Der Erwerbstrieb. Dogmengeschichte. Entstehung. 33 Die Tragweite dieser Sätze ist teilweise von Rau selbst schon etwas eingeschränkt worden; andere haben sie in anderer Art zu modifizieren gesucht. Man hat die Selbst⸗ sucht in die Selbstliebe oder in das sogenannte geläuterte Selbstinteresse umgedeutet, das bei edlen Menschen alle höheren Lebensziele mitumfasse. Man hat den Gemeinsinn, das Recht und die Billigkeit oder den sogenannten Altruismus (die Liebe zu anderen im GBegensatz zum Egoismus) als gleichwertige Triebe neben den Erwerbstrieb gestellt, um alle wirtschaftlichen Handlungen zu erklaͤren (Hermann, Roscher, Knies, Sax). Man hat aus dem Erwerbstriebe einen allgemeinen wirtschaftlichen Sinn gemacht, der Kraft⸗ ufwand und Erfolg stets vergleiche (Dietzel). Oder man hat zugegeben, daß die socialen Erscheinungen von dem Ganzen der Eigenschaften der menschlichen Natur beeinflußt werden, aber daneben das Verlangen nach Reichtum als ausschließliche Ursache der Volkswirtschaft dadurch zu retten gesucht, daß man die Wissenschaft für eine hypothetische rklart hat (J. St. Mill), die nur die Folgen dieses Verlangens zu untersuchen habe und deren Ecgebnisse von der Wirklichkeit sich ebenso weit entfernten, wie die hupothetische Ursache von der Gesamtheit der Ursachen entfernt sei. In all' diesen Abweichungen zeigt sich die Erschütterung und Unsicherheit der alten dehre, ohne daß eine neue, ebenso anerkannte an die Stelle getreten wäre. Nach wie vor wird hier das sogenannte privatwirtschaftliche System auf den Erwerbstrieb zurückgeführt, dort die ganze Preisuntersuchung an die Voraussetzung des Eigennutzes zeknüpft. Wir müssen auch zugeben, daß unser heutiges und wohl alles Erwerbsleben mit dem Eigennutz in einer innigeren Verbindung steht, als etwa unser Staatse und Kirchenleben. Es wird sich also, um das Wahre zu finden, darum handeln, einsach noch einen Schritt weiter zurüczugehen, als dies Hermann, Roscher und Knies gethan, sich nicht mit zwei Abstraktionen, Erwerbstrieb und Gemeinsinn, zu begnügen, sondern, wie wir dies bereits begonnen, psychologisch und historisch zu untersuchen, was die Triebfedern des wirtschaftlichen Handelns überhaupt seien, wie der sogenaunnte Erwerbstrieb neben anderen Trieben sich ausnehme, wie die bloßen wirtschaftlichen Triebe sich verhalten zu den Eigenschaften, die wir als wirtschaftliche Tugenden bezeichnen, wie neben dem Erwerbs⸗ rieb die Arbeitsamkeit, die Sparsamkeit, der Unternehmungsgeist entstehe. 18. Entstehung, Entartung, Verbreitung des Erwerbstriebes. Wir beginnen mit der Frage, hat der Mensch von Haus aus einen egoistischen Erwerbs— rrieb in dem Sinne, daß er größere Vorräte sachlicher Güter für sich anzuhäufen, zu ammeln strebt; ist ein Trieb dieser Art die primäre Verursachung alles wirtschaftlichen Handelns, d. h. des Handelns, das die Unterwerfung der materiellen Außenwelt unter die Zwecke des Menschen erstrebt, die wirtschaitliche Bedürfnisbefriedigung im Auge hat? Darauf ist zu antworten, daß die elementaren sinnlichen Lust- und Schmerz⸗ Jefühle und das an sie sich knüpfende Triebleben, daß ferner die Freude am Glanz und Schmuck, an Waffen und Werkzeugen, am Erfolg der eigenen gelungenen Thätigkeit un— weifelhaft die ersten und dauerhaftesten Veranlassungen wirtschaftlichen Handelns sind. Mischt sich auch in die früheste Bethätigung dieser Gefühle schon die Neigung, dieses und jenes ausschließlich dem eigenen Gebrauch vorzubehalten, wie wir es beim Kind und beim Wilden sehen, ein eigentlicher Erwerbstrieb ist weder beim Kind und Jüng— ing, noch bei all' den primitiven Slämmen vorhanden, die noch zu keinem größeren Herden- oder sonstigen Vermögen, zu keinem Handel gekommen sind. Die wirtschaftliche AÄnstrengung wird ursprünglich wesentlich durch den Hunger veranlaßt, träge Faulheit und derschwendender Genuß wechseln; der unbedeutende Besitz an Werkzeugen und Waffen vird'als Instrument der Selbsterhaltung geschätzt; aber nicht sowohl der Vorrat an ich, der Besitz an sich erfreut, zumal ein größerer kaum nutzbar zu machen wäre, sondern der Mann sreut sich seines Schmuckes, seiner Werkzeuge, seiner Waffen, weil sie ihm An— sehen und Gelegenheit zu gelungeneren Kraftproben und besserem Jagderfolg geben. Mit der Zunahme der Bedürfnisse und des Befitzes, mit der Ausbildung des Thätigkeits⸗ triebes, mit der wachsenden Geschicklichkeit fängt eine gewisse Gewöhnung an Anstrengung ind Arbeit an. Der Anerkennungs- und Rivalitätstrieb mischt sich ein; der Mann 586wmoöolfer. Grundrik der Volkswirtschaftslehre J. 4.-6. Aufl.