Wirtschaftliche und sittliche Würdigung des Erwerbstriebes. 37 Machtgelüsten; derselbe Erwerbstrieb ist hier mit Verschwendung, dort mit Geiz, hier mit Euergie und Thatkraft, dort nur mit Schlauheit verbunden. Der Erwerbstrieb ist keine überall gleiche Raturkraft, er ist stets gebunden und gebändigt durch gewisse fittliche Einflüsse, Rechtssatzungen und Institutionen. Aber Ziese können zu einer gewissen Zeit, in einem bestimmten Volke, bei einer socialen Klasse im Durchschnitte so einheitliche sein, daß allerdings gesagt werden kann, auf dem Maurkte und im Geschäftsleben werden bestimmte Menscheugruppen regelmäßig durch ihn, durch den Trieb, mit möglichst wenig Opfern viel zu erwerben, bestimmt. Und darauf beruht die Möglichkeit, die Preisbildung, die Einkommensverteilung, die Zinsbildung und ähnliche volkswirtschaftliche Erscheinungen unserer Kulturstaaten auf den vorher bestimmt geschilderten oder den allgemein angenommenen Erwerbstrieb zurückzuführen. Man darf nur dabei nie übersehen, daß selbst unter den Kaufleuten derselben Stadt dieser Erwerbstrieb nicht stets derselbe ist; vollends hat der schamlose Wucherer oder der harte Faktor einer Hausindustrie nicht denselben Erwerbstrieb, wie der vornehme reelle uͤnternehmer, der jeden unrechten und unbilligen Gewinn verschmäht, seinen Kunden stets mil kleinen Diensten und Gefälligkeiten enigegen kommt, fich mit ihnen auf dem— selben sittlichsympathischen Boden weiß, seine Leute gut behandelt. Auch wenn heute das Feilschen, Kaufen und Verkaufen und ähnliche Handlungen auf den Erwerbstrieb zurückgeführt werden können, so ist damit nicht alles wirtschaft⸗ läche Handeln, so sind damit nicht alle volkswirtschaftlichen Erscheinungen erklärt. Ist twa die Haus- und Familienwirtschaft, find die Unternehmungsformen, die staatliche Finanz auf den Erwerbstrieb zurückzuführen? Noch weniger läßt sich behaupten, daß das Maß des zunehmenden Erwerbstriebes zugleich das Maß des steigenden Reichtums der Völker sei. Nur das ist richtig, daß die zunehmende Ausbildung der Tauschwirt⸗ schaft und Tauschgesellschaft die stärkere Ausbildung des Erwerbstriebes voraussetzte, und daß die Steigerung individueller wirtschaftlicher Energie und Thatkraft in den letzten Jahrhunderten ohne ihn nicht denkbar wäre. Darin liegt auch der Maßstab für seine sittliche Beurteilung. Der wachsende Erwerbstrieb hat eine fteigende Zahl von Menschen erzeugt, die vor allem Vermögen gewinnen wollen: die Leule mit kräftigem Willen, klugem Unternehmungsgeist, harter Energie, welche oft von Ehrgeiz und Eitelkeit, oft von starken animalischen Trieben deherrscht, häufig ohne höhere Interessen und ohne stärkere sympathische Gefühle sind, spielten eine erhebliche Rolle, wurden vor anderen reich. Gewiß sind das häufig keine anziehenden, edien Persönlichkeiten; ebensowenig ist zu wünschen, daß sie ausschließlich —V viel größer ist als ihr Erwerbstrieb, ihre Härte gegen ihre Konkurrenten, Kunden und Arbeiter, ragt es sich stets, ob sie der Wohlfahrt des Ganzen nicht mehr dienen, als wenn an ihrer Stelle edle Schwächlinge und unkluge, geschäftsunkundige Unternehmer stünden. überhaupt ist für alle Klassen die Ausbildung des Erwerbstriebes so lange ein Fort— schritt, als er die Thätigkeit im ganzen steigert, ohne zur Ungerechtigkeit, zur Herz⸗ losigkeit und Freude an der Mißhandlung der Schwachen zu führen, wie wir sie als daster des Geizzhalses, des Arbeiterschinders, des Wucherers kennen. Es gilt so vom Erwerbstrieb, was von allen selbstischen Neigungen gilt: sie haben ihr Recht un System des menschlichen Handelns, wenn sie einerseits die Individuen in ihrer Selbstbehauptung, in ihrer Gesundheit, ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit stärken und andererseils die Grenzen inne halten, die durch die Wohlfahrt des Ganzen gesteckt sind, wenn sie als Teilinhalte des menschlichen Willens sich den höheren Zwecken richtig eingliedern. Der bloße nackte Erwerbstrieb ist böse und ist auch wirtschaftlich zerstörend, sofern alles höhere wirtschaftliche Leben in Verbänden sich vollzieht, die nicht ohne sympathische Gefühle und sittliche Einrichtungen existieren können. Die Familienwirtschaft, die Unternehmung, das wirtschaftliche Vereins- und Korporationswesen, ja selbst der einfache Markt- und Tauschverkehr ruhen auf dem Gefühl eines gewissen Verbundenseins, eines wechselseitigen Vertrauens; sie sind ohne eine Summe moralischer Eigenschaften, wie Billigkeit und Gerechtigkeit, nicht möglich. Mindestens all' das, was man als wirt—