
ist schwer zu berechnen, wie weit die Wirkung der Kartellierung
        <pb n="307" />
        — 9289 —

sich verzweigt; und die darin liegende Gefahr ist unverkennbar. Die
Bedenken sind aber naturgemäß in einem Lande mit sehr großen
Unternehmungen und Konzentrierung gewaltiger Kapitalien, wie in
den Vereinigten Staaten, weit größer, als in Deutschland mit sehr
zahlreichen kleineren Betrieben, die außerdem bisher noch keine so
feste Organisation zeigten, wie die amerikanischen Trusts, Der Eisenund
 Stahltrust (United States Steel Corporation) in Amerika disponiert
über ein Kapital von 1100 Mill. und vereinigt 26 Gesellschaften; er
beherrscht eine ganze Anzahl Eisenbahnen und besitzt dadurch eine
kaum zu überschätzende Macht. Dem hat Deutschland nichts Aehnliches
 an die Seite zu setzen. Die Enquete, welche die Reichsregierung
über die bisherige Wirksamkeit der Kartelle in Deutschland vor
einigen Jahren veranstaltete, in der im kontradiktorischen Verfahren
beide Parteien zu rückhaltloser, ausgiebiger Aussprache gelangten,
hat verhältnismäßig wenig Mißbräuche und schädigende Wirkungen
an das Tageslicht gebracht. Im großen ganzen sind die Kartelle
völlig gerechtfertigt aus den Verhandlungen hervorgegangen, so daß
bisher ein scharfes Vorgehen gegen sie nicht als notwendig angesehen
werden kann, Gleichwohl ist von seiten der Wissenschaft wie der
Staatspraxzis wiederholt erwogen, in welcher Weise man die Kartelle
einzuschränken vermag, wo und wieweit sie sich als gefährlich erwiesen
haben.
Am schärfsten ist man in dieser Beziehung in den Ver. Staaten
Amerikas vorgegangen, wo die Trustbildung auch den größten Umfang
und den tiefgreifendsten Einfluß durch ein rücksichtsloseres Vorgehen
erreicht hat als in anderen Ländern,
Man hat dort von seiten einer Anzahl Staaten ein einfaches Verbot
 eines jeden Trusts erlassen und jeden dahingehenden Versuch
mit harten Strafen belegt. Wie es drakonischer Gesetzgebung gewöhnlich
 zu gehen pflegt, und wie es gerade in den Ver. Staaten
sehr häufig der Fall ist, behielten diese Gesetze eine Bedeutung allein
auf dem Papier, erlangten aber keine im praktischen Leben, weil sie
über das richtige Maß wesentlich hinaus gingen. Sie haben nur zu
Aenderungen in der Form geführt. Auch dem bedeutsamsten Gegner
der Trusts, Präsident Roosevelt, ist es nicht gelungen, Wesentliches
 zu erreichen. Da von den Kartellen hohe Abgaben verlangt
werden, haben einzelne Staaten z. B. New Jersey die Gründung besonders
 begünstigt und bilden. Konzentrationspunkte für dieselben,
von denen aus sie ihre Tätigkeit und ihren Besitz in der ganzen
Union auszuüben vermögen.
‚ Kin sehr beachtenswerter Versuch nach dieser Richtung ist 1897
in Oesterreich durch einen Gesetzentwurf gemacht, der hauptsächlich
 in zweierlei Weise den Ausschreitungen der Kartelle entgegenzuwirken
 suchte: einmal durch den Zwang der Veröffentlichung :aller
Bestimmungen des Kartellvertrages, die der Regierung vorgelegt und
von dieser der Oeffentlichkeit übergeben werden sollten. Es unterliegt
keinem Zweifel, daß mit solcher Veröffentlichung dem Mißbrauch von
vornherein eine wesentliche Schranke gezogen wird. Das Streben,
all dergleichen Vorgänge an das Tageslicht zu ziehen, ist in hohem
Maße beachtenswert und zu unterstützen. Dem.hat sich die neuere
Literatur auch allgemein angeschlossen.
Die zweite Maßregel, welche der Entwurf enthielt, war die Bildung
 einer Kommission, zur Hälfte aus höheren Finanzbeamten, zur
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl.

19

NEN
gegen die
Kartelle.
        <pb n="308" />
        200

Ausbreitung
des Staatshetriebes.


Hälfte aus Sachverständigen bestehend, welche das Ministerium berufen
 sollte. Auf Grund der Anträge dieser Kommission sollte dann
das Ministerium alle diejenigen Maßnahmen verbieten können, die
von derselben als schädlich bezeichnet waren. Diese zweite Maßnahme
hat in der Literatur wenig Anklang, aber um so mehr Bekämpfung
erfahren; insbesondere weil man der Kommission nicht das nötige
Vertrauen entgegenzubringen vermochte, in so schwierigen Fragen
eine wirklich richtige Entscheidung zu treffen.
Der österreichische Entwurf hat eine praktische Bedeutung bisher
nicht erlangt, er war wohl noch verfrüht. Aber sicher muß die
Staatsgewalt die Vorgänge auf das schärfste beobachten und beizeiten
an Gesetzesvorschläge denken, um dem Ueberwuchern der Kartelle
entgegenzuwirken. In England sind zum Schutz der Gewerbefreiheit
alle Verträge verboten, welche die Ausübung eines Gewerbebetriebes
beschränken, was auch die Gründung der Kartelle sehr eingeschränkt hat.
In Frankreich bedroht der Code penal jede Verabredung
mehrerer, um die Preise einer Ware zum Nachteil des Publikums
zu erhöhen, mit Strafen, was aber nur ausnahmsweise gegen die
Kartelle von praktischer Wirksamkeit gewesen ist.
Ein jedes zu scharfe Vorgehen gegen -die Kartelle wird aber
naturgemäß nur die Fusion und die Kontrollgemeinschaft verallgemeinern,
 die unzweifelhaft noch größere Bedenken als die Kartellierung
in sich schließen. Die Gesetzgebung steht derselben fast machtlos
gegenüber.
Weder die von dem Reich 1903 veranstaltete große Enquäte
über die Kartelle, noch die verschiedenen Beratungen des deutschen
‚Juristentages, wo verschiedene Gesetzesvorlagen zur Diskussion gestellt
 wurden, haben zu einem festen Ergebnis geführt. Man muß
vielmehr annehmen, daß für ein bestimmtes gesetzgeberisches Eingreifen
 die Frage noch nicht reif ist.
Anders steht es mit den auch von dem österreichischen Gesetzentwurf
 angeregten Kontrollmaßregeln.
Liefmann hat in seiner oben angegebenen Schrift die Bildung
einer Kartellkommission vorgeschlagen, die aus Beteiligten, Konkurrenten,
 Konsumenten bestehen und zur Untersuchung von hervorgetretenen
 Mißbräuchen von der Regierung berufen werden soll.
Außerdem empfiehlt er ein ständiges Reichskartellamt, welches dauernd
die betr. Vorgänge zu überwachen hat, um event. ein Eingreifen der
Regierung durch Zollermäßigungen, Eisenbahntarifherabsetzungen etc.,
Monopolbildungen anzustreben.
Das wirksamste Mittel wird unzweifelhaft die Erweiterung des
Staatsbesitzes und Staatsbetriebes nach jenen Richtungen sein, in
denen umfangreiche Kartellbildungen zu befürchten sind. Aus diesem
Gesichtspunkt war der Versuch der Erwerbung der Hibernia-Werke
mit ausgedehnten Kohlengruben durch die preußische Regierung nur
mit Freuden zu begrüßen, und es steht zu hoffen, daß sie noch zur
Realisation gelangt. Aus dem gleichen Grunde ist eine Erweiterung
des Besitzes an Kaliwerken zu erstreben. In dieser Hinsicht waren
die preußischen Gesetze v. 5. Juli 1905 und 19. Juni 1906, welche
die Mutungen auf Steinkohle und Steinsalz sistierten, um die
Lager dem Staate zu reservieren, Von hoher, prinzipieller Bedeutung.
Sie fanden in dem Ges. v. 18. Juni 1907 eine tiefgreifende Ergänzung
durch die folgenden Bestimmungen:
        <pb n="309" />
        201 —

„Die Aufsuchung und Gewinnung der Steinkohle, des Steinsalzes, sowie der
Kali-, Magnesia- und Borsalze nebst den mit diesen Salzen auf der nämlichen Lagerstätte
 vorkommenden Salzen in Solquellen steht allein dem Staate zu. Ausgenommen.
 von dieser Bestimmung bleiben hinsichtlich der Steinkohle die Provinzen
Preußen, Brandenburg, Pommern und Schleswig-Holstein. Der Staat kann das Recht
zur Aufsuchung und Gewinnung des Steinsalzes, der Kali-,. Magnesia- und Borsalze
sowie der mit diesen Salzen auf der nämliehen Lagerstätte vorkommenden Salze und
Solquellen an andere Personen übertragen. Die Uebertragung soll in der Regel
gegen Entgelt und auf Zeit erfolgen.
Zur Aufsuchung und Gewinnung der Steinkohle bleiben dem Staate außer den
von ihm zur Zeit betriebenen und den sonstigen in seinem Besitze befindlichen
Feldern weitere 250 Maximalfelder ($ 27, Abs. 1, Z. 2) vorbehalten. Die Verleihung
nach Maßgabe der Vorschriften in 8 38b, Abs. 1, 3 und 4 muß binnen drei Jahren
nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Gesetzes nachgesucht und binnen weiteren
sechs Monaten ausgesprochen werden. Im übrigen soll der Staat das Recht der Aufsuchung
 der Steinkohle an andere Personen übertragen. Die Ordnung der Uebertragung
 erfolgt durch Gesetz.“
Durch Ges. von 1910 ist jeder Absatz von Kali an das Ausland durch Händler
bei hoher Geldstrafe verboten.

Selbst in den Vereinigten Staaten mehren sich die Stimmen,
welche ein solches Vorgehen verlangen, und Kansas hat nach Zeitungsberichten
 bereits den Anfang damit gemacht. Der Einfluß der Staatswerke
 wird schon ein durchgreifender sein, auch wenn sie nur einen
kleinen Teil der Gesamtproduktion in der Hand haben, da sich gewöhnlich
 Parteien gegenüberstehen und die Regierung dann leicht
eine ausschlaggebende Stimme gewinnt. Dies kann geschehen sowohl,
indem sie sich einem Kartell anschließt oder indem sie außerhalb
desselben bleibt. Die Gefahr, daß die Regierung im Kartell majorisiert
wird, ist gering, da sie noch weitere Machtmittel in der Hand hat,
besonders wo die Eisenbahnen im Besitz des Staates sind. Von
Pohle ist nun die Beteiligung fiskalischer Werke an Kartellen überhaupt
 bekämpft, um ihnen nicht eine zu große Macht zu verleihen.
Dazu scheint uns ein Grund nicht vorzuliegen. Im Gegenteil ist sie
wünschenswert, um Ausartungen entgegenzuwirken. Die staatlichen
Werke sind seit langem Mitglieder der Kartelle der Salz- und Kaliwerke
 und haben darin sehr vorteilhaft mäßigend gewirkt.

Kapitel IX.
Die volkswirtschaftlichen Krisen.

$ 75.
Historische Uebersicht.

Max Wirth, Die Geschichte der Handelskrisen. Frankfurt 1882.
Neuwirth, Die Spekulationskrisis von 1878. Leipzig 1874,
. Schäffle, Der Wiener Krach. Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft
 1874.
Wasserrab, Preise und Krisen. Stuttgart 1889.
J. Wolf, Die gegenwärtige Wirtschaftskrisis. Tübingen 1888.
Vu el d. SE I Krisen von Herkner.
odbertus, Kleine Schriften, Berlin 1890. (Di i d die Hypothekennot
 der Grundbanken 1858.) Sxlin. 1890. (Die Handelsrise und di YO
von Bergmann, Die Wirtschaftskrisen. Geschichte der nat.-ökon. Krisentheorien,
Stuttgart 1895.
. M. von Tugan-Baranowsky, Stadien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen
 in England. Jena 1901.

‚&amp;gt;
        <pb n="310" />
        2092

Der Beeriff.

Spiethof, Vorbemerkungen zu einer Theorie der Ueberproduktion. Jahrb. für
Verw. und Volksw. 1902.
Eulenburg, Dıe gegenwärt. Wirtschaftskrisis. Jahrb. £. Nat.-Oek. 1902 u. f.
Schriften des Vereins f. Sozialpolitik Ba. 106—111. Untersuchungen über die
Störungen in dem deutschen Wirtschaftslieben seit 1900.
Sombart, Versuch einer Systematik der Wirtschaftskrisen. Archiv f. Sozialpolitik,
 Bd, 19.
Bonniatian, Studien zur Theorie und Geschichte der Wirtschaftskrisen. 2 Bde.
Berlin 1908,

Ges.

Störungen im wirtschaftlichen Leben, Rückschläge gegen den
normalen Gang oder einen besonderen Aufschwung hat es naturgemäß
zu allen Zeiten gegeben. Sie waren auf tieferer Entwicklungsstufe
infolge unbedingter Abhängigkeit von der Natur sogar weit größer
als in der neueren Zeit. Man denke an die Hungersnöte im Mittelalter
 infolge von Mißernten, an die verheerenden Kriege, besonders
Bürgerkriege, welche die Verwüstung und Verarmung ganzer Landstriche
 nach sich zogen, wodurch die Kaufkraft und damit der Absatz
 an Waren aller Art für lange Zeit lahmgelegt war. Mit Recht
macht Schmoller auf das häufig rapide Wachstum der Städte und
das ebenso schnelle Sinken ihrer Bevölkerung aufmerksam, als
Zeichen des tiefgreifenden Wechsels der Konjunkturen in früheren
Jahrhunderten. Solange die Landwirtschaft die Grundlage des
Reichtums des Landes bildet und der größte Teil der Bevölkerung
von Landwirtschaft lebt, muß die KErnte die wirtschaftlichen
Konjunkturen beherrschen, und das ist bis in die neueste Zeit
außer in KEngland allgemein der Fall gewesen. Nur ganz
ausnahmsweise treten in früheren Jahrhunderten andere als die
beiden erwähnten Ursachen tiefgreifender wirtschaftlicher Stockungen
auf. Die Produktion in ein richtiges Verhältnis zum Bedarf zu setzen
und darin zu erhalten, ist aber in der neueren Zeit weit schwieriger
als früher. Der letztere verändert sich nicht nur durch die Bevölkerungszunahme,
 sondern noch mehr durch die Schwankungen der
Kaufkraft der Gesamtheit oder einzelner Klassen der Bevölkerung,
dann durch Aenderungen der Lebensgewohnheiten, der Mode. Die
Arbeit für das Ausland häuft die Eventualitäten in den Absatzverhältnissen
 unendlich. Die Produktionsverhältnisse werden dagegen
durch Erfindungen von Maschinen, neuen Arbeitsmethoden, Verbilligung
 des Transports, Entdeckung neuer Bezugsquellen für das
Rohmaterial in der Neuzeit fortdauernd verändert. Dazu tritt verschärfend
 die Spekulation, welche nicht nur die Gegenwart, sondern
auch die Zukunft ins Auge faßt und sowohl das Inland wie das
Ausland berücksichtigen muß, Diese neuen Umstände bedingen die
modernen Krisen. Man hat daher keine Veranlassung, dabei von
den wirtschaftlichen Störungen in der alten Zeit zu sprechen. Das
Wort ist nach allem neu, wenn auch das Studium der Geschichte
gezeigt hat, daß sie nicht rein modernen Charakter haben.
Unter einer Krisis oder einem kritischen Zustand versteht man
in der Medizin bei einem Patienten ein solches Stadium einer akuten
Krankheit, in dem die Gefahr ihren Höhepunkt erreicht hat und es
sich entscheidet, ob. sie einen verderblichen Verlauf nimmt oder sich
der Besserung zuwendet. Ganz so ist der Ausdruck nicht in unsere
Wissenschaft herübergenommen. Man versteht darunter allgemein
allerdings auch nur eine vorübergehende Stockung oder Krankheit
 gegenüber einer chronischen Depression. Man setzt aber voraus,
        <pb n="311" />
        993 —

daß es sich um einen Rückschlag nach besonders günstigem Aufschwung
 handelt, der auf falschen Voraussetzungen basierte oder
durch falsche Maßregeln herbeigeführt war. Niemand hat die wirtschaftliche
 Kalamität Frankreichs nach dem Kriege 1870/71 eine
Krisis genannt, wohl aber die Stockung des Verkehrs zur Zeit der
Assignatenwirtschaft und des Zusammenbruchs des Bontout-Schwindels;
nicht die Depression unserer Landwirtschaft in den achtziger und
neunziger Jahren, wohl aber die Gefährdung des Grundbesitzes in
den zwanziger und der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts, da in beiden Fällen eine Ueberspekulation in
Ausdehnung der Kulturfläche, wie in der Steigerung des Grundwertes
und der Pacht vorhergegangen war, auf welche ein Rückschlag unvermeidlich
 folgen mußte. Das Weitere wird aus der Betrachtung
der Krisen selbst hervorgehen.
Wirtschaftliche Krisen sind hiernach vorübergehende, allgemeinere
 Stockungen im volkswirtschaftlichen Leben, die als ein Rückschlag
 gegenüber besonders reger und gewinnbringender Tätigkeit
auftreten. Je nach den Ursachen und der Ausdehnung und je nach
den ergriffenen Gebieten des Wirtschaftslebens unterscheidet man
1. Börsenkrisen und sonstige Spekulationskrisen, 2. allgemeine Kreditkrisen,
 3. Handelskrisen, 4. industrielle Absatzkrisen und 5. Agrarkrisen,.
 ;
Das Wesen derselben wird am besten erkannt durch Verfolg
ihrer Geschichte und somit der verschiedenen Erscheinungen, die sich
dabei beobachten lassen.
Ein eigentümliches Beispiel einer Börsenkrisis ergab sich schon
1637 in Holland, durch welche der Beweis geliefert ist, daß ein jedes
Objekt für Spekulationszwecke verwertet werden kann, und der
Mensch außerordentlich erfinderisch ist, die verschiedenartigste Gelegenheit
 zur Spekulation zu finden, und auf der anderen Seite, daß
schon vor 2'/, Jahrhunderten ähnliche Zeiten schlimmster Spekulationswut
 vorhanden gewesen sind wie Anfang der siebziger Jahre
des letzten Jahrhunderts, und daß die Folgen damals ganz ähnliche
waren wie in der neueren Zeit, In den Niederlanden wurde. schon
im Beginne des 17. Jahrhunderts die Tulpe mit besonderer Liebhaberei
 und in großer Ausdehnung kultiviert und ein reger Handel
damit getrieben, der bald börsenmäßigen Charakter annahm. Im
Jahre 1634 gewann. derselbe eine ganz außergewöhnliche Ausdehnung,
und zwar bereits in Formen, die sich allgemeiner erst in dem modernen
Termingeschäfte entwickelt haben. Man überbot sich gegenseitig in
den Preisen, kaufte auf Lieferung, trieb künstlich die Preise in die
Höhe, zahlte dann die Differenz, ohne das Objekt selbst heranzuziehen,
 und lebte ein paar Jahre in der Hoffnung, diese künstliche
Preissteigerung, an der sich eine große Zahl von Menschen bereicherte,
 fortsetzen zu können, so daß man schließlich für eine
Spezies 2000 Gulden und mehr zahlte, während die sonstigen Wertobjekte,
 Häuser, ländliche Grundstücke zu Schleuderpreisen fortgegeben
 wurden, um die erlangten Summen für Spielzwecke verwerten
 zu können, Im Jahre 1637 trat plötzlich eine Ernüchterung
ein, Niemand wollte mehr die bisherigen Summen: zahlen, Jeder suchte
die Ware, die er in der Hand hatte, los zu werden, und die Preise
gingen auf das normale Niveau herab. Damit waren aber weitgehende
 Verluste für alle diejenigen verbunden. die zuletzt die Tulpen

Tulnenmanie.
        <pb n="312" />
        — 2904 —

john Law.

übernommen hatten, während die letzten Verkäufer außerordentliche
Gewinne erzielt hatten. Die dadurch herbeigeführten Verschiebungen
in den Besitzverhältnissen hatten eine nachhaltige Stockung im Verkehre
 zur Folge, es bildete sich infolge der Tulpenmanie eine Börsenkrisis
 schlimmster Art mit all ihren Rückschlägen auf die allgemeinen
rolkswirtschaftlichen Verhältnisse aus.
Kin zweites überaus lehrreiches Beispiel ist die Schwindelperiode
John Laws in Frankreich Anfang des 18. Jahrhunderts. Der
Schotte John Law, unzweifelhaft ein Finanzgenie, kam 1716 nach
Paris, wo der Staat und der Hof des Regenten in der größten Finanznot
 schwebten, und erbot sich, in kürzester Frist die Kalamität zu
beseitigen, wenn man ihm für seine Finanzoperationen freie Hand
durch Privilegien gewährte. Sein Vorschlag ging dahin, durch Ausgabe
 von Papiergeld und künstliche Steigerung des Wertes sonstiger
Kreditpapiere sich neue Werte zu schaffen. Er erhielt zunächst die
Genehmigung zur Errichtung einer Privatnotenbank, die sofort großen
Anklang fand und gewaltigen Umsatz erzielte, weil er zu 6%, Darlehen
 gewährte, während bis dahin 12 % gezahlt wurden... Doch dieses
solide. Vorgehen wurde bald aufgegeben und zu extremeren Mitteln
die Zuflucht genommen. Die Bank wurde in eine königliche Bank
umgewandelt und mit einer Notenausgabe von 110 Millionen Livres
betraut, denen besondere Vorzüge vor dem Silber eingeräumt wurden.
Im August 1717 gründete Law dann die sog. „Mississippigesellschaft“,
 um die Mississippiländereien, die ihm vom Staate mit vielen
Privilegien überlassen wurden, auszubeuten. Das Aktienkapital wurde
in 200000 Aktien zu 500 Livres zerlegt. Da das Publikum anfangs
die Aktien nicht nehmen wollte, so sah sich Law veranlaßt, mit
neuen Maßregeln vorzugehen: er inaugurierte ein künstliches Börsenspiel
 und sicherte den Teilnehmern eine Dividende von 12 % zu.
Durch Hinzuziehung der in Verfall geratenen ostindischen und chinesischen
 Kompagnie zur Mississippigesellschaft suchte er noch mehr
Papiere an die Börse zu bringen und bildete aus der Vereinigung
die „Compagnie des Indes“, Hierzu gab er 50 Millionen neuer Aktien
zu 500 Livres aus, auf welche die Einzahlung in Raten geschehen
konnte; und indem der Kurs sofort auf 550 angesetzt wurde, zahlte
man eine beträchtliche Prämie für den Ankauf von Aktien, zumal mit
500 Livres barem Gelde 10 Aktien gezeichnet werden konnten. Das
Recht zur Zeichnung einer neuen Aktie machte Law wieder abhängig
 von dem Besitze der alten, der Mutteraktien. Außerdem eröffnete
 Law Lieferungsgeschäfte, indem er die Wiederabnahme von
Aktien nach einiger Zeit zu einem höheren Kurse in Aussicht stellte.
Dadurch gelang es, schon im Juni die Aktien zu einem höheren Kurse
von 1000 abzusetzen.
Um die nötigen Mittel zu sichern, wurde der Notenumlauf allmählich
 auf 400 Millionen Livres erhöht, und die Kompagnie übernahm
 die Generalpacht der Steuern, wofür sie dem Staate 1500 Millionen.
 zu 3 °% zur Tilgung seiner fundierten Schulden lieh. Um allen
Anforderungen gerecht zu werden, fuhr Law mit der Ausgabe neuer
Aktien fort und ebenso mit, der weiteren Emission von Noten, die
schließlich eine Milliarde Livres betrugen und noch mit Agio bezahlt
wurden, weil man sie zum Kauf der Aktien haben mußte. Die Masse
der Aktien, die nun auf dem Markte war, ermöglichte einer immer
größeren Zahl von Menschen, sich an der Spekulation zu beteiligen,
        <pb n="313" />
        295

und nicht nur Paris war in eine wahre Spekulationswut geraten,
sondern sie hatte sich auch in die Provinzen übertragen. Schon bei
der Zeichnung der letzten 300000 Aktien zu 500 Livres wurden dieselben
 zu einem Kurse von 5000 abgesetzt, der zeitweise für die
alten Aktien auf 18000 stieg. Am Ende des Jahres 1719 glaubte
Law eine Gewinnverteilung von 40%, ankündigen zu können, was
aber bei dem enormen Kursstande im Durchschnitte wenig über 2%,
ausmachte, wodurch eine Ernüchterung unvermeidlich war. Plötzlich
begannen die Aktien im Kurse zu sinken. Um sie zu halten, wird eine
weitere Milliarde an Noten ausgegeben, die gleichfalls entwertet werden,
da sie Niemand in Zahlung nehmen will. Tag und Nacht lagern die
Menschen vor den Türen der Bank, um die Noten zu präsentieren,
so daß die Einlösung überhaupt suspendiert werden muß. Dem Zusammenbruch
 der Lawschen Bank folgte der Bankerott des
Staates und eine allgemeine Stockung im Handel und Verkehr. Die
größte Börsenkrisis war hereingebrochen, die die Welt bisher gesehen
 hatte.
Beachtenswert ist, daß die Spekulationswut von Paris aus auch
andere Länder ergriff, wie die Niederlande und England, und natürlich
mit denselben Folgen. Die englische Südseegesellschaft bot dem
Staate 5 Millionen Pf. St, für das Recht, durch Rückkauf oder durch
Austausch gegen ihre Aktien die Staatsschulden einzulösen und erlangte
 das Recht Anfang des Jahres 1720. Die ersten Aktien wurden
zu 300 %, die folgenden zu 400 und 500%, auf den Markt gebracht,
das Publikum begann aber sofort in diesen Aktien in extremstem
Maße zu ‚spekulieren, so daß sie schon im Juni auf über 1000 %,
hinaufgetrieben waren, und in ähnlicher Weise waren die Aktien der
ostindischen Kompagnie, der Bank von England und andere in die
Höhe getrieben. In wachsendem Umfange beteiligte sich das große
Publikum an dieser künstlichen Steigerung des Kurses. Aber schon
im September desselben Jahres begann der Aktienpreis zu sinken,
so daß schon Ende des Monats die Südseeaktien nur noch auf 175
standen, und damit brach auch infolge der dortigen Ueberspekulation
eine plötzliche Panik und allgemeine Zahlungsstockung, d, bh. eine
große Spekulationskrise, aus.
Eine gleiche Erschütterung des Kredites im ganzen Lande, eine
allgemeine Zahlungsstockung, ergab sich nach der französischen Revolution
 1794—96 infolge der übermäßigen Ausgabe von Assignaten,
im Jahre 1790 zuerst mit 400 Millionen, die dann allmählich ins Unglaubliche
 bis auf 45 Milliarden vermehrt wurden und natürlich weder
im Umlauf erhalten, noch jemals vollständig wieder eingelöst werden
konnten, Sobald das Publikum dies erkannte, sank das Papier im
Werte, trotzdem die Regierung selbst mit Todesstrafe gegen die Verweigerung
 der Annahme zum vollen Werte ankämpfte. 1793 waren
die Assignaten auf ein Drittel ihres Nominalwertes gesunken, Anfang
1796 unter 1%, bis sie am 19. Februar desselben Jahres außer Kurs
gesetzt wurden. Auch hier ergaben sich ähnliche Zustände, wie sie
im Beginne desselben Jahrhunderts in Frankreich beobachtet waren,
aber nicht aus einer Ueberspekulation, sondern aus einem Mißbrauch
des Münzrechtes des Staates. ,
Die erste Krise des letzten Jahrhunderts war die von 1815 in
England, indem nach Beendigung des Napoleonischen Krieges die
Fabrikation der verschiedensten Waren zur Ausbeutung der damals

Assignatenkrisie.


Das 19. Jahrhundert.
        <pb n="314" />
        296

Agrarkrise der
zwanziger
Jahre.

eingetretenen Preissteigerung weit über das richtige Maß hinausgegangen
 war, die Preise daher im Uebermaße herabgingen, was
Massenbankerotte zur Folge hatte. In ganz ähnlicher Weise trat
10 Jahre später eine neue Krisis ein, die wiederum von England
durch Ueberproduktion und namentlich massenhafte Gründungen veranlaßt
 war und sich als eine Absatzkrise herausstellte, deren Wirkung
 aber weit über England hinausging und die namentlich auch
in Nordamerika große Verheerungen anrichtete. Infolge des erheblichen
 Rückganges der Preise gingen viele der neuen Gründungen
ein, wodurch auch die Banken in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Innerhalb 6 Wochen mußten 70 englische Provinzialbanken ihre
Zahlungen einstellen, was zu einer allgemeinen Erschütterung des
Kredites führte.
Zu gleicher Zeit war in Deutschland eine durchaus anders
geartete Krise hereingebrochen, eine Agrarkrisis; von 1818—23
waren mit einer einzigen Ausnahme überreiche Ernten in Europa gewesen,
 durch welche ein gewaltiger Ueberschuß an Getreide gewonnen
 wurde, insbesondere weil nach Beendigung der Freiheitskriege,
 angeregt durch sehr hohe Preise, eine außerordentliche Krweiterung
 der Ackerfläche stattgefunden hatte, Die Getreidepreise
gingen deshalb unter die Hälfte des Durchschnitts der vorhergegangenen
 30 Jahre herunter. Die Folge davon war, daß eine übergroße
 Zahl von Grundstücken zur Subhastation kam, am meisten im
nordöstlichen Preußen. In Ostpreußen mußte die Landschaft ein
Viertel der von ihr beliehenen Güter in Sequestration nehmen und
ein Sechstel derselben zur Subhastation bringen. Im Littauischen
Departement kamen 1822 von 1600 Bauerngütern 1000 zur öffentlichen
 Versteigerung, aber auch im Königreich Sachsen sah sich
die Regierung genötigt, durch ausgedehnten Pachterlaß an die
Domänenpächter und direkte Vorschüsse die Not der Landwirte zu
lindern.
Hatten in dem letzten Beispiele reiche Ernten unmittelbar eine
Krisis herbeigeführt, so in den Jahren von 1836—39 indirekt. Große
Erträge bei leidlichen Preisen hatten Anfang der dreißiger Jahre die
Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung und dadurch den allgemeinen
Absatz wesentlich gehoben. Die dadurch herbeigeführte Preissteigerung
veranlaßte wiederum eine ausgedehnte Ueberproduktion, die von einer
Ueberspekulation begleitet war. Namentlich wurden viele Kreditinstitute
gegründet, die in England und Amerika von der Freiheit, Noten zu
emittieren, übermäßigen Gebrauch machten. 1830 gab es in Nordamerika
 329 Banken mit 61 Millionen Dollars Notenumlauf, der nur
etwa zu einem Drittel bar gedeckt war, 1835 zählte man 704 Banken
mit 104 Millionen Dollars Notenumlauf. 1837 sollen nun nicht weniger
als 600 Banken falliert haben, deren Noten natürlich gänzlich entwertet
 waren, so daß sich eine allgemeine Zahlungstockung daraus
ergab. Diese Krisis übertrug sich auch auf England, wo die Unsicherheit
 der Banken infolge der freien Notenemission klar zutage trat.
Von 1837—39 sind in den Vereinigten Staaten 33000 Bankerotte
verzeichnet, darunter von 1577 Banken. Die Verluste der heimischen
Kapitalisten wurden auf 440 Mill. D. veranschlagt,
Im Jahre 1847 kam eine neue Krisis zum Ausbruch infolge ausgedehnter
 Mißernten, sowohl an Getreide, wie auch besonders an
Kartoffeln nach Ausbruch der Kartoffelkrankheit, welche die Zahlungs-
        <pb n="315" />
        m 207 —

fähigkeit der Bevölkerung gewaltig schwächte. In den Vorjahren
hatte sich außerdem eine ausgedehnte Eisenbahnspekulation entwickelt,
welche eine übermäßige Festlegung von Kapitalien mit sich brachte
und eine Geldknappheit veranlaßte. Die Krisis ging von England
aus und verbreitete sich von dort nach Frankreich, den Niederlanden,
aber auch nach Amerika und Deutschland, wo besonders Frankfurt a. M.
heimgesucht wurde. In den folgenden 10 Jahren entwickelte sich
ein gewaltiger Aufschwung des Wirtschaftslebens, indem in dieser
Zeit die Wirkung des erweiterten Eisenbahnnetzes und der Dampfschiffahrt
 zur Geltung kam, und die Entdeckung der Goldlager in
Kalifornien große Mengen der Edelmetalle in Umlauf brachte. In
Frankreich regte der neugegründete Credit mobilier zu vielen großen
Unternehmungen an, und auch in Deutschland herrschte ein sehr
reges industrielles Leben, bis sich auch da ein Rückgang in den übermäßig
 in die Höhe getriebenen Kursen der Bank- und KEisenbahnaktien
 unerläßlich zeigte, und infolge einer Ueberproduktion die Preise
der Waren in bedeutendem Maße sanken. Zuerst mußte in Amerika
eine größere Zahl von Häusern die Zahlungen einstellen, darauf in
England, und. auch auf den europäischen Kontinent dehnte sich die
Krisis ans.
So war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fast regelmäßig
 alle 10 Jahre eine Krisis eingetreten, und auch im Jahre 1866
fehlte eine solche nicht, als durch den Zusammenbruch einer der bedeutendsten
 Citybanken in London, Overend Gurney &amp;amp; Comp., eine allgemeine
 Panik und Kreditunsicherheit entstand. Diese regelmäßige
Wiederkehr gab zu der Konjektur Veranlassung, die namentlich der
englische Nationalökonom Je yvons vertrat, daß. die Krisen.hauptsächlich
auf Mißernten beruhten, die allerdings bei vielen eine erhebliche Rolle
spielten, und die Mißernten wiederum auf die Sonnenflecken zurückzuführen
 seien, die sich mit ziemlicher Regelmäßigkeit alle 10 Jahre
in bedeutenderem Maße zu zeigen pflegen. Indessen schon das An:
geführte ergibt, daß nicht immer genau das Dezennium eingehalten
wurde, und die hauptsächlichsten Ursachen mehrfach anderer Art
waren als Ernteausfälle. Seit 1866 haben sich dann die Krisen ganz
anders gestaltet, so daß jene Annahme seitdem als endgültig beseitigt
 angesehen werden kann.
Die nächste Krisis ließ nämlich nicht 10 Jahre auf sich warten,
sondern brach bereits im Mai 1873 aus und nahm Dimensionen an,
wie sie das Jahrhundert noch nicht aufzuweisen gehabt hatte. Der
Hauptnährboden, auf dem sie sich entwickelte, war unzweifelhaft
Deutschland, wo nach der glorreichen Beendigung des Krieges
und der Konstituierung des Deutschen Reiches eine Unternehmungslust
 Platz gegriffen hatte, wie sie bis dahin noch nicht annähernd
dagewesen war. Seit 1866 hatte das Land unter einer großen Depression
 gelitten, weil man allgemein einen neuen Krieg erwartete;
sehr bedeutende Summen waren deshalb, da sie im Inlande keine Verwertung
 fanden, in das Ausland gewandert; nun glaubte man auf
einen langen Frieden rechnen zu können; überall stellte sich Mangel
an Waren aller Art heraus. Die Preise stiegen und stellten reiche
Gewinne in Aussicht. Die Löhne wurden in außerordentlicher Höhe
bewilligt, so daß die Kaufkraft auch der unteren Klassen gewaltig
stieg. Die Gelder wurden vom Ausland zurückgezogen, und infolge
der Milliardenzahlungen Frankreichs tilgten die deutschen Regierungen

[85

IRA

1R7a
        <pb n="316" />
        298 —

Statistik.

in großer Ausdehnung ihre Schulden, so daß Geld im Ueberflusse vorhanden
 war. So wirkten hohe Preise mit Geldüberfluß und Unteraehmungslust
 zusammen, um überall neue Fabrikanlagen aus der
Erde wachsen zu lassen, besonders in Form von Aktiengesellschaften,
deren Gründung gerade damals gesetzlich freigegeben war. Die
Regierung war bestrebt, möglichst schnell das Kriegsmaterial wieder
herzustellen und zu erweitern, namentlich fanden ausgedehnte Festungsund
 Eisenbahnbauten statt, wodurch die Nachfrage nach Material
und Arbeitskräften außerordentlich gesteigert wurde. Infolge des
Hinströmens der Leute in die Städte entwickelte sich eine ausgedehnte
 Bauwut, die große Summen und viele Arbeitskräfte in Anspruch
 nahm. Um all diese Unternehmungen zu unterstützen, wurden
lann noch große Bankunternehmungen, Gewerbebanken auf unsicherer
Basis, gegründet. Das Publikum nahm die massenhaften Aktien, die
auf den Markt geworfen waren, kritiklos auf und gab sich einer ex-;remen
 Spekulation und Kurssteigerung hin, die weit über das richtige
Maß hinausging. Man rechnet, daß in Deutschland von Mitte 15370
—1873 958 Aktiengesellschaften mit 3600 Mill. M. gegründet wurden.
Aber die gleichen Erscheinungen zeigten sich auch, wenn auch vielleicht
 nicht in dem gleichen Maße, in Oesterreich, England und den
Ver. Staaten von Nordamerika, wo überall die Gründung von Aktienyesellschaften
 und damit die Ausdehnung der Fabrikation in übertriebenem
 Maße vor sich ging. In Oesterreich waren in zirka
5Jahren 682 Aktiengesellschaften mit 2 */, Milliarden Gulden ins Leben
gerufen, und die Weltausstellung von 1873 hatte zu übertriebenen
Hoffnungen und zu weitgehenden Bauspekulationen Anlaß gegeben.
Anfang Mai 1873 brach plötzlich an der Wiener Börse eine allgemeine
Panik aus, die einen jähen Sturz aller Kurse: zur Folge hatte, der sich
sofort, wenn auch in abgyeschwächter Weise, auf die anderen Länder
übertrug,
Der Kursverlust wurde in Oesterreich allein auf 300 Millionen
Gulden, in Deutschland auf mehr als eine halbe Milliarde Mark veranschlagt
 und riß nicht nur sofort eine große Zahl von Börsenspekulanten
 und neuaufgetauchten Banken zu Boden, sondern auch eine
bedeutende Zahl von industriellen Aktiengesellschaften und soliden
Firmen in den verschiedensten Branchen. Denn es stellte sich sehr
bald heraus, daß durch das Zusammenwirken aller in Betracht kommenden
 Länder weit mehr Waren produziert waren, als konsumiert
werden konnten, so daß der Preis derselben mehr und mehr zurückgehen
 mußte und schließlich unter die Produktionskosten sank, so
daß die Schließung einer großen Zahl Etablissements und die Einschränkung
 der Produktion der übrigen notwendig wurde. War zur
Zeit des Aufschwunges eine allgemeine Nachfrage nach Arbeitskräften
vorhanden gewesen, die durch die Inaussichtstellung bisher nicht gekannter
 Löhne massenhaft vom Lande in die Städte gezogen wurden,
so nahm jetzt die Arbeitslosigkeit gewaltige Dimensionen an und
brachte bittere Not in weite Kreise der unteren Schichten der Be-7ölkerung.
 .
Dieser Zustand hielt nun Jahre hindurch an. So akut die Krisis
begann, so schleichend war ihr weiterer Verlauf, und erst Ende der
siebziger Jahre trat ein neuer, wenn auch nicht erheblicher, Aufschwung
 ein,
Nur Frankreich war von den in Betracht kommenden Ländern
        <pb n="317" />
        —_— 209 —

von der Krisis verschont geblieben, weil man dort noch jahrelang
beschäftigt gewesen war, die durch den Krieg verursachten Schäden
auszugleichen, und man daher noch wenig zur Spekulation geneigt
war. Es holte dieses einigermaßen nach durch die Krisis von 1882,
die mehr lokalisiert blieb, wie sie auch lokale Ursachen hatte. Wie
30 Jahre vorher die Gebrüder Pereire, so hatte 1879 Eugene
Bontout durch die Gründung eines „Credit mobilier“, der „Union
generale“, einen extremen Gründungsschwindel veranlaßt, indem ihm
zur Bekämpfung der Rothschildgruppe und des Judentums überhaupt
von den katholischen Parteien Frankreichs und auch des Auslandes
sehr bedeutende Summen zur Verfügung gestellt wurden, die er eine
Zeitlang mit hohen Dividenden honorierte, bis auch ihn 1882 das
Schicksal ereilte, und die Union generale zur Einstellung der Zahlungen
 genötigt ward. Enorme Summen gingen dabei verloren.
Wieder folgten mehrere Jahre großer Geschäftsstille, die Ende
der achtziger Jahre einer unbedeutenden Bewegung Platz machte,
worauf das Geschäftsleben Anfang der neunziger Jahre wieder der
früheren Lethargie verfiel. Nur fälschlich hat man in dieser Zeit
von einer industriellen Krisis gesprochen. Tatsächlich handelte es
sich um eine längere Depression, also nicht um einen jähen Rückschlag
 der Verhältnisse, sondern nur um einen schleichenden Gang
des ganzen Geschäftslebens.
Es wäre hier noch die neuere Agrarkrisis zu erwähnen, die aber
einen akuten Charakter nur in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre
hatte, dann aber den Charakter einer nachhaltigen Depression infolge
eines erheblichen Rückganges der Preise landwirtschaftlicher Produkte
angenommen hat. Die Ursachen sind an anderer Stelle bereits dargelegt,
 und wir fanden sie in der wachsenden Konkurrenz entlegener
Länder, die durch die Verbesserung der Kommunikationsmittel dem
Weltverkehre neu erschlossen sind, während die Landwirte die Preise
Anfang der siebziger Jahre statt als vorübergehende Ausnahme als
dauernde annahmen und daraufhin Pacht- und Grundwert im Uebermaß
 steigerten.
Im Jahre 1893 brach eine große Krisis in der amerikanischen
Union aus, welche namentlich die Eisenbahnwerte enorm mitnahm.
Fast ein Siebentel aller Eisenbahnen machten bankrott, und gegen
650 Banken stellten ihre Zahlungen ein. Es unterliegt keinem Zweifel,
daß dort die Krisen noch lange nicht ausgetobt haben. Der rücksichtslose
 Spekulationsgeist, der Verluste leicht nimmt und sehr geneigt
 ist, alles auf das Spiel zu setzen, wo große Gewinne in Aussicht
 sind, muß große Schwankungen in das Geschäftsleben bringen.
Seit dem Jahre 1898 hatten nun Handel und Industrie in der
ganzen zivilisierten Welt einen außerordentlichen Aufschwung genommen,
 der gleichfalls über das richtige Maß hinausging. Besonders
in Deutschland bewirkte er, daß eine ganz außerordentliche Geldknappheit
 entstand, die 1899 in der Erhöhung des Diskonts der Reichsbank
 auf 7°, zum scharfen Ausdruck kam. Auch die Bank von
England erreichte 6%, was seit den Kriegsjahren nicht dagewesen
war. Der Rückschlag trat bereits Ende 1900 fast auf allen Gebieten
des deutschen Erwerbslebens ein, und man ‚fürchtete eine starke
Krisis. Indessen haben nur wenige Geschäftsbranchen erheblich gelitten.
 Der Tiefstand trat Ende 1901 ein, und auch das Jahr 1902
brachte Enttäuschungen. Man berechnete 1901 den Dividendenausfall

1882,

1893.
        <pb n="318" />
        300 —

auf 36 Mill. in einem Jahre. Die Durchschnittsdividende der Montanwerke
 war:

1899/1900 18,67 Proz.
1900/1901 5,95
1901/1902 398 *

Der Kursrückgang der Elektrizitätswerke ist auf eine halbe
Milliarde zu veranschlagen. Sie zahlten:

1899 9,17 Proz.
1900 587 »
1901 446”

Die größeren Bankzusammenbrüche, die in Deutschland vorkamen,
 hatten aber mit den allgemeinen Konjunkturen nichts zu tun.
Sie waren allein auf extreme Spekulation einzelner gewissenloser
Direktoren zurückzuführen. Es hat vielmehr den Anschein, daß die
deutsche Geschäftswelt doch aus den früheren Vorgängen gelernt
hat, sich in Schranken zu halten, während die großen Banken das
Ihrige getan haben, um durch rechtzeitige Diskonterhöhung der
Spekulation entgegenzutreten und später durch reichliche und billige
Darlehn die Zahlungsstockungen überwinden -zu helfen. Im Winter
von 1901/2 sind in Deutschland auch Arbeiterentlassungen eingetreten,
 aber nicht in solcher Ausdehnung, daß sie zu einer allgemeinen
 Kalamität führten, und im Frühjahre 1902 schien die Arbeitslosigkeit
 in der Hauptsache gehoben zu sein. Sie stellte sich zum
Winter aber wieder in verstärktem Maße ein. Erst das Jahr 1904
zeigte im ganzen wieder normale Verhältnisse, in manchen Branchen
sogar einen erheblichen Aufschwung. In den Vereinigten Staaten
trat 1903 der Zusammenbruch der zu hoch gegangenen Spekulation in
verheerender Weise ein. Der Kursrückgang betrug innerhalb eines
Jahres nach dem Geschäftsbericht der Deutschen Bank 3 Milliarden
Dollar im Momente des tiefsten Standes im Spätsommer allein an
der New Yorker Börse. Doch wurde die wirtschaftliche Kraft der
Vereinigten Staaten dadurch nur vorübergehend erschüttert. Auch
dort hatten sich bereits 1905 wieder normale Verhältnisse entwickelt.
Damit ist natürlich nicht gesagt, daß nicht später noch wieder
tiefgreifendere Krisen infolge zu weit gehender Produktion und
Spekulation eintreten werden, doch erscheint die Hoffnung begründet,
daß sie bei uns seltener und weniger verheerend auftreten werden.
In den Jahren 1905 und 1906 hatten wir besonders in Deutschland
eine Hochkonjunktur seltener Art zu verzeichnen, so daß selbst im
Winter in den Großstädten die Nachfrage nach Arbeitskräften größer
war als das Angebot und der Geldmangel in dem exorbitant hohen
Diskont von 6—7 % bei der Reichsbank zur Erscheinung kam, dem
auch der Landeszinsfuß bis auf fast 4°% folgte, wie aus dem Sinken
der Kurse der Konsols ersichtlich war. In gleicher Weise stieg der
Kisenbahnverkehr auf eine bisher nicht erreichte Höhe, so daß Ende
1907 unter dem Druck einer großen amerikanischen Krisis ein bedeutender
 Rückschlag erfolgte.
Das Jahr 1908 setzte den Niedergang noch weiter fort und die
Arbeitslosigkeit nahm große Dimensionen an. Nur der Bergbau war
noch im ersten halben Jahre leidlich beschäftigt, während die Textilindustrie
 in der zweiten Hälfte eine kleine Besserung erfuhr, die
1909 sich erfreulich fortsetzte. Hatte im ganzen noch bis in den
        <pb n="319" />
        — 301 —

Sommer, zum Teil bis in den Herbst die Flauheit angehalten, so
gewannen dann das Baugewerbe und die KEisenindustrie einen erfreulichen
 Aufschwung, denen allmählich die anderen Gewerbszweige
folgten. Das wäre im Jahre 1910 auch so weiter gegangen, wenn
nicht große Streiks, namentlich im Baugewerbe, das wirtschaftliche
Leben stark gehemmt hätten, denn große Unternehmungslust bekundete
 sich in ausgedehnten Emissionen und Gründungen. Das
Jahr 1911 zeigte eine ziemlich allgemeine günstige Beschäftigung,
hauptsächlich seit Mai und Juni, und diese fand im Jahre 1912 auch
eine weitere Besserung infolge reicher Ernte in Amerika und in
Deutschland, so daß die Produktion international eine große Anregung
 fand. Die rege Geschäftstätigkeit hielt bei günstigen Preisen
auch 1913 den größten Teil des Jahres an, bis gegen Ende desselben
eine Abflanung erfolgte, hervorgerufen durch die politische Unsicherheit,
 eine weniger günstige Ernte in Amerika verbunden mit einem 1 Ya To
Sinken der Preisel wodurch der Export vermindert wurde. Kor t Tl. Tate
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Krisencharakter
sich in den letzten Dezennien in Europa wesentlich geändert hat,
Die Schwankungen im Wirtschaftsbetriebe haben sich vermindert,
treten aber dafür in kürzeren Zwischenräumen auf. Die Hochflut
der Produktion wie der Spekulation nimmt nicht mehr so übermäßige
 Dimensionen an, wie ebenso die Geschäftsstockung, die Arbeitslosigkeit,
 der Rückgang der Preise nicht so bedeutende wie
früher sind. In Amerika ist darin dagegen eine Milderung noch
nicht zu bemerken. Ebbe wie Flut währen aber dabei nicht so
lange, in der Regel nur wenige Jahre, worauf sich schon eine Gegenströmung
 geltend macht. Die Geschäftswelt weiß jetzt, daß diese
Schwankungen mit Sicherheit zu erwarten sind und richtet sich
darauf rechtzeitig ein. Die modernen Hilfsmittel des Verkehrs erleichtern
 die richtige Beurteilung der internationalen Konjunkturen
und damit die Anpassung der Produktion.

8 76.
Volkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen.

L. Pohle, Bevölkerungsbewegung, Kapitalbildung und periodische Wirtschaftskrisen.
 Göttingen 1902,
Tugan-Baranowsky, Die sozialen Wirkungen der Handelskrisen in England.
Im Archiv f. Sozialpolitik. Ba. 13.

Der von uns gegebene historische Ueberblick über die Krisen
der letzten beiden Jahrhunderte hat eine große Verschiedenartigkeit
der Ursachen wie des Verlaufes derselben gezeigt, und man wird
danach die im Eingange aufgestellten verschiedenen Kategorien zu
unterscheiden vermögen. In erster Linie sahen wir Krisen entstehen
 durch gewaltige Spekulationen an der Börse, enorme Kurssteigerung,
 der die reale Unterlage fehlte, und wobei nicht Alles
sich in reeller Weise vollzog; ein Rückschlag muß dann eintreten,
da eine Seifenblase sich dauernd nicht erhalten kann. Die Folge
davon ist überall während des Aufschwungs übermäßiger Luxus bei
den plötzlich reich gewordenen Personen, wodurch verschiedene Industriezweige
 begünstigt, eventuell neu großgezogen werden, während
sie nach einiger Zeit bei Rückgang der Kaufkraft jener Kreise in

Verschiedene
Arten
der Krisen.
        <pb n="320" />
        302

"Ursachen.

sich zusammenfallen und einem erheblichen Teile der Bevölkerung
sehr bedeutende Verluste bringen. In der Hauptsache spielt sich
der Vorgang an der Börse ab, und von ihr übertragen sich: die
Folgen auf weitere Kreise, so daß daraus sich eine allgemeinere
Kreditkrisis entwickeln kann, wenn die Kapitalsverluste sehr bedeutende
 Dimensionen angenommen haben. Solche Krediterschütterungen
 können aber auch auf andere Weise herbeigeführt werden,
wie durch Münzverschlechterung, übermäßige Papiergeldausgabe, zu
ausgedehnte Notenemissionen durch Privatbanken usw. (Schuhmacher,
 Die Ursachen der Geldkrisis, Dresden 1908, unterscheidet:
Kapital-, Geld-, Kreditkrisen.) Diesen erwähnten Krisen stehen, wie
ausgeführt, 2. die Handelskrisen gegenüber, die in Stockungen
des Warenverkehrs bestehen und daher auch Absatzkrisen genannt
 werden, weil ein Teil der produzierten Ware keine Abnehmer
zu finden vermag. Diese können von den Konsumenten ausgehen,
deren Kaufkraft durch Kriege, durch Mißernten oder sonstige wirtschaftliche
 Verluste in besonderer Weise gelitten hat, oder auch von
den Produzenten infolge einer zu ausgedehnten Produktion, welche
lien Bedarf überschritt. Hierbei ist hervorzuheben, daß der in-Jändische
 Bedarf hauptsächlich an Produktionsmitteln schwankt, wie
Kohlen, Eisen und Baumaterialien, die in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs
 in großer Ausdehnung gebraucht werden, während der Bedarf
 sich in kurzer Zeit einschränken läßt, wenn irgend eine Störung
der nur der Verdacht einer solchen eintritt, während der Verbrauch
der gewöhnlichen Unterhaltsmittel, wie Nahrung, Kleidung, noch gleichmäßig
 fortgeht. Bei dem Außenhandel kommen diese Rohmaterialien
weniger in Frage, dagegen Maschinen, Getreide, dann Produkte der
Textilindustrie, Eisenwaren aller Art, also Gebrauchsgegenstände, bei
denen hier weit größere Schwankungen im Bezuge eintreten, als bei.
.nländischen Fabrikaten.
Diese Arten von Krisen sind in den letzten 50 Jahren mehrfach
verschärft durch einen ausgedehnten Gründungsschwindel, der nur
an der Gründung von Aktiengesellschaften gewinnen wollte, damit
eine Ueberproduktion förderte und zugleich massenhaft unsichere
Papiere auf den Markt warf, wodurch wiederum die Ueberspekulation
ın der Börse gefördert und so von verschiedenen Seiten auf eiue
Krisis hingearbeitet wurde. Die Folge war dann sowohl eine Absatz-
 wie eine Börsenkrisis.
Die Ursachen dieser Erscheinungen sind damit in der Hauptz3ache
 bereits angegeben. Allgemein eigentümlich ist denselben ein
olötzlicher Rückgang der Preise und Kurse, nachdem vorher eine
ıußergewöhnliche Erhöhung derselben stattgefunden hatte. Die Urzachen
 wiederum dieser Preis- und Kursschwankungen sind, wie sich
ergab, sehr verschiedenartig. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts
 stehen sie unzweifelhaft in engem Zusammenhange mit den
Ernteverhältnissen. Die Landwirtschaft überwog mit ihrem Kinfluß
auf das ganze wirtschaftliche Leben, wenigstens auf dem europäischen
Kontinent, gegenüber Handel und Industrie. Hatte der Bauer Geld,
so hatte es die ganze Welt. Reichliche Ernten erhöhten die Kaufkraft
 der Bevölkerung, animierten Handel und Industrie, nachdem
durch die erweiterte Nachfrage die Warenpreise gestiegen waren. Dies
führte zu einer Ueberproduktion, worauf ein Rückschlag unvermeidlich
 wurde. Umgekehrt verminderten Mißernten die Kaufkraft,
        <pb n="321" />
        303 —

brachten deshalb den Absatz ins Stocken und Handel und Gewerbe
zur Krisis. Wir fanden aber auch ein Beispiel, wo gerade überreiche
 Ernten zu einer so bedeutenden Preissenkung führten, daß sie
gleichfalls zu einer allgemeinen Kalamität wurden. Bedeutsam ist
e8 nun, daß die letzte große Krisis bereits völlig unabhängig von
den Ernteverhältnissen gewesen ist, und daß in den letzten Jahren
sogar trotz der agrarischen Depression ein bis dahin kaum dagewesener
 Aufschwung von Handel und Industrie in Deutschland
eingetreten ist. Der Einfluß der agrarischen Verhältnisse hat sich
also enorm abgeschwächt, obgleich noch heutigen Tages der Ernteausfall
 für den Volkswohlstand sehr maßgebend sein kann, zumal
derselbe nicht mehr immer wie in früheren Zeiten in umgekehrtem
Verhältnis zu den. Preisen steht, vielmehr reiche Ernten mit hohen
Preisen, Mißernten mit niedrigen Preisen Hand in Hand gehen können,
Aber gleichwohl zeigt es sich, daß heutigen Tages die Volkswirtschaft
in einem höheren Maße von der Industrie beherrscht wird, daß nicht
mehr der größte Teil des Bedarfes die Nahrungsmittel betrifft, und
am wenigstens die der heimischen Landwirtschaft entnommenen Rohprodukte.
 Vielmehr besteht der größte Teil des Nationalertrages aus
den Produkten der übrigen Gewerbe, und diese müssen damit das
Wohl und Wehe der Volkswirtschaft in einem höheren Maße bestimmen
 als die Landwirtschaft.
Zwei Momente sind es nun, welche in der neueren Zeit auf
Handel und Industrie einen besonderen Einfluß ausüben können, um
Schwankungen in den Preis- und Absatzverhältnissen herbeizuführen.
Das eine Moment ist die Ausbildung der technischen Hilfsmittel infolge
 der großartigen Erfindungen der Neuzeit, welche die Leistungsfähigkeit
 fast jedes Industriezweiges in der gewaltigsten Weise gesteigert
 hat, so daß mit Hilfe der Dampfkraft, der Maschinen usw.
in kurzer Zeit in den verschiedensten Branchen mehr produziert
werden kann als Bedarf vorliegt. Dies wird durch das
zweite Moment unterstützt: die Ausbildung der Kreditwirtschaft,
welche die Konzentrierung von Kapital zur Erweiterung der Produktion
 in kurzer Zeit und in extremem Maße ermöglicht. Durch
beides kann auf den verschiedensten Industriegebieten die Produktion
in der kürzesten Frist vervielfältigt werden. Das schließt eine
wesentliche Erleichterung, in sich, das umlaufende Kapital in stehendes
umzuwandeln. Darin liegt zugleich die Möglichkeit, mehr Waren zu
liefern, als abzusetzen sind, d. h. eine Ueberproduktion zu erzielen,
die notwendig einen erheblichen Preisrückgang zur Folge haben muß.
Da nun zugleich die wirtschaftliche Kulturwelt, die in der gleichen
Weise zu produzieren vermag, sich in der neueren Zeit gewaltig erweitert
 hat, so ist damit die Gefahr der Ueberproduktion in be-Jeutendem
 Maße verschärft, während auf der anderen Seite die Nachfrage
 nach Industrieprodukten naturgemäß weit größeren Schwankungen
 unterworfen ist, als die nach landwirtschaftlichen Produkten.
Dazu kommt ferner, daß bei der bedeutenden Ausbildung der Arbeitsteilung
 und damit der Spezialisierung der Arbeit in den einzeinen
 Etablissements, welche deren ganze Einrichtung nur für die
Herstellung ganz bestimmter Waren geeignet macht, der Uebergang
zu einer anderen Tätigkeit außerordentlich erschwert ist. Der Handweber
 kann ev. von der Baumwolle zur Wolle übergehen und die
verschiedensten Arten von Zeugen herstellen, während die heutigen

Irsachen der
Preisschwankungen.


Ueber-)roduktion.
        <pb n="322" />
        304 —

Sozialistische
Erklärung
der Krisen.

Maschinen nicht nur für jede Art des Rohmaterials, das sie verarbeiten,
 sehr verschieden hergestellt, sondern auch nur für ganz
bestimmte Arten von Zeugen und Mustern brauchbar sind, so daß
sie zum Stillstand gebracht werden, wenn die Nachfrage gerade
nach ihren Produkten nachläßt. Dazu kommt, daß häufig durch neue
Erfindungen die Herstellungskosten und damit die Preise der Produkte
 verschoben werden, wodurch wiederum die Nachfrage erhebliche
 Veränderungen erleidet. Es treten die so außerordentlich häufigen
and durchgreifenden Veränderungen in den Geschmacksrichtungen
hinzu, welche den einen Industriezweig lahm legen, um einen anderen
zu fördern, wodurch bald die eine Gegend, ja ein ganzes Land besonders
 benachteiligt, ein anderes bevorzugt wird.
Aus allem ergibt sich die große Schwierigkeit, ein richtiges Verhältnis
 zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen und damit die
yroßen Verschiebungen zu vermeiden, welche Krisen herbeiführen.
Die Ursachen können sowohl in Veränderungen der Produktions- wie der
Absatzverhältnisse liegen. Es ist begreiflich, daß auf eine bedeutende
Nachfrage und Preissteigerung infolge einer Ueberproduktion ein
Preissturz folgt und damit eine Krisis eintritt. Die verbesserten
Kommunikationsmittel, sowohl im Transport wie im Nachrichtenaustausch,
 sind bisher nicht imstande gewesen, die nötige Ausgleichung
herbeizuführen und damit die Krisen zu vermeiden, wohl aber den
akuten Charakter zu mildern,
Um einen Anhalt zur Beurteilung der Mittel zu gewinnen, durch
die man den Krisen entgegenzuarbeiten und ihre Folgen abzuschwächen
vermag, wird es nötig sein, die Lheoretische Seite noch etwas näher
zu erörtern,
Gegenüber den Anschauungen, wie sie in dem Vorhergehenden
zusammengefaßt sind, daß die Krisen hauptsächlich zurückzuführen
sind auf den Großbetrieb mit Hilfe der Maschinen und den Mangel
an Ordnung, die nötig wäre, um die Produktion dem Bedarfe anzupassen,
 wie es schon von Ricardo, John Stuart Mill und Anderen
vertreten wurde, steht die sogenannte sozialistische Theorie, die zuerst
von Robert Owen in den Grundzügen formuliert, dann insbesondere
7zon Rodbertus-Jagetzow vertreten, in etwas anderer Weise
schon in dem kommunistischen Manifest von Marx und Engels
des näheren ausgeführt wurde. Die Grundanschauung geht bei
i(etzteren dahin, daß eine Ueberproduktion an sich ein Unding sei, da
es stets Menschen gäbe, die bereit wären, jene Massen von Gütern
zu verwerten, die unter den jetzigen Verhältnissen einen Absatz nicht
zu finden vermögen; wie Leroy-Beaulieu sich gelegentlich ausdrückte:
 eine wirkliche Ueberproduktion sei nur an Wiegen und
Särgen möglich, die allerdings einem bestimmten Bedürfnis nach der
Zahl der Geburten und Sterbefälle gegenüberstehen.
Unzweifelhaft ist es richtig, daß die Unverkäuflichkeit
meist nicht zurückzuführen ist auf die hauswirtschaftliche Unverwertbarkeit
 der Gegenstände, sondern auf die zu geringe Kaufkraft der
Bevölkerung, und das ist eine Kigentümlichkeit der ganzen modernen
Volkswirtschaft, daß eben überall die Kaufkraft entscheidend ist,
nicht aber das Bedürfnis. Rodbertus und Andere, z. B. auch
Proudhon, gehen nun davon aus, daß die geringe Kaufkraft nur
auf die ungenügenden Löhne zurückzuführen sei. welche die arbeitende
        <pb n="323" />
        305

Bevölkerung erhält. Mit Hilfe der Arbeiter, sagen sie, werden Waren
in einem höheren Werte erzeugt, als der Lohn ist, den die Arbeiter,
welche die Waren hergestellt haben, erhalten. Die Kaufkraft der
Arbeiter wird durch ihren Lohn repräsentiert, sie können daher nur
einen Teil der von ihnen erzeugten Ware kaufen. Der Kapitalist
und der Unternehmer, welche die Arbeiter beschäftigen und die
Differenz zwischen dem Lohn und dem Werte des Arbeitsproduktes
für sich in Anspruch nehmen, repräsentieren nach der Meinung Vieler
überhaupt nur eine unbedeutende Konsumtionskraft, die kaum in
Frage kommt, oder doch nur eine solche, die bei weitem nicht imstande
 ist, die geschaffenen Werte zu absorbieren. Daher sieht sich
der Kapitalist genötigt (Flürscheim), einen erheblichen Teil des
gewonnenen Wertes fortdauernd zu kapitalisieren und wiederum zur
Produktion zu verwenden, wodurch die Ueberproduktion noch immer
mehr verschärft wird.
Es ist nun ohne weiteres zuzugestehen, daß es kein besseres
Mittel gibt, jede Ueberproduktion zu vermindern, als die Steigerung
der Kaufkraft der Bevölkerung, aber nicht nur der einfachen Arbeiterbevölkerung,
 sondern der verschiedenen Klassen des Volkes. Nicht
genügend berücksichtigt wird aber, daß auch der Kapitalist durch
seine Ersparnisse eine erweiterte Nachfrage nach den mannigfaltigsten
Produkten herbeiführt, wenn er neue Fabrikunternehmungen unterstützt,
 Gelder für neue Kommunikationswege beiträgt und derg]l. mehr.
Denn nicht nur die Konsumtion, auch die Produktion absorbiert
Güter aller Art. Wenn aber diese Neuanlage nur zu einer weiteren
Ueberproduktion führen würde, so müßte dieselbe in Permanenz geschehen,
was durchaus nicht der Fall ist. Sie tritt vielmehr nur zeitweise
ein, als Uebergang. Man kann auch nicht sagen, daß eine fortdauernde
Steigerung der Ueberproduktion zu beobachten ist, vielmehr tritt
eine Krise doch nur infolge von Ueberspekulation und Ueberschreitung
des gewöhnlichen Maßes ein, nicht schon bei regulärer Produktion,
wo natürlich auch Schwankungen in den Konijunkturen eintreten,
aber ohne akuten Charakter.
Auf die Einseitigkeit der sozialistischen Auffassung hat schon
Lexis in Schönbergs Handbuch aufmerksam gemacht, denn eine
Lohnerhöhung, durch welche die Kaufkraft des Arbeiters gesteigert
wird, erweitert nicht die Nachfrage nach allen Produkten gleichmäßig,
 vielmehr nur einseitig nach bestimmten Bedarfsartikeln gerade
des Arbeiters; und auch bei diesen durchaus nicht bei allen Artikeln.
Die Nachfrage nach Kartoffeln wird sich vermindern, dagegen nach
Fleisch vermehren, ebenso nach groben Zeugen weniger zunehmen
als nach feineren. Hat in der Seidenindustrie eine zu starke Produktion
stattgefunden, so wird sie auch der besser situierte Arbeiter nicht
mindern. Sind mehr Schienen gemacht, ist überhaupt mehr Eisen
aus den Hochöfen hervorgegangen, als momentan verwendet werden
kann, und das kann außerordentlich leicht geschehen, so bietet auch
die allgemeinste Lohnerhöhung dagegen keine Abhilfe, also auch
dann nicht, wenn, wie bei Proudhon, jeder tätige Mensch unter
die Arbeiterklasse gerechnet wird. Der gesunde Kern, der in jener
Anschauung liegt, ist durch die Verschiebung ins Extrem zu einem
krankhaften Zerrbild geworden.
Alle Maßregeln, welche einer Ueberspekulation entgegenwirken,
°oine Gründung und Erweiterung von Aktiengesellschaften allein zu
Konrad. Grundriß der nolit. Oekonomie. I. Teil 8 Aufi. 20

Maßregeln
vegen Krisen
        <pb n="324" />
        306 —

Folgen der
Krisen.

Spekulationszwecken verhindern, werden in angemessener Weise die
Krisen einschränken. Jede Einrichtung, welche über die Veränderungen
 der Produktions- und Bedarfsverhältnisse orientiert, z. B. genaue
 Berichte der Konsulate, wie sie in England und den Vereinigten
Staaten geliefert werden, aber leider viel zu wenig in Deutschland,
werden dazu beitragen, Ueberproduktionen zu verhindern. Unzweifelhaft
 werden gutgeleitete Kartelle Krisen zu mildern vermögen, indem
sie rechtzeitig auf eine Einschränkung der Produktion hinwirken, sobald
 sich Anzeichen einer Ueberproduktion bemerkbar machen. Wie
schon früher ($ 62) ausgeführt, ist es eine Hauptaufgabe der großen
Zentralbanken, durch Erhöhung des Diskonts einer zu weitgehenden
Spekulation entgegenzuwirken. Staat und Gemeinde können viel zur
Ausgleichung der Tätigkeit beitragen und damit der Arbeitslosigkeit
entgegenwirken, wenn sie Bauten, neue Anlagen usw. soweit tunlich
auf die Zeiten der Geschäftsstille verlegen und während wiıtschaftlichen
 Aufschwungs einstellen. Doch ist dieser Einfluß von der Ausjehnung
 des Staatsbesitzes und Kommunalbetriebes abhängig und
naturgemäß eng begrenzt. Besonders wichtig ist es, die Fulgen der
Krisen in höherem Maße von der Arbeiterklasse abzulenken, denn es
oleibt eine übermäßige Härte und Ungerechtigkeit, daß der Fabrikant,
der aus den hohen Preisen mit Hilfe einer großen Zahl von ihm aus
anderen Tätigkeiten herangezogener Arbeiter Gewinn bezogen hat,
sich durch Einschränkung seiner Tätigkeit und entsprecheude Entljassung
 von Arbeitern, die damit der Not preisgegeben werden,
vor Verlusten schützt. Doch ist dieses bei Betrachtung der Arbeiterfrage
 des näheren zu erörtern, aber nicht an dieser Stelle.
Die volkswirtschaftliche Wirkung der Krisen ist von vielen Seiten
sehr überschätzt, von anderer Seite unterschätzt. Max Wirth vergleicht
 sie mit dem Gewitter, das wohl auch das Getreide durch
scharfen Regen niederschlägt und Bäume umwirft, dabei aber im ganzen
befruchtend wirkt und weit mehr Nutzen als Schaden anrichtet. Dies
ist unzweifelhaft zu optimistisch geurteilt, wenn es auch als ein Segen
anzusehen ist, wenn eine Spekulationsphase schließlich durch den doch
anvermeidlichen Rückschlag zum Stillstande gebracht wird. Die Verluste
 durch plötzlichen Kursrückgang, Zahlungsstockungen und Bankerotte,
 Stillstand von Fabriken, Entlassung von Arbeitern sind doch
zu große und von zu nachhaltiger Wirkung, als daß sie so harmlos
aufyefaßt werden dürften. Namentlich ist die Not, die dadurch in
der Arbeiterklasse herbeigeführt wird, eine sehr harte und erfordert
umfassende Hilfe, Auf der anderen Seite ist es entschieden zu weit
gegangen, die Verluste eines Landes nach dem Kursrückgange bemessen
 zu wollen, denn die Bedeutung z. B. der Aktiengesellschaft
für den Volkswohlstand ist nicht nach dem Nominalwert der Aktien
zu berechnen, sondern nach dem Reinertrage und der nachhaltigen
Produktionskraft der Unternehmungen. Wer die Aktien einer gut
zituierten Gesellschaft vor dem Eintritt der Spekulationssteigerung
kaufte und sie bis nach der Krisis in der Hand behielt, hat weder
durch die Haussebewegung einen nachhaltigen Vorteil, noch durch
den Sturz des Kurses Verluste gehabt. Er befand sich eine Zeitlang
in der Illusion, einen Vermögenszuwachs gewonnen zu haben, der
sich nachher als nicht real herausstellte. Haben dazwischen dagegen
Umsätze der Aktien stattgefunden, so hat allerdings derjenige auf
Kosten des Känfers einen Gewinn erzielt. der im Momente der Kurs-
        <pb n="325" />
        - 307 —

steigerung das Papier verkauft hat, und der Käufer dagegen einen
erheblichen Verlust, der sie teuer kaufte und nachher zu einem niedrigen
Kurse wieder abgeben mußte. Die Vermögensverschiebung kann dabei
 sehr wohl den letzteren zur Aufgabe seines Geschäftes zwingen
und dadurch der Gesamtheit einen größeren Schaden zufügen, als durch
den Nutzen des anderen Teiles die Gesamtheit gewonnen hat. Eine
Ausgleichung findet jedoch in großer Ausdehnung statt und mildert
somit den Gesamtschaden. Derselbe bleibt nach allem aber immerhin
ein außerordentlich großer. Je mehr man die modernen Kommunikationsmittel
 zu verwerten lernt, je mehr die sittliche Reife in der
Geschäftswelt zunimmt, und das ruhige, gleichmäßige Arbeiten auf
einen mäßigen Gewinn die Sucht, möglichst schnell reich zu werden,
zurückdrängt, um so mehr werden sich auch explosionsmäßige Störungen
in der Volkswirtschaft vermindern. Die geringen Extravaganzen der
letzten beiden, sehr bedeutenden Haussebewegungen in Deutschland
und die verhältnismäßig geringen Verluste der der ersteren folgenden
Rückbewegung lassen auf einen gedeihlichen Fortschritt in dieser
Hinsicht hoffen.

erben.
AN
S Ufo A
"Yin ;
2% £
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5

#} dr
        <pb n="326" />
        Abschnitt II
Die Verteilung des Ertrages der Volkswirtschaft,

&amp;amp; 77.
Das Einkommen und seine Verteilung.

Artrae

Einkommen.

H. v. Treitschke, Der Sozialismus und seine Gönner. Preuß. Jahrb. 1875.
&amp;amp;, Schmoller, Ueber einige Grundfragen des Rechts und der Volkswirtschaft.
Jahrb. f. Nat,-Oek. 1875 u. 76.
Ders., Lehre vom Einkommen. Zeitschr. f. d. ges. Staatsw., Bd. XIX.
Weiß, Das Einkommen. Zeitschr. f. d. ges, Staatsw. 1877.
Guth, Lehre vom Einkommen. 1878,
Robert Meyer, Das Wesen des Einkommens. Berlin 1887.
Fr, Jul. Neumann, Grundlage der Volkswirtschaftslehre. Tübingen 1889,
Kleinwächter, Das Einkommen und seine Verteilung. Leipzig 1896.
H. Losch, Volksvermögen, Volkseinkommen and ihre Verteilung. Leipzig 1886.
W. Böhmert, Die Verteilung des Einkommens in Preußen und Sachsen.
Dresden 1898,
William Smart, Distribution of Income. London 1899.
Nachdem wir bisher die volkswirtschaftliche Produktion nach
allen Richtungen hin erörtert haben, also die Beschaffung der Güter,
welche zur Befriedigung der Bedürfnisse des Volkes erforderlich sind,
haben wir nun die Verteilung der Güter zu berücksichtigen und
die Benutzung des Geschaffenen näher in das Auge zu fassen.
Die Werte, die aus der wirtschaftlichen Tätigkeit eines Einzelnen
 Oder eines ganzen Volkes hervorgehen, nennen wir den Ertrag
derselben. Die Gesamtsumme der erzielten Werte ist der Rohertrag,
 ihm steht der Reinertrag gegenüber, der sich nach Abzug
der Herstellungskosten von dem ersteren ergibt, der also als Ueberschuß
 über den Produktionsaufwand, als reiner Gewinn, produit-net,
wie ihn die Physiokraten nannten, der Wirtschaft, anzusehen ist.
Der Reinertrag der gesamten volkswirtschaftlichen Tätigkeit
geht nun in die Hände der wirtschaftenden Persönlichkeiten über
and verteilt sich so in den Händen der in Betracht kommenden Bevölkerung.
 Die Summe von ‚Werten, welche im Laufe einer gewissen
Zeit, gewöhnlich geht man hierbei von einem Jahre aus, in den Besitz
einer physischen oder juristischen Person als Reinertrag ihrer Wirtschaft
 übergeht, also verbraucht werden kann, ohne die Vermögenslage
 zu verschlechtern, nennen wir das Einkommen der betreffenden
Persönlichkeit. Der Nachdruck ist dabei darauf zu legen, daß die
das Einkommen ausmachenden Einnahmen als Reingewinn auzusehen
sind, also einen Zuschuß zu dem bisherigen Vermögensstamme bilden.
        <pb n="327" />
        309 —

und daß sie aus der Wirtschaft der betreffenden Persönlichkeit herrühren,
 so daß also im allgemeinen eine gewisse Nachhaltigkeit derselben
 angenommen werden kann. Einnahmen, welche durchlaufende
Posten ausmachen, d. h. die zur Erhaltung der Wirtschaft wieder
verausgabt werden müssen, gehören nicht zum Einkommen, und ebensowenig
 diejenigen Einnahmen, welche nicht im Zusammenhang mit
der Wirtschaft stehen, wie Erbschaften, Geschenke, Lotteriegewinne. usw.
Hiernach erkennen wir nur das sog. Reineinkommen an und
sehen in dem Ausdrucke Roheinkommen einen uneigentlichen Begriff,
der nur zur Verwirrung beiträgt. Das Einkommen einer Person kann
sich nun zusammensetzen aus den Reinerträgen einer größeren Zahl
einzelner Wirtschaften und verschiedenartiger Vermögensanlagen.
Es kann Jemand Einkommen beziehen aus einem selbstbewirtschafteten
 oder verpachteten Gute, außerdem aus einer Beteiligung an
einer Aktiengesellschaft, aus einer Hypothek, also aus der Wirtschaft
anderer Personen. Alle diese Summen zusammen aber gehören zur
Hauswirtschaft einer und derselben Person und bilden ihr Einkommen.
Dasselbe ist in der Hauptsache Konsumtionsfond für die betreffende
Persönlichkeit, bestimmt, zum Unterhalte derselben wie der Familie usw.
zu dienen, gleichviel, ob der ganze Fond für diesen Zweck
aufgebraucht wird, oder ob ein Teil davon kapitalisiert, also zur Verzrößerung
 des Vermögens verwendet wird.
Wie man von dem Reinertrage der Volkswirtschaft sprechen
kann, so auch natürlich von dem Einkommen eines Volkes. Beides
nehmen wir mit einer noch zu erwähnenden Ausnahme als zusammenfallend
 an. Der erstere ist die Summe der Erträge aller volkswirtschaftlichen
 Tätigkeiten, das andere die Summe der Einkommen aller
einzelnen Persönlichkeiten, welche aus jenen Reinerträgen bezogen
werden und nur aus ihnen bezogen werden können. Hiernach ist
kein Unterschied gemacht, wer der eigentlich Produzierende ist. Als
Ergebnis der Wirtschaft ist hierbei auch das angesehen, was von
Anderen produziert ist, aber als Einkommen von der betreffenden
Person bezogen ist, z. B. in der Form von Zinsen, Dividenden usw.
Es wird hier also die Hauswirtschaft als die abgegrenzte Wirtschaft
einer Person angesehen. Daher ist natürlich auch bei dem Volkseinkommen
 mit einbegriffen, was ev. aus dem Auslande bezogen wird,
während nicht in Betracht kommt, was von dem inländischen Reinertrage
 an das Ausland abgegeben werden muß. Wir haben hier
die Summe aller Hauswirtschaften im Auge, die nicht zusammenfällt
 mit der Summe der einzelnen Produktionswirtschaften.
Der Ertrag eines großen Unternehmens, z. B. einer großen
Maschinenbauanstalt, liefert einer sehr großen Zahl von Personen
ihr Einkommen, Alle Arbeiter, Beamten, wie der Unternehmer selbst
beziehen es daraus; die Ersteren aber aus dem Rohertrage, der Letztere
 dagegen den Reinertrag. Jeder Arbeiter hat seine eigene Hausand
 Finanzwirtschaft, wie jeder Beamte und der Unternehmer, sie
ist ein für sich abgeschlossenes Ganzes; sie gewinnt Einkommen, verbraucht
 es und erzielt ev. eigene Ueberschüsse, Das Einkommen
sämtlicher Personen ist, wie gesagt, dem Ertrage der Anstalt entnommen,
lie einzelne Summe hat vom Standpunkte des Unternehmers eine andere
 Stellung als von dem des Arbeiters und beansprucht eine andere
Bezeichnung. Gleichwohl läßt sich Alles in der erwähnten Weise
anter den Begriff Einkommen subsumieren.
        <pb n="328" />
        310 —

EEE es Bedeutsam ist nun die Frage, welche Verteilung des Einkommens
für das einzelne Land, wie für die gesamte Kulturentwicklung am
zweckmäßigsten ist. Darauf ist zunächst negativ zu antworten: eine
gleiche Verteilung des Besitzes und Einkommens ist ebenso schädlich
 wie eine zu große Verschiedenheit derselben, wobei wenige
außerordentlich reiche Leute der großen Masse des Proletariats gegenüberstehen;
 und die Konsequenz hieraus ist, positiv gefaßt, daß unter
Vermeidung der Extreme ein breiter Mittelstand, der ein behäbiges
Dasein zu führen vermag, aber noch unter dem Druck Jebt, durch
Arbeit für seinen Unterhalt und sein Fortkommen sorgen zu müssen,
und zugleich die Mittel besitzt, sich eine bessere Bildung verschaffen
and seine Arbeitskraft durch Kapital unterstützen zu können, als die
Hauptgrundlage für die Förderung der wirtschaftlichen wie geistigen
Kultur das zu Erstrebende ist,
Jeder Kulturfortschritt wird nach den Ergebnissen der Geschichte
and der Beobachtung der Gegenwart stets durch Einzelne, die der
Gesamtheit vorauseilen, angebahnt, und nur langsam können allmählich
 die Massen nachgezogen werden. Solange die Gesamtheit auf
der gleichen Stufe steht, es an hervorragenden Individuen fehlt, bleibt
ein Land in Stagnation, weil das gleiche Fortschreiten eines ganzen
Volkes in der Kultur ebenso erschwert ist, wie der gleichmäßige
Vormarsch der breiten Front eines Heeres durch einen Urwald,
während, sobald ein schmaler Weg durchgeforstet ist, unter Vortritt
Einzelner in schmaler Reihe die Gesamtheit leicht nachrücken, das
ganze Heer schnell vorwärts kommen kann. Will man der Gesamtheit
 die gleiche Bildung verschaffen, jedem Einzelnen die gleichen
Mittel zur Verfügung stellen, so gehören Jahrhunderte dazu, um den
wirtschaftlichen Wohlstand zu erlangen und den Fortschritt zu ermöglichen,
 den man heutigen Tages bei der Auswahl Einzelner zu
höherer Bildung und besserer Ausrüstung mit Kapital in wenigen
Jahren erreicht. Die Differenzierung der Bevölkerung durch die Ungleichheit
 des Besitzes, daher der Bildung und Leistungsfähigkeit,
ist die Vorbedingung eines angemessenen Kulturfortschrittes.
Auf der anderen Seite wird eine zu große Ungleichheit und
damit Konzentrierung des Besitzes und Einkommens kulturschädlich
wirken, und zwar um so mehr, je größer der Gegensatz ist, und je mehr
die große Masse zur Dürftigkeit verdammt ist, die darbend und aus
der Hand in den Mund lebend nicht die Mittel besitzt, um ihre
Kräfte zu höherer. Leistung auszubilden, und durch die Sorge um
den täglichen Unterhalt von jedem höheren Streben zurückgehalten
wird, während ein sehr großes Einkommen naturgemäß den Erwerbstrieb
 unterdrückt und überhaupt leicht eine Erschlaffung der Energie
zur Folge hat. Zugleich entwickelt sich das Streben, die großen
Summen möglichst zu genießen und infolgedessen einen extremen
Luxus auszubilden, indem der Versuch gemacht wird, durch Vergrößerung
 der Ausgaben für wertvolle Befriedigungsmittel den Genuß
zu potenzieren. Solcher Luxus muß natürlich entsprechend die Verwendung
 von Mitteln nach anderer Richtung vermindern und wird
auf Kosten der übrigen Bevölkerung geführt.
Wir kommen damit zugleich auf die Wichtige Frage, welche
Ausgaben, resp. welche Lebensansprüche berechtigt sind. welche dayegen
 nicht.
Gerechtfertigt werden die Bedürfnisse sein, deren Befriedigung

Yachteile einer
gleichen
Verteilung.

