Das Wesen der Triebe. 27 regt den körperlichen Mechanismus wie unser Seelenleben an, mit einer Art mechanischer Aoͤfolge in bestimmter Weise zu handeln. Wir sprechen wenigstens mit Vorliebe da bon einem Trieb, wo wir glauben, das Handeln auf ein „Getriebensein“ zurückführen zu können, wo wir große Menschengruppen oder alle Menschen in ähnlicher Weise glauben, durch bestimmte seelische Grundkräste in ihren Willensaktionen beherrscht zu sehen. Wir bezeichnen die Handlungen als Triebhandlungen, welche uns unter der unmittelbaren Wirkung einer solchen Grundkraft zu stande zu kommen scheinen. Die Vorstellung, daß es möglich sei, eine bestimmte Anzahl sich immer gleich hleibender Triebe bei allen Menschen aller Zeiten nachzuweisen, müssen wir dabei freilich fallen lassen. Das Triebleben ist, wie wir schon bemerkt, ein Ergebnis der historischen Entwickelung unserer Nerven und unserer ganzen geistig-fittlichen Natur. Alle starken Gefühle geben Impulse zum Handeln; je niedriger die menschliche Kultur, desto unwill— ürlicher folgt dieses Handeln, desto näher steht es unbewußien Reflexbewegungen, desto nehr handelt es sich um ein wirkliches „Gelriebensein“. Je mehr die Reflexion und —D— zwischen den Gefühlsimpuls und das Handeln Vorstellungen über die Folgen, Überlegungen fittlicher Art, desto mehr geht das impulsive Handeln in ein überlegtes, durchdachtes, durch die Erziehung nodifiziertes über. Die Triebe verschwinden damit nicht, aber die reinen und bloßen Triebhandlungen. Unsere Handlungen werden etwas anderes, Komplizierteres, den sitt⸗ lchen Lebensplänen Angepaßtes; die Triebe selbst ändern sich in ihren Wirkungen. Der Erwerbstrieb des rohen Indianers, des Bauern, des Gelehrten, des Börsenspekulanten sind qualitativ und quantitativ ebenso verschieden wie der Geschlechtstrieb einer Südfee— infulanerin und einer gut erzogenen englischen Lady. Der Trieb ist der organische, von unserm Gefühlsleben und bestimmten Vor⸗ stellungen ausgehende Reiz zum Handeln. Er ist der natürliche Untergrund dessen, was durch Zucht und Gewöhnung, durch Ubung und Zähmung zur civilisserten Gewohnheit wird. Alle menschliche Erziehung will die Triebe ethisieren und in gewissem Sinne zu Tugenden erheben; aber die Triebe der heutigen Generation sind immer schon das Er— Jebnis einer sittlichen Erziehungsarbeit von Jahrtausenden. Die neuere Pfychologie, wesentlich auf andere Fragen gerichtet, hat in der Trieb⸗ lehre noch keine großen Forlschritte gemacht; man ist noch zu keiner einheitlichen Klassifi— kalion der Phänomene und zu keinen jesten Begriffen gelangt. Nichtsdeftoweniger drängt sich das Bedürfnis, eine Reihe von Trieben zu unterscheiden, immer wieder auf. Und venn die Versuche, ganze Wissenschaften aus einem oder ein paar Trieben zu er— klären — ich erinnere an den geselligen Trieb des Aristoteles und Hugo Grotius, an die Trieblehre der Socialisten, an den Erwerbstrieb der Nationalbkonomen, an die Heirats- und Verbrechenstriebe der Statistiker —, noch unvollkommener sind als die Trieblehren der Psychologen, so wird eine sociologische Betrachtung, welche nicht um ystemalischer Einheit willen alles aus einer Ursache ableiten will, doch immer am besten thun, in Anlehnung an die heutige Psychologie die wesentlichsten der gewöhn⸗ lichen Triebe einfach nebeneinander zu stellen und auf, ihren Zusammenhang mit den Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu prüfen, ohne damit die Prätension zu er— heben, eine neue Trieblehre zu geben oder gar auf sie ein ganzes System zu bauen. Wir kommen dabei freilich auf eine Wiederholung dessen, was wir über die Ge⸗ fühle gesagt; wir müssen uns andererseits mit wenigen aphoristischen Bemerkungen über den Selbsterhaltungs⸗ Geschlechts-, Thätigkeits⸗, Anerkennungs- und Rivalitätstrieb beschränken; aber diese, sowie die Hinweisung auf ihre historische Entwickelungsfähigkeit werben immer nicht wertlos sein und uns für die Erörterung des Erwerbstriebes vor— dereiten. 74. Der Selbsterhaltungs- und der Geschlechtstrieb werden in allen Trieblehren vorangestellt; sie entsprechen den stärksten Lustgefühlen, wie wir bereits erwähni. Sie können auch, viel eher als der Egoismus oder der Erwerbstrieb, als der psychologische Ausgangspunkt des Wirtschaftslebens ja der ganzen gesellschaftlichen Orgaͤntsation angesehen werden: Durch Hunger und durch Liebe, sagt ein bekanntes