34 Begriff. Einleitung. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. will nicht als schlechter Kämpfer und Jäger verachtet sein. Die Frauen, die Greise, die Sklaven widmen sich wirtschaftlicher Thätigkeit für andere teils aus Sympathie für die Ihrigen, teils aus Furcht vor Mißhandlung, nicht aus Erwerbstrieb. Der natür— liche Trieb jedes rohen Menschen, die eigenen Interessen denen anderer vorzuziehen, zeigt sich auf dieser Kulturstufe, soweit er nicht durch gesellschaftliche Einrichtungen unlerdrückt ist, eher noch in dem Streben nach größeren und besseren Portionen der Rahrung und des Trankes, nach schöneren Schmuckgegenständen, nach dem Ehrenplatz bei Festen, als in dem nach einem angehäuften Gütervorrat. Erst mit dem Herdenbesitz, dem Besitz mehrerer Weiber und Sklaven, noch mehr später mit dem Handel und dem Edelmetallbesitz, mit dem Leihgeschäft entsteht eine ntensivere Richtung der menschlichen Selbstsucht auf Besitzanhäufung. Der Vornehme rühmt sich seiner Rinder und seiner Goldringe; ein gewaltiges Kämpfen und Ringen um die in den Truhen anzusammelnden Metallschätze beginnt; die Poesie der Germanen ist nach ihrer Berührung mit der südeuropäischen Kultur jahrhundertelang erfüllt von dem Schatze der Nibelungen. Mord und Gewalt, blutige That und verräterische List wird gepriesen und geehrt, wenn sie nur Schätze bringt. Erst sehr langsam geht der gewaltthätige Kampf, den der gesteigerte Besitz unter den einzelnen wie unter den Stämmen anfangs erzeugt, in das über, was dann innerhalb einer gefesteten Rechts— ordnung und unerbittlich strenger Religionssatzungen und Sittenregeln eine beruhigtere Zeit als erlaubtes Streben nach Geld und Gut anerkennt. So entsteht der Erwerbs— trieb bei den Kulturvölkern; er geht Hand in Hand mit der Ausbildung des Selbst⸗ zefühls und des Selbstbewußtseins, mit der Entstehung der modernen Individualität. die Selbsterhaltung und Selbstbehauptung, früher viel mehr auf anderes gerichtet, konzentriert sich jetzt bei vielen Menschen auf Erwerb, Gewinn, Vermögensbesitz. Das Emporsteigen über andere, die Thätigkeit für die Familie und die Zukunft, der Ehrgeiz und die Freude an der Macht, der Lebensgenuß und der Kunstsinn, — alle diese Ziele jordern nun Vermögenserwerb. Die Ausbildung des Erwerbstriebes ist eines der wichtigsten Mittel, welche die Menschen nach und nach der Barbarei, der Faulheit, dem Leben in den Tag hinein entziehen. Indem der Sinn sich mehr darauf richtet, statt augenblicklichen Suchens von Benüssen, statt Essens und Spielens, überhaupt wirtschaftliche Mittel zu sammeln, wird das Leben zerlegt in die zwei großen einander stetig ablösenden Teile: Arbeit und Genuß. Die erste Erziehung zum Fleiß mag durch den Stock erfolgen, die dauernde, intensive, innerlich umwandelnde erfolgt durch den Gewinn, welchen erst der Raub und die Gewalt, später aber der Fleiß und die Anstrengung bringt. Mit der Richtung des Willens guf erlaubten, rechtlichen Gewinn ist die Unterdrückung der augenblicklichen dust, die Uberwindung des Unbehagens der Arbeit gegeben; es ist der Anfang des sitt— lichen Lebens, den Moment unter die Herrschaft künftigen Gewinns, künftiger Lust zu stellen. Der Erwerbstrieb wird so zur Schule der Arbeit, der Anstrengung, er erhebt — D—— herrschens; er giebt durch seine Erfolge dem Individuum erst die wahre Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die Würde und die Freiheit, zeitweise Höherem zu leben. Alle Zulturvölker haben so einen Erwerbstrieb, der dem Wilden, dem Barbaren fehlt. Der Indianer, welchen ein Rechts- und Ehrgefühl, ein Mut im Ertragen, ein Selbstgefühl auszeichnet, das jeden Europäer beschämt, teilt mit jedem Hungrigen sein Mahl, und oerachtet nicht bloß den Besitz überhaupt, sondern noch mehr die europäische Unruhe and Sorge um den Besitz: jeder Europäer kommt ihm geizig und habsüchtig vor. Wie tönnt ihr, fragt er, so große feste Häuser bauen, da das Menschenleben doch so kurz ist? Die vollendete Ausbildung aber erhält der Erwerbstrieb erst da, wo die wirt— schaftliche Eigenproduktion zurücktritt hinter die für den Markt, wo die Mehrzahl der Menschen aus einem komplizierten Tauschmechanismus den größeren Teil ihres Einkommens empfangen, und wo die Beeinflussung dieser Einkommensverteilung durch den Stärkeren, slügeren, Fleißigeren diesem leicht größere Anteile bringt. Es ist zugleich die Zeit, in welcher viele der alten, kleinen socialen Gemeinschaften mit ihrer Gemütlichkeit, ihrer