Schädlichkeit
ler Konzentration
 des Beqityas
        <pb n="329" />
        — 3811 —

notwendig ist, um das Leben und die Arbeitskraft zu erhalten und
zu fördern, außerdem diejenigen, welche eine höhere geistige Kultur
bedingen, also in ethischer Hinsicht läuternd, hebend, veredelnd auf
den Menschen zu wirken, vermögen, wie das vor allem von Kunst
and Wissenschaft zu sagen ist. Darüber hinaus werden die Lebensansprüche
 allmählich immer schädlicheren Charakter annehmen, indem
sie Arbeit und Kapital absorbieren, ohne einen entsprechenden Nutzen
zu gewähren. In dem einzelnen Falle aber wird es meistens schwer
sein, zu unterscheiden, wo die Grenzlinie liegt, die Nützlichkeit aufhört,
 die Schädlichkeit beginnt. Dies wird am klarsten ersichtlich
sein, wenn man von dem äußersten Extreme beginnt und allmählich
sich der Mittellinie nähert.
Wir können hier absehen von einem Aufwand, dessen Schädlichkeit
 ohne weiteres einleuchtet, der nur zerstörend wirkt, wie in
jenem Falle, wo Kleopatra dem Antonius eine in Pulver zerriebene
kostbare Perle zur Würze des Mahles vorsetzte, nur um den Kostenaufwand
 zu erhöhen, oder wie bei übermäßigem Genuß alkoholischer
Getränke usw, Hierher gehören auch an sich gutgemeinte Bestimmungen
 einzelner Fürsten, die polizeilich einen Aufwand förderten,
um den Verbrauch von Produkten zu steigern und damit mehr Areitsgelegenheit
 zu schaffen. Wenn Karl I. von England eine Verardnung
 erließ, daß alle Leichen in Wollenstoffe gekleidet begraben
werden sollten, um den Verbrauch derselben zu fördern und damit
der Wollenindustrie erweiterte Arbeit zuzuwenden, so liegt das Verkehrte
 klar zutage, denn der erweiterte Verbrauch kam Niemandem
zugute, der Mehraufwand von Arbeit war nur vergeudet. Als man
im Jahre 1848 in Paris das Recht auf Arbeit und die Verpflichtung
der Regierung, die Arbeitslosen zu beschäftigen, anerkannte, schaffte
man Arbeitsgelegenheit, indem man in der Nähe von Paris Neupflanzungen,
 den Bois de Boulogne, anlegte. Als der Zustrom Arbeitsloser
aber immer größer wurde, und man nicht mehr Bäume zur Anpflanzung
 hatte, fuhr man fort, Gruben für Anpflanzungen ausgraben zu
lassen und sie nachher wieder zuzuwerfen. Man ließ gänzlich nutzlose
 Arbeit verrichten.
Die gleiche Vergeudung von Arbeit wird aber durch Maßregeln
herbeigeführt, die vielfach noch heutigen "Tages empfohlen werden,
um, wie man sich ausdrückt, Arbeitsgelegenheit zu schaffen und
Geld unter die Leute zu bringen. Das liegt vor, wenn z. B. bei
Hofe ein künstlicher Luxus gefördert wird, wie die Kaiserin Eugenie,
ım die Seidenindustrie in Lyon zu fördern, verlangte, daß ihre Hofdamen
 bei jedem Hoffeste in neuen seidenen Kleidern erscheinen
sollten; und leicht wären die Beispiele zu vermehren, wo solche
volkswirtschaftlich verkehrten Maßregeln zu gleichem Zwecke angevendet
 wurden.
Der Bau von Schlössern, für die kein Bedürfnis vorhanden ist,
and die fast gar nicht bewohnt werden, wird auf der gleichen Stufe
stehen. Monumentalbauten dagegen, die zur Förderung des künstierischen
 Sinnes und einer edlieren Kunstrichtung beitragen sollen,
werden nicht den gleichen Bedenken unterworfen sein; sie haben
eine besondere höhere Aufgabe. Aber auch hier wird es darauf ankommen,
 ob die Finanzverhältnisse des Landes dafür ausreichen oder
nicht wichtigere Aufgaben dadurch beeinträchtigt werden, z. B. Errichtung
 von Schulen, an denen es fehlt usw. Es wird ferner zu

Wirkungen des
Luxos.
        <pb n="330" />
        — 312 —

Kingriff der
staatsgewalt
in die Ein-{OMMENSVET-



antersuchen sein, ob die Bevölkerung reif dafür ist und das Gebotene
entsprechend zu würdigen weiß. Wie für den Reichen die Ausgabe
für ein kostbares Anregungsmittel, wie Kaviar und Schaumwein,
sich rechtfertigen läßt, die für den Unbemittelten geradezu ein Verbrechen
 sein kann, wenn durch sie die Familie zum Hunger verurteilt
 wird; wie die Anschaffung eines Kunstwerkes, der Besuch
eines teueren Konzertes für den Kunstverständigen berechtigt, für
den Ungebildeten dagegen ein verwerflicher Luxus sein kann, wird
auch für ein Land je nach der Kulturstufe und je nach der Wohlhabenheit
 eine Ausgabe am Platze sein oder als verwerflich angesehen
 werden müssen. Der Maßstab ist ein relativer und für den
einzelnen Fall besonders zu bestimmen. Gleichwohl läßt sich ein
solcher Maßstab, wie angedeutet, prinzipiell aufstellen, und ebenso
angeben, welche Verteilung des Besitzes und Einkommens unter geyebenen
 Verhältnissen angemessen ist, welche dagegen nicht. Die
Ungleichheit, welche einen extremen Luxus begünstigt, wird als zu
weitgehend bezeichnet werden müssen und ebenso eine solche, welche
den Mittelstand verdrängt und die unterste Klasse zu einer unzureichenden
 Lebenshaltung verdammt. Unbedingt wünschenswert wird
es sein, daß eine jede Arbeit reichlichen Lohn erhält, um eine Prämie
für Fleiß und Ausdauer zu gewähren und das Bewußtsein in Jedem
rege zu erhalten, daß er sich durch Fleiß und Arbeitsamkeit auf
eine höhere Stufe emporzuheben vermag. Darin liegt der unendliche
Vorzug, den die neuaufstrebenden Länder, z. B, die nordamerikanische
Union gegenüber der alten Welt haben, daß ihre hohen Löhne Jedem,
der Fleiß und Tüchtigkeit besitzt, gestatten, sich in die besitzende
Klasse emporzuarbeiten, während bei uns gerade die Hoffnungslosigkeit,
 die eigene Lage zu verbessern, dauernde Unzufriedenheit und
die sozlaldemokratischen Ideen groß zieht, die unter amerikanischen
Verhältnissen nicht aufzukommen vermögen. Demgegenüber ist es
wünschenswert, daß der arbeitslose Gewinn aus Besitz, wie Kapitalzins
 und Grundrente, niedrig ist, um nicht Genuß ohne Arbeit zu
fördern, dagegen Produktionsmittel den Strebsamen möglichst billig
zur Verfügung zu stellen.
Unzweifelhaft ist in der Gegenwart nicht überall die Verteilung
les Besitzes und des Einkommens in idealer Weise zu beobachten,
ınd man hat vielfach eine künstliche Regelung durch die Staatsgewalt
 verlangt, wie es im Extrem die sozialistische Partei tut. Aber
solch ein Anspruch beruht auf Verkennung der menschlichen Natur,
die verhältnismäßig leicht Härten erträgt, die als durch die Verhältnisse
 geboten und unvermeidlich erscheinen; während diejenigen,
welche zwar viel geringer, aber durch menschliche Willkür herbeiyeführt
 sind, weit stärkere Opposition hervorrufen. Eine Ordnung der
Einkommensverhältnisse durch die leitende Gewalt, wie sie die sozialistische
 Partei erstrebt, ist nur unter Beseitigung der individuellen Freiheit
 möglich, und eine durchweg gerechte Verteilung durch eine Zentralgewalt
 ist als über menschliche Kräfte hinausgehend nicht zu erwarten.
 Es wird deshalb das allein Richtige sein, im allgemeinen
die Entwicklung der Einkommensverhältnisse sich selbst zu überlassen
 und von außen nur indirekt einen Einfluß auszuüben. Dies
kann allerdings durch die Staatsgewalt in mannigfaltiger Weise geschehen;
 vor allem durch eine Erbrechtsgesetzgebung, welche auf
eine Verteilung des Vermögens hinwirkt (wie das allyemeine gleiche
        <pb n="331" />
        313 —

Erbrecht), die Konzentration zum mindesten nicht begünstigt (Bezseitigung
 der Fideikommisse): ferner durch eine Besteuerung, welche
die Ausgleichung begünstigt (progressive Erbschafts- und Einkommensteuer);
 durch eine hohe Besoldung der Angestellten des Staates,
besonders der unteren Klasse; durch eine angemessene Arbeiterschutzgesetzgebung,
 besonders Arbeiterversicherung; Tilgung der
Staatsschulden zur Ermäßigung des Zinsfußes u. dgl. m. Zu Gewaltmaßregeln
 dagegen, welche die Grundlagen unserer Volkswirtschaft
 und Kultur erschüttern, liegt um so weniger Veranlassung
vor, als die neuere Entwicklung mehr optimistisch als pessimistisch
aufzufassen ist.

8 78.
Die neuere Entwicklung der Vermögensverteilung.
Ehrenberg, Große Vermögen, ihre Entstehung und ihre Bedeutung. Jena
‚902 u. 05.
Dr. P. D. Fischer, Ad. v. Hansemann, (Gedächtnisrede) 1904,
Bergengrün, Hansemann, 1906.
Ed. Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus. 1899.
J. Wolf, Sozialismus und kapitalistische Wirtschaftsordnung. Stuttgart 1892.

Von vielen Seiten, besonders von der Sozialdemokratie, aber
nicht nur von dieser allein (Roscher, Wagner), ist die Behaupsung
 aufgestellt, daß die auf dem Individualismus und wirtschaftlicher
 Freiheit aufgebaute Volkswirtschaft sich auf der abschüssigen
Bahn befinde, die zu wachsender Konzentration des Volksvermögens
and Einkommens in wenig Händen unter der KExpropriation des
Mittelstandes und der Proletarisierung der großen Masse der Bevölkerung
 führe (Marx, Engels, Kautsky).
Diese Auffassung ist, wie in der neuesten Zeit immer aillgemeiner
 anerkannt wird (Julius Wolf, G. Schmoller, V. Böhmert),
 entschieden unrichtig. Der Versuch aber, einen statistischen
Beweis dafür zu liefern, kann kaum gelingen, da das Material zu
anzulänglich ist und zu neuen Datums, so daß man nicht weit auseinander
 liegende Perioden miteinander vergleichen kann, was hierbei
anumgänglich notwendig ist. Auch kann eine rein mathematische
Beweisführung nicht dem Wesen volkswirtschaftlicher Verhältnisse
yerecht werden. Dagegen bedarf es nur eines historischen Rückblicks
 und einer Vergleichung der Verhältnisse in den verschiedenen
Ländern mit ungleicher Kultur in der Gegenwart, um sich davon zu
überzeugen. ,
‚Auf primitivster Stufe der Kultur ist allerdings große Gleichheit
in den Besitzverhältnissen der Ausgangspunkt, wo Besitz überhaupt
eine untergeordnete Rolle spielt, und die Gesamtheit fortdauernd von
der Hand in den Mund lebt, also sich alle Glieder eines Stammes
in dem Zustande des Proletariats befinden. Sobald das wirtschaftliche
 Leben auf eine höhere Stufe gelangt, der Besitz größere Dimensionen
 annimmt, bilden sich bald die schärfsten Gegensätze aus,
die denkbar sind. Einzelne Wenige als Häuptlinge und Herrscher
vereinigen den Besitz in ihrer Hand, die große Masse bleibt Proletarier.
Auch der Grundbesitz, sei er gemeinsam ausgenutzt, sei er allmählich
in Privateigentum übergegangen, ändert an der dürftigen Lage der
zroßen Masse wenig. Kin weiterer scharfer Gegensatz bildet sich
zwischen Freien und den gänzlich besitzlosen Sklaven aus. Man

;Jistorischer
Rückblick.
        <pb n="332" />
        314 —

Vergleichung
verschiedener
Länder.

erinnere sich der gewaltige Schätze aufhäufenden persischen Herrscher
und ihrer Satrapen einerseits und der großen Masse des dürftig
lebenden Volkes andererseits, der athenischen und römischen Bürger
gegenüber der Masse der Sklaven, und unter den Bürgern des Gegensatzes
 zwischen einzelnen angesehenen, reichen Bürgern und der Menge
aus öffentlichen Spenden Unterhaltener zur Zeit der höchsten Blüte
beider Länder.
In der gleichen Weise bildete sich mehr und mehr im Mittelalter
der Gegensatz zwischen Grundherren und Bauern aus, von denen die
letzteren sich im großen ganzen über die Lage unserer ländlichen
Tagelöhner nicht wesentlich erhoben. Auch in den Städten bestand
ein krasser Gegensatz zwischen Grundherren und den kleinen Leuten,
an die sich die große Masse der Bettler und Vagabunden anschloß.
In den Hauptstädten freilich entwickelte sich ein reges Gewerbsleben,
 und die Mitglieder der Zünfte gelangten vielfach zu Wohlstand.
 In den kleineren Städten dagegen waren auch bei den Handwerkern
 die Zustände überaus kläglich. Das verschärfte sich besonders
 nach dem 30jährigen Kriege und läßt sich noch für das Ende
des 18. Jahrhunderts schlagend nachweisen.
Seit jener Zeit hat sich die Verteilung‘ von Besitz und Einkommen
 allgemein wesentlich günstiger gestaltet. Auch wissenschaftliche
 Vorkämpfer der Sozialdemokratie (Bernstein, Schönlan k)
erkennen an, daß die Lage der unteren Klassen sich im Laufe des
letzten Jahrhunderts gewaltig gebessert hat. Ebenso unverkennbar ist
es, daß sich ein wachsender Mittelstand entwickelt hat, der ein behäbiges
 Dasein zu führen, Ersparnisse zu machen vermag und über
einen entsprechenden Rückhalt an Besitz verfügt. Man braucht nur
an das Aufblühen unseres Bauernstandes zu denken, für den ein weit
kleinerer Besitz an Grund und Boden gegenüber früheren Zeiten
genügt, um ihn als zur Mittelklasse gehörig erscheinen zu lassen.
Ebenso läßt die Beobachtung der Bauten in den Städten, die erst
neuerdings Bedeutung erlangt haben, die wachsende Zahl derer erkennen,
 die auf bessere Wohnungen Anspruch machen und in der
Lage sind, sie zu bezahlen. Es ergibt sich daraus, daß durch das
allgemeine Wachsen des Wohlstandes eine größere Zahl tüchtiger
Leute aus dem Handwerkerstande, wie auch aus der Fabrikarbeiterschaft
 Stellungen zu gewinnen vermögen, durch welche sie sich dem
Mittelstande einreihen, wobei die absoluten Zahlen in einem höheren
Maße ins Gewicht fallen als die Verhältniszahlen; d. h. auch da, wo
bei starker Zunahme der Bevölkerung die untere Schicht einen etwas
wachsenden Prozentsatz ausmacht, kann dieses reichlich ausgeglichen
werden durch die Erhöhung des Einkommens aller Schichten und
eine bedeutende Zunahme der absoluten Zahl der in behäbiger Lage
befindlichen Personen. Schon durch das Sinken des Preisniveaus der
Artikel des gewöhnlichen Bedarfes ist auch bei gleichem Einkommen
unter bescheidenen Verhältnissen die Kaufkraft gestiegen und hat
sich die Lebenshaltung verbessert.
Ganz besondere Bedeutung ist aber hierbei auf die Vergleichung
der verschiedenen Länder zu legen. Wo ist der Mittelstand am
größten; in den unkultivierten oder in den kultivierten Ländern?
Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Nirgends steht sich unvermittelter
 Arm und Reich gegenüber als in Rußland. Am meisten
schreitet dort in neuerer Zeit Polen vor, wo sich erst jetzt allmäh-
        <pb n="333" />
        — 315 —

lich, hauptsächlich in den Städten, ein Mittelstand entwickelt. Weit
zrößer ist derselbe augenfällig in Deutschland und weit mehr im
Westen als im Osten. Wie jeder Reisende schon bei oberflächlicher
Betrachtung zu konstatieren vermag, nimmt der Mittelstand wiederum
in Frankreich einen größeren Spielraum ein als in Deutschland,
 in England mehr als hier, und entschieden am meisten in
den Vereinigten Staaten von Amerika. Die große Masse der
amerikanischen Farmer gehört dem Mittelstande an und steht nur
einer sehr geringen Zahl von Arbeitern und einer verschwindenden
Zahl von Großgrundbesitzern gegenüber. Es ist ein Irrtum zu meinen,
daß es dort in den Städten nicht selbständige Handwerker, kleine
Kaufleute und Fabrikanten gäbe, die vielmehr, namentlich in den
mittleren und kleineren Städten, eine große Rolle spielen und vermöge
 ihres hohen Verdienstes der Mittelklasse zuzuteilen sind. Zu
ihr gehört auch außerdem ein sehr bedeutender Teil der Arbeiter in
den Fabriken infolge ihres hohen Lohnes und der Ersparnisse,
die sie zu machen vermögen, da der gewöhnliche Lebensunterhalt,
die einfache Hauseinrichtung und Bekleidung billiger sind als in
Europa.
Die Vorstellung, daß in England, wie in Amerika der Gegensatz
 zwischen wenigen immens reichen Leuten und der großen Masse
der Besitzlosen weiter und unvermittelter sei, als auf dem europäischen
 Kontinente, stammt aus dem Beginne des letzten Jahrhunderts,
 wo sie für England wenigstens zutreffend gewesen ist. Seitjlem
 haben sich die Verhältnisse auch im britischen Reiche in dieser
Hinsicht außerordentlich gebessert. Auf dem Lande bildet der Pächterstand
 eine im Durchschnitt sehr wohl situierte Mittelklasse bei einer
sehr kleinen Zahl ländlicher Arbeiter und verschwindendem Parzellenbesitz.
 Diese Mittelklasse hat sich erst im Laufe des letzten
Jahrhunderts aus recht tiefer Stufe emporgearbeitet. Der Großbetrieb
in den Städten, der mit der ganzen zivilisierten Welt in Beziehung
steht, verlangt eine große Zahl gebildeter Personen zur Mitwirkung
als Buchhalter, Korrespondenten, Ingenieure, aber auch gut besoldeter,
 handwerksmäßig ausgebildeter Arbeiter, die durch ihre Löhne
and den Anteil an ergänzendem Besitze einen neuen Mittelstand
oilden. In der gleichen Weise sehen wir auch in Deutschland mit
lem Großbetriebe in dem privaten Beamtenstande einen neuen Mittelstand
 herauswachsen, welcher mehr und mehr an die Stelle des alten
Handwerkers tritt. Ganz besonders kommt aber hinzu, daß die
Milliarden, die zinstragend in Papieren, Hypotheken, Aktien angelegt
sind, mehr und mehr in die Hände der mittleren und auch der unteren
Klassen gelangen und einen Zuschuß zu dem Arbeitsverdienst ergeben,
 worüber es leider noch an der nötigen Statistik fehlt, um dies
angemessen zu beleuchten. Wir erinnern nur an die Milliarden. die
heutigen Tages in den Sparkassen liegen. |
Von einer Verdrängung des Mittelstandes kann in unserer Zeit
trotz der Konzentrierung großer Vermögen in einzelnen Händen (man
nimmt an, daß es in den Vereinigten Staaten mehr als 5000 Millionäre
and Milliardäre gibt) keine Rede sein, während zugleich die Lage
der Arbeiterklasse sich fortdauernd durch Erhöhung des Lohnes
verbessert, wozu noch eine lange Zeit hindurch eine Ermäßigung der
Preise der gewöhnlichsten Bedürfnisse hinzutrat, für welche die
antere Klasse hauptsächlich ihr Geld ausgibt. Aber dabei kann sehr
        <pb n="334" />
        316 —

\af Verteilung
jer großen Vermögen
 hinwirkende
 Momente.


wohl ein extremer Reichtum sich in einzelnen Händen entwickeln,
der immerhin die Gesamtheit benachteiligen kann. Ganz unzweifelhaft
 werden heutigen Tages schneller als früher große Vermögen gewonnen,
 wie das bei dem gewaltigen Umsatz in dem volkswirtschaftlichen
 Verkehre nicht anders zu erwarten ist. Das wird aber keine
nachteilige, sondern nur eine erfreuliche Erscheinung sein, wenn diese
Vermögensbildung das Ergebnis hervorragender Leistung und scharfer
Arbeit ist, und ferner, wenn diese großen Vermögen wieder einem
fordauernden Verteilungsprozesse anheimfallen, nicht aber dauernd
so könzentriert bleiben und nur die Genußsucht unterstützen.
Es ist nun eine ebenso verbreitete als irrige Auffassung, daß in
der neueren Zeit die großen Vermögen mehr durch Spekulation oder
gar durch Schwindel und Betrug erzielt werden als durch redliche
Arbeit. Daß solche Fälle vorkommen, kann nicht bestritten werden:
sie bilden aber Ausnahmen. Zu den Höchstbesteuerten gehörten in
Preußen Männer wie Krupp, Siemens, früher Borsig und andere große
Industrielle, die der Gesamtheit durch ihre Leistungen den größten
Nutzen gebracht haben; und auch Männer, wie der Gründer des Hauses
Rothschild, Hansemann usw. haben auf kaufmännischem Gebiete ebenso
hervorragende Erfolge von allgemein volkswirtschaftlicher Bedeutung
aufzuweisen, wie Jene auf industriellem. Ihr Reichtum war nur der
Lohn angestrengtester Arbeit und überlegener Intelligenz. Bedenken
würde derselbe, wie gesagt, nur erregen, wenn er sich in dieser
Höhe in Permanenz erhielte. Das ist aber durchaus nicht der Fall,
solange nicht künstliche Maßregeln die Zusammenhaltung bewirken,
wie Verheiratung innerhalb eines engen Kreises von Familien oder
ein Erbrecht, welches das Erbe einem einzelnen Mitgliede der Familie
vorzugsweise oder ausschließlich zuwendet und die Verteilung durch
Ausschluß von Verkauf, Verschuldbarkeit usw., wie durch sonstige
fdeikommissarische Festlegung verhindert. In Amerika beginnt die
Kapitalaristokratie das Zusammenhalten des Reichtums dadurch zu
erreichen, daß ein Sohn das ganze Vermögen als Trust zur Verwaltung
 für die Familie erhält.
Sind solche Beschränkungen nicht vorhanden, so gehen schon
durch das gleiche Erbrecht bei stärkeren Familien auch sehr große
Vermögen in der zweiten und dritten Generation erheblich auseinander,
 und noch mehr wirkt in dieser Hinsicht das wirtschaftliche
Leben selbst, welches fortdauernde Gefahren für das Vermögen in
sich schließt, so daß es großer Vorsicht und intensiver Tätigkeit bedarf,
 um den Besitz längere Zeit intakt zu erhalten. Es ist eine
alte Erfahrung, daß in den großen Kaufmannsstädten nur selten eine
bedeutende Firma bis in die dritte Generation ohne einen Bankerott
gelangt und noch seltener in derselben Familie erhalten bleibt. Dasselbe
 ist in der Industrie und in der neueren Zeit auch in der Landwirtschaft
 zu beobachten, wo fortdauernd bedeutende Vermögen ver-Joren
 gehen, und der Besitzwechsel ein außerordentlich rapider ist.
Dazu kommt, daß in unserer Zeit und ganz besonders in Deutschland
 die humanistische Schulbildung bei der heranwachsenden Jugend
der wohlhabenden Klassen den Erwerbstrieb künstlich erstickt durch
die Mißachtung, welche dem materiellen Erwerbsstreben als Banausentum
 auf unseren Gymnasien entgegengebracht wird. Daher wenden
sich verhältnismäßig selten Kinder reicher Häuser einem Gewerbe
zu, sondern dem Beamtentum, dann besonders dem Offizierstande, um
        <pb n="335" />
        317 —

eine glänzende gesellschaftliche Stellung zu gewinnen, oder sie widmen
sich Kunst und Wissenschaft, wo die Arbeit selbst in höherem Maße
zum Genusse wird. In diesen Berufszweigen ist nur selten Gelegenheit
 gegeben, Vermögen zu erwerben oder dasselbe zu vergrößern,
aber sehr viel Veranlassung, dasselbe zu verkleinern. Durch die Gewohnheit
 des preußischen Adels, sich dem Dienste des Königs zu
widmen, hat derselbe sich mehr und mehr um den ursprünglichen
Besitz gebracht. Friedrich der Große gestattete außer in Westpreußen
 dem Bürgertum überhaupt nicht den Erwerb von Rittergütern.
Heutzutage ist der größte Teil derselben in Händen von Bürgerlichen,
 und würde es noch in viel ausgedehnterem Maße sein, wenn
nicht ein großer Teil derselben als Fideikommiß dem Adel gesichert
wäre; und die Verarmung des Adels würde noch eine viel weitergehende
 sein, wenn er sich nicht in ausgedehntem Maße Töchter aus
reichen industriellen und Kaufmannshäusern holte, um damit in einer
anderen Weise wieder zur Verteilung der großen Vermögen beizutragen.
 Dazu kommt ferner die anerkannt geringe Leistungsfähigkeit
 der jeunesse dorge, die nur zu häufig mit Arbeitsscheu extreme
Genußsucht verbindet und dadurch das Ergebnis saurer Arbeit der
Väter in kurzer Zeit vergeudet. Dem sucht man in Amerika durch
die Erziehung entgegenzuwirken. Gregory sagt darüber: Ein
Mann, der ein Vermögen erworben hat, wünscht, daß sein Sohn
fähig sei, dasselbe zu tun. Millionäre schicken ihre Söhne nicht auf
die Universität, weil sie fürchten, sie dort für das Geschäftsleben
 untauglich zu machen. Dagegen weisen sie sie schon im
jugendlichen Alter darauf an, sich ihren Unterhalt selbst zu verdienen.

So liegen eine Menge Verhältnisse vor, welche fortdauernd an
jer Verteilung der Vermögen arbeiten, die heutigen Tages erworben
sein wollen, um sie nachhaltig zu besitzen. Die Gefahr einer fortdauernd
 zunehmenden Konzentration des Besitzes ist deshalb sehr
gering, solange sie nicht durch eine verkehrte Gesetzgebung einseitig
begünstigt wird. Auch nach der Richtung ist aber die Entwicklung
unseres volkswirtschaftlichen Lebens optimistischer aufzufassen, als
es gewöhnlich geschieht, daß der Arbeitslohn verhältnismäßig mehr
steigt, als der Gewinn aus Besitz ohne Arbeit.
Vier Bezüge sind es, in die der Ertrag zerfällt, aus welchem das
Einkommen stammt; wie er sich nach den verschiedenen Produktionsfaktoren
 verteilt, von denen jeder eine besondere Rente abzuwerfen
vermag. Das ist die Grundrente, die Kapitalrente, die
Arbeitsrente, zu denen dann aus der Vereinigung aller drei in
einer besonderen Weise der Unternehmergewinn hinzutritt.
Alle vier werden uns noch besonders zu beschäftigen haben. An
dieser Stelle ist nur darauf hinzuweisen, wie zwischen denselben die
Verschiebung sich in der Hauptsache so vollzieht, wie es als kulturförderlich
 anzusehen ist. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts
 ist der Arbeitslohn wie das Gehalt der Beamten in außerordentlicher
 Weise gestiegen, während ein Rückgang des Kapitalzinses
 damit Hand in Hand ging, und, wenn nicht alles trügt, ist
trotz der momentanen entgegengesetzten Verschiebung nach kurzer
Zeit die gleiche Entwicklung weiter zu erwarten. Die neuere Agrarkrisis
 hat zugleich auf dem Lande einen Rückgang der Grundrente
herbeigeführt. Nur in den Städten und deren Umgebung ist dieselbe

Vier Teile des
Kinkommens.
        <pb n="336" />
        8318

in weiterem Steigen begriffen. Es ist aber auch da zu beobachten,
daß durch Straßenbahnen, Fahrräder, Telegraphen und Telephon usw.
der Steigerung der Grundrente bereits energisch entgegengewirkt
wird, indem die Wohnungen der Geschäftsleute und Arbeiter, die in
3tädtischen Unternehmungen tätig sind, auf das Land verlegt, und
Fabriken mehr und mehr außerhalb der Städte angelegt werden. So
vollzieht sich die Verschiebung von selbst, welche die Sozialdemokratie
 im Extrem und durch Gewaltmaßregeln in Verkennung der
menschlichen Natur und der volkswirtschaftlichen Vorgänge auf politischem
 Wege herbeizuführen trachtet. Oder sie stellt nach der
materialistischen Geschichtsauffassung sich vor, daß sie sich gerade
umgekehrt vollzieht und schließlich zu dem großen Zusammensturze
 führt, den sie so sehnsüchtig herbeiwünscht. Bei genauerer
Beobachtung zeigt wenigstens die neuere Entwicklung gerade die
entgegengesetzte Strömung, als sie sie annimmt, sie scheint uns eine
durchaus gesunde und dem Kulturfortschritt förderliche zu sein.

$ 79. .
Die Grundrente.
Berens, Versuch einer kritischen Dogmengeschichte der Grundrente. Leipzig 1868.
Te Sir hlchte und Kritik der Lehre von der Grundrente, Jahrb, f. Nat.-KRodbertus,
 Soziale Briefe an v. Kirchmann. Berlin 1851.
Schüffle, Die national-ökonomische Theorie der ausschließenden Absatzverhältnisse.
 Tübingen 1867.
v. Inama-Sternegg, Theorie des Grundbesitzes und der Grundrente in der
deutschen Literatur. Leipzig 1908,
Den Teil des Reinertrags der Grundstücke, welcher nach Abzug
des Zinses und der Amortisationsprämie für das mit dem Grund und
Boden verbundene Kapital und des Unternehmergewinnes übrig bleibt,
ı1ennt man vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus Grundrente.
Die Pacht, welche der Grundbesitzer bezieht, enthält mithin mehr als
Grundrente, nämlich: die Verzinsung für Gebäude, Meliorationen, ev.
des Inventars, welches dem Pächter mit übergeben wurde, und die
Entschädigung für die damit zusammenhängenden Unkosten. Sie
sind erst in Abzug zu bringen, um den Teil des Reinertrages zu
erhalten, der auf den Produktionsfaktor Grund und Boden und seine
Eigentümlichkeit zurückzuführen ist und daher den Namen Grundrente
 verdient. Diese fällt dem Grundbesitzer mithin ohne besonderen
Aufwand von Arbeit und Kapital infolge der Unvermehrbarkeit des
Grund und Bodens und des daraus erwachsenden Monopols durch
allgemeine wirtschaftliche Konjunkturen zu.
Die Momente, welche eine Grundrente bedingen, sind verschiedener
 Art. |
DA Dit 1. Solange noch Boden im Ueberfluß vorhanden ist, und jeder
der Lage. neue Ansiedler sich beliebig nach Lage und Qualität den Boden auswählen
 kann, den er für den zweckmäßigsten hält, wird bei spärlicher
Bevölkerung der Preis des Getreides in der betreffenden Gegend den
Arbeitskosten entsprechen, die die Erzielung desselben im Durchschnitt
 beansprucht. Bildet sich in der Gegend, die von sonstigen
Kulturzentren abgelegen ist, durch gewerbliche Ansiedler usw.
eine Stadt heraus, die größere Ansprüche an Nahrungsmittel macht,
        <pb n="337" />
        319 —

so wird, wie Thünen das in seinem isolierten Staate unübertrefflich
yezeigt hat, der Preis des Getreides steigen, je größer die Entfernungen
sind, aus denen das Getreide geholt werden muß, um den Bedarf der
Stadt zu decken. Denn es müssen nicht nur die Herstellungskosten
gedeckt werden, sondern auch die Transportkosten nach der Stadt,
die mit der Entfernung fortdauernd wachsen. Da nun die nächste
Umgebung für ihre Produkte natürlich denselben Preis erhält, wie
die entfernter gelegenen Gegenden, ohne die Transportkosten derselben
tragen zu müssen, so erhalten die Grundbesitzer dieser Gegend einen
Ueberschuß über die Produktionskosten, und dieser Ueberschuß ist
eben die Grundrente, die um so mehr steigt, je mehr die Bevölkerung
der Stadt anwächst, und je weitere Strecken das Getreide transportiert
werden muß. So konnte nun eine entfernt gelegene Gegend, die
bisher Grundrente nicht erlangte, auf zweierlei Weise dieselbe erreichen:
entweder durch das Steigen der Bevölkerung in der Stadt, wodurch
antferntere Orte zur Lieferung herangezogen werden mußten, was
sine Preissteigerung zur Folge hatte, oder, indem zur Verbesserung
der Kommunikationsmittel, z. B. durch Bau einer Eisenbahn oder
eines Kanals, die betreffende Gegend mit weniger Kosten die Lieferung
nach der Stadt zu bewirken vermochte, ohne daß darum größere
Quantitäten in die Stadt geschafft werden konnten, sondern indem
die Verhältnisse im übrigen die gleichen blieben. Der erstere Fall
trat am Schlusse des 18. und im Beginne des 19. Jahrhunderts eklatant
in England hervor, wo die rapide zunehmende Bevölkerung schnell
zrößere Anforderungen an Nahrungsmitteln machte, als die heimische
Landwirtschaft zu befriedigen vermochte. Die Getreidepreise stiegen
außerordentlich, die Landwirtschaft gewann erhebliche Grundrente,
die bei den ausgebreiteten Pachtverhältnissen in der Steigerung der
Pachtsumme klar zutage trat. Dadurch sahen sich Robert Malthus
und David Ricardo veranlaßt, die Vorgänge genauer zu untersuchen
 und auf die Eigentümlichkeit und die Bedeutung der Grundrente
aufmerksam zu machen. Verhältnisse, welche Grundrente zutage
treten lassen, liegen in bezug auf den zweiten Punkt noch jetzt in
den Vereinigten Staaten von Amerika vor, wo fortdauernd durch Eisenbahnen
 neue Territorien der Kultur erschlossen und zur Lieferung
von Getreide auf die großen Märkte herangezogen werden, wodurch
der bis dahin fast wertlose Grund und Boden plötzlich einen hohen
Preis erlangt. Auf Grund dieser Beobachtung hat Henry George den
Anspruch erhoben, daß diese den Grundbesitzern durch die Arbeit
anderer, resp. durch die Entwicklung des Landes zufallenden Rentensteigerungen
 und Kapitalien eben auch der Gesamtheit durch eine
der Rentensteigerung sich anpassende Grundsteuer zugute kommen
sollen.
_ Noch schärfer tritt diese Grundrente bekanntlich bei den Bauplätzen
 in den Städten und der nächsten Umgebung derselben zutage,
wo die Preissteigerung bei dem Aufblühen der Städte schon in kurzer
Zeit gewaltige Dimensionen annimmt und sich je nach der Gunst der
Lage zum Markte, zum Bahnhof, zu den Hauptverkehrsadern Vverschieden
 gestaltet, weil die Nachfrage beständig steigt, während das
Angebot, namentlich in den besonders begünstigten Gegenden, ein sehr
beschränktes ist.
2. In der gleichen Weise wie die Entfernung vom Markte wirki
auch die Bodengüte, welche denselben Aufwand von Arbeit und Kapital

Bauplätze.

Ricardos
Theorie.
        <pb n="338" />
        390 —

m sehr ungleicher Weise belohnt. Dieses Moment hatte Ricardo
zum Ausgangspunkt seiner Grundrententheorie genommen, indem er
es für natürlich hielt, daß die ersten Ansiedler zuerst den ertragsfähigsten
 Boden in Angriff nehmen, und erst wenn dieser allgemein
Okkupiert ist und der wachsenden Bevölkerung nicht genügt, zu
immer leichterem Boden die Zuflucht genommen wird, der nur dürftigere
Ernten zu liefern vermag. Mit Recht hat demgegenüber der Amerikaner
Carey darauf aufmerksam gemacht, daß die ersten Ansiedler nicht
den absolut ertragreichsten Boden zuerst zu beackern pflegen, sondern
len, den sie mit ihren unvollkommenen Instrumenten und geringen
Arbeitskräften am besten zu bewältigen, und dem sie die größten
Erträge abzugewinnen vermögen. Das ist aber mehr der leichtere Boden
auf der Höhe, während erst nach stärkerer Besiedelung die Landwirte
 gemeinsam Entwässerungen, Deichanlagen usw. durchführen und
damit den weit ertragsreicheren humosen Niederungsboden der Landwirtschaft
 gewinnen; wie ebenso erst nach Fortschritteu der Kultur durch
Ainzuziehung von Maschinen und sonstigen Hilfskräften die großen
Baumriesen auf dem schweren Lehmboden bewältigt werden können,
und dann der ertragsreichste Boden der Kultur allmählich erschlossen
wird. Damit ist allerdings gezeigt, daß der Entwicklungsgang nicht
überall ein gleichartiger, sondern nach den Verhältnissen ein verschiedener
 ist; die Tatsache der Ungleichheit der Bodenqualität bleibt
aber darum doch bestehen, und das Ergebnis daraus ist, daß, weil
der bessere Boden vermöge seiner chemischen und physikalischen Beschaffenheit
 bei gleichem Aufwand von Arbeit und Kapital größere
Ernten liefert, er in diesem Ueberschusse wiederum Grundrente
erzeugt, die der leichteste Boden nicht gewinnt.
Auch hier ist die zunehmende Bevölkerung genötigt, doch schließlich
 immer ungünstigeren Boden in Angriff zu nehmen, und, wenn auch
ine längere Zeit eine Preissteigerung vermieden werden kann, weil
der Niederungsboden und der schwerere Lehmboden, der eventuell
erst später zur Kultur herangezogen wird, an Erträgen mehr gewährt
als der leichtere Boden, so hat doch auch dieses seine Grenze, und
schließlich muß teils sehr dürftiger, teils entfernter Boden mit zu
Hilfe genommen werden. Denn, — und das ist eine weitere wichtige
Lehre Ricardos, — schließlich verteuert sich die Pıoduktion auf
lem ursprünglich bebauten Boden durch gesteigerten Aufwand von
Arbeit und Kapital erheblich, und es wird vorteilhafter, solchen höheren
Aufwand zu unterlassen und dafür leichteren und dürftigeren Boden
in Angriff zu nehmen, als ihn die ursprünglichen Ansiedler ihren Verhältnissen
 entsprechend für lohnend erachteten. Auch hier hat Carey
mit Recht gezeigt, daß vielfach ein neuer Aufwand, z. B, an Dünger,
an Arbeit zur Reinigung des Ackers, Beseitigung des Unkrautes,
Vertiefung der Ackerkrume, die Verwendung besseren Saatgutes eine
außerordentliche Steigerung des Ertrages herbeiführen können, so daß
nicht nur die Kosten gedeckt werden, sondern ein höherer Reinertrag
zewonnen wird, als er bisher erzielt wurde, und daß gerade der gute
Boden sich für solchen Aufwand meistens dankbarer erweist als der
schlechtere. Auch hier zeigt es sich, daß der Gang in dem wirtschaftlichen
 Leben nicht ein gleichmäßiger, sondern sehr verschiedenartiger
und oft sprunghafter ist. Aber je mehr in der zweiten Phase der
Entwicklung die Zunahme der Bevölkerung und Verallgemeinerung
les Ackerbaues vorschreitet, um so mehr tritt die Ricardosche Auf-
        <pb n="339" />
        . 321 —

fassung in ihr Recht, und die Differenzierung der Bodenqualität, die
Ungleichheit der Erträge wird immer größer. Und damıt muß der
bessere Boden eine Grundrente erzielen, so lange die Preise der landwirtschaftlichen
 Produkte noch ausreichen. um die Produktionskosten
auf dem dürftigen Boden zu decken, und diese Verschiedenheit bleibt
auch bestehen, wenn infolge der Bevölkerungszunahme die Preise so
weit gestiegen sind, daß auch auf dem dürftigsten Boden mehr erzielt
 wird als nur die Deckung von Arbeits- und Kapitalsaufwand.
Mit Verallgemeinerung der verbesserten Kommunikationsmittel, „Y°rwischung
Ausbildung eines Chaussee- und Eisenbahnnetzes wird nun im Laufe durch die
der Zeit und mit weiterem Kulturfortschritt in der dritten Phase ““lhjreniwicklie
 Wirkung der Entfernung vom Markte in der mannigfaltigsten
Weise verschoben und ausgeglichen. Durch Erfahrung und Wissenschaft
 lernt man auch die ungünstigeren Produktionsbedingungen durch
Auswahl besonderer Pflanzen oder Tiere höher ausnutzen. Man denke
an gewisse Gemüse, wie Spargel, Teltower Rüben, Kartoffeln, die auch
auf leichterem Boden zu kultivieren sind; an Lupinen, Seradella usw.,
an die Gründüngung, die namentlich in feuchtem Sande außerordentlich
yünstig zu wirken vermag, an Schaf- und Ziegenhaltung auf dürftigen
Weiden. Wird dadurch bereits die Bedeutung der ländlichen Grundrente
 auf höherer Kulturstufe etwas abgeschwächt, so ist dieses in noch
weit höherem Maße durch die außerordentlich großen Kapitalien der Fall,
welche jetzt in Meliorationen, Gebäuden, totem und lebendem Inventar
mit dem Boden verbunden werden und die Krträge in der außerardentlichsten
 Weise steigern, so daß dagegen die Leistung der Natur
allein erheblich zurücktritt. Ferner wird durch den fortdauernden
Besitzwechsel, wobei der gesamte Ertrag und somit auch die Grundrente
 kapitalisiert den Kaufpreis bestimmt, die Steigerung der Grundrente
 in ihrer volkswirtschaftlichen Wirkung außerordentlich verteilt
and damit abgeschwächt. Es ist deshalb begreiflich, daß man ihr in
Deutschland eine praktische Bedeutung nicht mehr zuerkennt. Unrichtig
 ist es aber, ihre Existenz überhaupt leugnen zu wollen.
Gerade in der neueren Zeit ist nun nicht ein weiterer Fortschritt,
sondern sogar ein Rückgang der Grundrente auf dem Lande in Europa
 durch die Ermäßigung vor allem der Getreidepreise herbeigeführt,
und wenn derselbe nicht in einem stärkeren Maße in den Pacht- und
Grundpreisen zutage tritt, so ist dieses eben auf den Ausgleich durch
Kapitalsaufwand zurückzuführen und auf der anderen Seite durch die
Fortschritte der praktischen Erfahrung erreicht worden, welche es
gestatten, mit denselben Mitteln dem Boden höhere Erträge abzuzewinnen.
 Um so bedeutsamer ist, wie wir sahen, die Zunahme der
städtischen Grundrente gewesen.
„Daß innerhalb größerer Perioden eine Grundrente gewonnen wird,
läßt sich auch statistisch nachweisen, indem, wie an anderer Stelle
yezeigt, die Produkte der Land- und Forstwirtschaft in den letzten
veiden Jahrhunderten weit stärker im Preise gestiegen sind als die
Manufakte. Und wenn dieses, wie erwähnt, in den letzten Dezennien
einer rückläufigen Bewegung Platz gemacht hat, so ist doch mit Zuversicht
 anzunehmen, daß die starke Zunahme der Bevölkerung in der
kultivierten Welt dieses noch in absehbarer Zeit ausgleichen wird.
Das mit dem Grund und Boden in Meliorationen und Gebäuden
verbundene Kapital nimmt in dieser Hinsicht den Charakter des Grund
and Bodens an und partizipiert an den Veränderungen der Grund-Sonrad,
 Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 21

Meliorationen.
        <pb n="340" />
        322 —

Gegner der
jrundrentenlehre.


rente, wiewohl der dadurch unmittelbar erzielte Reinertrag selbst
nicht Grundrente ist.
Wenn durch eine Drainage der Ertrag eines Gutes um 1000 Zentner
Getreide gesteigert ist, so nimmt dieser Mehrertrag an dem Vorteil
einer Preiserhöhung des Getreides ebenso teil, wie der übrige Ertrag.
Alle Konjunkturen kommen auch jenem in dem Grund und Boden angelegten
 Kapitale zugute. Wird auf ein Haus noch eine weitere
Etage gesetzt, und die Miete steigt allgemein um 20 %, so wird auch
die neue Etage davon betroffen, wie jedes Haus teilnimmt an der
Steigerung des Wertes des Bauplatzes.
Trotz des Dargelegten sind doch bedeutende Nationalökonomen
als Gegner der Grundrententheorie aufgetreten, auch abgesehen von
Carey, dem sich der Franzose Frederic Bastiat anschloß, und
auf dessen Einwendungen wir bereits eingegangen sind. In Deutschland
ist es besonders Schäffle gewesen, der die Existenz einer besonderen
Grundrente leugnete, indem er den Nachweis zu führen suchte, daß
diese Rente dem Grund und Boden nicht eigentümlich sei, sondern
daß es sich dabei allein um einen Konjunkturengewinn handele, der
auch sonst in der Volkswirtschaft häufig vorkomme. Die Kurssteigerung
 eines Papieres trage auch zur Erhöhung des Vermögens eines
Rentiers bei, ohne daß er selbst darauf einen Einfluß ausübe. Auch
der Fabrikant habe einen Vorteil davon, wenn eine Bahn gebaut und
in seinem Wohnort eine Station errichtet werde, er könne sein Rohmaterial
 dann billiger beziehen und die Waren gegen geringere Fracht
exportieren. Auch der Kaufmann, der nun Kolonialwaren mit weniger
Kosten aus einer Hafenstadt erhalte, könne nun noch eine Zeitlang
die alten Preise weiter fordern und Gewinn dadurch erlangen. Ueberall
bildeten sich Monopole, welche Konjunkturengewinne ermöglichten.
Dies ist als vollständig richtig anzuerkennen, doch liegt ein prinzipieller
Unterschied zwischen diesen Beispielen des Konjunkturengewinnes
und der Grundrente darin, daß die ersteren Gewinne fortdauernden
Schwankungen unterworfen sind und nur vereinzelten Persönlichkeiten
zugute kommen, daß bei dem Fabrikanten und Kaufmann die Wahrscheinlichkeit
 der Niederlassung von Konkurrenten neben ihnen vorliegt,
 sobald sie außergewöhnliche Gewinne erzielen, die ihnen den
Vorteil durch Preisdruck schmälern. Der Gutsbesitzer ist gegen eine
solche Konkurrenz geschützt. Die ganze Klasse der Grundbesitzer
ist außerdem mehr oder weniger den gleichen Konjunkturen unterworfen,
 dıe sich nur langsam als Ergebnis der ganzen Kulturentwicklung
verändern, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Grundrente ist
daher eine völlig andere, als die sonstiger Konjunkturengewinne.
Man ist deshalb wohl berechtigt, ihr auch in der theoretischen Behandlung
 in betreff der Verteilung des Nationalertrages eine besondere
Stellung einzuräumen.
$ 80.
Die Kapitalrente und der Kapitalzins.

von Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien. Innsbruck
1884, Kapital und Kapitalzins, 2 Bde., 2. Aufl. 1900,
Ders... Art. Zins im Handwörterbuch der Staatsw.
Ders., Einige strirtige Fragen der Kapitalstheorie, 1900.
Kahn, Geschichte des Zinsfules in Deutschland. Stuttgart 1884.
Knut Wicksell, Ueber Wert, Kapital und Rente. Jena 18938.
Ders., Jahrb. f. Nat.-Oek, 1892, 2. F., Ba. IV.
        <pb n="341" />
        393

Kulischer, Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses. Jahrb. £. Nat.-Oek.
1899—1900, 3. F., Bd. 18—19,
C. Menger, Zur Theorie des Kapitals. Jahrb. f. Nat.-Oek, 1888, 2. F., Bd. 17.
E Voye, Ueber die Höhe der verschiedenen Zinsarten und ihre wechselseitige
Abhängigkeit. Jena 1900.
Hainisch, Die Entstehung des Kapitalzinses, Leipzig 1905.

Da das Kapital den Ertrag der menschlichen Tätigkeit, wie wir
nachzuweisen suchen werden, über die eigene Wertverminderung durch
Abnutzung usw. hinaus zu steigern vermag, so kann man den Teil
des Reinertrages eines Unternehmens, weicher auf die Leistung des
Kapitals zurückzuführen ist, als besondere Kapitalrente bezeichnen.
Sie läßt sich nur selten isolieren und in ihrer Höhe genau bestimmen,
ist aber darum doch nachweisbar. Wenn ein Schneider bisher in der
Woche nur einen Anzug fertigzustellen vermochte und dann durch
Zuhilfenahme einer Nähmaschine das Doppelte fertig bringt, so wird
aben diese Mehrleistung der Maschine zugeschrieben werden müssen,
wenn sie auch allerdings allein nichts leisten kann, und der Schneider
in einer anderen Weise als sie tätig war. Wenn in einer Kattundruckerei
die bisherige Druckmaschine durch eine Walzenmaschine, die vier
verschiedene Farben auf einmal aufträgt, ersetzt, und dadurch mehr
als das Dreifache mit derselben Arbeitskraft der Dampfmaschine und
der Hilfsarbeiter geliefert wird, so tritt auch da ihre Leistung so
klar zutage, daß sich die Rente (nach Abzug der Amortisations-,
Reparaturkosten usw.) der darin angelegten Geldsumme berechnen
läßt. In großen gewerblichen Unternehmungen, auf Landgütern, in
einem kaufmännischen Geschäfte, wo das Zusammenwirken der drei
Faktoren ein außerordentlich kompliziertes ist, wird dagegen eine
solche Isolierung nicht genau durchzuführen sein. ;
Die aufgeführten Beispiele zeigen klar, daß das Kapital zur Erzeugung
 neuer Produkte beiträgt und die Werterhöhung in der Produktion
 steigert. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, daß auch
eine Rente erzielt wird, die dem Kapital selbst zufällt, denn die
Werterhöhung kann sich auf den Betrag beschränken, der nötig ist,
um das aufgewendete Kapital, das sich fortdauernd abnutzt, zu erersetzen.
 Von seiten der sozialistischen Richtung, insbesondere
Rodbertus, wird auch die Erzielung eines solchen Ueberschusses
geleugnet oder in Arbeitslohn aufgelöst, da ja Kapital nichts als geronnene
 Arbeit sei (Marx) Der letztere Punkt kann unbeachtet
bleiben, da er für die vorliegende Untersuchung gleichgültig ist und
bei der Besprechung ‚des Wertes und der Produktionsfaktoren bereits
:$ 7 und 11) berührt wurde.
_ „Die Begründung dafür, daß das Kapital einen Wertüberschuß
liefern kann und im Durchschnitt erzielt, ist in sehr verschiedener
Weise zu geben gesucht, was besonders Böhm-Bawerk in der oben
erwähnten Schrift ausführlich historisch-dogmatisch zusammengestellt
und selbst geistvoll ergänzt hat. In der neueren Zeit ist ein leidliches
 Einverständnis von seiten der Autoritäten darüber erzielt, die
originelle Theorie Böhm-Bawerks verdient aber besondere Beachtung.
 Nach ihm gibt der Mensch „den gegenwärtigen Gütern
einen gewissen Vorzug vor künftigen Gütern derselben Art und Zahl“
and ist daher auch geneigt, für sie einen höheren Preis als für die
später zu erwartenden zu zahlen. „Die psychologischen Gründe
wurzeln hauptsächlich in der Unsicherheit der Zukunft und in dem
geringeren Bedacht, welchen die meisten Menschen auf die Sicher-91%


Wesen der
Zapitalrente.

Produktivität
les Kapmitals.
        <pb n="342" />
        324 —

stellung ihrer künftigen Bedürfnisse nehmen; die technischen Gründe
hängen hauptsächlich mit gewissen Verhältnissen der Produktion,
namentlich damit zusammen, daß die technisch ergiebigsten Produktionsmethoden
 diejenigen sind, bei welchen man sich weitaushebende
 und zeitraubende Produktionsumwege gestatten kann“. Deshalb
 haben die gegenwärtigen Güter eine höhere Bedeutung in der
Produktion als die künftigen, die noch nicht als Hilfsmittel verwendet
 werden können. Wir vermögen die Argumentation nicht zu
akzeptieren. Der Rentier wünscht vielfach die Rückzahlung eines
sicher angelegten. Kapitals gar nicht und bedingt sich ev. aus, daß
die Hypothek ihm vor zehn Jahren nicht zurückgezahlt werden darf,
verlangt aber doch und mit Recht einen Zins. Das Getreide ist bekanntlich
 bald nach der Ernte billiger als am Schluß des Erntejahres,
 und Ahnliches findet sich sehr häufig in der Volkswirtschaft.
Jene Erklärung des Zinses erscheint aber auch in den zutreffenden
Fällen sehr gekünstelt, während sie sich nach Anerkennung der Produktivität
 des Kapitals von selbst ergibt.
Wenn der Schneider, der bei unserem Beispiele sich eine Nähmaschine
 borgt, damit in der halben Zeit einen Anzug fertig stellt,
als bisher mit der Hand, so ist ein Wertüberschuß tatsächlich vorhanden,
 denn er ist in der Lage, sich für die Herstellung des Anzuges
 denselben Preis zahlen zu lassen als bisher, und zunächst ist
dieser Verdienst höher, als die Abnutzung der Maschine beträgt.
Wenn nun allmählich die Nähmaschinen allgemeiner zur Anwendung
gelangen, so wird dieser Ueberschuß durch die Konkurrenz allmählich
mehr und mehr herabgedrückt, und tatsächlich kommt es vor, daß
er schließlich verschwindet, ja unter die Herstellungskosten fällt.
Aber dies kann nur vorübergehend sein, denn dann hört die Benutzung
 der Maschine auf, wie das vor zwei Dezennien bei den Maschinen
 in der Schuhfabrikation in Deutschland der Fall war, gegen
welche die Handarbeit eine lange Zeit die Konkurrenz erfolgreich
durchführte. Dann wird natürlich auch entsprechend die Herstellung
von solchen Maschinen unterlassen, denn sie erfolgt nur, wenn sie
mit Vorteil, d. h. unter Erzeugung eines Wertüberschusses, bewirkt
werden kann, und solange irgendein Produktionszweig existiert, in
dem das Kapital einen Ueberschuß erzeugt; das wird aber in jeder
aufblühenden Volkswirtschaft der Fall sein. Ueberall liegt die Möglichkeit
 vor, durch Unterstützung der Arbeitskraft mit Kapital die
Leistung zu erhöhen, sei es in der Landwirtschaft durch Meliorationen,
Erweiterung oder Verbesserung des Viehstandes usw., in der Fabrikation
 durch Beschaffung besserer Maschinen, durch Vergrößerung
des Betriebes, in dem Handel durch erweiterten Einkauf im
großen usW., So daß überall eine größere Nachfrage nach
Kapitalien vorliegt, als Vorrat an denselben vorhanden ist. Infolgedessen
 hat der Inhaber von Kapital stets einen Vorzug vor demjenigen,
 welchem dasselbe nicht zur Seite steht, und da das Kapital
durch die Umsetzbarkeit in Geld fungiblen Charakter annimmt
und leicht aus einer Anlage in eine andere übergehen kann, so zieht
es sich dort zurück, wo es keinen Ueberschuß erlangt, wendet sich
dorthin, wo ein solcher zu erzielen ist, und findet nur da eine Anwendung,
 Im großen ganzen können daher die Preise der Produkte
so hoch gehalten werden, daß sie nicht nur die Unkosten decken,
d. h. den Arbeitslohn‘ und den Ersatz für das aufgewendete Kapital,
        <pb n="343" />
        — 3925

sondern auch noch einen Ueberschuß liefern, das ist die Kapitalsrente.
 Die Hauptursache also ist in der werterzeugenden
Kraft des Kapitals zu sehen, die sowohl in den Maschinen, wie in
den Fabrikgebäuden usw., auf der anderen Seite in der Nutzbarkeit
 der Gegenstände liegt, wie in Wohngebäuden usw., welche natürlich
 in dieser Hinsicht völlig den gleichen Charakter haben, weil
sie für den Menschen ebenso bedeutsam sind wie jene, und weil sie
wegen der erwähnten Fungibilität des Kapitals wirtschaftlich auf
demselben Boden stehen. Der Ziegelstreicher, wie ebenso der Baumeister,
 verlangen dieselbe Bezahlung, ob nun ihre Tätigkeit in Anspruch
genommen war, um ein Wohnhaus oder ein Fabrikgebäude herzustellen,
 oder ob es sich um Arbeiterhäuser handelt, welche der Gutsbesitzer
 oder Fabrikant den von ihm beschäftigten Leuten überläßt;
and ob der Besitzer des Hauses dasselbe selbst bewohnte oder gegen
eine Miete Anderen zur Benutzung überließ, ist für die Betrachtung
der Kapitalsrente völlig gleichgültig.
Diese Kapitalsrente ist nicht zu identifizieren mit dem Kapitalzins,
 d. ji. dem Aequivalent für die Gewährung eines Darlehns, oder
der Verzinsung, welche man sich selbst nach dem allgemeinen Landeszinsfuße
 für die Kapitalien aus dem Erwerbsgewinn für das selbst
benutzte eigene Kapital berechnet.
Die Frage der Berechtigung des Zinsnehmens glauben wir in
Vorstehendem bereits beantwortet zu haben. Wir sehen sie in der
Produktivität resp. der Nutzbarkeit des Kapitals, infolge deren naturgemäß
 Jeder, der sich selbst der Verwertung des Kapitals zugunsten
eines anderen begibt, ein Aequivalent beanspruchen kann, das eben
der Zins repräsentiert. Und der Empfänger des Darlehns kann,
wenn es sich um Produktionskredit handelt, auch einen Zins zahlen,
da er wegen der Unterstützung seiner Arbeitskraft durch das Darlehn
 auf einen höheren Ertrag derselben rechnen kann. Aristoteles
wie die Kanoniker, welche den Konsumtionskredit im Auge hatten,
konnten allerdings das Zinsnehmen als Wucher auffassen, wie auch
jetzt die Sozialisten, welche von der Unproduktivität des Kapitals
ausgehen, das Zinsnehmen als unberechtigt ansehen müssen. Die
Unhaltbarkeit dieser Auffassung suchten wir nachzuweisen.
Der Kapitalzins muß offenbar kleiner sein, als die Rente, welche
las Kapital liefert, weil er aus dem Ertrage zu zahlen ist. Niemand
wird für ein Darlehn 4°, zahlen, wenn er nicht eine größere Einnahme
 durch dasselbe zu erlangen hofft. Der Kaufmann unterläßt
ein Geschäft, wenn der Diskont, den er zu zahlen hat, so hoch ist,
daß er den zu erwartenden Gewinn nahezu erreicht oder gar übersteigt.
 Aber auch der Zins, der für ein Darlehn gezahlt wird, läßt
sich oft in verschiedene Teile zerlegen. | Außer dem Aequivalent für
die Nutzung des Kapitals enthält er noch vielfach einen Lohn für
die Arbeit des Leihgeschäftes, wie das bei dem Bankdiskont
jer Fall ist, oder wo es sich sonst um eine Kreditvermittlung handelt.
 Allgemeiner ist dagegen darin noch eine Risiko- oder Versicherungsprämie
 enthalten, die je nach der Gefahr eines damit
verbundenen Kapitalverlustes eine verschiedene Höhe hat. Stehen
auf einem Landgute oder städtischen Hause Hypotheken eingetragen,
von denen die erste die Hälfte des Wertes umfaßt, die zweite bis
zu zwei Drittel heranreicht, die dritte noch darüber hinausgeht, so
wird für die erste vielleicht ein Zins von 3, %,, für die zweite von

Kapitalzins.

Berechtigung
des Zinses.
        <pb n="344" />
        326

Zinsfuß.

Abweichung
der Höhe des
Zinsfußes von
ler der Rente.

4'/, %%, für die dritte vermutlich von 6°%, und mehr gezahlt. Denn
die Gefahr wird immer größer, einmal, daß der überlastete Schuldner
zahlungsunfähig wird, dann, daß bei einer Zwangsversteigerung des
Pfandobjektes nicht ‚die volle Summe des Wertes oder selbst der
eingetragenen Schuld erreicht wird, und damit zuerst die letzte
Hypothek ausfällt, eventuell noch ein Fehlbetrag für die zweite
bleibt. Niemand wird daher geneigt sein, dieses Risiko ohne eine
antsprechende Entschädigung auf sich zu nehmen. Es ist bekannt,
laß diese Risikoprämie bei Wechseldarlehn oft eine ganz exorbitante
Höhe erreicht.
Die Höhe des Zinsfußes, d. h. das Verhältnis des Zinses zum
Kapitalswerte, ist hiernach in den einzelnen Fällen des Darlehnszeschäftes,
 auch in demselben Lande zur selben Zeit, außerordentlich
verschieden. Ein prinzipieller Unterschied liegt vor, wie wir sahen,
zwischen dem Bankdiskont, also dem Zins für vorübergehende Darlehn
flüssiger Gelder, und dem Zins für dauernde Anlage: von Kapitalien, die
allein nachhaltigen Zinsbezug bezweckt, wie es bei Hypotheken, zinstragenden
 Papieren usw. zum Ausdruck gelangt, und zwar tritt der
letztere als reiner und allgemeiner Landeszinsfuß auf, wo eine völlige
Malen vorausgesetzt wird, also eine Risikoprämie nicht in Frage
ommt.
Die Höhe des Zinsfußes wird nun bedingt durch Angebot der
betreffenden Kapitalien und Nachfrage nach denselben. Das Anyebot
 von Kapital hängt ab von der Wohlhabenheit des Landes und
namentlich von der Zahl der Personen, welche Kapitalien besitzen,
zie aber nicht selbst verwerten wollen. Es wird beeinträchtigt durch
den Abfluß des Kapitals in das Ausland. Die Nachfrage wird be-Jingt
 durch die Stärke der Bevölkerung, d.i. durch die Größe der
Arbeitskraft, welche in der Volkswirtschaft tätig ist und Hilfsmittel
in Anspruch nimmt. Sie wird aber außerdem wesentlich bedingt
durch die Intelligenz der Bevölkerung und deren Fleiß, die sich in
ler Unternehmungslust, dem Erfindungsgeist usw. des Volkes aussprechen.
 Sie ist schließlich abhängig von den vorhandenen Gaben
ler Natur, zu deren. Ausbeutung Kapital erforderlich ist. Wo noch
weite Landstrecken unbenutzt sind, unterirdische Schätze zu heben
bleiben, wo es noch an Kommunikationsmitteln fehlt, wird die Nach-“rage
 eine größere sein, als wo sich der Unternehmungsgeist bereits
1ach allen Richtungen derselben bemächtigt hat.
Somit richtet sich die Höhe des Zinses keineswegs unbedingt
nach der Höhe der Rente, sondern behält innerhalb derselben einen
erheblichen Spielraum. In England z. B. ist der Zinsfuß niedriger
als in Deutschland, die Kapitalsrente dagegen dort sicher durch den
allgemeinen Weltverkehr erheblich höher als hier. Besonders durch
die Kolonien hat in England Jeder, der sein Kapital selbst verwerten
will, ausgedehnte Gelegenheit dazu und Aussicht auf reichen Ertrag,
während infolge der großen Zahl von Personen, die ihre bedeutenden
Kapitalien nicht selbst verwerten wollen, Darlehen billig sind. In
Deutschland begnügt man sich im Durchschnitte mit einem so geringen
 Geschäftsgewinn, wie kaum in einem anderen Lande, während
bei dem geringen Wohlstande Kapitalien knapp sind, und daher der
Zinsfuß verhältnismäßig hoch ist.
Wie erwähnt, ist die Höhe des Zinsfußes begrenzt durch die
mit dem Kapital zu erlangende Rente. Die untere Grenze liegt da-
        <pb n="345" />
        89% —

gegen da, wo der Reiz der Zinsprämie nicht mehr ausreicht, um zur
Kapitalsbildung und zur Eingehung eines Darlehnsgeschäftes in erweitertem
 Maße anzuregen. Mit der Entwicklung der Kultur ermäßigt
 sich der Zinsfuß mehr und mehr. Eine genaue Statistik
darüber fehlt allerdings, weil es schwer ist, für denselben einen angemessenen
 Durchschnitt festzustellen. Den besten Anhalt dafür hat
man in dem Zins für erste Hypotheken und ferner in dem Kurs
sicherer zinstragender Papiere. Für die ältere Zeit fehlt es indes
an derartigen Angaben. Immerhin läßt sich feststellen, daß z. B.
noch im 13. bis 14. Jahrhundert in England ein Zins von 20%
nichts Außergewöhnliches gewesen ist; in dem 16. Jahrhundert betrug
 er 10%, Anfang des 17. Jahrhunderts 8%, in der Mitte desselben
 6"/,, Anfang des 18, Jahrhunderts 5%; in der Mitte des
18. ‚Jahrhunderts stand er zeitweise schon 3°%,, im Beginne des
19. Jahrhunderts wieder erheblich höher und ist dann in der neueren
Zeit unter 2*/, °% gesunken. In Holland war schon Anfang des
18, Jahrhunderts eine längere Zeit hindurch der Zins auf 2%, %, herabgegangen
 (d’Aulnis, Jahrb. für Nationalökon. 1889 Ba. 52).
In Preußen war noch im Beginne des 19, Jahrhunderts der
hypothekarische Zinsfuß sehr allgemein 6—7%,, für zinstragende,
sichere Papiere 5%. Er ging dann Ende der dreißiger Jahre bei den
letzteren auf weniger als 3'/, °% herunter und betrug eine lange Zeit
für hypothekarische Darlehen 5%. Bei den Obligationen war er 1887
auf 3 °/, Anfang der neunziger Jahre auf etwas unter 3!/, °% gesunken,
um 1899 wiederum auf gegen 3'/, °% zu steigen, i. J. 1907 betrug er
etwa 3*%,, während der Hypothekenzinsfuß zwischen 3'/, und 4*/, %
anzunehmen ist. Der Diskont dagegen, namentlich der Privatdiskont,
ist in den neunziger Jahren in Deutschland wiederholt unter 2%, in
London sogar unter 1°, gesunken und steht im Durchschnitte tiefer
als der Landeszinsfuß.
Die folgende Tabelle gibt in den Kursen einen Anhalt zur Verfolgung
 der Entwicklung des Zinsfußes.
(Siehe Tabelle S. 328.)
In mehr zurückgebliebenen Ländern finden wir noch jetzt, selbst
bei ganz sicherer Kapitalsanlage, einen sehr viel höheren Zins, z. B.
in Rußland. In den Ver. Staaten von Amerika steigt er,
je weiter man nach dem Westen geht, während er sich im Osten in
der neueren Zeit dem europäischen wesentlich genähert hat und wohl
auf 4°% und darunter anzunehmen sein dürfte. In Dakota werden
für sichere Hypotheken 7° und mehr gezahlt, und der Zinsfuß für
kaufmännischen Kredit im Westen erreicht sehr allgemein 10 9% und
übersteigt diesen Satz vielfach.
Die verschiedenen Arten der Kapitalsanlage, wie auch die im
Verkehre stehenden Länder streben fortdauernd nach einer Ausgleichung
des Zinsfußes. Die Verschiedenheit erscheint jedoch wegen der hohen
Risikoprämie, die in unkultivierten Ländern gezahlt werden muß, und
die sich bei uns außerordentlich vermindert hat, vielfach größer als
sie in Wirklichkeit ist, Seit den vierziger Jahren hat in der ganzen
ziyilisierten Welt der Eisenbahnbau enorme Kapitalien absorbiert und
zuerst eine Steigerung des Zinsfußes herbeigeführt, dann ein rapides
Sinken aufgehalten, welches der gerade durch die Bahnen stark gehobene
 Wohlstand sonst herbeigeführt haben müßte. Außerdem kam
in Betracht die weitgehende Absorption von Kapitalien durch Staats-Statistik.



TEN
und nächste
Zukunft des
Zinsfußes.
        <pb n="346" />
        328

Die Kurse sicherer Kreditpapiere in Preußen:

Jahreszahl
 |

1811—20
1821—30
831—40
341—50
‚851 — 60
861 - 70
‚871—80
;881—90 .
:291—99 I
391
892
‚893
894
895
‚896
1897
1898
1899
1900
‘901
902
903
904
905
906
907
908
09
10
‚1
1912
1913

Preußische
Staatsschuld-


8 1 9.

62,69
84,57
99,20
94,50
86,00
85,97
91,62
99,81
100 34
98,49
100,05
100,54
102,65
100 94
100 45
100,15
100,05
99 75
95,82
99,45
101,99
102,20
101,89
‚01,41
99,59
04.57
a9 70
95,1: »
93/18
93,31
89,00
85.65

Westpreuß,
Rifterschaftliche

Pfandbriefe
BU

60,82
84.49
97,40
94,30
86,90
80.00
83,91
96,20
98,39
95,40
95,58
97,05
99,27
101,66
100 20
100,22
100,17
97,16
94,25
96 00
98,70
100,61
1,920
100,00
98,88
93,70
91,40
93.70
93155
91,00
92.00
87.65

Kur- und
Neumärkische

Pfandbriefe
Bi

93,96
101,87
102.94
97,75
92.32
83.44
88:69
98.43
99,53
98,65
98/91
98:91
100.44
102,44
101.45
100.93
100.81
98:78
95 00
97.50
99,97
100 95
100 90
100,90
99/37
94.00
92/35
24’20
94,25
93:80
91,50
91.80

]

Preußische
Staatsanleihe


49

92,05
9777

105,62
105,50
106,12
107.10
106 39
105 30
195,29
103.61

100,37
10291
10228
102,43
102/96
9850

Deutsche
Reichsanleihe

34% | _3%

107,70
98.43
99.16
100 39
102,56
104,42
104.49
103 56
102.64
99,65
95 80
99,54
102 06
102,30
101 94
101,33
9950
94.30
92 60
95,15
9317
93,32
89:80
8589

92,25
35.11
35.57
36,35
1.25
8,89
29.18
37.67
35.61
‚0:61
36.74
39.27
492.18
1.49
d02
10,80
38.10
3,90
3330
35,84
84.41
83.65
80.11
75.90

and Kommunalanleihen. Die weitere Entwicklung des Zinsfußes
hängt 1. davon ab, wieweit neue Erfindungen große Kapitalsanlagen
in Anspruch nehmen werden, wobei namentlich die elektrischen Anlagen
 in Betracht kommen, welche bereits große Anforderungen an
jen Kapitalmarkt gemacht haben und ein Hauptgrund der Zinssteigerung
 in der letzten Zeit gewesen sind. Außerdem wird für die Weiterentwicklung
 des Zinsfußes 2. entscheidend sein, ob eine allgemeinere
Reduktion der Staats- und Kommunalschulden in Aussicht genommen
wird, was jetzt nach dem Kriege für absehbare Zeit ausgeschlossen
erscheint; 3. welche Summen die Anlagen im Auslande, namentlich
die Kolonisation absorbiert.
Ein Rückgang des Landeszinsfußes wird im Interesse der ganzen
Volkswirtschaft in hohem Maße zu wünschen sein, um den arbeitslosen
 Gewinn zu vermindern, dagegen dem Strebsamen billig die
Mittel zur Unterstützung seiner Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen,
wodurch die Produktionskraft der Gesamtheit und damit auch der
allgemeine Wohlstand und eine angemessene Verteilung desselben gefördert
 wird.
        <pb n="347" />
        329 —

8 81
Die Arbeitsrente und die Arten des Arbeitslohnes.
Sombart, Lohnstatistische Studien. Arch. f, soz. Ges. 1889. Bd. 2.
E. Chevalier, Les salaires au XIX Siecle. Paris 1887.
H. Frommer, Die Gewinnbeteiligung. Leipzig 1886,
Böhmert, Die Gewinnbeteiligung. Leipzig 1878, .
L. Bernhard, Die Akkordarbeit in Deutschland. Leipzig 1903.
Ders., Handbuch der Löhnungsmethoden. Leipzig 1906,
Hahn, Neuere Luhnversuche. Jahrb, f. Nat.-Oek, 1406, 3. F., Bd. 32, S. 790,
v. Zwiedineck, Beiträge zur Lehre von den Lohuformen. Tübingen 1904.
Die Entlöhnungsmethoden in der deutschen Industrie. Einzelerhebungen und
Untersuchungen v. Zentralverb. f. d. Wohl der arbeitenden Klassen. Berlin 1906
R. Passow, Die Akkordkorps im Hamburger Kaibetrieb. Jahrb. f. Nat.-Oek
3. F., Bd. 46, 1913,

Arbeitsrente ist der Ertrag der menschlichen Arbeit, soweit er
sich aus dem Reinertrage eines Unternehmens feststellen läßt, nach
Abzug des den anderen Faktoren zufallenden Teiles. Sie tritt zutage,
wenn auch nicht vollständig, in dem Gehalt, welches der bei einer
Produktion beschäftigte Beamte bezieht, wie in dem Lohne des Arbeiters.
 In der gleichen Weise muß sich der selbst mit arbeitende Handwerker,
 Gutsbesitzer, Kaufmann, Fabrikunternehmer einen Lohn für
seine Tätigkeit in Anrechnung bringen, wie er ihn einem KErsatzmanne
 geben müßte. Richtig ist es, daß der tatsächliche Ertrag der
Arbeit höher sein muß als der Lohn, welchen der Arbeiter empfängt,
denn ohne einen solchen Ueberschuß würde der Unternehmer den
Arbeiter nicht beschäftigen. Diese Mehrleistung fällt aber mit der
Kapitalsrente oder dem Unternehmergewinn zusammen. Ebenso wie
der Arbeiter ohne Kapital Höheres nicht zu leisten vermag, so auch
das Kapital nicht ohne den Arbeiter. Die Scheidung beider Renten
ist hier natürlich eine rein theoretische.
Der Arbeitslohn wie das Gehalt sind nun als die Entschädigung
für die dem Interesse eines Anderen gewidmete Arbeitskraft und für
die dadurch erzielte Leistung anzusehen.
Die Lohnzahlung kann nun in verschiedener Weise geschehen:
in Naturalien oder in Geld, sowohl nach der Zeit wie nach der
Leistung.
Der Naturallohn war in früheren Zeiten der gewöhnliche. In
dem Feudalstaate des frühen Mittelalters wurde auch das Gehalt
höherer Beamten in Naturalien gewährt, sei es durch Belehnung mit
Grundstücken zur ökonomischen Verwertung oder durch Anweisung
auf gewisse Domanialerträge u. dgl. Noch bis in die Gegenwart hat
sich Naturallohn auf dem Lande bei den Gutstagelöhnern erhalten,
ist aber leider im Schwinden begriffen.
Auf den größeren Gütern der östlichen Provinzen Preußens erhalten
 die sog. Instleute, welche das ganze Jahr hindurch beschäftigt
werden, noch heute den größten Teil ihres Lohnes nicht in Geld,
sondern in der Form einer Wohnung mit Garten, außerdem Ackerland,
 ein halb bis dreiviertel Morgen und mehr, meistens Weide und
auch Winterfutter für eine Kuh, Brennmaterial, Anteil am Dreschertrage,
 oder bestimmte Quantitäten Getreide, weiche zur Deckung
des Bedarfes einer Familie ausreichen. In einer ähnlichen Weise erhält
 bekanntlich das Gesinde den hauptsächlichsten Lebensunterhalt
auch in den Städten in natura, z. T. ist dies auch noch bei Lehrlingen
and Gesellen in Form von Wohnung und Beköstigung der Fall.

Arbeitsrente
und Lohn.

Naturallohn.
        <pb n="348" />
        330 —

\kkordlohn.

Der Vorteil des Naturallohnes liegt hauptsächlich darin, daß die
Arbeiter unabhängig von den Preisschwankungen und den wirtschaftlichen
 Konjunkturen ihren Lebensunterhalt gleichmäßig erhalten,
damit der Sorge hierfür überhoben sind, und somit für eine gleichmäßige
 Ernährung gesorgt ist. Durch die Gelegenheit, sich Vieh zu
halten, Kühe, Schweine, Ziegen, Geflügel, sind die Arbeiter in der
Lage, mehr tierische Nahrungsmittel zu erlangen und sich dabei auch
sinen erheblichen Nebenverdienst durch die häusliche Tätigkeit zu
verschaffen. Gerade hierdurch ist die Lage der ländlichen Arbeiter
in der neueren Zeit wesentlich gebessert, auch wo die Löhne in Geld
nicht höhere geworden sind. Durch Verkauf von KEiern, Hühnern,
jungen Schweinen erhalten sie einen Zuschuß, der in früheren Zeiten
so gut wie unbekannt war. Es ist deshalb im Interesse des Arbeiters
nur zu beklagen, daß die Umwandlung der Naturallieferungen in Geldlohn
 mehr und mehr um sich greift, weil sie allerdings im Interesse
des Arbeitgebers liegt, und der Arbeiter sich in. Ueberschätzung des
Geldwertes und Unterschätzung der Bedeutung der Naturallieferungen
dieser Neuerung gerne unterwirft.
Früher war allgemeiner der Zeitlohn üblich: Tage-, Wochen-,
Jahreslohn. Er ist da am Platze, wo die zur Arbeit aufgewendete
oder auch nur im Arbeitsraum zugebrachte Zeit (Portierdienst) ein
zusreichender Wertmesser für die Leistung ist, oder durch Aufsicht
and Kontrolle die angemessene Ausnutzung der Arbeitskraft garantiert
erscheint. In der neueren Zeit hat sich mit Entwicklung des Maschinenbetriebes
 mehr und mehr der Stück- oder Akkordlohn eingebürgert,
 indem also der Arbeiter nach der einzelnen Leistung bezahlt
wird. Das ist natürlich nur da durchzuführen, wo unter Ausbildung
ler Arbeitsteilung eine Kette von Arbeiten sich in eine Reihe von
Einzelleistungen zerlegen läßt, die sich isoliert leicht messen lassen,
während der Einzelne dieselbe Tätigkeit längere Zeit zu wiederholen
hat. Die Qualität der Leistung muß ferner mehr gleichmäßig und
leicht zu kontrollieren sein. So wird in einer Maschinenbauanstalt
der Schlosser z. B. nach der Zahl der zurechtgefeilten Schraubenmuttern
 oder sonstiger bestimmter Eisenteile bezahlt; in der Spinnerei
die Arbeiterin nach der Quantität abgehaspelten oder gesponnenen
Garns; in der Weberei nach der Meterzahl hergestellten Zeuges usw.
In solchen Gewerben, wo es sich um mehr künstlerische Leistungen
handelt, wie Holzschnitzerei, gewisse Juwelierarbeiten, dann in der
Landwirtschaft bei den meisten Arbeiten, die nicht den "Tag über
den Mann beschäftigen, oder wo sich die Leistungen nicht leicht bestimmen
 lassen, ist der Stücklohn nicht anwendbar. Aber immerhin
finden sich auch dort Gelegenheiten dazu, ihn anzuwenden, wie bei
dem Dreschen, Mähen, Kartoffelausnehmen, Rübenhacken usw.
Der Vorteil dieses Verfahrens liegt darin, daß der Arbeiter durch
sein eigenes Interesse veranlaßt wird, seine Zeit und Kräfte auszunutzen,
 und daher nicht beständiger Aufsicht bedarf, und die Gesamtleistung
 dadurch erhöht wird. Der Vorteil kommt nicht nur dem
Unternehmer, sondern auch dem fleißigen und tüchtigen Arbeiter zugute.
 Als Nachteil ist es zu bezeichnen, daß der nach der Quantität
bemessene Lohn leicht zur Verschlechterung der Qualität führt; und
aus diesem Grunde haben schon die alten Zünfte wiederholt die Anwendung
 des Akkordlohns verboten, aus Furcht, daß dadurch die
Ware verschlechtert werden und der Ruf der Zünfte leiden könnte.
        <pb n="349" />
        331

Die Arbeiter, namentlich die Arbeitervereine bekämpfen ihn dagegen,
weil sie annehmen, daß eine Ueberanstrengung der Arbeiter dadurch
herbeigeführt wird, und zugleich der Unternehmer eine Gelegenheit
findet, den Lohn zu kürzen, wenn durch besonders fleißige Vorarbeiter
höhere Leistungen dadurch erzielt werden. Diese Befürchtungen
sind im allgemeinen übertrieben, wenn sie auch im einzelnen Falle
berechtigt sein können. Eine Gefahr dieser Lohnform liegt so lange vor,
als der Arbeitgeber den Satz willkürlich verändern, also herabsetzen
kann, sobald die Leistungen höher sind. Der Arbeiter hütet sich
seine Kräfte sehr anzustrengen, aus Furcht dadurch zur Herabsetzung
des Akkordsatzes die Anregung zu geben. Jeder, der mehr leistet
als die Anderen, wird angefeindet, und die Arbeitervereine suchen
durch Normierung der Höchstleistungen, die einem Jeden gestattet
sind, einen Einfluß auf die Lohnzahlung zu gewinnen,
Zur Wahrung einer guten Qualität hat sich der Gruppenakkord
praktisch erwiesen, wo nicht das einzelne Stück, sondern das von
einer ganzen Gruppe von Arbeitern gemeinsam hergestellte Werk als
Maßstab des Lohnes gilt; also ganze Maschinenteile, wie sie aus der
Formerei hervorgehen; Armaturen aus der Metallgießerei, schließlich
die ganzen Maschinen. Der Vorteil liegt darin, daß das fertige Stück
leichter nach allen Richtungen hin geprüft werden kann, und die
Zahlung erst stattfindet, wenn alles tadellos befunden ist. Die Arbeiter
haben dann untereinander nach gewissen Normen die Verteilung zu
bewirken. So wird in der Landwirtschaft einer Anzahl Arbeiter ein
Rübenstück zum Ausnehmen, Abputzen und Einmieten der Rüben, ein
Getreidestück zu mähen und die Garben in Stiegen zu setzen, übergeben
 und für das ganze Feld eine ausbedungene Summe gezahlt. Es
kann hierdurch die Zahlung besser der Gesamtleistung angepaßt werden.
Um das Interesse an der Arbeit noch in einem höheren Maße
anzuregen, hat man vielfach mit der Lohnzahlung die Gewährung
von Prämien für besondere Leistungen verbunden, sowohl in betreff
der Quantität wie der Qualität, und hat z. B. namentlich wo ein
Gruppenakkord sich nicht durchführen ließ, eine Prämie für jede
tadellos hergestellte Maschine gewährt; in der Landwirtschaft z. B.
dem Hirten für die Zahl der aufgezogenen Tiere unter Abzug für
jedes gefallene Stück.
In der neueren Zeit hat man in verschiedener Weise versucht,
sowohl die aufgewendete Zeit, wie die Leistung durch Anwendung
des Prämiensystems: zu berücksichtigen, wobei verschiedene Variationen
 möglich und auch durchgeführt sind. Bei dem amerikanischen
Halsey-System wird für jede zu vergebende Arbeit eine Normalzeit (f)
festgesetzt; der Zeitlohn (l) wird gezahlt für die volle gebrauchte
Zeit (b), für die ersparte Zeit (s) wird außerdem !/, oder !/, des Zeitlohnes
 zugezahlt, so daß sich der Satz ausdrücken läßt, durch
die Formel 1b + ES (Hahn 8. 793), Zu dem gewöhnlichen Zeitlohn
 tritt hier also eine Prämie für ersparte Arbeitszeit hinzu,
was namentlich da von Bedeutung ist, wo die Zeit der Herstellung
nicht genau übersehen werden kann, wie besonders bei Reparaturen.
Man sucht damit dem Ca-Canny-System, d. i. der künstlichen Verlang-3amung
 der Arbeit durch die Arbeitervereine, die in England und
auch in den Vereinigten Staaten Eingang gefunden hat, entgegenzuwirken.
 Nach dem sog. Taylorsystem. das zuerst in Pennsylvania
        <pb n="350" />
        332 —

Anwendung gefunden hat, wird die Normalzeitdauer für die einzelne,
iunlichst zerlegte Arbeitsleistung festgestellt und auf einer Karte
dem Arbeiter übergeben, der nun seine Tätigkeit danach einrichten
kann, um möglichst hohen Lohn zu erzielen. Bei dem englischen
Rowansystem wird der verdiente Zeitlohn um so viel Prozent erhöht,
als prozentweise an der festgesetzten Normalzeit erspart ist. Zu beachten
 ist ferner die in England hier und da eingeführte gleitende
Skala, nach welcher die Lohnhöhe mit dem Preise der hergestellten
Ware und damit dem Gewinn des Arbeitgebers in Verbindung gesetzt
 wird. Dies ist nur möglich, wo die Ware eine ganz gleichmäßige
 und der Preis leicht festzustellen ist, wie bei Kohle, Erzen,
Garnen usw. Man findet die Form daher auch hauptsächlich in Bergwerken,
 Spinnereien usw. angewendet, wo Lohntarifverträge auf Grund
der vereinbarten Skala für längere Zeit abgeschlossen werden.
Von besonderer Bedeutung erscheint das neuere Vorgehen von
seiten einzelner Unternehmer, dann besonders einzelner Gemeinden,
z. B. von Straßburg durch Dienstalterszulagen und Familienzulagen
eine Anpassung des Lohnes an die Bedürfnisse zu bewirken. In
dem ersteren Falle wird der Arbeiter an den Arbeitgeber in zweckmäßiger,
 loser Weise gebunden und dem grundlosen Stellenwechsel
entgegengewirkt; zugleich dem Alter die sehr wünschenswerte Erleichterung
 eines behaglicheren Lebens verschafft. Die letztere Maßregel
 will einer größeren Familie das Dasein erleichtern und eine
angemessene Lebenshaltung ermöglichen. Sie schließt aber auch eine
Prämie auf die Vergrößerung der Familie ein, was für deutsche Veraältnisse
 nicht unbedenklich ist, namentlich war.
Teilnehmer- In noch höherem Maße wird das Interesse des Arbeiters mit
ein dem ganzen Unternehmen durch die Teilnehmerschaft am
Reingewinn (industrial partnership) verbunden, die darin besteht,
Jaß entweder in der Form eines Bonus, außer dem gewöhnlich nach
Zeit oder Stückzahl gezahlten Lohne, am: Jahresschluß dem Reinertrage
 des Geschäfts gemäß den Arbeitern eine Extravergütung gewährt
 wird; oder daß ein Teil des Lohnes selbst in einem Prozentsatze
 von dem Geschäftsgewinne berechnet wird, der den Arbeitern
nach dem im Laufe des Jahres verdienten Lohne erst am Schlusse
desselben ausgezahlt wird. Wir können uns v. Zwiedineck (Beiträge
3. 6) nicht anschließen, wenn er die Gewinnbeteiligung nicht als eine
besondere Lohnform gelten lassen will. Sie ist tatsächlich ein Teil
der Entschädigung für die von dem Arbeiter dem Unternehmer geleisteten
 Dienste, Das bleibt bestehen, gleichviel ob die Gewährung
ohne bestimmte Vereinbarung oder durch einen Zusatzvertrag zum
ursprünglichen Lohnvertrag geschieht. Ohne Leistungen des Arbeiters
oder Buchhalters wird auch keine Gewinnbeteiligung zugestanden
werden. Daß diese Form ihre besondere Eigentümlichkeiten hat, ist
ausdrücklich auseinandergesetzt. Auch was der Unternehmer zur
Alters- und Invalidenversicherung beiträgt, sehen wir als einen Teil
der Lohnzahlung an. Der Vorteil der Teilnehmerschaft am Reingewinn
 liegt für den Unternehmer darin, daß die Arbeiter jetzt nicht
nur ein Interesse daran haben, möglichst viel zu leisten, sondern
auch besonders in einer solchen Weise, daß dadurch der Reinertrag
des Unternehmens möglichst gefördert wird. Ein Kohlenbergwerk in
England, welches eine solche Einrichtung traf, beobachtete, daß die
Arbeiter nun nicht mehr bestrebt waren, nur möglichst viel Kohle
        <pb n="351" />
        333 —

an das Tageslicht zu fördern, sondern in möglichst großen Stücken,
die besser bezahlt wurden; unter Vermeidung einer Pulverisierung
des Restes, wodurch die Kohle am meisten entwertet wird; daß
Geräte und Maschinen mit größerer Sorgfalt vor Beschädigung behütet
und besser konserviert wurden; daß an Oel und sonstigem Material
erbeblich gespart wurde, um die Unkosten möglichst zu verringern.
Der Unternehmer hatte ebensolchen Vorteil davon wie die Arbeiter selbst.
Besonders beliebt ist dabei das Verfahren, nur die Hälfte des
Bonus auszuzahlen, die andere Hälfte aber in gemeinsamer Kasse
zurückzuhalten, die zugunsten der übrigen Arbeiter verfällt, wenn
der Arbeiter sich etwas zuschulden kommen Jäßt, entlassen werden
muß oder vor einer gewissen Zeit (5 oder selbst 10 Jahren) ohne
besonderen Grund die Stellung aufgibt. Es ist klar, daß dadurch die
Arbeiter an das Unternehmen gefesselt werden, besonders auch Strikes
erheblich erschwert werden. Der Vorteil liegt daher mehr auf seiten
des Arbeitgebers als des Arbeiters. Zu einem Mißbrauch wird
geradezu die Einrichtung, wenn die Teilnahme am Reingewinn Ersatz
 für den gewöhnlichen Lohn bildet, und der Betrag in Form von
Aktienanteilen ausgezahlt wird, um die Arbeiter zu Mitaktionären
zu Machen, was namentlich dann mitunter beliebt ist, wenn die
Aktien unsicher sind und an der Börse keine Liebhaber finden.
Sind die Bezüge auf Grund der Teilnehmerschaft am Reingewinn
ein Zuschuß zu dem gewöhnlichen Lohne, so wird sich der Arbeiter
unzweifelhaft besser bei diesem Verfahren stehen; und wenn er die
nötige Reife besitzt, um seinen eigenen Vorteil richtig zu erkennen,
und die Tüchtigkeit, dem nachzustreben, wie bei jenem Beispiel des
englischen Kohlenbergwerks, so wird eine solche Einrichtung sich
als segensreich erweisen. Der Gegensatz zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer wird abgeschwächt, und das ganze Verhältnis wird
sich wohltuend entwickeln. Es liegen eine Menge Beispiele dafür
in den verschiedensten Industriezweigen fast aller in Betracht
kommenden Länder vor; auch vereinzelt in landwirtschaftlichen Betrieben.
 Wo dagegen die Arbeiter die nötige Reife nicht besitzen,
wird erfahrungsgemäß die Leistung derselben nicht gefördert, dagegen
Unzufriedenheit bei ihnen erweckt, wenn sie in ungünstigen Jahren
den gewohnten Zuschuß nicht erhalten. Es entsteht leicht Mißtrauen
gegen die Tüchtigkeit der Leitung, ja selbst gegen die Redlichkeit
derselben. Eine günstige Wirkung ist deshalb im allgemeinen von
dieser Einrichtung nur zu erwarten, wo der Arbeiterstand einen
hohen Grad sittlicher Reife und Intelligenz besitzt, wo er außerdem
auf Grund eines patriarchalischen Verhältnisses dem Leiter besonderes
Zutrauen entgegenbringt, und wo das Unternehmen prosperiert.
Unter solchen Verhältnissen wird daher die Einrichtung der Teilnehmerschaft
 am Reingewinn durchaus am Platze und mit Freuden
zu begrüßen sein, während eine allgemeine Einführung sich schon
deshalb verbietet, weil nur besonders günstig dastehende Unternehmungen
 einen Zuschuß zu dem gewöhnlichen Lohn gewähren
können, während eine Herabdrückung des laufenden Lohnes und ein
Ersatz desselben durch die Teilnehmerschaft am. Reingewinn nichts
anderes heißt, als dem Arbeiter noch in erhöhtem Maße das Ge-Sschäftsrisiko
 aufzubürden, während es vielmehr die Aufgabe sein
muß, ihm dasselbe in erweitertem Maße abzunehmen und dem Unternehmer
 zuzuschieben.
        <pb n="352" />
        334

Recht des
Arbeiters auf
len Geschäftsgewinn.


