Siedlungs-, Wirtschafts- und sonstige Gemeinschaft. 9 Geschäftsberührungen; Staat und Gemeinde fordern Steuern und Dienste aller Art nach komplizierten Maßstäben: es bildet sich das unendlich verzweigte System wirt— schaftlicher Gemeinschaft, das wir schon oben (S. 2—24) kurz zu schildern suchten, das in seinem Schoße aber ebenso sehr die Gegenfätze steigert, die Individualitäten ent— wickelt, die einzelnen durch die Lust an der Herrschaft, am Besitz und am Mehr⸗ haben in Gegenjfatz bringt, wie es immer wieder über die Gegensätze hinweg durch größere gemeinsame Organisationen und Schaffung stärkerer Gemeingefühle die Elemente zusammenfaßt. Sind die Blutsbande, die Kriegs- und Friedensgemeinschaft und die wirtschaft⸗ lichen Beziehungen die elementarsten und wichtigsten Veranlaffungen zu gesellschaftlicher Organisation, so entstehen mit der höheren Kultur daneben eine Reihe weiterer Zwecke, wie Gottesdienst, Erziehung, Kunst, Gesundheitspflege und Ahnliches, welche sociale Beziehungen und Gemeinschaften und damit neue Vorstellungsreihen, Gefühle und Ziele des Handelns erzeugen. Es bilden sich jene höheren Funktionen und Formen des gesellschaftlichen Lebens, wie Sitte, Recht, Moral, Religion, deren Ent— wickelung zuerst als Mittel für die älteren nächstliegenden Zwecke, dann aber als Selbst⸗ zweck und beherrschender Regulator alles Handelns erscheint. Ihr eigenartiges Dasein schafft wieder neue gesellschastliche Beziehungen und Gemeinschaften, auf die wir weiterhin zu kommen haben werden. Hier waren sie nur zu erwähnen, um eine Vorstellung davon zu erwecken, wie die gesellschaftlichen Zusammenhänge sich anknüpfen an eine Reihe gemeinsam erstrebter Zwecke und Ziele. Jeder dieser Zwecke erzeugt eigenartige Zusammenhänge, Gemein— schaften, Vorstellungen und Gefühle; jeder muß aber dulden, daß die anderen neben ihm verfolgt werden. So entsteht ein System, eine Hierarchie von socialen Zwecken und Zielen, wobei die einen sich keils als Mittel für die anderen, teils als Hindernis herausstellen; es muß also eine Neben- und Unterordnung der Zwecke, eine Ineinander— fügung und Anpassung, ein geordneter Zusammenhang in den Gefühlen, Vorstellungen und Institutionen sich herstellen. Hier liegt gleichsam das Geheimnis der socialen Organisation, hier liegt der Punkt, von dem aus es zu verstehen ist, daß Familien⸗, Rechts-, Staats? und Wirtschaftsverfassung sich stets gegenseitig bedingen, nie getrennt verstanden werden können. Mit all' diesen Thatsachen und ihrem Zusammenhang ist aber noch keineswegs erklärt, wodurch die Menscheu in Stand gesetzt sind, für alle möglichen Zwecke Ver⸗ bindungen anzuknüpfen. Man hat darauf hingewiesen, daß auch die höheren Tiere herdenweise zu Verteidigungs- und Arbeitsgemeinschaften zusammentreten. Man hat gesagt, der Mensch sei ein kräftigeres und klügeres Raubtier, aber auch ein mit viel stärkeren Gemütsimpulsen und Gemeinschaftsgefühlen ausgestattetes Herdentier als die anderen Lebewesen; darauf beruhe seine Herrschaft über die ganze Natur und die Ausbildung seiner socialen Fähigkeiten. So viel scheint jedenfalls klar, daß die feinere Organisation unseres Körpers, unserer Nerven, unseres seelischen Apparates eine leichtere Verständigung der Menschen als der Tiere untereinander herbeiführt. Die höhere Stellung des Menschen beruht darauf, daß er bessere, reichere Verständigungsmittel für sociales Zusammenwirken und damit staͤrkere Gemeingefühle, ein helleres Bewußtsein über Zwecke höherer und fern⸗ liegender Art, ihre Folgen, ihre gemeinsame Verfolgung sich erwarb. Eine starke Aus⸗ bildung der Mii- und Gleichgefühle stand an der Geburtsstätte alles gesellschaftlichen Daseins. Kein anderes Wesen steht so unter der ansteckenden Herrschaft der Umgebung von Seinesgleichen, kein anderes kann sich schon durch Gesten so verständigen, Gefühle und Vorstellungen austauschen. Wie der Mensch gähnt und lacht und tanzt, wenn ex gähnen, lachen und tanzen sieht, wie die rauschende Militärmusik in Hunderten von Gassenjungen uͤnwillkürlich Reflexbewegungen und Muskelgefühle erzeugt, die sie fort— reißt, im Takte mit zu marschieren, so wirkt alles Menschliche ansteckend. Wie der junge Vogel singen lernt durch Nachahmung der alten, so und in noch viel höherem Grade ahmt der Mensch nach; alle Erziehung der Kinder besteht in unzähligen Anläufen und Aufforderungen zur Nachahmung. Und so lange der Mensch frisch und bildungsfähig