6 Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. zügen ähnliche körperliche und seelische Eigenschaften haben. Je niedriger die Kultur eines Stammes und Volkes, je weniger Klassen-⸗, Bildungs- und andere Gegensätze in ihm sind, je gleichere Lebensbedingungen alle beherrschen, desto homogener, unterschieds— loser pflegen die Glieder einer Gemeinschaft in ihren Gefühlen, Interessen, Vorstellungen und Sitten zu sein. Und wenn mit höherer Kultur, mit Klassen- und Bildungsgegen— sätzen, mit Rassenunterschieden im selben Staate die persönliche Verschiedenheit wächst, jo bleiben doch gewisse wesentlich bestimmende Einflüsse für alle oder die meisten Menschen einer sochAn Gemeinschaft dieselben, und es wächst mit Sprache, Schrift und Litteratur, mit dem ganzen geistigen Leben der einheitliche Strom der psychischen Beeinflussung, der immer wieder, was social so wichtig ist, die zunehmende psychologische Rafsen- und die wirtschaftliche Vermögensverschiedenheit zu überwinden sucht. Und gerade damit entstehen die für alles gesellschaftliche Leben so wichtigen einheitlichen Stimmungs- und Bewußtseinskreise, welche wir als geistige Kollektivkräfte bezeichnen. Sie reichen so weit wie die Einheit der Ursachen und der geistigen Strömungen und Kontakte. Es müssen sich in der einfachsten und kleinsten, wie in der größten und kompli— ziertesten Gesellschaft, je nach der Übereinstimmung der körperlichen und geistigen Eigen— schaften, je nach Berührung und Verbindung und je nach der Stärke des psychophysischen Apparates, der das geistige Leben vermittelt, kleinere und größere Kreise bilden, welche durch ähnliche oder gleiche Gefühle, Interessen, Vorstellungen und Willensimpulse ver— zinigt sind, trotz aller Verschiedenheit im einzelnen. Die Kreise liegen teils in konzentrischen Ringen übereinander, teils in excentrischen, sich schneidenden und berührenden neben— zinander. Sie sind in steter Bewegung und Umbildung begriffen, stellen Kollektiv— kräfte dar, welche das sociale, wirtschaftliche, politische, litterarische, religiöse Leben be— herrschen. Nicht einen objektiven, unabhängig von den einzelnen und über ihnen valtenden, sie inystisch beherrschenden Volksgeist giebt es, wie die historische Rechtsschule sehrte; ebenso wenig einen allgemeinen Willen, der in allem übereinstimmte, wie Roufseau träumte. Aber es giebt in jedem Volke eine Reihe zusammengehöriger, einander bedingender und nach einer gewissen Einheit drängender Bewußtseinskreise, die man als Volkẽgeist bezeichnen kann. Auch mit dem Namen des objektiven Geistes können wir die Gesamtheit dieser geistigen Massenzusammenhänge, die von den kleinsten Kreisen der Familie und der Freundschaft hinaufreicht bis zur Menschheit, bildlich und im Gegensatz zur Psyche der einzelnen benennen. Man muß ihn nur richtig verstehen, ich erinnern, daß er nicht außerhalb der Individuen, sondern in ihnen lebt, daß jedes Individuum mit einem größeren oder kleineren Teil seines Selbst Bestandteil mehrerer oder vieler solcher Kreise, solcher Teile des objektiven Geistes ist. Sie äußern sich nun als Gefühls-, Vorstellungs- und Willensübereinstintmung und werden dadurch zu Kräften eigentümlicher Art. Ihre Wirksamkeit ist deshalb eine so große, weil das Gefühl oder das Bewußtsein der Gemeinsamkeit jeden geistigen Vorgang merkwürdig verstärkt und befestigt. Jedes Gefühl wird lebendiger durch das Bewußtsein der Teilnahme anderer; jede Vorstellung im isolierten Individuum fühlt sich schwach und kümmerlich; jeder Mut des Willens wächst durch den Erwerb von »einem oder wenigen Genossen. Je roher, je weniger kulturell entwickelt ein Mensch noch st, desto weniger kann er ertragen, allein mit einer Idee oder einem Plan zu stehen. Was zehn glauben, nehmen leicht weitere hundert an. Was Hunderte glauben, wird leicht ohne Prüfung das Losungswort für Tausende und Millionen. Die rechte Aulorität und die rechte Empfänglichkeit vorausgesetzt, ballen sich die geistigen Kollektiv— kräfte lawinenartig zusammen. Die Übereinstimmung erzeugt Kräfte, welche die bloße Summierung unendlich übertreffen. Die Mehrzahl der Menschen schließt sich, ohne im einzelnen prüfen zu können, den Bewußtseinskreisen an, die für sie durch Abstammung, Eltern, Freunde oder andere Autoritäten die gegebenen sind. Die Macht der Ideen hängt wohl auf die Dauer von ihrer Wahrheit und Brauchbarkeit, vorübergehend stets nur von der Zahl ihrer Bekenner ab. Man hat den Vorgang auch durch einen Vergleich aus dem individuellen Seelen— eben verdeutlicht. In der Seele jedes Menschen schlummern unzählige Vorstellungen,