Vahrik.

Dies führt uns zu der Untersuchung, ob der Arbeiter, wie es
von sozialistischer Seite behauptet wird, einen Anspruch auf
solche Teilnahme am Geschäftsgewinne oder gar auf den ganzen
Geschäftsgewinn hat. Es wird dieses auf das KEntschiedenste zu
verneinen sein, denn der Reingewinn eines Unternehmens ist nicht
das Ergebnis der Leistung der einzelnen Arbeiter, sondern allein
lurch die überlegene Schaffenskraft des Unternehmers erzielt. Dies
läßt sich leicht aus einzelnen Beispielen ersehen. Wenn ich eine
Maschinenschreiberin engagiere, ist es dann richtiger, ich garantiere
ihr für jede Stunde Diktierens !„ oder %, M., oder soll ich die Entschädigung
 für die Arbeit davon abhängig machen, ob ich für den
Artikel kein Honorar erhalte, weil er eine wissenschaftliche Spezialfrage
 behandelt, die auf allgemeines Interesse nicht rechnen kann,
der eine interessante Tagesfrage betrifft, wofür eine Zeitschrift
pro Bogen 300 M. geboten hat? Die Schreiberin wird wohl geneigt
sein, die Anpassung des Lohnes an ihre Leistung vorzuziehen und
anerkennen, daß sie für die Verwendbarkeit des Artikels und seinen
pekuniären Erfulg keine Verantwortung trägt und daher auch keinen
Anspruch auf Teilnahme an dem Honorar hat. Dasselbe ist wohl
wohl von dem Setzer und Buchdrucker in betreff des Erfolges der
von ihnen hergestellten Zeitungen und Bücher zu sagen. Sind in
einer Stadt zwei Spinnereien oder Maschinenbauanstalten von gleicher
Größe unter den gleichen Verhältnissen tätig, sind in beiden Arbeiter
von völlig gleicher Tüchtigkeit beschäftigt, so kann doch in beiden
Unternehmungen das pekuniäre Ergebnis ein durchaus ungleiches
sein. Der eine Unternehmer ist geschäftskundig, intelligent und gewissenhaft,
 er hält daher das Unternehmen auf der Höhe der Zeit,
er arbeitet mit den besten Maschinen, bezieht stets ein gutes Rohmaterial
 und gibt nur tadellose Ware an Garnen oder nur gutgehende,
solide Maschinen ab, sein Kundenkreis wird sich daher erweitern,
and er kann hohe Preise nehmen; der Reinertrag wird sich in jedem
Jahre günstiger gestalten. Der Andere ist nachlässig bei dem Bezuge
 des Rohmaterials, die Hilfsmittel sind veraltet, er versteht es
nicht, mit den Kunden umzugehen, das Geschäft geht mehr und mehr
zurück, er schließt mit einem wachsenden Defizit ab, obgleich bei
ihm die einzelnen Arbeiter mit derselben Gewissenhaftigkeit ihre
Aufgaben verrichtet haben, wie bei dem Konkurrenten. Die Spinner
und Maschinisten in der Spinnerei, die Schlosser, die Former, die
Gießer, die Modelltischler, wie die Zeichner in der Maschinenbauanstalt
 arbeiteten in beiden Unternehmungen mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit
 und boten die gleichen Leistungen. An dem Reinertrage
 des ersten Beispiels sind die Arbeiter ebenso unschuldig wie
an dem Defizit des letzteren. Auch hier hat der Arbeiter seine
Schuldigkeit getan, er hat daher ein Recht auf denselben Lohn wie
in der anderen Fabrik, und es wäre ein großes Unrecht, wenn er
für die Untüchtigkeit des Unternehmers büßen müßte. Aber gerade
so unrecht wäre es von ihm, in dem anderen Falle einen Teil des
Unternehmergewinnes zu beanspruchen, der nicht sein Verdienst,
sondern allein der des Unternehmers ist. Weshalb sollte der Spinner
darunter leiden, wenn der Unternehmer aus falscher Spekulation,
weil er glaubte, die Preise würden steigen, die Baumwolle vorzeitig
in großen Quantitäten eingekauft hatte, während ihr Preis und damit
auch der des Garnes in einiger Zeit bedeutend sank, und der Jahres-
        <pb n="353" />
        335 —

abschluß infolgedessen ein sehr ungünstiger war. Es hieße das, den
Arbeiter für etwas leiden lassen, an dem er völlig unschuldig ist.
Er hat in diesem Jahre genau so gearbeitet wie in dem vorigen, er
hat deshalb auch denselben Lohn zu verlangen.
Nach allem ist unter unseren Verhältnissen das moderne Lohnsystem
 nach Zeit oder nach der einzelnen Leistung das allein Richtige.
Die Verwertung des fertigen Produktes, wie die Uebernahme der
Aufträge ist allein Sache des Unternehmers; der Arbeiter wird nicht
mit Unrecht, sondern mit vollstem Recht von der von ihm hergestellten
 Ware getrennt. Der Unternehmer hat das Risiko zu
iragen, wie ihm das Verdienst des Gesamtergebnisses des Unternehmens
 zukommt. Aber, könnte man einwenden, tatsächlich hat
der Arbeiter das Risiko des Geschäftsganges in vielen Fällen mit zu
tragen, z. B. wenn der Unternehmer Bankerott macht, oder bei
ungünstigen Konjunkturen die Arbeit eingeschränkt wird. Das ist
leider richtig, und man soll daran arbeiten, den Uebelstand zu mildern,
aber nicht ihn durch die Teilnehmerschaft am Reingewinn noch mehr
zu verallgemeinern.
Genau ebenso wie in dem Fabrikbetriebe liegt die Sache aber
auch in der Landwirtschaft und bei dem Handwerk. Zwei benachbarte
 Gutsbesitzer, welche Güter von gleicher Güte, gleicher Größe
und einen gleichen Arbeiterstamm haben, können sehr verschiedene
Erfolge erzielen. Es braucht der Eine nur eine falsche Fruchtfolge
einzuführen, schlechtes Saatgut zu verwenden, so können die Arbeiter
noch so gut pflügen, säen und mähen, die Ernte wird doch mangelhaft
 ausfallen. Verfügt der Herr eine unrationelle Fütterung, hält
er eine ungeeignete Viehrasse, so kann auch der beste Hirte keinen
guten Nachwuchs, reichliche Milch und guten Mastzustand erzielen.
Ist der Arbeiter an die falsche Stelle gesetzt, seiner Tätigkeit eine
schiefe Richtung gegeben, so kommt er am unrechten Ziele an, trotz
seiner eigenen Gewissenhaftigkeit. Die Anstellung ist eben Sache
des Leiters. Macht der Schneidergeselle auch noch so sorgfältige,
saubere Arbeit, hat der Meister falsch Maß genommen, so sitzt der
Rock nicht, und der Kunde wendet sich das nächste Mal an ein
anderes Geschäft. Stößt der Meister durch Grobheit die feineren
Kunden zurück, zeigt er in der Auswahl der Zeuge nicht den
richtigen Geschmack, so bleiben die zahlungsfähigsten Kunden fort,
und die Einnahme ist dürftig. Nun liegt der Einwand nahe, daß,
wenn der Geselle schlecht näht, auch das gute Maßnehmen nichts
hilft; aber Sache des Meisters ist es wieder, nur gute Naht zu
akzeptieren; und ist allerdings mit unbrauchbaren Arbeitern ein guter
Geschäftsgang nicht zu erreichen, so ist doch wieder die Auswahl
der Arbeiter Sache des Unternehmers.
_ Wer dem Arbeiter ein Recht auf den Unternehmergewinn zuspricht,
 überschätzt die Leistung des einzelnen Arbeiters und seine
Stellung im gewerblichen Betriebe und unterschätzt dagegen die Bedeutung
 des Unternehmers, was allerdings ein Grundzug der S0Ozialistischen
 Lehre ist.

Landwirtschaft.


Handwerk.

S 82. ;
Die Lohnhöhe.
W. Th. Thornton, Die Arbeit. 1870. nn N
Brentano, Das Arbeitsverhältnis gemäß dem heutigen Recht. Leipzig 1877.
        <pb n="354" />
        — 336 —

Ders., Die Lehre von den Lohnsteigerungen. Jahrb. f. Nat.-Oek., Bd. XVI.
v. Böhm - Bawerk, Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwertes.
Jahrb. f. Nat.-Oek., N. F., Bd. 13.
W. MecDonnell, A history and criticism of the various theories of wages.
Dublin 1888,
Taussig, Wages and Capital. London 1896.
Walker, The wages question. 2. Aufl. New York u. London 1891,
Marshall, Principles of Economics, 3. Ed. London 1898,
7. Ch. Lembke, Ueber einige Bestimmungsgründe des Arbeitslohnes. Jena 1899.
», Zwiedineck, Lohnpolitik und Lohntheorie, Leipzig 1900.
Kuczynski, Arbeitszeit und Arbeitslohn in Europa und England. Berlin 1913.
C. von Tyszka, Löhne und Lebenskosten in Westeuropa im 19. Jahrhundert.
Leipzig 1914.
Ders , Die Entwicklung der gewerblichen Löhne seit Begründung des Deutschen
Reichs. Berlin 1909,
-ohn nach dem Die Höhe des Lohnes ist von verschiedenem Standpunkte aus zu
betrachten; erstens von dem des Arbeiters, nach dem von ihm gebrachten
 Opfer. Je nach der körperlichen und geistigen Anstrengung,
wie nach den damit verbundenen Unannehmlichkeiten oder besonderen
Annehmlichkeiten wird dasselbe sehr verschieden sein, wie ebenso
dieselbe Arbeit für verschiedene Persönlichkeiten mit ungleichen
Kräften, ungleicher Bildung ein sehr verschiedenes Opfer einschließt.
Die Eutschädigung dafür wird deshalb gleichfalls eine ungleiche sein
müssen. Arbeiten schmutziger Art, wie das Reinigen der Kloaken,
das Zerzupfen und Sortieren der Lumpen in der Papierfabrik, werden
einen höheren Lohn erheischen, als gewöhnliche Gartenarbeit für
Männer, Näharbeit für die Frauen. Gesundheitswidrige Tätigkeit in
chemischen Fabriken, Kattundruckereien, Grabenarbeiten im Herbst
und Winter an nassen Orten beanspruchen eine besondere Entschädigung
 für die dadurch zu erwartenden Nachteile. In Deutschland
 ist aber die Lohnabstufung nach der Gesundheitsgefahr noch
eine ganz unzureichende, als Folge der mangelnden Uebersicht und
Erkenntnis der Verhältnisse bei den Arbeitern. Selbst Tätigkeiten,
lie notorisch einen frühen Tod herbeiführen, z. B. die Steinmetzarbeiten
 werden nicht viel höher bezahlt als feinere Maurer- und
Tischlerarbeit, die durchaus gesund ist. Mehr ausgebildet ist der
Einfluß besonderer Unbequemlichkeiten und der Beschränkung persönlicher
 Freiheit auf die Lohnhöhe. Der Gesindelohn ist höher als der
Tagelohn für ähnliche Arbeit und steigt in der neueren Zeit in weit
stärkerem Maße als dieser, weil das Gesinde den ganzen Tag zur
Verfügung der Herrschaft sein muß, unbedingt an die Hausordnung
gebunden ist und seine Unabhängigkeit aufgibt, während die Arbeiterin
in der Fabrik, die Schneiderin, selbst das Ladenmädchen ihre Freistunden
 haben, selbständig wohnen und unter Niemandes Kontrolle
stehen. Für die Aufgabe der Freiheit bieten die bessere Wohnung
und Kost, die verhältnismäßig bessere Geldlöhnung kein ausreichendes
Aequivalent mehr, und die Zahl der Dienstboten nimmt ab. Es ist
eine sehr viel höhere Zahlung nötig, um nur einigermaßen die nötige
Zahl heranzuziehen. Dies tritt am schärfsten in Nordamerika hervor,
wo der Unabhängigkeitssinn am meisten entwickelt ist, und deshalb
die Eingeborenen nur ganz ausnahmsweise Stellungen als Dienstboten
annehmen. Umgekehrt kann für Stellungen mit besonderen Annehmlichkeiten
 nur geringere Honorierung gewährt werden. Der juristisch gebildete
 Beamte, wie der Offizier, die bei uns eine bevorzugte gesellschaftliche
 Stellung einnehmen, müssen sich mit einem verhältnismäßig
niedrigen Gehalt begnügen. Wer sich der künstlerischen oder der
        <pb n="355" />
        — 337 —

wissenschaftlichen Tätigkeit hingibt, kann im Durchschnitte auf hohe
Einnahmen nicht rechnen, wenn er nicht durch hervorragende
Leistungen eine exzeptionelle Stellung erlangt und Monopolpreise
fordern kann, wie ein hervorragender Arzt, Maler, Sänger. Er muß
in der Arbeit, die ihm zum steten Genuß wird, eine Entschädigung
für den fehlenden pekuniären Gewinn sehen. Es ist daher nicht als
eine Ungerechtigkeit zu bezeichnen, wenn geistige Arbeit, obwohl sie
höhere Bildungskosten erforderte, schlechter bezahlt wird als rein
physische Tätigkeit, und je mehr der Bildungsdrang in der Bevölkerung
 sich entwickelt, je mehr Personen aus der unteren Klasse
sich der geistigen Schulung unterwerfen und der Kopfarbeit widmen,
um eine bessere gesellschaftliche Stellung zu erlangen, um so mehr
muß geistige Arbeit im Wert sinken, die physische dagegen erhöhten
Lohn erlangen, um eine Ausgleichung herbeizuführen.
Der Lohn ist ferner im Verhältnis zur Leistung zu betrachten,
 also vom Standpunkt des Arbeitgebers aus. Für
ihn kann ein Lohn hoch sein, der dem Arbeiter niedrig erscheint,
wenn dessen Leistungen sehr unvollkommen sind, und ebenso umgekehrt.
 Nach Chapman (Work and wages London 1904) bediente
ein Arbeiter in Amerika früher 6% Webstühle, in Italien 1—2, in
Deutschland 2'/,, in England 31. Jetzt kann er in Amerika infolge
der Erfindung des ‚Northrop loom 16—20 Webstühle versorgen
(Levy, Jahrbücher für Nationalökonomie 1906. 3. F. Bd. 32 S. 622).
So waren schon in den 90er Jahren die Kosten, die erforderlich
waren, um einfache Fabrikate zu weben, in Amerika niedriger als
in England, obwohl die Löhne dort U höher waren. Daher ist es
außerordentlich schwer, in einer zurückgebliebenen Gegend mit
niedrig stehender Arbeiterbevölkerung einen neuen Industriezweig
groß zu ziehen, z. B. in den östlichen Provinzen Preußens, in dem
Innern von Rußland, obgleich dort der Tagelohn außerordentlich
niedrig ist. Denn der ungeschulte Arbeiter bringt wenig zuwege,
verdirbt viel, so daß exakte Ausführung, feineres Produkt von ihm
nicht erwartet werden kann. Um gute Maschinen, feine Weberei,
zarte Muster in der Kattundruckerei herzustellen, wird eine Zuverlässigkeit,
 eine Präzision in der Ausführung verlangt, welche in
jenen Gegenden nicht zu finden ist. Die hohen Löhne in Westfalen,
 in Elsaß-Lothringen sind deshalb verhältnismäßig immer noch
billiger als die niedrigen Löhne für den polnischen und russischen
Arbeiter,
Von besonderer Bedeutung ist es, die Höhe des Lohnes vom DE dm
Standpunkte des Volkswirtes im Verhältnis zum Lebens- bedürfnis.
bedürfnis des Arbeiters entsprechend der Kulturstufe des Landes
und im Vergleich zu dem gesamten Wohlstande desselben zu betrachten.
 An und für sich wird ein hoher Lohn wünschenswert sein,
um dadurch eine Lebenshaltung zu ermöglichen, welche die körperliche
 Gesundheit und die physische Leistungsfähigkeit ebenso zu
fördern, wie das geistige und sittliche Niveau zu heben vermag. Es
handelt sich nicht allein darum, eine gute Wohnung und gute Nahrung
 zu ermöglichen, sondern überhaupt den Zustand der Bedürftigkeit
 auf ein Minimum zu beschränken. Es ist meist weit weniger
wichtig, daß eine Ware, etwa ein besseres Kleidungsstück, ein Putzgegenstand,
 Spielzeug billiger ist, als daß der Arbeiter, der es herstellt,
 besser belohnt wird und dadurch in den Stand gesetzt ist,
Conrad, Grundriß der volit. Oekonomie. IL. Teil 8 Anfl 292

Lohn nach der
Leistung.
        <pb n="356" />
        — 338

sich und seine Familie besser zu ernähren. Nichts demoralisiert so
sehr als Not und Elend, nichts hemmt den Kulturfortschritt in dem
Maße, als dauernde Dürftigkeit der großen Masse der Bevölkerung,
Wo hohe Löhne in Aussicht stehen, ist der Fleiß angeregt; die Möglichkeit,
 sich in die besitzende Klasse emporzuarbeiten, vermindert
den Klassengegensatz und weckt den Selbständigkeitssinn und das
Selbstbewußtsein, was jedem Reisenden in England und in den
Vereinigten Staaten in wohltuender Weise auffällt. Außerdem
fördert eine große Kaufkraft der Arbeitermasse den ganzen volkswirtschaftlichen
 Betrieb und bildet die Grundlage für eine blühende
Volkswirtschaft.
Ueber die Entwicklung der Lohnhöhe gibt Schmoller in
seinem Grundriß T. ]I, S. 294 nach Stephan Beißels Untersuchung
über die Baugeschichte der Xantener Kirche ein sehr gutes Beispiel,
wobei 1 Xantener Denar — 2,7 jetziger Pfennige berechnet ist:
Tagelohn in Denaren und Wochenverdienst in Kilogramm
Weizen, Roggen und Gerste
Für ei 1350—1399 1450—1499 1550-—1599 1600—1649 1650—1679 1882
sur eınen
Meister 33 Den. 36 Den. 72 Den. 166 Den, 200 Den. 820 Den.
Wochenver- ;
dienst 150 kg 100 ke 48 kr 66 kg 78 kg 78 kg
Säger 25 Den. 25 Den. 75 Den. 155 Den. 189 Den. 680 Den.
Nach den Angaben des Annuaire Statistique de la France 30. Bd.
1910 war die Entwicklung der Löhne in Frankreich seit den fünfziger
 Jahren die folgende: Durchschnittslöhne in Kohlenbergwerken
von Arbeitern und Arbeiterinnen.

Tagelohn Jahreslohn
Fr. Fr.
1851—60 2,34 644
1861—70 2,77 789
1871—80 3,401) 948
L881—90 3,81 1086
1891—1900 14,23 1210
1901—19093 14.66 1360

Die Durchschnittslöhne pro Tag in 43 Berufen waren nach Ermittlung
 der conseils des prud’hommes (v. Tyszka S. 12)

1896 1901 1906 1911
in Paris 6,37 693 719 7,24
in anderen Städten 3,85 3,92 4,10 4,22
Die Einfuhrpreise in Paris waren nach den Indexziffern von 10
Artikeln:

1891—1900 == 100
1881— 1890 = 123
1901—1909 = 109

Die Ausgaben für Ernährung, Heizung, Beleuchtung einer vierköpfigen
 Zimmermannsfamilie stellten sich nach demselben Autor auf
Grund der Preisangaben der Pariser Armenverwaltung.
Es ergibt sich nach der folgenden Tabelle, daß bis 1871—80
seit 1835 eine nicht unbedeutende Preissteigerung stattgefunden hat,
welche die Kaufkraft der Lohnsteigerung auszugleichen vermochte,
während dann ein Rückgang der Preise die Wirkung der weiteren
Lohnerhöhung für die ganze Lebenshaltung erheblich unterstützte.
Y 1871-—75,
        <pb n="357" />
        339 —
gesamtausgabe ohne Wein und Zucker
Yr. Pr.

1835 —45 875
:846—50 881
1851—60 9355
1861—70 989
1871—80 1104
1881—1890 1024
1891—1900 930
1901 - 1905 854
1906-—1909 R66

678
696
725
779
78
810
775
762
789

In England sind namentlich in der letzten Zeit die Löhne nicht
so erheblich gestiegen wie in Frankreich. v. Tyszka bringt dies in
folgender kleinen Tabelle zur Anschauung, indem er die Indexnummern
für das Jahr 1900 = 100 setzt und zu folgenden Zahlen kommt:

Großbritannien Frankreich
An

L805/6
1820
1830
1850
1860
1870
(875°
1880
1890 ca
1900 100
1905 96
[910 100

Da
co
10
105
110

Da nun der Durchschnittspreis nach derselben Quelle in London
für ein Vierpfund-Weizenbrot von 1841—70 8,5, d., von 1871—80 7,8,
von 1881—90 6,5, 1891—1900 5,6, 1901—11 6,1 d. betrug, so
ist in den letzten Dezennien eine erhebliche Brotverbilligung
zu verzeichnen. Dasselbe ist vom Rindfleisch zu sagen, welches in
London von 1861—70 9,1 d., 1871—80 1 Sh. 2 d, 1881—90 1 Sh,
1891/1900 10 d. 1901/, 1 Sh. kostete. Von 1904—11 gingen die Preise für
englisches Rindfleisch pro Zentner von 51 S. 6 d. auf 54 Sh. herauf,
während das argentinische Fleisch nach Schwankungen auf den ersten
Satz zurückging. Die Ausgaben einer englischen Arbeiterfamilie für
die notwendigsten Lebensmittel berechnet v. Tyszka von 1873—80
auf 917 Sh., von 1881—90 auf 787 Sh., von 1891—1900 auf 657 Sh.
1901/2 690 Sh. Dieser Rückgang ist natürlich für die Beurteilung der
Lohnverhältnisse von größter Bedeutung.
In Deutschland sind in den letzten Dezennien die Löhne außerordentlich
 gestiegen. So gibt Kuczynski dieselben wie folgt an:

Kohlenbergleute
in Dortmund pro
Schicht Mk.
1871—75
L876— 80
1881-90
‚891— 1900
1901— 1910
{911 -— 1912

Stundenlöhne der wöchentl. Minimallohn
Maurer in Fürth der Buchdrucker in Berlin
nach den Tarifverträgen
1873—75 26 00
1875 —78 24 38
1879—89 23.90
1890-1901 26,00
1902—1906 28.13
1907—1911 31.25

26
32
32
3
191)
392)

1) 1901—08. 2) 1911—18.
        <pb n="358" />
        — 340 —

Berücksichtigt man nun die Entwicklung der Lebensmittelpreise
in derselben Zeit, um die Reallöhne, d. h. die Kaufkraft der Löhne
festzustellen, und geht von den Indexnummern von 1900 = 100 aus,
so ergibt sich nach v. Tyszka folgendes Ergebnis:
Geldlohn Reallohn
1866—72 100,6 57,8
1873—80 111,0 65,5
1881—85 104,8 56.1
1886 —90 99,2 77,7
1891—95 104,9 69,1
1896—1900 100,0 1000
1901—1905 106 1 88,1
1906—1910 121.2 82,9
1911—1912 135.2 81.5

Gegenüber den siebziger und achtziger Jahren konnte sich die
Lebenshaltung nicht unerheblich bessern; wie das auch die folgenden
Zahlen von Ashley schlagend nachweisen. Seit Ende der neunziger
Jahre hat sich dagegen ein Rückschlag ergeben, der durch die
Mietsteigerung noch nicht unbedeutend verschlimmert, ist. Besonders
England gegenüber steht Deutschland ungünstig da, wo die Preise
für die Arbeiterbevölkerung im Laufe der letzten Dezennien
zurückgingen, hier dagegen erheblich stiegen. Durch die starke Lohnerhöhung,
 die doch nicht ausreichte, dem Arbeiter eine wesentlich
bessere Lebenshaltung zu ermöglichen, wurde die Konkurrenzfähigkeit
der Unternehmer auf dem Weltmarkt nicht unbedeutend erschwert.
Nach Berichten der Konsumanstalt in Essen hat Ashley (Das
Aufsteigen der arbeitenden Klassen Deutschlands im letzten Vierteljahrhundert,
 übers. Tübingen 1906) die Entwicklung der Löhne und
der Lebensmittelpreise in den Kruppschen Werken von 1871—1900
folgendermaßen zusammengestellt:

Internationale
Vergleichung,

Durchschn,
Tagelohn
pro Kopf
M. Proz.
1871 3,03 100
1875 389 198
1880 519 705
1885 64 9
1890 95 )
1895 10 5
1896 4,24 ?9
1897 4,48 27 Ken
1898 457 50 116
1899 4,72 155 104
1900 4,718 157 102

Rindfl

7, hf

Kartoff.

Roggenbrot

»07

LVA

n0
05
na

7r0Z.
‚00
1

Proz.
100
93
.
0

m

4

A

4
„42
109
109 5
109 121 73
11 121 59

»
+9
85
85
83

Wir geben in den folgenden kleinen Tabellen eine Vergleichung
der Lohnverhältnisse in verschiedenen Ländern, wie sie Dr. E. P. €.
Gould in den Jahrbüchern für Nationalökonomie, 3. F., Bd. V, gegeben
 hat. Es handelt sich dabei um Beispiele, die nur als ungefährer
 Anhalt zur Vergleichung verwertet werden können.
(Siehe Tabellen 8. 341 u. 342.)
Die obigen Angaben zeigen, wie erheblich die Lohnverhältnisse
in Deutschland hinter England und Amerika zurückgeblieben sind.
Die verhältnismäßig hohen Zahlen der deutschen Lohnsätze und die
Angaben über die Wohnungsverhältnisse zeigen, daß man es nicht
        <pb n="359" />
        341 —

Kohlenarbeiter

Familien

Wohnungen


Jährliche Bareinnahmen der Familie

Verdienst des Andere !Gesamt-Mannes
 Bareinnahmen einnahme

der
Familie
M.

Land

|

Größe der
Familie

jröße der
Wohnungen


Ws]

Personen

Zimmer

Vereinigte Staaten 5308| 5,3 E,9
Großbritannien . . 166 5,4 3,8
Belgien . . . .| 10 6,0 8,3
Deutschland . . .| 18] 7,1 3,2

1706.92 77,E
1506,88 761
1166,00, 685
1080,04 | 658.

494,28 225 2201,20
474.12 23.9 1981.00
540.20 31,7 | 1706,20
535,92 | 34/2 | 1565,96

1
Int Sm
S’E
AS,
a
38
Sea
äs
ER
B£
a3

x 1
So
a
38
S£
A
an
o
am
Ss
= N
m’

Jährliche Bareinnahmen

Nationalitäten

Verdienst des
Mannes

Andere
Bareinnahmen

‘'Gesamtein-


der
Familie
M.

Pro-Betrag
 vont-M.
 - satzı

Betrag
M.

Prozent-



Fünf amerik. Bergmannsfamilien:
Durchschnittsberechnungen
Fünf engl. Bergmannsfamilien :
Durchschnittsberechnungen
Fünf belgische Bergmannsfamilien :
Durchschnittsberechnungen
Fünf deutsche Bergmannsfamilien :
Durchschnittsberechnungen

8,2 2055,04 | 100
3,8 ) 1974,60 | 100
3,0 | 1337,96 | 100
8,2 | 3,6 | 1154,20 | 81,1 | 267,72

2055,04
1974,60
1387,96
18,91 1421,92

Fabrikation von Stangeneisen

Familien

Wohzungen


Land

Mes
„E%5
8 S35
N 4 "Pa

Durchschnitt]

Zimmerzahl
 pro
Tamilie

‚=Verein.

 Staaten|623/ 4,8 5,0
Großbritannien|11“‘| 48 4,2
Frankreich 40) 5,3 4.0
Belgien 75/ 5,5 85
Deutschland [| 22 6,0 1,9

Jährliche Bareinnahmen

Verdienst | Andere Bar- | , =
des Mannes ' einnahmen © Sa
358
En
DEE
M.

| Pro- ‘ Pro-Betrag
 | zent-/ Betrag 74.
M. satz! mM. satz '

2793,96| 89,1
1755.96| 84.
1326,48 71.
854.04! 59
975,68) 86,4

342.48
324.00
532.48
583,44
153.12

10,9 |3136 44
15°6 (2079.96
28.6 [1858,96
40.6 |1437,48
13'6 1128,80

Miete

Pro-Betrag
 | geut-M.
 | satz

429.32 16,0
213.08 11,1
123,92 | 7,7
[37.481 97
69,96 | 62
        <pb n="360" />
        342

Löhne und Zeitdauer der Arbeit der Metallarbeiter
in verschiedenen Ländern.

Schmied .

Kesselschmied
Ungelernter Tagelöhner
 . ..,
Maschinist. . ,
Buchdrucker . .
Kisenmodellarbeiter
Bleiarbeiter . .
Steinmetz .

Löhne in £#
Wochenarbeitszeit
Löhne in £
Wochenarbeitszeit
Löhne in #
Wochenarbeitszeit
Löhne in $
Wochenarbeitszeit
Löhne in $
Wochenarbeitszeit
uöhne in #
Wochenarbeitszeit
öhne in $
Wochenarbeitszeit
öhne in #
Wochenarbeitszeit

BL aM
1 Si .
358| 5 |:
2 2 |
; =
&amp;gt;

SS WG
5 5 nn
Int * ®
A ‚0 £&amp;amp;
=] D ©
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66
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27,6 +) |
534% 50% | —
7,6 55 16
531% AL 60
L 3 [4
Al 7 63
3 »
3! il
Eh | I
7 ) |
+ 1,6
13 — 60
40- 26 29
49 56'% | 54
40 | 2 34,6
50 54 60

A

211%
54
16,6
I)
9
0) 4
28 60
65 48

3
7

1)
32
49

mit gewöhnlichen, sondern qualifizierten Arbeitern zu tun hat, die
auf höherer Stufe stehen, sonst würde der Unterschied noch größer
sein. Die bessere Lage der amerikanischen und englischen Arbeiter
wird noch dadurch erhöht, daß die gewöhnlichen Lebensmittel und
Wohnungseinrichtungen, in England auch die Kleidung, weit billiger
sind, als in Deutschland, wofür Gould auch Beläge liefert, welche
aber noch hinter den tatsächlichen Verhältnissen zurückbleiben. Die
Wohnungen sind in Wirklichkeit dort nicht teuerer wie hier. Die
Zahlen an Miete müssen natürlich für jene Länder höhere sein, da
mehr Zimmer, bessere Ausstattung und meist ein eigenes Haus verlangt
 werden, während in Deutschland die Wohnungen gewöhnlich
sehr beschränkt und dürftig sind. Der Unterschied des für die
Wohnungen ausgegebenen Prozentsatzes vom Einkommen dürfte zu
extrem sein. Auch in Deutschland wird namentlich in den größeren
Städten ein erheblich höherer Prozentsatz als 6 % für die Wohnung
ausgegeben. Dagegen sind in jenen Ländern die Schwankungen in
der Beschäftigung stärker, weil die Unternehmer mit viel größerer
Rücksichtslosigkeit die Tätigkeit einschränken und Arbeiter entlassen.
sobald die Konjunkturen ungünstiger werden, wie in Deutschland
Ebenso werden dort ältere Arbeiter, die lange Jahre dem Unternehmen
 gedient haben, ohne Bedenken abgestoßen, sobald ihre
Arbeitskraft nachläßt, und sich selbst überlassen, was hier doch nur
ausnahmsweise vorkommt, wo außerdem die Arbeiterversicherung
ihnen einen ergänzenden Alterslohn gewährt, den man im Auslande
noch nicht in dem Umfange kennt.

1) Jahrbücher £. Nat.-Oek. 1907, Bd. 38. Schachner, Australien als selbständiger
Produktionsstaat.
        <pb n="361" />
        343 —

8 83.
Lohnregulierung.
Bi Fr J. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen. Jahrb. f. Nat.--Oek. 1892.
Straßburger, Kritik der Lehre vom Arbeitslohn. Jahrb. f. Nat.-Oek. Bd. 12,
Wenden wir uns nun der Untersuchung zu, wodurch überhaupt
die Höhe des Lohnes bestimmt wird, und auf welche Weise und
wie weit eine Lohnsteigerung erzielt werden kann,
Die Minimalgrenze des Lohnes der einfachen Arbeiter bildet
naturgemäß der gemeingewöhnliche Lebensunterhalt, wie er nach
der Kulturstufe und den Gewohnheiten der Unterhaltung der Familie
in den unteren Klassen gebraucht wird. Es handelt sich hierbei
nicht nur um das zur Existenz Notwendige, sondern auch um weiteryehende
 Bedürfnisse, wie sie sich als der Kulturstufe des Landes
entsprechend allmählich tatsächlich und gemeingewöhrlich eingebürgert
 haben. Es braucht also nicht eine Verringerung dieses
Lohnes sofort eine Hungersnot herbeizuführen, und doch hält der
Arbeiter an diesem Minimum mit der außerordentlichsten Zähigkeit
fest. Er wechselt den Beruf, verläßt die engere Heimat und selbst
unter unseren Verhältnissen das Vaterland, ehe er den Lohn unter
jenes Minimum herabdrücken läßt; und die öffentliche Meinung steht
ihm zur Seite, um ihn darin zu unterstützen. Diese durchschnittliche
 Lebenshaltung (standard of life) kann deshalb mit den Pro-Juktionskosten
 der Waren verglichen werden. Der Lohn unterscheidet
 sich aber wesentlich von dem Preise der Ware dadurch,
daß, während bei der letzteren fortdauernd mit der Kulturentwicklung
 eine Senkung der Produktionskosten erstrebt und erreicht wird,
bei dem Arbeitslohn bei aufblühenden Völkern eine fortdauernde
Steigerung sich durchringt, auch wenn die rein wirtschaftlichen Vernältnisse
 eine besondere Veranlassung dazu nicht geben.
Die alte Schule, insbesondere Ricardo, lehrten nun, daß die
Lohnregulierung ebenso wie die Preisregulierung nach dem Gesetz
von Angebot und Nachfrage vor sich gehe. Sie übersahen, daß der
Träger der Arbeitskraft, für welche der Lohn gezahlt wird, der
Mensch ist, der auf höherer Kulturstufe als solcher eine besondere
Berücksichtigung erfährt. Ist eine gewisse Lebenshaltung in dem
Volksbewußtsein als notwendig anerkannt, so tritt die öffentliche
Meinung, wie angedeutet, für die Erhaltung derselben nachdrücklich
ein, und ist sie infolge einer längeren Lohnerhöhung erreicht, so
pflegt sie auch als dauernde Errungenschaft erhalten zu bleiben.
Aber freilich ist die Wirkung einer Lohnerhöhung auf jeder Kulturstufe
 eine andere,
Auf primitiver Stufe wirkt, wie Malthus und Ricardo annahmen,
 eine jede Erhöhung des Verdienstes (wie bei den Tieren reichlichere
 Nahrung) auf eine schnellere Vermehrung der Gattung hin,
verallgemeinert vorzeitige Ehen und fördert die Großziehung einer be-Jeutenden
 Kinderzahl, wodurch bei begrenzten Verhältnissen sich ein
übermäßiges Angebot von Arbeitern herausstellt. Dadurch wird der
Lohn wieder herabgedrückt, bis er unter den normalen Unterhalt
yefallen ist, wo verspätete Eheschließung und erhöhte Sterblichkeit
die Zahl der Arbeiter vermindern und das Verhältnis des Angebotes zur
Nachfrage für sie wieder günstig gestalten. Die erwähnten englischen

Lohnregulieruneg.


Rieardo.
        <pb n="362" />
        : 344 —

Zhernes Lohnvesetz


Autoren glaubten, hierin ein volkswirtschaftliches Gesetz gefunden zu
haben, welches allgemein so wirke, und wenn auch von beiden anerkannt
wurde, daß der Arbeiter bei höherer sittlicher Reife und KEnthaltsamkeit
wohl ein anderes Ergebnis herbeizuführen vermöge, so hatten sie doch
wenig Hoffnung auf einen solchen Zustand und zogen ihn nicht in
Rechnung. Der tatsächlich gezahlte oder der Marktlohn oszilliere
um den natürlichen Lohn, der nach Ricardo der zum Leben zulängliche
 und notwendige Lohn ist.
Ferdinand Lassalle knüpfte an diese Lehre an und verkündete
 in seinem „Offenen Antwortschreiben an den Deutschen Arbeiterverein“
 in Leipzig das sogenannte „eherne Lohngesetz“ Ricardos,
wonach der Arbeiter in dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sich
aus den oben angegebenen Gründen niemals zu einem Lohn emporarbeiten
 könne, der über das Maß hinausgehe, das nötig ist, um die
dürftige Fristung des Lebens zu ermöglichen. Kine lange Zeit bildete
dieses eherne Lohngesetz in der deutschen Sozialdemokratie ein Hauptagitationsmittel,
 bis in den letzten Jahren die Führer selbst die Unhaltbarkeit
 erkannten und es über Bord warfen. Sie hatten oft genug
wahrgenommen, daß in der Gegenwart eine Lohnerhöhung keineswegs
nur zur Volksvermehrung führt, sondern bei nachhaltiger Wirkung
zur Erhöhung der gesamten Lebenshaltung beiträgt. Wenn die gewaltige
 Lohnsteigerung von 1871—73 zunächst vielfach Trägheit,
Leichtsinn und Genußsucht förderte, öfters ein, zwei Wochentage gefeiert
wurde, weil der Verdienst von vier Tagen zum Leben ausreichte, so
olieb das doch Ausnahme. Die große Masse gewöhnte sich daran,
sich besser zu kleiden, die Wohnung behaglicher einzurichten, und
hat von dieser Gewohnheit nicht mehr abgelassen. Als daher Ende
Jer siebziger Jahre das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich
vedeutend zuungunsten der Arbeiter yerschob, hat nur bei den
angelernten Arbeitern eine erheblichere Reduktion des Lohnes stattgefunden
 und auch da nicht auf das frühere Niveau herunter. Jede
folgende günstige Konjunktur brachte aber einen weiteren Fortschritt
in den Lohnverhältnissen, wovon der größte Teil sich als nachhaltig
erwies. So hat sich die Lage der arbeitenden Klassen in den letzten
ärei Dezennien mehr gebessert als vorher im Laufe von zwei Jahrhunderten.

Eine obere Grenze des Lohnes ist auf der anderen Seite in der
Leistung des Arbeiters zu sehen. H. von Thünen und die Wiener
Schule halten nun überhaupt die Produktivität des letzten Arbeiters,
der noch zur Tätigkeit herangezogen wird, für entscheidend für die
Lohnhöhe. Ein Fabrikant wird allerdings so lange noch weitere
Arbeiter anstellen, als dieselben über ihren Lohn hinaus Werte zu
produzieren vermögen. Er wird einen höheren Lohn nicht zahlen,
als diese zuletzt herangezogenen Arbeiter an Werten schaffen. Man
weiß aber, daß der Fabrikant vielfach in der Lage ist, auch bei sehr
hohem Verdienst den Lohn nicht zu erhöhen. Man wird daher in
der Leistung des Arbeiters nur nach einer Seite hin eine Grenze zu
sehen haben. .
Die zweite Voraussetzung der Ricardo-Lassalleschen Lehre
ist die naturgesetzliche Wirkung einer jeden Verschiebung des Verhältnisses
 von Angebot und Nachfrage auf den Lohn, wie sie bei den
Warenpreisen eben erörtert ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
auch der Lohn dadurch in weitgehendem Maße beeinflußt wird. Zur
        <pb n="363" />
        — 340 —

Erntezeit sind die Löhne auf dem Lande höher als im Winter. Sie
steigen infolge eines Aufschwunges der Industrie, sie haben jedenfalls
die Neigung zum Sinken zur Zeit einer wirtschaftlichen Depression.
Aber schon das oben angeführte Beispiel (S. 344) der Lohnentwicklung
während der siebziger Jahre zeigt, daß durchgreifende und bedeutsame
Abweichungen hiervon vorkommen. Der Arbeitgeber ist nicht in der
Lage, rücksichtslos seine Macht zu verwerten und bei dem Vorhandensein
 einer großen Zahl Arbeitsloser den Lohn entsprechend
herabzudrücken. Er unterläßt dieses oft aus Menschlichkeit, noch
öfter, weil er sich sagt, daß er die Achtung seiner Nebenmenschen
durch rücksichtslose Ausbeutung seiner Macht einbüßen und endlich,
daß er in Zeiten der Arbeiternot nicht die entsprechende Zahl von
Arbeitern finden würde, weil diese Sorge haben, früher oder später
seiner Rücksichtslosigkeit zu verfallen. Daher auch die fast allgemeine
 Erscheinung, daß selbst bei Entlassung einer großen Zahl
von Arbeitern aus einer Fabrik die noch weiter Beschäftigten den
alten Lohn erhalten und kein Versuch gemacht wird, denselben
herabzudrücken. Der Usus spielt hier eine außerordentlich große
Rolle. Sowohl zwischen einzelnen Ländern wie zwischen den verschiedenen
 Geschäftsbranchen herrscht hier eine große Ungleichheit.
Eine rücksichtslose Entlassung der im Momente nicht gebrauchten
Arbeiter, wie eine Herabsetzung der Löhne in Zeiten ungünstiger
Konjunkturen ist, wie erwähnt, in England und den Ver. Staaten
Nordamerikas sehr viel allgemeiner als in Deutschland. Die
Löhne schwanken weit mehr in der Hausindustrie als in dem Fabrikbetriebe,
 auf dem Lande mehr im Sommer als im Winter. . Einen
wesentlichen Einfluß hierauf übt naturgemäß die Organisation der
Arbeiter aus und die Ausbreitung der Arbeiterbewegung unter der
Beteiligung der öffentlichen Meinung, einmal, weil dadurch das Verhältnis
 von Angebot und Nachfrage in hohem Maße beeinflußt werden
kann, dann aber durch die größere Wirkung des moralischen Drucks.
In England und Amerika, wo die Löhne überhaupt weit höher
sind, daher auch eine Lohnermäßigung noch nicht zur Not der Arbeiter
führt, ist trotz der besseren und verbreiteteren Organisation der Arbeiter
 immer noch eine Lohnherabsetzung leichter durchzuführen als
in Deutschland, wo immer allgemeiner von der öffentlichen Meinung
eine Besserung der Lohnverhältnisse als wünschenswert, ja notwendig
anerkannt wird. In jenen Ländern ist dafür das Ehrgefühl und der
Klassengeist mehr entwickelt und tritt schärfer als Hemmnis einer
Lohnminderung hervor. So schreibt B. Webb (Theorie und Praxis
der engl. Gewerkvereine Bd. II 8. 291): „Man könnte einen englischen
Maschinenbauer nicht leicht überreden, für wöchentlich 13 Sh. in seinem
Gewerbe Arbeit zu übernehmen, wenn das Angebot von Maschinenbauern
 auch noch so groß wäre. Ehe er seiner Selbstachtung so Gewalt
 antäte, würde er lieber als Tagelöhner arbeiten.“ Diese Imponderabilien
 bei der Lohnregulierung hat die alte Schule gänzlich
unberücksichtigt gelassen. Sie haben allerdings auch erst in der
zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine höhere Bedeutung gewonnen
 und werden hoffentlich in diesem Jahrhundert noch wesentlich
 an Einfluß gewinnen.
Karl Marx stellte die Behauptung auf, daß in dem Zustande
wirtschaftlicher Freiheit eine Besserung der Lage der arbeitenden
Klassen nicht zu erwarten sei, sondern vielmehr eine wachsende Ver-Reservearmee,
        <pb n="364" />
        — 346 —

Lohnfondstheorie.


elendung derselben sich mit Notwendigkeit entwickeln müsse, weil
sich stets eine bedeutende „Reservearmee“ beschäftigungsloser Arbeiter
 in den Kulturländern erhalte, die fortdauernd geneigt sei, für
billigen Lohn Arbeit zu übernehmen und ein überwiegendes Angebot
herstelle, wodurch ein permanenter Druck auf den Lohn ausgeübt
werde. Die Annahme einer solchen beständigen Reservearmee ist
aber, wie so Vieles bei Marx, und zwar besonders in der ihr beigelegten
 Bedeutung, eine willkürliche Annahme. Wird auch die
Statistik stets eine Anzahl Arbeitsloser nachweisen, vor allem zu
bestimmten Zeiten der Saisonarbeiter, so betreffen diese doch nicht
alle Geschäftsbranchen und bilden im großen Durchschnitt ein Angebot
 durchaus unterwertiger Qualität, sobald nicht eine Ausnahmslage
 durch eine wirtschaftliche Depression vorliegt. Auch in Zeiten
des Arbeitermangels finden sich stets Arbeitslose, teils wegen körperlicher
 Unzulänglichkeit, teils wegen Untüchtigkeit und besonders
aus Arbeitsscheu. Die Konkurrenz dieser Elemente ist daher an und
für sich von geringer Bedeutung, und im Zusammenhange mit dem
vorhin Ausgeführten verschwindet ihr durchschnittlicher Einfluß völlig.
Wir haben schließlich noch die sogenannte Lohnfondstheorie
zu erwähnen, welche hauptsächlich und zuletzt von John Stuart
Mill vertreten wurde. Sie besteht in der Auffassung, daß der Lohn
der Arbeiter aus dem Kapitale des Unternehmers gezahlt werde, und
hierzu aus dem Nationalertrage wiederum dem Unternehmer nur ein
bestimmter Teil zur Verfügung stehe, so daß die Zahl der vorhandenen
 Arbeiter sich darin zu teilen habe. Je größer die Zahl und damit
 der Divisor, um so kleiner sei der Anteil des Einzelnen, um so
niedriger der Lohn. Die Zahl der Arbeiter sei deshalb allein entscheidend
 für die Lohnhöhe. Mit vollem Recht ist dagegen eingewendet
 und jetzt allgemein anerkannt, daß ein solcher in seiner Höhe
beschränkter Lohnfonds nicht existiert, und ferner der Arbeiter durch
seine Tätigkeit fortdauernd neue Werte schafft, die zwar nicht immer,
und in dem Fabrikbetriebe wie in der Hausindustrie immer seltener,
anmittelbar zur Konsumtion reif sind, aber doch zum großen Teile
dem Unternehmer fortdauernd einen Kapitalzuwachs gewähren. So
schießt der Unternehmer allerdings den Arbeitern im allgemeinen
aicht unerhebliche Summen vor, von denen sie leben, während sie
neue Werte schaffen, bis dieselben im Verkehre umgesetzt werden
können, aber es wird nicht von ihm verlangt, den ganzen Lohn allein
and aus seinen vorrätigen Fonds zu zahlen, weil die fortlaufenden
Produkte der Arbeitstätigkeit ihm nach kurzer Zeit die Auslagen
heimzahlen, und je nach diesen Leistungen, die, wie wir sahen, keineswegs
 auf den Arbeiter allein zurückzuführen sind, sondern auch auf
das Kapital und den Unternehmer, wird der Lohnfonds permanent
gespeist und verändert. Es ist also nicht der bereits vorher bestehende
 Fonds maßgebend für den Lohn, der gezahlt werden kann,
sondern er wird durch die fortdauernden Leistungen der Nationalarbeit
 selbst bestimmt und kann deshalb die erheblichsten Erweiterungen
 erfahren,
Eine Erhöhung des Lohnes kann aber auch bei stark zunehmender
 Bevölkerung aus anderen Gründen erreicht werden, also eine erhebliche
 Steigerung des Angebots von Arbeitskräften kann durch
andere Momente in der Wirkung auf die Lohnhöhe abgeschwächt und
ausgeglichen werden.
        <pb n="365" />
        347

Neue Arbeitsgelegenheit ist auf zweierlei Weise zu gewinnen;
einmal durch die Steigerung der Lebensansprüche der eigenen
 Bevölkerung, und hier ist eine Grenze überhaupt nicht abzusehen.
 Schon eine geringe Verbesserung in der Kleidung, z. B. des
Schuhzeuges der unteren Klassen, in der Ausstattung der Wohnung
durch Polstermöbel, Gardinen, Uhren usw., verlangt erheblichen Aufwand
 an Arbeit, In zweiter Linie steht die Arbeit für den Export,
 um vom Auslande eine höhere Bezahlung für die Waren zu
erhalten, als sie im Inlande zu erwarten steht. Auch hier ist eine
außerordentliche Ausdehnung möglich, wie vor allen Dingen England
 zeigt, dem Deutschland in der neueren Zeit mit Erfolg nacheifert.
Die Hebung der Lebensansprüche allein wird aber noch nicht
imstande sein, die entsprechende Erweiterung der Beschäftigung herbeizuführen,
 sondern es muß damit Hand in Hand auch eine Steigerung
 der Kaufkraft der Bevölkerung gehen. Diese wird zur Voraussetzung
 eine Hebung der Leistungsfähigkeit der Arbeiterbevölkerung
im weiteren Sinne des Worts haben und damit eine F örderung der
Werterzeugung. Die Erhöhung der Produktionskraft des Volkes bei
gleicher Volkszahl kann wiederum herbeigeführt werden durch die
Heranziehung von mehr Kapital und durch Entwicklung der Intelligenz,
 wie durch Erfindung neuer Maschinen, durch welche die Arbeitskraft
 des Einzelnen gehoben wird. Fehlt es so nicht an Nachfrage
 nach Arbeitsprodukten, und werden auf der anderen Seite im
Vergleich zur Bevölkerung mehr Güter geschaffen, so ist es auch
möglich, größeren Ansprüchen Genüge zu tun und die Arbeitsleistung
besser zu bezahlen. Gerade dieses Moment der Erweiterung von Arbeitsgelegenheit,
 welches in der Neuzeit gewaltig in den Vordergrund
getreten ist, ignorierten Ricardo wie Lassalle durchaus. Dadurch
 wird aber das eherne Lohngesetz völlig aus den
Fugen gehoben.
Hiermit ist nun zunächst nur die Möglichkeit geboten, durch
Steigerung des Ertrages der Nationalarbeit den Lohn zu erhöhen,
aber noch nicht gesagt, daß sich eine solche Erhöhung auch wirklich
vollziehen muß. Die Tatsache ist nicht zu bestreiten, daß noch in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Löhne nicht höher, wahrscheinlich
 niedriger gewesen sind, wenigstens unter Berücksichtigung
ihrer Kaufkraft, als vor dem dreißigjährigen Kriege, und daß sie
100 Jahre hindurch, fast völlig stationär geblieben waren. In der
ersten Hälfte .des 19. Jahrhunderts haben in Deutschland sicher die
Unternehmer einen überwiegenden Anteil an dem Nationalertrage gewonnen,
 wie in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
und in den ersten Dezennien des letzten, ohne dem Arbeiter einen
entsprechenden Anteil zu gewähren. Von dem gewaltigen Aufschwunge,
den die Landwirtschaft von den dreißiger bis in die siebziger Jahre
des letzten Jahrhunderts genommen hat, bezog der Arbeiter nur verhältnismäßig
 geringen Vorteil. Das nachzuholen, war den letzten
50 Jahren vorbehalten, und sie haben es nachdrücklichst getan. .
Da der Ertrag der nationalen Arbeit in Grundrente, Kapitalrente, Te hung
Arbeitsrente, von der wiederum der Arbeitslohn auszuscheiden ist, anderen Pround
 Unternehmergewinn zerlegt wird, so kann der Arbeitslohn auf Gaktions-Kosten
 jener erhöht werden, und wir führten bereits aus, daß namentlich
 auf Kosten der Kapitalsrente und vor allem des Kapitalzinses,
hier und da auch auf Kosten der landwirtschaftlichen Grundrente,

Noue Arbeita
gelerenheit.

Erhöhung der
Leistungen des
Arbeiters.
        <pb n="366" />
        348 —

tatsächlich der Arbeitslohn in den letzten Dezennien gestiegen ist.
Eine solche Verschiebung ist also nicht nur möglich, sondern durch
die neueren Tatsachen erwiesen.
Welches waren nun die Elemente, welche hierauf den entsprechenden
Druck ausübten? Wenn wir auch dies ausführlicher erst in der Volkswirtschaftspolitik
 darzulegen haben, so erscheint es doch am Platze,
hier wenigstens mit kurzen Worten darauf Antwort zu erteilen.
Es war vor allem die Arbeiterbewegung auf Grund der Koalitionen,
 begünstigt natürlich durch den hohen Aufschwung von Handel
and Industrie infolge der Verbesserung der Kommunikationsmittel;
der Erfindungen usw., wodurch die Lohnentwicklung günstig beein-Äußt
 wurde. Die reichlichere Arbeitsgelegenheit allein würde nicht
hierzu ausgereicht haben, wie England seinerzeit bewiesen hat. Erst
lie Weckung des Selbstbewußtseins der Arbeiterbevölkerung zur geschlossenen
 Vertretung ihrer Interessen, sowie die Hebung der Intelligenz
 und Reife derselben haben das Ergebnis geliefert und werden
in den folgenden Dezennien noch in der gleichen Richtung wirken.
Der Staat hat seinerseits vor allem durch die Arbeiterschutzgesetzgebung
 mit dazu beigetragen, speziell durch die Versicherungsgesetzgebung,
 welche unmittelbar den Arbeitgeber zwang, höhere Summen
zugunsten des Arbeiters auszugeben. Ebenso zwang die Fabrikgegesetzgebung
 die Unternehmer, im Interesse des Arbeiters Anlagen
zu machen, um seine Gesundheit zu schützen, sich mit kürzerer Arbeitszeit
 zu begnügen, die Kinderarbeit zu reduzieren, was indirekt zu
einer Lohnerhöhung beitragen mußte.
Die Tatsachen haben mithin in der neueren Zeit unzweifelhaft
dargetan, daß unsere ganze Kulturentwicklung der Arbeiterklasse
günstig ist, und die Arbeitsrente in erheblicherem Maße gestiegen ist
als die Kapitals- und die ländliche Grundrente. Die Gegenwart liefert
fortdauernd den Beweis, daß die menschliche Arbeitskraft nicht rein
mechanisch, — naturgesetzlich — nach dem Verhältnis von Angebot
and Nachfrage bestimmt wird, sondern daß soziale Momente mitwirken,
lie je nach der Kulturstufe einen sehr verschiedenen Einfluß ausüben.

Internehmen
and Unternehmer.


Der Unternehmergewinn.

8 84.

Pierstorff, Der Unternehmergewinn. Göttingen 1876,
Wirminghaus, Das Unternehmen, der Unternehmergewinn usw. Jena 1886.
Mataja, Der Unternehmergewinn. Wien 1884.
%. Groß, Der Unternehmergewinn, Wien 1884,
Walker, Franz Amasa, The sonrece of business profits. New York 1887.
Wir haben bisher die drei Renten in ihrer Eigentümlichkeit erörtert,
 wie sie aus der volkswirtschaftlichen Arbeit hervorgehen und
sich aus den meisten Einzelwirtschaften ergeben. Diejenigen Einzelwirtschaften,
 welche nun die Produktion für fremden Bedarf auf eigene
Rechnung und Gefahr behufs Krzielung von Gewinn durchführen,
nennen wir „Unternehmen,“ wobei der Sprachgebrauch die Hinzuziehung
einer größeren Zahl unselbständiger Arbeiter und eines erheblicheren
Kapitals voraussetzt. Es ist indessen hervorzuheben, daß die wirtschaftliche
 Natur solcher Kinzelwirtschaften dieselbe bleibt, gleichviel,
ob sie in größerem oder kleinerem Maßstab durchgeführt werden.
Der Leiter eines solchen Unternehmens, der die Durchführung des
        <pb n="367" />
        — 349 —

Betriebes bestimmt und das damit verbundene Risiko trägt, ist der
„Unternehmer“. Seine Stellung in der Volkswirtschaft, seine Bedeutung
 für die gesamte Produktion wird sehr allgemein nicht genügend
 gewürdigt und vor allem von der sozialistischen Richtung
verkannt und unterschätzt. Die Wissenschaft dagegen hat sie seit
langem richtig beurteilt und dies durch die Anerkennung eines besonderen
Unternehmergewinnes, der außer der Grundrente, dem Kapitalzins
und dem Arbeitslohn einen selbständigen Teil des Nationalertrages
wie des Volkseinkommens ausmacht, zum speziellen Ausdruck gebracht.
Doch ist die Stellung in der einzelnen Wirtschaft und gegenüber den
Renten verschieden aufgefaßt und nicht immer genügend klar gelegt,
Als Unternehmerge winn ist nach dem Gesagten aufzufassen,
was von dem Reinertrage übrig bleibt, wenn die Verzinsung des in
dem Unternehmen tätigen Kapitals, gleichviel, ob es dem Unternehmer
selbst gehört oder nicht, und der Arbeitslohn, den sich der Unternehmer
 bei etwaiger eigener Tätigkeit anrechnen muß, abgezogen
wird. Er bildet daher nur einen Teil des Unternehmereinkommens,
 welches die letzterwähnten Bezüge mit umfaßt, soweit
sie dem Unternehmer verbleiben und nicht für Darlehen abzugeben
sind. Solch ein Unternehmergewinn wird keineswegs von allen Unternehmungen
 erzielt, vielmehr gewähren die meisten nur eine angemessene
 Verzinsung des Kapitals und einen Arbeitslohn. Auch wo
in einzelnen Jahren Ueberschüsse erzielt sind; werden sie durch Verluste
 in anderen absorbiert, so daß im Durchschnitt ein Ueberschuß
nicht verbleibt; ein solcher wird vielmehr nur durch außergewöhnliche
 Leistungen erzielt, während im allgemeinen die Konkurrenz
den Geschäftsgewinn derartig herabdrückt, daß er allein für jene
Renten ausreicht. Nur wenn der Unternehmer durch besondere Intelligenz
 und Tüchtigkeit sich über den Durchschnitt erhebt, wenn er ev.
durch Erfindungen billiger und besser arbeitet als Andere, wenn er
in der Lage ist, Monopolpreise zu erlangen oder außergewöhnliche Ersparnisse
 an den Produktionskosten zu machen, wenn er durch Anwendung
 größerer Kapitalien, Ausbildung des Großbetriebes usw.,
höheren Gewinn zu erzielen vermag als seine Konkurrenten, bleibt
ihm ein Ueberschuß, und diesen nennen wir Unternehmergewinn. Er
kann nicht ausbedungen werden und steht darin dem Zins und dem
Arbeitslohn gegenüber.
Der Unternehmergewinn muß nun als eine Zusammensetzung aus
den drei Renten oder den beiden letzteren, der Arbeits- und Kapitalsrente
 aufgefaßt werden, indem der Unternehmer das Kapital und die
Arbeitskräfte zu höherer Verwertung bringt. Man hat ihn sogar vielfach
 gar nicht besonders ausscheiden und ihm keine selbständige
Stellung einräumen wollen. Einzelne Vertreter fassen ihn allein als
Kapitalrente auf, wie in der neueren Zeit Schäffle, Pierstorff,
während Andere, wie z. B. Roscher, ihn wieder als einen Teil der
Arbeitsrente betrachten. Beide Richtungen scheinen uns etwas zu
weit zu gehen. Die erstere stützt sich auf das Beispiel der Aktiengesellschaften,
 wo allerdings der Unternehmergewinn anscheinend
ganz auf die Leistung des Kapitals zurückzuführen ist, und die
Aktionäre allein Kapital beisteuern und auf die Leitung des Unternehmens
 vielfach gar keinen oder doch nur einen indirekten Einfluß
auszuüben pflegen, eine Arbeitsleistung also entweder gar nicht vorliegt
 oder nur verschwindend ist. Ist in einem solchen Falle doch

Unternehmer:
gewinn.

Unternehmer:
gewinn als
Kapitalsrente.
        <pb n="368" />
        350 —

von einem besonderen Unternehmergewinne zu sprechen? Mit Recht
hat man darauf hingewiesen, daß die Leistung der Aktionäre vor
allem in der Uebernahme des Risikos liegt, wofür über den Zins
hinaus eine Entschädigung berechtigt sei. Wo nun die Aktiengesellschaft
 Hervorragendes leistet, wird aber die Tätigkeit der ersten
Aktionäre, d. h. der Gründer ins Gewicht fallen, welche in dem
richtigen Momente die Initiative zur Bildung der Gesellschaft ergriffen
 und ihr die rechte Richtung gaben. Die Leistung wird von
den Aktionären fortgesetzt durch die richtige Auswahl der leitenden
Kräfte und durch sonstige durchgreifende Maßregeln, welche für das
Gedeihen des Unternehmens von Bedeutung sind. Mag diese Einwirkung
 auch nicht viel Zeit und Kräfte in Anspruch nehmen, so
gehört sie immerhin zur Arbeitsleistung, und der daraus ersprießende
Gewinn ist Arbeitsrente.
a Auf der anderen Seite gibt es Unternehmungen, bei denen das Kapital
srbeitsrente. eine durchaus untergeordnete Rolle spielt. Man braucht nur an ein
großes Dienstmannsinstitut oder an eine Privatschule zu denken, wo
es sich in der Hauptsache um die unter der Leitung des Dirigenten
stehenden Personen unter Hinzuziehung ev. ganz unbedeutender
Summen handelt und doch infolge der Tüchtigkeit des Leiters große
Gewinne erzielt werden können.
Aus dem angeführten Beispiele geht hervor, daß trotz des Gegensatzes
 der angeführten Unternehmungen sich doch als gemeinschaftlich
 ergibt, daß ein jeder Ueberschuß, welchen der oder die Unternehmer
 erlangen, sich aus Kapital- und Arbeitsrente zusammensetzt.
Wir haben es nicht etwa mit einer vierten Art von Rente zu tun,
sondern ein Teil der früher behandelten ist bei dem Einkommen als
ein besonderer Teil eigener Art auszusondern und dem Kapitalzins
wie dem Arbeitslohne gegenüberzustellen.
Daß derselbe im großen ganzen seine unbedingte Berechtigung
hat, geht aus dem früher Gesagten genugsam hervor. Wenn ein
Krupp durch seinen Gußstahl, Gruson durch seinen Hartguß die
Leistungen ihrer Maschinenbauanstalten zu exzeptioneller Blüte
brachten, und nicht in der Form eines einfachen Kapitalzinses oder
Arbeitslohnes, sondern durch weit darüber hinausgehende Einnahmen
große Vermögen erlangten, so haben sie doch für die Gesamtheit
durch die Erfindungen, wie dann durch die Leitung in ihren Fabriken
unendlich mehr genützt und zur Steigerung des Gesamtwohlstandes
beigetragen, als die ihnen persönlich zugefallenen Summen betragen.
Diese Summen sind allein durch ihre persönliche Leistung geschaffen.
Ohne sie würden sie überhaupt nicht vorhanden sein; es hat daher
Niemand sonst darauf Anspruch. In ähnlicher, wenn auch sehr viel
anbedeutenderer Weise schaffen die übrigen Unternehmer bis zum
Handwerksmeister herunter einen Unternehmergewinn, sobald sie
durch ihre überlegene Tüchtigkeit höhere Erträge erzielen als der
Durchschnitt ihrer Konkurrenten. Natürlich kann die überlegene
Leistung, wie schon oben angedeutet, auch durch besonderen Großbetrieb
 mit Heranziehung größerer Kapitalien erreicht werden, als
sie den Konkurrenten zur Seite standen, aber auch dies ist ein Verdienst
 des Unternehmers. Das Maßgebende bleibt, daß mehr erreicht
wird als von dem Durchschnitt der Unternehmungen, und mehr, als
für Kapitalzins und Arbeitslohn anzurechnen ist, und zwar durch
das persönliche Eintreten des oder der Unternehmer.
        <pb n="369" />
        Abschnitt III.
Die Geschichte der Nationalökonomie.

Einleitune.

Kisenhart, Geschichte der Nationalökonomik. 3. Aufl. Jena 1910.
Ingram, John Kells, Geschichte der Volkswirtschaftslehre. 2. Aufl. Tübingen 1909.
Bruno Hildebrand, Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft. Frank-’urt
 a. M. 1847,
Ad, Held, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands. Leipzig 1881.
Wilh. Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland. München 1874,
Kautz, Geschichte der Nationalökonomik. Wien 1861.
du Mesnil-Marigny, Histoire de l’&amp;amp;conomie politique, Paris 1871.
Charles GHide u. Ch, Rist, Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen.
Deutsche Uebers. der 2. Aufl. Jena 1913,
G. Schmoller, Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften.
Leipzig 1888,
A. Oncken, Geschichte der Nationalökonomie. Bd. I. Leipzig 1902,
v. Philippovich, Entwicklung der volkswirtschaftlichen Ideen im 19. Jahrhundert.
 Tübingen 1910.

Die Geschichte der politischen Oekonomie ist zweckmäßigerweise
nicht als eine Einleitung in die Wissenschaft zu behandeln, sondern
als eine Ergänzung zu dem Studium der tatsächlichen Verhältnisse
and des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft. Sie soll einen
allgemeinen Ueberblick über die Entwicklung der wirtschaftlichen
Anschauungen in den verschiedenen Zeiten gewähren und wird auf
Grund der Kenntnis des wirtschaftlichen Lebens und einer Beherrschung
 der Errungenschaften der modernen Wissenschaft richtiger
verstanden und Kritisch besser aufgenommen werden. Ein solcher
Ueberblick wird einmal das Verständnis für das Gewordene durch
die genaue Verfolgung dessen verschärfen, wie und warum es so geworden
 ist, es werden dann aber auch die falschen Anschauungen
der Gegenwart in historischer Beleuchtung eine nachsichtigere und
richtigere Würdigung erfahren.
‚ Die wissenschaftliche Beurteilung der wirtschaftlichen Vorgänge
wird naturgemäß nur auf Grund der Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse
 eine richtige sein können, aus denen sie erwachsen sind,
Die Geschichte der Nationalökonomik wird daher unmöglich von der
Geschichte der Entwicklung der Volkswirtschaft selbst völlig getrennt
werden können. Vielmehr ist es die Aufgabe nachzuweisen, wie die
Anschauungen der verschiedenen Zeiten durch die Verhältnisse bedingt
 waren; denn unsere Wissenschaft ist schließlich nichts anderes,
als die systematische Zusammenfassung der Wahrheiten, welche die
Zeit aus der wirtschaftlichen Erfahrung gewonnen zu haben glaubt.

UM
        <pb n="370" />
        $_85.

Das klassische Altertum.
Ed, Meyer, Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums. Jahrb. f. Nat.-Dek.,
 3. F., Bd. IX, 1895.
Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. 8. Aufl. Tübingen 1911.
Beloch, Die Bevölkerung der griech.-römischen Welt. Leipzig 1888.
Ders., Zur griech. Wirtschaftsgeschichte, in Wolfs Zeitschrift f. Sozialwissenschaft
 1902,
Bücher, Zur griechischen Wirtschaftsgeschichte. Festgabe für Schäffle.
Tübingen 1901.
Ba „Br Die Entwicklung der antiken Wirtschaftsgeschichte, 1908, 3. F.,
Ders., Antike Wirtschaftsgeschichte. Leipzig 1908.
Brentano, Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums. München 1902.
0. Spann, Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre. Leipzig 1911.

Yolkswirtschaftliche

Leistungen des
klassischen
Altertums.

Unsere Wissenschaft ist eine durchaus moderne; weder das Altertum
 noch das Mittelalter kennen ‚eine Lehre von der Volkswirtschaft.
Obwöhl die gewerbliche Tätigkeit und das ganze wirtschaftliche Getriebe
 im klassischen Altertume eine sehr hohe Ausbildung erlangten,
unterließ man theoretische Untersuchungen derselben, und nur ganz
vereinzelt wurden von hervorragenden Männern praktische Fragen
des wirtschaftlichen Lebens näher betrachtet und allgemeine Schlüsse
daraus gezogen.
Die wirtschaftlichen Leistungen jener alten Zeit sind vielfach
sehr unterschätzt worden. Man braucht aber nur auf die enormen
Bauten, wie der Cyklopenmauern, der Pyramiden hinzuweisen, um zu
erkennen, daß die Vereinigung yon Arbeitskräften schon damals Gewaltiges
 zu leisten vermochte. Es erscheint uns rätselhaft, wie die
yewaltigen Felsmassen und großen Quadern zum Teil aus entfernten
Gebirgen, wie zu den Grundmauern des Salomonischen Tempels, mit
den geringen Hilfsmitteln und auf ungeebneten Wegen herbeigeschafft
und dann aufeinander getürmt werden konnten. Nicht nur der Betrieb
 der..Landwirtschaft.. ist bereits namentlich am Nil, in Sizilien
und auf der italienischen Halbinsel in großer Blüte gewesen, sondern
auch. das_Handwerk „hatte eine Entwicklung erlangt, die in den
Leistungen vielfach über die modernen hinausging.‘(Es genügt, an
die Kunstschätze, die uns aus jener Zeit, z. B. durch Ausgrabungen
in Pompeji überliefert sind, namentlich an die Arbeiten des Kunstgewerbes
 zu erinnern, an die uns noch erhaltenen Vasen, Goldgeschmeide,
 die uns hauptsächlich durch Abbildungen und Schilderungen
 bekannten Waffen, wie den Schild des Achill. Dieses Gewerbe
 hatte zur Zeit des Perikles sogar vielfach den Charakter des
Großbetriebes angenommen, wie durch eine Anzahl eklatanter Beispiele
 belegt ist. . |
Der ‚ausgedehnte.„Handel. jener Zeit läßt auch erkennen, daß
nicht nur für den heimischen Bedarf, sondern auch für den Export
gearbeitet wurde. Griechenland exportierte Getreide, Wein, Höntg,
Früchte, dann Häute, Hausgerät aller Art und Waffen. Es bezog
dafür aus Phönizien, Aegypten, dem Orient Leinwand, kostbare Stoffe,
wie die Purpurzeuge, Teppiche, Salben und Gewürze; aus Phönizien
speziell Geschmeide und Glaswaren. Der außerordentliche Luxus des
alten. Bom. setzt nicht nur den verschiedenartigsten Gewerbebetrieb
        <pb n="371" />
        353 —

Na sondern auch den ausgedehntesten Handel des weitverzweigten
eiches.
Aus allem geht hervor, daß die wirtschaftliche Tätigkeit im Alter- „Geringes.
tum bereits eine außerordentlich vielseitige war und in hohem Maße liches Interesse
yolkswirtschaftlichen Charakter angenommen hatte. Gleichwohl hat che Tatiekeir
sie die Aufmerksamkeit der hervorragenden Männer nur_wenig auf
sich „zu JeLken..vermöcht. Der Grund dafür ist in einer gewissen
Mißachtung der wirtschaftlichen Arbeit von seiten der leitenden
Männer zu suchen, die als die Aufgabe des hochentwickelten Staatswesens
 die Erhöhung der politischen Macht, die angemessene Organisation
 der Staatsverwaltung und Stärkung der Heeresmacht ansahen.
Sie setzten. „einen, gewissen. Wohlstand ohne weiteres voraus und
untersuchten nicht, wie er zu heben, sondern mehr, wie er zweckmäßig.
 zu. Verwenden War. Unzweifelhaft ist dieses mit dadurch
bedingt, daß die Büiger ihre Wirksamkeit hauptsächlich auf politischem
 Gebiete suchten, und der größte. Teil. der. wirtschaftlichen
Tätigkeit. den, Sklaven überlassen wurde, wenn auch natürlich die
meisten Bürger genötigt waren, mit Hand anzulegen, um sich den
täglichen Bedarf zu erarbeiten. Sie sahen aber, wie in dem Mittelalter
 der Adel, doch die Landwirtschaft als das ihrer eigentlich
allein.wärdige.Gemwerche "an.
Es fehlte in jener Zeit ferner an den Hilfsmitteln der Geschichte
 “ähd. Statistik, damit an der Sammlung der Erfahrungen
über tatsächliche Verhältnisse als Grundlage theoretischer Erörterungen;
 und die Mißachtung des Auslandes, der‘ Barbaren, verhinderte
 die Vorgicthang mul den Zuständen anderer Länder.
"So finden wir wohl” vereinzelte” Beträchtungen Völkswirtschaftlicher
 Natur, aber ohne jede systematische Zusammenfassung. Wir
begnügen uns, einzelne charakteristische Beispiele herauszugreifen.
Vor allem kommt Plato in Betracht, der in seinem Staatsideal
uns ein Beispiel der Ziele eines der heıvorragendsten Geister seiner
Zeit bietet, worauf wir aber an anderer Stelle zurückzukommen
haben, wo wir die Entwicklung sozialistischer und kommunistischer
‚Jdeen darstellen. Zu erwähnen ist aber, daß Platg.schon Verständnis
für die.Bedentung...der Arbeitsteilung zeigt und nachweist, wie die
Ausbildung der verschiedenen Gewerbe auf dem Prinzip der Arbeitsteilung
 beruht.
Von besonderem Interesse ist für uns die Schrift X, hons
„Ueber die Mittel, die Einkünfte Atticas zu vermehren“, Won er
auch das landwirtschaftliche Gewerbe in &amp;amp;fster Linie preist, so zeigt
er doch Verständnis für die_Bedeutung des Handwerks wie des
Handels als Grundlagen, des Wohlsiandes,. Die Sklaverei akzeptiert
er als wirksames Hilfsmittel, wie es seiner Zeit entsprach. Wichtig
sind seine Untersuchungen über das Geldwesen, bei welchen allerdings
 manches Schiefe mit unterläuft; aber er erkennt bereits, daß
der Wert des Geldes sich anders entwickelt, als der der gewöhnlichen
 “Waren, und steht sogar über den merkantilistischen Anschauungen,
 indem er die Nützlichkeit auch eventuell einer Abgabe
des..Geldes. an das. Ausland anerkennt.
Wie Aristoteles die Anschauung und das Wissen seiner Zeit
überhaupt ın seinem Werke über die Politik zusammenzufassen sucht,
so finden wir in demselben auch seine Grundanschauungen politischer
und wirtschaftlicher Natur vertreten. Der Staat tritt bei ihm in
Conrad. Grundriß der nolit. Oekanamia. T Tail &amp;amp; Anf 23
        <pb n="372" />
        — 354 —

Pan

unzweideutiger Weise als Selbstzweck hervor, dem sich das Privatinteresse
 absolut unterzuordnen hat. Und wenn auch nicht so scharf
wie bei Plato,. so konzentriert sich auch bei ihm das Interesse hauptsächlich
 darauf, wie die Macht des Staates zu heben sei. Dazu
dient ihm auch die Sklaverei. Die Sklaven sind ihm lebendige Werkzeuge,
 und er deutet das Wünschenswerte an, dieselben durch
mechanische Kräfte zu ersetzen. Aus der Arbeitsteilung und Besitzyerteilung
 haben sich nach ihm die Berufsstänge ünd” die sozialen.
Klassen entwickelt. Die Gewerbe teilt er in die natürlichen, d. 8.
die Gewerbe der Rohproduktion und der Okkupation ein, die er
schärfer als Xenophon als die eigentliche Grundlage des Wohlstandes
hinstellt, und ihnen gegenüber die stoffveredelnden und Verkehrsygewerbe
 als die „chrematistischen“ mit mehr Mißachtung behandelt.
Wie Plato sieht er die Sucht nach Gewinn und somit auch das
Arbeiten des Gewinnes wegen als etwas Unwürdiges an, welches
möglichst in den Hintergrund zu drängen ist. Eben deshalb vermag
er dem Handel nicht gerecht zu werden. Daß das Geld selbst nicht
volkswirtschaftlichen Reichtum repräsentiert, hat ef klar erkälfit
und sucht dieses durch den Hinweis auf die Midassage zu illustrieren.
Die Natur desselben, wie die des Kapitals, hat er noch nicht richtig
erfaßt, wie aus seiner Bekämpfung. des Zinsnehmens ‚hervorgeht, da
Geld nicht Geld erzeugen könne. Schließlich ist noch auf seine Erörterung
 des Wertbegriffes hinzuweisen, wobei er bereits den Unterschied
 ‚zwischen Tausch-, und Gebrauchswert macht. wie ihn später
Adam Smith weiter ausgeführt hat.
Trotz der außerordentlichen Entwicklung der Volkswirtschaft im
alten Rom fehlt es dort, ebenso wie in Griechenland, an theoretischen
 Untersuchungen über dieselbe. Die Grundanschauungen sind
die gleichen, die besondere Hochschätzung der Landwirtschaft tritt
in einer größeren Zahl von Schriften zutage, welche die technische
Seite behandeln, aber nicht den Zusammenhang mit der Volkswirtschaft.
 Erst in der Zeit des Verfalles treten einige Untersuchungen
über die Ursachen desselben hervor, die indessen nur oberflächlicher
Natur sind. ‘
Nach dem Gesagten war die Volkswirtschaft des Altertums nur
ein Naturprodukt, nicht das Ergebnis planmäßiger Einwirkung von
Staat und Gesellschaft auf Grund eingehenden Studiums des wirtschaftlichen
 Lebens.

S 86.

„Das Mittelalter.
Wilh, Endemann, Die nationalökonomischen Ansichten de ;
Jahrb, f£. Nat.-Oek, Bd. , 1863, 68 kanonischen Rechts.
Funk, Ueber die ökonum. Anschauungen der mittelalter]. ’ .
fd. ges. Stantew. 1869. erl. Theologen. Zeitschr.
H. Gehrig, Das Zunftwesen Konstantinopels im 10. Jah ”
1909, 3. F., Bd. 38. % | ahrh. Jahrb. f. Nat.-Oek.
Schreiber, Die volkswirtsch. Ansiehten der Scholastik. J 1918.
Troeltsch. Die Soziallehren der christlichen Kirchen u. Grünpen, Tübingen 1912.

Durch die Völkerwanderung und den Sieg der Barbarenhorden
wurde die Kulturentwicklung für eine lange Zeit zurückgeworfen
und aufgehalten. Durch die fortdauernden Kämpfe wurde nicht nur
eine große Entvölkerung herbeigeführt, sondern auch die Errungen-
        <pb n="373" />
        355

schaft der wirtschaftlichen Kultur, der Wohlstand auf eine außerordentlich
 tiefe Stufe herabgedrückt. Immerhin blieb in Italien
genug davon zurück, um von dort aus nach dem Norden mit dem
Christentum Kultureinflüsse nach allen Richtungen zu übertragen,
die aber natürlich erst sehr allmählich zur Wirkung kommen konnten.
In Mitteleuropa finden wir eine außerordentlich dünne, verstreut  e
wohnende Bevölkerung auf. hauptsächlich bewaldetem "Territorium in Deutschland.
mit ausgedehntem Sumpflande, wodurch‘ der Verkehr in besonderem
Maße erschwert wurde; im großen Ganzen einfache Naturalwirtschaft,
bei äußerst geringen Pedirlhisselt and untergeordnetem Tauschverkehr.
 Die Herrscher waren fast ausschließlich mit der Wahrung der
Selbständigkeit des Landes durch Verteidigung gegen die umliegenden
Feinde und deren Angriffskriege beschäftigt, während ihnen die
Aufgaben der inneren Wohlfahrt noch ferne lagen. Die Staats- und
Hofhaltung, die noch nicht zu trennen waren, wurden durch unmittelbaren
 Verbrauch der Erzeugnisse des ausgedehnten Domanialbesitzes.
unterhalten; die Organisation des_Verwaltungsapparates beruhte auf
dem Lehns- und Vasallenwesen.. Krst ın dem 10. Jahrhundert trat
mit Entwicklung der Städte eine neue Macht auf, die neben der
Kirche eine wachsende Bedeutung zu erlangen vermochte.
Der wichtigste.Produktionsfaktor jener Zeit war der Grund und.
Boden,..die Basis des fast „alleinigen Gewerbes der Landwirtschaft.
Ein übergroßer Teil des Grund und Bodens konzentrierte sich in der
toten Hand oder blieb als Gemeindeeigentum zur gemeinsamen Verwertung
 der Mark- und Dorfgenossenschaften. .
Der eigentliche Träger und Förderer der Kultur war die Kirche,
die denn auch mit ihren Rechtssatzungen, dem kanonischen Rechte.
die Anschauungen der Zeit beherrschte, sie am besten zusammenfaßte
 und wiedergab.
Die Grundlage der Anschauungen der Kanonisten ist eine eigentümliche
 Mischung aus der aristotelischen und der einseitigen Auffassung
 der christlichen Lehre. Beiden entspricht die Bekämpfung:
des Kigennutzes und der Gewinnsucht. Der letzteren entwuchs die
Auffassung, daß Gütergemeinschaft der ursprüngliche und natürliche
Zustand sel, der allerdings nicht für alle Zeiten aufrecht erhalten
werden könne; indessen sei es das Wünschenswerte, daß Niemand
mehr persönliches Eigentum besäße, als zu seinem Unterhalte notwendig
 sei. Das Uebrige sei als Gemeingut anzusehen und von der
öffentlichen Gewalt als solches zu erklären, wo es das Gemeinwohl
verlangt. Auch hier trifft man auf die Auffassung, daß. nur.der.
Ackerbau das allgemein wünschenswerte Gewerbe sei, die stoffversdelnde
 Tätigkeit sei wohl zu tolerieren, der Handel dagegen, d. h.
das Kaufen, um des Gewinnes wegen wieder Zu verkaufen, unbedingt
VEXWEILlich=Das Geld wurde allein als Münze aufgefaßt, die keinen
anderen Zweck habe, äls zur Zahlung zu dienen und nichts Anderes
leisten könne; da Münze nicht wiederum Münze zu erzeugen Vvermöge,
 und man den Wert der Zeit noch nicht zu schätzen vermochte,
so war die notwendige Konsequenz das Verbot. jedesZinsnehmens,
das als Wucher angesehen wurde. In einer Zeit, wo das Kapital
nur in ganz geringen Quantitäten vorhanden war und als Produktionsfaktor
 eine völlig untergeordnete Rolle spielte, konnte der
Produktionskredit keine Bedeutung erlangen, man borgte im allgemeinen
 nur im Falle der Not zur weiteren Bestreitung der laufenden
99%

Kanonisten.
        <pb n="374" />
        — 356 —

Bedürfnisse, nicht aber, um die geborgte Summe wirtschaftlich pro-Juktiv
 anzulegen und daraus größeren Nutzen zu ziehen. Da der
Borgende also selbst keinen Gewinn aus der geliehenen Summe bezog,
war es für ihn allerdings eine Härte, wenn er für das Darlehn
ainen Zins zahlen sollte, während der Darleiher seinerseits durch
die Aingabe einer Summe, die doch bei ihm nur tot im Kasten geiegen
 hätte, kein Opfer brachte, also auch auf eine Entschädigung
keinen Anspruch hatte. Es ist deshalb der kanonistische Gedanke
für jene Zeit nicht ohne Berechtigung. In einzelnen Fällen war
aber schon damals das Zinsnehmen nicht zu umgehen, so daß es bei
Staatsanleihen, bei dem kaufmännischen Wechsel, dem
Renfenkanuf gestattet wurde. Man fand es gerechtfertigt, daß
derjenige, welcher einem anderen behufs Ankaufs eines Grundstücks
eine Summe vorschoß, auch entsprechend einen Anteil an dem KErtrage
 des Grundstücks beanspruchte. Ebenso erkannte .man, daß
durch die Gewährung eines Darlehns in. Form einer Anweisung auf
einen Dritten an einem anderen Orte dem Betreffenden ein Dienst
erwiesen würde, der nicht ohne Risiko war, wofür ein Zins nicht zu
amgehen, da ohne denselben ein solches Darlehn nicht zu erlangen
gewesen wäre.
Ganz eigentümlich ist der Anschauung des kanonischen Rechts
die Verwerfung des Tanschwertes und alleinize Akzeptierung des
‚Gebrauchswertes...als Grundlage..des. Preises, Es sei allein gerecht,
einen Gegenstand nach dem Gebrauchswerte zu bezahlen, nicht aber
danach, wie sein Wert sich zufällig durch die Konkurrenzverhältnisse
 gestalte, daher das Streben nach einer Normierung der Preise
durch. die Staatsyewalt.

8 87.
‚Der Beginn der neueren Zeit.
KOT
Wiskemann, Darstellung der in Deutschland zur Zeit der Reformation herrschenden
 nationalökonomischen Ansichten. Leipzig 1861.
&amp;amp;. Schmoller, Zur Geschichte der nationalökonnmischen Ansichten in Deutschjand
 während der Reformationsperiode. Tübing. Zr-itschr. 1860,
Walter, Th. v. Aquino, im Handw., 2, Aufl., VIIL S. 99.
Frank &amp;amp;, Ward, Darstellung und Würdigung der Ansichten Luthers vom
Staat und seinen wirtschaftlichen Aufgaben. ‚Jena 1898,
Ludw, Elster, Johann Calvin, iu Jahrb. f. Nat.-Oek. 1878, Bd. XXXI,
Troeltsch, Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen
Welt. München 1911.

