4 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. des Schrifttums. Es entsteht der moderne Bücherdruck und die Presse, eine staatliche Ordnung der Beaufsichtigung und Kontrolle derfelben, die Censur, die sogenannte Preß— freiheit und alles, was damit zusammenhängt. Die gazeta ist das Lesegeld, für welches man im 16. Jahrhundert die geschriebenen Rachrichten über Kriegsereignisse in Venedig einsehen konnte. In Frankfurt kamen Relationes semestrales halbjährlich deutsch und lateinisch heraus, denen 1618 die erste wöchentlich gedruckte Zeitung solgte. In England verwandelte Nathaniel Butter seine handschriftlich versandten News-Loettres 1622 in gedruckte. Das erste Tageblatt Eng— ands datiert aber erst von 1709. In Deutschland war der Hamburger Korrespondent m 18. Jahrhundert eigentlich die einzige Zeitung, welche die Weltbegebenheiten mit— teilte. Das ganze heutige Zeitungswesen entwickelte sich stoßweise seit den politischen Entscheidungsjahren 1789, 1880, 1848. Die großen deutschen politischen Zeitungen hatten es bis vor kurzem über tägliche Auflagen von 10—270 000 Exemplaren nur ausnahms⸗ weise gebracht, die englischen haben solche bis zu 80 und 200 000, die amerikanischen bis zu 8 und 400000. Die Gartenlaube setzte 1868 übrigens auch schon 250 000 Exemplare ab. Die deutsche amtliche Zeitungsliste umfaßte Juli 1809 183658 Zeitungen und Zeit— schriften, 8688 in deutscher Sprache. Wenn wir bedenken, daß jedes einzelne Zeitungsblatt n viele, einzelne in Hunderte von Händen kommen, so können wir ung eine Vorstellung davon machen, wie dieselben Nachrichten, Gefühle, Stimmungen heute täglich an Millionen von Menschen herantreten und einen geistig verbindenden Strom herstellen, der früher fast gänzlich fehlte, außer für die in den großen Städten täglich auf dem Markte, dem Theater, in den Bädern, in den öffentlichen Versammlungen sich Sehenden. Telegraphen, Posten, Eisenbahnen, Briefe, Bücher und Zeitungen vermitteln heute einen Lerkehr, der den mündlichen so überragt, wie die Zahlungen im Wechsel- und Bank— derkehr den Kleinverkehr mit Scheidemünze. 8. Die Folgen der heutigen geistigen Verständigungsmittel, die Affentlichkert. Unser gesellschaftliches und politisches Leben, wi⸗ unser Marktverkehr, die Preisbildung, die Kursnotierungen, der Welthaudel ruhen auf diesem organisierten Nachrichtenwesen. Die Epochen der Ausbildung der Sprache, Schrift, Schule und Presse sind zugleich die Epochen des politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes. Es ist ein sangsam in Jahrtausenden gebildeter großer psychophysischer Apparat, der in unseren heutigen Gesellschaften gleichsam die Stelle der Nerben vertritt; alle geistige sociale bg hangt von der Summe, Art und Organisation der in diesen Dienst gestellten räfte ab. Die öffentliche Meinung ist die Reaktion der zunächst mehr passiv sich verhaltenden Teile der Gesellschaft auf die Wirkungsweise des aktiven Teiles. Bestimmte Nachrichten erwecken bestimmte Gefühle und Stimmungen. Regierung, Parteiführer, Journalisten, Kirchen⸗ und andere Lehrer, Geschäftshäuser und Boͤrsenlenile fuchen durch diesen psycho— physischen Apparat heute auf das Publikum zu wirken, wie es früher nur Redner sonnten. Reklame und Marktschreieret greifen ein, wie wahre Nachrichten und wirkliche Aberzeugungen. Die öffentliche Meinung ist wie eine große Aolsharfe von Millionen don Saiten, auf die die Winde von allen Richtungen heranstürmen. Der Klang kann nicht immer ein einfacher und harmonischer sein; die verschiedensten Strömungen und Melodien klingen durcheinander. Die öffentliche Meinung schlägt jäh um, fordert heute dies und morgen jenes. Sie verzerrt die Nachrichten und bildet Mythen; sie arbeitet jeute mit den Leidenschaften des Gemüts wie morgen wieder mit ruhiger Überlegung. Man hat gesagt, die Unabhängigkeit von ihr sei die erste Bedingung zu allem Großen und Vernuͤnftigen (Hegel). und doch ist sie andererseits die Traͤgerin der größten, begeistertsten Thaten und Leistungen der Bölker und vie Voraussetzung der dauernden Ausstoßung alles Ungesunden und Schlechten. Eine richtige Organisation der Offentlich— eit, welche die Hervorzerrung des rein Privaten zu persönlichem Angriff nicht duldet, aber ebenso wenig die Verheimlichung dessen, was alle oder größere Kreise wissen müssen, im nicht getäuscht und betrogen zu werden, wird mit Recht heute als eine der ersten Voraussetzungen eines normalen gesellschaftlichen Zustandes angesehen.