Die Bildung und Wirkung einheitlicher Bewußtseinskreise. 17 nur die jeweilig stärksten erheben sich aus diesem psychischen Untergrunde und treten zeitweilig über die Schwelle des Bewußtseins. So, hat man gesagt, besitzt auch jede menschliche Gemeinschaft eine Bewußtseinsschwelle. Nur einzelnes, das Bedeutendere erhebt sich über diese gemeinsame Schwelle und verbindet nun die betreffenden Individuen. Mancherlei, was in den einzelnen vorgeht, strebt nach Erhebung über die gemeinsame Schwelle. Aber nur das Erhebliche vermag, in dem Wettkampf der um die Schwelle sich drängenden Vorstellungen, meist nach langem Ringen und Streben, emporzukommen, nur das Bedeutsame und Große kann sich dauernd da erhalten. Aus dem Kampfe und der Reibung der Geister gehen so die Bewußtseinskreise und geistigen Kollektivkräfte stets neu hervor. Es kann keinen solchen Kreis geben ohne Autoritäten, ohne einen mehr aktiven, führenden und bestimmenden Teil und einen mehr passiv aufnehmenden, folgenden und geleiteten. Nirgends ist die demokratische Fiktion von der Gleichheit aller unwahrer als in diesem freiesten Spiel geistiger Accommodation. Wenn nichts anderes, bestimmt in stabilen Verhältnissen das Alter die geistige Autorität: die über 40—50 Jahre alten Männer mit ihren nicht mehr schwankenden befestigten Uberzeugungen beherrschen die Frauen und die jüngeren Männer. So haben schon hiedurch in der Regel die geistigen Kollektivrräfte ein gewisses befestigtes, nicht allzu schwankendes Dasein. Aber stets sind sie auch durch den Wechsel der Generationen, durch das Empordringen jüngerer Kräfte und neuer Ideen, einer Umbildung und Regeneration unterworsen. Aus der Wechfelwirkung zwischen den Alten und den Jungen, zwischen absterbenden und neu sich bildenden Bewußtseinskreisen, zwischen führenden Geistern und geführten Massen beruht alles geschichtliche Leben, alle Änderung der Sitten, sowie der rechtlichen und volkswirtschastlichen Justitutionen. Nur wenn man sich über dieses nie ruhende Spiel der geistigen Massenbewegungen klar ist, begreift man, wie die großen Ideen langfam emporkommen, dann aber für Jahre, oft für Jahrhunderte und Jahrtausende die Herrschaft behaupten, wie- die scheinbar vielköpfigen Mengen von Tausenden und Millionen Menschen nicht das Schauspiel eines krausen Chaos' und Wirrwarrs aufführen, sondern als Glieder großer geistiger Einheiten zu Tausenden geschart, in einheitlichen, klar zu überblickenden Richtungen sich bewegen. In jedem socialen Körper wird man die vorhandenen Elemente, zu solchen Kollektivkräften geschart, nicht unschwer erkennen können. Sie erscheinen als Mitlel— ursachen zwischen den Individuen und den großen Einrichtungen der Gesellschaft, wie Staat, Kirche und Volkswirtschaft. Nur ein Teil dieser Kräfte krystallisiert sich in festen Institutionen, ein anderer behauptet ein gleichsam formloses Dasein, dokumentiert sich aber doch in Erscheinungen, wie die sociale Klassenbildung, die geselligen Kreise,' die politischen und anderen Parteien, die Schulrichtungen in Kunst und Wissenschaft, die Beziehungen des Marktes der Kundschaft, der Klientel. Ein jeder einheitliche Be— wußtseinskreis wird fich in übereinstimmenden Werturteilen äußern, die leicht zu fest— stehenden Wertmaßstäben sich verdichten und so läugere Zeit das Urteil auf dem Markte, in der Politik, in der Gesellschaft beherrschen. Dieser Art ist vor allein neben dem wirtschaftlichen das sociale Werlurteil bestimmter Kreise, das sich in der Ehre ausdrückt. Die Ehre ist objektiv das sociale Geschätztwerden durch größere oder kleinere gesellschaft- liche Kreise; fie äußert sich subjektiv in dem Bedürfnis des einzelnen, geschätzt sein zu wollen; die Ehre wird so zu einer der stärksten mafsenpsychologischen Kräfte. Natürlich unterscheiden sich diejenigen geistigen Kollektivkraͤfte, die nur einen losen, unorganisierten Massenzusammenhang darstellen, von denen, welche aus sich heraus eine organifierte Spitze, eine korporatide Verfafsung erzeugt haben und durch diese Ein— richtungen nun Stärkung und Nahrung erhalten. Aber andererseits darf man auch nicht übersehen, daß die freiesten und lofesten gesellschaftlichen Massenerscheinungen und die festesten Einrichtungen des Rechtes und des Staates zu ihrer letzten Voraussetzung dieselben geistigen Massenprozesse haben. Die freieste Sekte und die katholische Kirche, die freieste Republik und der ceutralisterleste Despotismus, die Volkswirtschaft mit freiestem Tauschverkehr und die mit socialistischer Leitung und Verteilung, — sie setzen alle gleichmäßig geistige Kollektivkräfte, einheitliche Bewußtseinskreise, führende Autoritäten, Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.—26. Aufl.