Wie nach vielen Richtungen, so ist auch für die Entwicklung
les Wirtschaftslebens das Mittelalter früher geschlossen, als es gewöhnlich
 angenommen wird: schon mit dem 13, resp. 14. Jahrhundert.
Durch die Ausbildung der Städte und den stärkeren Handelsverkehr
mit dem Orient nach den Kreuzzügen bürgert@” wich der Geldverkehr
'mmer mehr ein, und entwickelte sich allmählich die Geht#iFtschaft.
Die Erweiterung der individuellen Freiheit innerhalb der“städtischen
Mauern, die Entwicklung. .der. Gewerbe unter der Zucht der Zünfte
örachten neues Leben in das gesamte Getriebe und bildeten erst
eine Volkswirtschaft, Durch die Ausbildung der absolufän Mönärchie
zuerst in Frankreich gewann die Staatsgewalt neue Aufgaben, die
auch das wirtschaftliche Leben erfaßten. Infolgedessen sehen wir
schon in jener Zeit Männer auftreten, welche die wirtschaftlichen
Vorgänge einer besonderen Untersuchung unterzogen: wie vor allem
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        357 —

Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert mit stark ausges rochen Nationalökono-Kömmunistischen,
 dann Kkanönistischen Anschauungen, der ; Seller Endedes
Nicolaus. Oresmins, der 1382 als Bischof von Lisieux starb und “ittelalters.
in seinem „Tractatus..demutatione monetarum“, einer Art Predigt,
eine für jene Zeit ganz hervorragende Münztheorie aufstellte, schließlich
 Gabriel Biel in Württemberg Ende des 15. Jahrhunderts,
jer gleichtalls eine sehr einsichtige Untersuchung über das Geldwesen
 und die Preisbildung lieferte, während er in der Beürtellung
 der‘ Gewerbe noch auf dem alten kanonistischen Standpunkt
 stand.
Von nachhaltiger Bedeutung sind dann die Vertreter des Humaaismus
 geworden, welche prinzipiell mit den alten Grundanschauungen
brechen und uns damit in die neuere Zeit hinüberleiten. Hier ist
vor allen Desiderius Krasmus (1467—1536) zu nennen, der zuerst
 der kanonistischen Auffassung entgegentrat und die Ehre der Arbeit
auf die Fahne schrieb, die er hochhielt. Sein Hauptverdienst ist es,
die Nützlichkeit aller gewerblichen Tätigkeit und die Ehrenhaftigkeit
derselben ausgesprochen zu haben, wie die Verderblichkeit des Müßigyangs
 sowohl bei Soldaten, wie bei den Mönchen und dem Adel. Die
bisherige Hochschätzung der Armut wird von ihm ebenso angegriffen
wie die Ueberschätzung des Reichtums. Im übrigen zeigt er sich
noch als ein Kind seiner Zeit.
Auch Ulrich vop Hutten (1488 —1523). kann nicht ganz umyangen
 werden, dessen ausgesprochenes Nationalgefühl auch in der
Beurteilung der wirtschaftlichen Verhältnisse zum Ausdruck kommt,
indem er untersucht, wie Deutschland zu helfen sei. Er erkennt die
Notwendigkeit ‚des..Handels. an, fürchtet aber durch ihn den Luxus
vyefördert zu sehen, wie die Ausfuhr des Geldes, und beide Momente
sieht er als die Hauptfeinde der Entwicklung des allgemeinen Wohlstandes
 an,
Zeigt auch Luther.in,privatwirtschaftlichen wie volkswirtschaftlichen
 Dingen in der Hauptsache eine fast kindliche Auffassung, so
hat doch sein gesunder Sinn und sein Interesse für alle wichtigen
Fragen der Zeit ihn zu Aussprüchen und Lehren veranlaßt, die von
einer so bedeutenden Persönlichkeit ausgehend nicht ohne nachhaltigen
Einfluß geblieben sind und den Umschwung in den Zeitanschauungen
vortrefflich charakterisieren. Indem er die Berechtigung materiellen
Genusses anerkennt, tritt er der mönchischen Verachtung der äußeren
Güter, wie ebenso durch den Satz „Dex. Mensch ist zur Arbeit geboren“
 dem mittelalterlichen Grundzuge entgegen. Das Wesen der
Arbeitsteilung, die Bedeutung des Handels sind ihm durchaus klar.
Die obrigkeitlichen Taxen verwirft er und hält die Preisbestimmung..
anf freiem. Markte für unerläßlich. Das hindert ihn freilich nicht,
die Preissteigerung des Brotes in seiner Zeit auf den verbreiteten
Wucher zu schieben, statt auf die allgemeine Geldentwertung. Wie
Hutten eifert er gegen Luxus und den auswärtigen Handel und
vermag sich noch nicht mit dem Zinsnehmen zu befreunden, hat also
den kanonistischen Standpunkt noch nicht überwunden. Höchst bedeutsam
 sind dagegen seine Ausführungen gegen das planlose Almosengeben
 der Kirche, welches nur Müßiggang und Vagabundentum großziehe,
 ohne wirklich wohlzutun, und darin hat er gleichfalls einen
Bruch mit der Vergangenheit angebahnt.
Mehr im praktischen Leben stehend, mit weiterem Blick für volks-Luther,
        <pb n="376" />
        358

Calvin.

wirtschaftliche Fragen erscheint Calvin, Er tritt. vor allem für eine
anergische Staatsgewalt, ein, welche auch die sozialen und wirtschaftchen
 Verhältnisse: des Landes zu regeln hat. Ihre erste Aufgabe
zeht dahin, die Bevölkerung zur Arbeit zu erziehen und sie dazu anzuhalten.
 „Wer nicht. arbeitet, soll .auch nicht essen.“ In zweiter
Linie sucht er selbst durch detaillierte Lmxusverbote und Einschränkung
 der Vergnügungen den Sinn für Einfachheit und Arbeitsamkeit
zu fördern. Bedeytsam.ist bei ihm die Anerkennung der yolkswirtschaftlichen
 Geichberechtigung der verschiedenen Gewerbe, besonders
der Produktivität des Handels. Er erklärt ausdrücklich, Geld kann
sa. gut Geld erzeugen wie der Acker. Das Zinsnehmen ist nach ihm
abenst‘ Herechtigt wie der “Anspruch auf eine Hausmiete. Hieraus
ergibt.sich..ein. .wWesentlicher.. Fortschritt. in. den. Anschauungen.

888.
Die erste Periode des nalizeilich-kameralistischen
BMA EHER DENE: ak DOSE TR NEE She NE Da BET RE ERBE En
‘ters,
Nielsen, Die Entstehung der deutschen Cameralwissenschaft im 17. Jahrh.
Jena 1911.

Mit Recht ist es ausgesprochen, daß das letzte Jahrhundert viele
Aehnlichkeit mit dem Reformationszeitalter hat und in gleicher Weise
eine wirtschaftliche Revolution erfahren hat, wie sie damals vor sich
ging. Kein Wunder, wenn in beiden Perioden das Interesse für volkswirtschaftliche
 Fragen in den Vordergrund tritt, und in jener älteren
Periode sich daher die Anfänge unserer Wissenschaft zeigen.
Ka Damals wie jetzt, nur noch in einem höheren Maße, regte sich
” die Opposition gegen die gesellschaftliche Organisation, den Staat und
die Kirche, wie sie damals in der Bauernbewegung, gegenwärtig in
der sozialdemokratischen, zutage trat. Die Notwendigkeit einer
anderen Organisation des Staates führte in jener Zeit der Beseitigung
des Feudalstaates zur Ausbildung der absoluten Monarchie und im
letzten Jahrhundert zu der Ausbildung des Konstitutionalismus. .
Wie in jener Zeit die Geldwirtschaft zur allgemeinen Herrschaft
gelangte, so in dem 19. Jahrhundert die Kreditwirtschaft mit ihren
tiefgreifenden FEN ©
Die Ausbildung des Beamtentums, dann der Soldheere nach Beseitigung
 der persönlichen Vasallendienste steigert®üie Bedürfnisse der
Staatsgewalt in der außerordentlichsten Weise, so daß die Schwierigkeiten
 immer bedeutender wurden, die nötigen Summen zusammenzudringen.
 Theorie und Praxis gingen Hand in Hand, um die besten
Wege ausfindig zu machen, durch Hebung des Volkswohlstandes die
wachsenden Lasten der Bevölkerung erträglich zu machen, weshalb
gerade finanzwissenschaftliche..Kragen in dem Mittelpunkte. der Diskussion
 standen. Gerade so wie gegenwärtig der wachsende Druck
der Heeresrüstungen :als eine Kalamität der Zeit anzusehen ist, und
die dadurch verursachte Steuerlast immer neue Probleme zu lösen
gibt, so sahen sich damals die leitenden Staatsmänner genötigt, methodische:
 Untersuchungen über die Quelle anzustellen, aus welcher die
Staatskasse ihre Mittel zu schöpfen hat; praktische Volkswirte und
Männer der Wissenschaft traten ihnen dabei zur Seite. Mit der Ausbildung:
 des absoluten Königtums ging: Hand in Hand die _schärfere
        <pb n="377" />
        359

Abgrenzung der einzelnen Länder gegeneinander, die Ausbildung des
Vafionalbewnötseins und damit eine Verschärfung des Gegensatzes
zwischen.den.einzelnen.Ländern, nicht nur in politischer, Sondern Auch
in wirtschaftlicher.Hinsicht, wie das auch in der Gegenwart zu bemerken
 ist. Die Staatsgewalt fühlte sich in einem höheren Maße verantwortlich
 auch für die innere Entwicklung des Landes und suchte
sie nach allen Richtungen hin zu beeinflussen, just wie in den letzten
Dezennien,
Das Reformationszeitalter ist ebenso das der epochemachenden
Erfindungen und Entdeckungen, wie das Zeitalter des Dampfes und
der Elektrizität. Es ist nur nötig, auf die Erfindung. der. Buchdruckers....
kunst...des Pulvers, die Entdeckung Amerikas aufmerksam zu machen.
Handel und Industrie gewannen. damals..ginen..außerordentlichen- Auf“
schwung und internationalen Charakter, wenn auch freilich im Vergleich
 zu dem gegenwärtigen nur in bescheidenem Maße. Immerhin
erlangten sie eine bisher nicht gekannte Bedeutung für die Volkswirtschaft
 gegenüber der Landwirtschaft und nahmen deshalb die
;ffentliche Aufmerksamkeit besonders in Anspruch. Hiermit ging
Hand in Hand die Entwicklung. des Kapitals, welches sich besonders
in einzelnen Händen konzentrierte und dadurch in scharf zutage
tretender Weise durch einseitige Ausbeutung eines Monopols Angriffe
von allen Seiten auf sich zog, wie die gegen die sogenannte Fuggerei.
Unsere Zeit kann dem die mannigfaltigsten Beispiele zur Seite stellen,
man braucht nur an die Kartellbewegung zu denken.
Die Ueberschwemmung „Europas mitEdelmetallen. nach der Entdeckung
 Amerikas brachte bekanntlich eine kolossalePreissteigerung:
aervor, und es entwickelte sich eine umfassende Literatur, die Ursache
Jer steigenden Teuerung zu ergründen, die sehr wertvolle Arbeiten
äber Preisbildung und das Wesen des Geldes in sich schloß. Dem
kann aus der neueren Zeit die bimetallistische Bewegung gegenübergestellt
 werden.
So fanden sich überall Anregungen zur Behandlung wirtschaftlicher
 Fragen damals wie jetzt, die in jener Zeit allmählich zur Ausbildung
 eines wissenschaftlichen Systems führten und in der neueren
Zeit unserer Wissenschaft eine besondere Bedeutung verschafft haben.

3.39.
Die merkantilistischen Anschauungen. _

Biedermann, Ueber den Merkantilismus. Innsbruck 1870.]
Cohn, Colbert, in d. Zeitschr. f. ges. Stantsw. 1869, 1870.
Zilenziger, Die alten deutschen Cameralisten. Jena 1914.
G. Schmoller, Das Merkantilsystem in seiner histor. Bedeutung: Umrisse und
Untersuchungen z, Verf.-, Verw.- und Wirtschaftsgeschichte, Leipzig 1898.

Die dargelegten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse veranlaßten
 hervorragende Männer der Zeit, zur Lösung der wirtschaftlichen
 Probleme beizutragen, so daß sich im Laufe des, 16. und 17,
Jahrhunderts eine reiche Literatur über wirtschaftliche „Fragen. entwickelte,
 die, wie angedeutet, unmiktelhar..nraktische..Ziele im Auge
hatte, um besonders der Staatslöitung Ratschläge für ihr Verfahren
zu geben, wobei allmählich ach allgemeine theoretische Gesichtspunkte”
yewonnen wurden. Man faßt dieselben unter dem Namen ilellhhenn
‚antilistischen. zusammen. Da nun kein Schriftsteller die Ze-
        <pb n="378" />
        360

samten Anschauungen wiedergibt und sie sämtlich vertritt, so hat
man in der neueren Zeit überhaupt die Existenz eines solchen Systems
leugnen wollen, doch mit Unrecht, Diese Ansichten schwebten, wie
man sich wohl ausdrücken kann, damals in der Luft. Es waren die
Grundanschauungen, die hier mehr, dort weniger, sowohl in der Literatur
 wie in .der.Staatsverwaltung zutage traten und deshalb sehr
Wohl als Zeichen der Zeit zusammengefaßt werden können. Die
Hauptsätze waren die folgenden:
1. Vor allem, daß das wirtschaftliche Leben yon der Staatsgewalt
nach allen Richtungen beeinflußt und großgezogen werden könne, und
daß es die Aufgabe derselben sei, überall einzugreifen, um nicht nur
die Anregung und die Richtung für die wirtschaftliche Tätigkeit anzugeben,
 sondern auch dieselbe möglichst selbst in die Hand zu
nehmen und den Staatsbetrieb zur Entwicklung zu bringen. In einer
Zeit, wo die größe Masse der Bevölkerung noch auf einer außerordentlich
 tiefen Stufe der Kultur stand, und von ihr die nötige Uebersicht
über die zeitgemäßen Bedürfnisse sowie die Intelligenz, in der richtigen
 Weise vorzugehen, nicht erwartet werden konnten, während in
der Hand der Staatsleitung sowohl die hervorragendsten geistigen
Kräfte sowie die nötigen Mittel vereinigt und vielfach allein vorhanden
waren, lag diese Auffassung nahe, und die bedeutsamen Resultate,
welche erleuchtete Staatsmänner, wie Colbert, Friedrich Wilhelm I,
Cromwell, zu erreichen und der Umstand, daß sie die von ihnen geleiteten
 Gebiete in kurzer Zeit zu einer exzeptionellen Blüte zu bringen
vermochten, bewies den richtigen Kern der Anschauungen für jene
Zeit. Es schloß zugleich die Beurteilung und Behandlung. der. Volkswirtschaft
 vom privatwirteche“*Hicheg Standpunkte ein, was natürlich
aur so lange als berechtigt anerkannt werden konnte, als es sich um
kleinere Territorien und streng abgegrenzte Gebiete handelte.
Das Geld... 2, Dieser privatwirtschaftliche Standpunkt zeigt sich in der Art,
wie man meinte, den Volkswohlstand heben zu können. Wie. .der
‚Priyatmann. reicher wird, wenn er mehr Geld besitzt, so meinte man
auch, ein. Land..am.. schnellsten reich‘ machen zu können dürch die
Vermehrung des Geldes, welches man mit dem Edelmetall identifizierte.
 Da nun noch in dem 16. Jahrhundert in Mittel&amp;amp;uropa der Vorrat”an
 Edelmetall nicht ausreichte, um die Quantitäten von Münzen
in Umlauf zu setzen, die zur allgemeinen Durchführung der Geldwirtschaft
 notwendig waren, so mußte zunächst allerdings jede Zufuhr
an Edelmetall sich für die Volkswirtschaft als höchst ersprießlich
erweisen, und sehr begreiflicher Weise sah man zunächst nicht die Grenze,
wo die Aufhäufung des Edelmetalls aufhört, segensreich zu wirken.
3. Da nun in den meisten europäischen Staaten das Edelmetall,
LE besonders das Gold, nicht in der Ausdehnung bergmännisch gewonnen
auenzen. wurde, als Bedarf vorlag, untersuchte man, auf welche Weise der
Staat dasselbe am zw öigsten gewinnen könnte. Als das beste
Mittel sah man den Handel mit günstiger Bilanz an, d.h. den inter-.
nationalen..Handel, eher an Ausland Waret in höherem Werte
verkauft, als_er von demselben käutt, So daß das Inland die Differenz
in klingender Münze ausgezahlt erhält. Deshalb weht aäs Streben in
jener Zeit allgemein dahin, den internationalen Handel zu heben und
ihn so zu gestalten, daß die Bilanz eine möglichst günstige sei. Da
ror zwei Jahrhunderten noch nicht wie jetzt der internationale Ver-
        <pb n="379" />
        — 361 —

kehr durch Kredit vermittelt wurde, so konnte man auch in der Tat
auf eine derartige Wirkung rechnen, was heutigen Tages verfehlt ist.
4. Als den Weg, eine günstige Bilanz zu erlangen, erkannte man
die Hebung. der Industrie, WEIT die THE wIrteschaft allein einer bedeutenderen
 Entwicklung für den internationalen Austausch nicht
fähig ist, daher die große Sorge, die man in jener Zeit der Entwicklung
 des Gewerbebetriebes zuwendete. Um aber seine Aufgabe, Geld in.
das Land. zu.ziehen, erfüllen zu können, erwies es sich als wünschenswert,
 die Herstellung möglichst kostbarer Gegenstände...zu fördern,
die leichter "zu exportieren sind und höheren Gewinn in Aussicht
stellen. ER ‚BO0Neren X
5. AN dies schloß bestimmte Konsequenzen in sich. Das Gewerbe
verlangt..yor allen Dingen Arbeitskräfte. Daher ging die Äufgabe
des Staates dahin, die VöÖIkSvVermelirüng nach allen Richtungen Zt”
fördern; wodurch zugleich“ nicht hür Wirtschaftlichen, sondern auch
politischen Zwecken, durch Erhöhung der Zahl der Mannschaften für
die Heeresmacht gedient wurde.
6. Eine_strenge Gewerbeordnung, ergänzend unterstützt durch
Prämien und Privilegien, sollte die Gewerbe künstlich zur Blüte
bringen” und In die Richtung leiten, wie sie für eine günstige Handelsbilanz
 erforderlich schien.
7. AIL diese Maßregeln konnten aber erst eine höhere Bedeutung
erlangen in einem selbständig abgegrenzten und dem. Aüuslande entgegengestellten.
 Gebiete; daher ist ein Grundzug des merkantilistischen.
Systems die Abschlieiung.des Landes” durch eine starke Zollgrenze
als bestes Mittel, die ganze Volkswirtschaft, insbesondere den Handel,
zu beeinflussen und in die gewünschte Richtung zu bringen. Man
identifiziert deshalb sehr allgemein, wenn auch nicht ganz zutreffend,
die extrem schutzzöllnerische und merkantilistische Richtung. Wie
die Zölle zu..handhaben,..das ergab sich aus dem Ziele der günstigen”
Handelsbilanz: freie Einfuhr für KRohprodukte, dagegen Erschwerung
der Ausfuhr dersetpem teils duren“ Verbot, tells durch hole Aersfuhr...
zölle, um. sowohl die Nahrungsmittel der großen Masse, wie die-Rohmaterialien
 für die Gewerbe im Lande billig _zu erhalten. Daher die
häufigen Ausfuhrverbote für Getreide und Wolle, dagegen hohe Einfuhrzölle
 auf fertige Waren, um die Preise derselben im Inlande zu
steigern, deren Herstellung im Inlande also, vorteilhaft zu machen
und zu verhindern, daß durch den Kauf vom Auslande Geld hinaus
geschickt würde.
8. Streng merkantilistisch ist die in jener Zeit allgemein verbreitete
 Auffassumm daB der Vorteil_des eigenen Landes nur auf dem
Schaden der anderen Länder zu basieren sel, Daher der Äntagonismus
der einzelnen Staaten gegeneinander, der wirtschaftliche wie politische
Kampf zwischen denselben, der in Permanenz erklärt war. Dies
hatte zwar den Vorteil der Hebung des Patriotismus, aber auch die
Entwicklung des Gegensatzes der Nationalitäten und Erleichterung
der Kriege zur Folge,
9. Als Schlußstein des Systems ist gegenüber der Verhinderung
des Bezuges ausländischer Luxuswaren die Begünstigung eines gewissen
Aufwandes im Inlande zu erwähnen, um” damit die GelAZITKWALLON.
ZU“ steigern, die beirüchtend auf die gesamte Produktion einwirken
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Stellung zum
Auslande.

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Ar. AZ EPR
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        362

890.
Die wissenschaftlichen Vertreter des Merkantilismus.
v. Erdberg, Johann, Joachim Becher. Jena 1896.
Ch. Gide u. Ch. Rist, Geschichte der volksw. Lehrmeinungen, herausg. v. Fr.
Ippenheimer. Jena 1913.
Farman, Die innere französische Gewerbepolitik von Colbert bis Turgot.
Leipzig 1879.

(taliener.

Engländer.

Aus der großen Zahl der Schriftsteller, welche im 16. und 17,
Jahrhundert über wirtschaftliche Fragen geschrieben haben und die
merkantilistischen Anschauungen vertreten, können wir nur einzelne
nerausgreifen, welche eine nachhaltige Bedeutung erlangt haben. Vor
allem sind an Italienern zu nennen Antonio Serra, Breve tratato
delle cause, che possono far abondar&amp;amp; 11 TeRHI doro € d’argento, dove
non sono miniere, Napoli 1613 (Scrittori classici ‚italiani di economia
politica, Milano 1803). Er untersucht die Bedingungen des Volkswohlstandes
 und findet sie in folgenden Quellen: 1. der Bodenfrüchtbarkeit,
 um einen Ueberschuß an landwirtschaftlichen Produkten für
das Ausland zu erzielen; 2. in der Lage des Landes, mitten im Weltverkehre,
 um einen umfassenden internationalen Handel zu entwickeln;
3. in der Industrie, besonders von Kunstwaren, welche teuer an das
Ausländ Verkauft werden können, um durch sie das Gold und Silber
in das Land zu bringen, wo die eigenen Minen dazu nicht ausreichen,
Tritt bei ihm die merkantilistische Einseitigkeit auch entschieden
hervor, so zeigt er nach anderen Richtungen doch einen freieren
Blick als seine Zeitgenossen. So spricht er sich entschieden gegen
Ausfuhrverbote des Geldes und ähnliche den Verkehr behindernde
Beschränkungen aus. Er weist zuerst auf die maßgebende Bedeutung
ler menschlichen Arbeitskraft für die Volkswirtschaft hin und stellt
manche Lehren auf, die auch heutigen Tages noch ihre volle Berechtigung
 haben. Antonio Broggia gibt in seinen Tratati dei
tributi e delle monet&amp;amp;”1743; "die Gründlehren der merkantilistischen
Handelsbilanz und bietet Grundzüge einer guten Steuerlehre, Schließlich
st’AntonioGenovesi zu erwähnen, der in seinen lezioni di commerzZ16
 Edi ecbnomla civile 1760, deutsch Leipzig 1776, zuerst_ein
3ystematisches Handbuch der Volkswirtschaftslehre zu geben sucht
And SICH Marin Och SCHÖN VON den hauptsachlichsten Kinseitigkeiten
des Merkantilismus frei gemacht hat.
a Die englischen Schriftsteller jener Zeit hatten schon zu viel
Gelegenheit, Studien im großen volkswirtschaftlichen Verkehr zu
machen, um nach allen Richtungen den engen Anschauungen eines
Serra zu folgen. Die Neigung zum Freihandel tritt mehr oder weniger
vereits im Beginn des 17. Jahrhunderts hervor, wie z. B. bei Sir
Walter Raleigh, der eine Untersuchung darüber anstellt, worin
die” Ueberlegenheit Hollands über England liege, und sie in der
größeren Freiheit des Verkehrs, besonders der Freiheit des Ackerbaues
 findet. Doch zeigt sich auch bei ihm eine schiefe Auffassung
les Geldes und seiner Bedeutung für den Reichtum. Baco von
Verulam erweist sich noch als strenger Anhänger der Handelsbilanztheorie
 und tritt für eine ausgedehnte Staatstätigkeit in wirtschaftlichen
 Fragen -ein, lobt die vorhandenen Einfuhrverbote, erkennt aber
lie Unhaltbarkeit obrigkeitlicher Preisbestimmungen.
Als der eigentliche Vertreter _des_ Merkantilismus_in. England

„SR
        <pb n="381" />
        363

wird Thomas Mun anerkannt. Seine Hauptschriften sind: a dis-OUT
 SEE Kng land into the East India 1609, 2. Auflage
1621, dann: Englands treasure by foreign trade, or the balance of
Dur foreign trade is the rule of our treasure, 1644. Er empfiehlt in
sehr detaillierter Weise Regierungsmaßregeln zur Herbeiführung einer
günstigen Handelsbilanz. Namentlich in der ersten Schrift verteidigt
er die „Statut of employment“ Heinrichs VIII, welche den fremden
Kaufmann einer genauen Kontrolle unterwarf, ihm verbot, Geld aus
England in das Ausland zu führen und ihn zwang, für die durch
Verkauf ihrer Waren erlangten Summen inländische Waren zu kaufen
and nur in diesen ihren Erlös auszuführen. Er sieht sich aber in
der späteren Schrift bereits genötigt, hiervon abzugehen und im Interesse
der Verkehrsfreiheit jene Bestimmung zu bekämpfen. Doch auch
hierin betont er: Der Konsum.ausländischer Produkte müsse geringer
sein als ‚der Teil der „inländischen Produktion, der im Auslande verzehrt
 wird. Nur ein günstiger auswärtiger Handel sei imstande, dem
Lande wesentlich dauernden Gewinn zu schaffen. „Geld erzeugt den
Handel und Handel vermehrt das Geld.“
Nun erkennt er aber bereits Sehr gut, daß zur Berechnung der
Handelsbilanz die bloße Vergleichung der Aus- und Einfuhrwerte
nicht ausreicht, sondern daß auch die Frachtverdienste, sowie Handelsverluste,
 Schiffbrüche usw. mit in Anschlag gebracht werden müssen.
Er bietet eine glänzende Rechtfertigung der ostindischen Kompagnie
gegenüber den Angriffen seiner Zeitgenossen und sucht durch genaue
Untersuchung der Operationen der mit Indien handelnden Kaufleute
nachzuweisen, daß der anfängliche Geldexport nachher einen um so
zrößeren Geldimport veranlasse, die Kompagnie also wesentlich dazu
beitrage, England eine günstige Handelsbilanz zu verschaffen.
Außerdem sind hier zu nennen: Josiah. Child, Observations
zoncerning trade and interest of money, 1668 und: A new discourse
of trade, 1690. William Temple, (franz. Uebers.) Considerations
sur le commerce et Vargent, 1672.
In Frankreich erlangten besonders zwei merkantilistische
Schriftsteller eine gewisse Bedeutung: Francois Melon, Essais
politiques sur le Commerce, 1731, deutsch: Jena 1740 und I. Forbonnais,.
 Elements du Commerce, 1754, Principes et observations
©COnomiques, 1767. Der erstere behandelt noch Geld, Vermögen,
Kapital durchaus identisch. Er sieht zwar ein, daß nicht jedes Land
Alles erzeugen kann, was es braucht, daher nicht immer die Interessen
der Völker sich feindlich gegenüberstehen, aber doch vertritt er ein
antschiedenes Hinarbeiten auf eine günstige Handelsbilanz. Als bestes
Mittel hierfür erscheinen ıhm die. Kolonie I und Handelskompagnien,
also die Organisation des internationalen Großhandels unter Ausbildung
 ausgedehnter Monopole. Den Binnenhandel sucht er durch
polizeiliche Taxen zu regulieren. Am meisten tritt sein merkantilistischer
 Standpunkt in seiner einseitigen Ueberschätzung der In-Austrie
 hervor,
=Der-zweite Schriftsteller behandelt ausführlich die bekannte Handelsbilanztheorie,
 geht aber über seine Vorgänger einen Schritt hinaus,
indem er das Geld doch hauptsächlich in seiner Eigenschaft als Zirkulationsmittel,
 weniger als Repräsentanten des Reichtums charakterisiert,
In der Lobpreisung der Industrie steht er seinem erwähnten Landsmann
 wenig nach und führt die Notwendigkeit der Vermehrung der

Franzosen.
        <pb n="382" />
        364

Bevölkerung eingehend als die „Vorbedingung..der.. Hebung..der. In-„dustrie
 an.
Deutsche. ©” "ie deutschen Merkantilisten können auf Originalität der An-Sschauungen
 kaum Anspruch machen. Sie sind hauptsächlich Staatsmänner,
 welche die augenblicklich praktischen Aufgaben ins Auge
fassen und dabei vielfach noch mehr in das Extrem gehen, als dies
bei den bisher betrachteten Männern der Fall war. In erster Linie
ist Kaspar Klock, Tractatus nomico-politieus de contributionibus,
Nürhnverp r65T, amd Tract. de aerario 1651, zu nennen. Bei ihm tritt
die Ueberschätzung der Bedeutung des Geldvorrates im Handel auf
das schärfste hervor. Direkt spricht er aus, der Staat müsse mit
allen Mitteln die Ausfuhr von Gold und Silber wie die von Rohstoffen
hindern, an deren Verarbeitung das Heimatland nur gewinnen könne,
und es sei natürlich, die Lebensnotwendizkeiten im Lande zurückzuhalten.
 Dagegen müsse die Einfuhr schädlicher Waren, wie vor allem
aller Luxusartikel, verhindert werden, und ebenso die Einfuhr der
Waren, welche den inländischen Gewerben Konkurrenz machen.
rk nit: Teutscher Fürstenstat 1656,
zuletzt 1754 in 8. Auflage erschienen. Er stand ın naher Deziehung
zu dem vortrefflichen Regenten Herzog Ernst von Gotha, für den er
die Schrift wohl hauptsächlich geschrieben hat. 1682 übernahm er
das Amt des Kanzlers der neu zu gründenden Universität Halle, deren
völliges Inslebentreten er leider nicht mehr erleben sollte. In bezug
auf die Handelspolitik vertritt er mit größter Schärfe die oben ausgeführten
 merkantilistischen Anschauungen bis zum Verbot der Ausfahr
 guter Münzen, indessen erkennt er, daß der Bergbau an KEdelmetallen
 nicht unter allen Umständen zu fördern sel, sondern nur,
wenn die Kosten sich einigermaßen bezahlt machen. Obrigkeitliche
Taxen für Lebensbedürfnisse, unter Umständen auch für den Arbeitslohn,
hält er für wünschenswert, wie ebenso Aufwands- und Kleiderordnungen,
um den Konsum in Schranken zu halten. Ein Hauptsatz ist bei ihm:
„In der Menge wohlgenährter Leute besteht der größte Schatz des
Landes“, deshalb spielt bei ihm die Sorge für die Volksvermehrung,
z. B. durch Einrichtung großer Kinderhäuser eine hervorragende Rolle;
eine Auffassung, die nach der Entvölkerung des Landes durch den
30 jährigen Krieg verständlich ist. Sehr umfassend sind seine Erörterungen
 über das angemessenste Steuersystem, wobei er energisch
für Konsumtionssteuern und eine. Vermögenssteuer eintritt; er befürwortet
 schon die Freilassung des Existenzminimums und ist deshalb
gegen die Kopfsteuer.,
‚Johann Joachim Becher: Politischer Diskurs von den eigentlichen‘
 Ursachen ueS AUTIENENS And Abnehmens der Städte, Länder
usw., 1668, war ein Deutscher, der aber früh nach Oesterreich verpflanzt
 wurde und dort eine umfassende praktische, wie schriftstellerische
Tätigkeit entwickelte. Auch er hält vor allem die Volksyermehrung
für das dringendste Bedürfnis seiner Zeit; selbst die Heranziehung
von Negersklaven ist ihm recht. „In einer populosen Stadt ist es
leichter als in einem deserten Orte sich zu ernähren, indem ein Mensch
von dem anderen lebt, einer dem anderen durch gemeinsamen Handel
und Wandel zu seinem Stück Brot verhilft.“ Kr erkennt aber die
Notwendigkeit aller drei Gewerbsarten, des Bauern, Industriellen und
der Kaufleute, an, wenn es auch der ersteren mehr geben müsse als
der letzteren. Die Konsumtion ist nach ihm „die Seele der drei Stände,
        <pb n="383" />
        335

der einzige Bindeschlüssel, welcher sie aneinander heftet, auch voneinander
 leben macht.“ Obwohl er den wahren Charakter des Geldes
nicht völlig verkennt, äußert er sich: „Man solle alle Zeit sehen, daß
man das Geld im Lande behalte und von fremden Orten noch mehreres
dazu bringe, dieweil das Geld gleichsam der Nerv und die Seele eines
Landes ist.“
Wilhelm Freiherr von Schröder, Fürstliche Schatz- und Rentkammer,
 1686, (8, Auflage) erweist sich als der extremste. Vertreter
des Merkantilismus, wie die folgenden Sätze ergeben: „Das Volk wird
so viel reicher, als entweder aus der Erde oder anders woher Geld
oder Gold. ins Land gebracht wird, und so viel ärmer, als Geld hinausläuft.“
 Es wäre aber falsch, ihn deshalb des Midasglaubens zu beschuldigen,
 vielmehr geht aus seinen ganzen Ausführungen hervor, daß
er die Befruchtung des Landes durch Geld allein von dem Umlauf
und damit der Erleichterung des Umsatzes erwartet. Mit der größten
Geringschätzung äußert er sich über den Binnenhandel, um den auswärtigen
 um so mehr zu preisen. „Das fruchtbarste Land ohne
Kommerzien ist nicht im geringsten zu estimieren, höchstens insofern,
als es zum Handel übergehend vor minder fruchtbaren einen Vorsprung
 gewinnen kann.“

8 91.
Die’merkantilistische Praxis.
A EHE
Biedermann, Deutschlands Zustände im 18, Jahrhundert. Leipzig 1854.
Stadelmann, Friedrich der Große in seiner Tätigkeit für den Landbau Preußens.
Berlin 1876.
Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und
Wirtschaftsgeschichte bes. des preußischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert.
Leinzig 1898.

Wesentlich schärfer noch als in der Literatur treten die merkantilistischen
 Anschauungen in der Staatspraxis jener Zeit zutage. Das
despotische. „Regiment, welches sich allgemein ausgebildet hatte,
wurde auch auf wirtschaftlichem Gebiete in der rücksichtslosesten
Weise zur Anwendung gebracht. Die Auffassung des „l’6tat c’est moi“
findet sich überall, das Volk wird hauptsächlich als Mittel zur Bereicherung
 des Hofes angesehen und in der willkürlichsten Weise
ausgebeutet. Die Person des Einzelnen war dem Herrscher gegenüber
 recht- und wehrlos. Das zeigt sich auch bei den Hohenzollernherrschern,
 die sonst eine hervorragende Ausnahme bildeten and sich
als die „ersten Diener“: des Staates ansahen. Friedrich Wilhelm I.
ließ, um einem Wunsche Peters des Großen entgegenzukommen,
Stahlarbeiter, als sie sich nicht freiwillig zur Uebersiedlung nach Rußland
bereit finden ließen, aufgreifen und dort hinbringen. Um die Schafzucht
 in Ostpreußen zu fördern, schickte er nicht nur spanische
Schafe dorthin, sondern ließ Schäfer aus der Provinz Sachsen mit
Gewalt dorthin versetzen, und als einer von ihnen aus Sehnsucht
nach seiner Familie die Flucht ergriff und zurückkehren wollte, verurteilte
 ihn der König eigenhändig. zur „Spandauer Karre“, von der
ihn eıst Friedrich der Große befreite. Man braucht ferner nur an
das willkürliche Werbewesen zu denken, um sich zu vergegenwärtigen,
in welcher Weise der Kinzelne .der Willkür der Regierung überantwortet
 war. Die rücksichtsiose Ausbeutung der Bevölkerung zugunsten
 der Regierung ergibt sich aus folgenden Beispielen. Karl

„Persönliche,
Willkür des
Herraschörs
        <pb n="384" />
        366

Teindschaft
gegen das
Ausland.

;hutzzoll-Dolitik.


C('‘olhert.

von Württemberg führte das Salzmonopol ein, und als dadurch nicht
genügend einkam, verfügte er, daß jeder Untertan mehr Salz kaufen
mußte, als er gebrauchte. Im Fürstenbergischen wurde jeder bei
LO Taler Strafe gezwungen, den Staatskalender zu kaufen, zugunsten
des Fürsten.
Für das Bestreben, das einzelne, Land möglichst. abzugrenzen.
und auf Kosten des Auslandes zu heben, bietet die Cromwellsche.
Nayigationsakte den bezeichnendsten Beleg, wonach jedes Schiff, das
in einen englischen Hafen gelangte, nur Erzeugnisse des eigenen
Landes verladen durfte, um damit den Zwischenhandel Hollands mit
einem Schlage zu vernichten und denselben den englischen Schiffen
selbst vorzubehalten. Spanien behielt sich den Handel mit den
neuen Kolonien ausschließlich vor, und um dieses kontrollieren zu
können, wurde der Handel auf drei Häfen, später auf Cadix allein
beschränkt, und nur spanische Schiffe durften in dieselben einlaufen,
was freilich allgemein umgangen wurde... Unter Philipp III wurde
Todesstrafe über den verhängt, der es unternahm, fremde Ware nach
dem spanischen Amerika zu importieren.
Die Abschließung des Landes durch eine scharfe. Zollgrenze
bildete sich schon Ende des Mittelalters heraus. Im Jahre 1304
boten die Wollarbeiter in Frankreich der Regierung eine Abgabe
von Tuch an, unter der Bedingung des Ausfuhryerbotes von Wolle.
Philipp der Schöne ging darauf ein und verbot zugleich die Ausfuhr
noch verschiedenen anderen Rohmaterials usw., was 1380 durch Ausgangssteuern
 ersetzt wurde. Aber besonders in der Mitte des
17. Jahrhunderts entwickelte sich zwischen den verschiedenen Staaten
ein intensiver Zollkrieg, besonders Spaniens und Englands gegen die
französische Konkurrenz. /
Die kolossale, Zufuhr von Edelmetallen. aus Amerika regte, wie
bekannt, die Goldgier in besonderer Weise an. Man nimmt an, daß
von der Entdeckung Amerikas bis zum Ende des 17. Jahrhunderts
der Yarrat.an..Mdelmetallen in Europa sich etwa veryjerfacht..hat,
and Spanien speziell suchte in” @&amp;amp;&amp;lt;tremster Weise jenen Goldstrom
ausschließlich nach dem eigenen Lande zu leiten und ihn dort festzuhalten.
 Die Könige von Castilien hatten allerdings schon vorher
in der Mitte des 14. Jahrhunderts Verbote der Ausfuhr edler Metalle
erlassen, die 1480 noch wesentlich verschärft wurden. Philipp IV.
belegte sie 1624 mit Todesstrafe. Ausländer durften nur mit Scheidemünze
 bezahlt werden. Aehnliche Maßregeln zur Zurückhaltung des
Geldes im Inlande unter Heinrich VIEL. von England lernten wir
jereits kennen, Sie bestanden ähnlich in den verschiedensten Ländern.
Die Förderung des Gewerbebetriebes zugunsten einer entsprechenden
 Hand@e]sbilahz Anden wir in jenen Zeiten in allen Ländern; am planvollsten
 in Frankreich unter Calhech der deshalb auch als Hauptvertreter
 des Merkantilismus angesehen wird, nur daß er sich von
den Extreme AUSACTEE desselben ‚ferne hielt. Es ist sogar das
System auch als „Colbertismus“ bezeichnet. In einer Denkschrift
spricht er sich dafifi düßS: „ICh Will Frankreich alle Manufakturen
gehen,..deren. Produkte. jetzt...om.” Auslande bezogen werden.“ Ausfuhrverbot
 für Getreide bestand in Frankreich von 1598—1754, auch in
Preußen ist dasselbe wiederholt ausgesprochen worden. Die Ausfuhr war
in England eine lange Zeit untersagt, dagegen zugunsten der englischen
 Landwirte die Einfuhr von Schafen aus Irland 1663 und
        <pb n="385" />
        367

1666 verboten. Und als sich nun die Verarbeitung der Wolle in
Irland zu heben begann, wurde 1699 der Export von Wollwaren aus
Irland verboten. Als Ersatz suchte man in Irland die Leinenindustrie
zu heben, durfte dies aber nur tun, soweit sie England nicht nachteilig
 war. Krst 1705 gestattete man, aus Irland weiße und graue
Leinwand nach den Kolonien zu senden; gefärbte und gemusterte
aber erst seit 1777. Friedrich Wilhelm I. von Preußen verbot
die Ausfuhr von Wolle 1723, wie schon vorher der Große Kurfürst
dies zeitweise überhaupt, sonst den Juden und Händlern untersagte.
Friedrich der Große verschärfte die Maßregel noch 1774, und
als einige Gutsbesitzer die Schafherden zu verringern und zu beseitigen
 begannen, wurde dies bei 1000 Dukaten Strafe untersagt.
In dem gleichen Jahre wurde noch für 28 Warenkategorien und 490
Artikel die Einfuhr verboten oder dem Staate resp. privilegierten
Gesellschaften ausschließlich vorbehalten. Für fertige Waren wurde
allgemein ein Zoll verlangt, der vielfach eine prohibitive Höhe hatte,
womit einzelne Verbote Hand in Hand gingen, z. B. in England
Ende des 17%. Jahrhunderts das KEinfuhrverbot für französische
Seidenwaren, dich
Umfassend waren dagegen die Maßregeln, die inländische Industrie „Künstliche
zu heben, einmal durch Exportprämien und sonstige materielle Unter. hewerbern
stützung einzelner Gewerbetreibender. Colbert verwendete dazu
jährlich über eine Million Livres und mit außerordentlichem Erfolge.
Dazu trat die Privilegierung einzelner .Unternehmer, welche neue
Industriezweige einführen wollten. Die ersten Baumwollenfabrikanten
in Sachsen erhielten für 30 Jahre das Monopol für den alleinigen
Betrieb des Gewerbes, und in großer Ausdehnung nahm der Staat
selbst die Fabrikation in die Hand. Selbst in England war noch
unter Elisabeth die Herstellung von, resp. der Handel mıt Eisen, Oel,
Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Fellen, Leder, Glas monopolisiert.
Aber noch unter ihrer Regierung wurden diese Waren infolge der
energischen Opposition des Parlaments freigegeben. Außerdem wurde
unmittelbar in „die, privatwirtschaftliche Tätigkeit eingegriffen, um
die Industrie In Ob Bahnen zu lenken, Del am REM N Een
erschienen. Colbert erließ verschiedene Reglements, wie in den Gewerben
 gearbeitet werden sollte. In der gleichen Weise gab Friedrich
Wilhelm I. Bestimmungen über die Beschaffenheit des Garns, welches
der Bauer zu einem bestimmten, von der Regierung angesetzten
Preise an das Lagerhaus abliefern mußte. Er vermittelte selbst
durch diplomatische Schritte in Petersburg Bestellungen für russische
Militärtuche und überwachte die Ausführung. Er verbot den Gebrauch
 gewisser Baumwollenwaren, während er den litauischen Bauern
den Anbau von Kartoffeln befahl und körperliche Züchtigung über
die verhängte, welche dem Gebote nicht folgten. Von mehreren
deutschen Fürsten wurde das Tabakrauchen verboten, und Friedrich IL.
gab seinen Untertanen die Weisung, lieber Warmbier statt Kaffee
zu trinken und das Geld lieber im Lande zu behalten, als es in das
Ausland zu geben.
Karl I. von England gebot, die Leichen nur mit Wolle bekleidet
zu begraben, um die Wollenweberei zu fördern, und unter Friedrich
dem Großen waren 22 Gewerbe mit Lohn- und Preistaxen von der
Regierung versehen. Es ist bekannt, wie er bestrebt war, die Seiden-Zucht
 und Seidenweberei in Preußen zu foreieren. um auch hierin
        <pb n="386" />
        368 —

Förderung der
Volksvermehrune.


vom Auslande unabhängig zu werden. Von 1721—1728 war in England
 das Tragen gefärbter Baumwollenstoffe zugunsten der Tuchand
 Seidenweberei bei 5 £ Strafe verboten.
Wenn es so überall zutage tritt, daß die Industrie besonders
bevorzugt wurde, so wäre es doch ein Irrtum zu meinen, daß die
Landwirtschaft völlig vernachlässigt worden wäre. Das war weder
bei Colbert noch bei Friedrich Wilhelm. und Friedrich II.
der Fall. Aber man vermochte damals der Landwirtschaft weniger
zu nützen, und die Förderung der Industrie war die Aufgabe der
Zeit. In England wurden aber 1689, um nur ein Beispiel herauszugreifen,
 Ausfuhrprämien für Getreide eingeführt. In der gleichen
Weise blieb Colbert von einer einseitigen Ueberschätzung der
Schutzzölle fern. Er hat es vielmehr wiederholt ausgesprochen, daß
er die Schutzzölle nur als Krücken ansähe, an denen die Fabrikation
gehen lernen solle, und die beseitigt werden müßten, wenn das erreicht
 sei.
Maßregeln..gib..Kürderung der Volksyermehrung..sind in jener
Zeit in Form von Begünstigung früher Ehen und großer Kinderzahl
iberall zu finden. Unter Ludwig XIV: wurde von den Steuern befreit,
 wer 10 eheliche Kinder hatte, und auf fünf J ahre, wer vor dem
20. Jahre heiratete. Die Begünstigung der Findelhäuser stand hiermit
 im Zusammenhange. Als Ergänzung sollte das Verbot der Auswanderung
 und die Begünstigung der Einwanderung wirken. Friedrich
Wilhelm I, bedrohte mit Todesstrafe Jeden, der aus Litauen auszuwandern
 suchte oder Andere zur Auswanderung zu verleiten beztrebt
 war. Friedrich II. verbot den Gesellen das Wandern im Auslande
 aus Furcht, daß sie sich dort niederlassen könnten. Colbert
trug kein Bedenken, Fabrikanten, die auswandern wollten, ins Gefängnis
 zu werfen. Arbeiter mit gleichen Neigungen wurden
inhaftiert, bis die Schiffe abgefahren waren. Dagegen machte Colbert
belgischen Fabrikanten große Konzessionen, um sie zur Einwanderung
zu bewegen, Der Große Kurfürst zog die französischen Refugies in
das Land, wie Friedrich Wilhelm I. die Salzburger.
So sehen wir überall die Regierung im merkantilistischen Sinne
vorgehen und jene Ideen die Zeit beherrschen.

$ 92.
Der Umschwung der Anschauungen im freihändlerischen
6 1 LAUTE des 18. JahrKundertg a
ARE. SAN YOCKEN ME TEE ZT GEEHRTE WERE RES A ES LAT, TEN LITE
Oncken, Die Maxime laissez faire, laissez passer, 1886.
nn Unter dem Kinfiuß, des Merkantilsystems. entwickelten sich in
Merkantil- den verschiedensten Ländern überaus ‚traurige wirtschaftliche Ver-418
 Volkewirt-Dältnisse. Besonders schädigend wirkte die Willkür, mit welcher die”
;chaft wechselnden Staatsmänner in das praktische Leben eingriffen, von
denen der eine diesen, der andere jenen Gewerbszweig künstlich auf
Kosten eines anderen zu fördern suchte. Die strenge Abgrenzung der
einzelnen Länder und Ländchen gegeneinander, besonders in Deutschland,
 machte eine höhere Entwicklung der Industrie unmöglich,
während in einem großen Lande wie Frankreich, wo schon Colbert
die inneren Zollschranken in großer Ausdehnung beseitigt hatte, ganz
andere Chancen vorlagen. Ebenso war in England durch die Be-
        <pb n="387" />
        — 369 —

seitigung der Monopole die Freiheit für die Entwicklung neuer
Industriezweige schon seit Elisabeth ausgesprochen, und da der
Bauer dort stets direkt unter dem Schutze der Krone und unabhängig
 von dem Adel stand, so konnte sich auch die Landwirtschaft
seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts zu außerordentlicher Blüte
emporarbeiten, während die Knechtung und Ausbeutung des Bauern
in Frankreich und Deutschland die Landwirtschaft auf tiefster Stufe
und Armut zurückhielt. Während in England das Zunftwesen schon
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts jede tatsächliche Bedeutung
verloren hatte, und es in Frankreich durch Colbert bereits auf das
eigentliche Handwerk beschräukt war, blieb es in Deutschland
nicht nur in alter Kraft bestehen, sondern bildete sich zu Imm@eP”
schlimmerem.Zunitzwange, aus. Während das Eingreifen eines Colbert
zur Förderung der Industrie höchst segensreich wirkte, verkümmerten
die Monopulisierungen in dem zersplitterten Deutschland durch die
Unzahl kleiner Herrscher das gesamte Gewerbewesen in wachsendem
Maße. Die_schlimmsten.Folgen ergaben sich aber in Spanien,.Wo
all die merkantilistischen Eingriffe in extremstem Maße zur Durchführung
 gelangten. Die künstliche Anhäufung der Edelmetalle im
Lande entwertete dieselben in der außerordentlichsten Weise, so daß
in den Cortes schon 1594 geklagt wurde, daß der Wert des Geldes
auf den fünften Teil gesunken sei. Infolgedessen reichten die bisherigen
 Beamtengehälter zum Leben absolut nicht aus, und die Folge
war eine grenzenlose Korruption der Beamten. Die extremen Vorschriften
 zur Knebelung von Handel und Gewerbe waren nicht durchzuführen
 und wurden daher infolge Bestechung offenkundig umgangen.
Obgleich bei Todesstrafe das Einlaufen fremder Schiffe in den drei
spanischen Häfen, die für den Verkehr mit den Kolonien reserviert
waren, verboten war, wurden auf einmal 160 fremde Schiffe in einem
Hafen mit Beschlag belegt, die unter falscher Flagge segelten. Die
unglaubliche Verschwendung des Hofes brachte das Land in Schulden
and nötigte zu den schärfsten und selbst unvernünftigsten Steuermaßregeln,
 so daß man in den Cortes klagte: wie solle man Handel
treiben, wenn man von 1000 Dukaten Kapital 300 Dukaten Abgaben
zahlen müsse. Die Härte der Eintreibung war eine um so schlimmere,
als ein großer Teil der Steuern verpachtet war. Gleiches war auch
in Frankreich und in Deutschland zu finden.
fs war begreiflich, daß sich gegen diese Staatspraxis, wie gegen
die Theorie, welche diese unterstützte, eine wachsende Opposition
regte, die gerade in der Beobachtung der besseren Verhältnisse in
England eine besondere Stütze erhielt, wo man sich von jenen
Schranken mehr und mehr emanzipiert hatte, und Frankreich war
der Boden, auf dem diese Opposition erst in der Theorie, dann in
der Praxis eine wirksame Bedeutung erlangte.
_ Wie Jean Jacques Rousseau das Gekünstelte in der Bildung
seiner Zeit geißelte und in der Umkehr zum natürlichen Zustande
 der Menschheit das Heil suchte, um sich von der Vorliegenden
 Unnatur der Erziehung und des Gesellschaftslebens zu befreien;
 wie Voltaire und Diderot sich gegen den übermäßigen
Zwang der Kirche auflehnten; wie Mirabeau und Montesquieu
 gegen den Absolutismus der Monarchie Front machten,
so entwickelte sich in„Krankreich ein neues nationalökonomisches
System,... welches gegen die Unnatur des—wirtschafttichen
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. ei a A

Opposition
gegen den
Polizeistant
        <pb n="388" />
        — 370 —

Zwanges auftrat. Man schlug vor, mit den alten Schranken tabula
Tasa- zumachen und einmal zu versuchen, ob sich nicht die Verhältnisse
 sehr viel besser zu entwickeln Vvermöchten, wenn man sie
völlig sich selbst überließe und jede Staatseinmischung vermiede.
Man ging damit wieder wesentlich über das Ziel” Aus it der Mei:
nung, daß eine Verschlimmerung der Zustände unmöglich, und die
erste Aufgabe sei, mit dem unerträglichen Wust polizeilicher Bevormundung
 gänzlich aufzuräumen, um auf Grund der Freiheit ein
neues Gebäude zu errichten. Diese Lehre ist als die physiokratische
 bekannt. ;

8 93.
Das physiokratische System.
&amp;amp;. Kellner, Zur Geschichte des Physiokratismus. Göttingen 1877
Eug. Daire, Economistes financiers du XVII Siöcle, Paris 1813.
A. Oncken, Oeurres Sconomiques et philusoph. de F. Quesnay. Frankfurt a. M.
und Paris 1888,
Ders. in der Zeitschrift für Literatur und Geschichte der Staatswissenschaften
v. Frankenstein. Ludwig XVI. und das physiokrat, System, 1893. Entstehen und
Werden der physiokrat. Theorie, 1896,
St. Bauer, Zur Entstehung der Physiokratie, Jahrb. £. Nat.-Oek., N. F,,
Bd. 21, 1890.
Wenlersse, Le mouvement physiocratique en France de 1758 &amp;amp; 1770. Paris 1910.
Lohmann, Vauban, seine Stellung in der Geschichte der Nat.-Oek. (Schmollers
Forschungen) 1895.

Boisguillebert

Vauban.

Üucsnay.

Schon im 17. Jahrhundert regte sich die Opposition gegen die
merkantilistischen Grundanschauungen. Ein Hauptvertreter war
Pierre Boisgnillebert, besonders in seinen Schriften Detail de
Ta France sous le regne present, 1697, und Dissertation sur la nature
des richesses, de largent et des tributs. Er wendete sich energisch
gegen die Ueberschätzung von Handel und Industrie gegenüber der
Landwirtschaft und stellte dem Colbertismus das ältere System
Sullys gegenüber. Der Reichtum eines Volkes, meinte er, bestünde
‚nicht im Gelde, sondern in den Gebrauchsgegenständen, die hauptsächlich
 durch die Gewerbe der Rohproduktion geliefert werden.
Diese könnten aber nur bei wirtschaftlicher Freiheit gedeihen, welche
die natürlichen Gesetze WIFtSChäftKlchen LEDEHS Zur Geltung kommen
lasse. Er weist bereits darauf hin, daß eine ganze Klasse der Bevölkerung,
 besonders der Adel, nichts für die Hebung des Wohlstandes
 tue, während die produktivste, der Bauernstand, die gedrückteste
 sei und unter den traurigsten Verhältnissen lebe.
Ihm schloß sich der Marschall Yazban-(1633—1707) in seinem
„Projet d’une dime royale“ 1707 an, der für die. Hehyng..der. unteren
Klassen und besonders des Bauernstandes eintrat, vor allem die
Jrückenden und ungerechteM indirekten StEHETn zu beseitigen trachtete
and sie durch eine einzige Steuer, einen Zehnten von den landwirtschaftlichen
 Produkten, wie von dem. Ertrage von Handel und Industrie
 ersetzen Wolfe des Phwstokrat
Der_Hauptvertreter des Physiokratismus war aber F rancois
Duesnay A 6041772), der Leibarzt Ludwigs X Vi“ der-besondet®
durch sein „Tableau 6conomique“ (Versailles 1757) ein eigenes wissenschaftliches
 System aufstellte und methodisch begründete, welches
dem merkantilistischen diametral entgegengesetzt war und trotz
seiner Paradoxien dadurch einen größeren Einfluß zu gewinnen ver-
        <pb n="389" />
        371

mochte, daß es die Verkehrtheiten der bisherigen Regierungsmaximen
rückhaltlos aufdeckte und dafür einen natürlichen Weg zeigte, der
leichter zum Ziele führen konnte.
Die Grundlage seiner Lehre ist die schon bei Boisguillebert
angedeutete Behauptung, daß nur die Gewerbe der Rohnroduktion
den Volkswohlstand zu heben vermögen. Nicht das Geld macht den
Keichtum aus, es wird nur in beschränkter Quantität gebraucht und
verliert an Wert, wenn sim Ueberfluß vorhanden ist. Der _Wohlstand
 wird, yielmehr. durch, den Vorrat. an Gebrauchsgütern bestimmt,
wie sie die Gewerbe der, Ruhproduktion. liefern. Auch die Tätigkeit
des Handwerkers und Kaufmanns ist nützlich und nicht zu entbehren,
 aber sie liefern nicht neue Güter, wie es vor allem die Landwirtschaft
 durch die Naturkraft des Bodens tut; wohl erhöhen sie durch
Arbeit den Wert der Gegenstände, aber sie verbrauchen dafür das
Rohmaterial und verwenden weitere Güter zum eigenen Unterhalt,
wodurch der Wert ihrer Arbeit absorbiert wird. Sie erlangen keinen
Ueberschuß an Werten, was der Landwirtschaft allein vorbehalten
ist, die den produit net. liefert,“ dürch den, allein. der. Volkswohl:
stand geliöben werden kann. Aus diesem landwirtschaftlichen Rein-‘ertrage,
 den die Klasse der Bauern schafft, wird die Klasse der
Grundbesitzer unterhalten, wie der Industrie das Rohmaterial und
der ganzen Bevölkerung die Nahrungsmittel geliefert. Alle Aufwendungen
 des Staates können nur aus dieser Quelle gedeckt
werden, auf der deshalb alle Steuern beruhen. Auch diejenigen,
welche von Handel und Industrie erhoben werden, fallen auf die
Landwirtschaft zurück. Es ist deshalb richtiger, die Staatskasse
allein durch eine einzige Steuer, zu füllen, die von der Landwirtschaft
direkt erhoben wird, also in der Form einer einzigen, allgemeinen
Grundsteuer.
"Die Landwirtschaft aber kann nur gedeihen, wenn ihr der Vertrieb
 ihrer Produkte freigegeben. wird, damit sie den Preis erhält,
der den Verhältnissen entspricht. Der Kaufmann wird durch seinen
eigenen Vorteil dazu gebracht, die Waren dort zu kaufen, wo sie im
Veberfluß vorhanden und daher billig sind, um sie dorthin zu führen,
wo Mangel daran vorliegt und sie deshalb teuer sind. Sein Privatinteresse
 steht mit dem der Gesamtheit in Harmonie. Ebenso liegt
aber auch die Sache im internationalen Verkehr, indem die Staaten
nach ihren natürlichen Verhältnissen sich. gegenseitig zu unterstützen
 bestimmt sind. Daher ist es die Aufgabe, alle künstlichen
Hemmnisse zu beseitigen, ‚Wirtschaftliche Freiheit herzustellen. In
der Volkswirtschaft walten natürliche Gesetze, wie In der Kntwicklung
 des tierischen und menschlichen Organismus. Frei waltend
bringen diese Gesetze die beste Förderung für die Gesamtheit mit
sich, die Regierung vermag wohl zu hemmen und zu stören, aber
nicht zu fördern. Ihre Aufgabe geht deshalb nur dahin, alle Hemmnisse
 zu beseitigen, natürliche Verhältnisse herzustellen, „.die.Natur.
auch im wirtschaftlichen Lehen herrschen.zıu lassen. Daher stammt
der Name Physiokratie, und der Hauptsatz, . durch den ‚die Lehre
nachhaltige Bedeutung gewonnen hat, liegt in der Direktive „laissez
A E Sende ran krech zäßerordentliches Aufsehen
 und fand dort sehr ausgedehnte Zustimmung. In gleicher
Richtung, in der Hauptsache schon vor. Quesnay, trat Vincent
94*

Re? Du
        <pb n="390" />
        372 —

Goumay.

Turgot,

Die tatsächlichen
 Verhältnisse.


Gournay (1712—1759), Intendant der Handelskammer, in einer
Reihe von Schriften auf. Im freien Handel wird nach seiner Ansicht
 stets das vernünftige” Privatimteresse” mit dem Gesamtinteresse
verbunden. Er räumt übrigens der Industrie produktive Kraft ein,
weicht also“dämit von Quesnay ab. Kin bedeutender Anhänger
der physiokratischen Lehre war der ältere Mirabeau. Im Grunde
auf demselben Boden stand der zeitweilige Finanzminister Turgot
in seinen Reflexions sur la formation et la diStrIBREION DES TICHERGES,
1766, der sich aber — ebenso wie Colbert von den Extravaganzen
Jes Colbertismus — von denen des Physiokratismus fernhielt und
aicht mit Unrecht als. ein. Vorläufer, besonders Vorarbeiter des Adam
Smith bezeichnet ist. Die oben erwähnte Schrift hat er in klassischer-Form
 zum Unterricht für zwei Chinesen geschrieben, die in
ihre Heimat zurückgekehrt für Frankreich wirken sollten. Turgot
zeigt sich zunächst als Schüler Quesnays, indem er die Gesell-Schaft
 in. drei-Klassen.teilt: 1. die produktive, d. s. die Bauern
2.die nuproduktise, d. s. die Industriellen and JTand werker 8. die”
disponihle.„Klasse der Grundbesitzer, Rentiers und Beamten. Auch
nach ihm liefert nur die Landwirtschaft Ueberschüsse. Dagegen
zeigt er sich freier, umsichtiger und seiner Zeit voraus in der
Würdigung der Arbeitsteilung, des Geldes, des Kapitals und Lohnes,
wo er vielfach schon Lehren aufstellte, die später erst durch Adam
Smith und Ricardo allgemeine Verbreitung erlangt haben.
Sehr segensreich hat Turgot 13 Jahre als Intendant in Limoges
 gewirkt. Unter Ludwig XVI. zum Finanzminister berufen,
griff er wohl zu tiefgehend und energisch die allerdings nötigen Reformen
 an, um der bisherigen Verschwendung zu steuern, was ihm
übermäßige Feindschaft zuzog. KErfolgreich hatte er mit der Herstellung
 der Handelsfreiheit für Getreide begonnen. Er dekretierte
auch die Beseitigung der Zünfte, setzte sie aber nur vorübergehend
für Paris durch. Die großen Hoftnungen, die von vielen Seiten auf
seine Berufung gesetzt wurden, gingen nicht in Erfüllung.
Die Anschauungen des Physiokratismus sind naturgemäß aus
jen Verhältnissen der Zeit erwachsen. Anfang der 20er Jahre des
18. Jahrhunderts hatte in Frankreich der Schotte John. Law. das,
Experiment gemacht, durch eine kolossale Vermehrung des Geldes
vermittels Notenemission den Wohlstand des Landes zu heben. Der
&amp;lt;Jägliche Zusammenbruch seines Unternehmens hatte ebenso deutlich
lie Unhaltbarkeit der merkantilistischen Lehre vom Gelde erwiesen,
wie die Verarmung Spaniens trotz der Anhäufung der Edelmetalle
im Lande. Das Elend der Bauern und in der Hauptsache auch des
Handwerkerstandes in Frankreich trotz der merkantilistischen Praxis
zeigte deutlich, daß sie nicht gehalten, was man von ihr erwartet hatte.
Quesnay war auf dem Lande aufgewachsen und hat sich eine besondere
 Vorliebe für die Landwirtschaft sein ganzes Leben hindurch
bewahrt. Schon im jugendlichen Alter hatte er sich in einem Artikel
„Grain“ über die Begünstigung der Manufakturen auf Kosten des Ackerbaues
 beklagt und darzulegen gesucht, daß dieser tranrige Zustand
hauptsächlich künstlich durch die unnatürliche Gebundenheit des Bauern
herbeigeführt sei. Es war deshalb wohl erklärlich, daß das Zurückgreifen
 auf die Landwirtschaft, als die eigentliche Basis für die Volkswirtschaft,
 allgemeinen Anklang fand. Wir haben das Unnatürliche
and Geschraubte das damaligen Polizeistaates auseinandergesetzt.
        <pb n="391" />
        — 8373 —

Kein Wunder, wenn man in der völligen Beseitigung aller Schranken
eine Erlösung sah, von der nur eine Besserung, aber keine Verschlimmerung
 zu erwarten sei. Eins der größten Uebel der Zeit war die Steuererhebung.
 Zum großen Teile waren die Steuern indirekter Natur
and wurden von dem Umsatze der hauptsächlichsten Nahrungsmittel
im Inlande erhoben. Ein Teil der Steuern pflegte Steuerpächtern
überlassen zu sein, die mit der größten Rücksichtslosigkeit die Eintreibung
 bewirkten und die Bevölkerung nach allen Richtungen hin
schädigten. Der Gedanke einer Beseitigung dieses Krebsschadens Me
und des Ersatzes durch eine einzige allgemeine Grundsteuer mußte
deshalb als ein wirklicher Fortschritt begrüßt werden. Eine prak- aumäynt
tische Bedeutung hat aber gerade dieser Vorschlag als Konsequenz
des ganzen Systems niemals erlangt. Ein Versuch ist damit in drei
Gemeinden in Baden gemacht, die Klagen über die unerträgliche Last
waren aber so bedeutend und wurden bald als so berechtigt anerkannt,
 daß man sich nach kurzer Zeit zur Beseitigung genötigt sah.
Eine nachhaltige Bedeutung hat, die physiokratische Lehre dagegen
 in der Anfstellung des Freihandelsprinzips gewonnen, welches
namentlich in England noch in demselben Jahrhundert einen weitgehenden
 Ausbau und feste Begründung erlangte.

en
‚Die Vorläufer des Adam Smith...
M. Klemme, Die volkswirtschaftlichen Anschauungen David Humes. Jena 1900.
Hasbach, Untersuchungen über Ad. Smith und die Entwicklung der politischen
Jekonomie. Leipzig 1891.
Ders., Die philosophischen Grundlagen der von Fr. Quesnay und Ad. Smith begründeten
 polit. Oekonomie. Leipzig 1890.
Hatte in Frankreich Turgot sich mehr und mehr von den Einseitigkeiten
 des Merkantilismus sowohl wie des Physiokratismus emanzipiert,
 so geschah dies noch viel mehr in England, wo man bei der
hohen Bedeutung von Handel und Industrie in jener Zeit naturgemäß
vor einer Unterschätzung derselben und einer Ueberschätzung der
Landwirtschaft im Sinne der Quesnayschen Schule bewahrt blieb.
Die englischen. Philosophen, wie. Hobbes und Locke, haben sich
von jeher in besonderer Weise mit nationalökonomischen Fragen beschäftigt.
 Hasbach hat außerdem auf die Naturrechtslehrer Hugo
Grotius und Pufendorf, dann Christian Wolf aufmerksam
gemacht, welche einzelne nationalökonomische Fragen behandelt haben,
die von Adam Smith verwertet sein können. Besonderen Einfluß
haben aber naturgemäß seine Lehrer Hu fcheson und Dayig Buumg
auf ‚ihn gehabt. Bei Ersterem finden wir die Arbeit als geeignetstes
Preismaß aufgestellt, seine Erörterungen über den Zins sind von
nachhaltigem Werte gewesen. Ganz besonders kommt hier aber
David A © «A Betracht, ‘der zugleich ein langjähriger intimer
Treund des Pegründers unserer Wissenschaft gewesen ist, mit dem er
viele Jahre in dem regsten Austausch gestanden hat, und der daher
unsere Beachtung in hervorragendem Maße verdient. Die Gesamtausgabe
 seiner Werke ist von Green und Groß, London 1889 veranstaltet.
 Für uns sind besonders wichtig die 1752 erschienenen
„Political discourses“. Er nimmt, man könnte sagen, eine moderne
Stellung ein, indem er die Arbeitsamkeit als die Grundlage alles

Hume.
        <pb n="392" />
        374 —

Humes
 teidtheorfe:

eben und
Werke.

Reichtums hinstellt. Je größer der Arbeitsvorrat (stock of labor), um
SO Eröber Auch die Macht und der Reichtum des Landes. Eben deshalb
 erkennt er. auch die Produktivität des Gewerbebetriebes und. des
Handels neben der Landwirtschaft an, da in allen dreien die menschliche
 Arbeitskraft in der gleichen Weise wirkt. Besonders ausführlich
 behandelt er die Bedeutung des Handels für den Nationalwohlstand
 und räumt dabei dem auswärtigen Handel und dem Binnenhandel
 in dieser Beziehung die gleiche Wirkung ein. Er zeigt, wie
die Landwirtschaft erst da zur Blüte gelangt, wo Manufakturen vorhanden
 sind, und hier der Binnenhandel notwendig als Mittelglied
eintreten muß. Aus der Geschichte entnimmt er den Nachweis, daß
wiederum. vielfach und besonders in England der Handel mit dem
Auslande der. Entwicklung der Manufakturen vorausgegangen ist und
dieselbe erst angeregt hat.
Kine besondere Beachtung hat Humes Lehre vom Gelde_er-Yängt,
 ohne daß er darin als ganz originell anzuschen Ist, ebensowenig
wie seine Anschauungen als richtig anerkannt werden können. Im
Gegensatz zum Merkantilismus faßt er das Geld hauptsächlich als
Wertzeichen und Wertmaß auf, als Mittel zur Schätzung und Vergleichung
 von Waren und Arbeit. Er legt ihm deshalb eine unmittelbare
 Bedeutung für den Volkswohlstand nicht bei, es ist ihm „kein
Rad im großen Räderwerk des Verkehrs“, sondern das Oel, das die
Bewegung der Räder erleichtert, und damit unterschätzt er unzweifelhaft
 die wirtschaftliche Bedeutung desselben. Er bleibt damit sogar
hinter Locke zurück, der den inneren Wert des Geldes in der darin
enthaltenen Quantität Edelmetalles sucht, während Hume einfach
beides identifiziert. In betreff des Geldwertes ist Hume Anhänger
der schon älteren, bereits von Bodinus im 16. Jahrhundert aufgestellten
 und auch von. Locke. vertretenen Quantitätstheorie, Das
gesamte. Quantum der in einem Lande existierenden Ware steht nach
ihm der Gesamtheit des vorhandenen Geldes gegenüber, womit jene
Waren gekauft werden können. Wird die Quantität des Geldes vermehrt,
 so wird dadurch die gesamte Kaufkraft desselben nicht verändert;
 dagegen die jedes einzelnen Teiles, also jedes Geldstückes
entsprechend verringert, bei einer Verminderung des Geldvorrates
entsprechend gesteigert, während der gesamte Geldvorrat auch dann
dieselbe Kaufkraft behält, solange der Vorrat derselbe ist, der ihm
gegenübersteht. Trotz der darin liegenden Einseitigkeit zeigen diese
Lehren gegenüber den bisherigen einen außerordentlichen Fortschritt.

: 3.
Adam Smi

a3

Hasbach, Untersuchungen über Adam Smith und die Entwicklung der politischen
 Oekonomie. Leipzig 1891.
Zeyß, Alam Smith und der Eigennutz, Tübingen 1889.
Leser, Der Begriff des Reichtums bei Adam Smith. 1874.
Cliffe Leslie, The political economy of Adam Smith, in den Essays in political
and moral philosophy. „1879. ;
Der eigentliche Begründer unserer Wissenschaft ist unzweifelhaft
 der Schötte“ A dam Smith, auf dessen Persönlichkeit wir deshalb
 etwas näher eingehen. Kr wurde in dem Städtchen Kirkaldy
in Schottland 1723. als Sohn eines Zollkontrolleurs geboren und ist
        <pb n="393" />
        — 375 —

ınter beschränkten Verhältnissen aufgewachsen. Nach Absolvierung
ler unteren Schule seiner Vaterstadt gelangte er 1737 auf die Universität
 Glasgow und von dort nach Oxfurd. Auf den Wunsch seines
Vormundes studierte er zunächst Theologie, warf sich aber bald völlig
auf die Philosophie. Nach Beendigung seiner Studien kehrte er in
die Heimat zurück und hielt von 1748—50 in Edinburgh öffentliche
philosophische Vorlesungen, besonders über Rhetorik und Aesthetik.
Da dieselben großen Erfolg hatten, wurde er 1751 an die Universität
Glasgow berufen, wo er besonders die Vorträge über Moralphilosophie
übernahm und sonstige philosophische Vorlesungen hielt. In dieser
Stellung, die er bis 1764 einnahm, hat er sein erstes Hauptwerk
„Theory of moral sentiments“ 1759 herausgegeben und in den Grundzügen
 sein späteres Hauptwerk ausgearbeitet und in seinen Vorlezungen
 vorgetragen. 1762 wurde er von der Universität Glasgow
zum Doctor of Laws ernannt. Im Beginne des ‚Jahres 1764 gab er
seine Professur auf, um den jungen Herzog Buccleugh als Mentor
auf Reisen in Frankreich und der Schweiz zu begleiten und in Toulouse
 und Paris einen“ längeren Aufenthalt zu nehmen. In dieser
Zeit hat er Gelegenheit gehabt, mit den hervorragendsten Nationalökonomen,
 namentlich den Physiokraten, in nähere Beziehung zu treten,
and wenn auch, wie Häsbach richtig nachgewiesen hat, seine Anschauungen
 in der Hauptsache schon vorher allseitig entwickelt und
in den Vorlesungen festgelegt waren, so hat-er doch durch diesen
Verkehr, wie durch die physiokratischen Schriften, die bereits erschienen
 waren, sicher bedeutsame Anregung für sein großes Werk
bekommen. Im Oktober 1766 kehrte er nach England zurück und
ließ sich nach kurzem Aufenthalt in London in seiner Vaterstadt
nieder; dort arbeitete er sein bedeutsames Werk aus, welches 1776
unter dem Titel N the Wealth.
af nations“ erschien. Noch zu seinen Lebzeiten hat dasselbe eine
#7öße Zahl von Auflagen und Uebersetzungen in die Hauptkultursprachen
 erfahren. Zur Herausgabe seines Werkes hielt er sich
1775 bis 1776 wieder in London auf, kehrte dann aber in seine
Vaterstadt dauernd zurück. 1778 wurde er Mitglied einer höheren
Zollbehörde, wodurch ihm ein ausreichender Lebensunterhalt gewährt
 wurde. Noch in demselben Jahre wurde ihm die Ehre zuteil,
zum Rektor der Universität Glasgow gewählt zu werden. Schon früh
begann er zu altern und starb am 17. Juli 1790. _
Außer dem erwähnten Werke hat er nur noch wenige kleine
Artikel geschrieben und nach Vollendung seines großen Werkes überhaupt
 nichts mehr erscheinen lassen. Alle seine Papiere, die er zur
Hand hatte, vernichtete er kurz vor seinem Tode, dagegen sind noch
seine Vorlesungen zunächst auf Grund der Nachschrift eines seiner
Schüler, Millard, und neuerdings nach einem aufgefundenen Manuakript
 publiziert. Der "Titel dieses Werkes lautet: Ad. Smith,
Lectures on justice, police, revenues and arms. Delivered in the
University of Glasgow. Reported by a student in 1763 and edited
with an introduction and notes by Edwin Cannan. Oxford 1806,
(S, auch darüber Diehl, Jahrb. f, Nat.-Oek., 3. F., Bd. XVII, S, 244.)
Die beiden Hauptwerke Smiths behandeln zwei Teile des Zyklus
seiner Vorlesungen, die mit der natürlichen Theologie beginnen, daran
die Ethik, das Naturrecht und die Politik knüpfen. Sein erstes
Werk behandelt den Gerenstand der Ethik, das zweite den größten
        <pb n="394" />
        :- 376 —

Teil der Politik.‘ Wir haben es hier zunächst nur mit dem zweiten
zu tun und kommen nur noch am Schluß der Betrachtung auf das
erstere Werk zurück.
Das Buch „zerfällt.in...fünf „Teile. Der erste behandelt hauptir
 die Lehre vom Werte, vom. Preise, und Vön den Arten des
inkommens, der zweite, die Lehre von der Produktion, der drittg
die verschiedenen SÄHOT, gewerblicher.. Tätigkel SS wen Dr
Handel, der fünfte die Finanzwissenschaft,..
Wie es der Titel des Werkes besagt, sucht Smith darzulegen,
worin der Reichtum eines Landes besteht und wodurch er gefördert
werden kann. Der Reichtum besteht nach ihm in den fortdauernd
neu erzeugten und zur Befriedigung der Bedürfnisse Aispöniblen
Züterh, Wobei der Werf dar Güter entscheidend ist.“ Ih“ der Volkswirtschaft
 kommt es nicht nur auf die natürliche Brauchbarkeit der
Gegenstände an, sondern auch darauf, wie die Güter im Tauschverkehre
 geschätzt werden; also ayf.dem.Tanschwert. Auf Wer terhöhung
 ist mithin die wirtschaftliche Tätigkeit gericht&amp;amp;t; in
WerTerMohühg besteht die Pradukfjon, und diese wird durch mensch.
liche Arbeit bedingt. Die auf die Hervorbringung eines Gutes aufgewendete
 Arbeit bestimmte ursprünglich allein den Wert desselben,
und da bei Ausbildung der Arbeitsteilung Jeder den größten Teil
seiner Befriedigungsmittel der Arbeit Anderer verdankt, so richtet
sich der EEE Dre nach der Mona Bm ONE die er
damit.„eintauschen Kann, Die Arbeit ist” sömit der Maßstab des
TE Are ursprünghich dem Preis”der Wäre. ” Auf
Köherer Stufe der Kultur, nach Ausbildung des Privateigentums und
der allgemeinen Anwendung des Kapitals bei der Produktion zerfällt
aber der Preis der Ware in Arbeitslohn, Kapitals- und Grundrente,
da auch für die mitbenutzten Produktionsfaktoren Grund und Boden
und Kapital an die Inhaber derselben ein entsprechender Anteil abgegeben
 werden muß. Die Arbeit kann nun durch Arbeitsteilung
produktiver gemacht und der Volkswohlstand gehoben werden, vor
allem durch Verallgemeinerung der“ Arbeit; “resp” Eitschränkung der
nichtproduzierenden Bevölkerung, wie besonders der Mönche, der
übermäßigen Zahl von Dienstpersonal, wie auch der Beamten: dann
durch Sparsamkeit und durch Einschränkung des Bedarfs, um Ueber-Schüsse
 zu erzielen und die Kapitalbildung zu fördern.
Arbeissiohn..... Der Arbeitslohn findet in den notwendigen Lebensbedürfnissen
des Arbeiters die untere. Grenze und Tichtet sich nach dem Verhältnis
der Nachfrage.nach Arbeitskräften gegenüber.dem.. Bestande. derselben.
Die Nachfrage aber wird durch den Vorrat an Kapitalien bestimmt,
der die Arbeitskräfte zu seiner Verwendung gebraucht, und dieser
Vorrat. ist..wiederum bestimmend für die Höhe des Kapitalzinses.
Mit dem zunehmenden Wohlstande und dem Anwachsen‘ des Kapitals
steigt daher der Lohn und sinkt der Kapitalzins nm un
IR der Wirtschaffspolilik kommt Smith” zu demselben Ergebnis,
wie die Physiokraten, indem er davon ausgeht, daß in dem wirtschaftlichen
 Leben XNaturgereealten, die man sich selbst überlassen
müsse. Das Selbstinteresse des Kinzelnen führe ihn von selbst
dazu, so zu handeln, wıe es der Gesamtheit förderlich sei. Der kurzsichtige
 Egoismus. werde durch die.Kankarrenzim Zaume. gehalten:
sie könne aber nur bei wirtschaftlicher Freiheit allgemein zur Wirkung
gelangen und günstig sein. Deshalb sei es die Aufgabe des Staates.

reiheits-DTiNZID.
        <pb n="395" />
        310 —

die bisherigen unnatürlichen Schranken zu beseitigen. Sehr eingehend
behandelt er die Schäglichkeitallex.Menspole;, die Uebermacht der
großen Grundbesitzer, die gewerbliche. Gebundenheit dürch; die, Zünite,.
die Beschränkung des internationalen Handels durch Probitiv- und
Schutzzötle: "Atle-diese-mittelalterlichen Schranken-seien-zu-beseitigen.
Der Kinzelne, der am besten beurteilen könne, wo und wie seine Kräfte
am zweckmäßigsten zu verwerten sind, müsse auf die eigenen Füße
gestellt und ihm die volle Freiheit des’ Handelns gewährleistet werden,
Außerdem fürchtet er, daß der Adel und die Reichen, welche den
größten Einfluß im Staate haben, diesen überwiegend im eigenen Interesse
 verwerten und den Schwächeren bedrücken; Er sucht mithin
das Interesse aller Einzelnen zu vertreten und zum Ausgangspunkte
zu nehmen. Die Regierung faßt er nur als Mittel auf, das Wohl der
Einzelnen zu fördern, während sie in dem Staate des polizeilichkameralistischen
 Zeitaltersim Gegenteile als Selbstzweck hingestellt
war, dem das Wohl der Untertanen meist in der schmählichsten Weise
untergeordnet wurde. Dabei ist zu bemerken, daß er die völlige
wirtschaftliche Freiheit als ein zurzeit noch unerreichbares Ideal ansieht
 und ausdrücklich Ausnahmen anführt, wo Schranken durchaus
am Platze sind.
In dem.Verkehs-mit dem. Ausland. verlangt..er..Freiheit, um Inter.
nationale Arbeitsteilung durchzuführen, die ebenso bedeutsam sei, wie
Je Arbeitsteilung im Innern des Landes. Jeder Staat müsse das produzieren,
 wozu seine Verhältnisse ihn am besten eigenen, und von anderen
Ländern beziehen, was da billiger und besser geliefert werden könne.
Adam Smith ist in der früheren Zeit vielfach sehr überschätzt
worden; man hat sein Werk der Bibel gleichgestellt und die darin
ausgesprochenen Lehren als ewige Wahrheiten bezeichnet. Er ist
in der neueren Zeit sehr allgemein erheblich unterschätzt, und man
ist ihm nicht gerecht geworden, weil man ihn nur von unserem gegenwärtigen
 Standpunkte aus beurteilte, nicht aber historisch aus seiner
Zeit heraus. Man hat ihn herabgesetzt, indem man nachzuweisen
suchte, daß seine Lehren nicht originell, sondern schon früher von
Anderen ausgesprochen wären, und darin hat man in der Hauptsache
recht. Aber. sein. nnsterhliches Verdienst, liegt..darin, daß „er zuerst
den Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgänge nachwies und Lumen”
ein Wissenschaftlich beziundetes Prinzip zugrunde legte, die verstreuten
Lehrsätze der früheren Schulen von ihren extremen Einseitigkeiten
defreite und zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfügte. Kr war
insbesondere der Kırste, dem es geläng, alle diese Lehrer in einer
leicht faßbaren, überaus interessanten Form zur Darstellung zu bringen,
besonders das allerdings mehr deduktiv aufgeführte Gebäude durch
historische Daten und Erfahrungssätze so zu stützen, daß es leicht
übersehen werden konnte und völlig fest begründet erschien. Wo
man ihm zu scharfes Urteil, extrem einseitige Schilderung vorwerfen
kann, handelt es sich gerade um Sätze, welche die größten Schäden
der Zeit am klarsten hervorhoben und den Leser zwangen, ihnen besondere
 Aufmerksamkeit zu schenken; und gerade diesem Vorgehen
verdankt er den durchschlagenden Erfolg, der noch größer im Auslande
 war, als in Engand selbst, wo das ganze Staatswesen bereits
von einem freiheitlicheren Geiste durchweht war. Ihm vor allem ist
es zu danken, daß noch Ende des 18. Jahrhunderts das Interesse für
wirtschaftliche Fragen ein allgemeines geworden ist, die Erörterungen

Kritik.
        <pb n="396" />
        — 308 —

auf einer gesunden Basis gepflogen wurden und gerade für jene Zeit
eine segensreiche Richtung nahmen.
Man hat Adam Smith einseitigen Materialismus vorgeworfen,
 da er das ganze wirtschaftliche Leben auf den Egoismus zurückführe
 und sein rücksichtsloses Walten als natürlich und notwendig
 anerkenne. Der Vorwurf ist ungerechtfertigt und nur möglich,
wenn man sein zweites großes Werk isoliert betrachtet, während es
als eine Fortsetzung des ersteren und somit im Zusammenhange mit
jenem aufzufassen ist. Dort hatte er in idealster Lebensauffassung
die ethischen Aufgaben der Menschen auseinandergesetzt, die in der
Debung der Gerechtigkeit und Tugend zu sehen seien. Er geht auch
Javon aus, daß man die natürlichen Triebe des Menschen walten lassen
sollte, denn den Menschen beseele eine natürliche „Sympathie“, der entsprechend
 der Mensch den christlichen Grundsatz als den allein richägen
 Maßstab ansieht, den Fremden zu behandeln, wie man selbst
dehandelt zu sein wünscht.
Wenn er in der Behandlung des wirtschaftlichen Lebens das
Privatinteresse als die natürliche Triebfeder überall voraussetzt, so
versteht es sich von selbst, daß dieses nur innerhalb der von ihm
selbst aufgestellten Schranken der Gerechtigkeit vorausgesetzt wird,
ınd daß der Egoismns überall als durch die Sympathie gemäßigt angenommen
 wird.
Dagegen ist ihm mit Recht der Vorwurf zu machen, daß er viele
Ausführungen zu unbestimmt gelassen hat, dadurch zu Mißyerständnissen
 und schiefen Auffassungen Anlaß gab, um so mehr, als ihm
mancherlei Widersprüche nachzuweisen sind. Wenn man aber erwägt,
 daß es sich um einen ersten Anlauf auf noch völlig ungeebneten
 Wegen handelt, so wird man das begreiflich finden. Er hat
ferner unzweifelhaft den Staat in seiner Bedeutung und seinen wirtschaftlichen
 Aufgaben unterschätzt. In einer Zeit, wo es galt, den
Uebergriffen der Staatsgewalt entgegenzutreten, meinte er, diesem
Jurch Ueberspannung des Bogens nach der entgegengesetzten Seite
antgegenwirken zu müssen. Er wirkte allerdings auf eine Atomisierung
 der Gesellschaft hin, indem er den Einzelnen mit seinen
Lebensansprüchen in den Vordergrund stellte und Jeden sich selbst
überlassen wollte. Aber auch dieses mußte in jener Zeit die erste
Forderung sein, um normale Verhältnisse herbeizuführen. Er selbst
zeigte durch die von ihm aufgestellten Ausnahmen, daß er stets geseigt
 war, den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen, und
auf dem Boden der Gewerbefreiheit würde er sicher auch dem Staate
andere Aufgaben gestellt haben. Der ihm gemachte Vorwurf der
Einseitigkeit trifft hauptsächlich seine Schüler, die nach allen Riehtungen
 hin über den Meister hinausgingen.
Um aber die Wirkung des Smithschen Werkes richtig zu verstehen,
 haben wir vor allem einen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse
 nach dem Erscheinen seines Werkes zu werfen.
        <pb n="397" />
        79

8 96.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse am Ende des 18. und
a Beginn des TI Jahrhunderts
Ad. Held, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands, Leipzig 1880,
Zwischen England und dem europäischen Kontinent ist in der
in Betracht zu Deu Zeit ein gewaltiger Unterschied. zu machen.
In dem ersteren Lande hat der Grundherr niemals die unbeschränkte
Macht über den Bauern gehabt, wie in Frankreich und Deutschland.
Der König hat dort stets unmittelbar seine schützende Hand über
den Bauern gehalten und damit die Bedrückung verhindert, wie sie
auf dem Kontinent stattfand. Ebenso haben die Städte und Zünfte
in England niemals die Unabhängigkeit gehabt, wie bei uns, sondern
die letzteren sind stets von der Konzession der Krone abhängig gewesen
 und haben auch deshalb niemals zu dem Zunftzwange ausarten
 können, wie das in Deutschland der Fall gewesen ist. Während
 des 18. Jahrhunderts verloren allmählich die zünftlerischen
Schranken auch für das Handwerk ihre Bedeutung, während neben
dem Handwerk in der zweiten Hälfte des.Jahrhunderts Hausindustrie
und Fabrikbetrieb eine überwiegende Stellung erlangten. Die ÄAusführungen
 Adam Smiths selbst, z. B. über die Arbeitsteilung in der
Nadelfabrikation, zeigen, daß der maschinelle..Betrieb.: schon erheblichen
 Umfang angenommen hatte, und dieser war frei von allen
Schranken. Aus Parlamentsberichten geht hervor, daß schon 1788
in der Leinwandindustrie sehr ausgedehnt Kinder und Weiber beschäftigt
 wurden, ebenso 1768 in der Seidenindustrie, wo die Arbeiter
in Coventry, die Meister in London lebten, und schon Anfang des
18. Jahrhunderts wurde die Seidenindustrie in geschlossenen Fabriken
betrieben. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gewann die Hausindustrie
 sehr an Ausdehnung, während der Handwerksbetrieb an Bedeutung
 einbüßte.
Seit Cromwells Navigationsakte hatte sich der internationale
Handel außerordentlich gehoben, Aber der Binnenverkehr war noch
wesentlich erschwert. Im Beginne des 18. Jahrhunderts wurden die
Warenversendungen zu Lande noch allgemein durch Packpferde bewirkt.
 Noch in der Mitte desselben Jahrhunderts brachte man auf diese
Weise die Waren aus Sheffield nach London; erst dann kamen die
Wagentransporte auf; aber im Winter waren in einiger Entfernung
von London die Straßen meist unfahrbar. 1765 begann dann durch
J. Metcalf der künstliche. Wegebau.und zur selben Zeit der Kanal;
bau, während die Schiffbarmachung der Flüsse schon seit 1699 größe-"ren
 “Umfang angenommen hatte: Das wären die Grundlagen, durch
welche England in der Lage war, die Erfindungen in der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts sofort in größerer Ausdehnung zu verwerten.
 In den sechziger Jahren begannen dann die großen Erfindungen.
1765 erfand der Spulmacher Highs die erste „Jenuy“, welche 6,
bald darauf 25 Spindeln“ Zügleich In Tätigkeit setzte. 1767 verbesserte
 Hargraves die Jenny erheblich, während derselbe Highs die
„Waterframe“ erfand, eine stärkere Maschine, die durch Wasser oder
Dampf betrieben wurde und haltbares Kettengarn aus Baumwolle
lieferte, während bisher nur Leinengarn als Kette gebraucht wurde.
Zugleich war damit die Produktion im großen in Fabriketablissements

England.

