30 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 16. Der Anerkennungs- und der Rivalitätstrieb. Gehen wir nach diesen elementaren Trieben, die in ihrer Wurzel alle an bestimmte physische Lustgefühle anknüpfen, zu dem über, was man sonst noch als Trieb zu bezeichnen pflegt, so wird die Unterfuchung sehr viel schwieriger. In gewissem Sinne entspricht auch allen höheren ausgebildeten Gefühlen ein Triebleben: der Mensch hat ästhetische, intellektuelle, moralische, gesellige Triebe. Aber es handelt sich hier um viel kompliziertere Vorgänge, um Nerven— reize, die keineswegs mit gleicher Dringlichkeit den Menschen zu bestimmten Richtungen des Handelns antreiben. Es handelt sich da um ein Handeln, auf das sittliche und andere Vorstellungen und Erfahrungen soviel stärker einwirken als der an sich vor— handene Nervenreiz, so daß wir hier mit der Annahme eines Triebes viel weniger erklärt haben. Ja an einzelnen Stellen erscheint uns die Annahme eines Triebes nur als Mäntelchen, unsere Unwissenheit zu verdecken. So müssen wir uns entschieden gegen die Annahme eines allgemeinen socialen Triebes erklären, obgleich wir zugeben, daß es auch auf gesellschaftlichem und geselligem Boden Triebreize giebt. Aber diese Triebreize lösen sich uns auf in eine Reihe von Gefühlen, die wir wieder unterscheiden können als Gefühle der Blutsverwandtschaft, der Sprach-, der Kulturgemeinschaft, als Freude an der Geselligkeit und was sonst noch dazu gehört. Und deshalb möchten wir das so klar zu Unterscheidende nicht mit einem Sammelnamen bezeichnen, der uns die Unter— ichiede zudeckt. Dagegen scheint es uns viel eher berechtigt, von einem allgemeinen Triebe der Menschen nach Anerkennung im Kreise von ihresgleichen zu sprechen. Wir haben schon oben (S. 9, 15—16) darauf hingewiesen, wie sehr das geistige Leben überall nach Zusammenschluß hindrängt. Ad. Smith leitet aus der stets und überall wirksamen Sympathie der Menschen miteinander alle sittlichen Urteile und alle gesellschaftlichen Einrichtungen ab. Kein Mensch kann ohne die Billigung eines gewissen Kreises leben; und je niedriger er steht, desto mehr ist er in jedem Schritt, den er thut, von dem Urteil seiner Um— gebung abhängig. Der Mensch ißt und trinkt, er kleidet sich und richtet seine Wohnung so ein, wie es seine Freunde, seine Standesgenossen für passend halten. Jeder fürchtet sich in erster Linie vor dem, was man von ihm sagen werde; er fürchtet die Sticheleien, er fürchtet, sich lächerlich zu machen. Viele geben Feste über ihre Mittel, weil sie fürchten, sonst getadelt zu werden. Die arme Witwe ruiniert sich und ihre Kinder, um dem Mann ein anständiges Begräbnis zu verschaffen. d. b. ein solches, wie sie alaubt, daß es die Nachbarn erwarten. Wir beherrschen unfere Leidenschaften, weil wir fürchten, sonst ungünstig beurteilt zu werden; die Mäßigung, die Selbstbeherrschung entspringt so zuerst wesentlich aus Rücksicht auf andere. Mag der einzelne Mensch im Herzen sich noch so sehr allen anderen vorziehen, er darf es, sagt Ad. Smith in der Theorie der sittlichen Gefühle, doch nie eingestehen, ohne sich verächtlich zu machen, er muß die Anmaßungen des Egoismus zu dem herabstimmen, was andere nachempfinden können. Es giebt keine Lage des Lebens, in welcher der Mensch ganz auf Anerkennung der Menschen verzichten könnte, die er selbst achtet und hoch hält. Der Kreis derer, auf die man dabei achtet, deren Anerkennung, Billigung oder diebe man wünscht, kann je nach der Kultur, der Gesellschaft, der Lebenslage, der Handlung, die in Frage steht, ein sehr verschiedener sein. Aber diese Anerkennung oder Billigung ist für die Mehrzahl der Menschen eine Hauptquelle ihres Glückes, ihrer Zufriedenheit. Selbst der Auswurf der Menschheit kann nicht ohne solche Billigung leben. Es ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen der größeren Moralität in kleineren Orten, wo jeder jeden kennt, daß hier Nachbarn, Freunde, Verwandte von jedem die gewöhnlichen Tugenden des ehrbaren Mannes, des guten Familienvaters, des sparsamen Hauswirts fordern. In der großen Stadt, vollends in der Welistadt, entzieht sich das Privatleben der allgemeinen Kenntnis. Der schneidige Offizier, der pünktliche Beamte, der gewandte Commis wird von den Personen, die sein Schicksal bestimmen, nur nach Bruchstücken seines Wesens gekannt und beurteilt. Vollends der