Die Erfindunden.
 +
        <pb n="398" />
        380 —

Frankreich,

mittels Motorkraft angebahnt, und der Barbier Arkwright war es,
der sich der Erfindungen bemächtigte, sie sich patentieren ließ und
den Fabrikbetrieb im großen einrichtete. Kurze Zeit darauf wurde
die Krempelmaschine erfunden, und 1757 stellte Samuel Crompbon
 die „Mule“ her, die eine Verbindung der ‚Tenny mit der Waterframe
 bildete. 1790 wurde dann der wesentliche weitere Schritt getan,
 den Dampf an Stelle der Wasserkraft in den Dienst der Fabrik
 zu stellen, und damit war der Großbetrieb inauguriert. 1785
trat er bei dem Maschinenbetrieb in der Weberei an die Seite der
Spinnerei. Der Geistliche Cartwright stellte 1785 einen durch
Motorkraft bewegten mechanischen Webstuhl her, was 1790 zur ersten
Dampfweberei führte, die zwar nicht gedieh, aber bald erfolgreichere
Nachfolgerinnen erhielt; besonders nach der Verbesserung durch
Thomas Johnsons Erfindung der „Dressingframe“, wodurch ein
Kind“ zwei WEDSTHLIE bedienen konnte. 1818 gab es in Lancashire
14 mechanische Webereien mit 2000 Webstühlen, 1821 bereits 32
Fabriken mit 5700 Webstühlen. 1830 existierten in England und
Schottland noch eben so viele Handwebstühle, wie 1820, die Zahl
der Maschinenwebstühle war aber in jenen 10 Jahren von 14000 auf
55000 gestiegen. Von 1760—70 begann man die Steinkohle zum Ausschmelzen.
 des Eisens zu benutzen. Infolge dieser Entwicklung nahm
vor allem der Kohlenbergbau, dann die Kisenindustrie einen rapiden
Aufschwung.
Unter diesen Verhältnissen schwanden die letzten inneren zünftlerischen
 und sonstigen Schranken, auch bevor die Gesetzgebung sie
beseitigt hatte. Nur noch ein extremes Schutzzollsystem erhielt sich,
welches erst in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gemäßigt,
 in den sechziger Jahren beseitigt werden sollte.
Die_Entwicklung der Großindustrie gewährte sofort den Unternehmern
 im großen ganzen außerordentliche Reichtümer und zog
massenhaft die ländliche Bevölkerung in die Städte. Eine Menge
Grundbesitzer gaben ihren Grund und Boden auf, der mehr und mehr
in der Hand der alten Aristokratie, sowie der neuen Geldaristokratie
konzentriert wurde. Die Arbeiterbevölkerung hatte zunächst keinen
Vorteil von der allgemeinen Entwicklung: die Löhne blieben niedrig
und verloren durch die Preissteigerung aller“ Lebensmittel "erheblich
an Kaufkraft, so daß die Ansprüche an die Armenkasse fortdauernd
stiegen. Immer massenhafter wurden Kinder und Frauen in die
Fabriken hineingezogen und in extremer Weise ausgebeutet. Auch
2ier trat erst in den dreißiger Jahren durch das Eingreifen der
Gesetzgebung und die Organisation der Arbeiter ein Umschwung ein.
„Während so in dem britischen Reiche die Umgestaltung des
Wirtschaftslebens sich um die Wende des 18 Jahrhunderts allmählich
vollzog, und die Gesetzgebung, wie es England eigentümlich ist, SOweit
 sie nicht mehr den Verhältnissen entsprach, einfach außer Anwendung
 gesetzt wurde, brach in Frankreich bekanntlich in dem
letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts die politische Revolution aus,
die zunächst einen nachteiligen Einfluß auf“die Volkswirtschaft ausüben
 mußte. Die Rechte der Gutsherren gegen die Bauern wurden
(4. August 1789 und 15. März 1790) ebenso wie alle zünftlerischen
Rechte (2. März 1791) aufgehoben, nur für die Zunftmitglieder wurde
eine teilweise Entschädigung für die eingebürgerten Kaufgelder der
Zunftämter gewährt. - Damit war die freie wirtschaftliche Bewegung
        <pb n="399" />
        381 —

hergestellt... Der Bauer konnte seine Kräfte ganz dem eigenen Lande
widmen und über seinen Grund und Boden frei verfügen. Durch
äas freie, gleiche Erbrecht wurde aber die Zerstücklung des Landes
ausdrücklich begünstigt. Durch die Konfiskation der Güter der Kirche
und zum großen Teil auch des Adels unter Hinzuziehung des Domanialbesitzes
 konnte die Zahl der Bauernstellen außerordentlich vermehrt
werden. Damit war dem Aufblühen der Landwirtschaft eine bedeutsame
 Anregung gegeben, die allerdings erst nach Beendigung
äer napoleonischen Kriege zur Wirkung gelangen konnte. Ebenso
wirkte die Gewerbefreiheit erst allmählich in dem folgenden Jahrhundert;
 “Aus Mangel an’ Geldmitteln konnte die Anwendung der
Maschinen erst erheblich später als in England eine allgemeinere
werden, und da in den übrigen Ländern wegen der Beibehaltung
der alten Schranken die Entwicklung noch viel langsamer vor sich
ging, mußte England einen außerurdentlichen Vorsprung vor dem
Kontinent gewinnen, der bei einer fortgesetzten Handarbeit mit den
englischen Maschinen nicht konkurrieren konnte, so daß England
sich bis tief in das 19. Jahrhundert auf Kosten der übrigen Welt
bereicherte. War so im Innern des Landes in Frankreich die wirtschaftliche
 Freiheit durchgeführt, so behielt man eben wegen jener
Uebermacht Englands ein strenges Schutzzollsystem. bei.
Deutschland blieb zum größten Teile-noch bis tief in das
neunzehnte Jahrhundert in dem mittelalterlichen Fahrwasser. Nur
Preußen ging bekanntlich unmittelbar nach der Katastrophe von Jena
durch die Stein-Hardenberg’sche Gesetzgebung in liberaler
Richtung vor und es ULtErNeSt KEILEM Zweifel, daß die physiokratischen
and Adam Smithschen Lehren darauf von großem Einfluß gewesen
sind. Waren doch Männer wie,.Schön und Thaer,..die dabei eine
wesentliche Rolle spielten, ausgesprochene begeisterte Schüler des
Adam Smith. Die Jahre 1807 und 1810 brachten dem preußischen
Bauern die persönliche Freiheit; 1811 wurde mit den Zunftprivilegien
aufgeräumt, so daß wenigstens gegen 40 Jahre hindurch die Gewerbefreiheit
 zur Geltung kam. Durch das Gesetz vom 14. September 1811.
wurde die Regelung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse auf
Grund von Enfschädirüngszahlung und durch Vermittlung der Staatsgewalt
 ausgesprochen, welches durch das Gesetz von 1821 eine
weitere wesentliche. Ergänzung erhielt; und der Zolltarif von 1818
stellte sich, namentlich durch seine epochemachende Begründung,
prinzipiell auf den freihändlerischen Boden. So war hier nicht auf
äem Wege der Revolution, sondern der Reform durch die Staatsgewalt
dem Geist des Smithianismus Rechnung getragen, dem das übrige
Deutschland erst in späteren Dezennien nachfolgte. Sehr lehrreich und
bedeutsam ist es dabei, zu sehen, wie sich die Verhältnisse in Deutsch-Jand.
 trotz. der, Verschiedenheit der Gesetzgebihg Ziemlich E1eIchmäßig
entwickelten. . Auch in dem übrigen Deutschland nahm “die” Landwirtschaft
 einen Aufschwung, während Handwerk und Fabrikbetrieb
trotz der Gewerbefreiheit in Preußen mehrere Dezennien hindurch
zu einer hervorragenden Blüte nicht zu gelangen vermochten. Es
fehlte hier noch in viel höherem Maße als in Frankreich an den
Kapitalien, vielfach auch an dem. nötigen Unternehmungsgeist, der
Gesamtheit der Bevölkerung aber an der nötigen Reife, um die Zeitverhältnisse
 richtig zu beurteilen. Das ist ein beachtenswerter Beleg
dafür, daß man die Wirkung der staatlichen Institutionen auf das wirt-Deutschland
        <pb n="400" />
        389

schaftliche Leben nicht überschätzen darf, weder in positiver noch
auch in negativer Hinsicht. Eine energisch aufstrebende Bevölkerung
weiß sich über eine hemmende Gesetzgebung hinfortzusetzen, eine
schlaffe dagegen weiß freiheitliche Institutionen nicht zu verwerten
und folgt nicht der gebotenen Anregung.

8 97.
„Die Pessimisten. ..
a) Robert Malthus.
Handwörterbuch d. Staatsw. Art. Bevölkerungswesen v. L. Kilster,
Dietzel, Der Streit um Malthus’ Lehre. (Festgabe für Ad Wagner.) Leipzig 1905.
Brentano, Die Malthussche Lehre und die Bevölkerungsbewegung der letzten
Dezennien. München 1909.

Das Malthus
sche Bevölkerungsygesetz


Die Adam Smithsche Beurteilung der Kulturentwicklung war
eine wesentlich optimistische gewesen für den Fall, daß man zur
wirtschaftlichen Freiheit überging. Man hatte diese in der Hauptsache
 in England Ende des 18. Jahrhunderts erreicht. Handel und
Gewerbe waren in noch nie dagewesener Weise gestiegen, gleichwohl
zeigte sich, wie erwähnt, in der großen Masse der unteren Bevölkerung
Not und Elend, und wenn dasselbe sich Auch nicht vergrößert haben
mochte, so trat es in den wachsenden Städten sichtlicher zutage, und
der. (Gegensatz. zU.dem..steigenden..Reichtum, der Unternehmerklasse
war erheblich verschärft, Infolge dieser Beobachtung” ünternahm &amp;amp;8
ein Geistlicher, Thomas Robert Malth AS. (11061830), die Ursachen
 dieser Erschemung zu ererüunden, und er legte seine Anschauungen
 in einer Schrift nieder: „An essay on the principle of population
as its effects on the future improvement of society. London 1798“.
Da die darin sehr schroff ausgesprochenen Anschauungen nur eine
kurze und unvollkommene Begründung erfahren hatten und deshalb
vielseitige scharfe Anfeindungen hervorriefen, sah sich der Verfasser
veranlaßt, einige Jahre darauf eine wesentlich erweiterte Ausgabe zu
veranstalten, unter dem Titel: „An essay on the principle of population
or a view of its past and present effects on human happiness ete. 1803“
in zwei Bänden (übers. v. Hegewisch und Ausgabe von Waentig,
2 Bde. Jena 1905). Dieses ist die maßgebend gewordene Schrift, die
bis zum heutigen Tage ihre Bedeutung behalten hat.
Sowohl von den Merkantilisten wie den Physiokraten war den
Zeitverhältnissen entsprechend eine starke Beyölkerung als die Grundlage
 für Macht.und, Wohlstand. angesehen, und deshalb die Förderung
der Volksvermehrung als im wesentlichen wünschenswert hingestellt.
Auch Adam Smith mußte diesen Standpunkt als gerechtfertigt anerkennen,
 wenn er auch mit mehreren der Physiokraten künstliche
Maßregeln der Staatsgewalt, wie sie die Merkantilisten forderten,
verwarf, Vielmehr setzte er als selbstverständlich voraus, daß die
Volkszunahme von selbst pusreichende En ipuen annehmen würde.
Malthus,.stellte sich auf einen anderen Standpunkt, indem er, be-REES
 daß in, der Bevölkerung nach „Tem Naterpesctze fortdaueernd
die Tendenz vörliege, Sich In einem stärkeren Maße zu vermehreh,
als”es" rar” qie wirtschaftlichen‘ Verhältnisse angemessen Sei, und dadurch
 stets “916 Gelahr einer ve BervVOlkerung vörliege. ES“ Ist de
Auffassung welche CHATIES Darwin HE ee erbst erklärt hat,
        <pb n="401" />
        383 —

die Anregung zu seiner Lehre von der natürlichen Zuchtwahl in der
Tierwelt gegeben hat. „Verschwenderisch,“ sagt Malthus, „sät die
Natur in allen organischen Reihen den Samen des Lebens aus, sparsam
 ist sie in der Anweisung der Nahrung. Die Keime, welche die
Erde jährlich gebiert, vermöchten, wenn ihnen eine allseitige Entwicklung
 gestattet wäre, Millionen von Welten in wenigen Jahrhunderten
 zu erfüllen; aber das eiserne Zepter der Notwendigkeit
zeichnet ihnen beengende Grenzen vor, und auch der Mensch vermag
durch keine Anstrengung seines Verstandes diese Schranken niederzureißen.“

Ueberall kann man demnach eine rapide Zunahme der Bevölkerung
beobachten, wo die Verhältnisse derselben günstig sind. In den Versinigten
 Staaten von Nordamerika hat zeitweise die Bevölkerung sich
in 25 Jahren durch eigene Kraft verdoppelt. Diese Möglichkeit und
das natürliche Streben dazu ist nach ihm überall bei den Menschen
vorhanden, da ein Ehepaar im großen Durchschnitte 4—5 Kinder zu bekommen
 und aufzuziehen vermag. Daß die Bevölkerung nicht allgemein
in einer solchen Weise zunimmt, wird vor allem durch natürliche
Hemmungen repressiver resp. positiver Art verhindert, besonders durch
Mangel an Nahrung und infolge davon durch Krankheiten, welche die
Bevölkerung vorzeitig dahinraffen, durch Kriege zwischen den Völkerschaften,
 die sich die ernährenden Territorien streitig machen; dann
durch Laster und Ausschweifungen, wie Gewaltmaßregeln, welche das
aufkeimende Leben vernichten. Er führt aus der Geschichte die große
Zahl der Epidemien an, welche zeitweise die Bevölkerung dezimiert
haben, er zeigt, wie die primitiven Völkerschaften, z. B. die Indianer,
in blutigen Kämpfen um die Jagdgründe ihre Zahl vermindern, und
daß auch die Kämpfe der Kulturvölker hauptsächlich gleichen Ursachen
 entspringen. Ueberall in alter Zeit, und noch jetzt bei allen
ankultivierten Völkern, sind die Aussetzung der Kinder, Tötung der
Greise und Kranken, Abtreibung der Leibesfrucht gebräuchlich gewesen
 und sind es noch. Erst in der späteren Schrift fügt Malthus
diesen positiven die präventiven Maßregeln, die vernünftige Vorsicht
in der Eheschließung und Kindererzeugung hinzu, die in der gebildeten
Klasse der Kulturvölker vorhanden seien, aber eine allgemeine Verbreitung
 noch nicht gefunden hätten und in absehbarer Zeit schwerlich
 finden würden.
Jene Hemmnisse der natürlichen Volksvermehrung treten aber
ein und erweisen sich als unvermeidlich, weil die Produktion der
Lebensmittel mit der natürlichen Volksvermehrung nicht Schritt zu
halten vermag, denn die Produktivkraft des Bodens hat ihre enge
Grenze, und der gute Ackerboden ist nur in beschränkter Menge
vorhanden. Wohl kann neues Land in Kultur genommen, anderes
durch Meliorationen kulturfähig gemacht werden; wohl können dem
Boden mit Aufwand. von Kapital reichere Ernten abgewonnen werden,
aber das geht nur langsam und auf Grund wachsenden Wohlstandes
vor sich, während die Bevölkerung weit schneller zunehmen kann
und schneller zu wachsen das natürliche Bestreben hat. Malthus
sucht in der Einleitung diesen Grundsatz durch eine mathematische
Formel zum prägnanten Ausdruck zu bringen, indem er sagt: die
Bevölkerung hat das Streben, sich.in geometrischer Progression ZU
entwickeln, wie 1 zu 2—4—8 -16 usw., während.dagegen die Nahrungsmittel
 höchstens in arithmetischer Reihe wie 1—2—3—4—5-ß

Unzulänglich
keit der Zunahme
 der
Nahrungsmittel.
        <pb n="402" />
        384

Konsequenzen
der Lehre.

zunehmend, dem Boden abgewonnen werden können, weshalb früher
oder später sich die Unmöglichkeit einer solchen Fortentwicklung
herausstellen muß und das Mißverhältnis nur durch jene erwähnten
Hemmungen vermieden werden kann. Gerade dieser Satz ist sehr
allgemein zum Ausgangspunkt der Angriffe gegen Malthus genommen,
 und man glaubte, ihn widerlegt zu haben, wenn man nachwies,
 daß diese angeführten Zahlen der Wirklichkeit nicht entsprachen.
 Das ist indessen völlig unrichtig, denn aus dem ganzen
Werke geht klar hervor, daß es ihm völlig fern gelegen hat, diese
Ziifern als der Tatsächlichkeit entsprechend anzusehen, daß sie vielmehr
 nur die Tendenz in einem Beispiele zum scharfen Ausdruck
bringen sollten.
Die Konsequenzen, welche er aus den grundlegenden Sätzen zog,
waren natürlich hochbedeutsam. Jede künstliche Förderung der
Volksvermehrung mußte ihm unsinnig und im höchsten Maße schädlich
 erscheinen; denn sobald die Verhältnisse irgend dazu angetan sind,
nimmt die Menschenzahl nach ihm von selbst rapide zu. Ist die Bevölkerung
 sich selbst überlassen, so ist im Gegenteil stets zu befürchten,
daß gerade durch schnelle Steigerung ihrer Zahl die untere Bevölkerung
 durch unzureichenden Verdienst und Mangel an Nahrungsmitteln.
 in Not gerät, weil es der großen Masse der Bevölkerung
an der nötigen Vorsicht und Enthaltsamkeit fehlt. Tatsächlich tue
aber die Staatsgewalt durch die öffentliche Armenunterstützung alles,
die notwendige Vorsicht zu untergraben, das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit
 abzustumpfen und eine unheilvolle Volkszunahme zu
fördern. So greift er die Armengesetzgebung energisch an, welche
die Kirchspiele verpflichtet, einem Jeden, der arbeitsfähig ist, Beschäftigung
 und überhaupt jedem Angehörigen angemessenen Unterhalt
 zu schaffen, und die Armenvorsteher ermächtigt, die nötigen
Mittel hierfür durch Gemeindesteuern zu beschaffen. Durch einige
schroffe Aeußerungen, namentlich in den ersten Autlagen seines
Werkes, hat er sich besonders viele Gegner groß gezogen, wie: „Es
habe niemand ein Recht auf Existenz, für den kein Platz an der
Tafel gedeckt sei“ und: Es sei ein Verbrechen, Kinder zu zeugen,
die man nicht auch ernähren könne. Der richtige Kern des Grundgedankens
 hat aber bis zur Gegenwart hin günstig gewirkt, und die
Warnung vor einer laxen und übertrieben humanen Armenunterstützung
 war von höchster Bedeutung.
Er gab aber einer zu pessimistischen Auffassung Nahrung, indem
er eine Besserung der Lage der Arbeiterklasse und eine Milderung
des Elends für ausgeschlossen hielt, solange die große Masse der Bevölkerung
 sich in dem Zustande der bisherigen ÜUnreife befände und
auf eine baldige Hebung der Kultur nicht zu rechnen sei. Deshalb
versprach er sich von einer Hebung der Löhne keinen nachhaltigen
Erfolg, weil sie nur die Volkszunahme zu beschleunigen angetan sei.
Für den englischen Staat sah er eine große Gefahr in dem Ueberhandnehmen
 der Industrie über die Landwirtschaft, wodurch der Ernährung
 der Bevölkerung immer größere Schwierigkeiten erwachsen
müßten, wobei er natürlich betonte, daß das meerumspülte britische
Reich sich noch in einer günstigeren Lage befände, wie andere Länder.
Er tritt deshalb für Getreidezölle ein, um die Landwirtschaft zu begünstigen,
 und trägt kein Bedenken, der Industrie dadurch einen
Hemmschuh anzulegen und der Arbeiterklasse damit eine Last auf-
        <pb n="403" />
        385 —

zubürden. Er hält es für nötig, Maßregeln dagegen zu ergreifen, daß
lie Industrie nicht die Landwirtschaft überwuchert.
Ueberall tritt der Fehler bei Malthus zutage, daß er zu ausschließlich
 die gewöhnlichen Nahrungsmittel als die maßgehende Grundlage
 der. Volkswirtschaft annimmt, die im Lande selbst erzeugt werden
müßten, wenn das Land bestehen solle. Er konnte nicht ermessen,
wie dieser Teil des Volksbedarfs im Laufe der Entwicklung der
Kultur an Bedeutung einbüßen, und die Besserung der Kommunikationsmittel
 den internationalen Austausch erleichtern würde. Er
anterschätzte die Möglichkeit der Produktionssteigerung, die auch
einer rapide wachsenden Bevölkerung Beschäftigung und sogar reichlichen
 Unterhalt gewähren kann. Die Grundlagen seiner Lehre sind
aber als unbedingt wahr anzuerkennen, sie sind eine dauernde Errungenschaft
 der Wissenschaft und auch von nachhaltiger praktischer Wirkung
yewesen. Das Problem der Bevölkerung und die Malthussche Lehre
selbst haben uns im 2. Teil des Grundrisses noch besonders zu beschäftigen.


Kritik,

$ 98.
b) David Ricardo.

K. Diehl, Dav. Ricardo. 1905.
Sammlung sozialwissenschafılicher Meister, herausg. von Prof. H. Waentig.
"Jena, G. Fischer) Ba. IY. T. 1. D. Ricardos Kleinere Schriften.

Der scharfsinnigste Schüler des Adam Smith, der auf seinem
Boden stand, seine Lehre nach vielen Richtungen hin weiter ausgebaut
 und damit den größten und nachhaltigsten Einfluß gehabt
hat, ist David Ricardo (1772-—1823). Mit geringer Vorbildung
wurde er“ Kaufmann, erst privater Makler an der Londoner Börse,
dann Bankier und wußte mit außerordentlich praktischem Scharfsinn
Spekulationen so günstig durchzuführen, daß er mit nichts beginnend
schon als junger Mann von 25 Jahren ein großes Vermögen erworben
hatte. Erst dann suchte er seine mangelhafte Bildung zu vervollständigen
 und wurde durch das Adam Smithsche Werk zu nationalökonomischen
 Studien getrieben. Seine schriftstellerische Tätigkeit
knüpfte an Tagesfragen an. Auch sein größtes Werk ist nicht, wie
as der Titel voraussetzen läßt, ein abgerundetes Lehrbuch, sondern
eine Sammlung selbständiger Untersuchungen über verschiedene wirtschaftliche
 Probleme. Durch die außerordentliche Klarheit der Darstellung,
 die an die mathematische Methode erinnerte, gewann er
ein außerordentliches Ansehen in wirtschafispolitischen Fragen, so
daß ihm bald ein Platz im Parlament eingeräumt wurde. Obgleich
aus der Praxis hervorgegangen und ausgerüstet mit ausgedehnter
Erfahrung. im wirtschaftlichen Leben, liebte er es, von abstrakten
Voraussetzungen auszugehen und in scharfer logischer Folgerung die
Konsequenzen seiner Voraussetzungen zu ziehen. In viel höherem
Maße als Adam Smith und Malthus hat er die deduktive Methode
 in unserer Wissenschaft zur Anwendung gebracht, was allerdings
 in einer Zeit besonders angebracht sein mußte, wo es an statistischem
 und Wwirtschaftshistorischem Material fehlte. Bekundet
Adam Smith trotz des von ihm aufgestellten sog. Industriesystems
stets eine besondere Vorliebe und Bevorzugung der Landwirtschaft,
and tritt diese auch entschieden bei Malthus hervor, so steht
fonrad. Grundriß der Dpolit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 25

Leben und
Schritten.
        <pb n="404" />
        386 —

Wertlehre.

Ricardo durchaus auf dem Standpunkt des Kapitalisten und Unternehmers;
 "sicht diese als die eigentlichen Stützen des Volkswohlstandes
an und“ “ertritt nachdrücklichst ihre Interessen, vielfach mit größter
Rücksichtslosigkeit, Nicht mit Unrecht ist ihm Ungenauigkeit im
Ausdruck vorgeworfen, wodurch er zu manchem Mißverständnis Anlaß
 gegeben hat. Im ganzen aber hat man es mit einem bedeutenden
 Denker zu tun, dem die Wissenschaft einen entschiedenen Fortschritt
 verdankt, wenn auch viele seiner Lehren erheblicher Modifikationen
 bedurften,
Drei Schriften sind es insbesondere, die eine nachhaltige Bedeutung
 gewonnen haben. 1. High price of bullion, a proof of the depreciation
 of banknotes, London 1810. 2. An essay on the influence
of a low price of corn on the profits of stock, showing the inconveniency
 of restrictions on importation, with remarks on Mr. Malthus’
two last publications. 1815, 3. On the principles of political economy
and taxation, London 1817, deutsch 1837 von Baumstark, 1905 von
iele,
Die erste Schrift war eine Untersuchung, wie die entwerteten
Banknoten auf die normale Höhe gehoben werden könnten, und Ricardos
 Ausführungen sind wesentlich bestimmend für die spätere
Aufnahme der Barzahlung seitens der Bank von England gewesen.
In der zweiten Schrift macht er energische Opposition gegen die Bestrebungen,
 durch hohe Getreidezölle die Erträge des Grund und
Bodens hoch zu halten, indem er auf die Last hinweist, die damit
der Industrie aufgebürdet werde, da sie eine Steigerung der Löhne
notwendig mache, und er tritt darin noch schärfer als Adam Smith
für den Freihandel ein. Beschäftigten sich diese beiden Schriften
anmittelbar mit praktischen Tagesiragen, so vertiefte er sich in dem
größeren, zuletzt genannten Werke in mehr grundlegende Probleme.
Die größte Bedeutung hat seine Lehre von den Ursachen des
Wertes erlangt, indem sie den Anlaß zu der mißverständlichen Auffassung
 Lassalle’s und Marx’ gegeben hat. Der Begriff des
Wertes wird zunächst von ihm ganz im Anschluß an Adam Smith
aufgefaßt. Er sagt dann weiter: „Diejenigen Dinge, welche Nutzen
gewähren, erhalten ihren Tauschwert aus zwei lee, aus ihrer”
Seltenheit und aus der Quantität Arbeit, die erforderlich ist, um sie,
Au. Srhälten, Es gibt Dinge, deren‘ Wert einzig von ihrer Seltenheit
abhängt, ihre Quantität kann nicht durch Arbeit vergrößert werden,
daher kann ihr Wert nicht durch ihre wachsende Menge verringert
werden.“ „Ihr Wert, gänzlich unabhängig von der Quantität Arbeit,
die zu ihrer Hervorbringung nötig war, richtet sich einzig nach
dem Geschmack und der Liebhaberei derer, die nach ihrem Besitz
streben. Diese Klasse von Dingen macht indessen nur einen kleinen
Teil derjenigen aus, welche täglich umgesetzt werden. Bei weitem
der größte Teil der Güter, die man zu besitzen wünscht, wird durch
Arbeit hervorgebracht, nicht in einem Lande allein, sondern in mehreren
 kann man sie vervielfältigen.“ „Wenn wir daher von Waren
sprechen, von ihrem Tauschwert und den Grundsätzen, die ihren relativen
 Preis bestimmen, meinen wir stets solche Waren, die in Menge
durch menschliche Arbeit hervorgebracht und unter Konkurrenz ohne
Hindernis vervielfältigt werden können. In der Kindheit des wirtschaftlichen
 Zustandes hängt der Tauschwert der Dinge oder die
Regel, welche bestimmt, wieviel von der einen Sache für eine andere
        <pb n="405" />
        387

im Tausche gegeben werden soll, einzig von der verhältnismäßigen
Quantität Arbeit ab, die auf die Hervorbringung einer jeden verwandt
 wurde.“ „Daß hierin die wirkliche Grundlage des Tauschwerts
 aller Dinge besteht, ausgenommen diejenigen, welche
durch menschliche Arbeit nicht willkürlich vervielfältigt werden
können, ist in der politischen Oekonomie ein Satz von der größten
Wichtigkeit.“ Aus dem Angeführten geht hervor, daß Ricardo
der Seltenheit des Gutes einen bedeutenden Einfluß beimißt und sie
keineswegs übersieht, wie das später von den Sozialisten geschehen
ist. Dagegen zieht er dieses Moment nur bei einer beschränkten
Zahl von Gegenständen hinzu und ignoriert es bei den weiteren Erörterungen,
 wodurch er dem späteren Mißbrauche seiner Lehre einen
Anhalt gegeben hat. Auch bei der Wertbestimmung des Goldes und
Silbers hebt er den Einfluß neuer Entdeckungen von Minen ausdrücklich
 hervor, nur mit dem Zusatz, daß diese Entdeckungen selten und
ihre Wirkungen nur vorübergehend seien.
Nachdrücklich polemisiert er gegen die Adam Smithsche Auffassung,
 daß der Wert eines Gegenstandes bestimmt werde durch
die Arbeit, welche man gegen den Gegenstand eintauschen Könne,
und daß der Wert der Arbeit unveränderlich sei. Vielmehr sei der
Wert der Arbeit vielen Schwankungen unterworfen, schon die Hervorbringung
 desselben Gegenstandes erfordere fortdauernd eine andere
Quantität Arbeit, und die Schwierigkeit der Vergleichung infolge
der Verschiedenheit der Arten von Arbeit und der Bestimmung der
aufgewendeten Arbeit selbst sei außerordentlich groß. Freilich weicht
gr selbst schon bald darauf von den aufgestellten Grundsätzen ab
und setzt sich über die Schwierigkeiten hinfort. Im Eingang macht
er ausdrücklich die Einschränkung, daß jener Satz nur im Beginne
der wirtschaftlichen Kultur maßgebend sei. Später indessen ignoriert
er ihn. Er stellt fortdauernd Behauptungen auf, führt willkürlich
herausgegriffene Beispiele ins Feld, ohne einen eigentlichen Beweis
zu liefern. Niemand wird leugnen, daß die aufgewendete Arbeit
häufig bestimmend für den Preis ist; nur auf Grund von Tatsachen
kann klargelegt werden, welche Rolle die Seltenheit spielt, wo und
wie weit sie bei der Wertbestimmung ausscheidet, und es unterliegt
keinem Zweifel, daß ihr Ricardo einen zu geringen Einfluß in
der ganzen Volkswirtschaft beimißt. Er verschließt sich der Beobachtung
 nicht, daß in einzelnen Fällen Abweichungen von der Regel
stattfinden, doch hilft er sich darüber hinfort, indem er sagt, das
seien vorübergehende Preisverschiebungen, während der durchschnittliche
 Wert dadurch nicht beeinflußt werde. So heißt es im
Kapitel IV: „Im gewöhnlichen Lauf der Dinge gibt es keine Sache,
die lange Zeit hindurch in gleicher Reichhaltigkeit und den Bedürfnissen
 und Wünschen der Menschen genügend, herbeigeschafft werden
könnte; und folglich keine, die nicht zufälligen und temporären Veränderungen
 des Preises unterworfen wäre.“ Ricardo greift damit
auf die Unterscheidung zwischen „natürlichem“ und „Marktpreis“
zurück, wie sie Adam Smith aufgestellt hat, und will seine Regel
nur für den ersteren gelten lassen. Die Bedeutung des letzteren aber
wird von ihm unterschätzt, wie die Unterscheidung überhaupt eine
völlig willkürliche ist.
Nicht in den bisher herangezogenen beiden Kapiteln I und IV,
sondern im zweiten über die Grundrente berücksichtigt er die Ver-IB*
        <pb n="406" />
        388

Irundrente.

„6hre vom abnehmenden

Reinertrag.

hältnisse unter verschiedenen Arbeitsbedingungen, indem er sagt: „Der
Tauschwert aller Dinge, mögen sie Produkte von Manufakturen, von
Minen oder vom Boden sein, bestimmt sich niemals nach der geringeren
Quantität Arbeit, die unter günstigen Umständen zu ihrer Produktion
hinreicht, z. B. bei besonderer Geschicklichkeit der Arbeiter, sondern
nach der größeren, zu ihrer Produktion erforderlichen Quantität Arbeit,
welche von Menschen verrichtet wird, die nicht alle außerordentliche
Fähigkeiten besitzen und die selbst die ungünstigen Umstände oft
zu bekämpfen haben, nämlich solche, die es höchstens erschweren,
die gewünschte Quantität Produkte zu erhalten.“ Wir geben hier
ausnahmsweise wiederholt die wörtlichen Zitate, da gerade die
Ricardoschen Ausführungen so oft mißverstanden sind. Er gibt selbst
die Abweichungen von den aufgestellten Gesetzen an, ohne aus ihnen
lie nötigen Konsequenzen zu ziehen, und seine Nachfolger haben sie
dann völlig beiseite gelassen.
Die zweite Lehre, durch welche Ricardo das Smithsche System
verbessert und wodurch sein Name wohl am bekanntesten geworden
ist, ist die von der Grundrente. Dieselbe ist übrigens nicht originell,
3ie war schon vor ihm von Anderson und Malthus aufgestellt,
wenn auch nicht so klar formuliert. Adam Smith hatte angenommen,
daß in neuerer Zeit ein jeder Boden -Grundrente abwürfe, weshalb
sie stets einen Teil des Preises bilde; Ricardo zeigte, daß, solange
yuter Boden im Ueberfluß vorhanden sei, die landwirtschaftlichen
Produkte in ihrem Preise nur einen Ersatz für aufgewendete Arbeit
liefern, da Niemand für dieselben mehr geben würde, als ihm die
Erzeugung von Getreide auf dem disponiblen Boden koste. Erst
wenn die Bevölkerung sich mehrt, der gute Boden knapp wird und
man genötigt ist, zur Deckung des Bedarfs geringere Bodenqualitäten
heranzuziehen, müsse der Preis der Ackerfrüchte so hoch steigen,
daß auch die Kosten der Bearbeitung des schlechteren Bodens aufyebracht
 würden. Da nun der bessere Boden denselben Aufwand
höher lohnt, so erlange der Kigentümer in dem gesteigerten Preise
einen Ueberschuß über den Arbeitslohn, und dieser Ueberschuß
repräsentiere die Grundrente. Seine Grundrentenlehre führt ihn zu
einem scharfen Gegensatz der Interessen des Grundbesitzers und der
übrigen Bevölkerung, der in den Forderungen einer Erhöhung der
Getreidezölle damals auf das schärfste zutage trat. Indem er zeigt,
daß die Grundrente nicht durch Arbeit erzielt wird, sondern ohne
Verdienst des Grundbesitzers ihm durch die allgemeine Entwicklung
zufällt, sucht er das Unberechtigte der Forderung hauptsächlich in
ler oben erwähnten Schrift nachzuweisen.
In der gleichen Weise, wie die Verschiedenheit der Bodengüte
zu einer Grundrente führt, kann nach Ricardo eine solche auch
lurch verschiedene Aufwendung von Arbeit und Kapital erzielt werden.
Jede weitere Aufwendung nach der gleichen Richtung liefert .einen
etwas geringeren Ertrag und besonders einen geringeren Reinertrag
als die frühere; das zuerst angewendete Kapital erzielt eine höhere
Rente, als das später verwendete, und auch hier ergibt die Differenz
eine Grundrente zugunsten des ersteren. Eben diese Abnahme der
Produktivität jedes weiteren Aufwandes zwingt bei zunehmender
Bevölkerung dazu, allmählich weitere Strecken Landes auch geringerer
Qualität in Angriff zu nehmen, weil dies immer noch billiger ist, als
dieselbe Arbeit auf den alten Boden zu konzentrieren. Mit Recht
        <pb n="407" />
        389

betont Ricardo dabei, daß bei zunehmendem Nahrungsbedarf die
mehr erforderliche Arbeit den Preis des Getreides erhöht und dadurch
die Grundrente gewonnen wird, nicht aber umgekehrt die Steigerung
des Getreidepreises die Folge der Grundrente ist.
Wir finden später noch Gelegenheit, die Angriffe auf diese Lehre
des näheren zu beleuchten, und bemerken nur, daß gerade in England
das Steigen der Grundrente zur Zeit Ricardos besonders scharf in
der Steigerung der Pacht, die in England ganz allgemein verbreitet
war, zutage trat und besonders in der Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen
 Aufschwungs und künstlich hoch gehaltener Getreidepreise, WO Zugleich
 durch die stark gewachsene Bevölkerung der Boden knapp und
teuer war, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Schließlich ist noch die Lehre vom Arbeitslohn hervorzuheben,
auf welche La ssalle sein sogenanntes „ehernes“ Lohngesetz basierte,
wonach der Arbeiter sich bei wirtschaftlicher Freiheit niemals zu
einer gedeihlichen Existenz emporarbeiten könne. Er erreicht dies
wiederum durch eine einseitige Verschiebung der Grundanschauungen
Ricardos ins Extrem, wodurch sie zu einem Zerrbilde werden. Da
es gerade hier auf den Wortlaut selbst genau ankommt, führen wir
den Text Ricardos wörtlich an:
„Die Arbeit sowie alle anderen Dinge, die gekauft oder verkauft
werden, und deren Quantität vermehrt oder vermindert werden kann,
hat einen natürlichen und einen Marktpreis. Der natürliche Preis
der Arbeit ist der, welcher die Arbeiter in den Stand setzt, zu leben
und ihr Geschlecht fortzupflanzen.
Daß der Arbeiter sich und seine Familie ernähren kann, hängt nicht
von der Quantität Geld ab, die er als Arbeitslohn empfängt, sondern
von der Quantität Lebensmittel und anderer Dinge, an die er sich
yewöhnt hat, und die er für seinen Arbeitslohn einkaufen kann. Der
natürliche Preis der Arbeit hängt also vom Preise der Lebensmittel
and sonstiger Bedürfnisse ab, die zum Unterhalt des Arbeiters und
seiner Familie erforderlich sind. Ein Steigen oder Fallen im Preise
dieser Gegenstände erhöht oder verringert den natürlichen Preis
der Arbeit.“
Mit der Entwicklung der Kultur, nimmt Ricardo an, steigen
im allgemeinen die Preise des Rohmaterials, insbesondere der Lebensmittel,
 wovon allerdings, wie er selbst hervorhebt, durch Verbesserungen
im Betriebe, Erweiterung des Marktes im internationalen Verkehr
Ausnahmen eintreten können, und dadurch wird auch der Preis der
Arbeit erhöht, ohne damit natürlich die Lage des Arbeiters zu verbessern.
 Der Preis der Manufakte verringert sich dagegen insbesondere
 durch die Erweiterung der Maschinenanwendung.
„Der Marktpreis der Arbeit ist das, was, nach dem Verhältnis
des Angebots zur Nachfrage nach derselben, wirklich für sie gezahlt
wird; denn die Arbeit ist teuer, wenn keine Hände zu finden sind,
und wohlfeil, wenn ein Ueberschuß derselben vorhanden ist. Wie
zroß auch die Abweichung des Marktpreises vom natürlichen Preis
der Arbeit sein mag, er pflegt auch hier, wie bei allen anderen
Dingen, sich‘immer wieder letzterem zu nähern.
Wenn der Marktpreis der Arbeit über den natürlichen Preis
derselben sich zu erheben beginnt, dann nur kann die Lage des
Arbeiters blühen und glücklich werden; er kann in größerer Quantität
 Annehmlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens sich verschaffen,

Arbeitslohn.
        <pb n="408" />
        390

folglich eine gesunde und zahlreiche Familie erziehen und unterhalten.
 Wenn aber nun die Zahl der Arbeiter durch wachsende
Population — als Folge des hohen Arbeitslohnes — vermehrt worden
ist, So sinkt der Arbeitslohn wieder auf seinen natürlichen Preis, und
manchmal ist die Wirkung dieser Reaktion von der Art, daß er noch
tiefer sinkt.
Wenn der Marktpreis der Arbeit unter dem natürlichen Preis
steht, so ist die Lage der Arbeiter sehr bedauernswert, indem ihre
Armut sie dann derjenigen Dinge beraubt, die ihnen durch Gewohnheit
 unentbehrlich geworden sind. Nur dann, wenn durch Entbehrungen
die Zahl der Arbeiter vermindert worden, oder die Nachfrage nach
Arbeitern wächst, steigt der Marktpreis der Arbeit wieder bis zu seinem
natürlichen Preis und der Arbeiter kann sich nun wieder die mäßigen
Genüsse verschaffen, die der natürliche Preis der Arbeit erlaubt.
Ungeachtet der Arbeitslohn auf seinen natürlichen Preis wieder
herabzusinken pflegt, so kann doch der Marktpreis desselben in einem
Staate, welcher der Zivilisation entgegenschreitet, eine gewisse Zeit
hindurch sich stets über demselben halten, denn wenn eben der Impuls,
der durch eine Kapitalvermehrung entsteht, die Nachfrage
 nach Arbeitern vermehrt hat, so kann wiederum
eine neue Kapitalvermehrung die nämliche Wirkung
hervorbringen. Geschieht diese Kapitalvermehrung in bestimmter
fortlaufender Folgereihe, so wird das Bedürfnis der Arbeit dazu dienen,
fortdauernd die Population zu befördern.“
Wenn nach den ersten Ausführungen unbedingt eine pessimistische
Auffassung überwiegt, daß nach einem Naturgesetze der Arbeitslohn
die Tendenz hat, sich den Subsistenzmitteln zu nähern, so schwächt
dies Ricardo selbst in durchgreifender Weise ab, indem er nachweist,
 der Marktpreis der Arbeit könne in einer vorwärtsschreitenden Gesellschaft
 auch nachhaltig über dem natürlichen Preise gehalten werden,
insbesondere durch die Anhäufung von Kapital, welches mehr Arbeitskräfte
 zur Verwendung beansprucht. Er sagt an einer anderen Stelle
ausdrücklich: das Unterhaltsminimum ist keine feste Größe, sondern
wechselt nach Ort und Zeit „und hänge wesentlich von den Gewohnheiten
 des Volkes ab“. Ricardo räumt hiernach der Arbeiterklasse
selbst die Fähigkeit ein, durch Hebung des „standard of life“ das
Unterhaltsminimum, damit den Lohn und ihre ganze Lage zu bessern.
Er erkennt damit die Bedeutung der Kulturentwicklung an, und es
ist ein Mißbrauch von seiten der sozialistischen Schule, wenn sie diese
Seite der Ricardoschen Lehre ignoriert und allein die pessimistische
für ihre Zwecke verwertet. Wenn von anderer Seite Ricardo dieses
Gegensatzes wegen heftig angegriffen und selbst lächerlich gemacht
ist, z. B. von Held, so ist das zu weit gegangen. Die pessimistische
Auffassung Ricardos wurde durchaus durch die Verhältnisse, wie
er sie in England beobachtete, gestützt, und er schrieb als Kind seiner
Zeit für seine Zeit. Sein klarer Blick zeigte ihm wohl die Möglichkeit
 einer Aenderung der Verhältnisse, die er aber in absehbarer
Zeit nicht für erreichbar hielt, mit der er deshalb in seinen weiteren
Ausführungen nicht rechnete. Die Einseitigkeit der ganzen Adam
Smithschen Schule tritt hier bei ihm in besonders scharfer Weise
hervor: Das Streben, allgemein gültige wirtschaftliche Naturgesetze
aufzustellen, deren Unabänderlichkeit doch wieder nicht vollständig
von ihm selbst anerkannt werden konnte. Die Epigonen waren es,
        <pb n="409" />
        — 391

lie seine Lehren verunstalteten und daraus bedenklichen Nonsens
entwickelten.
Indem Ricardo aber die Regelung des Lohnes als naturgesetzlich
 hinstellte, mußte er zu dem Ergebnis kommen, daß vor allem der
Unternehmer seinerseits keinen Einfiuß auf die Höhe des Lohnes habe,
daß er sich deshalb achselzuckend über das Elend der Arbeiterklasse
hinfortsetzen könne, und ebenso ergab sich aus seiner Lehre, daß auch
die Staatsgewalt darauf einen Einfluß nicht zu üben vermöge, ihr
deshalb Aufgaben zur Hebung der Arbeiterklasse nicht zufielen.
[ndem er zugleich die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kapitals
verherrlichte, trat er nachdrücklichst für die Unternehmerklasse ein.
Man kann nicht verkennen, daß dies damals eine besondere praktische
Bedeutung hatte, wo die Wirkung dieses Produktionsfaktors erst im
Werden begriffen war und noch nicht genügend gewürdigt wurde,
Aber er begünstigte durch seine Lehre die rücksichtslose Verwertung
der Kapitalmacht unter Ausbeutung der unteren Klassen. Eine Ironie
des Schicksals ist es, daß derselbe Mann dem sogenannten wissenschaftlichen
 Sozialismus die Waffen zur Bekämpfung des Kapitalismus
schmiedete.

8 99.
Die Optimisten.
a) Frederie Bastiat.

J. Becher, Das deutsche Manchestertum. Karlsruhe 1907.
Grambow, Die deutsche Freihandelspartei zur Zeit ihrer Blüte. Jena 1903,
Gehrig, Die wirtschaftspolitischen Anschauungen der deutschen Freihandelszchule.
 Jena 1909.
RB. de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich, Stuttgart 1910,
Waren die beiden ersten volkswirtschaftlichen Systeme von Frankreich
 ausgegangen, Adam Smith und seine Schule dagegen auf
englischem Boden erwachsen, so beteiligten sich allmählich wieder
andere Länder an dem Ausbau jener Lehre. In Frankreich war es
besonders Jean Baptiste Say (1767—1832), der zwar nicht Adam
Smith wesentlich und nachhaltig ergänzte, der aber hauptsächlich
durch sein „Traite d’&amp;amp;economie politique“, 1803, die Smithschen Lehren
in höherem Maße systematisierte, kommentierte und im besten Sinne
popularisierte. Simonde de Sismondi (1773—1842) haben wir
anter den Gegnern des Adam Smith zu betrachten. Charles
Dunoyer (1786—1862) „La liberte du travail“, 1825 und 1845 hat
zeine nachhaltige Bedeutung gehabt und nur mehr indirekt durch
seinen Einfluß auf Fr. Bastiat gewirkt. Wir können uns deshalb
sofort diesem letzten zuwenden, dessen hauptsächlichstes Werk „Harmonies
 6conomiques“ erst in seinem Todesjahre erschien, während
seine gesammelten Werke nach seinem Tode herausgegeben wurden,
Wie Ricardo knüpft Bastiat (1801—50) in seinen ersten
Schriften an Tagesfragen an. Unter diesen spielte die sozialistische
Bewegung eine Hauptrolle. Bastiat machte es sich zur Hauptaufyabe,
 dem englischen Pessimismus entgegenzutreten, wie ebenso den
Forderungen der sozialistischen Arbeiterfreunde. Er ist berauscht
von den wirtschaftlichen Fortschritten seiner Zeit und davon durchdrungen,
 daß diese der Gesamtheit, und zwar nach allgemeinen Naturvesetzen,
 yanz besonders den unteren Klassen zugute kommen. Er

J. B. Say.

Bastiats
Schriften.
        <pb n="410" />
        — 392 —

fordert gleichfalls unbedingte wirtschaftliche Freiheit, um das Privatinteresse
 frei walten zu lassen, welches zu einer allgemeinen Harmonie
führe, da ein Gegensatz zwischen Privat- und Gesamtinteresse nicht
vorliege.
Auch er geht von der Untersuchung aus, wodurch der Wert der
Güter bedingt werde. Mit Ricardo behauptet er, daß Werte nur
durch menschliche Arbeit erzeugt werden können. Der Wert wird
nach ihm bestimmt durch die Arbeit, die man dem Anderen durch
Ueberlassung des Gutes erspart. In dem Verkehre handelt es sich
am einen Austausch von Dienstleistungen; nach diesen gewährten,
resp. ersparten Dienstleistungen messe Jeder die Güter, die er eintauschen
 will. Wir verwerten das bereits an anderer Stelle herangezogene
 Beispiel von ihm auch hier: das von einem Fuhrmann in
die Stadt gefahrene Wasser erhält nach ihm nicht, wie Ricardo
annimmt, den Wert nach der Arbeit, die der Fuhrmann darauf verwendet
 hat, sondern allein den, der der Mühe entspricht, die den
Städtern dadurch erspart wird, sich selbst das Wasser zu holen. Je
mehr durch den Fortschritt der Kultur die Beschaffung der Dinge
erleichtert wird, je mehr Maschinen zu Hilfe gezogen werden, um so
mehr wird der Gesamtheit Arbeit erspart und das Wohlbefinden
Aller gefördert. Als Ergänzung tritt bei ihm hinzu, und dies ist
eine bemerkenswerte Konzession an den Sozialismus, welche nachhaltigen
 Einfluß ausgeübt hat: da Werte nur durch Arbeit erzeugt
werden, ist auch das Eigentum nur auf Grund der Arbeit zu erklären
 und zu rechtfertigen. Jeder hat Anspruch auf das, was er
erarbeitet hat und nur auf das. Die Naturkräfte hat kein Mensch
hervorgebracht, Niemand hat darauf Anspruch, sie müssen zur freien
Verfügung der Gesamtheit stehen. Bastiat liegt es übrigens ferne,
lie kommunistischen Konsequenzen aus seiner Lehre zu ziehen.
Er erklärt, daß auch in unserer Zeit die menschliche Arbeit der
alleinige Maßstab des Wertes der Dinge sei, er bekämpft deshalb
die Ricardosche Grundrentenlehre. Es seien nicht die unzerstörbaren
 Kräfte im Boden, die nach Ricardo dem Grundbesitzer vermöge
 seines Monopoles eine Rente ohne Arbeit zuwiesen. Was der
Boden liefere, sei ihm nur durch die Arbeit des Landwirts abgerungen,
 der Preis des Getreides reiche überhaupt nur hin, diese zu
bezahlen, und biete nichts darüber hinaus. Was der Boden geliefert
habe, falle dem Menschen ohne Entgelt zu. Es bestehe tatsächlich
ein Kommunismus an den Gaben der Natur. Was der Arbeiter
seinerseits fordere, den vollen Ersatz für seine Arbeitsleistung, werde
ihm tatsächlich gewährt. Der Rentier habe in seinem Kapital nur
Produkt von Arbeit, der Grundbesitzer in seinem Acker dem Wert
nach nur dasselbe, sie: seien deshalb durchaus berechtigt, der Erstere
einen Zins, der Zweite Pacht zu fordern. Mit der Entwicklung der
Kultur aber sinke durch das Steigen des Kapitalvorrates der Zinsfuß,
während der Arbeiter einen wachsenden Anteil am Ertrage gewinne.
Von selbst verbessert sich daher nach Bastiat die Lage des Arbeiters
 und er erhält, was ihm zukommt, Vorausgesetzt, daß man die
Konkurrenz frei walten läßt und alle Hemmnisse aus der Welt schafft.
Eine soziale Frage existiert nicht.
Ebenso wie Ricardo geht Bastiat vollständig von der Adam
Smithschen Lehre aus, gelangt aber von der gleichen Basis an
einem ganz anderen Ziele an, allerdings mit noch mehr Willkür als
        <pb n="411" />
        303

jener. Eine außerordentlich gewandte, gefällige Sprache, geistvolle,
interessante Darstellungsweise haben ihm weniger bei den Männern
der Wissenschaft als der Praxis sowohl in Frankreich wie in Deutschland
 großen Anhang verschafft. Zur Popularisierung der Freihandelsidee
 hat kaum ein Anderer soviel beigetragen als gerade Frederie
Bastiat. Er beeinflußte Napoleon III. wie Richard Cobden
und die deutschen Führer des volkswirtschaftlichen Kongresses, seinen
Jebersetzer Prince Smith, Volkswirte wie Schulze-Delitzsch,
Karl Braun, Staatsmänner wie Michaelis und den Staatsminister
 Delbrück.

8 100.
b) Carey.

Dr. J. W. Jenks, Henry C. Carey als Nationalökonom. Jena 1885.
4. Held, Carey und das Merkantilsystem. Würzburg 1866.
Schon früh hat Amerika zwei hervorragende nationalökonomische Franklinund
Schriftsteller, die zugleich hervorragende Staatsmänner gewesen sind,“ "amilton.
gehabt: Benjamin Franklin, der in der Hauptsache auf Smithschem
 Boden stand, aber in seinem praktischen Sinne auf Grund
eigener Beobachtungen unter anderen Verhältnissen selbständige
beachtenswerte Aufstellungen gemacht hat (s. R. Hildebrand,
Benjamin Franklin, Jahrb. f. Nat. Oekon, 1864) und Alexander
Hamilton in seinen 1791 erschienenen Reports presented to the
house of Representative of the United States, die er als Sekretär des
Schatzmeisteramts über die Maßregeln zu liefern hatte, durch welche
die inländischen Manufakturen gehoben werden könnten. Er kritisiert
 darin das Adam Smithsche System des Freihandels, hält es
nur für durchführbar, wenn alle Staaten es akzeptieren, und da er
durch Fabriken den Wohlstand des Landes schneller zu fördern
meint als durch die Landwirtschaft, so spricht er sich für ein Schutzzollsystem
 für die Vereinigten Staaten aus, um die Entwicklung der
Industrie zu begünstigen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt in
den späteren Jahren der nun zu behandelnde Carey, während er
ursprünglich auf dem Boden des Freihandels stand. Er weicht darin
völlig von Bastiat ab, der absolut konsequent vorging, was Carey
aicht nachgerühmt werden kann.
In den Anschauungen vielfach Bastiat außerordentlich verwandt
ist der Amerikaner Carey, der sogar, wie wir glauben mit Unrecht,
Bastiat des Plagiats beschuldigte. Er gewinnt für uns ein be-Sonderes
 Interesse dadurch, daß seine Anschauungen auf völlig
anderem Boden erwachsen sind, und er zeigt, wie die bisherigen
nationalökonomischen Lehrbücher doch in der Hauptsache nichts
anderes gewesen sind als die Ergebnisse der Studien auf gegebenem
Terrain und unter beschränkten Verhältnissen, und daß das Streben,
Lehrsätze von dauernder allgemeiner Gültigkeit aufzustellen, bis
Jahin nicht erfolgreich gewesen ist. ;
Carey war 1793 in Philadelphia als Sohn eines irischen Buchhändlers
 geboren. Er wurde selbst Buchhändler und schon mit 12 Jahren
in das Geschäft des Vaters eingereiht. Durch seinen praktischen Sinn
und große Umsicht gelang es ihm früh, ein erhebliches Vermögen zu
erwerben und sich dann hauptsächlich seinen Studien und schriftstellerischer
 Tätigkeit widmen zu können. Er starb in hohem Alter 1879
        <pb n="412" />
        394 —

Yolksreichtum
and Wert bei
Carev.

in seiner Vaterstadt. Die Zahl seiner Schriften ist außerordentlich
zroß. Hauptsächlich kommt in Betracht sein zusammenfassendes Werk
späterer Zeit „principles of social science“. 3 Bd. 1858—59. Da er
im Laufe der Zeit seine Anschauungen nicht unbedeutend geändert
hat, so kann man ihm nur gerecht werden, wenn man die späteren
Schriften zum Ausgangspunkt nimmt. Auch in deutscher Uebersetzung
 sind eine Anzahl Schriften erschienen. Am bekanntesten
ist. die Uebersetzung von Adler, Handbuch der Sozialwissenschaft.
München 1866. Für die Verbreitung seiner Lehre in Deutschland
hat besonders Dühring gewirkt, der mit sehr einseitiger Ueberschätzung
 für ihn in verschiedenen Schriften eingetreten ist.
Der Ausgangspunkt der Careyschen Lehre ist, daß der Nationalreichtum
 nicht nach dem Tauschwerte der Güter, sondern allein nach
den Nutzbarkeiten des Lebens gemessen werden könne, die der Bevölkerung
 zur Verfügung stehen. Zwischen Gebrauchs- und Tauschwert
 liegt ein bestimmter Gegensatz vor, den die Adam Smithsche
 Schule nicht erkannt hat. Mit jedem Fortschritt der Kultur
werden mehr Gebrauchsgegenstände geschaffen und wird damit der
Volkswohlstand gehoben, während diese Nutzbarkeiten einen immer
geringeren Tauschwert haben und dadurch der Gesamtheit leichter
zugänglich sind. Werden durch neue Maschinen die Herstellungskosten
 der gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände verbilligt, so ermäßigt
sich der Preis derselben, die Gesamtheit aber hat davon einen erheblichen
 Nutzen, die Bevölkerung steht sich besser dadurch. Auf
Jiese Verschiebung des Gebrauchs- und Tauschwertes durch jeden
Fortschritt der Kultur begründet er seine optimistische Auffassung,
daß auch die Lage der großen Masse der Bevölkerung einer fortdauernden
 Verbesserung entgegengehe, aber nicht einer Verschlechterung,
 womit er den Pessimisten wie ebenso den Sozialisten in der
yleichen Weise wie Bastiat entgegentritt. Er begründet diese Behauptung
 noch durch eine besondere Auffassung des Wertbegriffes
and des Wertgesetzes. Der Wert wird nach ihm bestimmt durch
den Widerstand, der zu überwinden ist, um die Gegenstände des Be-Jarfs
 zu erlangen. Je mehr die menschliche Kraft die Natur zu
äberwinden zunimmt, um so geringer wird der Wert der Güter.
Derselbe richtet sich nicht, wie Ricardo annahm, nach den Produktionskosten,
 sondern nach den Reproduktionskosten. Man schätzt
den Wert einer Sache nicht nach dem, was bisher zur Beschaffung
aufgewendet werden mußte, sondern nach dem, was zur Neubeschaffung
 erforderlich ist. Wenn durch eine Erfindung irgendein Gegenstand,
 sagen wir Bessemerstahl, mit der Hälfte der Unkosten hergestellt
 werden kann, so wird Niemand für einen Stahlvorrat den
bisherigen Preis bieten, sondern nur noch die Summe, mit welcher
nach der neuen Erfindung der Stahl hergestellt werden kann. Es
ist dies unzweifelhaft richtig, aber Carey überschätzt die Bedeutung
Jieses Umstandes, die nur dann groß sein kann, wenn gerade besonders
 große Fortschritte gemacht werden, wie sie allerdings zu seiner
Zeit in Amerika vorlagen. Er beleuchtet die Fortschritte der neueren
Zeit auch durch den Hinweis auf die Preisermäßigung aller Bedürfnisse
 infolge der Erfindungen, die der Gesamtheit, besonders auch
der Arbeiterklasse, zugute kommen.
Das dritte Argument für seinen Optimismus sieht Carey in der
historischen Entwicklung, die klar ergebe, daß im Laufe der Zeit die
        <pb n="413" />
        305 —

Lage der Arbeiterklasse sich fortdauernd verbessert habe. Im Alterum,
 wie bei den primitiven Völkerschaften herrschte Sklaverei, im
Mittelalter Hörigkeit, weil der Inhaber der Arbeitskraft ohne Anteil
am Besitz seine Selbständigkeit nicht zu wahren vermochte. Je mehr
Kapital geschaffen wird, um so mehr Bedeutung erlangt die persönliche
 Arbeitskraft, ohne welche das Kapital nicht zu verwerten ist.
Je stärker sich das Kapital anhäuft, um so mehr macht es sich
selbst Konkurrenz, drückt damit den Zins und den Kapitalgewinn,
während der Arbeitslohn gesteigert wird. Damit erlangt der Arbeiter
nicht nur seine Freiheit und Selbständigkeit, sondern eine wachsende
Macht im Staat und in der Volkswirtschaft. Ihm fällt auf Kosten
der Kapitalisten und Grundbesitzer ein immer größerer Teil des
Nationalertrages zu. Carey belegt diese Behauptung auch für die
neuere Zeit durch den Nachweis der Lohnsteigerung in seiner Heimat,
Einen eigentümlichen Rückschlag auf den Merkantilismus zeigt
Carey in seiner Beurteilung der volkswirtschaftlichen Wirkung des
Geldes und der dabei zutage tretenden Ueberschätzung desselben.
Er faßt es als Zirkulationsinstrument auf, wogegen nichts zu sagen
ist; mißt ihm aber einen sehr viel größeren Einfluß als allen ähnlichen
 Zirkulationsmitteln bei und hält daher die Vermehrung des
Geldes für den besten Weg, gewissermaßen als Selbstzweck, um den
Volkswohlstand zu heben. Auch dieses entspricht der Beobachtung
seiner Umgebung, wo es überall an Geldmitteln fehlte, um die überschüssige
 Naturkraft zu verwerten, aber er läßt sich dadurch verleiten,
 dieses allgemein vorauszusetzen. Das Verhängnisvolle der
Generalisierung der lokalen Beobachtung für die Wissenschaft tritt
hier schlagend hervor.
Fast noch mehr ist dieses aber bei seiner Bekämpfung der
Ricardoschen und Malthusschen Lehre zu beobachten. Gegen
die Ricardosche Grundrentenlehre wendet er ein, daß nach seinen
Beobachtungen in Amerika die Ansiedelung und der landwirtschaftliche
 Betrieb sich ganz anders entwickeln, als Ricardo es annimmt,
der in England eine höhere Kulturstufe zum Ausgangspunkt seiner
Betrachtungen wählt. Die Pioniere, welche sich in unkultivierten
Gegenden vereinzelt niederlassen, wenden sich den höher gelegenen
Grundstücken mit leichterem Boden zu, den sie allein zu bewältigen
vermögen. Erst wenn die Zahl der Ansiedler wächst, die sich zu
yemeinsamer Tätigkeit vereinigen können, sind sie imstande, fruchtbarere
Niederungsgegenden in Angriff zu nehmen, um Entwässerungen, Eindämmungen
 der Flüsse und Bäche durchzuführen, und erst, wenn
ihnen bessere Maschinen und Hilfskräfte zur Verfügung stehen, vermögen
 sie die großen Baumriesen zu bewältigen, die auf dem besten
Boden stehen und diesen erfolgreich gegen die ersten Ansiedler verkeidigen.
 Dieser bessere Niederungsboden belohnt dann aber jeden
Aufwand von Arbeit reichlicher, als der ursprünglich okkupierte.
Die ersten Ansiedler leben unter den schwierigsten Verhältnissen.
Mit der größten Anstrengung können sie nur dürftig ihr Leben
fristen; erst allmählich wird auf dem erwähnten Wege ihre Arbeit
reichlicher belohnt. Die Erträge wachsen. nehmen aber nicht ab,
wie Ricardo voraussetzt.
Mit der gleichen Argumentation wendet er sich gegen Malthus;
die Zunahme der Bevölkerung erschwert dem Einzelnen nicht die
Existenz, sondern erleichtert sie ihm. Der isoliert lebende Mensch

Bean der
Lage der
Arbeiter.

Geldtheorie.

Bekämpfu:
der Grund”
rantenlehre.

+egner des
Malthus.
        <pb n="414" />
        3096

= Ir

Nchntzzall

vermag die Natur nicht zu bewältigen, er ist von ihr abhängig und
gerät leicht in Not; erst wenn eine größere Zahl von Menschen beisammenwohnt,
 können sie sich durch Assoziation unterstützen, Kommunikationsmittel
 schaffen und geistigen Austausch bewirken; erst
bei stärkerer Bevölkerung wird höhere Kultur möglich. Größerer
Wohlstand, behagliches Leben sind im Osten der Vereinigten Staaten
zu finden, Armut und Not im dünnbevölkerten Westen. Große
Strecken Landes sind in den verschiedensten Weltteilen disponibel
für die nur erwünschte Volkszunahme. Er stellt außerdem die
durchaus unerwiesene Behauptung auf, daß die Entwicklung und Anspannung
 der geistigen Kräfte die Reproduktionskraft vermindere, und
Jadurch auf höherer Kulturstufe die Volksvermehrung von selbst abaehme.
 Der Malthussche Pessimismus ist seiner Ansicht nach
gegenstandslos.
Wer wollte leugnen, daß diese Ausführungen den tatsächlichen
Verhältnissen entnommen wurden und in hohem Maße beachtenswert
sind. Sie beweisen unzweifelhaft, daß der Ricardo-Malthussche
Pessimismus nicht allgemeine Berechtigung hat. Aber ebenso klar
ist es, daß auch Carey in der Generalisierung seiner Beobachtungen
zu weit geht, daß auch sie nur für bestimmte Verhältnisse in der
Entwicklung eines neuen Landes zutreffend sind, während in den
alten Kulturländern mit mehr geschraubten Verhältnissen die Malthus-Ricardosche
 Auffassung recht behält.
Es ergibt sich, daß wir es überall in dem bisher Erörterten
nicht mit allgemeinen Naturgesetzen zu tun haben, sondern nur mit
Regeln, die unter ganz bestimmten Verhältnissen Platz greifen,
Wir haben es nicht mit allgemein gültigen Wahrheiten zu tun, sondern
aur mit Erfahrungen auf beschränktem Gebiete, die darum aber doch
als Beiträge zur Erkenntnis des ursächlichen Zusammenhanges zu
verwerten sind. ;
Gerade für den Europäer sind die Erfahrungen auf amerikanischem
Boden von besonderer Bedeutung, um ihn vor Einseitigkeit und zuweitgehender
 Generalisierung zu schützen.
Während alles bisher über Careys Lehre Gesagte dazu führen
mußte, Handelsfreiheit zu verlangen und gemäß dem ausgesprochenen
Optimismus in betreff der Entwicklung der Kultur alles sich selbst
zu überlassen, eine staatliche Einmischung für überflüssig und daher
schädlich zu halten, gelangt Carey schließlich doch, wie erwähnt,
zur Befürwortung eines Schutzzollsystems, und zwar, indem er sich
auf die Justus von Liebigsche Lehre von der Bodenerschöpfung
stützt. Die Natur leiht dem Menschen nach ihm nur ihre Gaben
und verlangt sie zurück, wenn sie nicht verarmen soll, Der Landwirt,
 der seine Produkte in entfernte Gegenden abgibt, führt in den
mineralischen Pflanzennährstoffen sein Kapital aus, was zur Erschöpfung
 seines Bodens führen muß. Deshalb ist es notwendig, in
Agrargegenden Industrie großzuziehen, dadurch die Bevölkerung zu
vermehren und in unmittelbarster Nähe die Produkte des Bodens
verzehren zu lassen. Dadurch werden zugleich Transportkosten erspart.
 Um dieses nun zu erreichen, ist ein Schutz für die aufstrebende
 Industrie gegen das Ausland notwendig, wo bereits blühende,
erstarkte und damit überlegene Geschäftszweige entwickelt sind.
Er weist ausdrücklich darauf hin, wie England sich nur durch ein
anergisches Schutzsystem von der Uebermacht des holländischen Welt-
        <pb n="415" />
        8397 —

handels befreit hat und selbst ein Industrieland geworden ist, welches
seinerseits seine Uebermacht die anderen Länder fühlen läßt, gegen
die sie sich schützen müssen. Damit ist Carey in die Fußstapfen
Alexander Hamiltons getreten und ein Genosse Friedrich
Lists geworden. Er geht aber über beide hinaus durch die Forderung
eines Ausfuhrverbotes für Getreide, um der amerikanischen Landwirtschaft
 ihre Vollkraft zu erhalten. Zwar nicht in dieser letzten Hinsicht,
 wohl aber in betreff eines Schutzzollsystems haben die Lehren
Careys in seiner Heimat allgemeinen Anklang gefunden und praktische
Bedeutung gewonnen.

8 101.
Heinrich yon Thünen.

Schuhmacher, Johann Heinrich von Thünen, Ein Forscherleben. Rostock 1868.
Helferich, H. v. Thünen. Tübinger Zeitschrift für Staatswissenschaft 1852.

Bisher hatten wir auf die deutsche Literatur näher einzugehen MN
keine Veranlassung. Nicht daß es an Männern gefehlt hätte, welche Smithschen
auf diesem Gebiete gearbeitet und auch etwas geleistet hätten, aber peremand
es fehlte ihnen durchaus an Originalität. Für Verbreitung der physiokratischen
 Anschauungen war Johann August Schlettwein
(1731—1802) mit umfangreichen Schriften eingetreten, ebenso Schmalz
(1760—1831) und andere, ferner der Schweizer Iselin, ohne indessen
eine nachhaltige Bedeutung zu gewinnen. An dem Ausbau der Ad.
Smithschen Lehre und vor allem ihrer Verbreitung arbeiteten
Christian Jakob Kraus (1753-1807), Johann Friedrich
Eusebius Lotz (1771—1838), besonders in seiner Schrift über den
Begriff der Polizei und den Umfang der Staatspolizeigewalt 1807,
Graf Julius von Soden (1754—1831), Ludwig Heinrich von
Jakob (1759—1827), der lange Zeit in Halle eine Professur bekleidete,
 J. G. Hoffmann (1765—1847), lange Zeit Direktor des statistischen
 Bureaus zu Berlin und Professor an der Universität, der
sich namentlich durch seine Schriften über „das Geld“ und über
„die Steuern“ eine dauernde Stellung in unserer Wissenschaft erworben
hat. Es gehört hierher auch noch Karl Heinrich Rau (1792 bis
1870), lange Zeit und bis zu seinem Tode Professor in Heidelberg,
der besonders für die Systematisierung unserer Wissenschaft für
Deutschland eine durchgreifende Bedeutung gewonnen hat. Wenn
sie auch von ihm nicht zuerst ausgesprochen ist, so hat er doch
durch seine systematischen Handbücher eine Scheidung der reinen
Volkswirtschaftslehre von der in Deutschland ganz verbreiteten Wirtschaftspolizei
 durchgeführt, und schon 1826 trennte er scharf sein
großes Lehrbuch in die drei Teile: der Volkswirtschaftslehre, der
Volkswirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft, eine Einteilung, die
seitdem sehr allgemein beibehalten ist.
Als ein strenger Schüler Smiths ist auch Fr. B. W. Hermann hier
zu nennen (1795—1868), Professor der Staatswirtschaft in München und
seit 1839 bis zu seinem Tode Vorstand des statistischen Bureaus. In
seinem hauptsächlichsten Werke „Staatswirtschaftliche Untersuchungen“,
 1832 und 1870, hat er Wesentliches zur Ausbildung und Präzisierung
 der Begriffsdefinitionen geleistet, so daß in dieser Hinsicht sein
Werk für Deutschland als grundlegend und noch heutigen Tages als
unentbehrlich bezeichnet werden muß K Fr. Nebenius (1784—1857).
        <pb n="416" />
        3098 —

J. H. von
Thünen.

Der isolierte
Staat

hauptsächlich im badischen Ministerium tätig, ist mit Fr. List als
intellektueller Urheber des deutschen Zollvereins zu nennen; er hat
sich durch sein Werk: „Der öffentliche Kredit“ 1820 ein dauerndes
Verdienst erworben.
Ein Schüler des Ad. Smith, der aber durchaus originell in
seiner Methode wie in einer Anzahl von ihm aufgestellter Lehrsätze
 ist, der unzweifelhaft als ein Klassiker unserer Wissenschaft
und als der bedeutendste Nationalökonom Deutschlands bezeichnet
werden muß, ist Johann Heinrich von Thünen, geb. 1783 auf
einem Gute bei Jever, zu nennen. Er lernte zunächst die praktische
Landwirtschaft, studierte dann in Celle bei Thaer theoretisch die
Landwirtschaft und zwei Semester in Göttingen Jurisprudenz. 1806
pachtete er zuerst ein Gut in Pommern und kaufte 1810 den durch
ihn klassisch gewordenen Boden von Tellow in Mecklenburg. Dort
schrieb er sein Hauptwerk: „Der isolierte Staat in Beziehung auf
Landwirtschaft und Nationalökonomie oder Untersuchungen über den
Einfluß, den die Getreidepreise, der Reichtum des Bodens und die
Abgaben auf den Ackerbau ausüben.“ Rostock 1826. Verbreiteter
ist die zweite Auflage, die 1842 erschien und zwei Bände umfaßt,
die gewöhnlich benutzt und zitiert wird. 1850 starb er auf seinem
Gute. Thünen nennt selbst Ad. Smith und Albrecht Thaer
seine Lehrer, auf die er sich stützt. Aber die Methode, die er anwendet,
 hat in unserer Wissenschaft durch ihn zuerst eine Bedeutung
yewonnen, und einzelne seiner Lehrsätze sind als entschiedener Fortschritt
 und als endgültige Errungenschaft anerkannt
Er geht von einer Abstraktion aus, um dadurch die Wirkung
einzelner wirtschaftlicher Faktoren zu isolieren und den Zusammenhang
 von Ursache und Wirkung erforschen zu können. Bei dieser
Untersuchung bedient er sich der mathematischen Methode, zu welcher
er das rechnerische Material tatsächlichen Verhältnissen, hauptsächlich
 den Rechnungsbüchern seiner Wirtschaft auf Tellow, entnimmt.
Wo ihm solche Unterlagen fehlen, setzt er Buchstaben an Stelle der
Zahlen und führt damit seine Berechnungen durch.
Wie es der Titel besagt, stellt er sich in seinem größeren Werke
die Aufgabe, den Einfluß zunächst der Getreidepreise auf den landwirtschaftlichen
 Betrieb festzustellen. Hierzu stellt er sich einen
durch eine Wüste von der Welt abgeschlossenen isolierten Staat vor,
in dem alle natürlichen und volkswirtschaftlichen Verhältnisse als
völlig gleich angenommen werden, und nun die Wirkung eines
einzigen Momentes unter verschiedenen Modifikationen mathematisch
berechnet werden kann. So verfolgt er hier den Einfluß der Verschiedenheit
 der Preise, welche der Landwirt in verschiedenen
Entfernungen von der im Zentrum gelegenen Stadt erhält, auf die
Wirtschaftssysteme. Dabei legt er die Produktions- wie die Transportkosten
 in Tellow und in der Umgegend zugrunde, Er kommt zu dem
Ergebnisse, daß der Landwirt gezwungen ist, will er den höchsten
Reinertrag erlangen, je nach der Entfernung ein ganz verschiedenes
Wirtschaftssystem zur Anwendung zu bringen. Je entlegener der
Grund und Boden ist, um so extensiver muß gewirtschaftet werden;
in der nächsten Umgebung erzielt man dagegen durch den intensivsten
 Betrieb den höchsten Reinertrag. So bilden sich um die Stadt
die verschiedensten sog. Thünenschen Kreise, die wir im zweiten Teile
des Grundrisses ausführlicher zu behandeln haben. Ebenso stellt er
        <pb n="417" />
        399

die Bestimmung der Getreidepreise durch die Beschaffungskosten aus
den entlegensten Gegenden fest, die noch zur Lieferung des Bedarfs
der Stadt herangezogen werden, da deren Produktions- und Transportkosten
 gedeckt werden müssen.
Weit klarer und einfacher wie bei Ricardo tritt in Thünens
isoliertem Staate ferner die Entstehung der Grundrente zutage, indem
die näher gelegenen Ländereien, die die gleichen Preise in der Stadt
erhalten wie die entfernten, bei den geringeren Transportkosten einen
Ueberschuß über die gesamten Unkosten erlangen, welcher die Grundrente
 bildet. Die Wirkung einer Grundsteuer, welche das ganze
Land oder nur einen Teil desselben trifft, Jäßt sich in dem isolierten
Staate ebenso nachweisen wie die eines gesteigerten Arbeitslohnes.
Die Wirkung der Verbesserung der Kommunikationsmittel, welche die
Thünenschen Kreise vollständig verschiebt, ist durch nichts so
klar zu erkennen, als durch den Thünenschen Weg; ebenso die Bedeutung
 einer Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte, durch
welche sie eine größere Transportfähigkeit gewinnen.
Weitgehenden Einfluß hat seine Lehre von der Bestimmung der
Höhe des Kapitalzinses und des Arbeitslohnes gewonnen. Der erstere
wird nach ihm bestimmt durch die Nutzung des zuletzt angelegten
Kapitalteiles, der letztere durch das Mehrerzeugnis, welches der zur
Erweiterung des Betriebes zuletzt angestellte Arbeiter liefert. Denn
30 lange wird, nach ihm, die Ausdehnung des Betriebes fortgesetzt
werden, als ein Ueberschuß über den Zins, der für das verwendete
Kapital gezahlt werden muß, erzielt wird. Und ebenso wird so lange
mit der Austellung neuer Arbeiter vorgegangen, bis der zuletzt herangezogene
 einen Ueberschuß nicht liefert, und dieser letzte Ertrag
bildet auch die Grenze für den zu zahlenden Arbeitslohn mit rückwirkender
 Kraft auf die Gesamtheit der Arbeiter. Unzweifelhaft
finden wir in dieser ganzen Lehre den Ausgangspunkt für die neuausgebaute
 Grenznutzentheorie der Wiener Schule. Sie ist aber von
Anfang an auf nicht unerhebliche Opposition gestoßen.
Das Formalistische in dem ganzen Vorgehen Thünens, das Einseitige
 der mathematischen Methode in ihrer Anwendung auf das so
unendlich vielgestaltige wirtschaftliche Leben mußte sich bei der
weiteren Verwertung zur Lösung verwickelter Probleme immer mehr
fühlbar machen und als unzulänglich erweisen. Am wenigsten ist
sein Weg geeignet, auf dem Gebiete der Volkswirtschaftspolitik Klarheit
 über die Aufgaben von Staat und Gesellschaft zu schaffen oder
gar ihr dabei bestimmte Grenzen zu ziehen; es zeigt sich vielmehr
untunlich, das Wirtschaftsleben in die mathematische Schablone zu
zwängen. Das trat zutage, als Thünen es unternahm, eine Formel
aufzustellen, nach welcher der Lohn normiert werden sollte, um die
Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern. Schon vor seinem großen
Werk hat er in einer Abhandlung „Ein Traum ernsten Inhalts“ 1826
ausgesprochen, daß der Arbeiter einen zu geringen Teil des Nationalertrages
 erhalte, der Kapitalist einen zu großen. Er geht hier von
dem Malthus-Ricardoschen Standpunkt aus, daß der Arbeiter
einstweilen auf zu tiefer Stufe stehe, als daß man von einer Lohnerhöhung
 etwas Anderes zu erwarten habe als die Vermehrung der
Volkszahl. Eine weitgehende energische Schulbildung der unteren
Klassen kann nach ihm hier allein eine Abhilfe schaffen. Er strebt
aber nach einem Wege, schon jetzt die Lage des Arbeiters zu ver-Grundrente.



Kapitalzins.

Normierung
des Arbeitslohnes.
        <pb n="418" />
        — 400 —

bessern, besonders ihn in höherem Maße an den Fortschritten der
wirtschaftlichen Kultur teilnehmen zu lassen, er sucht deshalb den
Anteil festzustellen, den die Arbeitskraft neben Grund und Boden
und Kapital an der Werterzeugung der verschiedenen Güter hat.
Er will damit den naturgemäßen Lohn finden, der dem Arbeiter nach
seiner Leistung mit Recht zukommt, ihm in der Gegenwart aber, wo
das Verhältnis von Angebot und Nachfrage entscheidet, zugunsten
des Kapitalisten entzogen wird. Bezeichnet man das gemeinsame
Produkt von Kapital und Arbeit mit „P“, den zum Unterhalt des
Arbeiters nötigen Betrag mit „A“, so berechnet Thünen den naturgemäßen
 Lohn gleich VAP. Hiernach steigt dann allerdings der Anteil
 des Arbeiters mit jeder Zunahme des Ertrages in einer bestimmten
 Proportion, und darauf kam es Thünen an. Er war so
durchdrungen von der Bedeutung seiner Formel, daß er sie auf seinen
Grabstein gesetzt zu haben wünschte. Gerade sie hat aber keine
Anhänger gefunden; vor allem, weil der Verschiedenheit der Arbeit
und deshalb ihrer Leistung für den Ertrag gar nicht Rechnung geiragen
 wurde. In unserer Entwicklungsperiode aber differenziert sich
die Arbeit immer mehr und damit auch der Anteil, welcher der
Arbeitsleistung an dem Gesamtwerte der Produkte zuzusprechen ist.
Unmöglich kann hier dieselbe Formel überall zur Anwendung gelangen.
Thünens Bedeutung liegt nach allem nicht hier, sondern in der
Aufstellung seiner Methode und dem Bilde des isolierten Staates,
welches zur Untersuchung verschiedenartigster wirtschaftlicher Probleme
 Anwendung finden kann.

$ 102,
Die individualistischen Gegner der Smithschen Schule.
a) Jean Charles Leonard, Simonde de Sismondi.
L. Elster, Simonde de Sismondi, Jahrb. f. Nat.‘Oek., N. F., Bd. XIV, 1887.
Schon bald nach dem Erscheinen des großen Adam Smithschen
Werkes, welches eine fast allgemeine Begeisterung erweckt hatte,
vegten sich doch auch Bedenken nicht nur gegen einzelne Ausführungen,
 sondern auch gegen die Grundlage des ganzen Freihandelssystems;
 und wir haben im folgenden diesen prinzipiellen Gegensatz
in seiner Entwicklung während des 19. Jahrhunderts zu verfolgen.
Hierbei sind zwei Richtungen zu unterscheiden. Die eine akzeptiert
die Grundlagen des modernen Staates, unserer sozialen Ordnung und
infolgedessen auch unserer Volkswirtschaft als unantastbar, der Natur
des Menschen konform und hält, von dieser Basis ausgehend, nur
Modifikationen zur Besserung der Verhältnisse für notwendig. Die
zweite Richtung dagegen erkennt bereits die Basis nicht für berechtigt
 an, sondern bekämpft sie als unnatürlich, nur durch die
herrschende Klasse zu ihrem eigenen Vorteil künstlich so gestaltet
und daher von unten auf zu revolutionieren. Diese letztere ist bekanntlich
 die kommunistische, die ältere sozialistische und schließlich
die anarchistische Richtung. Wir haben dann schließlich die dritte
oder vermittelnde Richtung zu betrachten, die man auch die modernrealistische
 genannt hat, welche zwischen den Extremen zu vermitteln
 sucht; und während die früheren nationalökonomischen
        <pb n="419" />
        401 —

Systeme auf französischem und englischem Boden erwachsen sind, ist
der Ursprung dieser letzteren auf deutschem Boden zu suchen.
Einer der ersten und bedeutsamsten Kritiker des Smithianismus
war Simonde de Sismondi; 1773 in Genf als Sohn eines protestantischen
 Geistlichen geboren, gestorben 1842, Obgleich zum Kaufmannsstande
 bestimmt, gewährte man ihm eine gründliche klassische
Schulbildung und ließ ihn auch die Universität besuchen. Er lebte
längere Zeit in Frankreich, dann, von dort durch die Revolution vertrieben,
 in England und Toskana und reiste als Begleiter der Frau
7on Staegl durch Deutschland und Italien. Er trat auch vorübergehend
 als Handelskammersekretär in seiner Vaterstadt in den praktischen
 Dienst und hatte so Gelegenheit, in dem Leben selbst unter
den verschiedensten Verhältnissen gründliche Studien zu machen, und
er benutzte diese Gelegenheit in reichlichem Maße. Eine ihm an der
Sorbonne angetragene Professur schlug er aus, um seine schriftstellerische
 Tätigkeit nicht zu unterbrechen. Sein hauptsächlichstes Werk
erschien in Paris 1819 unter dem Titel: „Nouveaux principes d’6conomie
 politique ou de la richesse dans ses rapports avec la population.“
2 Bde. Die zweite Auflage erschien 1827.
Ursprünglich völlig eingenommen von dem Adam Smithschen
Werk wurde er durch die Beobachtungen der Zeitverhältnisse gegen
die Wahrheit der Lehre mißtrauisch. Wie er selbst ausspricht, war
es die Beobachtung der großen Krisis in England nach den Napoleonischen
 Kriegen 1814, die ihn bedenklich gegen das Freihandelssystem
 machte, unter welchem in so extremer Weise eine Überproduktion,
 damit Bankerotte und Not und Elend der Arbeiterklasse
armöglicht waren. In der Gebundenheit der alten Produktionsverhältnisse
 war allerdings nicht der Aufschwung möglich, wie er sich
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England zeigte, aber
auch nicht der grausame Rückschlag, wie er 1815 und dann wieder
1825 zu beobachten war. Es wird ihm zweifelhaft, ob die Förderung
der Produktion in dieser völligen Ungebundenheit die schlimmen
Folgen aufzuwiegen vermag. Er wirft Adam Smith vor, allein
die Entwicklung der Produktion im Auge gehabt zu haben, ohne zu
untersuchen, welche Wirkung dieselbe auf die Bevölkerung habe, ob
sie auch eine entsprechende Förderung des Wohlseins in sich schließe.
Er bezeichnet die von Adam Smith aufgestellte Wissenschaft als
eine Wucherlehre (Chrematistik), während sie eine ethische Wissenschaft
 sein solle, welche die menschliche Wohlfahrt im edleren Sinne
zu fördern sucht. Gerade dieser Auffassung wegen ist Sismondi
nicht mit Unrecht als der Vater des späteren Kathedersozialismus
bezeichnet, der denselben Grundsatz auf seine Fahne schrieb. Unter
dem Prinzip des „laissez faire, laissez passer“ gehe eben die Wohlfahrt
 der großen Masse der Bevölkerung verloren. Die schrankenlose
 Konkurrenz führe zu einem extremen Kampf, bei dem der
Schwächere unterliege, der nicht immer der Schlechtere sei. Vor
allem sei der Arbeiter dem Arbeitgeber wie dem Kapitalisten gegenüber
 der Schwächere und werde deshalb rücksichtslos ausgebeutet.
Während unter dem Feudalsystem der Grundbesitzer und bei dem
alten Zunftwesen der Handwerksmeister oder sonstige Unternehmer
nicht nur in dem Momente der Ausnutzung der Arbeitskraft den
Arbeiter unterhalten mußten, sondern auch darüber hinaus, wenn er
leistungsunfähig oder sonst verdienstlos wurde, finde ihn jetzt der
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 26

Leben und
Werke.

Seine Lehre.
        <pb n="420" />
        102

Unternehmer endgültig mit dem Lohne ab und werfe ihn auf die
Straße, wenn er ihn nicht mehr zur Erhöhung seines Reichtums
verwerten könne. Aufgabe des Staates sei es, hier einzutreten und
den Schwächeren zu schützen; nicht durch mittelalterliche Einrichtungen,
 durch Preis- und Lohntaxen usw., sondern durch Einrichtungen,
 welche den Unternehmer ' zwingen, den dauernden, vollständigen
 Unterhalt nicht nur des einzelnen für ihn Arbeitenden,
sondern der Arbeiterklasse zu übernehmen. Wo, wie in England, die
Armenkasse eintritt, sollten wenigstens die Fabrikanten allein zu
derselben beisteuern.
Die Hauptschwierigkeit einer Besserung sieht er als strenger Auhänger
 der Malthusschen Lehre in der rapiden Volkszunahme. Im
Mittelalter durfte der Bauer erst heiraten, wenn er in einen Bauernhof
einrückte, der Handwerker, wenn er Meister wurde. Die Volkszunahme
war daher beschränkt. In dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit
ist dagegen die Zunahme des Proletariats unbehindert und greift in
erschreckender Weise um sich. Daraus folgt die wachsende Zahl
der Arbeitslosen, die wieder den Lohn herabdrückt. Dem allem abzuhelfen
 sieht er sich selbst nicht imstande. Das Hauptübel scheint
ihm in dem Gegensatze zwischen dem besitzenden Unternehmer und
dem besitzlosen Arbeiter zu liegen. Er hält es deshalb für eine
Hauptaufgabe, wieder die Verbindung des Besitzes mit der Arbeitskraft
 herbeizuführen und findet sein Ideal in dem bäuerlichen Kleinbetriebe
 auf eigenem Grund und Boden. Daß die städtische Industrie
nicht wieder auf den kleinen, handwerksmäßigen Betrieb zurückgeschraubt
 werden kann, sieht er ein, so sehr er dies bedauert. So
muß man, sagt er, wenigstens danach streben, eine Art Solidarität
zwischen Unternehmer und Arbeitern zu schaffen unter unbedingter
Wahrung der individuellen Freiheit und des Privateigentums. Auch
ist das Besitzmonopol zu beschränken und dem Arbeiter ein wachsender
 Anteil an dem Wirtschaftsertrage zu sichern.
Das Wesentlichste in seiner Lehre ist, daß er dem Staate neue
wirtschaftliche Aufgaben zuteilt, vor allem den Arbeiter nicht
schutzlos sich selbst überlassen und als einfache Ware behandelt
sehen, sondern ihn unter die besondere Obhut des Staates stellen
will, um damit nicht nur die Produktion, sondern vor allem die
geistige Kultur und das Wohlbehagen der Gesamtheit zu fördern.
Er verfolgte bereits mit scharfem Blick die Gegensätze zwischen
Pelval- und Gesamtinteresse, welche die Smithsche Schule nicht
annte.

4, Müller.

8 103.
b) Die romantische Schule der Nationalökonomie:
Adam Müller, K. L. von Haller.
Fr. Lenz, Agrarlehre und Agrarpolitik der deutschen Romantik. Berlin 1912.
In Deutschland hat der extreme Smithianismus nur bei verhältnismäßig
 Wenigen vollen Anklang gefunden und ist vor allem
auf deutschen Kathedern niemals unkritisch vertreten worden. Vielmehr
 sind früh bedeutende Theoretiker und Staatsmänner demselben
entgegengetreten. Der geistvollste unter ihnen war Adam Müller,
apäter Ritter von Nittendorf. 1779 in Berlin geboren, hat er
        <pb n="421" />
        403

seine Dienste hauptsächlich Oesterreich gewidmet und hatte durch
seinen Freund Friedrich Gentz einen nicht unbedeutenden politischen
 Einfluß. In den letzten Jahren seines Lebens war er unter
Metternich in der geheimen Staatskanzlei beschäftigt. Er starb in
Wien 1829, Seine Hauptschrift sind die „Vorlesungen über die Elemente
 der Staatskunst“, 3 Bde., Berlin 1809. Er hat die Vor-‚esungen
 in Dresden vor dem Prinzen Bernhard von Weimar gehalten.
 Ihm ist das Mittelalter mit seiner ständischen Verfassung,
den durch das Zunftwesen gebundenen Gewerben und der Verbindung
der Menschen überhaupt in geschlossenen Korporationen das Ideal.
Die Atomisierung der Bevölkerung in der Smithschen Volkswirtschaft
 erscheint ihm dagegen in hohem Maße verwerflich. Er wirft
Smith besonders vor, nur die einzelnen Konsumenten und ihren
momentanen Bedarf im Auge zu haben, während er demgegenüber
die Entwicklung der Gesamtheit in den Vordergrund stellen will,
and die Nachhaltigkeit der Leistungsfähigkeit des Landes ihm die
Hauptsache erscheint. Der Staat ist ihm selbständiger Kulturzweck,
ohne den der Mensch nicht gedacht werden kann; dem Staate weist
er daher auch die weitgehendsten Aufgaben zu. Smith habe nur
Jie materiellen Güter im Auge, von höherer Bedeutung seien die
geistigen, denen Müller ebenso einen wirtschaftlichen Wert beilegen
 will als jenen. Nur der Staat könne angemessen für die Zukunft
 der Nation und ebenso für die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse
 sorgen. Der Staat müsse die Totalität aller menschlichen
Angelegenheiten umfassen, in ihm müßten Familienleben, Wissenschaft
 und alle Erzeugnisse des menschlichen Geistes wurzeln und
aufgehen. Innerhalb des Staates müßte die Bevölkerung in eine
Reihe von Korporationen organisiert sein als Mittelglieder zwischen
Staat und Familie. Nur der Staat könne ferner die verschiedenen
Generationen der Vergangenheit und der Zukunft verbinden. Die
Smithsche Lehre habe nur Anwendbarkeit für einen Handelsstaat
mit mehr städtischem Charakter wie England. Auf dem europäischen
Kontinent sei dagegen die Landwirtschaft die Grundlage, der kontinentale
 Staat habe mehr ländlichen Charakter und sei deshalb
anders aufzufassen. Unzweifelhaft widerspricht dem deutschen Geiste
ganz besonders die völlige Trennung der materiellen Aufgaben von
den sittlichen Grundlagen des Lebens, wie sie in dem „Wealth of
Nations“ hervortritt, und dieses Werk hat Adam Müller allein
berücksichtigt. Gerade diese Trennung greift er mit Schärfe an.
weshalb seine Schrift nicht ohne Eindruck blieb.
Die gleichen Anschauungen vertritt Karl Ludwig von Haller,L. v. Haller.
(1768—1854) Prof, des Staatsrechts in Bern. Auch er steht mit
seINEN. ganzen Anschauungen auf dem Boden des Mittelalters, idealisiert
 die damaligen Zustände in durchaus unhistorischer Weise und
vekämpft die neuere Entwicklung und vor allem den modernen Industriestaat.
 Deshalb wünscht er in seinem „Handbuch der allgemeinen
 Staatenkunde“, ‘1808, vor allem durch Fideikommisse die
großen Grundherrschaften für alle Zeiten festzulegen und ebenso mit
allen Mitteln den Bauernstand zu sichern. Den Gemeinden sollen
weitgehende Rechte und große Selbständigkeit eingeräumt werden,
um der lästigen Vielregiererei von oben entgegenzuwirken. Gewerbefreiheit
 sei nicht zu dulden, den Gemeinden sei zu überlassen, wen
sie als Bürger aufnehmen‘ und welche Beschäftigung sie ihm ge-96%
        <pb n="422" />
        ANA

statten wollen. Daß Haller bei dem geringen Verständnis für
die neue Zeit keinen tiefen Eindruck machen konnte, liegt auf
der Hand.

$ 104.
c) Friedrich List.

Lowis Katzenstein, Fr. List, Berlin 1896.
Ludw. Häusser in der Vorrede zur Gesamtausgabe von Lists Werken.
Tübingen 1850.
K. Th. Eheberg, Histor,-krit. Einl. z. 7. Aufl. Fr. Lists Nationales System der
polit., Oekonomie, Stuttgart 1883,
Sammlung sozialwissenschaftlicher Meister, herausg. von Prof. Dr. Waentig.
Fr. List, Das nationale System der polit. Oekonomie. Jena 1905. Köhler, Problematisches
 zu Fr. List. Leipzig 1909.

Stellung zu
A. Smith.

Lebensbild.

Die beiden soeben besprochenen Gegner Smiths standen zu
sehr auf veraltetem Standpunkte, um positiv einen Fortschritt in
unserer Wissenschaft zu erzielen und anders als durch ihre Kritik
zu wirken. Ganz anders steht der jetzt zu betrachtende Mann da,
der mit klarem, praktischem Blick die neuere Zeit richtig erfaßt und
zugleich die Einseitigkeit des Smithianismus erkannt hat. Er wollte
nicht das moderne Zeitalter zürückschrauben, sondern trat begeistert
für dasselbe ein und untersuchte, wie die modernen Förderungsmittel
 am besten zu verwerten seien. Auch er trat dem Smithschen
 Kosmopolitismus entgegen und verlangte den Ausbau der einzelnen
 Nationen zu selbständigen Organismen mit eigener Geschichte
und besonderer Eigentümlichkeit. Daher hat man das von ihm aufgestellte
 System das „nationale“ genannt. Er sah aber in dem Staat
nicht wie Ad. Müller den Selbstzweck, sondern nur das Mittel, um
dem Einzelnen gerecht zu werden. Er entfernte sich damit nicht
von Ad. Smith, wurde aber dadurch sein Gegner, daß er dem
Staate ganz andere wirtschaftliche Aufgaben stellte. Hatte Smith
den Wohlstand hauptsächlich in den Befriedigungsmitteln gesehen,
so List in den Produktionskräften des Landes, die allseitig zu entfalten
 und in ihrer nachhaltigen Leistungsfähigkeit zu erhalten, die
Aufgabe des Staates sei, welche die Einzelnen nicht genügend durchzuführen
 vermöchten, Auch er erkennt, daß die Smithsche Lehre
hauptsächlich für englische Verhältnisse geschaffen und aus Beobachtungen
 auf englischem Boden erwachsen ist, aber er sieht sie
auch für verwertbar an, um zu beurteilen, wie die Volkswirtschaft
des Kontinents entwickelt werden müsse, um der englischen Suprematie
 entgegenzuwirken. Zugleich vermochte er seine ganzen Lehren
in ein geschlossenes System zu bringen, das nicht frei von Einseitigkeiten
 ist, aber bis auf die Gegenwart hin in der Hauptsache seine
Bedeutung bewahrt hat.
Es ist nun von besonderem Interesse, zu verfolgen, wie er auf
rein empirischem Wege und als Autodidakt zu seinen Anschauungen
gekommen ist, und man muß seine Persönlichkeit und seinen Lebensgang
 genau kennen, um seinen Schriften gerecht zu werden. Wir
treten deshalb der Schilderung seiner Persönlichkeit etwas näher.
Fr. List wurde am 16. August 1789 in der damaligen freien Reichsstadt
 Reutlingen in Württemberg als Sohn eines Handwerkers geboren.
 Bis zum 14. Jahre besuchte er die lateinische Schule seiner
        <pb n="423" />
        LOA

Vaterstadt und begann zunächst das Handwerk in der väterlichen
Werkstatt zu erlernen. Da er sich dafür als wenig geeignet erwies,
wurde er zum Schreiber bestimmt und in eine Kanzlei gegeben. Hier
kam er schnell vorwärts, so daß er eine Anstellung am Oberamt in
Tübingen erhielt, die ihm die Möglichkeit verschaffte, rechts- und
staatswissenschaftliche Vorlesungen an der Universität zu hören.
Dort war der damalige Kurator der Universität von Wangenheim
auf ihn aufmerksam geworden, und als er Minister geworden war,
zog er List zu seiner unmittelbaren Mitarbeiterschaft heran. Beide
vereinigten ihre Kräfte, um das verrottete Beamtentum in Württemberg
 zu reformieren. Als List 1817 ein vortreffliches Gutachten
über die Gestaltung des staatswissenschaftlichen Unterrichts abgegeben
 hatte, berief ihn Wangenheim als Professor der Staatspraxis
an die neugegründete Fakultät für Staatswissenschaften in Tübingen.
Um das, was er auf dem Katheder lehrte, in weitere Kreise zu tragen,
and bei der Reform der Verwaltung eine Stütze in weiteren Kreisen
zu gewinnen, gründete er 1818 eine besondere Zeitschrift, worin er
die Zustände mit großer Schärfe kritisierte und sich dadurch natürlich
 viele Feinde zuzog. Als er auf einer wissenschaftlichen Reise
in Frankfurt a. M auf Ersuchen einer Anzahl Kaufleute und Fabrikanten
 eine Eingabe wegen Aufhebung der Binnenzölle an die Bundesversammlung
 verfaßte und dort gar einen deutschen Handels- und
Gewerbeverein gründete, dessen Leitung er: übernahm, wurde er von
der württembergischen Regierung zur Verantwortung gezogen, weil
dieses Auftreten außerhalb des Landes als über die Kompetenz eines
württembergischen Beamten hinausgehend angesehen wurde. Er sah
sich infolgedessen zur Niederlegung seiner Professur veranlaßt und hatte
nun die Freiheit gewonnen, der Regierung noch schärfer entgegenzutreten.
 Die Reutlinger wählten ihn zu ihrem Abgeordneten in die Ständekammer;
 die Wahl wurde aber von der Regierung annulliert. Er
wendete nun seine ganze Kraft dem Handels- und Gewerbeverein ZU,
um vor allem die inneren Zollschranken nach dem Vorbilde Preußens
durch den Tarif von 1818 auch in dem übrigen Deutschland zu beseitigen.
 In einer besonderen Denkschrift schilderte er die nachteiligen
 Folgen, welche die 38 Zoll- und Mauthlinien für den deutschen
Handel haben müßten, welche die Waren von Hamburg bis Oesterreich
 zu passieren hätten. Um nach dieser Richtung mehr wirken
zu können, gründete er einen Handelsverein mit dem Sitze in Nürnberg
 und ein Organ für den deutschen Handels- und Gewerbestand,
in dem er für die Zolleinigung aller deutschen Staaten eintrat. Außer-Jem
 übernahm es List persönlich, bei den verschiedenen Ministerien,
besonders in Wien und Berlin, zu wirken, aber zunächst mit wenig
Erfolg. Er sah sich deshalb bald von seinen Auftraggebern verlassen,
denen er in der uneigennützigsten Weise seine ganze Kraft gewidmet
 hatte.
1820 trat er als Abgeordneter der Stadt Reutlingen in die
Württembergische Kammer ein, wo er mit einer sehr scharfen Petition
gegen das dortige Beamtentum auftrat und Reformvorschläge machte.
Da aber in der Kammer die Beamten die Majorität besaßen, so stimmten
 sie einer Anklage des Justizministers zu, welcher in Lists Eingabe
 eine Verleumdung der bestehenden Staatsverwaltung und ein
Staatsverbrechen sah, woraufhin List 1821 aus der Kammer ausgeschlossen
 und vor Gericht zur Verantwortung gezogen wurde. Zu
        <pb n="424" />
        406

Würdigung
seiner
Leistungen.

zehnmonatlicher Festungsstrafe und Zwangsarbeit verurteilt, entzog
er sich der Strafe durch die Flucht, reiste drei Jahre in Frankreich,
England und der Schweiz umher, kehrte dann aber unvorsichtigerweise
 in die Heimat zurück und wurde auf dem hohen Asperg in
Festungshaft genommen, aus der er 1825 nur gegen das Versprechen
auszuwandern entlassen wurde. Unmittelbar darauf ging er nach
Amerika; dort gelang es ihm schnell, ein angemessenes Arbeitsfeld
zu finden. In Pennsylvanien entdeckte er neue Steinkohlenlager und
gründete eine Gesellschaft zur Ausbeutung derselben. Durch die
Anlage einer verbindenden Eisenbahn wußte er ihr einen besonderen
Aufschwung zu verschaffen. Hier erkannte er nun die große wirtschaftliche
 Bedeutung dieses neuen Kommunikationsmittels, und sein
ganzes Streben ging dahin, in Deutschland dasselbe mit allen Mitteln
zu verallgemeinern, so daß er suchte, in die Heimat zurückzukehren.
Die Vereinigten Staaten wollten ihn 1832 in Hamburg zu ihrem Konsul
 machen, doch wußte die württembergische Regierung dieses zu hintertreiben.
 Gleichwohl kam er 1832 mit seiner Familie nach Hamburg,
siedelte aber nach einem Jahre nach Leipzig über, wo er sowohl für
seine literarischen Absichten, wie für den Ausbau eines nationalen
Eisenbahnsystems einen besseren Boden zu finden glaubte, Er ver-5ffentlichte
 dort zu diesem Zwecke eine Reihe von Schriften und
hatte auch den praktischen Erfolg, den Bau der Leipzig-Dresdener.
Eisenbahn ins Leben zu rufen. Da aber seine Pläne weit über den
angen Rahmen der Lokalbestrebungen hinausgingen, er stets das
nationale System im Auge hatte, welches den Privatinteressen der
einzelnen Bahnen vielfach entgegen war, und er seine Auffassung mit
großer Rücksichtslosigkeit und Schroffheit zum Ausdruck brachte, so
war es begreiflich, daß er dem Komitee bald unbequem wurde, und
man ihn mit einem Ehrengeschenke von 4000 Talern abschüttelte.
Zur selben Zeit verlor er durch dia Bankkrisis in Amerika sein dort
erworbenes Vermögen. Trotz der schlimmen Leipziger Erfahrung blieb
er in der gleichen Richtung tätig, Durch ein besonderes Eisenbahnjournal
 wirkte er jetzt für den Ausbau des deutschen Kisenbahnnetzes
ınd wurde von den verschiedensten Seiten als Sachverständiger herangezogen,
 so daß er tatsächlich einen großen Kinfluß in dieser Hinsicht
 ausübte. Aber der pekuniäre Lohn, auf den er jetzt angewiesen
war, blieb aus, uud als der Versuch, sich in seiner Heimat niederzulassen,
 fehlschlug, ging er 1837 wieder in das Ausland, und zwar
nach Paris, wo er drei Jahre hindurch literarischer Tätigkeit oblag,
Als er 1840 nach Deutschland zurückkehrte, gelang es ihm, die gerade
in Angriff genommene Thüringer Bahn in andere als die bisher projektierten
 Richtungen zu lenken, wie es der volkswirtschaftlichen Entwicklung
 Thüringens am besten entsprach. Die juristische Fakultät
jer Jenaer Universität verlieh ihm darauf „wegen seiner Verdienste
ım die Sache des deutschen Handelsvereins und des deutschen Eisenjahnsystems“
 die Doktorwürde honoris causa.
Im Jahre 1841 erschien sein Hauptwerk, „das nationale System
der politischen Oekonomie“, worin er in der erwähnten Weise dem
Smithianismus entgegentrat und einem gemäßigten Schutzzollsystem
Jas Wort redete. 1843 gründete er das Zollvereinsblatt, worin er
nicht nur für die Erweiterung des Zollvereins, die Gründung einer
Jleutschen Flotte und Errichtung von Bundeskonsulaten eintrat, sondern
auch eine Menge anderer Fragen eingehend erörterte. auf welche
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        N - AN
($ A
&amp;amp; V
(SS "Wergyg S
= Kiel ©
Weise Deutschlands Entwicklung gefördert werden könnte Aber SF
überall stieß er auf Opposition, was ihn in hohem Maße verbiftfbte. . u f
Zugleich untergrub ein körperliches Leiden seine Widerstands, (a
Von Sorgen aller Art gequält, nahm er sich am 30. November 18
in: Kufstein selbst das Leben.
Wir sind auf das Leben dieses Mannes ausführlicher eingegangen
als wir es sonst bisher getan haben, weil seine Erlebnisse ungemein
charakteristisch für die ganzen Zeitverhältnisse sind.
Im Laufe der Zeit ist immer mehr anerkannt, daß List eine
ebensolche Bedeutung für die volkwirtschaftliche Entwicklung Deutschlands
 gehabt hat, wie für die Wissenschaft. In ersterer Hinsicht
unterliegt es keinem Zweifel, daß er zu den bedeutsamsten Vorarbeitern
 des deutschen Zollvereins gehört und für die Ausbildung
eines Eisenbahnnetzes an den verschiedensten Orten Wesentliches geleistet
 hat. Heutigen Tages ziemt es sich besonders, in den Vordergrund
 zu stellen, daß er vor mehr als 70 Jahren mehr als irgend ein
Anderer den nationalen Gedanken in Deutschland populär gemacht
hat und ihn als bedeutsamer Agitator auf den verschiedensten Gebieten
 zu verwirklichen bestrebt gewesen ist, In seinem glühenden
Patriotismus ist bei ihm das Streben, sein Vaterland groß zu machen,
überall der Ausgangspunkt seiner Handlungsweise. Ueberaus tragisch
ist_es, zu verfolgen, wie er trotz seiner Erfolge überall Undank erntet
und schließlich daran zugrunde geht. Wohl hatte die damalige deutsche
Kleinlichkeit und Engherzigkeit mit die Schuld daran, aber doch in
der Hauptsache er selbst mit seinem ungestümen, schroffen Wesen,
indem er zwar in idealer Weise das Endziel in das Auge faßte, aber doch
dabei häufig die nächsten Aufgaben zu sehr in den Hintergrund treten
ließ. So wurden Konflikte unvermeidlich, deren Ursache doch hauptsächlich
 in der Eigenart seiner Natur zu suchen sind, in Eigentümlichkeiten,
die das Korrelat der bedeutenden Eigenschaften des Mannes bildeten.
Seine schriftstellerische Bedeutung verdankte er der klaren, packenden
Schreibweise, wodurch er wesentlich zur Popularisierung der Nationalökonomie
 beigetragen hat. Dann wirkte er durch die Anwendung der
historischen Methode, durch welche er überall seine Behauptungen zu
stützen suchte und seine Gegner zwang, gleichfalls auf die Geschichte
zu rekurrieren; hauptsächlich aber machte er Eindruck, indem er auf
Grund der Kenntnis des praktischen Lebens auch die praktische Nutzanwendung
 seiner theoretischen Aufstellungen versuchte. Er ist der
Begründer der modernen Schutzzolltheorie, die von der Wissenschaft
wie von der Praxis immer allgemeiner akzeptiert wird.
Die Schranken seines Könnens ergeben sich daraus, daß er als
Autodidakt auftrat. Er hatte nicht die allgemeinen historischen
Kenntnisse, die sein Vorgehen voraussetzte. Manche Uebertreibungen
und Einseitigkeiten, über die man sich gegenwärtig aber leicht hinfortsetzen
 kann, sind aus seiner agitatorischen Tätigkeit zu erklären.
Die Entwicklung der Volkswirtschaft vollzieht sich nach ihm
überall in der gleichen Weise. Die erste Stufe ist das Jäger- und
Hirtenleben, die zweite der Agrarstaat, die dritte der Agrar-Manufakturstaat,
 die vierte der Agrar-Manufaktur- und Handelsstaat. Auf
der ersten Stufe ist von Volkswirtschaft noch keine Rede, auch auf
der zweiten ist eine höhere Entwicklung nicht möglich, es fehlt die
zeistige Regsamkeit, und die Bevölkerung bleibt im Zustande der
Armut. Erst wenn sich Industrie entwickelt. kommt auch der geistige
        <pb n="426" />
        . 408 —

Aufschwung und kann das Land zum Wohlstand gelangen, aber auch
die Industrie gewinnt erst höhere Bedeutung, wenn sie durch einen
internationalen Handel erweiterte Aufgaben erhält. Es ist deshalb
danach zu streben, die letzte Entwicklungsphase, auf der sich nach
List zu seiner Zeit nur England befand, zu erreichen. Deutschland
wie die Vereinigten Staaten Nordamerikas sah er noch auf der vorletzten,
 Spanien und Italien noch in der Ackerbauperiode stehen.
Das Unrichtige dieser historischen Darstellung ist schon an anderer
Stelle auseinandergesetzt, wir können deshalb hier darüber hinfortgehen.
List untersucht nun, wie vor allem Deutschland sich auf die
höchste Stufe emporzuschwingen vermag. Ein jeder solcher Uebergang
hat seine besonderen Schwierigkeiten, und die Staatsgewalt hat die
Aufgabe, den Gewerbetreibenden darüber hinfortzuhelfen. Das hauptsächlichste
 Hilfsmittel dafür ist ein Schutzzollsystem, welches die aufkeimenden
 Unternehmungen gegen die übermäßige Konkurrenz des
stärkeren Auslandes schützt. Das Freihandelssystem ist hier von Unheil.
 Man muß ein Kind gegen Angriffe eines starken Mannes schützen,
wenn es nicht unterliegen soll. Nur in der letzten Periode, in der
sich England befindet, das keinen überlegenen Gegner zu scheuen hat,
ist der Freihandel gerechtfertigt, der als Endziel allerdings im Auge
behalten werden muß. Der Schutzzoll ist nur als Mittel und Ueberzang
 anzusehen. Die damit der Gesamtheit aufgelegten Opfer machen
sich bei verständiger Handhabung sehr wohl bezahlt, dauernd aber
wird die Last unerträglich und hat keinen Sinn. Sehr lehrreich ist
dabei die Auseinandersetzung über die verschiedene Wirkung des
Zolles, je nachdem fertige Waren, Halbfabrikate und Rohstoffe belastet
 werden. Mit den ersteren ist zu beginnen und der Nachdruck
darauf zu legen. Er bekämpfte die Getreidezölle und reiste nach
England, um der Herabsetzung derselben durch Robert Peel beizuwohnen
 und Studien darüber zu machen.
Die Schutzzölle werden aber um so wirksamer sein, je größer
das Territorium ist, welches sie umschließen; je mannigfaltiger die
Produktionsverhältnisse und die Produktionszweige innerhalb des abgeschlossenen
 Kreises sind, um sich gegenseitig ergänzen zu können,
uam so schärfer wird die Abschließung ohne Nachteil für die Bevölkerung
 sein können und um so mehr wird erreicht, worauf er den
yanzen Nachdruck legt, daß alle natürlichen Hilfsquellen des Landes
zur Verwertung gebracht werden, wodurch der Wohlstand am
schnellsten und nachhaltigsten gefördert wird. Denn nicht in den
arzielten Genußmitteln, wie Ad. Smith es annimmt, sondern in den
Produktionsmitteln liegt, wie schon oben erwähnt, nach seiner etwas
gekünstelten Unterscheidung, der Reichtum eines Landes.
Aus allen diesen Gründen erstrebt er die Erweiterung des
deutschen Zollvereins, insbesondere auf die Küstenstaaten. die für
len Exporthandel unentbehrlich seien.
Um aber alle Produktionsquellen zur vollen Ausnutzung zu
oringen, ist in dem Lande nicht nur die Beseitigung aller künstlichen
 Schranken, sondern auch die Verbesserung der Kommunizationsmittel
 erforderlich, um die Transportkosten zu ermäßigen, die
verschiedenen Produktionszweige einander nahe zu rücken und den
anmittelbaren Verkehr zwischen Produzenten und Konsumenten zu
erleichtern. Daher verlangt er den Ausbau eines großen Kanalnetzes
        <pb n="427" />
        109

und dann die Verallgemeinerung der Eisenbahnen, die das Land am
besten erschließen und befruchten.
Mit diesen Lehren ist der Smithianismus für alle Zeiten aus dem
Felde geschlagen und ein endgültiger Fortschritt in unserer Wissenschaft
 erzielt.

$ 105.
Das Wesen des Sozialismus, Kommunismus und
Anarchismus.

Schäffle, Quintessenz des Sozialismus. Gotha 1875, 14. Aufl. 1906.
&amp;amp;. Cohn, Was ist Sozialismus? Berlin 1885,
Art. „Socialisme“ im „Nouveau Dietionnaire de l’&amp;amp;conomie politique“, Bd. IL,
Paris 1892,
Rud. Stammler, Die Theorie des Anarchismus. Leipzig 1898,
Eitzbacher, Der Anarchismus. Berlin 1900.
a Menger, Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag. 4. Aufl, Stuttzart
 1910.
sach K, Diehl, Ueber Sozialismus, Kommunismus u. Anarchismus. 2. Aufl. Jena 1911.
In den letzten Paragraphen haben wir die Schriftsteller besprochen,
 welche Gegner der Adam Smithschen Lehre waren, sich
aber voll und ganz auf den Boden des modernen Staats und der
modernen Gesellschaftsorganisation stellten und mit den Mitteln, die
diese an die Hand geben, die vorliegenden Verhältnisse zu bessern
trachteten. Wir haben nun dagegen einer Richtung näher zu treten,
die nicht wie die bisherigen reformierend, sondern revolutionierend
vorgehen will, oder eine völlige Revolutionierung der gegenwärtigen
Zustände als sich von selbst vollziehend annimmt. Sie sieht die
gegenwärtige Organisation von Staat und Gesellschaft als unhaltbar
an, weil dem Gerechtigkeitsgefühl nicht entsprechend, gleichviel ob
angenommen wird, daß die gegenwärtige Ordnung willkürlich durch
die herrschende Klasse zu ihren Gunsten so gestaltet ist oder sich
naturnotwendig im Laufe der Zeit historisch so entwickelt hat. In
dem ersteren Fall wird dann konsequenterweise die Beseitigung der
Klassenherrschaft durch die große, bisher benachteiligte Masse der
Bevölkerung angestrebt, in dem letzteren wird die Umgestaltung von
der weiteren Entwicklung von selbst mit Bestimmtheit erwartet, Es
ist, klar, daß dabei außerordentlich viele Abstufungen in der Anuffassung
 möglich und daher auch bei den Schriftstellern zu finden
sind. Man hat dieselben in drei Gruppen geteilt, die sozialistische,
 die kommunistische und die anarchistische.
Ueber die Begriffsbestimmung herrschen aber noch die größten
Meinungsverschiedenheiten, ja man muß sagen, es herrscht darüber
noch die größte Verwirrung. Wir werden uns deshalb zunächst mil
der Begriffsbestimmung zu beschäftigen haben.
‚Das Wort Sozialismus kommt bekanntlich von dem lateinischen
Socius — Genosse, socialis — genossenschaftlich her. Die Uebertragung
 in die modernen Sprachen fand in den dreißiger Jahren statt,
wo in England ein Teil der Anhänger Robert Owens den Namen
„Socialism“ für ihre Lehre akzeptierten (Grün berg Art. „Sozialismus“
im W. d. V.), und etwas später erklärte Pierre Leroux, man
müsse dem modernen Individualismus den Sozialismus gegenüberstellen.
 Louis Reybaud akzeptierte den Ausdruck 1840 in seiner
Schrift: „Etudes sur les reformateurs ou socialistes modernes“.

Sozialiamus
        <pb n="428" />
        — 410 —

Schon Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist
der Ausdruck dann allgemein im Gebrauch und in alle modernen
Kultursprachen übergegangen. Eine lange Zeit hindurch sind die
Ausdrücke sozial und sozialistisch als völlig gleichbedeutend behandelt.
 Sie finden sich z. B. in der gleichen Bedeutung in kurz
nacheinander folgenden Sätzen bei Bruno Hildebrand in seiner
„Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft“ 1847. Kr spricht
z. B. S. 109 von „sozialen Wirtschaftstheorien“, „Kenntnis der Sozialtheorien“
 und den einschlagenden „Sozialistischen“ Schriften, aus
denen man die erstere entnehmen kann. Später hat in dem deutschen
Sprachgebrauch eine deutliche Scheidung des Begriffes beider Ausdrücke
 stattgefunden. Sozial ist überhaupt nur eine einfache Uebersetzung
 für gesellschaftlich und, wie Rudolf Stammler in seinem
Buche: ; Wirtschaft und Recht“ es erklärt, als „äußerlich geregelt“
zu verstehen. Unter Sozialismus versteht man dagegen die Kigentümlichkeit
 einer ganz bestimmten Gesellschaftsordnung und zwar
einer staatlich organisierten Gesellschaft, und das Adjektivum
„sozialistisch“ soll eben diese Eigentümlichkeit zum Ausdruck bringen.
Wie-das in der deutschen Sprache häufig geschieht, z. B. bei
dem Begriff der Nationalökonomie, daß die Lehre von einem Gegenstande
 mit demselben Ausdruck wie der Gegenstand selbst bezeichnet
wird, ist es auch bei dem „Sozialismus“ der Fall. Was aber versteht
 man nun für eine Ordnung unter einer sozialistischen? Fürst
Bismarck erklärte in einer seiner Reden zugunsten des Sozialistengesetzes
 auf den Einwand, der Ausdruck sozialistisch sei zu unbestimmt,
 um ihn zum Ausgangspunkte einer Gesetzgebung zu machen:
Jeder Wähler habe wohl gewußt, wer Vertreter sozialistischer Ideen
sei und was damit gemeint werde. Und das ist unzweifelhaft richtig.
Für den gewöhnlichen Verkehr hat sich der Sprachgebrauch genügend
 geklärt. Ungemein schwierig dagegen erweist sich die
genaue wissenschaftliche Abgrenzung.
Es soll, wie es bei Pierre Leroux und Reybaud geschieht,
ein Gegensatz zum „Individualismus“ der Ad. Smithschen Lehre
zum Ausdruck gebracht werden. Nicht das einzelne Individuum,
sondern die gesellschaftlich organisierte Gemeinschaft wird zum Ausgangspunkte
 der Wohlfahrtsbestrebungen gemacht. Diese gesellschaftliche
 Organisation wird innerhalb eines festgefügten Staates verlangt
und vorausgesetzt, und hierin liegt die scharfe Unterscheidung vom
Anarchismus, wie wir sehen werden. Wie weit die Organisation der
Gesellschaft durch den Staat zu geschehen hat, darüber gehen bekanntlich
 innerhalb der sozialistischen Richtung die Anschauungen
wesentlich auseinander,
Aber dieses Moment allein ist nicht maßgebend. Der Sozialismus
verlangt eine ganz bestimmte Organisation, die im Gegensatz zur
gegenwärtig waltenden steht. Allgemein wird derselbe in der Behandlung
 der Eigentumsfrage gesehen, und zwar in der Ersetzung
des Privateigentums durch Kollektiveigentum, wodurch natürlich eine
Menge Abstufungen möglich und tatsächlich durchgeführt sind. Notwendig
 ist es daher, hier eine Grenze zu ziehen, wo die Anschauung
beginnt sozialistisch zu werden, wo dagegen noch nicht. In England
und Nordamerika wird jede Forderung der Verstaatlichung von Besitz
 und Betrieb ohne weiteres als sozialistisch bezeichnet. Der Vertreter
 der Verstaatlichung der Eisenbahnen, Forsten, des Versiche-
        <pb n="429" />
        111

rungswesens ist dort ein Sozialist. Dadurch ist viel Verwirrung
herbeigeführt, und Leute, die jene Länder nicht aus eigener Anschauung
 kennen, lassen sich daher durch Schriften, namentlich
Zeitungen verleiten, dort eine so große Verbreitung sozialistischer
Ideen anzunehmen, wie sie tatsächlich nicht existiert. Nach unserem
Sprachgebrauche, der hier durchaus korrekt ist, wird erst der als
Sozialist anzusehen sein, welcher das Kollektiveigentum als die
Regel, Privateigentum nur als Ausnahme verlangt, während der,
welcher eine Erweiterung des Staats- und Gemeindebesitzes verlangt,
soweit derselbe nur eine Ausnahme bleibt, um bestimmte Zwecke
besser erreichen zu können, den individualistischen Boden nicht verläßt;
 sonst kommt man eben dazu, Jeden als Sozialisten zu bezeichnen
 und ihn eventuell damit zu diskreditieren, der irgendeine
Veränderung unseres KErbrechts oder unserer Besitzverhältnisse
anstrebt.
Hier sind wir aber bereits zu dem Punkte gelangt, wo wir den Kommunismus
Ausdruck „Kommunismus“ von dem des „Sozialismus“ scheiden müssen,
denn wir können in keiner Weise die Behauptung Georg Adlers
AH. W. d. St.) und Grünbergs (Wörterb. der Volkswirtschaft) als
eichtig anerkennen, daß in dem gegenwärtigen Sprachgebrauch beide
Ausdrücke als völlig gleichbedeutend angenommen werden, wenn auch
zuzugeben ist, daß früher eine solche Scheidung gewöhnlich nicht gemacht
 wurde. Niemand bezeichnet heutigen Tages M arx, Lassalle
usw. mehr als Kommunisten; jeder nennt sie dagegen Sozialisten,
Eisenhart hält allerdings die Ausdrücke nicht genügend auseinander.
 Mit vollem Rechte spricht R. Stammler von einer kommunistischen
 Richtung im Anarchismus, während ein sozialistischer
Anarchismus ein Unsinn ist. Der Sozialismus setzt einen fest organisierten
 Staat voraus, der Anarchismus dagegen negiert denselben.
Kommunismus aber kann ohne staatliche Regelung bestehen. Es
muß deshalb hier ein ganz bestimmter Unterschied vorliegen, und er
scheint uns nicht schwer zu finden. Kommunismus ist nichts anderes
als Gütergemeinschaft; eine Gesellschaft, in der völlige Gütergemeinschaft
 herrscht, ist eine kommunistische. Die Gütergemeinschaft kann
aber eine vollständige oder eine unvollständige sein. Sie kann sich
auf bestimmte Güterkategorien beschränken. HEin sozialistischer Staat
kann Kommunismus an den Produktionsgütern durchführen, wie das
allerdings erstrebt wird. Es kann andererseits bekanntlich kommunistischer
 Gemeindebesitz bestehen, während daneben beschränktes
Staatseigentum und ausgedehntes Privateigentum die Grundlage in
der Eigentumsverteilung bildet und daher von einem sozialistischen
Staate gar nicht die Rede ist. Der neuere sogenannte wissenschaftliche
 Sozialismus erstrebt nur Verstaatlichung der Produktionsmittel,
nicht aber der Konsumtionsmittel. Wenn aber auch die letzteren
zur Kollektivierung gezogen werden, so bildet sich allerdings ein
vollständiger Kommunismus aus, der also das äußerste Extrem des
Sozialismus nach dieser einen Richtung ausmacht. .
Es scheint uns aber nicht die Behandlung des Eigentums allein Vergesellschat
als Maßstab für die Anwendbarkeit des Begriffes Sozialismus ange- "schaftlichen
sehen werden zu können. Ganz allgemein tritt in der sozialistischen Betriebes,
Richtung das Streben hervor, den privatwirtschaftlichen Betrieb
äurch den staatlichen oder gesellschaftlichen zu ersetzen, um die
freie Konkurrenz einzuschränken oder zu beseitigen. Die Art der
        <pb n="430" />
        — 412

Soziallemokratie.


\Nnarchismunes.

Durchführung bildet natürlich nur ein sekundäres Moment. Die
ältere Richtung verlangte Verstaatlichung des Betriebes, die neuere
strebt dagegen nach Vergesellschaftung desselben,
Das Ziel all dieser Maßregeln ist, weitgehende Gleichheit des
Lebensgenusses allen Gliedern der Bevölkerung zuteil werden zu
lassen. Ueberall tritt in sozialistischen Schriften der Gedanke hervor,
daß die gegenwärtige Güterverteilung eine ungerechte sei, daß die
große Masse der Bevölkerung nur ein verkümmertes Dasein führe,
und daß die veränderte Verteilung aus Gerechtigkeitsgründen gefordert
 werden müsse. Ueberall überwiegt die wirtschaftliche und
soziale Seite der Frage, sie bildet den Kernpunkt. Die politische
wird nur sekundär als Mittel hinzugezogen.
Auch die Unterscheidung zwischen Sozialismus und Sozialdemokratie
 ist nicht überall eine klare, und häufig ist ein Zusammenwerfen
 der Begriffe zu beobachten. Die sozialdemokratische Richtung
will, wie es der Name besagt, die Volksherrschaft erlangen, um dadurch
 den sozialistischen Staat herstellen zu können. Sie wird durch
eine politische Partei vertreten. KEin Sozialist wie Rodbertus
war kein Sozialdemokrat, er setzte voraus, daß sich in der Monarchie
and durch dieselbe der Sozialismus allmählich Bahn brechen würde;
Doch ist diese Anschauung allerdings nur eine Ausnahme.
Am wenigsten Klarheit ist bisher über den Begriff des Anarchismus
 erzielt. Die schärfste Definition ist von Eltzbacher aufgestellt,
dem wir in der Hauptsache folgen. Er findet bei den hauptsächlichsten
 Anarchisten als das allein Gemeinsame die Verneinung des
Staates für die Zukunft. Nach der Art aber, wie sie den Staat ersetzt
 sehen wollen, findet er große Unterschiede, und ebenso, wie sie
sich die Entwicklung zu ihrem Ziele denken. Mehrere der Hauptvertreter
 des Anarchismus verzichten für die Zukunft auf jedes Recht
und jedes Eigentum. Diejenigen, welche noch Reste davon auch für
lie Zukunft annehmen, wollen dasselbe jedoch auf ein Minimum reduzieren.
 Auf diese Weise liegt ein bestimmter Gegensatz zum Sozialismus
wie zum Individualismus unzweifelhaft vor, der erst in den letzten
Jahren genügend erkannt ist.
Wir haben geglaubt, unsere Auffassung hier ausführlicher auseinandersetzen
 zu müssen, als es sonst der Üekonomie der Schrift ent-3pricht,
 um damit die Grenzen für unsere Literaturbesprechung zu
ziehen und die Einteilung zu rechtfertigen.
Es ergeben sich naturgemäß mehrere ganz verschiedene Gruppen
in der in Betracht kommenden Literatur. Eine besondere Stellung
aehmen darin die sogenannten „Staatsromane“ ein, Phantasiebilder
nervorragender Männer, in denen sie ihr Staatsideal aufstellen und
damit zugleich Kritik an den eigenen Zeitverhältnissen üben, die
somit. nach zwei Richtungen das Interesse in Anspruch nehmen.
Erst dann treten wir unserer eigentlichen Aufgabe näher, indem
wir die ältere sozialistische Literatur in dem 18. Jahrhundert und
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erörtern, woran dann die Besprechung
 der Literatur des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus
zu schließen ist. Schließlich ist noch ein Blick auf die hauptsächlichsten
anarchistischen Schriften zu werfen.
        <pb n="431" />
        413

8 106.
Die Staatsromane.

Eob. von Mohl, Die Staatsromane. Zeitschr. f. Staatsw., 1845, Bd. II.
E. Kleinwächter, Die Staatsromane. Wien 1891.
Pöhlmann, Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus. München
1893 u, 2. Aufl. 1900.

Das erste hierher gehörige Beispiel, welches unzweifelhaft die
nachhaltigste Bedeutung erlangt hat, ist das Staatsideal, welches
Plato in seiner Schrift über den Staat aufstellt, und das hier berücksichtigt
 werden muß, obwohl es unter ganz anderen Voraussetzungen
geschrieben ist, als die späteren und daher nicht ohne weiteres mit
jenen zusammengestellt und verglichen werden kann.
Plato lebte in einer Zeit der Entartung Griechenlands, wo auch
unter den Bürgern der Gegensatz zwischen arm und reich in extremer
Weise zur Ausbildung gekommen war, wo damit die Interessengegensätze
 und der Kampf um die materiellen Interessen sich. mehr und
mehr fühlbar machten. Er untersucht nun, wie ein Staat organisiert
3ein müsse, um diese Uebelstände zu vermeiden, und legt seine Anschauungen
 in seinem „Staate“ nieder, wobei er ausdrücklich anerkennt,
 daß eine völlige Durchführung derselben für Menschen unmöglich
 sei, weshalb er in einer zweiten Schrift „Die Gesetze“ Vor-Schläge
 für die vorliegenden Verhältnisse, die natürlich wesentlich
von seinem Ideal abweichen, macht.
Die Voraussetzungen, von denen er ausgeht, die man notwendig
beachten muß, um nicht zu einer falschen Auffassung seiner Ideen
zu gelangen, sind die folgenden: Er stellt sich vor allem die Neuzründung
 eines Staates vor, hat ferner nicht einen Staat in unserem
Sinne im Auge, sondern mehr eine Stadt von etwa 5000 Bürgern
und einer nicht sehr ausgedehnten Umgebung. Die dritte Voraussetzung
ist die Scheidung der Bevölkerung in drei Klassen: die herrschende
Kriegerklasse, die freie, aber nicht mit politischen Rechten versehene
Klasse, welche die gewöhnlichen wirtschaftlichen Aufgaben übernimmt.
und drittens die Sklaven.
Unter diesen Voraussetzungen sucht er nun festzustellen, wie
anter der kleinen Zahl der Kriegerklasse, welche allein die Landesverteidigung
 und die politische Leitung in der Hand hat, den „Wächtern“
des Staates, ein völliges Aufgehen in den politischen Interessen erzielt
werden kann. Den Staat faßt er als abgeschlossenen, fest gefügten
Organismus mit Selbstzweck auf, in dem auch die leitenden Bürger
nur als untergeordnete Glieder angesehen werden, die ihr ganzes
Sein der Gesamtheit zu widmen haben, individuelle Selbständigkeit
nur in beschränktem Maße beanspruchen dürfen, hauptsächlich als
Mittel zur Erreichung des höchsten Staatszweckes behandelt werden.
Die Aufgabe, die sich daraus ergibt, ist: 1. die Interessen aller
Mitglieder der Hüterschaft des Staates, also der herrschenden Klasse,
völlig gleich zu gestalten und alle individuellen Neigungen zu unterüdrücken;
 2. dieselben zur Verteidigung nach außen zur höchsten
Leistungsfähigkeit zu bringen. Das Mittel hierzu sieht er in der Beseitigung
 allen Privateigentums und Erziehung in völliger Einfachheit
und Gleichheit, in der Aufhebung der Familie und der Ehe, Auswahl
der passendsten Individuen zur Zucht, wie bei einer Herde, Aussetzung

&amp;gt;atos Staat.
        <pb n="432" />
        474

Utopia des
Th. orte.

aller unvollkommen entwickelten Kinder und nur Aufziehung körperlich
 allen Anforderungen entsprechender Individuen, und zwar nicht
durch die Mutter, sondern gemeinsam in großen Staats-Erziehungsanstalten.
 Die größte Sorgfalt soll auf die körperliche und geistige
Erziehung verwendet werden, und zwar für beide Geschlechter in
der gleichen Weise.
Wir haben es hiernach nicht mit einem Staate nach unserem Begriffe
 zu tun, sondern allein mit einer Art Beamtenklasse, welche
auf Kosten der Gesamtheit ernährt und zur Verwaltung und Verteidigung.
 herangezogen wird. Die wirtschaftliche Tätigkeit kommt
hierbei überhaupt nicht in Betracht. Daß die ganze Auffassung
unseren modernen, besonders christlichen Anschauungen von Menschenwürde
 und individueller Freiheit zuwider ist, bedarf keiner weiteren
Ausführung.
Kin zweiter Versuch, ein Staatsideal aufzustellen, welcher hier
in Betracht kommt, taucht erst im 16. Jahrhundert in der berühmten
„Utopia“ von Thomas Morus, dem Lordkanzler Heinrichs VIIL
auf, Der Verfasser war geboren 1478 als Sohn eines der höchsten
Richter des Landes, er starb auf dem Schafott 1536 als Opfer seines
unbeugsamen Rechtlichkeitssinnes, mit dem er dem König entgegentrat.
Sein erwähntes Werk erschien 1516 in Löwen unter dem "Litel:
Libellus vere aureus nec minus salutaris quam festivus de optimo
veipublicae statu deque nova insula Utopia.
Thomas Morus lebte in einer Zeit, wo sich ebenso wie zur
platonischen der Gegensatz zwischen arm und reich besonders scharf
ausgebildet hatte. Der Grund und Boden war zum großen Teil in der
Hand einer kleinen Zahl von Männern konzentriert, die in der rücksichtslosesten
 Weise die Verwertung ihres Besitzes nur im eigenen
Interesse und vielfach zum Schaden der Gesamtheit durchführten. Besonders
 wurde beobachtet, daß die Bauern verdrängt und die Aecker
in große Schaftriften und Jagdgründe verwandelt wurden, so daß sich
Heinrich VIIL genötigt sah, mit strengen Maßregein dagegen vorzugehen.
 Außerdem waren durch die Konfiskation der Klöster und
Kirchengüter, aus denen bis dahin Massen von Armen unterhalten
waren, viele Tausende um den bisherigen Unterhalt gebracht, die nun
als Bettler im Lande umher vagierten. Auch diesem Üebelstand suchte
Heinrich VIII durch Gesetzgebung, und zwar durch übermäßig strenge
Bestrafung des Bettelns und Stehlens, vergeblich zu steuern. Der
äritte Uebelstand, der zwar nicht neu war, aber schärfer als bisher
erkannt wurde, war die große Zahl der Müßiggänger in dem Hofstaate
 der Fürsten und Großen, die auf Kosten der Gesamtheit erhalten
 werden mußte. Aehnlich wie Plato und unzweifelhaft durch
ihn angeregt, suchte Morus in seinem Idealstaate zu zeigen, wie die
Bevölkerung durch Erziehung und durch eine ganz neue Organisation
 von den Schäden befreit werden könne, gegen welche die Geset.gebung
 sich als unwirksam erwies. Er stellt sich dabei auf den
christlichen Standpunkt und geht umgekehrt wie Plato von der
Familie als Grundlage auch des Staatswesens aus. Bedeutsam ist
dabei, daß auch er nicht ohne Sklaven auszukommen vermag und
nur kleine Staatsgebilde zur Grundlage nimmt.
Auf einer Insel der südlichen Halbkugel „Utopia“ sind 54 etwa
eine Tagereise voneinander entfernte kleine Städte von 6000 Familien
gedacht, die in jeder Hinsicht gleiche Sitten und Einrichtungen
        <pb n="433" />
        415

haben. An der Spitze jeder Familie steht der Aelteste als Leiter.
Je 30 Familien wählen jährlich einen Syphogranten als Oberhaupt.
10 derselben wählen wiederum einen Vorsteher, den Traniboren, und
diese den Fürsten, der lebenslänglich das Amt erhält. Die Traniboren
 sind wieder wählbar nach Ablauf ihres Amtsjahres, die Syphogranten
 nicht unmittelbar, Die der Landwirtschaft obliegende Bevölkerung
 wird in Familien zu 20 männlichen und 20 weiblichen
Personen und zwei Sklaven geteilt, die unter einem Hausvater und
einer Hausmutter stehen. Die gemeinsamen Angelegenheiten ‘der
ganzen Insel werden von einem Senate geleitet, zu dem jede Stadt
drei Abgeordnete aus den weisesten Männern schickt. Privateigentum
 existiert nicht. Produktion und Konsumtion sind im großen
ganzen gemeinsam gedacht, wenn auch Ausnahmen nicht ausgeschlossen
 sind. ‚Jeder ist verpflichtet, die Landwirtschaft zu betreiben
und außerdem irgendein Handwerk zu erlernen. Zum Betriebe der
Landwirtschaft werden die nötigen Personen auf zwei Jahre kommandiert,
 worauf sie in die Stadt zurückkehren und durch andere
ersetzt werden. Jeder ist zur Arbeit verpflichtet, mit Ausnahme der
Beamten und derjenigen, welche auf Empfehlung der Priester vom
Volke dispensiert werden, um sich der Kunst und Wissenschaft zu
widmen. Die Arbeitszeit ist auf sechs Stunden beschiänkt. Das
müsse hinreichen, wenn jeder Luxus verbannt, der Arbeit die möglichste
 Annehmlichkeit beigelegt wird, und Müßiggänger nicht vorhanden
 sind. Niedere Arbeiten sollen, wie erwähnt, Sklaven vorbehalten
 sein; das sind Sträflinge und Kriegsgefangene, zu denen
gyentuell auswärtige Lohnarbeiter hinzugezogen werden. ı
Die Produktion wird assoziationsweise durchgeführt, das Ergebnis
ist an Staatsmagazine abzuliefern, aus denen den Haushaltungen das
Nötige, und natürlich völlig gleichmäßig zugeteilt wird. Die Regelung
der Gütererzeugung und Güterverteilung im ganzen Lande hat der
Senat zu leiten und zu beaufsichtigen. Auch die einzelnen Städte
haben sich gegenseitig zu ergänzen und zu unterstützen. Der Handel
mit dem Auslande wird auf ein Minimum reduziert. Reisen im Auslande
 sind verboten, dagegen ist Auswanderung überschüssiger Bevölkerung
 als notwendig anerkannt,
Außerdem ist zu bemerken, daß unbedingte religiöse Toleranz
ausgesprochen ist. Doch kann nur Beamter werden, wer an eine
Seele und an eine Fortdauer nach dem Tode glaubt. Die Priester
werden wie die anderen Beamten gewählt.
Mit Recht sagt Robert von Mohl, daß für die damalige Zeit
der Gedanke der Priesterwahl, Beseitigung der Stände einen größeren
Gegensatz zu den allgemeinen Anschauungen ausmachte, als die
Forderung des modernen Sozialismus auf Beseitigung des Privatelgentums.
 Wesentlich ist ferner die Unterdrückung des Erwerbsbetriebes,
 der ersetzt werden soll durch Arbeitszwang, was sich in jedem
sozialistischen Staate als notwendig herausstellen muß, worüber aber die
modernen sozialistischen Schriftsteller gerne stillschweigend hinfortgehen.
 Das Endergebnis ist wohl eine angemessene Fütterung der ganzen
Bevölkerung, aber auch die größte Oede und Gleichförmigkeit, da es
an jeder Abwechslung fehlt. „So wie jemand eine aus den Städten
wohl gesehen und anerkannt hat, der kennet die anderen alle, also
seien sie einander durchaus gleich.“ Morus hofft darüber durch

Kritik.
        <pb n="434" />
        416

Sonnenstaat
des Campanella.


Erziehung und Bildung Aller, welche die ausgedehnte Muße ermöglicht,
 hinforthelfen zu können.
Der nächstfolgende Versuch, der für uns Interesse hat, ist der
des kalabresischen Dominikanermönches Campanella, der als Feind
der spanischen Herrschaft 25 Jahre im Kerker schmachtete und dort
die Schrift „Civitas solis, vel de rei publicae idea dialogus poeticus“
1630, zweite Ausgabe Paris 1637, verfaßte. Er schließt sich enger
als Morus an Plato an und beschränkt den Staat auf eine Stadt.
Er bekundet aber seinen geistlichen Standpunkt durch Einrichtung
einer strengen hierarchischen Ordnung; alle geistliche und weltliche
Gewalt ruht in den Händen eines gewählten Groß-Metaphysikers,
unter dem Beamte als Vertreter der Weisheit, Stärke und Liebe
fungieren. Auch er will völligen Kommunismus durchgeführt haben,
unter Beseitigung des Geldes und des Binnenhandels. Es herrscht
Arbeitszwang, der selbst mit körperlicher Züchtigung durchgeführt
wird. Nichts ist dem Zufall oder persönlicher Willkür der einzelnen
überlassen, Wunderbar ist bei einem Geistlichen die Forderung der
Beseitigung der Ehe und Durchführung staatlich geregelter Zucht.
Es existiert noch eine große Zahl ähnlicher Beispiele, wie die
„Oceana“ von Jakob Harrington, welcher allerdings nur die
Verfassungsfrage berührt. Denis Vairasse „Histoire des Sevarambes“,
 Paris 1677. Dann die Reise nach der Insel Caphar
Salama, in deutscher Sprache 1741 von einem unbekannten protestantisch-pietistischen
 Verfasser geschrieben. Morelly, Naufrage
des iles flottantes, ou de la Basiliade de Pilpai, Paris 1753. Cabet
„Voyage en Icarie“, Paris 1840. Hierher gehört auch Fouriers
Idee der Bildung von Phalanges und Phalansteres, auf welche aber
besser im Zusammenhang mit Fouriers Lehre zurückzukommen
sein wird. Alle diese Romane zeigen große Aehnlichkeit untereinander
 und können deshalb von uns übergangen werden. Grünberg
zählt in dem 16. Jahrhundert zwei derartige Beispiele, in dem 17. 6,
im 18. aber 12 Utopien. Auf England fallen 4, auf Italien 2, auf
Frankreich 14.
Auch die neuere Zeit hat ein Beispiel aufzuweisen, das ist
Bellamys vielgelesenes „Looking backward“, New York 1888.

$ 107.
Die Entwicklung des Sozialismus und Kommunismus
in der neueren Zeit bis zum Beginne des
19. Jahrhunderts.
£. Stein, Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs,
Leipzig 1845, |
M. V. Adville, Histoire de Gr. Babeuf et du Babouvisme, II. Bd., Paris 1884.

Die Angriffe gegen das Privateigentum sind ebenso alt, wie die
erörterten Staatsideale. Es ist bekannt, daß dieselben auch auf
Grund der christlichen Lehre erwachsen sind und die mannigfaltigsten
Blüten gezeitigt haben, Schon in den ersten Jahrhunderten des
Christentums bildeten sich Sekten und Orden mit kommunistischen
Tendenzen. Eine neue Anregung gewann die Richtung durch den
übermäßigen Druck, welcher Ende des Mittelalters auf der unteren
Bevölkerung, besonders auf den Bauern, lastete. Die eigentliche
        <pb n="435" />
        417 —

Bauernbewegung in der Reformationszeit hatte jedoch unzweifelhaft:
keinen sozialistischen oder kommunistischen Charakter, wie aus den
berühmten zwölf Artikeln leicht zu ersehen ist, in denen die Forderungen
 der Bauern zusammengestellt sind, die nur auf Beseitigung
der himmelschreienden Uebelstände und Schutz vor einem unerhörten
Druck gerichtet sind. Dagegen gehört hierher die Bewegung der
sog. Wiedertäufer, des Zwickauer Tuchmachers Niklas Storch und
des Thomas Münzer. Der Letztere versuchte ein Reich brüderiicher
 Gleichheit, Freiheit und Lauterkeit und der Rückkehr zum
Urzustande der ersten Christengemeinde durchzuführen, was aber
gänzlich mißlang, weil die Anhänger nicht in Schranken zu halten
waren und das Land zu brandschatzen anfıngen.
Hier wie bei den meisten anderen Kritikern der Zeit und politischen
 Reformatoren trugen die Anschauungen, wie wir sahen,
speziell kommunistischen Charakter, engherzigster, man kann sagen,
kindlichster Art. Eine mehr philosophische Grundlage ist der Richbung
 erst im 18. Jahrhundert, und zwar in Frankreich, gegeben.
Obwohl die Ansicht in der neueren Zeit auf das entschiedenste
vekämpft ist, können wir nicht umhin, den eigentlichen Ausgangspunkt,
 wie bisher, in Jean Jacques Rousseau zu sehen. Wenn
es auch Liepmann gelungen ist, den Nachweis zu führen, daß
Rousseau selbst niemals sozialistischen Anschauungen gehuldigt 7: 7 Rousseau
hat, und es längst bekannt ist, daß er nie die Konsequenzen seiner
Jugendlehre gezogen hat, sondern ihnen selbst verschiedentlich entyegengetreten
 ist, so wird damit doch nicht die Tatsache aus der
Welt geschafft, daß gerade seine erste Schrift und die darin enthaltenen
 geistvollen, in wenig kurzen prägnanten Sätzen zusammenyefaßten
 Angriffe gegen das Privateigentum den tiefsten Eindruck
machten und die allgemeinste Verbreitung fanden. Sie regten zur
Fortsetzung der Angriffe und der kritischen Beurteilung der Zeitverhältnisse
 in dieser Richtung mit größtem Erfolge‘ an, und man
kann in der nachfolgenden sozialistischen Literatur ihre Spuren
immer wieder entdecken. Im Jahre 1753 erschien seine berühmte
Preisschrift der Akademie von Dijon „Traite sur Vorigine de Vinögalite
 parmi les hommes“. Hiernach ist die Ungleichheit der Lebenslage,
 des Besitzes, wie der geistigen und sittlichen Eigenschaften
nur ein künstliches Produkt der Kultur, und daher ebenso die Not
der großen Masse der Bevölkerung. Ursprünglich sind nach ihm
alle Menschen gut und gleich; erst die Erziehung und die Bildung
haben die Verschiedenheiten herbeigeführt, die wir gegenwärtig beobachten.
 Das Privateigentum sei nichts Natürliches, sondern schaffe
nur willkürliche Privilegien, worauf die berühmte Stelle folgt: „Der
Erste, der ein Stück Land umzäunte und erklärte: Dies gehört mir,
and Leute fand, die einfältig genug waren, ihm das zu glauben, war
jer wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviel Verheerungen,
 Kriege, wieviel Mord und Elend wären der Menschheit
erspart geblieben, wenn Jemand die Umzäunung umgerissen, die
Gräben verschüttet und den Anderen zugerufen hätte: Hütet euch,
diesem Betrüger zu glauben. Ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt,
daß die Früchte des Bodens Allen gehören und dieser selbst Niemand
 gehört.“ Durch das Privateigentum sind nach ihm überhaupt
die modernen Begriffe von Recht und Unrecht entwickelt, die Selbstsucht
 geweckt, und die Arbeitsteilung hat neue Uebel gezeitigt.
Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl. 27

Th. Münzer.
        <pb n="436" />
        418

Hably und
A bo

Babenuf.

Auch in seinem „Emile“ und in dem 1762 erschienenen „Contrat
social“ finden sich noch eine Menge Stellen, die zur Ergänzung
dieser angeführten Sätze angewendet werden können, wie: „Die bestehenden
 Gesetze kommen nur den Reichen zugute, den Armen sind
sie schädlich.“ Daraus folgt, daß der Staat nur dann den Menschen
Vorteile gewährt, wenn, wie es sein soll, Alle etwas haben, Keiner
zu viel hat.
Von ähnlichem Geiste beseelt ist die 1776 erschienene Schrift
des Abbe Mably „De la legislation ou principe des lois“. und
schon vorher seine gegen die Physiokraten gerichtete Schrift „Doutes
proposes aux philosophes &amp;amp;conomistes sur Vordre naturel et essentiel
des societes politiques“ (Paris 1768).
Noch zwei Männer erwähnen wir kurz, die, durchaus Anhänger
der erwähnten Rousseauschen Lehren, dieselben weiter zu begründen
 und auszubauen suchten: Linguet, „Theorie des lois civiles“,
 2 Bde., Paris 1767, und Brissot de Warwille, „Recherches
 philosophiques sur le droit de la propriet&amp;amp; et sur le vol, considere
 dans la nature et dans la societe“ 1780. Beide erklären das
vorliegende Eigentumsrecht für ein Produkt der Gewalt und Willkür,
weiches keineswegs in der Natur des Menschen seine Begründung
unde, Sie erkennen aber mit Rousseau an, daß es nun nicht
mehr beseitigt werden könne, weil darauf die Kultur beruht.
Mirabeau sah es allein als Produkt freier Uebereinkunft an,
welches jeden Augenblick geändert werden könne und den Zeitverhältnissen
 nach auch in den Grundzügen umgestaltet werden müsse.
Es ist wohl zu beachten, wie auf Grund Rousseauscher Lehren
and mit der gleichen Argumentation das Privateigentum als die Ursache
 aller Zeitübel hingestellt und angegriffen wird.
Die französische Revolution hatte in der Hauptsache unzweifelhaft
 rein politischen Charakter. Man erstrebte, wenigstens in der
stürmischsten -Zeit, politische Gleichberechtigung, wirtschaftliche
Freiheit, soziale Brüderlichkeit und erhoffte damit allgemeine Wohlfahrt
 und Zufriedenheit zu erzielen. Die wirtschaftliche Gleichheit
wurde von den Einen als selbstverständliche Errungenschaft vorausgesetzt,
 von den Anderen nicht gefürchtet. Ks ist daher nicht
richtig, wenn neuerdings so vielfach behauptet wird, daß überhaupt
der Revolutionszeit der sozialistische Charakter fern lag, er trat
vielmehr wiederholt hervor, nur daß er von der herrschenden Partei
unterdrückt wurde.
Robespierre war unbedingt Sozialist, wenn auch ohne Klarheit
 und Konsequenz, Der Grundzug zeigt sich in seiner affektierten
Schwärmerei für den antiken Staat, seiner Bekämpfung des Testatrechts,
 der Proklamierung des Rechts auf Arbeit und Unterhalt, endlich
 in der Fassung der von ihm aufgestellten Menschenrechte. Den
Kommunismus allerdings bekämpft er. Saint Just war Kommunist,
Marrat vertrat nur ein einfaches Beraubungssystem.
Der Mann aber, der hier noch Beachtung beanspruchen kann, ist
Gracchus Babeuf (1760—97), der während seiner Gefangenschaft
sich ein vollständiges kommunistisches System ausdachte und dieses
in einem engeren Kreise der „Societe du Pantheon“ und durch die
Zeitschrift „Le Tribun“ zu verbreiten suchte, Alle Güter, die materiellen
 und die geistigen, sollen der Gesamtheit gehören. Niemand
darf mehr genießen als die Uebrigen; ein Jeder hat ein Recht auf
        <pb n="437" />
        — 419 —

eine glückliche Existenz, aber auch die Pflicht zur Arbeit, die nicht
der Willkür der Einzelnen überlassen bleiben darf, sondern durch
Gesetz geregelt werden muß. Die Zentralgewalt hat jeden Menschen
dem Beruf, dem Wirkungskreise zuzuweisen, dem er gewachsen ist,
und ihn zu verpflichten, die Frucht desselben in natura in ein gemeinsames
 Magazin abzuliefern. Ein Verteilungsamt ist einzurichten,
das über alle Individuen und Güter Buch führt, die Lebensmittel in
peinlichster Gleichheit verteilt und sie jedem Bürger in sein Haus
liefert. Die Kindererziehung soll gemeinsam, höchst einfach und gleich
ohne Rücksicht auf individuelle Begabung sein. Große Städte werden
nicht geduldet, das ganze Leben ist hauptsächlich auf Landwirtschaft
basiert. Kunst und Wissenschaft werden auf ein Minimum reduziert.
Babeufs Versuch, die Herrschaft in die Hand zu bekommen, mißlang
 bekanntlich, er starb durch die Guillotine, und seine Lehren
erlangten keine nachhaltige Bedeutung. Die Revolutionszeit und die
darauf folgende Herrschaft Napoleons unterdrückten die Weiterverfolgung
 dieser Idee.
Nach der Restauration tauchten in Frankreich zwei Männer
auf, denen wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen müssen:
Saint-Simon und Fourier, die eine Schule gründeten. In der
gleichen Zeit, z. T. schon früher, vertrat in En gland Robert
Owen sozialistische Lehren, in Deutschland der Philosoph Fichte,
mit denen wir uns nun zu beschäftigen haben.

$ 108.
Claude Henry de Saint-Simon und der Saint-Simonismus.
Zowis Reybaud, Etudes sur les reformateurs contemporains ou les socialistes
modernes. St. Simon, Charles Fourier, Robert Owen. II. Bd. Paris 1841.
Lor. Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf
ansere Tage. III. Bd. Leipzig 1850.
Seb. Charlety, Histoire du Saint-Simonisme, 1825-—64. Paris 1896.
Oeuvres de Saint-Simon, publies par Olinde Rodrigeues. Paris 1841.

Der Graf Saint-Simon war in Paris 1760 als Sproß einer der
ältesten und reichsten Familien des Landes geboren. Er erhielt eine
vorzügliche Erziehung und zeigte früh außergewöhnliche Begabung
und großen Ehrgeiz. Angezogen von der freiheitlichen Bewegung der
Vereinigten Staaten, stellte er sich Washington zur Verfügung und
machte den amerikanischen Befreiungskrieg mit, unternahm dann große
Reisen und widmete sich eine Zeitlang großartigen praktischen Plänen,
wie durch einen Kanal Madrid mit dem Meere zu verbinden, ja sogar
die Landenge von Panama zu durchstechen, ohne indessen faktisch
etwas durchzuführen. Die französische Revolution vernichtete seinen
Rang und sein. Vermögen, so daß er eine Reihe von Jahren von
L790—1807 e1Ine untergeordnete Beamtenstellung annehmen mußte. Da
er einiges Vermögen zurückerhielt, widmete er sich längere Zeit dem
Studium der Politik und Naturwissenschaften und besuchte dabei
England und Deutschland. Auch hierin fand er indessen keine volle
Befriedigung und stürzte sich nun in den Strudel der Vergnügungen,
wobei er in kurzer Zeit das wieder erlangte Vermögen vergeudete
und im Beginne des 19. Jahrhunderts über 40 Jahre alt ein neues
Leben beginnen mußte. Er wandte sich schriftstellerischer Tätigkeit
zu. Dabei mußte er die tiefste Armut kennen lernen, erlangte während
I

‚eben und
Schriften.
        <pb n="438" />
        420

seines Lebens nur geringen Anhang und starb 1815 in den traurigsten
Verhältnissen. .
Es war ihm selbst nicht gelungen, sein System hinreichend abzurunden
 und der großen Masse zugänglich zu machen. Das war erst
seinen Schülern vorbehalten, so daß seine Lehre erst nach seinem
Tode eine gewisse Bedeutung und Verbreitung zu erlangen vermochte.
Er schrieb mit Geist und Phantasie, ließ aber wissenschaftliche
Schulung und daher Klarheit und Konsequenz vermissen, Es war in
ihm eine wunderbare Mischung eines religiösen Schwärmers und idealen
Politikers, der niemals genügend den realen Boden zu gewinnen vermochte.
 Seine Hauptwerke sind „Reorganisation de la societe europeenne“
 1814, „Catechisme des industrielles“ und das letzte Werk
„Nouveau christianisme“, Paris 1825. Durch das Studium der Geschichte
 auf die Bedeutung der Industrie aufmerksam geworden, erkennt
 er, daß ihr im Staate nicht die Bedeutung zukommt, die sie
verdient, wobei er den Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter
nicht in Betracht zieht; wie er überhaupt mehr die Mittelklasse als
die unterste berücksichtigt und die erstere zur Herrschaft zu bringen
strebt. So. stellt er die berühmt gewordene Frage auf, ob Frankreich
mehr verlieren würde, wenn die 3000 höchstgestellten Personen, die
yanze königliche Familie, der. Hofstaat, Klerus und oberste Beamte
plötzlich von der Bildfläche verschwänden, oder 3000 der größten
Gelehrten und Industriellen. Er beantwortet sie dahin, daß der Verlust
 der letzteren weit mehr zu beklagen sein würde. Er wurde deshalb
 verklagt, aber von den Geschworenen unter großer Teilnahme
des Publikums freigesprochen. Konsequenterweise hält er es für nötig,
daß sich das Königtum auf die produktiven Kräfte stützt. Die Gescheutesten
 der Ackerbauer, Kaufleute and Fabrikanten sollten die
Staatsverwaltung in die Hände bekommen. Er untersucht historisch,
warum sich dieses natürliche Verhältnis bisher nicht entwickelt hat.
In alter Zeit hat der grundbesitzende Adel die Gewalt in die Hand
zu bekommen vermocht, unter Ludwig XI, bildet sich mehr die absolute
 Monarchie aus, unter Ludwig XIV. entwickelt sich die Industrie;
damit steigt der internationale Verkehr; das Geld gewinnt an Bedeutung,
 und der Besitzer des Geldes erhält an Stelle des alten Adels
die politische Macht, die dieser früher gehabt hat. Neben diesem
treten aber die Legistes, das sind die Advokaten, Schriftsteller usw.
auf, die mit jenen die Mittelklasse bilden und die Vertreter des
reinsten Egoismus sind. Sie sagen zu den Industriellen: „Ote-toi, que
je m’y mette“ und reißen tatsächlich die Gewalt an sich, während die
„Industriellen“ wieder die Herrschaft in die Hand bekommen müssen.
In seinem letzten Werke entwickelt er seinen religiösen Standpunkt.
 Das einzige und wahrhaft göttliche Prinzip im Christentum
liegt nach ihm in dem Satze: Die Menschen sollen sich wie Brüder
lieben. Die katholische Kirche habe diesen Satz viel zu sehr ignoriert,
zum Teil in das Gegenteil umgekehrt. Der Protestantismus habe
gesucht, ihn. wieder zu Ehren zu bringen, sei aber auf halbem Wege
stehen geblieben und habe keinen Einfluß auf die Massen. Der Hauptfehler
 des Christentums sei die Erklärung „sein Reich sei nicht von
dieser Welt“. Saint-Simon hält sich für berufen, eine neue Religion
zu stiften, welche auf die christliche Brüderlichkeit basiert ist und
sowohl den geistigen, wie leiblichen Bedürfnissen Rechnung trägt. Die
[ynorierung der letzteren durch das Christentum habe dasselbe zur
        <pb n="439" />
        — 421

Wirkungslosigkeit verdammt. Wie die Regierungsgewalt aufzubauen
sei, ist ihm selbst keineswegs klar. Von der Volkssouveränität will
er ebensowenig wissen, wie von der schrankenlosen Freiheit des
Einzelnen. Er bekämpft nicht das Privateigentum und strebt keineswegs
 absolute Gleichheit an, so daß man ihm von unserem Standpunkte
 aus kaum sozialistische Tendenzen zuschreiben kann, sondern
nur liberalreformatorische. Gleichwohl haben seine Schüler auf seinen
Lehren den Sozialismus aufgebaut.
Die nachhaltige Bedeutung Saint-Simons liegt in seiner Einwirkung
auf seine Schüler, die wenigstens zeitweise seiner Lehre eine große
Verbreitung verschafften. Wir erinnern daran, daß auch Alexander
Herzen, der Herausgeber der „Kollokol“ und langjährige Führer
des russischen Sozialismus, in seinen Memoiren ausdrücklich angibt,
daß den größten Einfluß auf ihn das neue Testament und Saint-Simons
 „Nouveau christianisme“ ausgeübt haben, und daß er sich als
einen Schüler Saint-Simons ansieht. In Frankreich haben unmittelbar
nach dem Tode des Letzteren zwei seiner Schüler, Bazard und
Enfantin, in einer besonderen Zeitschrift „Le producteur“ seine
Lehre zu systematisieren und auszubauen getrachtet. Bazard hielt
von 1828 bis 1830 öffentliche Vorlesungen über die Lehre Saint-Simons
 und faßte sie in einem zweibändigen Werke „Exposition de
la doctrine de Saint-Simon“, Paris 1830, zusammen. Die darin enthaltenen
 Anschauungen sind dann als Saint-Simonismus bekannt
geworden und verbreitet. Wir geben in dem Folgenden eine kurze
Uebersicht über dieselben.
Zwei Grundlagen des sozialen Lebens sind zu unterscheiden: die
Selbstsucht oder der Individnalismus, dem die Assoziation gegenübersteht.
 Je nachdem die eine oder die andere das menschliche Leben
beherrscht, entwickeln sich verschiedene Zeitepochen, die „kritische“
oder die „organische“. Die letztere erfüllt den griechischen Staat bis
zur sokratischen Zeit und die erste christliche Periode mit allgemeiner
Harmonie in dem einheitlichen idealen Streben nach einem bestimmten
gemeinsamen Ziele. Die kritische Periode war die Zeit des Verfalls
des klassischen Altertums, sie herrschte dann seit dem Beginne der
Reformation bis zur Gegenwart, wo jedes gemeinsame Band fehlt,
und die sich entfaltenden Gegensätze zu weit verbreitetem Elende
geführt haben. Eine neue organische Periode sollte nun wieder durch
den Saint-Simonismus angebahnt werden, und zwar auf dem Wege der
Assoziation, wodurch die materiellen wie die geistigen Gegensätze gemildert
 werden, und sich ein gemeinsames höheres Streben entwickelt.
Zwar ist fortdauernd im Laufe der Zeit eine Besserung zu beobachten,
aber niemals war die Harmonie eine allseitige. Auf primitiver Stufe
werden die Besiegten getötet. Es ist schon ein Fortschritt, wenn die
Besiegten zu Sklaven gemacht werden, um ihre Kräfte zu verwerten.
Die Hörigkeit ist wiederum eine mildere Form der Abhängigkeit;
auch sie ist im Laufe der Zeit, beseitigt und durch das Lohnverhältnis
äer Arbeiter in der Gegenwart abgelöst. Aber auch in dieser Form
wird ein überwiegender Prozentsatz der Bevölkerung durch eine kleine
Zahl der Herrschenden ausgebeutet, und dieses ist ermöglicht und
beruht auf dem Privilegium des Eigentums, das gebrochen werden
muß. Deshalb ist das Erbrecht zu beseitigen. Nur die Gesamtheit
soll Erbe sein, nicht aber der Einzelne. Die Produktion und die Verwertung
 des selbst Verdienten soll rein vrivatwirtschaftlich bleiben.

Der Saint-Simonismus.


Bazard.
        <pb n="440" />
        — 422 —

Tanfantin.

‚eben und
Lehren.

damit Jeder den Lohn seiner Leistung erhält, wie Enfantin sich
ausdrückt: „Jedem Arbeit nach seinen Gaben und Belohnung nach
seinen Werken.“ Nach seinem Tode aber soll das Vermögen der
Gesellschaft zufallen, wodurch dann jeder Einzelne nicht nur für sich
selbst, sondern auch für die Gesamtheit schafft, Hierdurch erhofften
sie wieder allgemeine Harmonie herzustellen und ein goldenes Zeitalter
 anbrechen zu sehen. Aller Genuß würde nur auf Arbeit basiert,
jede Ausbeutung durch Bezug von Zinsen, Renten, Mieten usw. würde
beseitigt sein.
Enfantin glaubte nun noch einen bedeutenden Schritt weiter
gehen zu müssen und die Frau dem Manne in allen Rechten gleich
stellen und ihre Selbständigkeit wahren zu sollen, um auch hier jede
Unterdrückung der Frau durch den Mann unmöglich zu machen. Als
er aber dabei zur Proklamierung der freien Liebe schritt, sprengte
er die Partei; Bazard und seine Anhänger verließen ihn. Enfantin
versuchte im kleinen die Realisierung seiner Pläne. Als aber die
Polizei mit rauher Hand dagegen einschritt, löste sich die Schule
völlig auf, Gleichwohl sind die Grundgedanken derselben weiter wirksam
 geblieben; der Grundzug des Sozialismus ist durch sie erst klar
yelegt und hat begonnen, ein festes Fundament zu bilden. War durch
Rousseau der Besitz an Grund und Boden als ein Unrecht hingestellt,
 so wurde im Saint-Simonismus die Wirkung desselben für
die Arbeiterklasse klargelegt und auf die Fahne geschrieben: „Die
Emanzipation der Arbeit vom Besitze.“ Die Idee, die Arbeitsmittel
dem Arbeiter vollständig zugänglich zu machen, um ihm damit seine
Selbständigkeit zu wahren, die Zuerkennung eines Rechtes auf die
Produktionsmittel und die Assoziation zur gemeinsamen Verwertung
derselben, was als die Grundlage des Sozialismus anzusehen ist, ist
erst durch den Saint-Simonismus begründet. Diese Ideen setzten sich
in den Massen fest, ohne in einer bestimmten Schule konzentriert
zu sein.

$ 109.
Fourier.
Charles Pellarin, Fourier, sa vie et sa theorie. Paris 1843.
Wie sehr die sozialistischen Anschauungen im Beginne des vorigen
Jahrhunderts in der Luft lagen, tritt dadurch zutage, daß zur selben
Zeit wie Saint-Simon, völlig unabhängig von ihm, ein Mann,
ler unter gerade entgegengesetzten Verhältnissen aufgewachsen ist,
mit ganz ähnlichen Ideen auftrat. Das ist Charles Fourier (1772
bis 1837). Er war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes in Bezancon
 und wurde selbst dort Kaufmann, verlor während der Revolution
 sein Vermögen und blieb sein Leben lang in engen Verhältnissen.
 . Als Kommis eines Handlungshauses spann sich sein Leben
äußerst einförmig hin, so daß seine Bildung eine beschränkte, seine
Lebenserfahrung eine ungenügende bleiben mußte. Schon früh empört
ihn die Habsucht und Betrügerei, die er in den kaufmännischen
Kreisen beobachtet, und er sinnt auf eine Aenderung der Zustände.
Er steht zunächst völlig auf dem Boden des Individualismus und
geht von der einzelnen Persönlichkeit aus, der er zu ihrem Rechte
verhelfen will. Der Mensch ist, nach ihm, nur ein Teil der Natur,
und diese steht in engstem Zusammenhange mit Gott. Alles ist den-
        <pb n="441" />
        — 423 —

selben harmonischen Gesetzen untergeordnet. Die Harmonie aber ist
dem Menschen verloren gegangen; sie muß ihm wieder verschafft
werden; das wird nur möglich sein, wenn man den Menschen Befriedigung
 gewährt. Die Naturtriebe im Menschen sind ihm von Gott
beigelegt, sie müssen deshalb als gut und berechtigt anerkannt werden.
Das Christentum verkannte dies, versagte dem Menschen die natürliche
 Befriedigung seiner Bedürfnisse und verwies ihn mit seinem
Streben nach Glück auf das Jenseits. Dadurch mußte die Harmonie
gestört werden. Alles Böse entsteht aus der Nichtbefriedigung, die
gegen die Harmonie der Natur ist. Fourier erstrebte daher eine
Organisation der Gesellschaft, die auf den Genuß basiert ist. Er
sucht eine materielle Ordnung herzustellen, in der „die Harmonie
der Leidenschaften zur Basis der Arbeit gemacht wird“. Jeder solle
Gelegenheit haben und darauf hingeleitet werden, nur das zu tun
and die Tätigkeit zu übernehmen, die ihm besonders Freude macht,
am die Arbeit selbst zum Genusse zu machen. Der Fleiß ergäbe sich
dann von selbst; zu Verbrechen sei kein Anlaß, die Produktivität
könne damit auf das höchste gesteigert werden. Er hofft dieses zu
erreichen durch die Organisation eines Staatswesens nach der Art
der Utopie des Thomas Morus. Die Gesamtheit soll in Gemeinden
von 1500—2000 Personen auf einem Terrain von je einer französischen
Quadratmeile geteilt werden (Phalanges), sie wohnen in Kasernen
‚Phalansteres) und gruppieren sich in freien Serien zur landwirtschaftlichen
 und gewerblichen Produktion. Das nötige Kapital wird
durch Aktien zusammengebracht; Grund und Boden, Werkzeuge usw.
sind Gemeineigentum. Der Arbeitsertrag wird zu ”,, als Kapitalsdividende,
 zu */,, als Arbeits-, zu %,, als Talentanteil zur Verteilung
gebracht; die Konsumtion ist infolgedessen keineswegs eine gleiche.
Der Betrieb ist als Großbetrieb gedacht, weil dadurch ein größerer
Erfolg erzielt werden kann. Gemeinsame Erziehung der Kinder,
völlige Gleichstellung der Frau mit dem Mann sind die weiteren
praktischen Konsequenzen. Seine Hauptschriften sind „Theorie des
quatre mouyements“ 1808, „Traite de Vassociation domestiaue agrisole“
 1822,
Auch Fourier bedurfte eines Helfers zur klareren Ausführung
and Ergänzung seiner Anschauungen. Er fand ihn in Victor
Considerant, in dessen Schrift „Destinee sociale“, 3 Bde,, Paris
1836 und 1838, die Fourierschen Lehren in klarster Form zur
Darstellung gelängt sind. Er suchte außerdem das Phalangensystem in
Texas von 1854—1863 zur praktischen Verwirklichung zu bringen,
hatte damit aber ebensowenig Erfolg wie eine Anzahl ähnlicher Versuche
 in Frankreich. Algier und noeh an einigen Stellen Amerikas.

Praktische
Vorschläree.

ae

F Considerant

$ 110.
RPaoahert Owen

Lioyd Jones, The life, times and labours of Robert Owen. London 1891,
„Owen, The life of Robert Owen written by himself, with selection from his
writings and correspondence, vol. I und Ia. London 1857/58.
Helene Simon, Rob. Owen. Jena 1905. ;
M, Beer, Geschichte des Sozialismus in England. Stuttgart 1913.
Den Lehren Fouriers in vieler Hinsicht ähnlich sind die des
Engländers Robert Owen, nur frei von den Phantastereien des

Leben und
Schriften.
        <pb n="442" />
        424 —

Franzosen. Owen knüpft unmittelbar an die Beobachtungen des
praktischen Lebens in seiner Umgebung an und sucht zunächst da zu
bessern; und als dieses mit Erfolg geschieht, denkt er darüber nach,
wie dem Elend der unteren Klassen überhaupt zu steuern sei, stellt
eine Theorie des Wirtschafslebens auf und sucht derselben entsprechend
 Neuorganisationen im kleinen zu schaffen, von denen er
hofft, daß sie allmählich sich verallgemeinern lassen werden. 1771
in Nord-Wales als Sohn eines kleinen Geschäftsmannes geboren, trat
er selbst früh in ein kaufmännisches Detailgeschäft. Aus dieser untergeordneten
 Stellung arbeitete er sich noch in jungen Jahren zum
Direktor einer großen Feingarnspinnerei in Manchester empor. Im
Jahre 1800 kaufte er eine solche in New Lanark in Schottland. Hier
fand er eine äußerst verwahrloste Bevölkerung vor, die er durch
Schulen geistig zu heben suchte, durch Einführung eines Cottagesystems
 mit guten Wohnungen, Garten usw. versah, für die er Konsumvereine,
 Speisehäuser usw. gründete. Namentlich machte er es sich
zur Aufgabe, in der Zeit wirtschaftlicher Krisen den Arbeitslosen den
Lohn weiter zu zahlen, um sie vor Verarmung zu schützen und sie
zu verhindern, durch ihr unbedingtes Streben nach Beschäftigung eine
Lohnerniedrigung herbeizuführen. Er erkannte schon damals die
große Gefahr, die darin liegt, daß eine große Zahl Arbeitsloser (als
Reservearmeg) nachhaltig auch die Löhne der Beschäftigten durch
ihr Angebot herabdrückt. Die Einrichtungen in New Lanark erhielten
bald einen großen Ruf, und von allen Seiten kamen Reisende herbei,
um sie zu prüfen und dem Beispiel eventuell zu folgen. In zwei
Schriften hat er besonders seine Anschauungen niedergelegt, welche
einen weitgehenden Einfluß ausgeübt haben. 1812 erschien „A new
view of society; or essays on the principle of the formation of the
human character and the application of the principle to practic“, und
1820 „Book of the New Moral World“, Die englische Fabrikgesetzgebung
 ist durch R. Owen in erheblicher Weise gefördert.
&amp;gt;. Owen hält zwar nicht wie Rousseau die Menschen für von
; “Geburt gleichgeartet, sondern erkennt an, daß sie auf unserer Kulturstufe
 mit verschiedenen Anlagen und Neigungen auf die Welt kommen;
gleichwohl gelangt er zu demselben Ergebnis wie Rousseau Er
sieht daher den Menschen in dem höheren Alter ganz als Produkt der
Umgebung an, in der er aufwächst. Jeder Mensch kann durch die
Verhältnisse gut oder schlecht werden. Owen spricht ihm den freien
Willen ab und kommt daher zu dem Ergebnis, daß der einzelne
Mensch für seine Schlechtigkeit nicht verantwortlich gemacht werden
kann, die Gesellschaft vielmehr dafür verantwortlich zu machen ist.
Ein böser Charakter sei wie eine Krankheit zu behandeln: durch angemessene
 Erziehung sei er zu bessern, deshalb sei vor allen Dingen
auf die Erziehung der Jugend das größte Gewicht zu legen, die der
Staat selbst in die Hand nehmen müsse. Dabei ist zu betonen, daß
er die Strafe nicht verwirft, sondern sie als Erziehungsmittel für unentbehrlich
 hält, denn die Begriffe von gut und schlecht könnten nur
dadurch anerzogen werden. Allen Menschen soll eine möglichst gleiche
Erziehung geboten werden. Sie sollen gleiche Rechte haben, um ihre
eigene Individualität frei zu entfalten. Jeder muß arbeiten und die
gemeinsame Arbeit gibt gleiches Recht. Die verschiedene Leistung
aber bedingt die Stellung in der Gesellschaft. Ein Hauptgrundsatz
bei ihm ist, Niemand soll von dem Anderen Arbeit verlangen, die er
        <pb n="443" />
        425 —

nicht selbst ihm zu bieten geneigt ist, und auf der anderen Seite:
Jedes Individuum kann mehr erzeugen, als es zu konsumieren imstande
ist, wenn ihm die entsprechenden Mittel dazu geboten werden. Die
Aufgabe ist daher, den Arbeitstrieb der Gesamtheit entsprechend
anzuerziehen und eine Organisation zu schaffen, durch welche Jeder
Arbeitsgelegenheit findet, Ist das erreicht, so nimmt er an, daß
Unterhaltsmittel so reichlich erzeugt werden, daß das Privateigentum
überflüssig wird, während unter den gegenwärtigen Verhältnissen die
Produktion eine unzulängliche sei, und namentlich die Konsumtion der
arbeitenden Klassen durch den niedrigen Lohn und zeitweilige Arbeitslosigkeit
 künstlich niedrig gehalten werde, und sich dadurch ein Mißverhältnis
 zwischen Produktion und Konsumtion herausstelle, welches
die wirtschaftlichen Krisen bewirke,
Um die Krisen zu beseitigen, entwarf er den Plan zur Errichtung
einer Bank, die nicht auf Metallwährung, sondern auf „Arbeitswährung“
basiert sein sollte, da die Arbeit auch von ihm als das natürliche
Maß des Wertes angesehen wurde. Hierdurch hoffte er den Wert
der Waren der Leistung des Arbeiters gleich zu gestalten, damit
seine Kaufkraft mit der wachsenden Produktivität seiner Arbeit Hand
in Hand gehen zu lassen und eine Ueberproduktion zu vermeiden,
wie dies später Rodbertus weiter ausführte.
Owen machte nun in seinen Schriften praktische Vorschläge zur
Realisierung seiner Ideen und ließ diesen selbst praktische Versuche
folgen. Zunächst suchte er für die Arbeitslosen kommunistische
Kolonien einzurichten, von denen er hoffte, daß sie sich allgemein
einbürgern würden. Solche Kolonien sind an verschiedenen Orten
Amerikas von ihm ins Leben gerufen, die sich aber sämtlich nach
einiger Zeit infolge der Unverträglichkeit der Mitglieder auflösten,
sobald nicht mehr Owens energische Hand darin selbst die Leitung
führte.
Er starb 1858 in hohem Greisenalter. Wenn auch seine kommunistischen
 Versuche ohne jede Bedeutung blieben, so haben doch
seine Lehren vor allem in England eine nachhaltige Wirkung gehabt,
und um so mehr, da er eine jede Verbindung derselben mit politischen
Tendenzen vermied, Er hat damit wesentlich dazu beigetragen, die
Arbeiterbewegung in England in gesunden Bahnen zu halten.

$ 111.
Johann Gottlieb Fichte.

Schmoller, Fichte. Jahrb. f. Nat,-Oek. 1865.
Mar. Weber, Fichtes Sozialismus. Tübingen 1900.

Praktische
Versuche.

Schon vor Saint-Simon hat in Deutschland einer der hervorragendsten
 Philosophen ausgesprochen sozialistische Lehren vorgetragen,
 die allerdings lange unbeachtet geblieben sind, aber besondere
Beachtung verdienen, weil sie zeigen, daß sein konsequenter Kopf leicht
zum Sozialismus gelangt, sobald er in der Grundauffassung des wirtschaftlichen
 Getriebes, ja selbst nur hinsichtlich einzelner Grundbegriffe
 irrtümliche Anschauungen akzeptiert.
Von Fichtes (1762—1814) Schriften kommen die folgenden drei
in Betracht: „Beiträge zur Berichtigung der Urteile über die französische
 Revolution“ 1793. „Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien
        <pb n="444" />
        — 426 —

der Wissenschaftslehre“, Jena 1796, und schließlich das für uns Interessanteste
 „Der geschlossene Handelsstaat“, Wien 1801.
Die Grundlage seiner sozialistischen Lehre ruht in der Auffassung
 des Eigentumsrechts und des natürlichen Rechts eines jeden
Bürgers. Jeder Mensch hat ein Recht zu leben, aber auch, besser
zu leben, als das Tier, Dieses Recht steht nicht nur einzelnen Wenigen
 zu, sondern der Gesamtheit aller Bürger, und das ist nur möglich,
 wenn die Wohlstandsverhältnisse nicht große Differenzen zeigen.
„Jeder will so angenehm als möglich leben, und da Jeder dies als
Mensch fordert, und Keiner mehr oder weniger Mensch ist als der
Andere, so haben in dieser Forderung Alle das gleiche Recht.“ Inüessen
 erkennt er später ausdrücklich an, daß nach den Leistungen,
den Aufgaben und der Lebensstellung verschiedene Ansprüche gerechtfertigt
 sind. Der Staat habe die Aufgabe, jedem Einzelnen das Nötige
zu sichern. „Man hat bisher die Aufgabe des Staates nur einseitig
aufgefaßt, als eine Anstalt, den Bürger in demjenigen Besitzstande
durch Gesetz zu halten, in welchem man ihn findet, die tiefer liegende
Pflicht des Staates, Jeden in den ihm zukommenden Besitz erst einzusetzen,
 hat man übersehen.“ Zu diesem, jedem Menschen zu gewährleistenden
 Besitze rechnet er Gelegenheit zur Arbeit und die
Mittel, die Arbeitskraft zu betätigen. Auf die rohe Materie hat jeder
Mensch ursprünglich ein Aneignungsrecht, auf die durch ihn modifizierte:
 ein Eigentumsrecht. Eigentum ist bei ihm nur ein ausschlie-Gendes
 Recht auf eine bestimmte freie Tätigkeit, nicht ein solches
an einer Sache. Eigentum an Grund und Boden existiert nicht, sondern
nur ein Recht auf ausschließliche Benutzung desselben, und nur innerhalb
 der Gesellschaftssphäre. Der Staat hat nun Jedem eine solche
Rechtssphäre zu garantieren, von der er Andere ausschließen, in der
er arbeiten und sich seinen Unterhalt verdienen kann. „Wer nichts
ausschließlich zu eigen bekommen hat, hat auf nichts Verzicht getan,
er ist in Absicht des Rechtes isoliert, da er nicht mit gerechnet hat,
und behält seinen ursprünglichen Rechtsanspruch, allenthalben alles
zu tun, was er will.“ „Daher muß Jeder ausschließliches Besitztum
haben, weil man ihn nur dann verpflichten kann, das Eigentum Anderer
zu respektieren“, und als Ergänzung hierzu: Die Bildung der Dinge
durch eigene Kraft ist der wahre Rechtsgrund des Eigentums, aber
auch der einzige naturrechtliche. Wer nicht arbeitet, „darf wohl
8ssen, Was man ihm schenkt, aber er hat keinen rechtskräftigen Anspruch
 aufs Essen.“ Er darf keines anderen Kräfte für sich verwenden.
 Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit kommt auch in anderer
Hinsicht bei ihm zur Geltung, indem er anerkennt, daß nur derjenige
für sich das Recht in Anspruch nehmen kann, als freies Wesen behandelt
 zu werden, der selbst dieses Recht den Anderen einräumt.
Ya Damit der Staat nun seine große Aufgabe erfüllen kann, muß er
"die gesamte Arbeitstätigkeit wie die Bedarfsverhältnisse beherrschen
und organisieren. Das ist nur möglich unter Absperrung gegen das
Ausland, durch die Bildung eines geschlossenen Handelsstaates, der
allerdings zur Voraussetzung hat, daß das Territorium ausgedehnt und
wohl abgerundet ist, um sich selbst genügen zu können. Freilich muß
dann auf manches verzichtet werden, was bisher vom Auslande bezogen
 ist, doch nicht auf alles, denn der Staat soll mit dem Auslande
weiter Handel treiben können, aber nicht der Einzelne. Nach erfolgter
Abschließung hat die Regierung jeden Einzelnen zu prüfen und danach.

Sozialistische
Anschauungen.
        <pb n="445" />
        427 —

Jedem seinen Beruf anzuweisen. Handwerk und Handel sind in ihrer
Tätigkeit fest zu verpflichten und zu beschränken; die Preise setzt
der Staat fest. Als Geld dient entwertetes Material, welches von dem
Auslande nicht genommen wird, wodurch die Abschließung von demselben
 erleichtert ist. Der Staat soll berechnen, was gebraucht wird
und wie viele Menschen zur Herstellung des Bedarfes notwendig sind.
Große Niederlagen dienen dazu, Ausgleichungen zu erleichtern. Den
Wert der unentbehrlichen Nahrungsmittel stellt die Regierung fest
nach der Zeit, die man davon leben kann, bei annehmlichen Gütern
nach der Arbeit, die zur Herstellung notwendig ist, da die Annehmlichkeit
 nicht gemessen werden kann. Annehmliche Güter dürfen erst
hergestellt werden, wenn der Bedarf am Nötigen gedeckt ist, denn
Niemand hat ein Recht Luxus zu treiben, solange noch Mitmenschen
an dem Notwendigsten Mangel leiden,
Fichte suchte hiernach auf Grund des Naturrechtes festzustellen,
was der Mensch bedarf, und auf Grund der praktischen Beobachtung
einen Staat herzustellen, der den als berechtigt anerkannten Anforderungen
 zu entsprechen vermag. Er wendet sich gegen den Smithianismus
 und das Prinzip der wirtschaftlichen Freiheit, wodurch, nach
ihm, nur ein allgemeiner gegenseitiger Kampf herbeigeführt wird, der
die größten Ungerechtigkeiten in sich schließt. Er will demgegenüber
einen Vernunftstaat gründen, der überall Gerechtigkeit herstellt und
völlig sozialistischen Charakter hat.

8 112.
Louis Blanc und Lassalle.

L. Stein, Die industrielle Gesellschaft, der Sozialismus und Kommunismus
Frankreichs von 1789 bis auf unsere Tage. Leipzig 1850,
G&amp;amp;. Brandes, Ferdinand Lassalle. Berlin 1877.
Kleinwächter, Lassalle und Louis Blanc. Zeitschr. £. Staatsw., Bd. XXVII.
H. Oncken, Lassalle. 2. Aufl. Berlin 1912.

Weder die Staatsromane noch die bisher erörterten sozialistischen
Theorien konnten tiefer in die Massen der Bevölkerung eindringen.
Sie blieben ihnen in der Hauptsache unverständlich und zu wenig
assimilierbar, um in höherem Maße ihr Interesse zu erwecken. Um
sie in Bewegung zu setzen, bedurfte es unmittelbarer praktischer Ziele,
welche einen baldigen oder doch absehbaren Vorteil in Aussicht stellten.
Allgemeine Theorien verlieren bald ihren Reiz. Die Julirevolution
wurde durch die Bourgeoisie hervorgerufen, die ihre Errungenschaften
durch das Bourbonentum bedroht sah. Erst unter dem Julikönigtume
begann eine Bewegung entschieden republikanischen Charakters mit
ausgesprochen wirtschaftlichen und zwar sozialistischen Zielen. Durch
einen Genossen Babeufs, Buonarotti, waren 1828 die Anschauungen
Babeufs und seiner Anhänger, der „Egaliteer“, veröffentlicht, und
zwei Männer, Barbes und Blanqui, gründeten eine Gesellschaft
zur gewaltsamen Durchführung dieser Tendenzen und erlangten einen
gewissen Anhang. Als aber die Führer eingekerkert wurden, löste sie
sich auf. Daneben tauchten aber in jener Zeit eine Menge Projekte
auf, um auf friedlichem Wege einen sozialistischen Staat herbeizuführen.
 Es war das Erwachen des vierten Standes, der sich immer
energischer dem dritten Stande yevenüberstellte. Dadurch hatte die

Bewegung in
#rankteich bis
184B.
        <pb n="446" />
        — 428 —

Zuchez.

Rlanr

W_ Lassalle.

Revolution von 1848 in Frankreich einen ganz anderen Charakter als
die von 1789 und 1830. Am 25. Februar 1848 wurde von der provisorischen
 Regierung das Recht auf Arbeit anerkannt und versucht,
dasselbe durch Einrichtung von Nationalwerkstätten, die allerdings
nur ein sehr kurzes Leben hatten, zur Verwirklichung zu bringen.
Die Wiedererrichtung des Kaiserreiches brachte eine erhebliche Stockung
in die Bewegung, aber in der Literatur läßt sich dieselbe weiter verfolgen.
 Hier sind hauptsächlich zwei Namen zu nennen, Buchez
(1796—1865) und Louis Blanc (1813—82), die Beide vor allem den
Assoziationsgedanken der älteren Schule weiter auszuspinnen und zu
verwirklichen trachteten. Buchez-:sah in der Bildung von Produktivassoziationen
 das Mittel, allmählich den sozialistischen Staat durchzuführen.
 Er suchte die Arbeiter zu bewegen, durch eifriges Sparen die
Summen zusammenzubringen, um damit selbständige Unternehmungen
zu gründen. Es ist das Prinzip der Selbsthilfe, für welches 1849
in Deutschland Schulze-Delitzsch eintrat, ohne darum sozialistische
Tendenzen zu verfolgen. Größere Bedeutung als Buchez hat Louis
Blanc gewonnen, sowohl durch seine praktische Tätigkeit als Mitglied
 der provisorischen Regierung im Jahre 1848 und als Vorsitzender
der Kommission für die Organisation der Arbeit, wie durch seine
Schriften, insbesondere die „Organisation du travail“, dann „Histoire
de la Revolution francaise“. Von ihm rührt der Gedanke der „Ateliers
sociaux“ her, deren Realisation auch in Paris versucht wurde. Er vertritt
 das Prinzip der Staatshilfe. Der Staat soll allmählich einen
Produktionszweig nach dem anderen in die Hand nehmen, Bergwerke,
Eisenbahnen, Banken durch Ankauf alter und Gründung neuer verstaatlichen.
 Der daraus erzielte Gewinn soll dazu verwendet werden, gleichfalls
 Produktivassoziationen zu gründen, aber unter staatlicher Aufsicht
 und Leitung, und bei Konzentrierung von Produktionszweigen
zu Zentralbetriebsstätten, über denen wiederum ein oberster Rat zu
fungieren habe. Preise und Löhne werden staatlich bestimmt. So
sucht er auf Grund und mit Hilfe des modernen Staates doch sozialistische
 Ziele zu erreichen. Zunächst bleibt Jedem freie Verfügung über
seinen verdienten Lohn, doch setzt er voraus, daß die Assoziierung
sich allmählich freiwillig auch auf die Bedürfnisbefriedigung erstrecken
wird. Die nächste Aufgabe ist ihm Beseitigung der freien Konkurrenz
und die allmähliche Verstaatlichung der Betriebsmittel.
Ganz ähnliche Bestrebungen finden wir in Deutschland bei
Ferdinand Lassalle (1825 — 64). Bis Anfang der sechziger Jahre
war hier von einer Arbeiterbewegung keine Rede, und auch die Versuche,
 im Jahre 1848 eine sozialistische Bewegung hervorzurufen,
blieben ohne Erfolg. Das „kommunistische Manifest“, welches 1847
von Marx und Engels aufgestellt wurde, auf welches wir noch
zurückzukommen haben werden, wurde zwar viel gelesen, vermochte
aber keinen nachhaltigen Einfluß auszuüben. Wirkliches Leben
brachte in die Arbeitermassen erst Lassalle durch die Gründung
des „allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ in’Leipzig 1863. Wir
müssen ihm deshalb hier unsere Aufmerksamkeit schenken. Seine
Schriften sind. „System der erworbenen Rechte; eine Versöhnung des
positiven Rechts und der Rechtsphilosophie“. Leipzig 1861 und 1880,
das einzige hergehörige Werk von ihm, das auf Wissenschaftlichkeit
Anspruch erheben kann. „Offenes Antwortschreiben an das Zentralkomitee
 zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins
        <pb n="447" />
        429

zu Leipzig“. Zürich 1863. „Herr Bastiat Schulze von Delitzsch, der
ökonomische Julian oder Kapital und Arbeit“. Berlin 1864. Eine
Gesamtausgabe seiner Schriften ist, von Eduard Bernstein
herausgegeben, in Berlin 1891 erschienen.
Lassalle war ohne Zweifel einer der begabtesten Männer seiner
Zeit und er konnte von sich sagen, daß er ausgerüstet sei mit der
ganzen Bildung seines Jahrhunderts“, Bewunderungswürdig war seine
schlagende Dialektik, wodurch er sich hervorragend zu einem Agitator
eignete. Zugleich war er von einem leidenschaftlichen Ehrgeiz beseelt,
der ihn zu einem jeden Mittel greifen ließ, um seine Zwecke zu erreichen,
 da er Gewissensskrupel nicht kannte. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß er Vieles gesprochen und gelehrt hat, woran er selbst
nicht glaubte. In wirtschaftlichen Fragen bewies er keine Originalität,
er stützte sich in seinen theoretischen Ausführungen auf Ricardo,
dann auf die noch zu besprechenden Männer Rodbertus und Marx,
in seinen praktischen Vorschlägen auf Louis Blanc. Wie dieser,
wollte er von dem modernen Staate ausgehen, und zwar trachtete er
sich auf den Hohenzollernstaat zu stützen. Wenn es nicht gelang,
die Herrscher zur Uebernahme der Leitung der Arbeiterbewegung
zu bewegen, so sollte es geschehen vermittels des allgemeinen direkten
Wahlrechts durch die Arbeiter selbst, die allmählich die Majorität
in der Volksvertretung erlangen müßten. Da sie, wie er wieder und
wieder den Arbeitern vorrechnete, 95%, der Bevölkerung ausmachten,
so könnte ihrem geschlossenen Willen nicht entgegengetreten werden;
es käme nur darauf an, die Bevölkerung über ihre Macht aufzuklären
und ihr die Wege zu weisen, die sie zu gehen habe, um sich eine
bessere Existenz zu schaffen.
Von jeher haben, nach Lassalle, einzelne Klassen geherrscht
und sich auf Kosten der übrigen bereichert: so der Adel in dem
Mittelalter; nach der französischen Revolution die Bourgeoisie, für
welche die Arbeiter nicht nur die Kapitalien zusammenbringen, sondern
dann auch in den indirekten Steuern die Staatslasten tragen mußten.
In dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sei nun nach „Ricardos
ehernem Lohngesetz“ für den Arbeiter keine Möglichkeit, sich in eine
bessere Lebenslage emporzuarbeiten. Hierzu gebe es nur den einen
Weg der allgemeinen Gründung von Produktivassoziationen, die der
Arbeiter aber nicht allein in Angriff nehmen könne, weil ihm die
Kapitalien und der Kredit fehlten. Der Staat habe mit seinen Mitteln
einzutreten und dem Arbeiter die Kapitalien vorzuschießen. Sei der
Arbeiter so erst in den Sattel gehoben, so werde er schon selbst reiten
können und, durch das eigene Interesse getrieben, so viel mehr leisten,
als die Privatunternehmungen, daß sie die Konkurrenz nicht ertragen
könnten und gleichfalls in Produktivassoziationen verwandelt werden
würden. Die Gefahr, daß Unternehmungen zugrunde gingen, wäre
gering, wenn alle Unternehmungen einer Branche miteinander in
Verbindung träten und gemeinsam operierten, so daß nicht mehr im
Konkurrenzkampf das stärkere Unternehmen das schwächere zugrunde
richtete. Wie ein Schiff auf zwei Wellen erhaben über die Schwankungen
 der einzelnen sei, so werde durch. die Verbindung der verschiedenen
 Unternehmungen auch das Risiko beseitigt. Die Konkurrenz
 des Auslandes ignorierte er einfach.
Diese letztere Lehre haben nicht einmal seine Nachfolger akzeptiert,
 und das eherne Lohngesetz, welches lange Zeit ein Hauptagita-Ehernes


ohnzesetz.

Produktiv-SSsNZiationen
        <pb n="448" />
        120

tlonsmittel war, ist von Liebknecht auf dem sozialdemokratischen
Kongreß in Erfurt ausdrücklich als unhaltbar anerkannt.

8 113.
Der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus.
Rodbertus-Jagetzow.
Kozak, Rodbertus-Jagetzows sozialökonomische Ansichten. Jena 1882.
LERG BE, Karl Rodbertus, Darstellung seines Lebens und seiner Lehre. Jena
8

„eben und
Rchriften.

Sehr allgemein wird von den nun zu besprechenden Männern eine
neue Phase der Entwicklung des Sozialismus datiert in der Annahme,
daß es sich bei ihnen zuerst um eine systematische, wissenschaftliche
Begründung sozialistischer Anschauungen handle, die sich den übrigen
nationalökonomischen Systemen angemessen zur Seite stellen könne.
Indessen scheint uns dies auf einer Unterschätzung der Vorläufer,
z. B. Fichtes, zu beruhen, andererseits auf einer Ueberschätzung
der Vertreter der neueren Richtung. Auch einem Fichte wird
Wissenschaftlichkeit nicht abzusprechen sein, während man in der
neueren Zeit zum Glück doch immer mehr an der Wissenschaftlichkeit
 von Rodbertus und namentlich Marx zu zweifeln und Unwissenschaftlichkeit
 in ihren Ausführungen zu erkennen beginnt.
Karl Johann Rodbertus wurde 1805 in Greifswald als Sohn
eines juristischen Professors geboren, studierte selbst Jura und
widmete sich eine Zeitlang dem Staatsdienste, ging dann auf Reisen
und wirtschaftete seit 1836 bis zu seinem Tode 6. Dez. 1875 auf
dem Pommerschen Gute Jagetzow. Das Vertrauen seiner Mitbürger
 berief ihn in verschiedene Standes- und Provinzialämter, in
denen er Gelegenheit fand, seine Kenntnisse des praktischen Lebens
zu erweitern, so namentlich in seiner Stellung als Generallandschaftsrat
 des Pommerschen landwirtschaftlichen Kreditinstituts. Ebenso
wurde er Mitglied des zweiten vereinigten Landtages und dann der
ersten Kammer. Im Jahre 1849 schied er aber gänzlich aus dem
politischen Leben aus und widmete sich bis zu seinem 1875 erfolgten
Tode mit Eifer der schriftstellerischen "Tätigkeit. Unter seinen
Schriften nehmen die erste Stelle ein: „Soziale Briefe an von Kirchmann“,
 die zuerst in Berlin 1850 und 1851 erschienen, in denen er
seine sozialistischen Grundanschauungen niederlegte. Sein umfangreichstes
 Werk ist; „Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot
 des Grundbesitzes“, Jena 1868/69, worin er seine berühmt gewordene
 Grundrententheorie aufstellte und ausführlich begründete,
Wiederum nach ganz anderer Richtung gelegen sind seine in den
Jahrbüchern für Nationalökonomie in den Jahrgängen 1864, 1865,
1867, 1870 und 1878 publizierten Untersuchungen über die agrarische
Entwicklung Roms, den Sachwert des Geldes im Altertum und die
Natur der Mediastini, welche seinerzeit auch in philologischen Kreisen
in hohem Maße Beachtung gefunden haben. Wir gehen auf diese
letzteren beiden schriftstellerischen Leistungen hier nicht ein. Seine
Aufstellungen sind neuerdings in erheblichen Punkten modifiziert
worden. Die Rodbertusschen Anschauungen über den landwirtschaftlichen
 Kredit haben wir in dem zweiten Teile des Grundrisses 8 21
näher beleuchtet. Uns interessieren hier nur seine soziologischen
        <pb n="449" />
        - 431

Anschauungen. Es ist dann noch die kleine Broschüre über den
„Normalarbeitstag“, die zuerst in der Berliner Revue, dann in Berlin
1871 erschienen ist, zu erwähnen.
Rodbertus war ein außerordentlich kenntnisreicher und überaus
scharfer Kopf mit selbständigen Ideen, aber kein systematisch
arbeitender Gelehrter. Sein ganzes Material war, wie sich in seinem
Nachlaß zeigte, aus kleinen abgerissenen Stücken, gelegentlichen Exzerpten
 und Notizen zusammengesetzt, die er selbst kaum genügend
zu ordnen vermochte. So ist auch seine Schreibweise eine aphoristische,
 die des nötigen Zusammenhangs und der gründlichen Ausführung
 entbehrt. Es ist deshalb ein Verdienst Teophil Kozaks,
lange Zeit Professor in Basel, mit großer Mühe und Sorgfalt seine Anschauungen
 aus den verschiedenen Schriften herausgezogen und systematisch
 zusammengestellt zu haben. Erst dadurch sind weitere
Kreise mit ihm bekannt geworden, denen bisher die schwer assimilierbare,
 trockene Kost des Originals ungenießbar war. Die
hauptsächlichsten sozialistischen Agitatoren seiner Zeit, wie Lassalle
und Marx, haben unzweifelhaft einen Teil ihrer Weisheit aus ihm
yeschöpft.
Rodbertus geht von der Adam Smith-Ricardoschen Grundlehre
 aus, und das Fundament seines „neuen nationalökonomischen
Systems“ ist der Satz: „daß alle Güter wirtschaftlich nur als Produkt
der Arbeit anzusehen seien und nichts als Arbeit kosten“, da man
es mit wirtschaftlichen, nicht mit freien oder natürlichen Gütern in
der Wissenschaft zu tun hat. Die wirtschaftlichen Güter sind aber
nicht nur das Produkt unmittelbar darauf verwendeter Arbeit,
sondern auch der Arbeit, mit welcher erst das Werkzeug hergestellt
ist, womit die Güter produziert wurden. Wenn aber der Wert der
Güter allein durch die darauf verwendete Arbeit bedingt ist, so ist
die Zeit dieser Arbeit der beste Maßstab des Wertes. Nicht eine
jede Aufwendung kommt aber hierbei in Betracht, sondern nur diejenige,
 welche wirkliche Kosten verursacht; das heißt, es muß von
einer Persönlichkeit ein Aufwand gemacht sein, welcher für sie unwiederbringlich
 verloren ist, so daß sie dafür eine Entschädigung
beanspruchen kann und muß. Dieses trifft aber nur bei der materiellen
 Arbeit, der eigentlichen Handarbeit zu, die nur in be-Schränktem
 Umfange gegeben werden kann, die für den Leistenden
ein Opfer in sich schließt und für ihn gänzlich verloren ist. Was
die Natur bietet, ist unzerstörbar, kann deshalb nicht verbraucht
werden, sondern wirkt unendlich weiter (freilich in sehr verschiedener
Form); ebenso sind die Ideen unzerstörbar, wirken fort und gelangen
zu immer weiterer Verwendung. In beiden Fällen kann von Kosten
und Aufwendung nicht die Rede sein. Rodbertus kommt deshalb
zu dem Ergebnis, daß nur physische Arbeit Werte erzeuge, und auch
er geht von der Annahme aus, daß Eigentum nur auf Arbeit gestützt,
nur durch dieselbe erworben werden kann.
Rodbertus erkennt nun wohl, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen
 alle diese Voraussetzungen nicht zutreffen. Er gibt deshalb
 nicht eine Erklärung unserer wirtschaftlichen Zustände in dem
Gesagten, sondern er stellt darin eine Forderung auf. Daß nun
gegenwärtig der Wert der Dinge nicht nach der aufgewendeten
physischen Arbeit gemessen wird, dafür findet er zwei Ursachen:
1. die wirtschaftliche, daß die Arbeiter mehr produzieren, als sie zum

Grundınschauungen.
        <pb n="450" />
        4392 —

zesetz der
fallenden
Lohnannate.

Leben gebrauchen, also einen fortdauernden Ueberschuß bei ihrer
Tätigkeit erzielen. Es tritt 2. der rechtliche Grund hinzu: das
Privateigentum an Grund und Boden und Kapital, so daß die Besitzer
 der Produktionsmittel sich von denen, welche sie benutzen
wollen, eine Rente auszahlen lassen können, ohne daß sie selbst
arbeiten. Der Arbeiter erhält nach der Ausbildung der Arbeitsteilung
 wie der Stände nicht den ganzen Ertrag seiner Arbeit,
sondern muß an Grundbesitzer und Kapitalisten einen erheblichen
Teil abgeben. Ja, Rodbertus sucht nachzuweisen, daß „ein Gesetz
 der fallenden Lohnquote“ existiert, nach welchem bei steigender
Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit dem Arbeiter nur ein
ziemlich gleichbleibendes Quantum zufällt, und damit ein immer geringerer
 Prozentsatz des Gesamtertrages, während Grundbesitzer und
Kapitalisten einen wachsenden Teil erhalten, was nach ihm ebenso
angerecht, wie kulturfeindlich ist. Ueberall zeige es sich in der Geschichte,
 im Altertum wie in der neueren Zeit, daß ein immer
kleinerer Prozentsatz der Bevölkerung einen immer größeren Teil des
Nationalertrages für sich in Anspruch nimmt, und dieses ergibt sich
mit zwingender Gewalt aus dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit,
der nicht als natürlich, sondern als unnatürlich zu bezeichnen ist.
Nur in der Natur tragen die Dinge und Verhältnisse ihr vernünftiges
Gesetz in sich, „in der Gesellschaft verlangen sie es vom Menschen
zu erhalten“. „Der Begriff natürlicher und gesellschaftlicher Gesetze
ist ein Widerspruch, ihre Herrschaft eine Unvernunft, die deshalb
auch nicht, wie Bastiat meint, harmonische Erfolge in den Sphären
Jes Rechtes und der Volkswirtschaft hervorbringen kann, sondern
dieselben umgekehrt dergestalt verwirren kann, daß die meisten und
wichtigsten in der Gesellschaft geleisteten Dienste zu gar keiner gerechten
 Vergeltung mehr gelangen und also die Grundsätze des
Eigentums und der wirtschaftlichen Wohlfahrt fortwährend und auf
das gröblichste verletzt werden.“
Die hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten unserer Zeit, die sich
neuerdings in schärfster Weise gezeigt haben, liegen als Folge „der
fallenden Lohnquote“ im Pauperismus und in den Handelskrisen.
Während der Nationalreichtum fortdauernd steigt, verarmen die
arbeitenden Klassen, also diejenigen, die durch die mechanische Arbeit
allein den Wohlstand erzeugen, indem sie ausschließlich ihren Unterhalt
 beziehen. So kommt Rodbertus auf Grund seines Gesetzes
der „fallenden Lohnquote“ zu demselben Ergebnis, wie Lassalle auf
Grund seines „ehernen Lohngesetzes“. Der Pauperismus der großen
Masse der Bevölkerung ist nun wiederum die Ursache der Handelsxrisen,
 welche in periodischer Wiederkehr die entsetzlichste Not in der
Arbeiterbevölkerung herbeiführen. Es zeigt sich der Widersinn der
gesellschaftlichen Organisation in der Gegenwart, daß Elend herbeigeführt
 wird durch Ueberfluß. Die gesteigerte Produktionskraft liefert
mehr Güter, als von der Arbeiterklasse, die fünf Sechstel der (Jesamtheit
 ausmacht, gekauft werden können. Das Bedürfnis nach den
Gegenständen ist vorhanden, die Bevölkerung leidet unter dem Mangel
an Befriedigungsmitteln, während die Unternehmer an dem Mangel
an Absatz leiden. Stiege die Kaufkraft der Arbeiter in dem gleichen
Maße, wie ihre Produktivität, so wäre beiden geholfen. Weil aber der
Arbeiter einen zu geringen Anteil an dem von ihm produzierten
Werte erhält, bleibt seine Kaufkraft zu gering, während das
        <pb n="451" />
        — 433 —

wachsende Einkommen der Unternehmer und Kapitalisten ihre Produktivkraft
 im Uebermaße steigen läßt.
Eine völlige Besserung und Gesundung der Verhältnisse erwartet
 Rodbertus erst durch die Beseitigung des Privateigentums
an Grund und Boden und Kapital, welches die eigentliche Ursache
aller Mißstände sei. Aber er erkennt an, daß dieses in absehbarer
Zeit nicht zu erreichen ist, vielleicht erst nach einem halben Jahrtausend.
 Deshalb muß in der Gegenwart versucht werden, Reformen
herbeizuführen, und diese erwartet er allein von dem Staat und erhofft
 sie auch von der modernen Monarchie. Alle seine Vorschläge
zielen darauf hin, die Lage der arbeitenden Klassen zu heben, ihnen
einen höheren Anteil an dem Nationalertrage und dem Fortschritt
der Zeit zu gewähren. Aehnlich wie Thünen sucht er den Anteil
des Arbeiters an der Produktion und damit den ihm gebührenden
Prozentsatz an dem Werte der erzielten Waren zu berechnen und
stellt deshalb einen „Normalarbeitstag“ auf, der als allgemeiner
Maßstab für die Bestimmung der Leistungen eingeführt werden
könne. Je nach der Art des Betriebes soll für jedes Gewerbe ein
normaler Zeitarbeitstag von 6, 8 oder 12 Stunden festgesetzt werden
und außerdem das „normale Arbeitswerk“, welches in dieser Zeit
durchschnittlich hergestellt werden kann und hergestellt werden
muß, Von dem Staate soll dann der Lohnsatz für den normalen
Werkarbeitstag festgesetzt und dies periodisch wiederholt werden.
Der Architekt Peters hat daraufhin „Hilfstafeln zu Preisberechnungen
 für Zimmerarbeiten, auf Grundlage der durchschnittlichen
Leistungen der Arbeiter“ aufgestellt, um die Durchführung zu erleichtern.
 Tatsächlich aber hat der Versuch praktische Bedeutung
nicht erlangt.
Rodbertus unterschied sich wesentlich von seinen Vorgängern.
Er hatte gründliche, gelehrte Forschungen angestellt und war ein
Ldealist im besten Sinne des Wortes. Sein Ziel war nicht Verallgemeinerung
 des materiellen Genusses, um den es sich in der Hauptsache
 bei den älteren Sozialisten handelt, sondern die Hebung der
Kultur. Er war nicht beseelt, wie sein unmittelbarer Nachfolger
Marx, in erster Linie von unversöhnlichem Hasse gegen die herrschende
 Klasse, sondern von tiefem Mitleid mit der Arbeiterwelt.
Er verlor über seinem schließlichen Ideal die Wirklichkeit nicht
aus dem Auge und vergaß über Zukunftsplänen nicht die Gegenwart.
 Er zeigte ein Verständnis für den modernen Staat und seine
Aufgaben. Auf seine Einseitigkeiten werden wir noch zurückzukommen
 haben.

Forderungen
‘är die Zukunft

8 114.

Karl Marx.

&amp;amp;. Adler, Die Grundlagen qq iti d «
wirtschaft. Tübingen 1887. g er Karl Marxschen Kritik der bestehenden Volks
erner Sombart, Zur Kritik des 85 i Karl Marx, A
-- Ges, B 4. VI. ı Zar es ökonomischen Systems von Karl Marx. Arch,
Karl Diehl, Ueber das Verhältnis is im ökonomischen Syst
von Karl Mein ’ Jena, 1808. 1s von Wert und Preis im ökonomis ystem
Ders., Ueber Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus. Jena 1906.
v. Böhm-Bawerk, Zum ÄAbschlusse des Marxschen Systems. In der Festgabe
‘. K. Knies, 1896.
Conrad, Grundriß der polit. Oskonomie. I. Teil. 8. Aufl.
        <pb n="452" />
        434

Ed, Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
Sozialdemokratie. Stuttgart 1899,
KRud. Stammler, Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung.
 3. Aufl. Leipzig 1912.
- TE Hm Die Krisis der Sozialdemokratie. Jahrb. f. Nat.-Oek. 1899,
Hammacher, Das philosophisch-ökonomische System des Marxismus. Leipzig 1909
J. Spargo, Karl Marx’ Leben und Werke, Leipzig 1912.
nr Karl Marx wurde 1818 zu Trier als Sohn eines jüdischen
= Advokaten geboren. Er studierte in Bonn und Berlin Jurisprudenz
und Philosophie und promovierte 1841. Er beabsichtigte anfangs
sich in Bonn zu habilitieren, gab es aber auf, weil er schon damals
eine radikale Richtung eingeschlagen hatte, die mit dieser Stellung
unvereinbar war. Er widmete sich darauf der journalistischen Tätigkeit
 und redigierte eine Zeitlang die „Rheinische Zeitung“, aber so
oppositionell, daß dieselbe bald unterdrückt wurde; 1843 ging er
nach Paris, 1845 nach Brüssel. Schon in Paris befreundete er sich
mit Friedrich Engels, mit dem er dann fortan beständig zusammen
gearbeitet hat, und der nach seinem Tode sein Kommentator geworden
ist. Auch aus Belgien ausgewiesen, ging er zunächst wieder nach
Frankreich und siedelte 1849 nach-London über, wo er bis zu seinem
Lebensende 1883 geblieben ist. Sein Hauptwerk ist unter dem
Titel „Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie“ in drei Bänden
in Hamburg erschienen. Der erste Band erschien 1867, der zweite
and dritte sind aus dem Nachlaß 1894 von Engels herausgegeben.
Außerdem nennen wir „Misere de la philosophie, reponse &amp;amp; la philosophie
 de la misere de M. Proudhon“. Brüssel und Paris 1847, deutsch
2, Auflage Stuttgart 1892.
Marx ist unzweifelhaft durch Begabung, Energie und Dauer der
Wirksamkeit die bedeutendste Persönlichkeit der sozialistischen
Literatur, welche den nachhaltigsten und durchgreifendsten Einfluß
auf die Ideen und die Bewegung der Arbeiterklasse ausgeübt hat.
Die scharfe Denkkraft, mit der er sein System logisch durchgeführt
hat, muß einem Jeden imponieren, hingegen die Gehässigkeit, mit
der er alle Zeitverhältnisse begeifert, die Einseitigkeit, mit der er
die Schattenseiten ausschließlich hervorhebt und durch gewaltige,
Sskrupellose Uebertreibungen zugunsten seiner Auffassung verschiebt,
um nicht zu sagen karrikiert, die Willkür, mit der er Behauptungen
aufstellt, ohne sie zu begründen, aber durch die Sicherheit des Auftretens
 dem Leser zu suggerieren weiß, machten ihn zu dem gefährlichsten
 Agitator seiner Zeit, der namentlich in Deutschland in der
wissenschaftlichen Diskussion eine weit größere Rolle gespielt hat.
als er es verdient.
Sein Hauptverdienst liegt, wie in der ganzen sozialistischen Literatur,
 in dem scharfen Hinweis auf die Schäden der Zeit und in der
Kritik der nationalökonomischen Lehren. Als dauernde Errungenschaft
 für die Nationalökonomie wird schließlich von ihm wenig übrig
bleiben, und man wird ihn mehr und mehr hinter Rodbertus zurückstellen.
 In dem sozialistischen Lager selbst hat man bereits begonnen,
ihm mit Kritik entgegenzutreten und erhebliche Stücke seiner Lehre
abzubröckeln. Die erste philosophische Schulung gewann er durch
Hegel, dessen Einfluß er niemals ganz zu verleugnen vermocht hat.
Die Männer, die ihn in die sozialistische Richtung leiteten, waren
Feuerbach und Proudhon, von denen er sich allerdings im
        <pb n="453" />
        435

Laufe der Zeit mehr und mehr abwandte; dem letzteren, trat er
später sogar heftig entgegen. Die Studien im praktischen Leben hat
er hauptsächlich auf englischem Boden gemacht, und die Darstellung
des Arbeiterelends, welches der Großbetrieb und die Ausbildung des
Maschinenwesens in den ersten vier Dezennien des 19. Jahrhunderts auf
englischem Boden hervorgerufen, hat trotz ihrer Uebertreibungen einen
historischen Wert.
Um Marx richtig zu verstehen, ist es notwendig, von dem „Kommunistischen
 Manifest“ auszugehen, welches er 1847 mit Engels zusammen
 ausarbeitete, um dem Bund der Kommunisten, der sich damals
in Paris gebildet hatte, ein bestimmtes Programm zu geben. Als Ziel
wird darin aufgestellt, dem organisierten Proletariate die Staatsgewalt
zu überantworten, in den Händen des Staates alle Produktionsmittel
zu konzentrieren und die Produktionsverhältnisse zu organisieren.
Als Uebergangsmaßregeln zur Herbeiführung der neuen Wirtschaftsordnung
 (Grünberg, W. d. V. Art. Sozialdemokratie) durch die Diktatur
 des Proletariates werden folgende „despotische Eingriffe in das
Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse“
empfohlen: „Eixpropriation des Grundeigentums und Verwendung der
Grundrente zu Staatsausgaben; starke Progressivsteuer; Abschaffung
des Erbrechts; Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und
Rebellen; Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates
durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem
Monopol; Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staates;
Vermehrung der Nationalfabriken jund Produktionsinstrumente; Urbarmachung
 und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen
 Plane; gleicher Arbeitszwang für Alle; Errichtung
industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau; Vereinigung des
Betriebes von Ackerbau und Industrie; Einwirkung auf die allmähliche
Beseitigung des Unterschiedes von Stadt und Land; öffentliche und
unentgeltliche Erziehung aller Kinder; Beseitigung der Fabrikarbeit
der Kinder in ihrer heutigen Form; Vereinigung der Erziehung mit
der materiellen Produktion usw.“
Zeigt sich hierin noch ein rücksichtsloser, revolutionärer Geist, der
vor keiner Gewaltmaßregel zurückschreckt, so hat sich Marx hiervon
später allmählich mehr und mehr abgewandt.. Hielt er sie auch für
unerläßlich, um, wie er sich ausdrückte, die Geburtswehen zu beschleunigen,
 so legte er ihr doch später keine große Bedeutung
mehr bei, indem er sich zu dem grundlegenden Systeme hindurcharbeitete,
 welches als die „materialistische Geschichtsauffassung“
bekannt ist. Alle Aeußerungen des menschlichen Lebens werden
hiernach bedingt durch die wirtschaftlichen Grundlagen und. die
Organisation der wirtschaftlichen Zustände. Die Produktionsweise
der materiellen Lebensbedingungen bestimmt den sozialen, politischen
und geistigen Lebensprozeß überhaupt, und „die jedesmalige ökonomische
Struktur der Gesellschaft (bildet) die reale Grundlage, aus der
der gesamte Ueberbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen,
sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise
eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu
erklären ist.“ Die ökonomische Grundlage aber ist beständiger Veränderung
 unterworfen, die sich nicht willkürlich vollziehen läßt,
sondern mit zwingender Gewalt ‚und zwar, nachdem die erste
Entwicklungsplase überschritten ist, durch die Ausbildung eines
DR*

Kommuaistisches

Manitest.

Matexrialistische
 Geschichtsauf

Fassune.
        <pb n="454" />
        „ 436

Industrielle
TeEservVeAarmMeEE.

Gegensatzes zwischen‘ beherrschten und herrschenden Klassen zum
Durchbruch kommt, der zu einem intensiven Klassenkampfe führt,
als Grundlage für eine allmähliche höhere Entwicklung.
Die Aufgabe, die er sich hauptsächlich gestellt hatte, ist nun, die
Entwicklungsgesetze zu finden, nach denen die Geschichte sich bisher
vollzogen hat, und die Anhalte, welche sich zur Beurteilung der
Weiterentwicklung bieten, wenn er selbst sich auch mit der Zukunft
verhältnismäßig wenig beschäftigt. Er stellt es aber als möglich hin,
laß, wie in der Urzeit ein Klassenkampf nicht vorhanden gewesen
ist, er auf der höchsten Stufe wieder beseitigt werden kann. Und
einer solchen Epoche dränge unsere Zeit entgegen, die zu unhaltbaren
Zuständen geführt habe. Die Klassengegensätze seien durch die
Ausbildung des Privateigentums herbeigeführt, welches die Menschheit
in Besitzende und Besitzlose scheide, wobei die letzteren durch die
ersteren ausgebeutet würden. In dem Mittelalter sei allerdings bei
allgemeinem Kleinbetriebe sowohl der Bauern wie der Handwerker die
Ausbeutung noch eine geringe gewesen, da der Besitz unbedeutend,
lie Produktion hauptsächlich auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse
 gerichtet war; erst als unter Ausbildung der Arbeitsteilung die
Produktion mehr kapitalistischen Charakter annahm, änderte sich
lieses. Durch. die mannigfaltigen Erfindungen werden immer mehr
Maschinen zu Hilfe gezogen, welche die Arbeiter teils verdrängen,
teils in eine gedrücktere Lage herabsetzen, indem sie in einzelnen
großen Unternehmungen zusammengedrängt und von einzelnen Unteraehmern
 abhängig werden. An die Stelle der selbständigen Handwerker
 treten die Maschinenarbeiter. „Wenn die Einführung und
Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von Millionen von Handarbeitern
 durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet Verbesserung
 der Maschinerie Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern
 selbst, und in letzter Instanz Erzeugung einer das durchschnittliche
 Beschäftigungsbedürfnis des Kapitals überschreitenden
Anzahl disponibler Lohuarbeiter, einer vollständigen industriellen
Reservearmee.“
Gestalten sich die Verhältnisse auch günstiger, mehrt sich die
Nachfrage nach Arbeitskräften, so kommt dieses der Gesamtheit der
Arbeiter nicht zugute, weil die Reservearmee ihre Kräfte zur Verfügung
stellt und dadurch die Löhne so niedrig erhält, als sie zur Fristung
des Lebens notwendig sind. Auf der anderen Seite ermöglicht es
der Großbetrieb mit Maschinen, fortdauernd die Produktion über den
Bedarf hinaus zu forcieren, und da der einzelne Unternehmer arbeitet,
ohne die Gesamtproduktion und den Gesamtbedarf zu übersehen, eine
jede Organisation fehlt, und nur ein wüster Konkurrenzkampf herrscht,
in dem Jeder durch möglichst billige und massenhafte Produktion
Gewinn zu erzielen trachtet, so kehren fortdauernd Absatzstockungen,
wirtschaftliche Krisen wieder, welche periodisch das Elend der Arbeiter
noch erheblich vergrößern. Hierfür ist nicht der Einzelne verantwortlich
 zu machen, auch nicht der Staat, es vollzieht sich dieses
mit Notwendigkeit, solange die gegenwärtige freie Konkurrenz und
der Kapitalismus herrschen. Bei Betrachtung der Lage der Arbeiterklasse
 stützt er sich auf die Ergebnisse der parlamentarischen Enquete
 Anfang der dreißiger Jahre in England, die allerdings sehr
traurige, aber auch exzeptionelle Verhältnisse darstellen, wie sie schon
in den siebziger Jahren dort nicht mehr zu finden waren.
        <pb n="455" />
        4537

Der zweite Weg, auf dem Marx die Unnatur der gegenwärtigen
Verhältnisse nachzuweisen sucht, ist die Untersuchung über die Wertbestimmung
 und Lohnregulierung. Wie Rodbertus, so geht auch
er davon aus, daß der Wert aller Güter durch die zu ihrer Herstellung
 erforderliche Quantität an gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit
 bestimmt werde. 10 Ellen Tuch, die 10 Stunden gesellschaftlich
notwendiger Arbeit zur Herstellung erforderten, d. h. für welche soviel
 Zeit bei der durchschnittlichen Arbeitsmethode von mittelmäßigen
 Arbeitern gebraucht wurde, sind ‚ebensoviel wert, wie : vielleicht
 15 Zentner Roggen, welche einen ebensolchen Arbeitsaufwand
durchschnittlich verursachen; mit anderen Worten, der Aufwand von
menschlicher Arbeitskraft, um die Dinge herzustellen, ist das gemeinsame
 Dritte, mit welchem alle Güter auf ihren Wert verglichen
werden können. Er geht aber noch weiter. und sagt: Ein Gut erlangt
 überhaupt erst dadurch einen Wert, daß menschliche Arbeit in
ihm vergegenständlicht ist. Er unterscheidet sich aber hier von
Rodbertus dadurch, daß er die geistige Arbeit für ebenso werterzeugend
 ansieht, wie die rein physische. Auch die Tätigkeit des
Unternehmers kommt nach ihm hier in Betracht; sie ist bei der Berechnung
 der Produktionskosten in Anrechnung zu bringen, aber
allerdings nur in der gleichen Weise wie die geistige Arbeit irgendeines
 der Beamten und Gehilfen. Wenn so der Arbeiter in der
Hauptsache den ganzen Wert der Waren erzeugt, so ist die Konsequenz
 unvermeidlich, daß er auch den Anspruch auf die von ihm
erzeugte Ware oder auf den ganzen Wert derselben hat. Hierin
liegt nun nach Marx das Unrecht in der Volkswirtschaft, daß der
Arbeiter im Gegenteil faktisch stets nur einen kleinen Teil des von
ihm ‚erzeugten Wertes erhält, vielmehr nur den nach dem Verhältnis
von Angebot und Nachfrage bestimmten Lohn, der nur dem Tauschwert
 der Arbeit entspricht, nicht dem durch sie geschaffenen Gebrauchswert.
 Ohne Kapital vermag er seine Arbeitskraft nicht zu
verwerten, er muß sie deshalb an den Unternehmer verkaufen, der
jas Kapital besitzt. Dieser ist nun bei dem übermäßigen Angebot
von Arbeitskräften in der Lage, ihm dafür nur so viel zu bieten,
daß er gerade sein und seiner Familie Leben zu fristen vermag.
Dazu sind vielleicht 5 oder 6 Stunden ausreichend, während der
Arbeiter gezwungen wird, 10 oder 12 Stunden zu arbeiten, und das
Produkt der weiteren 5- oder 6stündigen Arbeitszeit in die Taschen
des Unternehmers fließt. Das ist der Mehrwert, den der Arbeiter
über den Lohn erzeugt, und daraus ergibt sich die Profitrate, welche
der Unternehmer von dem Arbeiter erhält. Der Unternehmer hat
natürlich kein anderes Interesse, als diesen ihm zufallenden Mehrwert
zu vergrößern, und dies geschieht einmal durch Herabdrücken des
Lohnes, dann durch eine wachsende Verwendung von Kapital. Bei
üem Kapital unterscheidet Marx zwischen „konstantem“ und „variablem“
 Kapital. Das erstere besteht in den Produktionsmitteln,
welche bei dem Produktionsprozesse unverändert in dem Werte der
Ware wieder erscheinen. Das variable Kapital ist dagegen dasjenige,
welches zur Bezahlung der verwendeten Arbeitskräfte gebraucht
wird. Dieses letztere ist es, durch welches nach Marx allein Mehrwert
 erzeugt wird, und welches der Unternehmer deshalb ebenso wie
die Zahl der Arbeiter zu vermehren bestrebt sein wird. Eben deshalb
 liegt immer allgemeiner das Streben vor, die Unternehmungen

WertjestimmunNg.


Iygfitrate.
        <pb n="456" />
        138

Aunehmende
Tevelardune.

vitik.

zu vergrößern, eine wachsende Zahl von Arbeitern von einem Unternehmer
 abhängig zu‘ machen, während. dabei zugleich die Macht des
letzteren. steigt und er sie verwendet, um die Arbeitszeit zu ver
längern, sowie‘ die Löhne so niedrig als möglich zu halten. Auf
liese Weise ist in der neueren Zeit der Klassengegensatz immer
mehr gewachsen und muß mit Naturnotwendigkeit auch weiter
wachsen. Die Zahl der Proletarier und die „Verelendung“ derselben
wird gesteigert, die Zahl der Besitzenden dagegen vermindert sich,
und sie vereinigen sich in Aktiengesellschaften, um dadurch den Betrieb
 noch weiter zu vergrößern und zu konzentrieren. Dies führt
aber nach Marx mit Naturnotwendigkeit zu einer Katastrophe. Die
übermäßig gedrückten Volksmassen, welche die gleichen Interessen
haben und den Zustand nicht mehr ertragen können, schließen sich
zusammen, reißen die Macht an sich und nehmen die Zügel der
Staatsgewalt wie der Produktion selbst in die Hand, indem sie sich
der Produktionsmittel bemächtigen. Gerade die Konzentrierung der
Unternehmungen erleichtert es, dieselben in die Hand des Staates überzuführen,
 um damit den Nutzen aller Arbeit der Gesamtheit in gerechter
Weise zugänglich zu machen. Damit ist dann die letzte Entwicklungsphase‘
 angebrochen, welche wieder die allgemeine Harmonie herstellt.
‚Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die Marxsche und
die sozialistische Lehre überhaupt einer eingehenden Kritik und
Widerlegung zu unterziehen, das ist schließlich die Aufgabe dieses
ganzen Bandes. Nur mit ein paar Worten wollen wir darauf eingehen,
Die materialistische Geschichtsauffassung ist durch das geistvolle
 Werk von Stammler „Wirtschaft und Recht“ als endgültig
beseitigt anzusehen. Die Lehre von der zunehmenden Verelendung
der unteren. Klassen, die sich mit Naturnotwendigkeit in dem Zustande
 wirtschaftlicher Freiheit und auf Grund des Privateigentums
vollziehen soll, hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entschieden
 keine‘ Bestätigung gefunden, sondern das Gegenteil ist eingetreten.
 Die Lage der arbeitenden Klassen hat sich unendlich verbessert.
 Auf Grund der Beobachtung englischer Zustände, wie sie
namentlich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts vorgelegen
haben, ist hier von Marx und Engels wiederum einseitig generalisiert
 und als unbedingt mit freier Konkurrenz und Kapitalismus
verbunden angesehen, was einem Lande unter bestimmten Verhältnissen
 eigentümlich war, und auch da nicht in dem Maße, wie Marx
es darstellt. Die letzten Dezennien haben das Entgegengesetzte so
klar bewiesen, daß selbst innerhalb der sozialistischen Schule
Eduard Bernstein, Dr. Schönlank, Calwer) dies nicht mehr
verkannt und ignoriert werden konnte. Daß in der Landwirtschaft
im Gegensatz zur Industrie der Großbetrieb in der neueren Zeit mit
dem Kleinbetrieb-in Deutschland nicht mehr konkurrieren kann, die
Entwicklung sich neuerdings gerade umgekehrt, wie es Marx anaimmt,
 vollzieht, wird gleichfalls immer allgemeiner (von Vollmar)
anerkannt, Tatsachen haben mithin bewiesen, daß in der Marxschen
 Lehre etwas falsch sein muß.
Schon Anfang der siebziger Jahre hat Adolf Held in den
preußischen Jahrbüchern und nach ihm mancher Andere auseinandergesetzt,
 daß die Lehre von Rodbertus und Marx: nur die menschliche
 Arbeit erzeuge Wert und dieser sei nur nach der aufgewendeten
Arbeit zu messen, eine willkürliche‘ und unbewiesene Behauptung ist,
        <pb n="457" />
        die in einer solchen Weise auch Ricardo ferngelegen hat. Auf
diese Behauptung aber stützt sich die Auffassung vom Mehrwert
und von der Profitrate, von der Ausbeutung des Arbeiters und der
ungerechten Bereicherung des Unternehmers. Akzeptiert man die
Marxsche Werttheorie nicht, so fällt das ganze sozialistische Kartenhaus
 in sich zusammen; und zu der Annahme derselben liegt, wie
wir nachzuweisen suchten, eine Veranlassung absolut nicht vor.

$ 115.
Die Revisionisten und Bodenreformer.

Unter den Sozialisten ist schon viele Kritik an der Marxschen
Lehre geübt und eine Revision des Sozialismus verlangt. So verwarf
Schönlank die Ansicht einer zunehmenden Verelendung, Schippel
trat zum Schutze der Bauern für Vieh- und Fleischzölle ein. Dr. David
(Der Sozialismus und die Landwirtschaft) und Arthur Schulz
(Oekonomische und politische Entwicklungstendenzen in Deutschland)
erklärten die bäuerliche Wirtschaft nicht nur für existenzfähig, sondern
auch in mancher Hinsicht dem Gutsbetrieb überlegen, also keineswegs
auf dem Aussterbeetat stehend. Die sich mit außerordentlichem Kırfolg
 entwickelnden „freien Gewerkschaften“, geleitet von Ad. von Elm,
vertreten von Legien, Kaufmann und anderen, treten der einseitig
politisch tätigen Partei gegenüber, indem sie hauptsächlich die Hebung
der materiellen Lage der Arbeiter ins Auge fassen und die genossenschaftliche
 Organisation in Konsumvereinen, Produktivassoziationen
usw. zu fördern trachten, während die Parteileiter fürchten, daß dadurch
 das Interesse für die politische Bewegung abgeschwächt werden
könnte und Geldrücksichten in den Vordergrund treten würden. Die
Bewegung hat aber unzweifelhaft Eduard Bernstein in Gang
gebracht durch seine oben erwähnte Schrift: die Voraussetzungen des
Sozialismus, Dem Verf. ist ein längerer Aufenthalt in England zugute
gekommen, wonach er die dort gewonnenen Eindrücke mit den
deutschen vergleichen konnte. Er wendet sich zunächst gegen die
materialistische Geschichtsauffassung, indem er der Arbeiterschaft
bestimmte Ziele und zwar im Interesse der Gesamtheit und aus
Gerechtigkeitsrücksichten also in idealer Weise aufweist. Er steht der
Grenznutzentheorie näher als der Marxschen Wertlehre und verwirft
ferner die Verelendungstheorie und die Behauptung eines Verschwindens
des Mittelstandes und der wachsenden Konzentrierung des Kapitals
in wenigen Händen, unter anderen mit dem Hinweis auf die ständig
zunehmende Bedeutung der Aktiengesellschaften, bei denen trotz der
Vereinigung gewaltiger Kapitalien in einzelnen Unternehmungen der
Ertrag sich sehr verteilt. Im Gegensatz zu Marx sieht er in der
neueren Zeit die wirtschaftlichen Krisen sich nicht verschärfen, sondern
mildern und erkennt an, daß die Kartelle mit dazu beitragen, da sie
einer Ueberproduktion entgegenarbeiten. Als das Ziel der sozialistischen
 Bewegung bezeichnet er die Herstellung einer genossenschaftlichen
 Gesellschaftsordnung, während er die Verstaatlichung der Betriebe
 als undurchführbar und verkehrt ansieht und die Kommunalisierung
 nur in beschränktem Maße als zulässig annimmt. Bernstein
 ist Demokrat und Sozialreformer und dabei Ideologe. Seine
Ausführungen haben durchaus. wissenschaftlichen Charakter.
Zu beachten ist noch Anton Menger., ein angesehener Professor Anton Menger.

Revisionisten.
        <pb n="458" />
        440

der Jurisprudenz in Wien (1842—1906). Seine hauptsächlichsten
Schriften sind: 1. Das bürgerliche Recht und die besitzlosen Volksklassen.
 Tübingen 1890, neue Aufl. 1908. Er greift darin den ersten
Entwurf eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs heftig an. 2, Das
Recht auf den vollen Arbeitsertrag, 3. Aufl. Stuttgart 1904 und
3. Volkspolitik. Jena 1906. 4. Neue Staatslehre. 3. Aufl. 1906.
Menger ist von einem Anhänger Fr. Bastiat’s schließlich auf sozialistischem
 Boden angelangt. Er fordert „das Recht auf den vollen
Arbeitsertrag“ wie Marx, lehnt sich aber mehr an den Engländer
Thomsen an; in zweiter Linie „das Recht auf Existenz“, d. h. auf
den Lebensunterhalt, und drittens „das Recht auf Arbeit“, womit er sich
allerdings als Sozialist dokumentiert. Dies zeigt sich noch mehr darin,
daß nach ihm in dem Staat der Zukunft an Stelle der individuellen Freiheit
 der Arbeit die davon völlig verschiedene Arbeitsorganisation durch
Befehl des Staates, der Gemeinden, der Arbeitergruppen treten sollen.
;odenreformer, Neben den erwähnten rein sozialistischen Richtungen ist noch
die der Bodenreformer im weiteren Sinne zu erwähnen, soweit sie nicht
mit ihren Anschauungen im eigentlichen Sozialismus aufgehen (Thomas
Spence, the meridian sun of liberty, 1796, und der Chartistenführer
O’Brien, Human slavery), und nur das Privateigentum in erster Linie
beseitigen wollen, Hier kommt vor allem Alfred Russel Wallace
mit seiner Schrift: Land Nationalisation, its necessity and its aims,
1882 in Betracht. Er hält die Verstaatlichung des Grund und Bodens
für erforderlich, um jedem Bürger ein Stück Land zur Selbstbewirtschaftung
 (von 1—5 acres) verschaffen zu können, wodurch er vor
Armut geschützt wird. Damit die Grundrente aber der Gesamtheit, nicht
Einzelnen zugute kommt, soll der Staat den Grund und Boden als KEigentümer
 in der Hand behalten und ihn nur zur eigenen Bewirtschaftung
verpachten. Aehnlich geht Ogilvie (an essay on the right of property
in land 1782) vor. Beide haben eine Schule nicht zu gründen vermocht.
Nicht das private Eigentum an Grund und Boden wollen die
Bodenreformer (im engeren Sinne nach Diehl) beseitigen, sondern nur
den Ertrag desselben, soweit er nicht durch Aufwand an Kapital
und Arbeit erzielt ist, vielmehr durch die allgemeine Kulturentwicklung
 als reine Grundrente bedingt wird, der Gesamtheit zuwenden.
So fordert John Stuart Mill, daß die Grundrente durch eine
Steuer dem Staate gesichert werde (Principles 1848), was ja auch vor
allem in Preußen durch die Grundsteuer von 1860 erstrebt wurde.
Extremer geht der Amerikaner Henry George (progresse and poverty
1881) vor, der alles moderne Elend darauf zurückführt, daß der Besitzer
 des Grund und Bodens sich die Rente aneignet, welche nach
Ricardo mit Entwicklung der Kultur, der Zunahme der Bevölkerung
und bei der Verschiedenheit der Bodengüte, fast von jedem Boden,
und da jeder Gewerbtreibende Grund und Boden gebraucht, von der
ganzen produktiven Bevölkerung an die Grundbesitzer in wachsendem
Maße gezahlt werden muß. Dies Monopol des Grundbesitzers will
er brechen, indem die ganze Grundrente durch entsprechend steigende
Besteuerung dem Staate zugeführt werden soll, Er hofft damit, wie
die Physiokraten, alle bisherigen Steuern durch die Grundsteuer ersetzen
 zu können. Sowohl in Amerika wie in England bildeten sich
Vereine, welche die Vorschläge H. George’s durchzuführen strebten,
ohne aber in dem ersteren Lande irgend welchen Erfolg erzielt zu
haben, während in England eine Bodenreform und vor allem eine
        <pb n="459" />
        neue Einschätzung des Grundwertes (1910) mit Hilfe der liberalen
Partei erreicht wurde.
In Deutschland traten zur selben Zeit zwei radikale Bodenreformer
auf: Stamm (Die Erlösung der darbenden Menschheit, 1871) und
Flürscheim (Auf friedlichem Wege 1884), die gleichfalls von Beseitigung
 der privaten Grundrente die Beseitigung der hauptsächlichsten
wirtschaftlichen Uebelstände, besonders der Krisen erwarteten.
Flürscheim trat für einen allmählichen Ankauf des ganzen Grund
und Bodens durch den Staat ein, worauf derselbe in kleinen Stücken
verpachtet werden sollte. Er suchte dann in Mexiko eine Kolonie
mit gemeinsamem Grundeigentum zu gründen, was ihm aber nicht
gelang. Erfolgreicher in der Verbreitung bodenreformerischer Ideen
war Theodor Hertzka, der lange erfolgreicher Zeitungsredakteur
in Wien war. Dessen Schrift: Die Gesetze der sozialen Entwicklung
Leipzig 1886, und besonders: Freiland, ein sozialpolitisches Zukunftsbild,
 Dresden 1890, erlebte eine große Zahl von Auflagen und gewann
eine große Verbreitung. Es wurde ergänzt durch: Sozialdemokratie
und Sozialliberalismus, Dresden 1891, das Problem der Güterzeugung,
Berlin 1897. Hertzka ist ursprünglich extremer Individualist und Manchestermann
 gewesen, um schließlich ganz zum Sozialismus überzugehen.
 Er strebt danach, kleinere Gemeinwesen zu schaffen, in dem
jedem Mitgliede völlige Freiheit in betreff der wirtschaftlichen Verwertung
 seiner Kräfte und völliger Genuß des Bearbeiteten gewährleistet
 werden soll. Er hofft dies zu erreichen durch Bildung von
Produktivgenossenschaften, denen die Produktionsmittel, besonders auch
das Land, gegen Verpflichtung der Zurückerstattung zinsfrei zur Verfügung
 stehen sollen. Durch eine Einkommensteuer, die jede Genossenschaft
 zu zahlen hat, will er die nötigen Gelder beschaffen. Grundrente,
 Kapitalzins, Unternehmergewinn sollen dadurch beseitigt werden.
Sein Versuch, in Afrika seine Pläne zu realisieren, scheiterte, wie
ebenso ähnliche nach diesem Vorbilde unternommene.
Die Bestrebungen des „Bundes der deutschen Bodenreformer“
beziehen sich nur auf den städtischen Grundbesitz und hauptsächlich
auf die Durchführung der sog. „Zuwachssteuer“. Sie fallen mehr in
das Gebiet der Finanzwissenschaft.

$ 116.
Der Anarchismus.

Eltzbacher, Der Anarchismus. Berlin 1900.
E, Zenker, Der Anarchismus. Jena 1895,
Stammler, Die Theorie des Anarchismus, Berlin 1894.
Mackay, Die Anarchisten Barlin 18292

Haben wir uns oben (in $ 105) bereits über das Wesen des
Anarchismus und den Gegensatz zum Sozialismus ausgesprochen, SC
haben wir hier noch auf einzelne Hauptvertreter der Richtung und
deren Anschauungen näher einzugehen.
Als der Vater des Anarchismus ist unzweifelhaft P. J. Proudhon
anzusehen, (Siehe über ihn Diehl, P. J. Proudhon, seine Lehre und
sein Leben, 3 Teile, Jena 1888— 96, und Mühlberger, Studien über
Proudhon, Stuttgart 1891), Proudhon wurde 1809 in Besancon
unter den ärmlichsten Verhältnissen geboren und mußte sich bis zu
seinem 22. Lebensjahre seinen Unterhalt als Schriftsetzer verdienen.

Pranudhon
        <pb n="460" />
        ‘42

J1auntlehren.

Dann wurde er Literat und suchte sich allmählich eine höhere, namentlich
 philosophische Bildung zu verschaffen. 1840 erschien, veranlaßt
durch eine Preisaufgabe der Akademie seiner Vaterstadt, seine erste
Schrift „Qu’'est-ce que la propriete&amp;amp;? Recherches sur le principe du
droit et du gouvernement“, worin er das Privateigentum bekämpfte
und den berühmten Satz aufstellte „La propriete c’est le vol“. 1846
erschien sein Hauptwerk „Systeme des contradictions 6conomiques“,
Aus der großen Zahl der späteren Schriften, in denen er zum Teil
nicht unbedeutende Modifikationen seiner früheren Ausführungen eintreten
 läßt, erwähnen wir nur „Idees generales de la Revolution“,
1852, worin er besonders seine anarchistischen. Anschauungen auseinandersetzt;
 und das 1852 erschienene Werk „Du prineipe federatif“,
worin er wieder von den vorliegenden Verhältnissen ausgeht und
Reformvorschläge macht. Im Jahre 1848 wurde Proudhon in die
Nationalversammlung gewählt, hatte aber in seiner parlamentarischen
Tätigkeit nur außerordentlich wenig Erfolg. 1849 gelang es ihm, mit
Hilfe seiner Anhänger eine Volksbank einzurichten, in welcher er durch
Naturaltausch und Anweisung auf Waren das Geld zu ersetzen suchte.
Da er aber nach kurzer Zeit ins Gefängnis wandern und damit die
Leitung aufgeben mußte, ging sie nach zwei Monaten wieder ein,
nachdem die Vorbereitungen der Geschäftstätigkeit kaum beendet
waren. Er starb in Paris 1865.
Auch Proudhon geht davon aus, daß Werte nur durch Arbeit
erzeugt werden können, und der Wert der Dinge sich allein nach der
aufgewendeten Arbeit richtet. Er greift die bisherigen nationalökonomischen
 Lehren an, weil sie diesen Grundsatz nicht genügend verwertet
 und auf der anderen Seite den Gegensatz zwischen Gebrauchsund
 Tauschwert nicht beachtet haben, indem sich überall herausstellt,
daß die Entwicklung der Gesellschaft und ihres Wohlstandes auf einer
fortdauernden Ermäßigung der Herstellungskosten beruht, während
auf der anderen Seite die erzielten Produkte eine wachsende Bedeutung
 in dem menschlichen Leben gewinnen. In dem Zustande
wirtschaftlicher Freiheit sei in der Hauptsache die Seltenheit entscheidend
 für den Wert, das heißt, der Wert richte sich nach dem
Verhältnis von Angebot und Nachfrage, nicht aber, wie es das Natürliche
sei, nach dem Aufwand von Arbeit. Hierdurch würden alle Uebel herbeigeführt,
 die durch Arbeitsteilung, Anwendung von Maschinen zu Ungunsten
 des Arbeiters verschärft würden. Die Hauptursache allen
Uebels sieht er im Gelde und im Zinse, welche den natürlichen Austausch
 und Darlehensverkehr stören, einem Teile der Bevölkerung das
Uebergewicht verschaffen und auf Kosten des anderen zu Reichtum
verhelfen. Dazu kommt das Geldlohnsystem, durch welches der Arbeiter
 mit zu geringem Betrage abgefunden werde, was wieder den
Unternehmer schädige durch die Verminderung der Kaufkraft der
Arbeiter. Er suchte deshalb, wie erwähnt, durch die Einrichtung einer
Tausch- oder Volksbank unter Beseitigung des Geldes und Zinses die
natürliche Zirkulation wieder herzustellen. Jedem Produzenten sollte
offenstehen, seine Produkte gegen Tauschbons einzutauschen, z. B.
ein Schuster liefert Stiefel und erhält dafür einen Tauschbon im Betrage
 des Preises der Stiefel; für diesen Tauschbon kann er in der
Bank irgendwelchen anderen Gegenstand im selben Preise erhalten.
Bei der Festsetzung der Preise sollen die Produzenten gegenseitig
die auf die Waren verwendete Arbeitszeit und die Auslagen in ÄAn-
        <pb n="461" />
        443 —

rechnung bringen, aber auf Gewinn verzichten. Die Preise werden
Jurch Taxatoren der Bank kontrolliert. Es war Proudhons Hoffnung,
daß die Volksbank allmählich immer mehr Mitglieder gewinnen werde,
so daß schließlich alle Produzenten und Konsumenten ihr angehören
würden; dann sollte das Geld überflüssig sein; alle Umsätze würden
lann vermittels jener Bons vorgenommen werden. Durch die Volksbank
wollte er aber außerdem die Unentgeltlichkeit des Kredites erreichen.
Soweit steht Proudhon auf sozialistischem Boden. Er greift
intensiv den Smithianismus an, aber ebenso den Kommunismus, welcher
die Ausbeutung des Starken durch den Schwachen in sich schließe,
wie bei dem jetzigen Kapitalismus der Schwache durch den Starken
ausgebeutet werde. Anarchistisch wird er durch Verwerfung fast aller
staatlicher Rechtsnormen, die durch das eine höchste „Gesetz der Gerechtigkeit“
 ersetzt werden sollen. An Stelle der bisherigen staatlichen
 Zwangsbestimmungen sollen freie Verträge zwischen einzelnen
Personen, Korporationen usw. treten. Nur der eine Zwang soll gelten,
daß alle Verträge erfüllt werden müssen; auch das Eigentum erkennt
er nur soweit an, als es auf Verträgen beruht. Als allgemeiner Grundsatz
 wird aber anerkannt, daß Jedem der Ertrag seiner Arbeit verbleiben
 solle. Den modernen Staat will er durch eine „Föderation“
ersetzen, das ist eine Organisation der Bevölkerung in kleinen politischen
 Gruppen mit weitgehender Dezentralisation, die durch freie
Verträge ihre Verhältnisse ordnen, und wo die Zentralgewalt nur
die Innehaltung der Verträge zu überwachen hat. In dem Menschen
bestehen natürliche Triebe zur Ordnung und Gerechtigkeit, die zu
einer naturgemäßen Harmonie führen, wie in dem Bienen- und
Ameisenstaat, wenn nicht eine willkürlich hergestellte Staatsgewalt
hier schädlich und störend eingreift, Die natürliche, harmonische
Ordnung des freien Verkehrs soll nach ihm die erwähnte Tauschbank
herbeiführen, und dadurch die Staatsgewalt das Recht auf Existenz
verlieren. So will er nicht durch Gewaltmaßregeln die bisherige
Gewalt stürzen, sondern hofft durch eine friedliche Revolution zum
Ziele zu kommen.
Auf einem wesentlich anderen Standpunkt steht der extremste
Anarchist; Johann Kaspar Schmidt, der unter dem Pseudonym
Max Stirner (Der Einzige und sein Kigentum. Leipzig 1845)
schrieb. Er wurde 1806 zu Bayreuth geboren, studierte in Erlangen
und Berlin Philologie und Theologie, war bis 1844 Lehrer, dann
Literat. War Proudhon zunächst Sozialist, so Stirner Indivi-Jualist,
 ja sein Anarchismus ist nichts als der auf die äußerste Spitze
zetriebene Individualismus. Er erkennt keine Pflichten, keine religiösen
Wahrheiten und keine beschränkenden Rechte an. Für einen Jeden
ist, nach Stirner, das höchste Gesetz sein eigenes Wohl. Jeder soll
nur seinem unbedingten Kgoismus folgen. Niemand hat ein Recht,
einem Anderen Vorschriften zu machen und ihn in seinen Handlungen
zu beschränken. Daher ist jede Art von Herrschaft zu verwerfen und
somit auch der Staat. Wohl ist der Mensch auf ein geselliges Zusammenleben
 angewiesen, aber in der Form eines Vereins von Egoisten.
 Man tritt dem Vereine bei, nicht wie bei dem Kommunismus,
am sich ihm unterzuordnen, sondern allein, um ihn für die eigenen
Zwecke zu gebrauchen, und Jeder schließt sich ihm nur so weit und
so lange an, als er ihn gebraucht. Das Eigentum verwirft Stirner
völlig: es eignet sich jeder Mensch an. was er zu erlangen die Kraft

Anarchistische
Anschauungen

M. Stirner
        <pb n="462" />
        4

Bakunin.

hat. Eigentum eines Jeden ist, was man ihm nicht zu entreißen vermag,
 und Jeder ist zu dem Eigentum berechtigt, zu dem er sich selbst
ermächtigt.
Das Eigentum soll also nicht aufgehoben werden, es soll auch
keineswegs gleich verteilt werden. Der Eine braucht viel, der Andere
braucht wenig; womit sich ein Anderer begnügt, kann für mich ganz
ungenügend sein; ich muß deshalb soviel haben, als ich mir anzueignen
vermag. Vereine können hier das Mittel bilden, um dem Einzelnen
sein Eigentum zu sichern, aber auch Einzelnen zu entziehen, was
besser Gemeingut ist, so daß auch dieses sich ausbilden kann. Die
Umwandlung nun in den neuen Zustand kann nur durch gewaltsame
Erhebungen geschehen. Verbrechen heißt die Gewalt des Einzelnen,
and nur durch Verbrechen bricht er die Gewalt des Staates, wenn er
nur der Meinung ist, daß der Staat nicht über ihm, sondern er über
dem Staate stehe.
„Die Eigentumsfrage läßt sich nicht so gütlich lösen, als die Sozialisten
 und die Kommunisten meinen. Sie wird nur gelöst durch den
Krieg Aller gegen Alle.“ „Vor keiner Tat werde ich zurückbeben,
weil ein Geist der Gottlosigkeit, Unsittlichkeit, Widerrechtlichkeit darin
wohne, so wenig als der heilige Bonifazius von dem Umhauen. der
heiligen Eiche abstehen mochte.“ „Die Gewalt über Leben und Tod,
die Kirche und Staat sich vorbehielten, ich nenne auch sie die Meinige.“
Wir haben hier also die brutalste Form, den Egoismus walten zu
lassen, die wir bisher beobachteten, rücksichtslos und extrem in den
Zielen wie in den Mitteln sie zu erreichen. Daß Anhänger dieser
Lehre auch zu Verbrechen angeregt werden, liegt auf der Hand,
Tatsächlich aber ist eine solche Wirkung von Stirner sicher nicht
ausgegangen, da er bis in die neueste Zeit fast verschollen war; und
erst neuerdings, als der Anarchismus mit mehr Erfolg von anderer
Seite gelehrt wurde, erinnerte man sich, daß dergleichen schon dagewesen
 wäre, und man suchte Stirner zur Vergleichung hervor. Seine
Schrift war auch nicht für die große Masse geschrieben, sondern ist
verhältnismäßig schwierig zu lesen.
Weit größeren praktischen Erfolg hatte Michael Alexandrowitsch
 Bakunin. Im Jahre 1814 im Gouvernement Twer geboren,
wurde er 1835 Artillerieoffizier, nahm aber sehr bald seinen Abschied
and verließ 1840 Rußland. Er trug sich schon damals mit revolutionären
 Plänen, beteiligte sich 1848 in Sachsen an den Straßenkämpfen,
wurde gefangen und zum Tode verurteilt, aber an Rußland ausgeliefert,
wo er nach längerer Gefängnishaft 1857 nach Sibirien geschickt wurde.
1865 floh er über Japan und Amerika nach England. Sofort begann
er wieder, sich revolutionären Bewegungen anzuschließen und widmete
ihnen sein ganzes weiteres Leben; er starb 1876 in Bern. Von seinen
Schriften sind besonders hervorzuheben, da sie seine anarchistischen
Anschauungen am besten zusammenfassen (wir folgen hierin, da uns
die Schriften Bakunins nicht zugänglich gewesen sind, Eltzbacher):
„Proposition motiv6e au comite central de ]a Ligue de la Paix et de
la Liberte“ 1868, die Satzungen der „Alliance internationale de la
democratie socialiste“ 1868 und „Dieu et l’Etat“ 1871. Ueber seine
anarchistische Stellung drückt sich Bakunin sehr unumwunden aus.
„Mit einem Worte, wir verwerfen die Gesetzgebung, jede Autorität,
jeden privilegierten, patentierten, offiziellen und legalen Einfluß, auch
wenn er durch das allgemeine Stimmrecht geschaffen sein sollte, in
        <pb n="463" />
        445

der Ueberzeugung, daß derartiges immer nur zum Vorteil einer
herrschenden Minderheit von Ausbeutern und zum Nachteil der geknechteten,
 ungeheuren Mehrheit gereichen kann. In diesem Sinne
sind wir in Wahrheit Anarchisten.“ Bakunin geht von einem allgemeinen
 Entwicklungsgesetz aus, nach dem sich die Menschheit
immer mehr vervollkommnen soll.
„Der Mensch war ursprünglich ein wildes Tier, hat allmählich
mehr und mehr tierische Triebe abgelegt nnd schreitet zu einem immer
vollkommeneren Zustande vorwärts, was sich mit naturgesetzlicher
Notwendigkeit vollzieht. Wir glauben an den endlichen Triumph der
Menschlichkeit auf Erden, wir sehnen diesen Triumph herbei und
suchen ihn mit vereinten Kräften zu beschleunigen. Die politische Gesetzgebung
 gehört einer niederen Entwicklungsstufe an und muß mit
dem Fortschritt der Menschheit verschwinden.“ „Keine Gesetzgebung
hat jemals einen anderen Zweck gehabt als den, die Ausbeutung des
arbeitenden Volkes durch die herrschenden Klassen zu befestigen
und zum Systeme zu erhöhen.“ So hat sie nur schädigend gewirkt.
Den Staat sieht er als ein geschichtlich notwendiges Uebel an, als eine
vorübergehende Form der Gesellschaft, die notwendig fallen muß, und
den Umschwung sieht er bereits herannahen. Die gegenwärtige Gesetzgebung
 wird dann beseitigt sein, aber ein Recht, welches auf
dem allgemeinen Willen ruht, wird es auch später geben. Vor allem
muß jedem Einzelnen, jeder Gemeinde, jeder Provinz, jedem Volke
das unbeschränkte Recht auf vollkommene Selbständigkeit gewahrt
bleiben, vorausgesetzt, daß die Selbständigkeit und Freiheit anderer
Personen, Gemeinden usw. nicht bedroht wird. Verträge müssen erfüllt
 werden, aber Rechte und Pflichten gründen sich auf Freiheit.
„Das Recht freier Vereinigung und Trennung ist das erste und
wichtigste aller politischen Rechte“, „Grund und Boden, die Arbeitswerkzeuge,
 sowie alles andere Kapital werden auf der nächsten Entwicklungsstufe
 als Kollektiveigentum der ganzen Gesellschaft ausschließlich
 dem Nutzen der ackerbauenden und gewerblichen Vereinigungen
 dienen. Auch nach Beseitigung des Staates werden die
Menschen gesellig zusammen leben, denn die vollkommene Menschlichkeit
 kann nur in einer Gesellschaft erreicht werden. Nur durch
gesellschaftliche Arbeit kann der Mensch die Natur bewältigen. Von
dem Joche seiner eigenen Natur wird er nur durch Erziehung und
Unterricht frei, wie sie nur in der Gesellschaft möglich sind. Die
vollkommene Menschlichkeit kann aber nur in einer freien Gesellschaft
 erreicht werden.“ „Meine Menschenwürde besteht darin, daß
ich als Mensch berechtigt bin, keinem anderen Menschen zu gehorchen
 und nur nach eigenem Gutdünken zu handeln.“ Eine freie
Gesellschaft kann nun nicht durch Autorität, sondern nur durch
Vertrag zusammengehalten werden. Die natürlichen Bedürfnisse,
Neigungen und Bestrebungen der Menschen müssen die Grundlage
für eine neue Organisation an Stelle der alten bieten. Das Privateigentum
 in seiner jetzigen Ausdehnung gehört nur der tieferen Entwicklungsstufe
 an, An Konsumtionsmitteln wird es auch weiter bestehen,
 im übrigen aber muß es beseitigt werden und zwar bald, denn
die gegenwärtigen Klassengegensätze, die das Privateigentum erzeugt
hat, sind bereits unhaltbar geworden. Sind die Produktionsmittel
Kollektiveigentum der ganzen Gesellschaft geworden, so istjedem Arbeiter
der Ertrag seiner Arbeit gewährleistet. und „Die Gerechtigkeit muß
        <pb n="464" />
        446 —

&amp;lt;rovotkin.

der neuen Welt zur Grundlage dienen; ohne sie ist keine Freiheit,
kein Gedeihen, kein Friede“. „Der Kollektivismus der künftigen Gesellschaft
 erfordert keineswegs die Errichtung irgendwelcher höchsten
Gewalt. Im Namen der Freiheit, auf die allein sich eine wirtschaftliche
 wie eine politische Organisation gründen kann, werden wir
immer gegen alles Einspruch erheben, was auch nur von ferne dem
Kommunismus oder Staatssozialismus ähnlich sieht.“ „Ich will die
Organisation der Gesellschaft und des Kollektiv- oder Gesellschaftseigentums
 von unten nach oben durch die Stimme der freien Vereinigung,
 nicht von oben nach unten vermittels irgendwelcher Autorität.“
Der Uebergang in die neueste Entwicklungsphase wird nach
Bakunin durch eine soziale Revolution erfolgen, die zwar durch
die Macht der Dinge ohnehin herbeigeführt werden wird, aber sehr
wohl beschleunigt und erleichtert werden kann. „Die Revolution
wird nicht gegen Menschen, sondern gegen Verhältnisse und Dinge
wüten.“ „Blutige Revolutionen sind dank der menschlichen Dummheit
 manchmal notwendig, doch sind sie immer ein Uebel, ein ungeheures
 Uebel und ein Unglück, größtes Unglück, nicht nur in Anbetracht
 der Opfer, sondern auch um der Reinheit und Vollkommenheit
 des Zieles willen, in dessen Namen sie stattfinden.“
Im Gegensatz zu Stirner ist hier ein idealer Grundzug nicht
zu verkennen. Es wird nur der Menschheit zugemutet, was sie nie
und nimmer zu leisten vermag, geschweige denn, daß sie schon jetzt,
wie Bakunin meint, dafür reif wäre. Noch mehr ist das‘ von
Kropotkin zu sagen, unzweifelhaft der hervorragendsten Persönlichkeit
 der ganzen Richtung, die aber noch ganz der Gegenwart
angehört. Ueber seinen Entwicklungsgang hat er in seinen Memoiren
ausführlichen und höchst interessanten Aufschluß gegeben. Seine
Anschauungen hat er besonders in den folgenden Schriften niedergelegt:
 Paroles d’un revolte, 1885 und La conquete du pain, 1892.
Sie sind ausführlich und klar von Eltzbacher a. a. 0. $S. 125 u. w.
zusammengefaßt, Wie in der ganzen Natur, so ist auch in der
menschlichen Gesellschaft nach seiner Auffassung eine fortdauernde
Bewegung und Entwicklung vorhanden, die zu einer immer größeren
und allgemeineren Glückseligkeit der Menschheit führt. Der gegenwärtige
 Zustand ist noch ein sehr unvollkommener, der aber durch
Evolution und Revolution schon in nächster Zeit und allgemein in
den vollkommeneren des Anarchismus übergeführt werden wird.
Zwar erfolgt dies mit zwingender Gewalt von selbst, aber der Mensch
kann den Uebergang vorbereiten und beschleunigen, was ohne Gewaltmaßregeln
 allerdings nicht möglich ist.
Aus dem christlichen Grundsatz: „Tu den Andern so, wie Du
willst, daß Dir in gleichem Falle geschähe“, den er zum Ausgangspunkt
 seiner Lehre nimmt, folgert er die Notwendigkeit unbedingter
Gleichheit, Billigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit. Den jetzigen
Staat, die vorhandene Gesetzesordnung sieht er als ein Hemmnis der
Entwicklung zu einem vollkommneren, glücklicheren Dasein der
Menschen an, da sie nur einem kleinen Teil derselben zugute kämen
and nur bestimmt seien, die Privilegien Weniger zu schützen. An
die Stelle der herrschenden Rechtsinstitutionen soll ein Gewohnheitsrecht
 treten, dessen Grundlage der Satz zu bilden hat, daß „Verträge
erfüllt werden müssen“ und daß Jeder „ein Recht hat, behaglich zu
leben“, „Durch das Bedürfnis eines Jeden nach Mitarbeit. Hilfe und
        <pb n="465" />
        447

Zuneigung“ und durch die Furcht vor Ausschließung aus der Gemeinschaft,
 ev. aber auch durch das Eingreifen der einzelnen Bürger
würden die Rechtsnormen leicht genügend geschützt werden. Einer
Staatsgewalt bedarf es dazu nicht, denn alle Formen derselben verfallen
 bald der Entartung und werden gemißbraucht. Die gewählte
Volksvertretung ist dabei nicht besser, als ein Despot. „Freie Entfaltung
 der Einzelnen in Gruppen und der Gruppen in Vereinigungen,
freie Gliederung vom KEinfachen zum Zusammengesetzten nach Bedürfnis
 und Neigung“ werden nach ihm das. gesellige Zusammenleben
der Menschen in der neuen Gesellschaft harmonisch gestalten, und
kein Zwang wird nötig sein, um den Einzelnen zur Erfüllung der
freiwillig eingegangenen Verträge und der Pflichten gegenüber der
Gesellschaft anzuhalten. Privateigentum wird völlig beseitigt und
durch Gesamteigentum ersetzt, also „kommunistischer Anarchismus“
ausgebildet. „Den ganzen aufgehäuften Reichtum hat die Arbeit
der Gesamtheit erzeugt, die des heutigen Geschlechts wie aller
früheren“. .... „Diese Maschine, die von Dir erfunden und für
Dich patentiert ist, trägt die Arbeit von fünf oder sechs Geschlechtern
in sich; sie hat einen Wert nur als Teil des ungeheueren Ganzen,
das wir die Industrie des neunzehnten Jahrhunderts nennen. Schaffe
Deine Spitzenklöppelmaschine zu den Papuas nach Neuguinea und sie
ist wertlos“. ,... „Mit welchem Recht kann sich da irgend Jemand
den geringsten Bruchteil dieses ungeheuren Ganzen aneignen und
sagen: dies gehört mir und nicht Euch?“ ... „Man hat zwischen
dem Kapital, das zur Gütererzeugung dient, und demjenigen, welches
die Notdurft des Lebens befriedigt, unterscheiden wollen und gesagt,
die Maschinen, Fabriken und Rohstoffe, die Transportmittel sowie
Grund und Boden seien bestimmt, Eigentum der Gesamtheit zu
werden, dagegen würden die Wohnungen, die bearbeiteten Stoffe, die
Kleider und Lebensmittel Privateigentum bleiben. Diese Unterscheidung
 ist irrig und undurchführbar. Das Haus, das uns beschützt,
 die Kohle, ... die Nahrung, die Kleidung, . .. ja sogar das
Vergnügen, das wir genießen, alles das ist wesentlich für unser Dasein
 und gerade so notwendig zur erfolgreichen Produktion und zur
Weiterentwicklung der Menschheit, wie Maschinen, Fabriken, Rohstoffe
 und sonstige Produktionsfaktoren. Mit dem Privateigentum
an jenen Gütern werden Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung
 bestehen bleiben; und halbe Beseitigung des Privateigentums
wäre von vornherein in ihrer Wirkung gelähmt.“
Er führt des Näheren aus, wie er sich die kommunistische Produktion
 denkt. Zunächst soll das Notwendigste produziert werden,
wozu, da Alle ca. vom 20.—50. Jahre zu arbeiten verpflichtet sind,
5 Stunden am Tage genügen. Jeder kann die Gruppe wählen, an
der er sich beteiligen will, vorausgesetzt, daß sie notwendige Dinge
Schafft. Für den Rest der Zeit mag Jeder sich, mit wem er will,
zu wissenschaftlicher oder künstlicher Erholung vereinigen. An der
Produktion soll sich Jeder beteiligen nach seinen Kräften, an dem
Ertrage nach seinen Bedürfnissen, da Jeder behaglich leben soll,
Wo Ueberfluß vorhanden ist, steht Jedem frei, denselben beliebig zu
benutzen. Was nur beschränkt zur Verfügung steht, wird nach
Rationen verteilt.
Der Uebergang kann, nach ihm, sich nur durch eine Revolution
vollziehen. „Aber auf das Werk der Zerstörung wird ein Werk der
        <pb n="466" />
        448

Neugestaltung folgen.“ Den Moment des Zusammenbruchs aller
gegenwärtigen Verhältnisse sieht er als nahe bevorstehend an, da
er die Zustände für unhaltbar, die Bevölkerung für die neue Gesellschaft
 reif hält.

$&amp;amp; 117.
Die neuere realistische Richtung.

v%. Philippovich, Das Eindringen der sozialpolitischen Ideen in die Literatur,
(Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert.) Leipzig 1908.
Gehrig, Die Begründung des Prinzips der Sozialreform. Jena 1914

Die alte
ıistorische
Schule.

Votwendigkeilt
wirtschafts-‘3istorischer

Forschunn.

Schon in den vierziger Jahren entwickelte sich auf deutschem
Boden eine Richtung, welche sich ebensosehr der alten klassischen
Schule des Smithianismus wie der des Sozialismus entgegenstellte
ind in der Beurteilung der gegenwärtigen Entwicklungsphase im
Staatsleben trotz mannigfaltiger Gegensätze bis zum heutigen Tage
maßgebend geblieben ist. Ihre Hauptvertreter sind Bruno Hildebrand,
 Karl Knies und Wilhelm Roscher, deren Schriften
wir im Laufe unserer Untersuchungen oft begegnet sind. Wir halten
es nicht für unsere Aufgabe, in dieser historischen Uebersicht auf
diese Männer, in deren Fußtapfen wir unmittelbar getreten sind,
besonders einzugehen. In der wissenschaftlichen Methode ist die
Schule als die „historische“ bekannt und hat als solche eine extremere
 Fortbildung zur „neueren historischen“ Schule, wie sie durch
Schmoller begründet ist, erfahren. Sie wird bekämpft von der
durch Carl Menger begründeten Wiener Schule. Die Gegensätze
 beider Schulen haben sich aber allmählich mehr und mehr ausyeglichen,

Es war eine natürliche und notwendige Reaktion gegen den
Smithianismus, daß man auf die Notwendigkeit einer gründlichen Unter-3uchung
 der historischen Entwicklung des Wirtschaftslebens aufmerksam
machte. Auch Adam Smith und Malthus hatten nicht umhin gekonnt,
 Belege für ihre Ansichten aus der Geschichte heranzuziehen.
Vieles von den Aufstellungen der alten Schule erwies sich als unrichtig
oder schief, Man erkannte, daß es unmöglich war, die Arbeiterverhältnisse
 richtig zu beurteilen, ohne eine Vergleichung mit den früheren
Zuständen und eine Ergründung der Ursachen der Veränderungen
durchzuführen. Sozialistische Schriftsteller, wie Saint-Simon, ein
Realpolitiker wie Friedrich List stellten Gesetze für die historischen
 Vorgänge im Wirtschaftsleben auf, wobei ihnen die nötige
Uebersicht fehlte und sie zu unhaltbaren Ergebnissen kamen. Es
ergab sich daraus die Notwendigkeit, größere Sorgfalt auf das
historische Studium zu verwenden. Es hatte daher diese historische
Richtung ihre unbedingte Berechtigung. Dasselbe ergab sich aus
der Kritik des Sozialismus, Unzweifelhaft hat die sozialistische
Schule ihre Verdienste, wie schon früher hervorgehoben, sowohl für
lie praktische Sozialpolitik, wie für die Wissenschaft. Schärfer als
von irgend einer anderen Seite ist von den sozialistischen Schriftstellern
 die Einseitigkeit des Smithianismus nachgewiesen, und sind
die Bedenken gegen das Prinzip „Laissez faire, laissez passer“ hervorgehoben.
 Aber ihre ganze Bedeutung lag eben in der Kritik,
Die sozialistische Schule setzte sich völlig über den historischen
Entwicklungsgang hinfort und wollte das ganze Wirtschafts- und
        <pb n="467" />
        —. 449 —

Staatsleben auf eine völlig neue Basis stellen, ohne an die bisherigen
Zustände anzuknüpfen. Sie zeigte. sich daher noch mehr unhistorisch
als die Smithsche Schule. Auch dem gegenüber war es nötig, auf
die Geschichte hinzuweisen, deren Studium allein zunächst eine Gesundung
 in den Anschauungen herbeiführen konnte.
Die alte Schule glaubte allgemein gültige wirtschaftliche Naturgesetze
 gefunden zu haben. Die Beobachtung ergab, daß jene sog.
Gesetze nur Regeln waren mit Geltung für eine bestimmte Zeit
und einen bestimmten Boden, Der ältere Sozialismus trug wesentlich
 dazu bei, jene Auffassung zu erschüttern, und setzte klar auseinander,
 daß viele der als gesetzlich angenommenen Vorgänge nur
einer bestimmten Klassenherrschaft entsprängen und daher wohl beseitigt
 werden könnten. Er ging darin aber wiederum zu weit, als
willkürlich anzusehen und die Beseitigung zu verlangen, wo es sich
um Institutionen handelte, die einmal der menschlichen Natur analog
sind und dann, wie sich aus der Geschichte erweisen läßt, als Grundlage
 unserer gesamten Kultur akzeptiert werden müssen, wie das
Privateigentum und die individuelle Freiheit. Infolgedessen erwies
9s sich als notwendig, die Natur des Menschen selbst näher zu studieren,
 die psychologischen Momente genauer zu berücksichtigen. Das
ist nun in der neueren Zeit sowohl von der Wiener wie von der Berliner
Schule anerkannt, und die Arbeiten speziell von Schmoller zeigen,
welch gründliches Studium er gerade der Philosophie zugewendet hat.
Sein bedeutendstes Werk, der „Grundriß“, behandelt in dem ersten
Teil die Grundlagen der Volkswirtschaft und wird durch die Vertefung
 der Untersuchung und gerade die philosophisch-historische
Durchführung, sowie die besonders von Bücher erfolgreich bezonnene
 Heranziehung ethnologischer und anthropologischer KForschungen,
 als ein bedeutsamer Fortschritt unserer Wissenschaft zu
bezeichnen sein. Schmoller tritt hauptsächlich in die Fußtapfen
von Knies, geht aber weit über ihn hinaus. Wir sehen seinen
Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, namentlich den
zweiten Teil, für das reichhaltigste, unsere Wissenschaft am meisten
fördernde Werk an, welches auf nationalökonomischem Gebiete seit
Dezennien erschienen ist, und sind ihm großen Dank schuldig, Wir
haben uns aber nicht überzeugen können, daß es sich um einen
Neubau unserer Wissenschaft auf neuem Fundament handelt, wie
Schmoller ihn früher als notwendig hinstellte. Das reiche historische
 Material hat vielfach das Verständnis für einzelne Fragen zu
klären vermocht, die Entwicklung der Vorgänge wird besser übersehen,
 die Grundanschauungen sind aber nirgends geändert. Die
Modifikationen im Aufbau der ganzen Darstellung sind vielfach als
sine Besserung anzuerkennen, doch sind sie ohne prinzipielle
Bedeutung. Dabei vermissen wir aber die entsprechende Vertiefung
in der Behandlung der Begriffsdefinitionen, wie sie für den
aotwendig. ist, der einen „Grundriß“ benutzt. Hier ist eine Ergänzung
von. anderer Seite sicher wünschenswert.
Durch die neuere vermittelnde Richtung ist zu allgemeiner Anerkennung
 gebracht, daß es die Aufgabe unserer Wissenschaft nicht
ist, allgemeine Naturgesetze in dem Wirtschaftsleben zu ermitteln.
Denn dasselbe ist viel zu kompliziert, überall wirken eine so große
Zahl von Faktoren zusammen, daß die Isolierung nur ganz vereinzelt
möglich ist. Auf der anderen Seite ist die Grundlage desselben, der
Jonrad, Grundriß der polit. Oekonamie. I. Teil. 8. Aufl. a

Auffassung deı
wirtschaftlichen
 Naturgesetze.
        <pb n="468" />
        450 —

Grenze der
ıistorischen
Aufgabe.

Stellung zur
Volkswirt-‚chatfteapnnlitik.


Mensch mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten, fortdauernd solchen
Veränderungen unterworfen, daß jede Kulturstufe andere Erscheinungen
 zeigen muß, und dieselben natürlichen Ursachen, dieselben
politischen Maßregeln in durchaus verschiedener Weise zu wirken
vermögen.
Damit ist auch die Grenze der Bedeutung historischer Forschung
für die politische Oekonomie gegeben, und es tritt klar zutage, daß
sie allein unsere Wissenschaft nicht zu fördern vermag. Wir haben
3s mit einer praktischen Wissenschaft zu tun, deren Aufgabe es
ist, die gegenwärtigen wirtschaftlichen Vorgänge, wie sie sind, darzulegen
 und in ihrem Zusammenhange zu erklären, dann auf Grund
dieser Tatsachen Schlüsse für die Aufgaben von Staat und Gesellschaft
 zu ziehen. Deshalb ist von der Gegenwart auszugehen und
die Geschichte nur heranzuziehen, soweit sie zur Erklärung der
segenwart notwendig ist. Sie ist, wie wir schon an anderer Stelle
Jlargelegt haben, erst in zweite Linie zu stellen. Das geschah auch
in der Hauptsache von der älteren historischen Schule, erst die
aeuere ist darüber hinausgegangen und hat den Schwerpunkt
nationalökonomischer Arbeit in archivalische Untersuchungen gelegt,
lie als historische ihre außerordentliche Bedeutung haben und als
Bausteine für die Zukunft dankbar zu akzeptieren sind, die außerdem
 — das ist nicht zu unterschätzen — ein vorzügliches Mittel
zur Schulung der jüngeren Gelehrten bilden. Aber die Zustände in
alter Zeit sind von den unsrigen viel zu verschieden, als daß sich
lavon Ausreichendes für das Verständnis der Gegenwart gewinnen
ließe. Die Geschichte muß für die politische Oekonomie nur eine
Ailfswissenschaft bleiben, die letztere darf aber nicht in der
ersteren aufgehen. Das ist auch in dem erwähnten Schmollerschen
Werke nicht geschehen.
Man hat der historischen Schule vorgeworfen, daß sie nur fördernd
 auf die Theorie zu wirken gesucht und die Volkswirtschaftspolitik
 vernachlässigt habe; und richtig ist es, daß seit Rau eine
systematische Bearbeitung der Volkswirtschaftspolitik erst in dem
Schönbergschen Handbuch zu finden ist, dann von Philippovich
 in seinem Grundriß geboten wurde; ebenso daß Roscher erklärte,
 die Aufgabe der Wissenschaft nur in der Darstellung zu
sehen. Aber er erstreckte diese Darstellung doch auch ausdrücklich
auf die Gesetze und Anstalten, welche zur Förderung der Volkswirtschaft
 bestimmt sind, und zwar in den verschiedenen Ländern; er
schloß daran die Untersuchung, wie dieselben gewirkt haben, und
suchte durch die Vergleichung der Verhältnisse der verschiedenen
Länder ein kritisches Urteil daraufhin zu ermöglichen. Er vermied
es allerdings, auf schwebende Tagesfragen einzugehen und mit einem
eigenen Urteil darüber hervorzutreten. Das hat aber auch seine vollständige
 Berechtigung. In den Lehrbüchern . soll nur zusammengestellt
 werden, was einigermaßen als wissenschaftlich abgeschlossen
and:als dauernde Errungenschaft der Zeit anzusehen ist, nicht aber,
was nur rein hypothetisch zu behandeln ist. Wenn man außerdem
erwägt, daß auf allen deutschen Kathedern seit Dezennien die praktische
 Nationalökonomie vorgetragen wurde und dieses auch von den
Vertretern der alten historischen Schule geschah, und dabei berücksichtigt,
 daß gerade solche Vorlesungen in anderen Ländern bis in
die neueste Zeit hin fast vollständig gefehlt haben. so wird man
        <pb n="469" />
        451 —

jene Beschuldignng, daß die historische Schule nur einseitig theoretisch
 vorging, als völlig unbegründet zurückweisen müssen. Der
zweite und dritte Band des Rocherschen Lehrbuches enthalten das
Material in überreicher Fülle, um sich über die praktischen Aufgaben
der Zeit genügend zu informieren. Daß aber die neuere historische
Schule in derselben Weise vorgegangen ist, bedarf keiner weiteren
Ausführung, und der beste Beleg dafür war die Gründung des „Vereins
für Sozialpolitik“ im Jahre 1872, der sich zur Aufgabe stellte, dem
freihändlerischen Treiben des 1858 gegründeten „volkswirtschaftlichen
Kongresses“ entgegenzutreten, durch gründliche, rein wissenschaftliche
Untersuchungen der wirtschaftlichen Zustände und Drucklegung derselben
 zur Klärung der Anschauungen beizutragen und durch öffentliche
 Diskussionen über die gesetzgeberischen Aufgaben in Deutschland
die extrem liberalen Anschauungen zu bekämpfen. Er stellte es sich
zur besonderen Aufgabe, das Eingreifen der Staatsgewalt, namentlich
zum Schutze der unteren Klassen, als notwendig nachzuweisen und zu
untersuchen, wie weit sich dies als erforderlich ergibt, somit unmittelbar
 in das praktische Leben einzugreifen. Die Gründer dieses Vereins
waren hauptsächlich Dozenten der Nationalökonomie, und unter ihnen
auch die Hauptführer der neueren historischen Richtung. Ja wir gehen
einen Schritt weiter und behaupten im Gegensatze zu der gewöhnlichen
Auffassung, daß die historische Schule weit mehr für die Volkswirtschaftspolitik
 als für die Nationalökomie geleistet hat, und daß
sie ihre hauptsächliche Berechtigung gerade darin zu finden vermag,
daß für die Fortbildung der Gesetzgebung das Studium der historischen
Entwicklung unerläßlich ist. Die Theorie haben in der neueren Zeit
auf deutschem Boden hauptsächlich Männer wie Neumann, Adolf
Wagner, Dietzel u. A. wesentlich gefördert, dagegen nur wenig
die Historiker. Das ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß sie
der deduktiven Methode, dann dem Ausbau der Begriffsdefinitionen
ein zu geringes Interesse, ja man kann sagen, Mißachtung (Adolf
Held, Brentano) entgegenbrachten, obwohl die Feststellung der
Grundbegriffe naturgemäß die erste Aufgabe für eine jede Wissenschaft
ist, wofür in der jungen Disziplin der politischen Oekonomie noch unendlich
 viel zu tun ist, und obwohl Deduktion bei keiner wissenschaftlichen
 Forschung entbehrt werden kann.
Nach dieser Richtung ist besonders die Wiener Schule, die sich
die exakte nennt (Carl Menger, von Böhm-Bawerk, von
Wieser u. A.), erfolgreich aufgetreten, der wir wesentliche Anregung
und Aufklärung über verschiedene theoretische Fragen verdanken.
Die Wiener Schule geht von dem einzelnen Menschen in seiner
Isoliertheit . aus und sucht aus seiner Natur die wirtschaftlichen
Handlungen zu erklären und vorauszubestimmen. Sie hat bewiesen,
daß sich dadurch wichtige Aufschlüsse über komplizierte Vorgänge
im Wirtschaftsleben gewinnen lassen, aber ebenso, daß man damit
allein nicht auskommt. Sie hat gerade der Volkswirtschaftspolitik
ım ganzen nur wenig Aufmerksamkeit zugewendet, schon mehr deı
Finanzwissenschaft. So ergänzen sich beide Richtungen in vortreff.
licher Weise,
Die Adam Smithsche Schule trennte in ihrer Untersuchung das
wirtschaftliche Leben von dem politischen und sozialen. Sie betrachtete
 es gewissermaßen außerhalb des Staates. Wir sahen, daß
dem gegenüber schon Sismondi mit Nachdruck hervorhob, daß das
DO*

Wiener
Schnle.

Berücksicht
gung des
ethischen
Momentes
        <pb n="470" />
        — 452 —

\nffassung des
Stnatas

ethische Moment dabei zu kurz gekommen ist und eine richtige
Beurteilung wirtschaftlicher Fragen nur möglich ist, wenn der Mensch
als gesittetes Kulturwesen aufgefaßt wird, dessen Handlungen ebenso
von ethischen Rücksichten geleitet werden, wie von denen der materiellen
 Bedürfnisbefriedigung. Diesen Anschauungen schloß sich auf
das entschiedenste Bruno Hildebrand an. Sie sind in der ganzen
neueren deutschen Schule grundlegend gewesen. Hiermit steht
im engsten Zusammenhange die Auffassung des Staates und seiner
Aufgaben und die Anerkennung, daß ohne den Staat eine Volkswirtschaft
 nicht gedacht, geschweige denn richtig aufgyefaßt werden
kann.
Wie bereits Sismondi im Gegensatz zum Smithianismus dem
Staate höhere Kulturaufgaben stellte, die Harmonie zwischen Privatund
 Gesamtinteresse leugnete und das Eingreifen der Staatsgewalt
zum Schutze des Schwächeren in dem allgemeinen Konkurrenzkampf
für unumgänglich notwendig erachtete, so standen auf diesem Boden
voll und ganz die alte historische Schule und dann die neuere deutsche
Richtung. Sie tritt aber damit in einen entschiedenen Gegensatz
zum Sozialismus, daß sie sich auf den Boden des Individualismus
stellt, die individuelle Freiheit und Selbständigkeit im allgemeinen als
etwas Selbstverständliches voraussetzt, und nur als Ausnahmen durch
Gesetzgebung und Verwaltungsmaßregeln Schranken eintreten lassen
will. Die Erkenntnis hat sich immer allgemeiner durchgerungen, daß
die höheren Kulturzwecke nur durch den Staat erreicht werden können,
dem damit wieder eine höhere Stellung mit idealeren Aufgaben gegeben
 ist, als sie die alte Schule anerkannte. Auf der anderen Seite
wird dem Menschen nicht das Aufgeben seiner Individualität und
Menschenwürde und ein völliges Aufgehen im Staate zugemutet, wie
es der Sozialismus verlangt. Die neuere sozialpolitische oder realistische
Schule perhorresziert deshalb mit besonderer Schärfe das schrankenlose
 Sich-Selbst-Ueberlassen des Einzelnen, wie es der Anarchismus
erstrebt, und akzeptiert den modernen Staat, um das Zurückfallen
in das Chaos nnd die Versumpfung in den kulturlosen Zustand zu
vermeiden. Sie erkennt als das zu lösende Problem an: die IndirvidualitätderEinzelnenzurvollen
 Entwicklung zu bringen
und in möglichster Freiheit das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit
 in jedem Mitgliede der Gesellschaft
zu pflegen, aber doch die gesamte Kulturin erster Linie
zu fördern, das Interesse des Einzelnen stets dem Gesamtinteresse
 unterzuerdnen.
        <pb n="471" />
        Sach- und Personenregister.

Abrechnungsstelle 180.
Absatzkrisen 293, 302.
Ackerbauperiode 129,
Affektionswert 14.
Agio 85, 211, 218f.
Agrarkrisen 293, 296f.
Agrarstaat (List) 407,
\grikultur-Manufakturperiode (List) 129,
Akkordlohn 380.
Aktiengesellschaften 255f., 260ff., 277.
—, Geschichte 260f.
‚ Recht 260f£., 277.
—, Statistik 267ff., 278f., 298.
Aktivgeschäft 166.
Akzept 189.
Alkoholismus 35. _
Allgemeine Staatslehre 6.
\llmende 49, 52. .
Alodialgüter, Preise 150.
Allonge 189,
Altersstufen 34.
Altertum, Volkswirtschaft im 352{f.
Altruismus 25,
Anarchismus 409ft, 441 ff.
Angebot und Nachfrage 138f., 144£., 152,
Ankaufskapital 42.
Aquino, Thomas von 357.
Arbeit, körperl., geist. 19f., 34f., 65, 337,
431, 487. ;
-, Recht auf 426. }
, Wechsel der 65f.;
‚ als Wertmaßstab und Produktionsfaktor
 18, 27, 136, 373, 386, 392, 431,
487, 442. ; ;
Arbeiter 59, 64ff,, 329, 335 ff., 343 ff,
—, jugendliche 68f,
Arbeiterverein, allgemeiner deutscher 428.
Arbeitsertrag‘ 329,
Arbeitsfreude 68.
Arbeitsgelegenheit 347,
Arbeitsleistung, und -teilung 64£., 67£.
—, und Lohn 329f, 335.
Arbeitslohn 329ff., 376, 389, 399£,
Arbeitslose s Reservearmee.
Arbeitsrente 317, 329ff., 347, 350,
Arbeitsteilung 60ff,, 64ff,, 308 f,
Arbeitstheorie (Eigentum) 50£.
Arbeitsvereinigung 69{ff.

Arbeitswährung (Owen) 425.
Arbeitszeit, bei Sozialisten 19, 437.
—, Statistik 342,
Arbeitszerlegung 63, 180. “
Arbitragegeschäft 206,
Aristoteles 358,
Arkwright 380.
Assignaten 212, 295.
Assignatenkrisis 295f,
Assoziation 8. Produktivassoziation u. Genossenschaften.

Aufsichtsrat 256, 266, 280.
Ausbeutungstheorie (Marx) 487{f, (Bakunin)
 444f.
Ausfuhr 199, 201. .
Ausland, Stellung der Merkantilisten zum
361, 366,
Auswanderung, Verbot der 368,
Auszahlung 192,
Avistaklausel 188.

B.

Babeuf, Gracchus 418f,
Baisse, a la spekulieren 241,
3akunin, Michael Alexandrowitsch 444f.
yancheri 167.
3anco di Rialto 167.
Bank, s. auch Reichsbank, Notenbanken
166.
—, und Börse 270£,
— von England 95, 229, .
— von Frankreich 95, 216f., 229,
Bankbürger 168.
3ankdiskont 193f,
3anken, Geschichte der 166 ff., 223 ff.
STE Che, Entwicklung der 169f.
3ankkonto 172f£. .
Banknote 206f., 216f., 218ff., 224 ff.
3Zankrate 193.
3ankzins s. Diskont.
3ardeckung der Noten 207£.
Zargeschäft 118. I .
3astiat, Frederic 18, 51, 57, 322, 391,
Bauplatz und Enteignungsrecht 54.
—, .Preisbildung 144,
3Zazard 421.
3Zecher, Johann Joachim 364f.
Bedarfsdeckungswirtschaft 131,
Bedürfnis, Dringlichkeit des 15
        <pb n="472" />
        Bedürfnis, geistiges, materielles 3,
—, Veränderung des 22ff., 87,
Bernstein, Eduard 314, 439.
Berufsklassen, Bildung der 63.
3eschaffnngskosten 16, 138, 140.
Besitzverteilung 310, 314.
Zesoldung 329, 336f.
Betrieb s. Unternehmen.
Betriebskapital 42.
Bevölkerungsgesetz (Malthus) 382f,
Bene FunBSVerIeNTUNG 368, 352f., 395,
Bimetallismus 108, 115f.
Blanc, Louis 428.
Blandbill 109,
Bodenbeschaffenheit 32 ff., 320.
Bodenerschöpfung, Liebigs Lehre 396.
Bodenpreis 144ff., 151.
Bodenreformer 440f.
Bodenrente 317, 318.
Böhm-Bawerk 10, 12, 13, 17, 328,
Boisguillebert, Pierre 370.
Borgsystem 120f,
Börse 232—252,
—, Arten 232.
—, Geschichte 2832,
—, Recht 233f., 251.
3örsenagusschuß 234.
Börsengeschäfte 236 1f., 270£.
3örsenkommissar 234, 252,
Börsenkrisis 293, 301.
3örsenmakler 238,
Börsenregister 251,
Börsenvorstand 235,
Brauchbarkeit von Gegenständen 10, 13,
14, 16.
Brentano, Lujo 285,
Broggia, Antonio 362. .
Bruttoertrag (Rohertrag) 308.
Bryanbewegung 112,
Bücher, Karl 63, 130, 449.
Buchez 428,
Buchforderungen. Diskontierung von 198.

(s. auch unter K.)
Öa-canny-System 331.
Salvin 358,
ambium 186.
Dampanella 416.
Darey 18, 320, 398 ff.
Jartwright 380.
Jasa di San Giorgio 167,
Jertifikat 116, 200, 267.
Öhild, Josiah 363,
Chrematistik 401.
Jlearinghouse 180£,
DJolbert 366 £.
Jomptantegeschäft 236.
Domte, Auguste 8.
Jonsiderant, Victor 428.
Contrat social 418.
Corner 282.
Cottagesystem 424,
Credit-mobiliers 270ff.. 299.

©.

Crompton 3880.
Cromwell 366,
Üurreney-sehool 208, 221.

D.

Deckung der Noten 207f., 220f
Deportgeschäft 237.
Jepositenbanken 171f., 176f.,
Depositengeschäft 169, 171 £.
Depot 171.
Jepotgesetz 172. .
Detailhandel, Detailpreis 143,
Jeutsche Bank 273f£., 278,
Jevise 187,
Dienste, ein Gut 10.
—, in der internat. Zahlungsbilanz 203.
Differenzgeschäft 237. ;
Diskont 1934.
—, Statistik 197.
Diskontogeschäft 170, 190, 193.
Diskontogesellschaft 273 £., 278.
Jiskontpolitik 194 £,
Dividende (Akt.-Ges.) 2691, 275, 300.
Domäne, Pachtpreise 150.
Doppelwährung 108, 111#.. 115.

HK.

Edelmetall 8. auch Gold, Silber.
—, Ein- und Ausfuhr 200, 366.
—, Geld, Münze 78, 81,
—, als Preismaß 136£.
—, Produktions- und Verbrauchsstatistik
91, 93ff., 100, 106.
OS Wertschwankungen 80ff., 83 fl.
Sdelmetalllombard 183. ‘
£ffekten, internat. Uebertragung 204,
Effektenbanken 272, 278£.
Effektenbörse 220, 226 ff.
£ffektenlomhard 183 £.
Effektivgeschäft 236,
Sgoismus 24f., 376, 452,
Shernes Lohngesetz 344 f., 347, 429.
Zheschließung, Beförderung der 368.
Eigennutz s. Egoismus.
Zigenproduktion (K. Bücher) 130.
Eigenschaften (geistige, sittliche) und wirtschaftliche
 Tätigkeit 24, 35,
Eigentum, Arten und Begriff 49f
—, Beschränkungen 58f.
—, u. Sozialisten, Kommunisten usw. 413£..
435, 443 #1.
—, theoretische Begründung 50{ff.
Eigentumsrecht, Entwicklung 52€,
Eigenwirtschaft (Schmoller) 181.
Zinfuhr 199, 201.
Einkommen 308, 317£,
£inkommensquellen 317f.
Zinkommensverteilung 308 ff,
Zinlösungspflicht der Noten 207. 210. 222.
Zinwanderung 368.
Einzelwirtschaft 1.
Kisenbahnbau (Fr. List) 406.
Emissionen. Statistik 242 ff.
        <pb n="473" />
        155

Emissionsbanken 270 ff.
Enfantin 422,
Engels, Friedrich 304, 313, 434.
Engrospreis 143,
Enteignungsrecht 54,
ürasmus, Desiderius 357,
Erbrecht 54, 313, 316.
Ernten und Krisen 296f.
Ertrag wirtschaftlicher Tätigkeit 308 ££.
Ertragswert 14, 148,
Erwerbsgesellschaften 253 ff,
Erwerbswirtschaft (Sombart) 131.
E und Wirtschaftsgenossenschaften
258€.
üskomptgeschäft, 170, 190, 198.
Ethik in der Nat.-Oek. 403, 451 £.

FR

Fabrik 48f., 334,
Faustpfand 122,
Federal-Reserve-Bank 219f,
Feingehalt und Feinheit der Münze 106,
Fichte 425f,
Finanzwissenschaft 4, 5.
Fix (u. täglich) 287,
Fleischpreis 157£.
Kürscheim 441,
Fondsbörse 232f.,, 2839f,
Forbonnais 363,
Fourier 422 f.
Franklin 3938.
Frau, Verbot des Börsenbesuchs 285,
Freies Gut 11.
Freihandelsschule 57, 368 ff.
Freiheit, wirtschaftl. 363 ff,, 376 ff.
Freilager 1838.
Fusion 284,

Gebrauchswert 12f., 356, 394.
Gehalt 329, 386£,
Geistige Eigenschaften, wirtschaftl. Bedeutung
 35.
Geld, 42, 7311., 831, 87£., 104.
—, Begriff und Eigenschaften 76 ff.
—, Geschichte 74f.
—, Theorien 77f., 83f., 360, 374, 395.1
Geldentwertung 86, 87.
teldlohn 329,
teldsurrogat 81,
Jeldverteuerung 88f, 92,
(deldwechsler 167, 185.
teldwert, Schwankungen 83 ft., 89ff.
Geldwirtschaft 1332 ff.
Gemeiner Wert 14,
Gteneralversammlung (Akt.-Ges,) 256, 280.
Genossenschaften 258 f.
denußwert s. Gebrauchswert.
teorge 319, 440.
Gerant 254,
Gesamteigentum 49, 52, 410.
deschäftsgewinn, Recht des Arbeiters
auf 332,
Wege Nschatk mit beschränkter Haftung

G.

xesellschaften s, Erwerbsgesellschaften.
xesellschaftslehre 8.
zesellschaftswirtschaft (Sombart) 130f.
*esindelohn, Naturallohn 329,
zesundheit und physische Arbeit 34, 68.
+etreide, Konsum 138,
—, als Preismaß 136.
Jetreidepreis 140f., 151,
—, Statistik 150f., 1584f., 247£.
Getreidetermingeschäft 247, 251,
tewerbe 46f.
—, Arten 28, 61,
ewerbefreiheit (Physiokraten) 370.
tewerke 258.
tewerkschaft 257f., (freie) 439.
Tewinnbeteiligung 332.
Tiroverkehr 168, 170f£.
3leichheit der Menschen 417, 424 f.
old 78, Produktion 91 ff., 93ff., 100, 114,
—, Verbrauch 96f,
—, Wertverhältnis zum Silber 97.
1011, 118,
3oldausfuhr(-einfuhr)punkt 205f.
Aoldbestand der Banken 95.
Joldknappheit 92, 114f.
toldpunkt 205,
30oldwährung 99, 108, 110,
30urnay 372.
3renznutzentheorie 17.
Großbetrieb 62f., 66, 70, 72, 262, 264,
262.
Gründerperiode 297f,
Grundkapital 42.
Grundpreis, 8, Bodenpreis und Güterpreis.
Grundrente 317, 318ff., 440,
—, städtische 319.
Grundrententheorien 318ff., 388f., 395,
399, 440.
a bei Physiokraten 871, 373,
440.
Gruppenakkord 831.
aut Öff, 14£.
gütergemeinschaft 411.
Güterpreise 147f., 150f.
Gütervertelung 308 ff.

N

Haftpflicht, Aktiengesellsch. 262.
—, bei d. Genossenschaften 258.
Haller, Ludwig 402£.
dalseysystem 831.
damburger Preise 159f,
Ba 49, 72f, 1981£., 2441t., 352€.
—, Produktivität 29£.
—, Stiller 55.
Handelsbilanz 198 ff., 360.
—, Statistik 201.
Handelsgesellschaft, offene 258f,
Handelskammer, Stellung zur Börse 234,
235.
Handelskompagnien 260
Handelskrisen 293, 302.
Handelsmünze 105.
Handelsperiode 129.
        <pb n="474" />
        — 456 —

Handelspolitik s. Schutzzollpolitik, Freihandel.

Handelsregister, Eintragungen 279,
Handelsstaat, geschlossener (Fichte) 426 f.
dandelsverein (List) 405.
Handwerk 46f.,, 48f., 61, 71, 335,
Hansemann 274.
Harmonie der Interessen (Freihandelsschule)
 57.
Hausse, &amp;amp; la spekulieren 241.
Hauswirtschaft 46, 60, 130,
Hermann 41, 597.
Herstellungskosten 16, 140.
Hertzka 441.
Hildebrand, Bruno 132, 410, 448, 452.
dinkende Währung 108,
distorische Schule 25f., 448.
Hobbes, EEE 51.
doffmann, J. G&amp;amp;. 397.
dumanismns 357,
Hume, David 79, 83, 3738,
Hutcheson 373.
Hutten, Ulrich v. 357.
Hypothek, Realkredit 119. 122.

Jahrespreis 152,
Jamben 75,
[nama-Sternegg 16.
Index-Nummern 162,
(ndividualisten 370 ff,, 400, 410, 443, 452,
(ndividualwirtschaft (Sombart) 130.
(ndossament 186f,, 189,
[ndustrial partnership 3832,
(ndustrie bei den Physiokraten 28f,,
370€,
‚ndustriebanken 270 ff,
Inhaberscheck 178,
[nstleute, Naturallohn 329,
Interessengegensatz (bzw. -yemeinschaft)
53, 57.
;nterimsscheine 255, 277.
Jobbertum 250,
Johnson 380,
[solierter Staat 140, 319. 398,

K_

(s. auch unter C.)
Kaffeetermingeschäft 245 f,
Kali, Frage des Staatsbetriebs 290f.
Kameralistisches Zeitalter 3581.
Kameralwissenschaften 7.
Kammzüge 252. .
Kampf ums Dasein und freie Konkurrenz
57ff,
Kanonisches Zinsverbot 120, 325.
Kanonisten 355f. .
Kapital 27, 401, 71f,, 135. 3221, 432,
—, Arten 42ff., 437.
—, Begriff 40, 42,
. Theorien 41. 323£.

Capitalismus 39, 47, 432, 437.
£apitalrente 317, 322 ff., 349f.
Xapitalsanlage 202f.,, 328 ff,
Sapitalsbildung 44£.
Kapitalsvereinigung 69£., 71£.
Zapitalzins 325, 399.
Kartelle 281 ff.
—, Ausbreitung 288,
Xartellenquete 289, 290.
Kassageschäft 236,
Xathedersozialisten 401.
Kaufkraft des Geldes 78f., 85, 87.
—, der Bevölkerung 347.
Kaufpreise der Güter s. Güterpreise.
Xaufwert 148,
Zingsche Regel 153,
&amp;lt;ipper- und Wipperzeit 107, 168f£.
&amp;lt;lassenkampf 438,
Cleinbetrieb 71f.; s. auch Handwerk.
&amp;lt;lima und wirtschaftliche Tätigkeit 32.
Xlock, Kaspar 364. .
{napp, G. F. (Geldlehre) 77.
&amp;lt;nies 41, 208, 448.
Kollektiveigentum, s. Sozialismus und
Kommunismus,
KXommanditgesellschaft 254.
Kommunalbetrieb, Ersatz der Aktiengesellschaften
 267.
Xommunismus 409, 416 ff.
Xommunistischer Anarchismus 411.
Xommunistisches Manifest 304, 435,
Zonkurrenz 571, 137£., 141 ff., 376£.
&amp;lt;onsumtion 30f., 120f£,
Konsumtionsgüter, Gegensatz zum Kapital
 40£.
&amp;lt;onsumtionskredit 120, 325,
&amp;lt;onsumvereine, Zahl 258.
Contingentierung der Noten 220f.
£ontokorrent 172.
Xonvertierung, Statist. 244.
Animation des Vermögens 89f., 310f..
13.
Korn (Schrot und K.) 105f.
Xörperliche Entartung, Gefahr 35, 68.
Costen s. Beschaffungskosten.
Costenwert 14, 18.
Lostgeschäft 237.
Srapotkin 446.
Kredit 117, 119ff., 1254,
—, Arten 119f., 122.
—, Begriff 117.
Kreditgeschäft 117, 120.
KXreditkrisen 293 ff, 2984f,
Zreditmittel, Wechsel und Note als K.
192, 207.
Sreditwirtschaft 118, 132ff,
Krisen 2911., 301 ff.
-—, Arten 293, 302.
—, Geschichte 293.
—, Theorie 292, 392,
Krone (Geldstück) 105.
Xropotkin 446.
Arupp’s Großbetrieb 70.
Xundenproduktion 1380.
Kupferasse 75,
Xurantmünze 104.
        <pb n="475" />
        157 —

Kurs der Kreditpapiere 268, 327f.
— der Noten 212f.
— des Wechsels 198, 204£,
Kursschnitt 252.
Kurszettel 240,
Kux 258.

1.

Lagerhaus 183.
Laissez faire ete. 371.
uandeszinsfuß 196, 326.
Bands  bechafh Produktivität der 28,
—, Verhältnis zu Handel und Industrie
28, 370£,
Lassalle 344, 386, 428f.
Lateinische Münzkonvention 100, 108.
Lawscher Schwindel 294 £.
Lebensbedürfnis, als Lohnmaßstab 337.
Lebenshaltung, Besserung der 314f£,, 338 ff,,
343, 395,
Legaltheorie (Eigentum) 51.
Legierung 106.
Lehngüter, Preise 150.
Leihkapital 42,
Leihmittel, Geld als 77.
Leistung als Lohnmaßstab 387,
Leistungsfähigkeit, Grundlage des Kredits
 117,
Leroux, Pierre 410.
Lieferungsgeschäft 236, 245,
Liquidationskasse 238.
Liquidationsverein 238,
List, Friedrich 129, 404 ff,
Literatur, allgemeine nationalök. 7f.
Locke, John 874.
Locogeschäft 236.
Lohn 329ff., 3361, 343 £.
—, Statistik 149, 338,
—, Theorie 3836ff., 343 ff., 376, 389, 399f.
—, untere Grenze 343, 390.
Lohnfondstheorie 346.
Lohngesetz, ehernes 344 f., 429.
Lohnhöhe 331 ., 338ff,
Lohnquote, Gesetz der fallenden 432,
Lohnregulierung 284, 343 4f., 399.
Lohnskala, gleitende 332,
Lohnwerk 47,
Lombarddarlehn 183.
Lombardgeschäft 182.
Luther 357.
Luxus 811.
r

Mably 418.
Makler s. Börsenmakler 343,
Malthus, Robert 382 ff, 395f.
Manchesterschule s, Freihandelsschule.
Manufakturperiode (List) 129.
Mark banco 169.
Marksystem in Deutschland 104.
Marktpreis der Arbeit bei Ricardo 389.
Marktverkehr und Börse 232.
Marx, Karl 18f., 27, 304, 313, 345f,,
433 ff.
Maschinen und Kapitalrente 3283£.

Maschinen und Maschinenarbeiter 436.
— in der Textilindustrie 379 ff,
Massenbeobachtung, Statistik 7.
Mag EP stische Geschichtsauffassung
435.
Mehrwert (Marx) 437.
Meliorationen und Grundrente 321f,
Melon, Francois 363,
Menger, Anton 439f,
Menger, Karl 17, 41, 212, 448.
a a 53, 56, 78f., 198, 359 bis
368.
Messe s. Wechselmesse,
Metallgeld 75, s. auch Edelmetall.
Metallwährung, s. Gold-, Silberwährung.
Methoden der Nationalök. 25£., 448 ff.
Mietpreise, statist. Angaben 145.
Mill, John Stuart 8, 83, 89, 127, 304,
346, 440.
Milliardenzahlung Frankreichs 123.
Minimallohn s. Lohn.
Mir 52.
Mittelalter, Volkswirtsch. 354.
Mittelstand 310, 314f., s. auch Handwerk.
Mode, wertverändernd 30,
Mohl, Robert v. 6.
Monopolgefahr 265, s. auch Kartelle.
Montesquien 51, 369.
Morus, Thomas 414 ff.
Müller, Adam 402f.
Mun, Thomas 363,
Münze 79, 108 ff.
—, Arten 108,
—, Bedarf 81, 124.
—, Zersplitterung im Mittelalter 167, 168 f.
—, Zırkulation 101, 106, 107.
Münzer, Thomas 417.
Münzgesetz 105.
Münzgrundgewicht 105.
Münzhoheit 104,
Miünzkonvention, lateinische 100, 108.
Münzparität 206.
Münzregal 76, 104.
Münzunion s. Münzkonvention.

N.

Nachfrage, Angebot und 138%, 152,
Nachschußpflicht bei Genossensch. 259.
Nationaleinkommen s. Volkseinkommen
Nationalökonomie, Begriff 3f,
—, Geschichte 350,
—, Literatur 9.
Natur, Beeinflussung 833.
—, Produktionsfaktor 27£., 32ff.
Naturallohn 329.
Naturalwirtschaft 132 £f.
Naturgesetze, wirtschaftliche 24f,, 59.
64, 376, 382f., 390f., 396, 449.
Natürlicher Lohn (Ricardo) 344, 392.
Naturrecht, Eigentumstheorie 50,
Navigationsakte (Cromwell) 366.
Nebenberuf at -gewerbe 71.
Nebenius 377£,
Normalarbeitstag (Rodbertus) 483.
Normativrbestimmungen (Aktienges.) 261.
        <pb n="476" />
        158 —

Notenbanken 8. auch Reichsbank 206{ff,
2161f., 228.
—, im Auslande 228 ff.
—, in Deutschland 223 ff.
—, Entwicklung 223 ff.
—; Statistik 281.
Notenbankpolitik 170, 216 ff.
Notenemission 208f., 216 ff,
Notenkontingent 2184,
Notenprivilegium 216, 225,
Notenumlauf, Statistik 175,
Nutzbarkeit von Gegenständen 10, 13, 14

0.

Objektiver Wert 13.
Oekonomie, politische 46,
Oesterreichische Schule s. Wiener Schule
Offene Handelsgesellschaft 253,
Okkupationstheorie (Eigentum) 50.
Oktroysystem (Aktiengesellsch.) 260.
Opfer, als Lohnmaß-tab 336.
—, als Wertmaßstab 16.
Optimisten, die nationalök. 391 ff,
Örderscheck 179,
Organisation, als Produktionsfaktor 27
Owen, Robert 304, 423£.

HP

Pacht und Grundrente 318.
Pachtzins, Statistik 150,
Papiergeld 84, 209 ff.
Papierwährung 109, 116.
Papierware 241,
Parallelwährung 108.
Pariwert 206.
Passiergewicht 106,
Passivgeschäft 166.
Patent als Gut 9.
Pecunia 74,
Peelsche Bankakte 220, 229.
Personalhaft und Wechselstrenge 189.
Personalkredit 122,
Pessimisten, die nationalök. 382 ff.
Pfund Sterling 169.
Phalanges u. Phalansteres (Fourier) 423.
Philippovich 8, 131£,
Physiokraten 28, 53, 8370 ff,
Plato 353, 418.
Platzwechsel 187,
Politik 6.
Politische Oekonomie 4, 6.
Polizeistaat 358, 369f.
Polizeiwissenschaft 6.
Postscheck (-gesetz, -ordnung) 181,
Postsparkasse 181.
Prägegebühr 106f.
Prägung des Geldes 76, 106f.
Prämiengeschäft 237,
Prämiensystem 381. .
Preis 20, 136—166, s, auch Bodenpreis,
Getreidepreis, Güterpreis usW.
Dal iehung durch Terminhandel
„-, Begriff 20.

Preis, Bildung 137ff., 141f., 283.
—, Schwankungen 85, 90£., 103, 308.
—, Statistik 145 ff., 148ff., 150f£., 1531,“
160 ff
Preistreiberei 250.
Preußische Bank 170.
Privatdiskont 193,
a 50, 52, 410£., 417, 435,
7.
Privatinteresse 24f,
Privatpapiergeld 210,
Privatprägung 106.
Privatwirtschaft 1, 2.
Privatwirtschaftlicher Wert 14.
Privatwirtschaftslehre 8,
Produit net (Physiokraten) 308, 371.
Produktenbörse 232,
Produktenpreis 154 ff,, 158 ff,
Produktion 22 ff., 24ff., 27ff., 86.
—, kommunist. 447.
—, Regelung durch Kartelle 283,
— 8. auch Edelmetall, Produktionsstat.
Produktionsfaktoren 27, 32—49, 126, 317.
Produktionskosten der Kdelmetalle 82.
Croduktionskredit 120, 325, 355.
Produktionsmittel und Kapital 44.
Produktionsprozeß, Kapital im 43,
Produktivassoziation (Sozialisten) 429f
Produktive Konsumtion 81. .
Produktivität des Kapitals 325. ;
— des Kredits 124.
— der verschied. Gewerbe 28f, 370£.
Profitrate (Marx) 437.
Proletarisierung s. Verelendung.
Prolongationsgeschäft 237,
Proudhon 304{£., 441 ff.

0.

Quantitätstheorie 83, 374
Quesnay, Francois 370£.

RR.

Raiffeisensche Darlehnskasse 177
Raleigh, Walter 362.
Rasseeigenschaften 34, 35 ff,
Rau, Karl, Heinrich 4, 13, 397
Realistische Richtung 448 ff.
Realkredit 122.
Reallohn 340.
Rechnungsmünze 169.
Recht als Gut 9.
Reformationszeitalter, Volkswirtschaft im
358.
Regal s. Münzregal.
Reichsbank, Depositen-, Lombard- usw.
Verkehr 171, 172, 188, 195.
—, Goldbestand 95.
—, Notenumlauf 175, 207, 231.
—, Rechtslage 225 ff,
Reichskassenscheine 210,
Reineinkommen 309.
Reinertrag 148, 308, (abnehmender): 388.
Reingewinn, Teilnehmerschaft am 332 ff.
        <pb n="477" />
        4159

Remittent (Wechsel) 187.
Rente s. Arbeitsrente, Bodenrente, Kapitalsrente,

Reportgeschäft 287.
Reproduktionskosten 16, 18, 394,
Reservearmee, industrielle 345f,, 436.
Revisionisten 4389 ff.
Revolution, französische 380, 420.
Ricardo, David 18f., 57, 208, 804, 319£.,
343, 385-—391. ;
Ring 282.
En aleihung durch Terminhandel
Risikoprämie 325,
Rodbertus-Jagetzow 20, 27, 304, 328, 430 ff.
Roheinkommen 309,
Rohertrax 308,
Rohproduktion, Gewerbe der 28, 371,
Romantische Schule 402 ff.
Roscher, Wilhelm 41, 313, 349, 448, 450f.
Rousseau 369.
Rowanssystem 331,
Rubel, Erklärung des Wortes 75.

8

Sachgut 10.
Saint-Simon 419ff. .
3aisonarbeit und Arbeitsvereinigung 70.
Sammelscheck (-überweisung) 182.
Say, Jean Baptiste 391.
Schäffle 8, 41, 322, 349.
Scheck 171, 178.
Scheckgesetz 178f,
Scheckstempel 179.
Scheidemünze 104.
Scheingeschäft 238.
Schlagschatz 107, 206.
Schlußschein 238, .
Schmoller 63, 131, 292, 313, 449£,
Schröder, Wilh. v. 365,
Schrot und Korn 105f.
Schulze-Delitzsch 259, 428.
Schutz des Schwachen 53, 58f., 402, 452.
Schutzzollpolitik 366ff., 396, 408.
Schwänze 250, 282.
Scontration 180.
Scontrobogen 238.
Seckendorff, Veit Ludw. v. 364.
Seehandlung 271.
Sekel 75,
Selbsthilfe 428.
DE und Wertbestimmung 15, 18f.,
386f.
Seltenheitspreis 142,
Serra, Antonio 362,
Shermanbill 109,
Silber, Produktion 91ff., 93, 100, Verbrauch
 97, Wertverhältnis zum Gold
974., 101 £,
Silberwährung 99, 108,
Silo 67.
Sismondi, Simonde de 391, 400 ff,
Sittliche Eigenschaften, wirtsch. Bedeutung
 38.
Smith, Adam und seine Lehre 12, 18,

23f., 44, 53, 57, 64, 67, 79, 136, 374—
378, 401, 403£.
Sondereigentum 52,
Sonnenstaat (Campanella) 416.
Sozial, Begriff 410.
Sozialdemokratie, Begriff 412,
Sozialer Körper 8.
Sozialismus 313f., 409, 416. (s. auch
d. einz. sozialist. Schriftsteller).
—, wissenschaftlicher 430 ff.
Sozialwissenschaft 8.
Soziologie 8,
Sparen 44, 134,
3parmittel, Geld als 76,
)pekulation 29, 127f., 293.
)pekulationskrisis 294 f,
jpence, Thomas 440.
;pencer, Herbert 8.
jpezialisierung der Tätigkeit 63, 69.
Staatsaufgaben, hinsichtl. d. Aktiengesellächaften
 2774,
— in bezug auf das Geld 103 ff,
— und die Einkommensverteilung 312ff,
— in der Theorie 360, 377f., 408, 411£.,
413ff., 426, 428, 452,
Staatenkunde 7,
taatsbesitz 290,
taatsbetrieb 267, 290, 428,
taatshaushalt, Lehre vom 5,
Staatshilfe 428,
Staafslehre, allgemeine 6.
Staatsrecht 6.
taatsromane 4181.
;taatswissenschaften 4, 6.
Stadtwirtschaft 130.
;tandard of life s. Lebenshaltung.
Standardisierung 68, 67.
;tändebildung 63.
statistik 7,
3tehendes Kapital 43.
Stein-Hardenberg 381.
Stempelung des Geldes 75,
Stiller Handel 55.
Stirner 443
Stock of labor 874,
Stoffveredelndes Gewerbe 28,
Stücklohn 330,
Subjektiver Wert 13.
3urrogat (s. auch Geldsurrogat) 139.
JZüßsche Hypothese 114.

T.

Tableau Economique (s. Quesnay).
Tägliches Geld 172. 6.8
Taler 80, 108.
Pausch 50, 55£., 130.
Fauschbank (Proudhon) 442.
Tauschmittel, Geld als 74, 78f.
Tauschwert 12f., 354, 356, 376, 386, 394.
Taylorsystem 331.
LPeilnehmerschaft am Reingewinn 332{ff,
Cemple, William 363.
Permingeschäft (Handel) 236, 244 ff., 251.
Cextilindustrie, Erfindungen in der 379{£,
Chünen, Joh. Heinr. v. 17, 140, 344, 397 ff.
        <pb n="478" />
        30

T’rassant, Trassat, Tratte 187.
Trust 284.
;rustee 285,
Tulpenmanie 298f., ;
Turgot 16, 372. a
Fypen, Herstellung von 66.

Jebergangswirtschaft (Sombart) 130.
Ueberproduktion 8305f.
Jebervölkerung 368, 382f., 395f., 402,
Ultimogeschäft 237.
Umlaufendes Kapital 43.
Unternehmen. Unternehmer 46f., 332f., 348f.
Unternehmereinkommen 349,
Unternehmergewinn 38317, 348 ff.
Unternehmerverbände s. Kartelle.
Urproduktion, Gewerbe der 28, 371.
Urteil, menschliches, wertbildend u. -vernichtend
 30,
Utopia 414f£.

U.

Y.)
Valutabekenntnis 188,
Vauban 370,
Verein für Sozialpolitik 451,
Verelendung 432, 438.
Verfassungspolitik 6.
Vergesellschaftung des Betriebes 411£.
Verhältnisse (als Gut) 10.
Vermögen 21, 40,
Per p Akninen zahlen und -verteilung
315€.
Verstaatlichung s. Staatsbesitz, Staatsbetrieb,
 auch 410£,, 440,
Versteigerung 141.
Verulam, Baco v. 362,
Verwaltungspolitik 6.
Verwaltungsrat 256, 266.
Verwaltungsrecht 6:
Viehgeld 74. n
Volksbank (Proudhon) 442,
Volkseinkommen 309.
Volksvermehrung 368.
Volksvermögen 21, 202..
Volkswirtschaft, Wesen 1,
—, Entwicklungsstufen (List, Bücher usw.)
129—132. ‚E !
Volkswirtschaftlicher Kongreß 451.
Volkswirtschaftlicher Wert 14.
Volkswirtschaftslehre, Begriff 3£., Läiteratur
 9, Geschichte 350,
Volkswirtschaftspflege 4.
Volkswirtschaftspolitik 4f., 450.
Volkswohlstand 46. 376.

W. X.

Wagner, Adolf 41, 51, 267, 313, 451. .
Währung 104, 108 ff., 110£., s. auch Goldwährung,
 Silberwährung usw.
—, Arten 108.
—, Geschichte 108f. ;
— Theorie 110£.

Währungskonvention 112f.
Währungsmünze 104f,
Wallace 440.
Varenbörse 232, 241 ff.
arenlombard 183.
Varenproduktion 130.
"arrant 183.
Yealth of nations (Smith) 375.
Vechsel 184 1f., 204.
Vechselbörse 233,
Vechselkurs 198, 204£.
/echselmesse 186.
‚Vechselpari 205.
Vechselprotest 189,
Wechselrecht 186f,
Wechselreiterei 191.
Wechselstrenge 188, 189.
Wechselumlauf. Statistik 194,
Wechsler im Mittelalter 167,
Weltverkehr, Beispiele für 1f.
Weltwirtschaft, -lehre 7f.
Wert 11,
—, Arten 12f.
—, Bildung 12, 14£., 27, 30.
—, Theorien 16ff., 376, 386f., 392, 394,
437, 442.
Wertfaktor 14ff., 18,
Wertmaß 76, 136.
Wertverhältnis von Gold und Silber 971,
101£,, 113.
Wertvermehrung 27.
Wertvernichtung 30.
Wertverschiebung 15, 146.
Wertzuwachssteuer 146,
Wiegen des Metails 75.
Wiener Schule 17, 26, 41, 344, 448f., 451.
Wipperzeit 168f£.
Wirtschaft, Arten, 128—136, Begriff 3.
Wirtschaftl. Gut 11.
Wirtschaftl. Tätigkeit 3, 23f., 352£f., 379 ff.
Wirtschaftsgenossenschaft 258f,
Wirtschaftsgeschichte 25f., 352, 448 ff.
Wucher 190.
Xenophon 353.

Zahlungsauftrag 186.
Zahlungsbilanz 198 ff., 2038.
Zahlungsmittel, gesetzliches 77, 207.
—, internationales 124, 191.
Zeitgeschäft s. Termingeschäft.
Zeitlohn 320£.
Zertifikat 116, 207, 210.
Zettelbanken 170, 206f,
Zins 325f., 327f., 354, 399.
Zinsfuß 326ff., s. auch Landeszinsfuß:
Zinsstatistik 327f.
Zinstheorien 325 ff, 355€,
Zoll s, Schutzzollpolitik.
Zollverein s. List.
Zubuße 258,
Zustandskunde 7.
Zwang, wirtsch., sozialer 367 ff
Zwangskurs 200 £.
Zwischenhandel, Produktivität 29f.

ZZ.

3. Pätz’sche Buchdr. Lippert &amp;amp; Co. 6. m. b. H., Naumburg a. d. S.

0
1
        <pb n="479" />
        Verlag yon Gustay Fischer in Jena,
Prof. Dr. J. Conrad
Halle a. 8.

Grundriß zum Studium der politischen
Oekonomie.

I. Teil: Nationalökonomie. Achte ergänzte Alıflage. 1915.
II. Teil: Volkswirtschaftspolitik. Sechste ergänzte Auflage, 1912,
Preis: 13 Mark, geb. 14 Mark 50 Pf.
IL Teil: Finanzwissenschaft. Sechste erweiterte und ergänzte Auflage.
 1913. Preis: 9 Mark, geb. 10 Mark.
IV. Teil: Statistik. .
1. Teil: Die Geschichte und Theorie der Statistik, Die Bevölkerungsstatistik,
Dritte ergänzte Auflage. 1910. Preis: 5 Mark, geb. 6 Mark.
2. Teil: Die Statistik der wirtschaftlichen Kultur.
1. Hälfte: Berufsstatistik, Agrarstatistik, Forst- und Montanstatistik.
 Zweite Auflage. 1913, Preis: 6 Mark 50 Pf., geb. 7 Mark 50 Pf.
2. Hälfte, 1. Band: Gewerbestatistik, Von Prof, Dr. A. Hesse, Königsberg
 i. Pr. Zweite, völlig umg’'earbeitete Auflage. 1914,
Preis: 13 Mark, veb. 14 Mark.

Leitfaden zum Studium der Nationalökonomie.
Sechste ergänzte Auflage. 1912, Preis: 2 Mark, geb. 2 Mark 50 Pf,
Leitfaden zum Studium der Volkswirtschaftspolitik.
Vierte ergänzte Auflage. 1911. Preis: 2 Mark 80 Pf., geb. 3 Mark 40 Pt.

Vorlesungen über Nationalökonomie auf Grundlage des Marginalprinzipes.
 Von Knut Wicksel, Professor der Nationalökonomie an
der Universiiät Lund.
Theoretischer Teil. Erster Band, Mit 18 Abbildungen. Vom Verfasser
durchgesehene Uebersetzung von Margarethe Langfeldt. 1913, (XI, 290 8.
gr. 8%) Preis: 6 Mark.
Inhalt: Einleitung. Der Begriff der Nationalökonomie, Die Einteilung
des Stoffes, — I. Die Lehre der Bevölkerung, ihrer Zusammensetzung und Veründerung,
 1. Die Verteilung nach Lebensaltern. 2. Die Verteilung nach Geschlechtern
and nach dem Zivilstande, 3. Die Veränderungen der Bevölkerung, Die Sterblichkeit.
4. Die Fruchtbarkeit. 5. Die natürliche Volksvermehrung. 6, Ein- und Auswanderung.
7. Die Malthussche Bevölkerungslehre, 8. Die zwei Bevölkerungsfragen. — 11. Die Wertlehre,
 1, Der Tauschwert und seine Ursachen. Aeltere Erklärungsversuche. 2. Der Begriff
 Grenznutzen. 3, Der freie Tausch und der Marktwert, 4. Einwendungen gegen die
Grenznutzentheorie und Ausnahmen dieser Theorie. 5. Der Gewinn bei freiem Tausche.
5, Die Preisbildung bei eingeschränkter Konkurrenz. 7. Die Preisbiidung unter dem Einlusse
 der Produktion. Vebergang zur nächsten Hauptabteilung. — 1IL Die Produklions-
 und Verteilungslehre. 1. Kapitallose Produktion (Die Grundbesitzer als
Unternehmer. Die Arbeiter (oder eine dritte Person) als Unternehmer, Die Einwirkung
der technischen Erfindungen auf Grundrente und Arbeitslohn). 2. Die kapitalistische
Produktion. (Der Begriff Kapital. Die Grenzproduktivität des Kapitals. Einjährige
und mehrjährige Kapitalinvestierung., Alternative Konstruktion des Kapitalzinses
and der Lösung des Verteilungsproblems. Wissenschaftliche Streitfragen hinsichtlich
des Kapitals). 3. Produktion und Austausch in ihrem Zusammenhange miteinander.
Definitive Theorie des Tauschwertes. — IVY. Die Kanitalbildunz.
        <pb n="480" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena,
Wörterbuch der Volkswirtschaft
in zwei Bänden.

Herausgegeben von
Prof. Dr. Ludwig Elster,
Virkl. Geh. Ober-Regierungsrat und Vortrag. Rat im Ministerium der Geistlichen und
Unterrichts-Angelegenheiten in Berlin.

*umw—esrheitete Auflage, )
Preis: brosch, 45 Mark, elegant gebunden 50 Mark.
Umfang: X, 2936 S. [mit ausführl. Sachregister]. — Lex.-Format. — 1911.
Das Wörterbuch der Volkswirtschaft ist für weitere Kreise bestimmt. Es soll ein
Ratgeber sein für alle, welche den wirtschaftlichen und sozialen Fragen unserer Zeit mit
Interesse folgen.
Bei der Neubearbeitung‘ dieses bekannten Wörterbuchs der Volkswirtschaft für
die dritte Auflage sind wiederum bemerkenswerte Verbesserungen vorgenommen
worden, so ist Welthandel, Weltwirtschaft und Weltverkehr in erschöpfender und einheitlicher
 Behandlung neu hinzugekommen, den politischen Parteien, den Wahlsystemen
und der staatsbürgerlichen Erziehung sind besondere Aufsätze gewidmet worden; die
Wirtschaftsgeographie hat durch einen Fachmann Bearbeitung erfahren und die Berufsorganisation
 ist in verschiedenen ergänzenden Artikeln umfassender als früher berücksichtigt.
 Im einzelnen sind die vorhandenen Gruppen durch neue bereichert worden,
so namentlich das sich immer mehr ausbreitende Gebiet der sozialen Hygiene und
der Arbeiterfrage.
Von ganz besonderem Wert ist das Werk für alle Deutschen im Auslande, die sich
über den Gang und Stand der wirtschaftlichen Verhältnisse in der Heimat kurz und zutreffend
 unterrichten wollen, und naturgemäß über diese Dinge fortdauernd unterrichtet
xeiben müssen.
Gerade für die Männer der Praxis, die jüngeren Verwaltungsbeamten, die Industriellen,
lie Großkaufleute, Landwirte, Anwälte, mit einem Worte: für solche, die im praktischen
Leben stehend am öffentlichen Leben regen Anteil nehmen und die sich deshalb durch
übersichtliche Artikel über die wirtschaftlichen Verhältnisse und die wirtschaftliche
Gesetzgebung Deutschlands und aller bedeutenden Staaten eine rasche und objektive
Jrientierung verschaffen wollen, ist das Werk unentbehrlich.
Ebenso wichfig und wertvoll ist es für Volks-, Stadt- und Regierungsbibliotheken,
 Landratsämter, Gemeinde- und Polizeiverwalfungen,
Lesevereine, Lehrer- und Forstbibliotheken, Konsulate und Gesandtschaften.
Das Wörterbuch der Volkswirtschaft setzt sich zusammen aus einzelnen alphabetisch
 geordneten wissenschaftlichen Arbeiten von „sorgfältiger Gliederung“, die
‚bei aller Knappheit doch erschöpfend, bei aller Gemeinverständlichkeit nie oberflächlich
sind“, (Deutscher Reichsanzeiger Nr. 175, 1898.)

In Schmollers Jahrbuch führte Prof, v. Wenckstern u. a. folgendes aus:
‚.. Es ist ein Werk, eingerichtet für das Eindringen in die breitesten Schichten der
mit Gesellschafts- und Staatswissenschaften Fühlung haltenden Persönlichkeiten, mögen
sie noch im Studium stehen, mögen sie im Amt, in der Wissenschaft, in der Presse. auf
niederer oder hoher Rangstufe sich befinden.
Wenn somit das äußere Gewand des Werkes als geradezu bestechend bezeichnet
werden kann, so gebührt in allen Hauptpunkten eine ebenso uneingeschränkte Anerkennung
 der inneren Gliederung des Stoffes und dem Inhalt eigentlich aller Artikel. Unter
der äußerlichen Einteilung steckt die Hauptsache: eine wirklich lebendige und praktische
systematische Gliederung des Stoffes,
Prof. Dr. Bernhard Harms schreibt: Dieses ansgezeichnete Werk, das in der
internationalen Literatur einzig dasteht, sollte in keinem deutschen Klub des Auslandes,
in keinem Kontor eines größeren Unternehmens, vor allem aber in keinem deutschen
Konsulat fehlen. Es unterrichtet über alle Fragen des Volks- und Weltwirtschaft so
vorzüglich, daß von ihm mit Recht gesagt werden darf: es ist ein unentbehrliches
Nachschlanewerk.

Ay Ofen page a mm urn ass zes EEE .‚E
| Ausführlicher Prospekt kostenfrei, — Probe-Lieferung zur Ansicht, ]
        <pb n="481" />
        ‚Verlag von Gustav Fischer in Jena

°a deutschen Großbanken und ihre Konzentration im
Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesamtwirtschaft in Deutschland,
Von Dr. Riesser, Geheimer Justizrat und ordentl. Honorarprofessor an der
Universität Berlin. Vierte verbesserte und vermehrte Auflage. Mit
Vebersichtskarte, 1912. Preis: 16 Mark, geb. 17 Mark 50 Pf,
Als wesentlich gekürzte Ausgabe vorstehenden Buches erschien von demselben
Verfasser : Bank 4 . altliche Br
; . ank- und finanzwissenschaftliche Studien. 1912,
Von 1848 bis heute. Preis: 3 Mark, in Halbleinen geb. 3 Mark 50 Pf.
Inhalt: I. Einleitung. Die Aufgaben des Bankwesens im Wirtschaftsleben,
II. Die erste Epoche (von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1870).
[II. Die zweite Epoche (von 1870 bis zur Gegenwart). IV. Die Konzentrationsbewegung
 im deutschen Bankwesen während der zweiten Periode (1870 bis zur
Gegenwart). V. Der gegenwärtige Einfluß der Banken- und Industrie-Konzentration.
 VI. Die durch die Konzentrationsbewegung geschaffene Lage; Vorteile und
Gefahren der Konzentration;.die Aussichten für die Zukunft. — Sachregister.
Hamburger Nachrichten, Nr. 338 vom 21. Juni 1912;
Besonders die minderbemittelten Studierenden des Wirtschaftswesens, wie Bankbeamte,
junge Kaufleute und Handelshochschüler werden diese Volksausgabe des berühmten Riesserschen
Buches gem erwerben. Das Buch bietet auch in seiner gekürzten Form noch einen so trefflichen
[nhalt, daß man sich nur freuen kann, daß auch eine Wwohlfeile Ausgabe der Arbeit des bedeutenden
 Finanzgelehrten erschienen ist
. sa ..
Die New Yorker Fondsbörse (Stock Exchange). Ihre
Geschichte, Verfassung und wirtschaftliche Bedeutung von Dr. jur.
Kurt Freiherr von Reibnitz, Reg.-Assessor, Dr. phil. 1912. Preis: 4 Mark.
Inhalt: Erster Teil: Die Geschichte der Stock Exchange. I. 1817—1857.
Il. 1860)-—1873. III. Die Krisis von 1873. 1V.1879—1890, V. Die Krisis von 1892,
VI 1896—1906. VII Die Krisis von 1907 und ihre Folgen. — Zweiter Teil: Die
Verfassung der Stock Exchange, I. Ihre Organisation. II. Ihre rechtliche Struktur.
 II. Die Mitgliedschaft der Stock Exchange. IV. Der Effektenhandel. V. Die
Hilfsmittel des Effektenhandels. — Dritter Teil: Die wirtschaftliche Bedeutung
der Stock Exchange, I. Die Bedeutung der Stock Exchänge für das Wirtschaftsleben
 der Vereinigten Staaten II. Die internationale Bedeutung der Stock Exchange.
— Sechlußbetrachtungen. — Literaturverzeichnis.

Die amerikanische Bankreform. (y908 28 UM Dree SM
Die amerikanische Bankreform stellt eine der größten organisatorischen Maßnahmen
 dar, die je auf dem Gebiete des Bankwesens zur Durchführung gelangten.
{hr Einfluß auf den Geldmarkt und die gesamte Volkswirtschaft, zunächst der Verainigten
 Staaten, in zweiter Linie aber auch der übrigen Handelsvölker, kann nicht
‚eicht überschätzt werden. Die genauere Kenntnis des Reformwerkes ist somit für
jeden praktischen Bankmann, Kaufmann und Nationalökonomen von hohem Werte.
Doch auch dem Theoretiker wird die Arbeit viel Interessantes bieten, denn das Rerganisationswerk
 verkörpert erstmals eine Reihe von Grundsätzen der Bankpolitik,
weiche die Wissenschaft im Lauf des letzten Menschenalters entwickelt hat.

Die Konjuktur-Periode 1907—1913 in Deutschland. von
*rihur Feiler, Redakt. d. Frankfurter Ztg. (X, 2048, gr. 8%.) 1914, Preis: 5 Mark.
Inhalt: 1,.Der Gang der wirtschaftlichen Krisen. 2. Der Konjuktur-Umschwung
von 1907. 3, Die Depression. 4. Der Wiederanstieg. (Die gewerbliche Konjuktur
L910—12. Der Kapitalmarkt 1910—12). 5. Das Ende der Hochkonjunktur, (Der
Balkankrieg. Der Abstieo 1913.) 6. Das Ergebnis. — Anhang: 47 Tabellen.

Die wirtschaftliche Bedeutung und Organisation der
* ;tienras aahe Von Dr. phil. et jur. Richard Passow, Privat-“
 ktiengesellschaft, dozent an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften
 zu Frankfurt a. M. 1907. Preis: 5 Mark.
Prankfarter Zeitung, Fön 10. Oktober 1907: der Unternet f der Akti
.‚«., Derjenige, r x Ai 73 i i 6 Et KL eNzeseilschaft
 sich Tat Orte toren en ie wirtschaftliche SONO OR npegung a Oele "inden.

Die Entstehung der deutschen Kameralwissenschaft im
17. Jahrhundert. von Dr. Axel Nielsen. 1911. Preis: 3 Mark 50 Pf.

GG. Fätz’sche Buchdr. Ligpert &amp;amp; Co. G. m, b. H., Naumburg a. d. 5.
        <pb n="482" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena, ;
Die Erschütterung der Industrieherrschaft und des
Industriesozialismus. \° Gerhard Hildebrand. 1910.

Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1911:
Eine Veröffentlichung in der Zeit auffallender Preissteigerung von Nahrungsmitteln und
Textilrohstoffen, und Erklärung dieser Tatsachen aus weltwirtschaftlichen Dauervorgängen; ein
Buch inDeutschland geschrieben unter dem akuten Gegensatz zwischen agrarkonservativen und
industriell-demokratischen Interessen mit der Empfehlung einer demokratischen Agrarpolitik. Also
oine zeitgemässe Erscheinung; die beachtet werden wird und die Beachtung durchaus verdient,
Eine ernste Warnung für die europäischen Industrievölker, für Industrie, Kapitalisten, Lohnarbeiter...
 Von den Schlußfolgerungen durchziehen namentlich zwei die gedankenvollen Aus-"ührungen
 des Verf.: 1. Die sich vollziehende weltwirtschaftliche Entwicklung macht den sozialistischen
 Zukunftsstaat in Westeuropa zur Unmöglichkeit. 2. Der Niedergang der westeuropäischen
 Stellung... {A. Sartorius von Waltershausaen)

* Von Richard X.ildebrand.
Über das Wesen des Geldes, (498. 8°) 1914. Preis: 1 Mark 20 Pf.
Der Verfasser der vorliegenden Schrift bietet präzise gefaßte Ausführungen, die bestimmt
zind, dem juristischen sowohl wie dem ökonomischen Wesen des Geldes gerecht zu werden. Die
Schrift eröffnet ebensowohl dem Zivilisten und Vertreter des öffentlichen Rechts wie dem
Nationalökonomen neue Gesichtspunkte von weitgehendem Interesse. Beispielsweise sei auf die
Stellungnahme des Verfassers zu der herrschenden Lehre über das gegenseitige Verhältnis der
Begriffe Kauf und Geld wie auch der Begriffe Geld und Zahlungsmittel verwiesen.

.% A. The Meaning of Money. Von
Geld und Kredit in England, Hartley Withers, Uebersetzt
von Dr. Hans Patzauer. Mit einer Einleitung von Dr. Ernst Freiherrn
von Plener, österreich. Finanzminister aD. 1911. Preis: 5 Mark, geb. 6 Mark.
Leipziger Neueste Nachrichten, 25, Januar 1912:
Das Withersche Buch hat in der englischen Originalausgabe einen außerordentlich
zroßen Erfolg gehabt, Denn es existiert über diesen Gegenstand trotz der vielen Publikationen
keine nur annähernd so klare und übersichtliche Darstellung des Londoner Geldmarktes, wie in
der vorliegenden Arbeit. Für festländische Leser wird die Schilderung der Kreditgewährung
seitens der Londoner Aktienbanken besonders interessant und instruktiv sein. Das Buch ist mit
großer Präzision geschrieben und wird sich auch in der vorzüglichen deutschen Vebersetzung
zweifellos viele Freunde erwerben. Alle am Geldwesen interessierten Kreise der Thenrie und
Praxis werden das Buch mit Genuß und Nutzen lesen.

* *
Die Grundlagen unseres Depositen- und Scheckwesens.
Von Dr. Siegmund Proebst. (Sammlung nationalökonomischer und statistischer
 Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle a. S.
Hrsg. von Prof, Dr. Joh. Conrad, Bd. 59.) 1908, Preis: 4 Mark 50 Pf,
Inhalt: 1. Die Notwendigkeit der weiteren Ausbreitung des Scheck- und
Girowesens, seine geschichtliche Entwicklung und Technik. % Die Grundlagen
anseres Depositen- und Scheckwesens. 3. Die wichtigsten Vorschläge zur Sicherung
der Einlagen und Scheckkontrahenten.
Wir würden dieses Buch gern in der Hand eines jeden Bankbeamten und Kaufmannes
sehen, Es gibt in übersichtlicher Darstellung die Zahlungsmethoden früherer Zeiten und führt
lann in das neue Scheckgesetz vom 11. März 1908 ein. Die vielen Formulare, die dem Buche
veigegeben sind, machen es zu einem sehr nraktischen Kommentar für die einschlägige Begrünlung
 des Scheck wesens (Exportwelt.)

2 . Untersuchungen ii i
Das Depositenwesen in Deutschland. 7 uaiät der Deveaiter
Institute und die Sicherheit der Danositengelder Von Dr. phil. Hans Meltzer.
1912, Preis: 4 Mark.
Inhalt: Einleitung. I. Die einzelnen Depositeninstitute und die Liquidität
ihrer Anlagen, (Die Privatbanken; Die ‚Kreditaktienbanken; Die Kreditgenossenschaften;
 Die Sparkassen; Sonstige Depositeninstitute.) — II. Die Sicherheit der Depositengelder.
 — II. Reformhestrehungen. — Literaturverzeichnie

« 5 416 Von Paul Model.
Jie großen Berliner Effektenhanken, Aus dem Nachlesen de
Verfassers herausgegeben und vervollständigt von Dr. jur. Ernst Loeb. Mit
einer Vorrede von Professor Dr. Ad. Wagner und einem biographischen Ge-‚eitworte
 von Dr, 0. Köbner. 1896. Preis: 5 Mark.
Finanzielle und Asseouranz-Revue, 1897, No. 7: ... ein ausgezeichnetes Buch, dessen Inhalt
 es jedermann ermöglicht, einen tiefen Blick in die Gebarung einer Bankanstalt zu tun und
3ich daraus die Lehre zu ziehen, wie ein Finanzinstitut geleitet werden soll und wie nicht. Wir
können demnach, insbesondere den Bankkreisen. dieses Buch wärmstens emmyfehlen.
        <pb n="483" />
        AH LONSIA
LEVADSLEHALTEN
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.Nngswesens ist dort ein Sozialist. Dadurch ist viel Verwirrung
irbeigeführt, und Leute, die jene Länder nicht aus eigener Anhauung
 kennen, lassen sich daher durch Schriften, namentlich
aitungen verleiten, dort eine so große Verbreitung sozialistischer
leen anzunehmen, wie sie tatsächlich nicht existiert. Nach unserem
prachgebrauche, der hier durchaus korrekt ist, wird erst der als
»zialist anzusehen sein, welcher das Kollektiveigentum als die
egel, Privateigentum nur als Ausnahme verlangt, während der,
elcher eine Erweiterung des Staats- und Gemeindebesitzes verlangt,
weit derselbe nur eine Ausnahme bleibt, um bestimmte Zwecke
;sser erreichen zu können, den individualistischen Boden nicht ver-St;
 sonst kommt man eben dazu, Jeden als Sozialisten zu beichnen
 und ihn eventuell damit zu diskreditieren, der irgendeine
eränderung unseres KErbrechts oder unserer Besitzverhältnisse
strebt.
Hier sind wir aber bereits zu dem Punkte gelangt, wo wir den Kommunismus
ısdruck „Kommunismus“ von dem des „Sozialismus“ scheiden müssen,
‚mn wir können in keiner Weise die Behauptung Georg Adlers
ı. W. d. St.) und Grünbergs (Wörterb. der Volkswirtschaft) als
chtig anerkennen, daß in dem gegenwärtigen Sprachgebrauch beide
ısdrücke als völlig gleichbedeutend angenommen werden, wenn auch
zugeben ist, daß früher eine solche Scheidung gewöhnlich nicht geacht
 wurde. Niemand bezeichnet heutigen Tages Marx, Lassalle
W. mehr als Kommunisten; jeder nennt sie dagegen Sozialisten.
isenhart hält allerdings die Ausdrücke nicht genügend ausaander.
 Mit vollem Rechte spricht R. Stammler von einer komanistischen
 Richtung im Anarchismus, während ein sozialistischer
aarchismus ein Unsinn ist. Der Sozialismus setzt einen fest ornisierten
 Staat voraus, der Anarchismus dagegen negiert denselben.
mmunismus aber kann ohne staatliche Regelung bestehen. Es
ıß deshalb hier ein ganz bestimmter Unterschied vorliegen, und er
heint uns nicht schwer zu finden. Kommunismus ist nichts anderes
3 Gütergemeinschaft; eine Gesellschaft, in der völlige Gütergemeinhaft
 herrscht, ist eine kommunistische. Die Gütergemeinschaft kann
‚er eine vollständige oder eine unvollständige sein. Sie kann sich
ı£ bestimmte Güterkategorien beschränken. Kin sozialistischer Staat
ımn Kommunismus an den Produktionsgütern durchführen, wie das
lerdings erstrebt wird. Es kann andererseits bekanntlich komunistischer
 Gemeindebesitz bestehen, während daneben beschränktes
‚aatseigentum und ausgedehntes Privateigentum die Grundlage in
Tr Kigentumsverteilung bildet und daher von einem sozialistischen
ante gar nicht die Rede ist. Der neuere sogenannte wissenschaft-;he
 Sozialismus erstrebt nur Verstaatlichung der Produktionsmittel,
cht_ aber der Konsumtionsmittel. Wenn aber auch die letzteren
ır Kollektivierung gezogen werden, so bildet sich allerdings ein
Ulständiger Kommunismus aus, der also das äußerste Extrem des
‚zialismus nach dieser einen Richtung ausmacht. |
Es scheint uns aber nicht die Behandlung des Eigentums allein a en
s Maßstab für die Anwendbarkeit des Begriffes Sozlalismus ange- "schaftlichen
hen werden zu können. Ganz allgemein tritt in der sozialistischen Betriebes.
ichtung das Streben hervor, den privatwirtschaftlichen Betrieb
ırch den staatlichen oder gesellschaftlichen zu ersetzen, um die
gie Konkurrenz einzuschränken oder zu beseitigen. Die Art der

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